[GWR:] Wohin?

Zweierlei Wahrheiten

Die Lin­ke scheint sich in zwei Groß­grup­pen auf­zu­tei­len. Die einen argu­men­tie­ren opti­mis­tisch-vita­lis­tisch und dabei anti-staats­tra­gend: Covid-19 sei nicht so dra­ma­tisch wie von den Main­stream-Medi­en behaup­tet. Der Staat ver­schaf­fe sich in kaum geahn­ter Wei­se Zugriffs­mög­lich­kei­ten auf die Gesell­schaft. Betont wird mit dem ita­lie­ni­schen links­ra­di­ka­len Phi­lo­so­phen Gior­gio Agam­ben, dass es dem bio­po­li­tisch auf­ge­stell­ten Sou­ve­rän um die Durch­set­zung von vie­ler­lei Not­stands­maß­nah­men geht. Dies beto­nen auch links­bür­ger­li­che Stim­men aus dem obsku­ran­tis­ti­schen Alter­na­tiv­me­di­en­be­reich („Rubi­kon“, „Nach­denk­sei­ten“) wie eher anar­chis­ti­sche und links­ra­di­ka­le Posi­tio­nen rund um die Ber­li­ner „Magazin”-Redaktion. Letz­te­re neh­men selbst das Odi­um der „Ver­schwö­rungs­theo­rie“ und die Nähe zum ange­fein­de­ten Arzt und frü­he­ren SPD-Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten Wolf­gang Wodarg auf sich, um gegen die „Panik“ und Angst­po­li­tik eines tota­li­tä­ren Spek­ta­kels, wie man in Anleh­nung an die Situa­tio­nis­ten sagen könn­te, zu agi­tie­ren. Und tat­säch­lich fin­det ja in der Kri­se und mit­tels der Maß­nah­men gegen die Pan­de­mie ein bei­spiel­lo­ser Abbau von Grund­rech­ten statt. Das Demons­tra­ti­ons­recht ist de fac­to außer Kraft gesetzt. Das Infek­ti­ons­schutz­ge­setz ist in Deutsch­land der Hebel zur Sus­pen­die­rung demo­kra­ti­scher Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten. Der Ein­satz der Bun­des­wehr im Inne­ren durch den „Amtshilfe“-Paragrafen ist in der Dis­kus­si­on. Eine par­la­men­ta­ri­sche Oppo­si­ti­on, aber auch eine nen­nens­wer­te außer­par­la­men­ta­ri­sche scheint es nicht zu geben. Anti­ras­sis­ti­sche See­brü­cken­de­mos wer­den unter dubio­sen Vor­wän­den zer­streut, bie­de­re Spa­zier­gän­ge mit Grund­ge­setz poli­zei­lich schi­ka­niert. Gilt nun, so sagen die­se Stim­men, nicht umso mehr die „Pflicht zum Unge­hor­sam gegen­über dem Staat“? Sie könn­ten sich dar­in sogar auf die All­ge­mein­plät­ze der ange­se­he­nen moder­nen Sozio­lo­gie bezie­hen, wie auf Ulrich Becks „Risi­ko­ge­sell­schaft“, wor­in fest­ge­hal­ten ist: „Die Risi­ko­ge­sell­schaft ist eine kata­stro­pha­le Gesell­schaft. In ihr droht der Aus­nah­me­zu­stand zum Nor­mal­zu­stand zu wer­den“. Nicht erst ein Blick nach Chi­le, Ungarn oder Isra­el mit den dor­ti­gen Not­stands­re­ge­lun­gen, die fun­da­men­ta­le demo­kra­ti­sche Rech­te außer Kraft set­zen, scheint kri­ti­sche Stim­men, die aktu­ell die repres­si­ven staat­li­chen Maß­nah­men bekla­gen, zu bestä­ti­gen.

Ande­re, eher tra­di­ti­ons­lin­ke Mar­xis­ten-Leni­nis­ten loben Chi­na, da dort eine effek­ti­ve Ein­däm­mung unter ande­rem mit­tels eines kom­plet­ten „Lock­down“, ein­schließ­lich gro­ßer Tei­le der Wirt­schaft, durch­ge­setzt wer­den konn­te und gleich­zei­tig die Bevöl­ke­rung effek­tiv kon­trol­liert wur­de und in ihren Bewe­gungs­ab­läu­fen über­wacht wer­den konn­te. Phi­lo­so­phisch an Hegel geschul­te Mar­xis­ten-Leni­nis­ten schwär­men von dem „sitt­li­chen Staat“, der nun die Gesell­schaft im Sin­ne des All­ge­mein­wohls len­ken und lei­ten soll­te. Felix Bar­tels schreibt in der „jun­gen Welt“, die Kri­se erfor­de­re Staats­mach­te­robern, Zen­tra­lis­mus, Anti-Föde­ra­lis­mus. Ein­tre­ten für Bür­ger­rech­te erscheint ihm als anti­kom­mu­nis­tisch moti­viert. Selbst der anti­au­to­ri­tä­re Publi­zist Hel­mut Höge mein­te mit loben­dem Blick auf „die Chi­ne­sen“ in der glei­chen Zei­tung, sie hät­ten „der Welt gezeigt (…)“, dass nur ein Staat unter der Füh­rung der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei (und dank Kran­ken­haus­blitz­bau­ten) solch eine Pan­de­mie ein­däm­men kann“. Auch der in der gesam­ten radi­ka­len Lin­ken als Auto­ri­tät gehan­del­te Mike Davis (Autor des Buches „Vogel­grip­pe“) fin­det loben­de Wor­te über das aktu­el­le chi­ne­si­sche Vor­ge­hen. Ange­sichts der Vogel­grip­pe hat­te Davis unter ande­rem noch minu­ti­ös nach­ge­zeich­net, wie die chi­ne­si­sche Regie­rung die dama­li­ge Seu­che ver­schwieg und baga­tel­li­sier­te. Die ähn­lich gela­ger­te Poli­tik der chi­ne­si­schen Regie­rung ange­sichts der Covid-19-Pan­de­mie ist Davis sicher­lich nicht ent­gan­gen. Den­noch kommt er zu die­sem vor­sich­ti­gen und doch gewag­ten Urteil: „Heu­te in einem Jahr wer­den wir viel­leicht mit Bewun­de­rung auf Chi­nas Erfolg bei der Ein­däm­mung der Pan­de­mie und mit Schre­cken auf das Ver­sa­gen der USA zurück­bli­cken.“ Und tat­säch­lich – so muss man wie­der­um ein­räu­men – wäre es ver­mes­sen, gegen eine Poli­tik des Staa­tes als Statt­hal­ter des Gemein­we­sens zu oppo­nie­ren, der Tote ver­mei­det und Men­schen schlicht vor einer gro­ßen objek­ti­ven Gefahr schützt. Der mar­xis­ti­sche Phi­lo­soph Sla­voj Žižek wider­sprach Agam­ben auch fun­da­men­tal, beton­te in meh­re­ren Tex­ten, dass die Coro­na-Bedro­hung real und ein­zig die Fra­ge ange­mes­sen sei, wie man das huma­ner gestal­ten kön­ne, was Chi­na in der not­wen­di­gen Unter­bin­dung des Virus vor­ge­macht habe: staat­li­ches kon­zen­trier­tes Ein­schrän­ken der Kon­tak­te. Auch die­se Hal­tung hat etwas für sich: Schließ­lich befin­den sich mit dem US-ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten Trump und dem Bra­si­lia­ner Bol­so­na­ro zwei pro­to­fa­schis­ti­sche Staat­män­ner im Lager jener, die ein „busi­ness as usu­al“ pro­pa­gier­ten, kei­ne beson­de­ren staat­li­chen Maß­nah­men ergrif­fen, die Gefahr des Virus mini­mier­ten und damit bewusst oder unbe­wusst einer Poli­tik der „Tria­ge“, die vor allem die Armen trifft, den Weg berei­ten.

