[Autonomie Mag.:] Das Konstrukt Intelligenz

Ein Arti­kel der bar­ri­ca­da – zei­tung für auto­no­me poli­tik und kul­tur einem seit län­ge­rem ein­ge­stell­ten Pro­jekt der Nürn­ber­ger Auto­no­men, an dem ein paar unse­rer Redak­teu­re mehr oder weni­ger inten­siv mit­ge­ar­bei­tet oder hin und wie­der ein­mal geschrie­ben haben. Das Pro­jekt ist seit eini­gen Jah­ren tot, doch wir wol­len eini­ge der beach­tens­wer­tes­ten und noch immer aktu­el­len Arti­kel neu ver­öf­fent­li­chen. Der fol­gen­de Arti­kel erschien in der Janu­ar Aus­ga­be von 2013.


Anan­si, die trick­rei­che Spin­ne, beschloss einst, das klügs­te Wesen der Welt zu wer­den. Also zog Anan­si aus, um die Weis­heit aller Wesen zu sam­meln. Die einen betrog er, um an ihr Wis­sen zu gelan­gen, von man­chen stahl er ihre Klug­heit, doch die meis­ten beschenk­ten Anan­si bereit­wil­lig – schließ­lich war er eine beein­dru­cken­de Spin­ne, der man gern einen Gefal­len tat. Anan­si ver­wahr­te die gesam­mel­te Weis­heit sicher in einer gro­ßen Kale­bas­se. Als es nichts mehr zu sam­meln gab, kehr­te er nach Hau­se zurück und über­leg­te, wo das klügs­te Wesen der Welt sei­ne Kale­bas­se sicher ver­ste­cken könn­te, damit nie­mand das Wis­sen fän­de und er für immer der Klügs­te blei­ben wür­de. Unter dem Sofa war kein Platz mehr, also ent­schied Anan­si, dass der Wip­fel eines hohen Bau­mes der sichers­te Platz für die Weis­heit der Welt sei. Er schnall­te sich die Kale­bas­se vor den Bauch, denn es war klar, dass er alle acht Bei­ne brau­chen würde,um den Baum zu erklet­tern. Höher als bis zur Hälf­te kam er nicht. Anan­si rutsch­te immer wie­der ab, denn die Kale­bas­se war ihm im Weg. Nti­ku­ma, der klei­ne Sohn Anan­sis, hat­te die frucht­lo­sen Bemü­hun­gen der Spin­ne beob­ach­tet und rief schließ­lich: „He, war­um schnallst du dir die Kale­bas­se nicht ein­fach auf den Rücken, dann hast du bes­se­ren Halt.“ Anan­si ver­such­te es und gelang­te auf die­se Wei­se tat­säch­lich bis zur Spit­ze des Bau­mes. Da ging Anan­si ein Licht auf. Er nahm die Kale­bas­se und schüt­te­te den Inhalt, den er so emsig gesam­melt hat­te, über die gan­ze Welt aus. Den vor­lau­ten Nti­ku­ma aller­dings ver­drosch er ganz fürch­ter­lich, denn Tra­di­tio­nen sind for­dernd.

