[GWR:] Das Gespenst der Freiheit

Nun beginnt der Kampf um die Deu­tungs­ho­heit: Nach der Pha­se gegen­sei­ti­ger Rück­sicht­nah­me, der Ange­bo­te von Nach­bar­schafts­hil­fe, des Inne­hal­tens und der Nach­denk­lich­keit, gar der Dis­kus­sio­nen, war­um Arbeit mit Schwa­chen und Kran­ken und vie­le lebens­not­wen­di­ge Tätig­keit so schlecht bezahlt wird, setzt die Gegen­be­we­gung ein: Waren die Maß­nah­men sinn­los, über­trie­ben, wir­kungs­los? Wer die Kos­ten tra­gen soll, wel­che Umver­tei­lungs­wir­kun­gen ent­ste­hen, ob die zuerst viro­lo­gi­sche, nun zuneh­mend öko­no­mi­sche Kri­se nur durch inter­na­tio­na­le Zusam­men­ar­beit – bis zur groß­zü­gi­gen Schul­den­tei­lung – gelöst wer­den kann, oder natio­na­le Kon­kur­renz und Abschot­tung am Ende vie­ler Kon­flik­te steht, das wird jetzt auf Jah­re für Span­nun­gen sor­gen.

Ähn­lich wie nach der „Will­kom­mens­kul­tur“ 2015, der gro­ßen Bereit­schaft zur Auf­nah­me und Unter­stüt­zung der Geflüch­te­ten, setzt die Reak­ti­on ein, und sie bedient sich nicht zuletzt der Gerüch­te und Ver­schwö­rungs­theo­rien. Damals erfuh­ren plötz­lich vie­le, dass die „Umvol­kung“ ja ein alter Plan fins­te­rer inter­na­tio­na­ler Mäch­te sei – und nun im Gan­ge! Wider­stand drin­gend gebo­ten! Und es wur­den Gerüch­te ver­brei­tet über die Kri­mi­na­li­tät der Flücht­lin­ge. Bei­spiel­haft sei der „Fall Lisa“ erwähnt, ein 13jährigens deutsch-rus­si­sches Mäd­chen aus Ber­lin, das angeb­lich von ara­bi­schen Migran­ten ent­führt und ver­ge­wal­tigt wor­den war. „Rus­sia today“ und ver­wand­te Orga­ne mach­ten beson­ders unter Deutsch­rus­sen eine Pro­pa­gan­da, die von der sys­te­ma­ti­schen Ver­tu­schung des angeb­li­chen Ver­bre­chens durch deut­sche Behör­den und die angeb­lich kon­for­men Mas­sen­me­di­en aus­ging. Sogar der rus­si­sche Außen­mi­nis­ter Lav­rov schal­te­te sich ein und beschul­dig­te die Bun­des­re­gie­rung. Auch nach­dem sich der wah­re Sach­ver­halt her­aus­ge­stellt hat­te, wur­de die Erzäh­lung wei­ter getra­gen; vie­le Deutsch­rus­sen folg­ten der AfD.

Es ist alles ande­re als zufäl­lig, dass über­all auf der Welt die Rechts­ter­ro­ris­ten von Ver­schwö­rungs­theo­rien beein­flusst sind. Sol­che Theo­re­me und oft mehr geraun­te als aus­ge­spro­che­ne Ver­däch­ti­gun­gen wir­ken bis in die gesell­schaft­li­che Mit­te. Die Ver­un­si­che­rung „was man viel­leicht doch alles nicht weiß“, wel­che „Hin­ter­grün­de“ man in einem You­tube-Video als Erwe­ckungs­er­leb­nis erfah­ren hat, ist gera­de deut­lich zu beob­ach­ten. Durch die Frei­heits-Rhe­to­rik, den vor­der­grün­di­gen Anti­fa­schis­mus und die ärzt­li­che oder wis­sen­schaft­li­che Schein-Auto­ri­tät wer­den auch Kri­ti­sche und Gut­wil­li­ge zum Zwei­feln gebracht:

Waren die Infek­tio­nen oder die Maß­nah­men dage­gen von Bill Gates ver­ur­sacht, der die WHO besitzt und noch vie­le fins­te­re Plä­ne hegt? Phar­ma­in­dus­trie, Zwangs­imp­fun­gen, Implan­tie­rung von Mikro­chips, Redu­zie­rung der Bevöl­ke­run­gen? Leben wir sogar schon in einer Dik­ta­tur und hat ein „tie­fer Staat“ Maß­nah­men orga­ni­siert oder einer „Neu­en Welt­ord­nung“ damit zuge­ar­bei­tet? Die Moti­ve, die schon 2015 in Umlauf gebracht wur­den („Mer­kel-Dik­ta­tur“ und „Lügen­pres­se“) wur­den durch neue Erzäh­lun­gen ange­rei­chert (bis zu QAnon, einer beson­ders gif­ti­gen Ver­schwö­rungs­er­zäh­lung aus den USA).

Dabei gibt es tat­säch­lich Ver­schwö­run­gen, staat­li­che Zwangs­maß­nah­men, gegen die Wider­stand berech­tigt ist, auch das, was man „tie­fen Staat“ aus Geheim­diens­ten, Mili­tär und Para­mi­li­tärs nen­nen kann Es gibt die Inter­es­sen der Phar­ma­in­dus­trie, gute Grün­de für Skep­sis gegen Sta­tis­ti­ken und für die Kri­tik des wis­sen­schaft­lich-medi­zi­nisch-indus­tri­el­len Kom­ple­xes! Aber doch nicht so! Die Irra­tio­na­li­tät schreit zum Him­mel, ver­gif­tet jede offe­ne Dis­kus­si­on, benutzt sol­che Moti­ve, um gera­de reak­tio­nä­re Zie­le durch­zu­set­zen.

Graf­fi­to in Müns­ter – Foto: Moni­ka Kup­c­zyk
Nur eine kurze Unterbrechung der Hamsterrad-Ökonomie?

Viel­leicht fing es mit Schäub­les Aus­sa­ge an: „Wenn ich höre, alles ande­re habe vor dem Schutz von Leben zurück­zu­tre­ten, dann muss ich sagen: Das ist in die­ser Abso­lut­heit nicht rich­tig. Grund­rech­te beschrän­ken sich gegen­sei­tig. Wenn es über­haupt einen abso­lu­ten Wert in unse­rem Grund­ge­setz gibt, dann ist das die Wür­de des Men­schen. Die ist unan­tast­bar. Aber sie schließt nicht aus, dass wir ster­ben müs­sen.“ Da wer­den vie­le Anar­chis­tInn­nen zustim­men. Aber öko­no­mi­sche Inter­es­sen über­setz­ten schnell: „Wir ret­ten Leu­te, die in einem hal­ben Jahr ohne­hin gestor­ben wären“ oder „Wer Angst hat, soll zu Hau­se blei­ben.“ Und als alle Maß­nah­men der Ein­däm­mung der Coro­na-Epi­de­mie, die ja durch­aus erfolg­reich waren und „von unten“ ein­ge­setzt hat­ten bevor am 22. März Kon­takt­be­schrän­kun­gen von den Regie­run­gen emp­foh­len wur­den, schnel­ler und schnel­ler gelo­ckert wer­den (konn­ten!), geschah das mit einem Grund­rech­te-Dis­kurs. So bewähr­te und robus­te Ver­tei­di­ger der Frei­heit wie Bischof Mül­ler, Boris Pal­mer, Wolf­gang Kubicki und natür­lich beson­ders Chris­ti­an Lind­ner (ori­gi­nal nur mit Jagd­schein!) signa­li­sie­ren ihrer Kli­en­tel: Jetzt ist aber auch mal gut, wir zah­len nicht für Eure Kri­se! Davor hat­ten schon bekann­te sozi­al­re­vo­lu­tio­nä­re Orga­ni­sa­tio­nen wie Adi­das mit dem Gedan­ken gespielt, kei­ne Mie­ten mehr zu zah­len, pre­kär beschäf­tig­te Fuß­ball- und ande­re Stars sahen ihre Ent­fal­tungs­mög­lich­kei­ten grund­ge­setz­wid­rig beschnit­ten.