Der eigene Skeptizismus

Wer hat Recht? Wo könn­te sich also ein liber­tär-kom­mu­nis­ti­sches Milieu wie­der­fin­den? Ich ver­su­che es essay­is­tisch zu umkrei­sen.

Zuviel Ver­trau­en in Bun­des­re­gie­rung und Medi­en soll­ten gera­de Antimilitarist*innen und Frie­dens­be­weg­te nicht auf­brin­gen, die sich noch an die medi­al orches­trier­ten Kriegs­vor­be­rei­tun­gen wäh­rend des Koso­vo­kriegs 1999 erin­nern. Als Vertreter*innen der alter­na­ti­ven Medi­en­sze­ne, aus Stadt­zei­tun­gen und frei­en Radi­os haben wir immer Mar­shall McLu­han und Niklas Luh­mann von links über­holt: „Klar, die Medi­en bil­den die Rea­li­tät nicht ab, sie erzeu­gen sie! Und des­halb brau­chen wir Gegen­öf­fent­lich­keit!“ Dass sich dort auch dis­si­den­te, rand­stän­di­ge Stim­men arti­ku­lie­ren kön­nen und sol­len, steht ja außer Fra­ge. Bei Leser*innen von femi­nis­ti­scher Lite­ra­tur zur Hexen­ver­bren­nung hat sich ein kri­ti­sches Ver­hält­nis zur Her­aus­bil­dung einer offi­zi­el­len Schul­me­di­zin ein­ge­stellt, die von Män­nern domi­niert und vom Staat sank­tio­niert ist. Im Sozio­lo­gi­schen Semi­nar lern­ten wir Fou­caults Kri­tik der Bio-Macht ken­nen, an die nun der oben erwähn­te Agam­ben anschließt. Als Atom-Gegner*innen wis­sen wir, wie inter­es­se­ge­lei­tet wis­sen­schaft­li­che Exper­ti­sen sind und wir sind gegen­über Expert*innen in Schlips und Kra­gen oder mit ein­ge­üb­ter habi­tu­el­ler Per­form­anz (der Arzt­kit­tel) miss­trau­isch. Denn blin­des Ver­trau­en in Exper­ten, ja das Her­aus­schä­len einer Exper­to­kra­tie lehn­ten Anarchist*innen der letz­ten Jahr­zehn­te doch stets ab. Den kri­tisch sich geben­den Dekonstruktivist*innen lausch­ten wir immer höf­lich bis andäch­tig, wenn sie erklär­ten, es gäbe kei­ne vor-dis­kur­si­ven Wahr­hei­ten. Und auch wenn wir nicht jeden Mate­ria­lis­mus auf­ge­ben woll­ten, könn­ten wir auf­grund unse­rer prin­zi­pi­ell anti­au­to­ri­tä­ren, kri­ti­schen, Auto­ri­tä­ten in Fra­ge stel­len­den Grund­po­si­ti­on, ja dürf­ten wir vor dem Hin­ter­grund unse­rer skep­ti­schen Sozia­li­sa­ti­on nicht die­sen Aus­sa­gen vor­be­halt­los zustim­men: „Nicht das Virus bestimmt unser Reden, Den­ken, Tun, son­dern der Dis­kurs der Macht bestimmt, wie wir über das Virus reden, wel­che Hal­tung wir ihm gegen­über ein­neh­men, unse­re Ängs­te und unse­re Hand­lun­gen. Der Dis­kurs der Macht ist zunächst das, was wir aus den Medi­en erfah­ren, was wir wei­ter tra­gen in alle unse­re Bezie­hun­gen und Begeg­nun­gen.“ Die­se Wor­te eröff­nen einen Text des Vor­sit­zen­den der Ber­li­ner Neu­en Gesell­schaft für Psy­cho­lo­gie und Schü­lers von Peter Brück­ner, Klaus-Jür­gen Bru­der, der sich damit in die ers­te lin­ke Groß­grup­pe ein­sor­tiert.

Barbarisierung und alternative Triage

Da die Lin­ke ange­sichts der Coro­na-Kri­se über­for­dert ist, ver­legt sie sich auf das, was sie am bes­ten beherrscht. Wäre sie ehr­lich, wür­de sie sich ein­ge­ste­hen: sie weiß sehr wenig über Viren, Epi­de­mien, Pan­de­mien. Hät­te sie nicht den Setz­bau­kas­ten der „erlaub­ten“ Inter­pre­ta­tio­nen, der jetzt brav auf­ge­klappt wird, wäre sie ver­lo­ren. Ein Teil der Lin­ken weiß zur Rea­li­tät selbst wenig zu sagen, und ver­legt sich dar­auf (wie übri­gens auch der Autor die­ser Zei­len), zu sich­ten, was ande­re schrei­ben. Eine beson­ders bra­ve und ange­pass­te Unter­ab­tei­lung die­ser Text-Lin­ken kann gar nichts Wahr­heits­fä­hi­ges mehr äußern und von sich geben, außer mora­lisch zu skan­da­li­sie­ren, von wem ein Gedan­ke ist und wo er ver­öf­fent­licht ist. Und so dürf­te eini­gen beson­ders wach­sa­men Türhüter*innen bereits der Hin­weis genü­gen, dass Bru­ders oben zitier­ter Text im Inter­net-Por­tal „Rubi­kon“ ver­öf­fent­licht wur­de, das eini­gen Antifaschist*innen als Quer­front-Inter­net-Pro­jekt gilt.