Ein Teil der Lese­rIn­nen hat uns an die­ser Stel­le bereits ver­las­sen. Wir sind jetzt unter uns und kön­nen begin­nen: Intel­li­genz ist eine fei­ne Sache. Man kann gar nicht genug davon haben und schätzt sie hoch. Man­gelt es einem Men­schen an die­ser magi­schen Sub­stanz, darf man ihn ver­ach­ten (auch als Linke/​r). Bei ande­ren Män­geln und Gebre­chen ist dies bekannt­lich nicht der Fall. Wie Lang­zeit­stu­di­en erge­ben haben, ist der sichers­te Weg, ein Gespräch abzu­bre­chen und jeden zukünf­ti­gen Kon­takt zu ver­hin­dern nicht etwa, sei­nem Gegen­über ins Gesicht zu spu­cken, son­dern ihm Intel­li­genz abzu­spre­chen. Das Intel­li­genz­kon­zept ist sel­ten Gegen­stand einer radi­ka­len Kri­tik, obwohl es zen­tra­ler Bestand­teil der Selek­ti­on nach den Maß­ga­ben des kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schaf­tens ist, zu vie­ler­lei Dis­kri­mi­nie­run­gen führt und eine der wis­sen­schaft­li­chen Recht­fer­ti­gun­gen der gesell­schaft­li­chen Ungleich­heit dar­stellt. Die zahl­rei­chen Dis­kus­sio­nen um den Begriff Intel­li­genz und die gän­gi­gen Intel­li­genz­mo­del­le dre­hen sich häu­fig um die Aktua­li­sie­rung und Ver­fei­ne­rung des Kon­zep­tes. Lin­ke zie­len in ihrer Kri­tik oft auf einen „gerech­te­ren“ und umfas­sen­de­ren Intel­li­genz­be­griff ab. Ihre Argu­men­ta­ti­on deckt sich dabei teil­wei­se mit der eini­ger Bil­dungs­po­li­ti­ke­rIn­nen und Wis­sen­schaft­le­rIn­nen, die objek­tiv dem Inter­es­se der Wirt­schaft nach fort­wäh­ren­der und ver­bes­ser­ter Fein­ab­stim­mung der Selek­ti­on gerecht wer­den. Wir stel­len eine ande­re Her­an­ge­hens­wei­se zur Dis­kus­si­on: Die Ableh­nung des Intel­li­genz­kon­zep­tes.

Intel­li­genz – Was soll das sein?

Man könn­te anneh­men, dass es für ein all­seits aner­kann­tes Kon­zept eine halb­wegs ein­heit­li­che Defi­ni­ti­on gibt. Dies ist beim Intel­li­genz­be­griff nicht der Fall. Die all­ge­mei­ne Hand­ha­bung des Begriffs funk­tio­niert aber offen­bar, trotz stark diver­gie­ren­der Defi­ni­tio­nen. Irgend­wie hat selbst­ver­ständ­lich jede Beschrei­bung von „Intel­li­genz“ etwas mit einem Teil der Hirn­tä­tig­keit zu tun, näm­lich mit Ver­stan­des­leis­tun­gen. Wir bie­ten eini­ge der der­zeit gehan­del­ten Defi­ni­tio­nen zur Aus­wahl an: „Ziel­ge­rich­te­tes adap­ti­ves Ver­hal­ten“; „Die glo­ba­le Kapa­zi­tät eines Indi­vi­du­ums, zweck­mä­ßig und ratio­nal zu han­deln und effek­tiv mit sei­ner Umwelt umzu­ge­hen“; „Die Fähig­keit, mit kogni­ti­ver Kom­ple­xi­tät umzu­ge­hen“; „Die Nei­gung mensch­li­cher Wesen, die Struk­tur ihres kogni­ti­ven Arbei­tens zu modi­fi­zie­ren, um sie den sich ver­än­dern­den Anfor­de­run­gen einer Lebens­si­tua­ti­on anzu­pas­sen“, „Die all­ge­mei­ne kogni­ti­ve Leis­tungs­fä­hig­keit eines Men­schen“; „Die Fähig­keit der Ein­sicht“; „All­ge­mei­ne geis­ti­ge Anpas­sungs­fä­hig­keit an neue Auf­ga­ben und Lebens­be­din­gun­gen“. Natür­lich gibt es län­ge­re und detail­lier­te­re Defi­ni­tio­nen, doch kon­kre­ter wer­den auch die­se nicht. Im wesent­li­chen scheint die Intel­li­genz eine irgend­wie am Hirn fest­zu­ma­chen­de Grö­ße zu sein, die bestimm­ten Funk­tio­nen zugrun­de­liegt. Ein Poten­ti­al, das zu kogni­ti­ven Leis­tun­gen befä­higt – und durch sei­ne not­wen­di­ge Beschränkt­heit die Befä­hi­gung zu ande­ren Leis­tun­gen aus­schließt.

