[re:volt mag:] Das Ende der Normalität

Das Ende der Normalität

berny-steiner-krise-workshop.jpgBer­ny Stei­ner | Unsplash

Man möch­te die­ser Tage kein*e Konjunkturforscher*in sein: Ihre Haupt­be­schäf­ti­gung besteht der­zeit dar­in, die eige­nen Pro­gno­sen nach unten zu kor­ri­gie­ren. Das hat zwar auch damit zu tun, dass sie den Zyklus nur beschrei­ben, statt zu erklä­ren. Ihr Pro­blem ist aber vor allem, dass die Ent­wick­lung der Pan­de­mie nur schwer vor­her­zu­se­hen ist. Und den­noch will gera­de jetzt alle Welt Pro­gno­sen über Ver­lauf und Tie­fe des öko­no­mi­schen Ein­bruchs. Auf wel­che Ent­wick­lun­gen müs­sen wir dabei ach­ten?

Die neu­es­ten Zah­len des Inter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds (IWF) besa­gen, dass die Welt­wirt­schaft die­ses Jahr um drei Pro­zent schrump­fen wird, wobei die Rezes­si­on in den hoch­ent­wi­ckel­ten Län­dern mit über sechs Pro­zent beson­ders hart aus­fällt. Zur Erin­ne­rung: Im Jahr nach dem gro­ßen Finanz-Crash von 2008 schrumpft das glo­ba­le Brut­to­in­land­pro­dukt (BIP) um 0,1 Pro­zent. In der Fol­ge erleb­ten wir die Ver­elen­dung der euro­päi­schen Süd­pe­ri­phe­rie, die Eska­la­ti­on eines Krie­ges in der Ukrai­ne und das Erstar­ken des Natio­na­lis­mus in vie­len Län­dern.

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Die Pro­gno­sen des IWF vom April 2020.

Die Zah­len des IWF sind nicht nur dar­um hoch spe­ku­la­tiv, weil die Ent­wick­lung der Pan­de­mie schwer vor­her­zu­sa­gen ist, son­dern auch, weil es wei­te­re Varia­blen gibt: Das Wirt­schafts­wachs­tum hat­te sich bereits letz­tes Jahr deut­lich abge­schwächt und wur­de für 2020 wie­der tief ver­an­schlagt.

Eine Konkurswelle würde das Finanzsystem hart treffen

Auch im Finanz­sys­tem ticken eini­ge Zeit­bom­ben. Der Markt für ris­kan­te Anla­gen war im Früh­ling die­ses Jahrs erheb­lich ein­ge­bro­chen. Mas­siv betrof­fen war hier etwa der gro­ße Markt für Kre­di­te an erheb­lich ver­schul­de­te Unter­neh­men. Die Zen­tral­ban­ken grätsch­ten dazwi­schen und sta­bi­li­sier­ten das Sys­tem mit immensen Sum­men – vor­erst. Frag­lich ist, was pas­siert, wenn die staat­li­che Über­brü­ckung aus­läuft.

„Wir wer­den lei­der Kon­kur­se sehen“, sag­te UBS-Schweiz-Chef Axel Leh­mann kürz­lich zur Neu­en Zür­cher Zei­tung. Das dürf­te noch vor­sich­tig aus­ge­drückt sein. Die For­schungs­ab­tei­lung der Credit Suis­se hat­te schon 2019 pro­gnos­ti­ziert: „Zah­lungs­aus­fäl­le dürf­ten in den Seg­men­ten der Fir­men­an­lei­hen­märk­te stei­gen, sobald das Wirt­schafts­wachs­tum stär­ker abflacht“.

Das Wachs­tum flach­te sich indes bereits letz­tes Jahr ab; der­zeit ist die Wirt­schaft im frei­en Fall. Eine Wel­le von Zah­lungs­aus­fäl­len von Unter­neh­men wür­de wei­te­re Schock­wel­len durch die bereits ner­vö­sen Finanz­märk­te sen­den und könn­te so ein Kata­ly­sa­tor für einen umfas­sen­de­ren Zusam­men­bruch sein.

Ein mög­li­cher Trans­mis­si­ons­me­cha­nis­mus dafür sind soge­nann­te CLOs: Col­la­te­ra­li­zed Loan Obli­ga­ti­ons. Das sind kom­ple­xe Finanz­pro­duk­te, in denen Kre­di­te an ver­schul­de­te Unter­neh­men ste­cken. CLO sind nach dem­sel­ben Prin­zip auf­ge­baut wie jene Finanz­pro­duk­te, die 2008 das Finanz­sys­tem an den Rand des Zusam­men­bruchs gebracht hat­ten. Auch die CLOs ver­spre­chen hohe Ren­di­ten in einer Welt der tie­fen Zin­sen und der schwä­cheln­den Pro­fi­tra­ten des pro­du­zie­ren­den Kapi­tals.