Tat­säch­lich ist ein nicht unbe­deu­ten­des Arse­nal an kri­ti­schen Gedan­ken, Hal­tun­gen und Posi­tio­nen in trans­for­mier­ter Form im media­len Feld des Obsku­ran­tis­mus, nahe bei Ver­schwö­rungs­theo­rien und poli­tisch dif­fu­sen Posi­tio­nen gelan­det. Ein neu­er Medi­en­markt rund um „Nach­denk­sei­ten“, „Rubi­kon“, „Ratio­nal­ga­le­rie“, „KenFM“ ist ent­stan­den, der sich von den alten Alter­na­tiv­me­di­en nach 1968 und zur Zeit der Neu­en Sozia­len Bewe­gun­gen erheb­lich unter­schei­det. An ihrer Spit­ze ste­hen mehr oder weni­ger cha­ris­ma­ti­sche Figu­ren und Auf­merk­sam­keits­ha­scher, nicht mehr die bun­ten Trup­pen der alten lin­ken Gegen­öf­fent­lich­keit. Die neu­en Alter­na­tiv­me­di­en mar­kie­ren ein neu­es Markt­seg­ment, behaup­ten tat­säch­lich, jen­seits von links und rechts zu ste­hen und gerie­ren sich als ver­stie­ge­ne Wahr­heits­ver­kün­der. Hier fin­den sich all jene Mei­nun­gen wie­der, die ide­al­ty­pisch im Sin­ne libe­ra­ler Dis­kurs- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­theo­rie gehört und kri­ti­siert wer­den soll­ten, aber in den Main­stream­m­edi­en mar­gi­na­li­siert sind. Das Stig­ma der „Ver­schwö­rungs­theo­rie“ hängt über ihnen. Bes­ten­falls kom­men sie in den gro­ßen Medi­en in den Genuss des „Fak­ten­checks“ wie Wodar­gs The­sen. Dass sie so aus dem offi­zi­el­len öffent­li­chen Gespräch aus­ge­grenzt wer­den, stei­gert nur ihre Attrak­ti­vi­tät. Tat­säch­lich fin­det sich neben Ver­nünf­ti­gem und Kri­ti­schem genau­so viel Irra­tio­na­les bis Ver­hee­ren­des in die­sen alter­na­ti­ven Medi­en­for­ma­ten. In eini­gem erin­nern sie an die „Infla­ti­ons­hei­li­gen“ oder „Bar­fü­ßi­gen Pro­phe­ten“ der Infla­ti­ons­zeit, nur auf dem Niveau der post­mo­dern-neo­li­be­ra­li­sier­ten Ver­hält­nis­se. Und waren in den 20er Jah­ren unter den Lum­pen­pro­phe­ten auch eini­ge völ­ki­sche, anti­se­mi­ti­sche oder nietz­schea­nisch-vita­lis­ti­sche Ver­kün­der, so fin­det heu­te der ein oder ande­re rabia­te Sozi­al­dar­wi­nist hier sei­nen Platz. So schien sich die Redak­ti­on von „Rubi­kon“ in ihrer Anti-Not­stands-Ver­ve und der damit ver­bun­de­nen dis­kur­si­ven Mini­mie­rung der Gefahr, die von Covid-19 aus­ge­he, kei­nes­falls an einem Text zu sto­ßen, der von einem Sven Bött­cher stammt und unter der Über­schrift „Die Pseu­do-Kri­se“, die Behand­lung alter, durch das Coro­na-Virus erkrank­ter Men­schen im Sin­ne eines sozi­al­dar­wi­nis­tisch anmu­ten­den Mal­thu­sia­nis­mus ablehnt. Bött­cher schrieb: „Des­halb möch­te ich mor­gen von allen offi­zi­el­len Stel­len welt­weit hören: Über 80-jäh­ri­ge mit drei Vor­er­kran­kun­gen und fri­scher Lun­gen­ent­zün­dung behan­deln wir nicht auf Inten­siv­sta­tio­nen, die schi­cken wir zum Ster­ben nach Hau­se, denn ster­ben müs­sen ja alle. Jün­ge­ren ist es auch wie­der gestat­tet, Ster­ben­den die Hand zu hal­ten. Und sich zu Trau­er­fei­ern zu ver­sam­meln. Auf eige­ne Gefahr. Alte und gebrech­li­che Teil­neh­mer an Trau­er­fei­ern sind auf die­se bestehen­de Gefahr aus­drück­lich hin­zu­wei­sen. Unse­re Inten­siv­sta­tio­nen und unser medi­zi­ni­sches Per­so­nal ste­hen selbst­ver­ständ­lich jün­ge­ren Coro­na-Lun­gen­ent­zün­dungs­pa­ti­en­ten wei­ter offen. Die Mor­ta­li­täts­ra­te bei U‑80, nicht vor­er­krank­ten Coro­na-infi­zier­ten Pati­en­ten liegt der­zeit bei etwa 0 Pro­zent.“

Es ist die­se Bru­ta­li­sie­rung gegen­über der Rea­li­tät, die irri­tiert und abstößt. Es sind die glei­chen Leu­te, die für Wodarg schwär­men und die in einem Kom­ple­men­tär­ver­hält­nis zu den „Qua­li­täts­me­di­en“ und der Mehr­heits­mei­nung, die Wodarg ableh­nen, dem Robert-Koch-Insti­tut und den offi­zi­el­len Viro­lo­gen jeg­li­che Wahr­haf­tig­keit in den Aus­sa­gen abspre­chen. Die­se nicht klei­ne Grup­pe der sich zu Wort mel­den­den Corona-Leugner*innen, die pri­vat über Tele­gram- und Whats­App-Grup­pen Ver­brei­tung fin­den, ver­här­ten sich voll­stän­dig gegen­über den Bil­dern aus Ita­li­en, dem fran­zö­si­schen Elsass oder der USA. Sie wol­len oft­mals nicht wis­sen, wel­che Fol­gen das Virus hat, stößt es auf eine Regi­on wie Ita­li­en mit einem kaputt­ge­spar­ten Kran­ken­haus­we­sen und wegen Umwelt­ver­schmut­zung ange­grif­fe­nen Lun­gen. Sie neh­men den Tod der ja in ihren Augen ohne­hin sehr alten Men­schen recht ach­sel­zu­ckend in Kauf. Für sie liegt es nicht nahe, in Soli­da­ri­tät mit poten­ti­ell Betrof­fe­nen (Kran­ken, Alten, Men­schen mit Vor­er­kran­kun­gen) die schlimmst­mög­li­chen Sze­na­ri­en auch hier­zu­lan­de zu anti­zi­pie­ren. Denn in der Ein­sicht, an einer Unter­bin­dung selbst mit­zu­wir­ken und ver­nunft­ge­lei­te­ten Ver­zicht zu üben, der schmerz­lich ist (Unter­bin­dung phy­si­scher Kon­tak­te, räum­li­che Iso­la­ti­on), wäre man plötz­lich nichts wei­ter als gehor­sa­mer Staats­bür­ger – zumin­dest im bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Arran­ge­ment.