Eine wit­zi­ge Infor­ma­ti­ons­bro­schü­re des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Bil­dung und For­schung, „Begab­te Kin­der fin­den und för­dern – Ein Rat­ge­ber für Eltern­haus und Schu­le.“ belehrt uns:

„All­ge­mei­ne intel­lek­tu­el­le Bega­bung (oder kurz: Intel­li­genz) ist kein phy­si­ka­li­sches Merk­mal wie Grö­ße oder Gewicht, das man sehen oder tas­ten und mit einem Meß­in­stru­ment, wie einem Zoll­stock oder einer Waa­ge, direkt erfas­sen kann. Intel­li­genz ist ein Kon­strukt, d. h. ein von Wis­sen­schaft­lern und Wis­sen­schaft­le­rin­nen gepräg­ter Begriff zur Beschrei­bung kogni­ti­ver Fähig­kei­ten. Die­se Fähig­kei­ten sind nicht direkt beob­acht­bar, son­dern kön­nen nur aus bestimm­ten Anzei­chen (z. B. aus der rich­ti­gen oder fal­schen Bear­bei­tung der Auf­ga­ben eines Intel­li­genz­tests) erschlos­sen wer­den. Es gibt vie­le unter­schied­li­che Defi­ni­tio­nen von Intel­li­genz. Gemein­sam ist den meis­ten Defi­ni­tio­nen, daß sie mit Intel­li­genz die Fähig­keit bezeich­nen, sich in neu­en Situa­tio­nen auf Grund von Ein­sich­ten zurecht­zu­fin­den oder Auf­ga­ben mit Hil­fe des Den­kens zu lösen, ohne daß hier­für die Erfah­rung, son­dern viel­mehr das Erken­nen von Bezie­hun­gen das Wesent­li­che ist.“

Freerk Huis­ken hat in sei­nem Buch „Die Wis­sen­schaft von der Erzie­hung. Ein­füh­rung in die Grund­lü­gen der Päd­ago­gik“ dar­auf hin­ge­wie­sen, dass der Vor­stel­lung von Bega­bung und Intel­li­genz ein tau­to­lo­gi­scher Rück­schluss zu Grun­de liegt: Aus dem Erbrin­gen einer Leis­tung wird geschlos­sen auf das Ver­mö­gen, die­se Leis­tung zu erbrin­gen. Das ist eigent­lich über­flüs­sig, da die Mög­lich­keit mit dem Erbrin­gen bereits ver­wirk­licht ist. Dass es den Lese­rIn­nen mög­lich ist, die­sen Arti­kel zu lesen, ist in dem Fakt, dass sie ihn lesen eben ein­ge­schlos­sen. „Sinn­los“, so Huis­ken, „ist die­se theo­re­ti­sche Übung den­noch nicht. Sie zie­hen die­sen ‚Schluß‘ nur, um die Mög­lich­keit einer Leis­tung als selb­stän­di­ges Ding neben die Leis­tung zu stel­len und als ver­ur­sa­chen­de Kraft ins Spiel zu brin­gen“ Durch die­sen Kniff soll frei­lich nicht geleug­net wer­den, dass man sich Wis­sen und Kön­nen erst aneig­nen muss, son­dern die Grund­la­ge und ideo­lo­gi­sche Recht­fer­ti­gung geschaf­fen wer­den für Dis­kri­mi­nie­rung und Aus­le­se. Las­sen wir noch ein­mal Huis­ken zu Wort kom­men: „kaum ist [ein Stück Wis­sen] erar­bei­tet, soll die neue Kennt­nis nicht auf die­se Tätig­keit des Geis­tes zurück­ge­hen. Unter­schie­de im Wis­sen und Kön­nen gel­ten näm­lich nicht als Hin­weis dar­auf, daß die Indi­vi­du­en offen­bar recht unter­schied­li­chen Gebrauch von der Tat­sa­che machen, daß sie alle­samt über einen Geist ver­fü­gen. Die­se ratio­nel­le Fest­stel­lung wür­de die gan­ze Absicht kon­ter­ka­rie­ren, den Indi­vi­du­en mit dem Ver­weis auf die Intel­li­genz eine ihren Ver­stan­des­ge­brauch beschrän­ken­de Kraft anzu­dich­ten. Also muß für jedes ange­eig­ne­te Wis­sen ein ande­rer Grund her: Man weiß, was man weiß, weil dem Geist die Erar­bei­tung die­ser Ein­sich­ten durch eine Kraft namens Intel­li­genz ermög­licht wur­de.“

Intel­li­genz­tests – Wer braucht sowas?