Nun ging es Schlag auf Schlag: Die Reli­gi­ons­frei­heit war bedroht, klar, dass Auto- und Möbel­häu­ser wie­der zu öff­nen waren, das Recht auf freie Mei­nungs­äu­ße­rung und Ver­samm­lungs­frei­heit – kön­nen sie noch anders­wo als auf dem „Bal­ler­mann“ gedei­hen? Die kör­per­li­che Unver­sehrt­heit steht in Fra­ge – ein­deu­tig, dass Fit­ness-Stu­di­os wie­der geöff­net wer­den müs­sen. Ach ja, es geht wie­der um das „Sur­vi­val of the Fit­test“.

Auch das kann Atemnot verursachen

In Hal­le sieht man den Rechts­ex­tre­mis­ten Sven Lie­bich, ein frü­he­rer „Blood and Honour“-Kader, der von einem „natio­na­len Arbei­ter­auf­stand“ träumt und nun an 5 Tagen in der Woche Hal­les Markt­platz mit sei­nen Paro­len beschal­len will, mit einem Anne-Frank-T-Shirt. Sein Geschäfts­mo­dell beinhal­tet den Ver­sand­han­del mit T‑Shirts, die einen Juden­stern und dar­in das Wort „unge­impft“ zei­gen; auf jeder „Hygie­ne-Demons­tra­ti­on“ trägt man die­se nun. Gegen „Coro­na-Dik­ta­tur“ und „Not­stands­ge­set­ze“ agi­tiert „Com­pact“. „Mit­ten im Faschis­mus“ erlebt sich Atti­la Hild­mann, aber er meint nicht sei­ne Mit­strei­ter, son­dern die Bun­des­re­gie­rung, die ein Demons­trant in Greiz „im Füh­rer­bun­ker“ ver­mu­te­te. Man hört wie­der Men­schen, die „mit der Waf­fe in der Hand“ dage­gen kämp­fen und „noch eini­ge mit­neh­men“ wol­len, wenn sie geholt wer­den. Nein, nicht der Vor­satz lin­ker Anti­fa­schis­ten der 70er Jah­re, eher Reichs­bür­ger. Und so geht das immer wei­ter. Die Zei­tun­gen sind voll davon. Die poli­ti­schen Maga­zi­ne und Nach­rich­ten­sen­dun­gen zei­gen die Bil­der, aber vor allem haben sich „Alter­na­tiv­me­di­en“ eta­bliert, die gegen die „Lügen­pres­se“ und den „Staats­funk“ ihre eige­ne Infra­struk­tur ent­wi­ckelt haben. Kanä­le, die mehr und mehr über Stich­wor­te und Andeu­tun­gen von einem „Wis­sen“ ver­bun­den sind, das in den öffent­lich-recht­li­chen Kanä­len nicht vor­kommt. „Das darf man ja nicht sagen“ hat das „Man wird ja wohl noch“ ersetzt. Glau­ben sie eigent­lich, was sie sagen? Oder ist es – wie Fritz Kater gesagt hät­te – „bezahl­te Arbeit“? Es ist auf alle Fäl­le geeig­net, Click­zah­len „zu gene­rie­ren“, „Fol­lower“ zu ani­mie­ren und Gegen-Pro­mis zu erschaf­fen.