Über die Sozialdemokratie hinaus!

Anpas­sung an die Rea­li­tät ist also ange­sagt, nimmt man das Virus ernst, doch die­se Anpas­sung ist tückisch. Was die Querulant*innen bekämp­fen und zurück­wei­sen, ist näm­lich auch eine Zumu­tung für Anarchist*innen und kri­ti­sche Marxist*innen. Denn wo ange­pass­tes Ver­hal­ten nicht der Logik der Ver­hält­nis­se und der Gra­vi­tät der Mate­rie selbst folgt, kann sie zu unkri­ti­scher Demuts­hal­tung oder einem gro­ßen fal­schen Ein­ver­ständ­nis füh­ren. Sicher­lich zeigt Coro­na, was die Kli­ma­fra­ge schon längst hät­te leh­ren sol­len: Der Mensch als Gat­tungs­we­sen ist den von ihm selbst her­vor­ge­ru­fe­nen Gefah­ren aus­ge­setzt, die vor-dis­kur­siv sind. Doch wie man die­sen begeg­net, ist wie­der­um eine emi­nent poli­ti­sche Fra­ge. Das zeigt sich nicht nur im Wis­sen­schafts­ver­ständ­nis, son­dern auch im Staats­ver­ständ­nis. Wel­che Rol­le des Staa­tes zeigt sich 2020 anläss­lich der Coro­na-Kri­se? Die alt-anar­chis­ti­sche Vor­stel­lung der staat­li­chen oder über­staat­li­chen Ver­schwö­rung „der Herr­schen­den“ oder irgend­wel­cher „Herr­scher“ ist tief im anti­se­mi­ti­schen Sumpf der Netz-Ver­schwö­rungs­theo­rien ange­kom­men, wo von „Roth­schilds“, „Rocke­fel­lers“, „Bill Gates“ und der „New World Order“ geraunt wird, von rechts wohl­ge­merkt. Die meis­ten Anarchist*innen haben sich ja ohne­hin abge­wöhnt, die „Herr­schen­den“ als ver­schwo­re­ne Cli­que zu betrach­ten. Anstel­le des gro­ßen bösen Bil­des „Staat“ hat sich eine Kako­pho­nie von Staats­ver­ständ­nis­sen breit gemacht und der Anar­chis­mus par­ti­zi­pier­te vom Mar­xis­mus oder aka­de­mi­schen Debat­ten. So hat sich ein neo-anar­chis­ti­sches Ver­ständ­nis vom Staat ent­wi­ckelt, das vom unkri­ti­schen „der Staat sind wir alle“ bis zum neo-refor­mis­ti­schen „der Staat als Ver­dich­tung gesell­schaft­li­cher Kräf­te­ver­hält­nis­se“ im Anschluss an Anto­nio Gram­sci und Nicos Pou­lant­z­as reicht. Mit den volks­für­sorg­li­chen Manö­vern der Bun­des­re­gie­rung, die mit Ange­la Mer­kel wie­der die pas­sen­de Ver­tre­te­rin des semi-auto­ri­tä­ren Appells an Demut und Ver­nunft gefun­den hat, dürf­te auch das gedank­li­che In-Erin­ne­rung-Rufen der „lin­ken Hand des Staa­tes“ (Bour­dieu) frü­her oder spä­ter dazu tre­ten. Schon jetzt träu­men eini­ge von einer gra­zi­len Mischung aus Staats­in­ter­ven­tio­nis­mus, Grund­ein­kom­men, Heli­ko­pter­geld und volks­ge­mein­schaft­li­cher Soli­da­ri­tät. Der Staat scheint in all die­sen Vari­an­ten nicht „Staat des Kapi­tals“ zu sein, und die­se affir­ma­ti­ven Urtei­le kön­nen mit dem für­sorg­lich erschei­nen­den, staat­lich ver­ord­ne­ten wirt­schaft­li­chen Lock­down eine Bestä­ti­gung erfah­ren. Sind wir nun alle in der Hand von dem Gemein­we­sen ver­pflich­te­ten Volks­ver­tre­tern, die auf den Rat neu­tra­ler Exper­ten hören und dabei sogar die Wirt­schaft düpie­ren? In der Bun­des­re­pu­blik haben wir es mit einem auf Ver­nunft und Wis­sen­schaft sich bezie­hen­den volks­ge­sund­heit­li­chen Maß­nah­men­staat zu tun, der in ers­ter Linie mit­tels Kon­sens und Über­zeu­gungs­kraft auto­ri­tär wirkt. Nega­tiv­fo­lie sind ihm die in der Unver­nunft ver­har­ren­den oder einen irra­tio­na­len Zick-Zack-Kurs ein­schla­gen­den Popu­lis­ten wie John­son, Trump und ande­re, die ihr eige­nes popu­lis­ti­sches Ver­spre­chen, das Volk zu schüt­zen, gar nicht umzu­set­zen in der Lage sind. Kön­nen wir uns also hier­zu­lan­de in Sicher­heit wie­gen, unse­ren Anar­chis­mus auf­ge­ben und die staat­lich orga­ni­sier­te Gesell­schaft wie im poli­tik­wis­sen­schaft­li­chen Lehr­buch beschrie­ben sanft­mü­tig betrach­ten?

Nichts wäre ver­kehr­ter als dies. Das fängt bereits damit an, dass in der Kri­se deut­lich wird, dass dem öffent­li­chen Blick ent­zo­ge­ne har­te staat­li­che Insti­tu­tio­nen Pro­blem und nicht Lösung sind.

Die Epo­che der Sozi­al­de­mo­kra­tie, des gene­ra­li­sier­ten Keyne­sia­nis­mus war auch die Epo­che der ein­schlie­ßen­den Insti­tu­tio­nen. Die­se soll­ten zwar zivil gema­nagt wer­den und wur­den auch ab den 70er Jah­ren in Gefäng­nis­re­for­men, Psych­ia­trie­re­for­men und mit­tels des Ein­sat­zes ver­ständ­nis­vol­ler Sozi­al­ar­beit moder­ni­siert. Doch als ein­schlie­ßen­de Insti­tu­tio­nen blie­ben sie immer erhal­ten. Nichts hat die vor allem arme Men­schen tan­gie­ren­de Gefähr­lich­keit die­ser Orte so dras­tisch auf­ge­zeigt wie die Coro­na-Kri­se. Knäs­te und Abschie­be­ge­fäng­nis­se wie ‑Lager sind Bal­lungs­zen­tren von Infek­tio­nen, die nicht dem Staat, son­dern den Men­schen selbst zur Gefahr wer­den. Des­halb sind Knäs­te, Abschie­be­ge­fäng­nis­se und alle ein­schlie­ßen­den, auf Stra­fe und Weg­sperr­lo­gik basie­ren­den Repres­si­ons­ein­rich­tun­gen auf­zu­lö­sen.