Die so kon­stru­ier­te Intel­li­genz ist natür­lich eine Grö­ße, die gemes­sen wer­den soll und kann. Dar­aus ergibt sich die Fra­ge, wel­che kogni­ti­ven Auf­ga­ben für die­se Mes­sung her­an­ge­zo­gen wer­den sol­len. Auch bei hier­ar­chi­schen Intel­li­genz­mo­del­len, die einen über­ge­ord­ne­ten Gene­ral­fak­tor ken­nen, der auf alle ein­zel­nen Leis­tungs­be­rei­che ein­wirkt, müs­sen die kon­kre­ten Test­auf­ga­ben not­wen­di­ger­wei­se aus bestimm­ten Gebie­ten der kogni­ti­ven Leis­tung stam­men. Rech­ne­ri­sches Den­ken, Sprach­ver­ständ­nis, Kurz­zeit­ge­dächt­nis, Abs­trak­ti­ons­fä­hig­keit, logi­sches Den­ken, aber manch­mal auch All­ge­mein­wis­sen und Wort­schatz wer­den, unter ande­rem, her­an­ge­zo­gen, um Tests zu kon­stru­ie­ren. Aus­wahl und Gewich­tung der Auf­ga­ben­ge­bie­te hän­gen mit den Fähig­kei­ten zusam­men, die in der Wirt­schaft (aber auch beim Mili­tär) als wün­schens­wert gel­ten. Selbst­ver­ständ­lich sind auch die Bil­dungs­ein­rich­tun­gen von der KiTa bis zur Hoch­schu­le dar­auf aus­ge­rich­tet, der Wirt­schaft pas­sen­de Arbeits­kräf­te zuzu­füh­ren und der herr­schen­den Klas­se einen Nach­schub an poli­ti­schem und admi­nis­tra­ti­vem Per­so­nal und neu­en Ideo­lo­gie­pro­du­zen­tIn­nen usw.. (Weil nicht nur Mana­ger, Bun­des­kanz­ler und Uni­pro­fes­so­rIn­nen gebraucht wer­den, funk­tio­nie­ren die­se Ein­rich­tun­gen gleich noch als Selek­ti­ons­ma­schi­nen, die den größ­ten Teil der lie­ben Klei­nen von wei­te­rer Bil­dung auschließt). Tat­säch­lich stellt die Kor­re­la­ti­on des ermit­tel­ten Intel­li­genz­quo­ti­en­ten mit den Schul­no­ten der Test­per­so­nen ein wich­ti­ges Außen­kri­te­ri­um für die Vali­di­tät von Intel­li­genz­tests dar. Ein wei­te­res Außen­kri­te­ri­um ist, wie stark die spä­te­re beruf­li­che Kar­rie­re mit dem kor­rel­liert, was der ermit­tel­te IQ erwar­ten ließ.

Die Bro­schü­re „Begab­te Kin­der fin­den und för­dern“ meint in die­sem Zusam­men­hang:

„Bei der Ent­wick­lung eines Intel­li­genz­tests gilt es nun zu prü­fen, ob er das mißt, was sei­ne Ent­wick­ler als Intel­li­genz defi­niert haben. Zum einen unter­sucht man des­halb, inwie­weit die Ergeb­nis­se des neu ent­wi­ckel­ten Tests mit bereits bestehen­den IQ-Tests, die auf ähn­li­chen Defi­ni­tio­nen beru­hen, über­ein­stim­men. Zum ande­ren sucht man nach soge­nann­ten ‚Außen­kri­te­ri­en‘, wie z. B. Leh­rer­ur­tei­le und Schul­no­ten, und über­prüft deren Über­ein­stim­mung mit den Test­ergeb­nis­sen.“ Aus Kin­dern, denen Intel­li­genz zuge­spro­chen wer­den kann, macht die kapi­ta­lis­ti­sche Gesell­schaft eher etwas als aus dem Rest. Dass dies an ihren recht sta­bi­len Fähig­kei­ten (Intel­li­genz) liegt, die von Tests rich­tig gemes­sen wur­den, wird dadurch bewie­sen, dass die Gesell­schaft eher etwas aus ihnen macht.