Bereits 2019 warn­te die Bank für Inter­na­tio­na­len Zah­lungs­aus­gleich (BIZ), die Dach­or­ga­ni­sa­ti­on der Zen­tral­ban­ken, ein­dring­lich vor sys­te­mi­schen Risi­ken die­ser Finanz­pro­duk­te. Auf­grund des undurch­sich­ti­gen Mark­tes weiß man nicht genau, an wel­cher Stel­le die CLOs Löcher in die Bilan­zen schla­gen und eine Ket­ten­re­ak­ti­on aus­lö­sen könn­ten. Die Pro­duk­te sind zudem ein Mit­tel, wie Ban­ken die Risi­ken von Kre­di­ten aus­la­gern kön­nen: Sie bün­deln die­se und ver­kau­fen sie wei­ter. Sol­che Kre­di­te wer­den sel­te­ner ver­ge­ben oder zumin­dest deut­lich teu­rer, wenn sie nicht mehr pro­fi­ta­bel ver­brieft oder halb­wegs güns­tig abge­si­chert wer­den kön­nen.

Die Kri­te­ri­en für die Kre­dit­ver­ga­be wur­den im ers­ten Quar­tal 2020 deut­lich stren­ger als zuvor. Die Stan­dards ver­schärf­ten sich so schnell wie seit der Finanz­kri­se 2008f. nicht mehr, wie die US-Zen­tral­bank kürz­lich mit­teil­te. Das heißt, dass es für Unter­neh­men schwie­ri­ger wird, an Gel­der zu kom­men. Es könn­te ein Teu­fels­kreis dro­hen.

Die „gewaltsame Ausgleichung aller Widersprüche“

Die Zen­tral­ban­ken spran­gen also nun erst mal mit solch immensen Sum­men ein, dass sie damit die hek­ti­sche Akti­vi­tät nach der Kri­se von 2008 weit in den Schat­ten stel­len. Die Noten­ban­ken der USA, der Euro-Zone, Japans und Chi­nas haben ihre Bilanz­sum­me auf mitt­ler­wei­le über 22 Bil­lio­nen Dol­lar aus­ge­wei­tet. Sie kön­nen nun zwar tat­säch­lich erst mal Unmen­gen an Geld schöp­fen, aber sie kön­nen damit kei­ne Pro­duk­ti­on von Mehr­wert erzwin­gen. Und sie kön­nen auch nicht bestim­men, in wel­chem Mas­se das Geld gegen Waren getauscht wird; sprich: ob etwa eine Infla­ti­on oder eine Defla­ti­on eska­liert.

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Die Bilanz­sum­me der FED. Man sieht, dass die Maß­nah­men, jene in der Kri­se nach 2008 deut­lich in den Schat­ten stel­len.

Soll­ten die Wider­sprü­che eska­lie­ren, wer­den die Konjunkturforscher*innen erneut die Bücher wäl­zen müs­sen. Auch die Inter­na­tio­nal Labour Orga­ni­sa­ti­on (ILO) müss­te ihre ohne­hin düs­te­ren Pro­gno­sen kor­ri­gie­ren. Die UN-Son­der­or­ga­ni­sa­ti­on schrieb Ende April: „Es wird erwar­tet, dass die welt­wei­te Arbeits­zeit im zwei­ten Quar­tal um 10,5 Pro­zent nied­ri­ger sein wird als im letz­ten Vor­kri­sen­quar­tal. Dies ent­spricht 305 Mil­lio­nen Voll­zeit­ar­beits­plät­zen“. 1,6 Mil­li­ar­den Men­schen im infor­mel­len Sek­tor, ohne sozia­le Absi­che­rung mit schlech­tem Zugang zu medi­zi­ni­scher Ver­sor­gung und ohne Erwerbs­er­satz, droh­ten laut ILO ihren Unter­halt zu ver­lie­ren. ILO-Gene­ral­di­rek­tor Guy Ryder macht deut­lich, was dies für Mil­lio­nen von Arbei­ten­den bedeu­tet: „Kein Ein­kom­men, kei­ne Nah­rung, kei­ne Sicher­heit und kei­ne Zukunft.“

Wir ste­hen am Anfang eines öko­no­mi­schen Ein­bruchs, wie wir ihn noch nicht gese­hen haben – und damit auch vor har­ten Angrif­fen auf das Lebens­ni­veau vie­ler Men­schen. Mit den staat­li­chen Maß­nah­men wur­de der­weil nicht nur die Wirt­schaft aus­ge­bremst, son­dern auch eine veri­ta­ble Wel­le von sozia­len Kämp­fen, die 2019 um den Glo­bus schwapp­te. Aber die könn­te nun – auch mit den brei­ten Pro­tes­ten nach der Ermor­dung von Geor­ge Floyd in den USA – wie­der anrol­len. Zugleich sehen sich man­cher­orts Nationalist*innen im Auf­wind. Der his­to­ri­sche Kurs ist noch nicht aus­ge­macht. Was aber sicher ist: Wir wer­den in den nächs­ten Jah­ren in deut­lich insta­bi­le­ren Zei­ten leben.

Anmerkung

Die­ser Bei­trag von Klaus Klamm ist Teil einer Koope­ra­ti­on mit dem ajour maga­zin und wird im Kon­text des gemein­sa­men Work­shops „Coro­na­kri­se: Ana­ly­se des öko­no­mi­schen Ein­bruchs“ vom 26. Mai 2020 ver­öf­fent­licht. Die Ver­an­stal­tung mit Klaus Klamm (Zürich, ajour maga­zin), Chris­ti­an Frings (Köln, Autor und Über­set­zer) und Maja Tschu­mi (Ber­lin, re:volt maga­zi­ne) kann hier nach­ge­schaut wer­den. In Kür­ze folgt auch ein zwei­ter Bei­trag von Chris­ti­an Frings.

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