[ak:] Kein einmaliges Ereignis

Ras­sis­ti­sche Gewalt ist all­täg­lich und grund­le­gend – unser Kampf muss es auch sein

Die Grö­ße der Demons­tra­tio­nen, die am ers­ten Juni-Wochen­en­de unter dem Mot­to Black Lives Mat­ter in etli­chen deut­schen Städ­ten statt­fan­den, hat vie­le über­rascht und eini­ge Erwar­tun­gen über­trof­fen – gera­de, wenn man bedenkt, wie wenig Auf­merk­sam­keit ähn­li­chen Demons­tra­tio­nen in der Ver­gan­gen­heit zuteil wur­de. Dies­mal ist es anders: Neben Mas­sen­pro­tes­ten in den gesam­ten USA gehen auch in vie­len ande­ren Län­dern Zehn­tau­sen­de auf die Stra­ßen.

Der Mord an Geor­ge Floyd war dafür der Aus­lö­ser – und zugleich eine Form der Gewalt, die in die­ser Gesell­schaft all­täg­lich ist. Vor die­sem Hin­ter­grund war es befremd­lich, als nach ers­ten Pro­tes­ten in Deutsch­land ein Auf­ruf für den 6. Juni ver­brei­tet wur­de, der sich von »gewalt­tä­ti­gen« Pro­tes­ten in den USA abgrenz­te und zu stil­lem Pro­test auf­for­der­te. Der Auf­ruf wur­de in den sozia­len Medi­en kri­ti­siert und schließ­lich ver­än­dert. In Ber­lin bil­de­te über­dies eine Grup­pe von jun­gen Schwar­zen Aktivist*innen und Aktivist*innen of Color auf die­ser Demons­tra­ti­on einen lin­ken Block und ließ dort anti­ras­sis­ti­sche, femi­nis­ti­sche und anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche Posi­tio­nen laut wer­den – bezo­gen auch auf Deutsch­land. Die­se Ver­bin­dung hat vie­ler­orts noch gefehlt.

Die Kam­pa­gne Death in Cus­to­dy hat auch für Deutsch­land vie­le Todes­fäl­le in Gewahr­sams­si­tua­tio­nen doku­men­tiert – die Täter*innen kom­men straf­frei davon. Raz­zi­en in Shis­ha­bars, Abschie­bun­gen und Zwangs­räu­mun­gen sowie täg­li­che ras­sis­ti­sche Poli­zei­kon­trol­len ver­schwin­den nicht dadurch, dass Links­par­tei oder Grü­ne an der Regie­rung sind, wie man in Ber­lin und Thü­rin­gen sieht.

Um dem Ruf »Black Lives Mat­ter« gerecht zu wer­den, müs­sen wir daher den Fokus von den USA lösen und über­le­gen, wie wir unse­re Kämp­fe, die eine lan­ge Geschich­te in Deutsch­land haben, bes­ser füh­ren kön­nen. Das Aus­maß der Gewalt zu begrei­fen, bedeu­tet auch, dass die Pro­tes­te umfas­sen­der wer­den müs­sen: Nicht nur ras­sis­ti­sche Poli­zei­ge­walt, son­dern jede Poli­zei­ge­walt, nicht nur die Poli­zei, son­dern der gan­ze Staat ist einer Kri­tik zu unter­zie­hen. Die Des­in­ves­ti­ti­on des Poli­zei­ap­pa­ra­tes oder gar sei­ne Abschaf­fung ste­hen den Inter­es­sen der Kapitalist*innen am Schutz ihres Eigen­tums und ihrer Pro­fi­te direkt ent­ge­gen. Erst wenn ihr Eigen­tum auf­ge­ho­ben wird, ver­schwin­det also auch die Grund­la­ge der Poli­zei.

Ras­sis­ti­sche Unter­drü­ckung lässt sich nicht dadurch über­win­den, dass wei­ße Men­schen ein­fach zuhö­ren und ler­nen.

Inmit­ten der Wel­le an Soli­da­ri­tät gibt es selbst­ver­ständ­lich auch Bil­der und Aus­sa­gen, die nicht son­der­lich pro­gres­siv sind. Kei­ne Bewe­gung ist frei von den Feh­lern der Gesell­schaft, gegen deren Unter­drü­ckung sie kämpft. Das Bewusst­sein dafür, dass Pro­test kein ein­ma­li­ges Ereig­nis ist, ist den­noch vor­han­den. Aller­dings über­wiegt die Beto­nung der indi­vi­du­el­len Ebe­ne von Ver­ant­wor­tung. Doch ras­sis­ti­sche Unter­drü­ckung lässt sich, pole­misch aus­ge­drückt, nicht dadurch über­win­den, dass wei­ße Men­schen ein­fach zuhö­ren und ler­nen. Das wäre zu ein­fach für sie und wür­de der Kom­ple­xi­tät der Sache nicht gerecht.

Wir brau­chen ein Ver­hält­nis, in dem wir soli­da­risch auf Augen­hö­he mit­ein­an­der dis­ku­tie­ren und uns auch für fal­sche Posi­tio­nen kri­ti­sie­ren kön­nen. Schwar­ze Men­schen, PoC, Migrant*innen, Ausländer*innen, Geflüch­te­te, Frau­en, LGBTIQ, wel­che Selbst­be­zeich­nung auch im Vor­der­grund steht: Die Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on von Unter­drück­ten ist zen­tral, allein schon, um das poli­ti­sche (Selbst-)Bewusstsein zu ent­wi­ckeln, das durch Igno­ranz oder Bevor­mun­dung inner­halb der Gesell­schaft oft ver­wehrt bleibt. Das Ziel kann jedoch nur sein, dass wir uns gemein­sam und auf inter­na­tio­na­lis­ti­scher Grund­la­ge orga­ni­sie­ren.

Die Poli­zei hat am 6. Juni beson­ders in Ham­burg und Ber­lin gezeigt, dass sie auf das Selbst­be­wusst­sein migran­ti­scher Jugend­li­cher, sich nicht mehr auf unmensch­li­che Wei­se behan­deln zu las­sen, unmensch­lich reagiert: Mit bra­chia­ler Gewalt wur­den nach dem fried­li­chen Pro­test vor allem Schwar­ze und migran­ti­sche Jugend­li­che zusam­men­ge­schla­gen, fest­ge­nom­men, ein­ge­schüch­tert. Die Vor­wür­fe sind genau so lächer­lich wie die Beteue­run­gen sei­tens Poli­zei und Poli­tik, dass die deut­sche Poli­zei kein Pro­blem mit Ras­sis­mus habe.

Wir kämp­fen nicht dafür, dass so etwas pas­siert und dann mög­li­cher­wei­se bestraft wird, son­dern für eine Gesell­schaft, in der so etwas nicht pas­sie­ren kann.

Kofi Shakur

Kofi Shakur lebt und Ber­lin, wo er Sozi­al­wis­sen­schaf­ten stu­diert.

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