Natür­lich sind die gän­gi­gen Intel­li­genz­tests auch inner­halb ihrer durch die Ver­wer­tungs­lo­gik bestimm­ten Funk­ti­on unge­recht. Tat­säch­lich sind sie Gegen­stand von Klas­sen­aus­ein­an­der­set­zun­gen (wie auch die berühm­te Fra­ge „Ver­er­bung oder Umwelt?“, die für hoch­ideo­lo­gi­sier­te und läh­mend frucht­lo­se Vor­trä­ge in Hör­sä­len und auf Par­ties sorgt). Indi­vi­du­en, die aus den berüch­tig­ten „bil­dungs­fer­nen Schich­ten“ stam­men, auf die das Klein­bür­ger­tum und Tei­le des Pro­le­ta­ri­ats so herz­lich ger­ne her­ab­bli­cken, sind mit bei­spiels­wei­se sprach­li­chen Ana­lo­gien eher nicht ver­traut, ihnen feh­len unter Umstän­den ein­fach die Sprach­kennt­nis­se. Je mehr Bil­dung ein Mensch genos­sen hat, umso bes­ser wird er bei Intel­li­genz­tests abschnei­den (wie­der­um die­ser Zir­kel). Je erfah­re­ner er all­ge­mein im Umgang mit Tests ist und je geüb­ter in den gefor­der­ten Denk­wei­sen, umso leich­ter erreicht er einen hohen IQ. Für „Unfair­ness“ sorgt außer­dem der Umstand, dass ein Intel­li­genz­test nicht allein die rich­ti­ge Lösung der gestell­ten Auf­ga­ben for­dert, son­dern ihre Bewäl­ti­gung in einer bestimm­ten Min­dest­ge­schwin­dig­keit. Auch die­se Über­ein­stim­mung mit der Schu­le ist natür­lich nicht zufäl­lig. Auch hier geht es um die Bedürf­nis­se der Wirt­schaft – Zeit ist Geld! Die Lis­te der „Unge­rech­tig­kei­ten“ lie­ße sich lan­ge fort­set­zen. Wir kür­zen ab: Intel­li­genz­tests benach­tei­li­gen die sel­ben Per­so­nen­grup­pen, denen auch die Bil­dungs­ein­rich­tun­gen übel mit­spie­len. Sie bevor­zu­gen Indi­vi­du­en, die aus der sel­ben Kul­tur und der sel­ben Klas­se stam­men wie die Test­kon­struk­teu­re. Ver­tre­te­rIn­nen der eta­blier­ten Bour­geoi­sie dürf­ten die­sem Umstand im Durch­schnitt weni­ger kri­tisch gegen­über­ste­hen als die­je­ni­gen, die auf­grund ihrer Klas­sen­zu­ge­hö­rig­keit oder –her­kunft eher eine zweck­mä­ßi­gen Erhö­hung der gesell­schaft­li­chen Durch­läs­sig­keit befür­wor­ten. Ver­su­che, über ver­schie­de­ne Maß­nah­men grö­ße­re sozia­le und inter­kul­tu­rel­le Fair­ness her­zu­stel­len, stel­len kei­nes­falls die Selek­ti­on und Ein­stu­fung in Fra­ge, sie wol­len sie aber zum bes­se­ren Nut­zen der Wirt­schaft sach­ge­rech­ter gestal­ten.

Dem kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schafts­be­trieb kommt eine Erwei­te­rung und Modi­fi­zie­rung des Intel­li­genz­be­griffs durch­aus ent­ge­gen. Die Theo­rien der mul­ti­plen Intel­li­gen­zen oder der emo­tio­na­len Intel­li­genz sor­gen für eine Ein­be­zie­hung des­sen, was in einer moder­nen kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft als kom­pe­ten­tes Sozi­al­ver­hal­ten gilt. Das Kon­strukt der sozia­len oder emo­tio­na­len Intel­li­genz stellt also nicht in ers­ter Linie ein Trost­pflas­ter für die Doo­fen dar. Ein IQ von 130 ist zum Bei­spiel im Sozi­al­ma­nage­ment oder in der Team­ar­beit nicht immer ein Nach­teil, aber eben auch kein Hin­weis auf aus­rei­chen­de Kom­pe­tenz in die­sen Berei­chen. Außer­dem gera­ten in das Blick­feld der Wis­sen­schaft ver­mehrt die Kos­ten, die durch das all­täg­li­che Gegen­ein­an­der im Manage­ment oder durch Sozio­pa­then (bekannt­lich sit­zen nur die erfolg­lo­sen Sozio­pa­then in Knäs­ten und ande­ren Anstal­ten, die erfolg­rei­chen hin­ge­gen in den Chef­eta­gen) ver­ur­sacht wer­den.