Die meis­ten Toten in Deutsch­land gab es in Alters­hei­men. Alters­hei­me sind je nach finan­zi­el­ler Aus­stat­tung und Klas­sen­zu­ge­hö­rig­keit der Bewoh­ner sehr unter­schied­lich auf­ge­stellt. Sozia­le Iso­la­ti­on alter Men­schen als moder­nes Phä­no­men spitz­te sich in der Coro­na­kri­se zu. Ein viel­be­ach­te­tes, auch medi­al pro­mi­nent behan­del­tes The­ma stellt die Zunah­me von häus­li­cher Gewalt ange­sichts der Zurück­ge­wor­fen­heit aufs Klein­fa­mi­liä­re in Zei­ten eines Aus­geh­ver­bots dar. Aber beson­ders die Situa­ti­on von Kin­dern, die einer Allein­er­zie­hen­den und deren Zugriffs­macht unter­wor­fen sind, hat sich dra­ma­tisch ver­schlech­tert. Sowohl das Elend der Alten, die unter der sozia­len Iso­la­ti­on beson­ders lei­den und in den abge­schlos­se­nen Insti­tu­tio­nen der Wohn­hei­me der Pan­de­mie in beson­de­rer Wei­se aus­ge­setzt sind, als auch die Fra­ge der patri­ar­cha­len Gewalt, die durch das geschlos­se­ne Sex­ar­beits­ge­wer­be zusätz­lich nega­tiv befeu­ert wird, oder der Gewalt, die als Herr­schaft übers Kind oft Frau­en von Män­nern ver­lie­hen wird, ver­wei­sen dar­auf, dass Rea­li­tät wie Ide­al der Kern­fa­mi­lie selbst zuwei­len dys­funk­tio­nal sind, die Men­schen nicht schützt und ihnen kei­ne Gebor­gen­heit offe­riert. Die Aus­wei­tung und Ver­brei­tung von Groß­pro­jekt­woh­nen und von Kom­mu­nen, in denen natür­lich in gesund­heit­li­chen Kri­sen­zei­ten auf beson­de­re Ver­hal­tens­wei­sen geach­tet wer­den muss, liegt also auf der Hand.

Die großen Fragen

Gene­rell zeigt sich jetzt die heu­ti­ge kapi­ta­lis­ti­sche Gesell­schaft in ihrer pri­vat­wirt­schaft­li­chen Orga­ni­siert­heit als hoch gefähr­det und gefähr­dend. Es ist zum All­ge­mein­platz gewor­den, dass sich nun das Zusam­men­s­pa­ren im Gesund­heits­sek­tor und die Aus­rich­tung auf den Pro­fit im Gesund­heits­we­sen als töd­lich erweist. Die bis­he­ri­ge Form der Gesell­schaft ist den glo­ba­len Gefah­ren nicht gewach­sen, das mer­ken selbst die Herr­schen­den, die mit ihren poli­ti­schen Ent­schei­dun­gen an das äußers­te Ende die­ser Form gehen, um die Kri­se zu meis­tern. Die­ses äuße­re Ende heißt Sozi­al­de­mo­kra­ti­sie­rung: Ver­staat­li­chungs­vor­schlä­ge und Finanz­sprit­zen sol­len den Laden zusam­men­hal­ten. Unter­neh­me­ri­sche Kapa­zi­tä­ten sol­len dadurch erhal­ten blei­ben. Dabei wer­den auf der pro­pa­gan­dis­ti­schen Ebe­ne, wie die Reden von Bun­des­kanz­le­rin und Bun­des­prä­si­dent ver­deut­li­chen, alle im gro­ßen „Wir“ mit­ge­nom­men. Volks­ge­sund­heit geht vor Pri­vat­in­ter­es­se – des­we­gen muss in der Zeit der Pan­de­mie auch die Wirt­schaft ruhen. Der wirt­schaft­li­che Shut­down ist eine bis­lang unvor­stell­ba­re Ent­schei­dung in einer Gesell­schaft, in der Wachs­tum alles ist. Er zeigt aber auch, dass die Form die­ser kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft und ihre kon­kre­te neo­li­be­ra­le Aus­ge­stal­tung abso­lut über­dehnt sind.

Ein liber­tär-kom­mu­nis­ti­scher Pol soll­te sich in die­ser Situa­ti­on nicht in Demut zurück­leh­nen, son­dern die gan­ze Bäcke­rei the­ma­ti­sie­ren. Zuerst ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass auch das Coro­na-Virus ein Ele­ment des Klas­sen­kampfs beinhal­tet, nicht als bewusst ein­ge­setz­tes Kriegs­mit­tel des Kapi­tals, nicht in Form des „Klas­sis­mus“, ein untaug­li­cher Begriff, der oft nur eine abwer­ten­de Spra­che bemän­gelt, also sich im lär­men­den Tum­mel­feld des Dis­kur­ses bewegt. Das Virus wirkt ganz mate­ri­ell auf die gestaf­fel­te Klas­sen­ge­sell­schaft ein und ver­tieft die Klas­sen­po­si­tio­nen. Rei­che zie­hen sich wie bereits bei älte­ren his­to­ri­schen Seu­chen in ihre abge­zir­kel­ten Berei­che zurück. Das Virus ist für Arme und pro­le­ta­ri­sier­te Men­schen weit töd­li­cher, weil sich die­se nicht der Arbeit ent­zie­hen oder bequem in sozia­le Iso­la­ti­on zurück­zie­hen kön­nen. Das Virus ver­schärft also die pro­le­ta­ri­sche Exis­tenz­si­tua­ti­on in so dra­ma­ti­scher Wei­se, dass selbst die vor­herr­schen­den Medi­en dies in den Blick neh­men müs­sen und die Poli­tik sich her­aus­ge­for­dert sieht. Auf den ers­ten Blick erschei­nen die Maß­nah­men des Staa­tes wie eine Neu­auf­la­ge des Keyne­sia­nis­mus oder der alten Sozi­al­de­mo­kra­tie. Doch so wenig die par­ti­el­len Ver­staat­li­chun­gen 2008 einen „Ban­ker­so­zia­lis­mus“ oder „Kata­stro­phen­so­zia­lis­mus“ mar­kie­ren, wie eini­ge mei­nen, so wenig wird es nun von selbst einen in der und durch die Kata­stro­phe her­aus­ge­bil­de­ten Sozia­lis­mus durch Hyper­keyne­sia­nis­mus oder Ver­staat­li­chungs­of­fen­si­ven geben. Was wir aktu­ell erle­ben, ist und bleibt Kata­stro­phen­ka­pi­ta­lis­mus, der eine gigan­ti­sche Staats­ver­schul­dung auf sich nimmt, die aller­dings auch wie­der vor dem Hin­ter­grund einer in der Kri­se intakt geblie­be­nen Klas­sen­ge­sell­schaft abge­baut wer­den wird. Kon­junk­tur­pa­ke­te oder ein 50er Jah­re-Kriegs­ge­setz zum Umbau der Pro­duk­ti­on, das von Trump gegen Gene­ral Motors in Anschlag gebracht wur­de, machen noch kei­nen „Sozia­lis­mus“. Die Ver­wechs­lung von „Ver­staat­li­chung“ und staat­li­chen Ein­grif­fen mit Sozia­lis­mus ver­wirr­te bereits eini­ge Sozialist*innen und Marxist*innen wäh­rend der 30er und 40er Jah­re, die­se Feh­ler soll­ten nun nicht wie­der­holt wer­den.