Kein Video kommt ohne die Beteue­rung aus, wo über­all und wie oft die­se Bot­schaft schon gelöscht sei, und wie vie­le ande­re Bot­schaf­ten bedeu­ten­der Wis­sen­schaft­ler, hono­ri­ger Män­ner und Volks­er­zie­her unter­drückt und ver­folgt wur­den. Schon dadurch ist der Zuschau­er beglückt, wenn er der gehei­men Bot­schaft nun (wie 200.000 ande­re!) teil­haf­tig wird: Man ist Opfer, man ist Held, und merk­wür­dig beson­ders die Umkeh­rung: Jetzt ist man Jude, Anti­fa­schist, warnt vor einem „neu­en ‚33“ oder „gar schlim­mer als 1933“, wahl­wei­se auch „Sta­si 2.0“ und „Wir sind das Volk“, egal, es wird alles okku­piert, schließ­lich hat auch die NSDAP den 1. Mai zum gesetz­li­chen Fei­er­tag gemacht. Woher das Kos­tüm auch stammt, es ist ja immer Camou­fla­ge.

Ger­ne wer­den die aka­de­mi­schen Meri­ten der ver­schwö­rungs­theo­re­tisch auf­be­rei­te­ten Ärz­te und Pro­fes­so­ren aus­ge­brei­tet; eine wah­re Gegen­eli­te gegen die „Volks­ver­rä­ter“. Noch stets gibt es die lan­ge Vor­re­de, in der sie vor­ge­stellt wer­den und sich vor­stel­len und vor­ab schon als Ret­ter aus der Ver­blen­dung beju­belt wer­den, schon man­ches wird so vor jedem Inhalt mit­ge­teilt! Gut ist natür­lich der auf­op­fe­rungs­vol­le Arzt, dem sei­ne Pati­en­tin­nen ver­trau­en, mit lang­jäh­ri­ger Berufs­er­fah­rung, der in ein wun­der­ba­res Team ein­ge­bun­den ist, SPD viel­leicht. Jedes Video könn­te man Sequenz für Sequenz dar­auf­hin ana­ly­sie­ren, wie Glaub­wür­dig­keit her­ge­stellt wer­den soll, Vor­tra­gen­de und Höre­rIn­nen eine ver­schwo­re­ne Gemein­schaft der gefähr­de­ten Wis­sen­den bil­den sol­len. Wir­kungs­voll ist, wenn man sich ganz offen gibt und etwa auf die Fra­ge, war­um denn die­se Maß­nah­men von den Regie­run­gen getrof­fen wur­den, wenn sie doch in der Gefähr­lich­keit des Virus so ganz offen­sicht­lich kei­ne Grund­la­ge fin­den, sagt „Das weiß ich auch nicht“ (natür­lich mit wis­sen­dem Lächeln) und dem Signal „ein wei­tes Feld“ – und der mehr oder weni­ger Ein­ge­weih­te ahnt, wovon die Rede ist und war­um man bes­ser nicht alles sagt: Geheim­diens­te! Die Neue Welt­ord­nung! Der tie­fe Staat! Die Illu­mi­na­ten (auch die gab es wirk­lich!) und letzt­lich – pss­sst! – die jüdi­sche Welt­ver­schwö­rung, die heu­te als „inter­na­tio­na­le Finanz­krei­se“ chif­friert ist. „Soros“ gerät jetzt etwas ins Hin­ter­tref­fen, „Bill Gates“ ist gera­de der größ­te Dämon. Das ist alles per­fi­de und wich­tig­tue­risch.

Sie war­nen vor dem Bür­ger­krieg, den sie sel­ber her­bei­re­den und am rech­ten Rand her­bei­seh­nen. Den „Wider­stand“ aller­dings haben sie schon frü­her gele­gent­lich kapern wol­len. Jetzt hört man oft „Wo Recht zu Unrecht wird, wird Wider­stand zur Pflicht“, der Slo­gan, der lan­ge die Bewe­gung gegen Atom­ener­gie gelei­tet hat. Viel­leicht hat Elsäs­ser ihn mit­ge­bracht, gelernt ist gelernt: Dif­fa­mie­rung, Mobi­li­sie­rung, Pola­ri­sie­rung, Eska­la­ti­on, Skru­pel­lo­sig­keit. Ein poli­ti­sches Unter­neh­mer­tum, das von der Pro­jek­ti­on eige­ner Geschäfts­mo­del­le auf „Fein­de der Mensch­heit“ lebt.

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