Wozu das Kon­strukt Intel­li­genz dient, wie­so es sich wan­delt und mit ihm natür­lich die Tests, dürf­te nun aus­rei­chend dar­ge­legt sein. Was die Intel­li­genz­tests (wie auch immer ihr jewei­li­ges Design sein mag) mes­sen, gilt per Kon­ven­ti­on als Intel­li­genz. In die­sem Sin­ne gibt es also eine Intel­li­genz, und ihre kor­rek­te Defi­ni­ti­on lie­fert uns der Expe­ri­men­tal­psy­cho­lo­ge Edwin G. Boring, der vor knapp hun­dert Jah­ren selbst an der Ent­wick­lung von Intel­li­genz­tests für das ame­ri­ka­ni­sche Mili­tär betei­ligt war: „Intel­li­genz ist, was die Tests tes­ten.“

Und die Dumm­heit?

Ach, die Dumm­heit! Las­sen wir in die­sem Zusam­men­hang gleich den noto­ri­schen Thi­lo Sar­ra­zin zu Wort kom­men, der sich wie alle Euge­ni­ker sehr für Intel­li­genz inter­es­siert: „Intel­li­genz ist aber zu 50 bis 80 Pro­zent erb­lich. Des­halb bedeu­tet ein schicht­ab­hän­gig unter­schied­li­ches gene­ra­ti­ves Ver­hal­ten lei­der auch, dass sich das ver­erb­te intel­lek­tu­el­le Poten­ti­al der Bevöl­ke­rung kon­ti­nu­ier­lich ver­dünnt.“ Letz­te­res stimmt weder, noch ist es das, was er meint, aber: Geschenkt! Das wesent­li­che ist: Dumm fickt viel und ver­hü­tet weni­ger als die Intel­li­gen­ten, und da Blöd­heit erb­lich ist, wird die Gesell­schaft ins­ge­samt düm­mer. Mit der Behaup­tung der Erb­lich­keit wer­den nicht nur die stig­ma­ti­siert, die gegen­wär­tig bei Intel­li­genz­tests schlecht abschnei­den, son­dern gleich ihre gan­ze Nach­kom­men­schaft. Die Armen ins­ge­samt blei­ben arm, weil sie dumm sind. Gan­ze Gesell­schaf­ten blei­ben arm, weil es ihnen an Intel­li­genz man­gelt.

Sar­ra­zin hat mit eini­ger Wahr­schein­lich­keit einen IQ, der über dem Mit­tel­wert (100) liegt, und das bringt uns zurück zur „Dumm­heit“. Müss­ten wir, wenn wir auf den Begriff „Intel­li­genz“ ver­zich­ten, auch den Begriff „Dumm­heit“ fal­len las­sen? Wo doch die Dumm­heit all­ge­gen­wär­tig ist, punk­tu­ell oder andau­ernd bei Men­schen (mit einem Intel­li­genz­quo­ti­en­ten von 140 oder von 60, egal) ganz augen­fäl­lig vor­han­den ist? Eher nicht! Wir schla­gen vor­läu­fig eine nega­ti­ve Defi­ni­ti­on von Dumm­heit vor: Das Gegen­teil von Dumm­heit ist nicht „Intel­li­genz“, son­dern der Ver­zicht auf Igno­ranz, der Ver­zicht dar­auf, den Gebrauch der eige­nen Bir­ne (deren Vor­han­den­sein zu 100% gene­tisch bedingt ist) zu unter­las­sen.