Wir kom­men also zu den gro­ßen Fra­gen. Tat­säch­lich scheint es so, als wer­de ein anvi­sier­ter kom­mu­nis­ti­scher Com­mu­ne-Umbau der Gesell­schaft immer drän­gen­der. Räte­kom­mu­nis­ten wie Paul Mat­tick seni­or wie juni­or setz­ten dar­auf, dass nicht über bes­se­re Auf­klä­rung und Ein­sicht, son­dern auf­grund einer fun­da­men­ta­len Kri­se die Arbei­ter­klas­se zu einer neu­en Form der Gesell­schaft – jen­seits des Kapi­ta­lis­mus – fin­den wird, weil sie gezwun­gen sein wird, etwas neu­es her­aus­zu­bil­den. Wann, wenn nicht jetzt ist die­ser Zeit­punkt erreicht? Eini­ge Marxist*innen erin­nern sich des Sat­zes von Karl Marx, „daß jede Nati­on ver­re­cken wür­de, die, ich will nicht sagen für ein Jahr, son­dern für ein paar Wochen die Arbeit ein­stell­te, weiß jedes Kind“, wie er im Juli 1868 an Kugel­mann schrieb. Auch die Inter­na­tio­nal Labour Orga­ni­sa­ti­on (ILO) rech­net mit der schlimms­ten glo­ba­len Kri­se seit dem Zwei­ten Welt­krieg. Dra­ma­ti­sche Aus­wir­kun­gen auf die Arbeits­kräf­te wer­den in Aus­sicht gestellt. Von Mas­sen­ent­las­sun­gen, Kür­zun­gen von Löh­nen bis hin zu Hun­gerepi­de­mien ist die Rede.

Die aktu­el­le Situa­ti­on stellt liber­tä­re Kommunist*innen vor die alte Fra­ge, die bereits in den frü­hen Drei­ßi­ger Jah­ren die Hol­län­di­schen Räte­kom­mu­nis­ten umtrieb: Wie kann Pro­duk­ti­on und Ver­tei­lung in einer Situa­ti­on wie jetzt und gene­rell mit­tels einer Plan­wirt­schaft bewerk­stel­ligt wer­den? Sie soll­te natür­lich nicht wie in Chi­na mit deren auto­ri­tä­rer Zen­tral­ver­wal­tungs­wirt­schaft auf­ge­baut sein, son­dern als Erhe­bung des Bedarfs, einer koor­di­nier­ten Ermitt­lung die­ses Bedarfs, einer weit­ge­hen­den Trans­pa­renz, was wo wie benö­tigt wird. Die inter­na­tio­na­le Com­mu­ni­ty der Gesundheitsexpert*innen ver­su­chen bereits, glo­bal zu dis­ku­tie­ren und dezen­tral erwor­be­ne Ergeb­nis­se aus­zu­tau­schen. Natür­lich ent­fal­tet sich im dyna­mi­schen Kapi­ta­lis­mus nicht nur eine neue Zeit­struk­tur und enor­mes Bewusst­sein, son­dern auch Koope­ra­ti­ons­fä­hig­keit und Schnel­lig­keit von kom­mu­ni­ka­ti­ven Pro­zes­sen. All dies umfasst mei­nes Erach­tens den Begriff der Pro­duk­tiv­kräf­te. Die­se spren­gen aber nicht von allei­ne die sie hem­men­den For­men. Und vor allem ent­steht nicht von allei­ne, als imma­nen­te Bewe­gung, eine post­ka­pi­ta­lis­ti­sche Gesell­schaft. Poli­tisch wie öko­no­misch wird die­se Koope­ra­ti­on von den Ein­zel­staa­ten mit ihren natio­na­len Ego­is­men und den unter­neh­me­ri­schen Pro­fit­in­ter­es­sen sabo­tiert. Die Bour­geoi­sie und die herr­schen­de Klas­se sind kei­nes­falls ana­chro­nis­ti­sche Kate­go­rien. Sie garan­tie­ren Pro­fit­in­ter­es­sen und sor­gen für die Durch­set­zung der Eigen­tums­rech­te. Was also die­se Kri­se der lin­ken, radi­ka­len Dis­kus­si­on auf­drängt, ist die poli­ti­sche Fra­ge als Macht­fra­ge. Ohne Zer­schla­gung die­ser vor­ge­ge­be­nen poli­ti­schen For­men und der sie repro­du­zie­ren­den und von ihnen pro­fi­tie­ren­den Klas­sen macht die gan­ze Fra­ge des radi­ka­len Umbaus kei­nen Sinn. Es ist die­ses „leni­nis­ti­sche Moment“, dem man mit John Hol­lo­way („Die Welt ver­än­dern ohne die Macht zu über­neh­men“) ger­ne im liber­tä­ren Milieu aus­weicht, das sich aber durch die Kri­se in aller Deut­lich­keit den­je­ni­gen, die an einer Auf­he­bung der Ver­hält­nis­se inter­es­siert sind, auf­drängt.

Wie? Was steht an?

