[Freiheitsliebe:] Zur Freiheit der Arbeit im Kapitalismus. CfP für den ersten Kongress der German Labour History Association (6.–8.2.2020)

[ENGLISH VERSION BELOW]

Zur Frei­heit der Arbeit im Kapi­ta­lis­mus. Ers­ter Kon­gress der Ger­man Labour Histo­ry Asso­cia­ti­on.

Haus der Geschich­te des Ruhr­ge­biets, Cle­mens­stra­ße 17–19, 44789 Bochum

Ter­min: 6. bis 8. Febru­ar 2020

Dead­line des CfP: 30. April 2019

Zwei Ten­den­zen kenn­zeich­nen die Arbeits­ge­schich­te der ver­gan­ge­nen zwei Jahr­zehn­te. Zum einen inter­es­sier­te sie sich für die Pro­duk­ti­on von Arbeit und Arbeits­sub­jek­ten im Kon­text von (Groß-)Betrieb, Nati­on und Sozi­al­staat im glo­ba­len Nor­den des „lan­gen“ 20. Jahr­hun­derts. Unter­sucht wur­den Pro­zes­se der Ver­wis­sen­schaft­li­chung und Natio­na­li­sie­rung, insti­tu­tio­nel­le und dis­kur­si­ve Aus- und Ein­schlüs­se, Modi der Füh­rung, die Eta­blie­rung von Sozi­al­ver­si­che­run­gen und Arbeits­märk­ten oder das Ver­hält­nis von Arbeit und Kon­sum. Oft­mals unter dem Label der Glo­bal Labour Histo­ry rück­te die jün­ge­re Arbeits­ge­schich­te zum ande­ren die Viel­falt von Arbeits­ver­hält­nis­sen im Kapi­ta­lis­mus ins Licht. Mit Nach­druck hat sie die Bedeu­tung und Bestän­dig­keit der Arbeits­tei­lung und im wei­tes­ten Sin­ne „unfrei­er“ Arbeit im welt­wei­ten Maß­stab auf­ge­zeigt: von der Skla­ve­rei über die Schuld­knecht­schaft bis zur häus­li­chen Arbeit durch Migrant/​innen mit unge­si­cher­tem Auf­ent­halts­sta­tus. Eben­so hat sie wider­stän­di­ge Prak­ti­ken und sozia­le Bewe­gun­gen in die­sen viel­fäl­ti­gen For­men von „frei­er“ und „unfrei­er“ Arbeit unter­sucht und dabei deren Ver­knüp­fun­gen wie auch Wider­sprü­che betrach­tet.

Gemein­sam ist bei­den For­schungs­strän­gen, dass sie Arbeit im Kapi­ta­lis­mus als hoch­kom­ple­xe, von viel­fäl­ti­gen Abhän­gig­kei­ten gepräg­te Form der Güter­pro­duk­ti­on und Dienst­leis­tung beschrei­ben. Wäh­rend die eine Sei­te zeigt, dass der Kapi­ta­lis­mus immer auch auf der Aus­beu­tung „unfrei­er“ Arbeit basier­te, macht die ande­re Sei­te deut­lich, wie vor­aus­set­zungs­reich und his­to­risch spe­zi­fisch das Sys­tem der „frei­en Lohn­ar­beit“ in den indus­tria­li­sier­ten Welt­re­gio­nen selbst war und ist. In bei­den Fäl­len stellt die Frei­heit einen Flucht­punkt dar: als Gegen­mo­dell, von dem das eige­ne Unter­su­chungs­ob­jekt abge­grenzt wird, im ers­ten Fall; als (nie erreich­tes) Ziel der unter­such­ten Insti­tu­tio­nen und Prak­ti­ken im zwei­ten. Expli­zit dis­ku­tiert wird die­se Funk­ti­on jedoch nur sel­ten.