Ein Plä­doy­er

Seriö­se und inter­es­san­te Aus­sa­gen über kogni­ti­ve Leis­tun­gen (und ihre neu­ro­phy­sio­lo­gi­schen Grund­la­gen) sind von ande­ren Dis­zi­pli­nen als der Psy­cho­lo­gie zu erwar­ten. Der bar­ri­ca­da-Redak­ti­on man­gelt es zur Zeit aber an Hirn­for­sche­rIn­nen. Daher soll­te klar sein, dass der vor­ge­schla­ge­ne Ver­zicht auf das Kon­strukt „Intel­li­genz“ kei­ne kon­struk­ti­ve Kri­tik dar­stellt und von man­chen als Zumu­tung emp­fun­den wer­den muss. Der Kapi­ta­lis­mus braucht die­ses Kon­strukt. Brau­chen wir es auch? Müs­sen wir den gesell­schaft­li­chen Ras­sis­mus, der am unge­nier­tes­ten auf­tritt, repro­du­zie­ren? Wie betrach­ten wir „Intel­li­genz­un­ter­schie­de“ unter dem Gesichts­punkt der Per­spek­ti­ve des Kom­mu­nis­mus? Soll­ten die­je­ni­gen mit über­durch­schnitt­li­chem IQ (per defi­ni­tio­nem 50% der Bevöl­ke­rung, nach Selbst­ein­schät­zung aber deut­lich mehr) über eine „Cri­ti­cal bright­ness“ gön­ner­haft die „Min­der­be­gab­ten“ empor­he­ben?

Es ist anzu­neh­men, dass eine von Kapi­ta­lis­mus, Ras­sis­mus und Patri­ar­chat befrei­te Gesell­schaft Unter­schie­de in dem, was heu­te von Intel­li­genz­tests gemes­sen wird, weit­ge­hend nivel­lie­ren wird. Etwai­ge noch bestehen­de Diver­genz dürf­te dann irrele­vant sein hin­sicht­lich einer gesell­schaft­li­chen Wer­tung. Alle Bei­trä­ge der Ein­zel­nen zu kol­lek­ti­ven Lösungs­pro­zes­sen besit­zen in einer sich wirk­sam zum Bes­ten ent­wi­ckeln­den Gesell­schaft Wert. Wir leben aber nicht in einer sol­chen Gesell­schaft, sind jedoch als revo­lu­tio­nä­re Lin­ke dar­auf ange­wie­sen, mög­lichst cle­ver vor­zu­ge­hen.

Eine Lösung könn­te für uns in dem lie­gen, was auch in einer Gesell­schaft ohne sozia­le Ungleich­heit der zen­tra­le Punkt sein dürf­te: In der Kol­lek­ti­vi­tät. Bekannt­lich kön­nen auch Kol­lek­ti­ve dumm sein. Sie ber­gen durch bestimm­te Mecha­nis­men und den Umstand, dass Ein­zel­ne in dem Maße, in dem sie in einer Fra­ge inkom­pe­tent sind dazu nei­gen, ihre Kom­pe­tenz zu über­schät­zen, die Gefahr, ins dump­fe Mit­tel­maß zu füh­ren. Es gilt also, die Wege der gemein­sa­men Theo­rie­bil­dung und der kol­lek­ti­ven Ver­stan­de­s­tä­tig­keit zu opti­mie­ren.

Wir sind als revo­lu­tio­nä­re Lin­ke gera­de­zu gezwun­gen, unse­re Bir­nen so gut und so kri­tisch und selbst­kri­tisch wie mög­lich zu gebrau­chen und Orga­ni­sa­tio­nen her­vor­zu­brin­gen, die mög­lichst auf kol­lek­ti­ve Dumm­heit ver­zich­ten. Die­se Grup­pie­run­gen soll­ten schließ­lich auch als kol­lek­ti­ve Intel­lek­tu­el­le fun­gie­ren, die bür­ger­li­che und kein­bür­ger­li­che Welt­bil­der, Kon­zep­te und Vor­stel­lun­gen nicht ein­fach akzep­tie­ren. Sehr vie­les von dem, was uns heu­te als uni­ver­sell gül­tig ver­kauft wird und von erschre­ckend vie­len Lin­ken unhin­ter­fragt hin­ge­nom­men und gar über­nom­men wird, wird das Ende des Kapi­ta­lis­mus nicht lan­ge über­le­ben.

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