Zer­schla­gung klingt nach Kampf und mili­tant. Wel­che Vor­stel­lung haben wir davon? Genoss*innen ver­kleb­ten das Pla­kat „Wer hor­tet plün­dert nicht!“ Sicher­lich: Hor­ten ist Auf­schlie­ßen des bür­ger­li­chen Bewusst­seins zum Avant­gar­de­be­wusst­sein des Prep­pers. Der Prep­per ist eine wider­wär­ti­ge Figur, er ist eben auch die kri­sen­haft zuge­spitz­te kapi­ta­lis­ti­sche Kon­sum­mo­na­de im Zustand pani­scher Angst, die sich jeg­li­cher Zivi­li­tät ent­klei­det. Er ist auch ein wenig der häss­li­che Bru­der des von Tho­reau ent­wor­fe­nen „Walden“-Einsiedlers, der in einem nai­ven Rous­se­auis­mus aus der Natur gewin­nen kann, was er zum Leben braucht und sei­nen alter­na­ti­ven und aus­ge­wo­ge­nen Lebens­stil gegen jeden äuße­ren Zugriff zu schüt­zen weiß. Der/​die Horter*in ist dahin­ge­gen ten­den­zi­ell Mas­sen­we­sen und staats­treu. Der Prep­per (er ist meist männ­lich) ist wie der anar­chi­sche Ein­sied­ler der Lite­ra­tur staats­fern bis anti­staat­lich ein­ge­stellt. Dass zu Beginn der Pan­de­mie die Reichs­bür­ger­ver­ei­ni­gun­gen in der Bun­des­re­pu­blik kri­mi­na­li­siert und ver­bo­ten wur­den, die dem bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Staat weit mehr als der durch­schnitt­li­che Auto­no­me der 80er Jah­re die Exis­tenz­be­rech­ti­gung abspre­chen, dürf­te kein Zufall sein.

Ist der Rio­ter, der Plün­de­rer, die posi­ti­ve anar­chis­ti­sche Gegen­fi­gur zum Prep­per? Kann er gar eine neue poli­ti­sche Form im Riot gene­rie­ren, wie das anar­chis­ti­sche Pla­kat sug­ge­riert? Hat­te der Pole­mi­ker Wolf­gang Pohrt im mit­tel­schichts­au­to­no­men Haus­be­set­zer der 80er Jah­re den zukünf­ti­gen Haus­be­sit­zer erkannt, so ist es jetzt kei­ne schwe­re Auf­ga­be, in der Hams­ter-Käu­fe­rin von heu­te auch die ein oder ande­re Auto­no­me von ges­tern wie­der zu erken­nen. Doch blei­ben wir ernst­haft: Die alte auto­no­me Theo­rie der 80er Jah­re trug als ein neu­er Anti­im­pe­ria­lis­mus Mate­ria­li­en aus der gan­zen Welt zusam­men, um Unru­hen, Sozi­al­re­vol­ten und „Riots“ wie bereits in den 30er und 40er Jah­ren des 19. Jahr­hun­derts als hoff­nungs­vol­le Zei­chen eines neu­en unmar­xis­ti­schen Klas­sen­kamp­fes aus­zu­ge­ben. Eine sol­che Hal­tung wur­de unge­ach­tet der Kri­ti­ken, wonach his­to­risch in die­sen Unru­hen des 19. Jahr­hun­derts anti­se­mi­ti­sche Über­grif­fe ihren bestän­di­gen Platz hat­ten und die Riots bei­spiels­wei­se im nah­öst­li­chen Raum des spä­ten 20. Jahr­hun­derts nur dann fort­schritt­lich blie­ben, wenn sie Teil von Klas­sen­kämp­fen waren. Sehr oft blie­ben sie nur das Vor­spiel für den Durch­marsch isla­mis­ti­scher Orga­ni­sa­tio­nen, an deren Spit­ze eine from­me Mit­tel­schicht stand, die die revol­tie­ren­de Jugend als Ramm­bock ihrer Macht benutz­te. Unge­ach­tet des­sen wur­den anläss­lich der „Riots“ in Ham­burg zum G‑20-Gip­fel, die nicht mehr als eine Repres­si­ons­wel­le und rechts­ra­di­ka­le „Linksextremismus“-Propaganda her­vor­rie­fen, die­se Riot-Theo­rien wie­der auf­ge­legt unter Bezug auf den Theo­re­ti­ker Joshua Clover, der die­se Akti­ons­for­men als neue Form des Klas­sen­kampfs der Außer­kur­s­ge­setz­ten wer­tet. Dabei war das fran­zö­si­sche neo­anar­chis­ti­sche „Unsicht­ba­re Komi­tee“, das bis­lang eine sol­che Stra­te­gie pro­pa­gier­te, abge­rückt davon, die rei­ne Stra­ßen­mi­li­tanz als pro­ba­tes Mit­tel aus­zu­ge­ben. In ihrer Schrift „An unse­re Freun­de“ schrie­ben sie, dass sowohl die rei­ne Leh­re der Mili­tanz wie jene des Pazi­fis­mus falsch sei. Letz­te­re beinhal­te eine heuch­le­ri­sche Posi­ti­on, denn kein angeb­lich sieg­rei­cher Pazi­fis­mus – wie Gandhi‘s natio­na­ler Befrei­ungs­kampf gegen Eng­land – konn­te sich nur auf­grund des rei­nen Gewalt­ver­zichts durch­set­zen, ers­te­re sei im Kern wenig hilf­reich und ende oft in einem erschre­cken­den Gewalt­fe­tisch. Statt­des­sen müs­se man sich der Pro­duk­ti­on und den Produzent*innen zuwen­den: „Was den Arbei­ter aus­macht, ist nicht sei­ne Aus­beu­tung durch einen Chef, die er mit allen ande­ren Lohn­ab­hän­gi­gen teilt. Was den Arbei­ter posi­tiv aus­macht, ist sein tech­ni­sches Kön­nen, ver­kör­pert in einer bestimm­ten Pro­duk­ti­ons­welt. Nie­mand kann indi­vi­du­ell die Gesamt­heit der Tech­ni­ken beherr­schen, die dem gegen­wär­ti­gen Sys­tem erlau­ben, sich zu repro­du­zie­ren. Das kann nur eine kol­lek­ti­ve Kraft (…). Wir müs­sen wie­der eine akri­bi­sche For­schungs­ar­beit auf­neh­men. Wir müs­sen in allen Sek­to­ren, in allen Gegen­den, die wir bewoh­nen, auf die­je­ni­gen zuge­hen, die über stra­te­gi­sches tech­ni­sches Wis­sen ver­fü­gen. Nur dann wer­den es die Bewe­gun­gen wirk­lich wagen, ‘alles zu blo­ckie­ren’.“