Im Sin­ne einer Stand­ort­be­stim­mung soll auf dem ers­ten Kon­gress der Ger­man Labour Histo­ry Asso­cia­ti­on dem­entspre­chend die „freie Lohn­ar­beit“ und ihr Ver­hält­nis zum Kapi­ta­lis­mus aus drei Per­spek­ti­ven in den Blick genom­men wer­den:

Ers­tens soll his­to­rio­gra­phie­ge­schicht­lich nach der Funk­ti­on der Frei­heit in der Arbeits­ge­schichts­schrei­bung gefragt wer­den: Wel­che Begrif­fe von „frei­er“ Arbeit hat die His­to­rio­gra­fie hin­sicht­lich ver­schie­de­ner Welt­re­gio­nen, his­to­ri­scher Zeit­räu­me und Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­se ver­wen­det? Wel­che Ver­ständ­nis­se von „unfrei­en“ For­men der Arbeit hat die Geschichts­schrei­bung wie­der­um der „frei­en Lohn­ar­beit“ ent­ge­gen­ge­setzt und wie hat sie deren Ver­flech­tun­gen im glo­ba­len Kapi­ta­lis­mus bestimmt?

Zwei­tens sucht die Tagung, sich empi­risch mit der Geschich­te der Frei­heit der Arbeit aus­ein­an­der­zu­set­zen: Wel­che Rol­le spiel­te Frei­heit als Norm für die Arbei­ter­be­we­gung und ande­re sozia­le Bewe­gun­gen? Wie hat sich die Seman­tik der Frei­heit im Lau­fe der ver­gan­ge­nen bei­den Jahr­hun­der­te ver­än­dert? Wel­che Bedeu­tung hat­te die „freie Lohn­ar­beit“ in der Wis­sens­ge­schich­te der Arbeit und der Kate­go­ri­sie­rung von Arbeits­ver­hält­nis­sen? Inwie­fern haben neue­re arbeits­ge­schicht­li­che For­schun­gen unser Wis­sen über „freie“ For­men des Arbei­tens im glo­ba­len Maß­stab ver­än­dert und erwei­tert? Bei­trä­ge kön­nen bei­spiels­wei­se fol­gen­de Berei­che unter global‑, mikro‑, sozi­al- und/​oder kul­tur­his­to­ri­schen Ansät­zen beleuch­ten: die Geschich­te des Arbeits­ver­trags und des Kon­trakt­bruchs, die Ent­ste­hung und Aus­hand­lung von Arbeits­märk­ten, die Geschich­te der Repro­duk­ti­ons­ar­beit, der „frei­en Beru­fe“, der „frei­en Lohn­ar­beit“ als Argu­ment in Deu­tungs­kämp­fen um Arbeit oder auch des Ver­hält­nis­ses von Frei­heit der Arbeit und Ungleich­heit.

Mit Blick auf die Zukunft der Arbeits­ge­schichts­schrei­bung wol­len wir drit­tens die Vor- und Nach­tei­le einer expli­zi­te­ren Bezug­nah­me auf die Frei­heit der Arbeit bzw. deren ver­stärk­ter Theo­re­ti­sie­rung dis­ku­tie­ren. Gibt es blin­de Fle­cken der bis­he­ri­gen For­schung, die damit erkenn­bar wer­den? Wäre dies eine Mög­lich­keit, die ver­schie­de­nen Strän­ge der For­schung stär­ker mit­ein­an­der zu ver­bin­den? Dis­ku­tiert wer­den soll aber auch, wel­che ande­ren Kon­zep­te sich für die Wei­ter­ent­wick­lung der His­to­rio­gra­fie der Arbeit anbie­ten. Ist es sinn­voll, von einem unspe­zi­fi­schen Begriff von Arbeit aus­zu­ge­hen und die „freie Lohn­ar­beit“ schlicht als Vari­an­te davon zu ver­ste­hen? Wel­che Vor- und Nach­tei­le bie­ten alter­na­ti­ve Begrif­fe wie der „Lebens­un­ter­halt“?