Genau in die­sem Sin­ne rück­ten nun wäh­rend der Coro­na-Kri­se not­wen­di­ge Arbeits­ab­läu­fe ins Zen­trum aller, tauch­te die Fra­ge auf, wel­che Arbeit Gebrauchs­wert für alle hat und wel­che nicht. Die Arbeit einer Ver­käu­fe­rin, einer Kran­ken­schwes­ter, einer Chef­ärz­tin, einer LKW-Fah­re­rin und einer Logis­tik­an­ge­stell­ten bekam eine Sicht­bar­keit und erfuhr eine Wür­di­gung, wie davor kaum abseh­bar und denk­bar. Auch sind bereits in der Kri­se wie von selbst man­nig­fal­ti­ge Struk­tu­ren gegen­sei­ti­ger Hil­fe ent­stan­den, die auf­zei­gen, dass sie das Bild des wil­den Mobs und des wöl­fi­schen Stär­ke­ren, das der auto­ri­tä­re Levia­than stets benö­tig­te, um sich zu recht­fer­ti­gen, kon­ter­ka­rie­ren. Die­se Kro­pot­kin bestä­ti­gen­de Beob­ach­tung von Koope­ra­ti­on und wech­sel­sei­ti­ger Hil­fe wird ergänzt durch die Sicht­bar­keit eines weit­ver­brei­te­ten, spon­ta­nen „Ver­hal­tens­kom­mu­nis­mus“ (David Gra­eber), der bis­lang auf Fami­li­en und Nah­be­zie­hun­gen beschränkt war und in der Kri­se eine loka­le Aus­wei­tung erfuhr.

Doch nicht alle leben im sel­ben Jetzt. Wäh­rend sich die Ber­li­ner Hips­ter dar­über Sor­gen machen muss­ten, wie mit dem geschätz­ten OKCu­pid-Dating-Ver­hal­ten wei­ter zu ver­fah­ren ist in Zei­ten des Infek­ti­ons­schut­zes und sich die Selb­stän­di­gen unter ihnen freu­en konn­ten, wenn sie vom Land 5000 Euro nach Online­an­mel­dung und unbü­ro­kra­tisch über­wie­sen beka­men, zeigt das Virus anders­wo ganz ande­re, weit hef­ti­ge­re Aus­wir­kun­gen. In Indi­en droht schlicht der Aus­fall der basa­len Ver­sor­gung für die Ärms­ten. Wäh­rend glo­bal die einen sich im Home­of­fice befin­den und sich über Tele­fon­kon­fe­ren­zen wei­ter kom­mu­ni­ka­tiv aus­tau­schen, droht den Tagelöhner*innen des glo­ba­len Südens schlicht der Hun­ger, wer­den sie in ihrer Bewe­gungs­frei­heit ein­ge­schränkt. In der Kri­se wer­den wir auf den „impe­ria­len Lebens­stil“ ver­wie­sen, den es auf­grund der nach wie vor bestehen­den glo­ba­len Nord-Süd-Spal­tung gibt. Inso­fern sind die hier­zu­lan­de sprich­wört­lich gewor­de­nen hor­ten­den Klo­pa­pier­auf­käu­fe nicht nur Anlass vari­an­ten­rei­cher Wit­ze, son­dern bit­te­rer Vor­griff auf eines: auf trot­zi­ges Wei­ter­kon­su­mie­ren­dür­fen wie bis­her. Man hat ja nach der Pan­de­mie­kri­se – ob in ein paar Mona­ten oder Jah­ren – die Urlaubs­rei­sen nach­zu­ho­len und die Sau raus­zu­las­sen. Auch dar­in ist der Pro­le­ta­ri­sier­te des Nor­dens und beson­ders der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land Teil der „impe­ria­len Lebens­wei­se“. Denn dies ist der auf der Zir­ku­la­ti­ons­ebe­ne sich abspie­len­de kon­su­men­ten­ideo­lo­gi­sche Wider­schein der ver­all­ge­mei­ner­ten Ideo­lo­gie des Kapi­tals und der Ein­zel­staa­ten: Nach der Kri­se muss es wie­der wei­ter­ge­hen wie bis­her. Auf die­sen Kon­sens kann Herr­schaft ver­trau­en. Wachs­tum muss auf­ge­holt wer­den. Kli­ma­kri­se? Kein The­ma, so steht zu befürch­ten.

Aller­dings exis­tiert auch kein homo­ge­ner Block einer Drit­ten Welt, die einer Ers­ten Welt ent­ge­gen­zu­stel­len wäre und vice ver­sa. Denn die Lebens­la­gen selbst sind hoch­gra­dig von der Klas­sen­struk­tur der Gesell­schaf­ten durch­zo­gen. Ein Mit­tel­schichts­leh­rer einer deut­schen Groß­stadt konn­te sich ins beque­me Home­of­fice zurück­zie­hen, neben­bei an der beschleu­nig­ten Digi­ta­li­sie­rung des Bil­dungs­we­sens durch Goog­le mit­wir­ken und die Tief­kühl­tru­he mit ten­den­zi­ell teu­rem Bio­es­sen auf­fül­len, eine Super­markt­kas­sen­an­ge­stell­te eben nicht. In den USA sind es vor allem die schwar­zen arbei­ten­den Armen, die vom Virus töd­lich getrof­fen wer­den. Die liber­tä­ren Impul­se von Sys­tem-chan­ge-not-cli­ma­te-Chan­ge müs­sen also unbe­dingt wie­der auf­ge­nom­men und ver­tieft wer­den, ohne dass die Klas­sen­struk­tu­ren aus dem Blick gera­ten und ein fal­sches gro­ßes Ver­zichts­kol­lek­tiv pro­pa­giert wird.

Die öko­lo­gi­sche Fra­ge als Teil der Klas­sen­fra­ge müss­te in die bald anste­hen­den Ver­tei­di­gungs­kämp­fe, die nach der Kri­se zu erwar­ten sind, ein­ge­speist wer­den, wenn es von Sei­ten der Herr­schen­den heißt: „Packt an, baut auf, wir haben viel auf­zu­ho­len, mäkelt nicht rum.“ Dann wird sich auch zei­gen, ob die Ergeb­nis­se der Ein­übung in den Not­stand den Herr­schen­den wie fau­le Früch­te in den Schoß fal­len, oder ob gat­tungs­be­zo­ge­ne Selbst­ver­ant­wor­tung und Ver­ant­wor­tung gegen­über dem Ande­ren bezie­hungs­wei­se ver­nunft­ge­lei­te­ter Ver­zicht in Zei­ten der gebo­te­nen phy­si­schen Distanz domi­nie­rend waren und ob die gegen­sei­ti­ge Hil­fe und das par­ti­el­le Sabo­tie­ren sinn­lo­ser Arbeit sich zu einer har­ten All­tags­op­po­si­ti­on gegen das Post-Kri­sen-Manage­ment ver­dich­ten las­sen.

Ger­hard Han­lo­ser

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