Wir bit­ten um Bei­trags­vor­schlä­ge im Umfang von max. 500 Wör­tern sowie eine Kurz­bio­gra­phie (max. 200 Wör­ter) bis zum 30. April 2019 an Anna Strom­men­ger (anna.strommenger[at]uni-due.de) und Jan Kel­ler­s­hohn (jan.kellershohn[at]rub.de). Die Kon­fe­renz­bei­trä­ge kön­nen in deut­scher und eng­li­scher Spra­che gehal­ten wer­den. Eine Über­nah­me der Rei­se- und Über­nach­tungs­kos­ten wird ange­strebt.

Orga­ni­sa­ti­ons­grup­pe: Peter-Paul Bän­zi­ger (Uni­ver­si­tä­ten Basel und Kon­stanz), Andre­as Eckert (Hum­boldt Uni­ver­si­tät Ber­lin), Bernd Hütt­ner (Rosa-Luxem­burg-Stif­tung), Jan Kel­ler­s­hohn (Insti­tut für sozia­le Bewe­gun­gen, Ruhr-Uni­ver­si­tät Bochum), Ilse Lenz (Ruhr-Uni­ver­si­tät Bochum), Anna Strom­men­ger (Uni­ver­si­tät Duis­burg-Essen), Tho­mas Wels­kopp (Uni­ver­si­tät Bie­le­feld)

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On the Free­dom of Labour in Capi­ta­lism. First Con­gress of the Ger­man Labour Histo­ry Asso­cia­ti­on.

Bochum, House for the Histo­ry of the Ruhr, Cle­mens­stra­ße 17–19, 44789 Bochum, Ger­ma­ny

6–8 Febru­a­ry 2020

CfP dead­line: 30 April 2019

Labour Histo­ry in the last two deca­des has been cha­rac­te­ri­sed by two cur­r­ents: On the one hand, it was inte­res­ted in the con­struc­tion of work and working sub­jects in the con­text of (lar­ge-sca­le) busi­ness, the nati­on and the wel­fa­re-sta­te in the 20th Cen­tu­ry glo­bal north. The rese­arch focu­sed on pro­ces­ses of sci­en­ti­sa­ti­on and natio­nal framing, on insti­tu­tio­nal and dis­cur­si­ve inclu­si­on and exclu­si­on, on modes of lea­ders­hip, on the estab­lish­ment of social secu­ri­ty sys­tems and labour mar­kets or on the rela­ti­ons­hip bet­ween work and con­sump­ti­on. On the other hand, Glo­bal Labour Histo­ry has inspi­red scho­l­ars to ana­ly­se the varie­ty of work arran­ge­ments in capi­ta­lism. They have put empha­sis on the signi­fi­can­ce and per­sis­tence of the divi­si­on of labour and – in the lar­gest sen­se – “unfree” labour on a glo­bal sca­le: Covering from slavery over inden­tu­red labour to pre­sent-day house­hold labour of irre­gu­lar migrants. At the same time, they have exami­ned prac­ti­ces of resis­tance and social move­ments in the con­text of the­se various types of “free” and “unfree” labour, taking into con­si­de­ra­ti­on their ent­an­gle­ments as well as con­tra­dic­tions.

Both trends share an under­stan­ding of labour in capi­ta­lism as a high­ly com­plex form of pro­du­cing goods and pro­vi­ding ser­vices that is mar­ked by mul­ti­ple depen­den­ci­es. Whe­re­as the lat­ter has shown that capi­ta­lism has always been based on the explo­ita­ti­on of “unfree” labour, the for­mer has empha­sis­ed the pre­con­di­ti­ons and his­to­ri­cal spe­ci­fi­ci­ties of „free wage labour” sys­tems in indus­tria­li­sed world regi­ons in past and pre­sent. In both cases, free­dom con­sti­tu­tes a vanis­hing point: In the first case, it ser­ves as a coun­ter-model, deli­mi­ta­ting the object of rese­arch; in the second case it figu­res as a (never reached) goal of the obser­ved insti­tu­ti­ons and prac­ti­ces. Labour Histo­ry howe­ver has rare­ly dis­cus­sed this func­tion expli­ci­tly.

Against this back­ground, the first con­gress of the Ger­man Labour Histo­ry Asso­cia­ti­on intends to ana­ly­se “free wage labour” and its rela­ti­on to capi­ta­lism from the fol­lowing three per­spec­ti­ves:

First, it asks for the role the con­cept of free­dom plays in labour his­to­rio­gra­phy: What noti­ons of “free” work did his­to­rio­gra­phy use with respect to dif­fe­rent regi­ons, his­to­ri­cal peri­ods and arran­ge­ments of pro­duc­tion? What con­cepts of “unfree” forms of work did Labour Histo­ry oppo­se to “free wage labour”? How did his­to­rio­gra­phy ana­ly­se the inter­de­pen­dence of free­dom and unfree­dom in glo­bal capi­ta­lism?

Second, the con­fe­rence aims at dis­cus­sing the histo­ry of the free­dom of labour empi­ri­cal­ly: What role did it play as a norm for the workers’ move­ment and other social move­ments? How have seman­ti­cs of free­dom chan­ged during the last two cen­tu­ries? How did the histo­ry of know­ledge of labour and the cate­go­ri­sa­ti­on of labour rela­ti­ons refer to the con­cept of “free wage labour”? To what extent has recent labour his­to­rio­gra­phy alte­red and exten­ded our know­ledge of “free” forms of work on a glo­bal sca­le? Among others, con­tri­bu­ti­ons covering the fol­lowing are­as are wel­co­me: the histo­ry of labour con­tracts and con­tract brea­king, the emer­gence and nego­tia­ti­on of labour mar­kets, the histo­ry of repro­duc­ti­ve work, of “free pro­fes­si­ons”, of “free wage labour” as a frame in labour con­flicts or of the rela­ti­on bet­ween the free­dom of work and ine­qua­li­ty. They may fol­low per­spec­ti­ves of glo­bal, micro, social and/​or cul­tu­ral histo­ry

Third, with respect to the future of Labour Histo­ry we wel­co­me con­tri­bu­ti­ons focus­sing the advan­ta­ges and dis­ad­van­ta­ges of more firm­ly theo­ri­sing the free­dom of work. To what extent does it allow to unveil blind spots of pre­vious rese­arch? Does it enab­le us to bring tog­e­ther the dif­fe­rent sub­fiel­ds of Labour Histo­ry more clo­se­ly? We also encou­ra­ge reflec­tions on other con­cepts that may advan­ce labour his­to­rio­gra­phy. To what extent does it make sen­se to take an unspe­ci­fic noti­on of “work” as a star­ting point and to stu­dy “free wage labour” as one of its varie­ties? What advan­ta­ges or dis­ad­van­ta­ges do alter­na­ti­ve con­cepts such as “live­li­hood” offer?

Plea­se send your abs­tract (max. 500 words) and a short bio­gra­phy (max. 200 words) until the 30 April 2019 to Anna Strom­men­ger (anna.strommenger[at]uni-due.de) and Jan Kel­ler­s­hohn (jan.kellershohn[at]rub.de). Con­fe­rence lan­guages are Ger­man and Eng­lish. If pos­si­ble, tra­vel and accom­mo­da­ti­on expen­ses will be cove­r­ed.

Der Bei­trag Zur Frei­heit der Arbeit im Kapi­ta­lis­mus. CfP für den ers­ten Kon­gress der Ger­man Labour Histo­ry Asso­cia­ti­on (6.–8.2.2020) erschien zuerst auf Ger­man Labour Histo­ry Asso­cia­ti­on.

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