[GWR:] Hautnah in der Revolutionszeit

Ben­no Schar­man­ski, frü­her Mit­glied der „Frei­en Sän­ger“ in der Frei­en Arbei­ter-Uni­on Deutsch­lands (FAUD), nach dem 2. Welt­krieg wei­ter aktiv, zunächst in der Föde­ra­ti­on Frei­heit­li­cher Sozia­lis­ten (FFS), dann in der 1977 wie­der gegrün­de­ten FAU, hat die Fil­me­ma­che­rin beim Wider­stand gegen die WAA in Wackers­dorf ken­nen­ge­lernt. So enstand die Idee zum Doku­men­tar­film. Bedeut­sam war wei­ter­hin Ruth Jakusch, 1965 ers­te Lei­te­rin der KZ-Gedenk­stät­te in Dach­au. Sie hat für den Film wei­te­re Kon­tak­te geknüpft, vor allem zu kom­mu­nis­ti­schen Revolutionär*innen der Revo­lu­ti­ons­zeit.

Trai­ler zum Film – Quel­le: You­tube

Von Ani­ta Augspurg und den Frau­en in der Revo­lu­ti­on

Der ers­te Teil des Films beschäf­tigt sich mit der „unblu­ti­gen“, gewalt­frei­en Abset­zung des baye­ri­schen König­tums durch den legen­dä­ren Umzug am 7. Novem­ber 1918, ange­führt durch den frei­heit­li­chen Sozia­lis­ten Kurt Eis­ner unter Betei­li­gung von Erich und Zenzl Müh­sam. Sie zogen von der The­re­si­en­wie­se aus an den Kaser­nen Mün­chens vor­bei, und die Sol­da­ten des Regimes lie­fen scha­ren­wei­se über. Um die Mon­ar­chie war es gesche­hen.

Sehr beein­dru­ckend im Film sind die Dar­stel­lun­gen von Ani­ta Augspurg und Lida Gusta­va Hey­mann, Initia­to­rin­nen von Frau­en­de­mos ab 1916. Bei­de waren Frau­en­recht­le­rin­nen der ers­ten Stun­de, und zudem ein les­bi­sches Paar. Zusam­men mit Fan­ny zu Revent­low waren sie Teil der Münch­ner Bohè­me und pro­pa­gier­ten Lebens­re­form, Vege­ta­ris­mus oder den frei­en Aus­drucks­tanz. 1918 for­der­te Augspurg die Errich­tung von Frau­en­rä­ten, das wur­de von den Män­nern jedoch abge­lehnt. Zusam­men mit Hey­mann grün­de­te sie den „Bund sozia­lis­ti­scher Frau­en“. In den Schu­len galt noch das Zöli­bat für Leh­re­rin­nen, das sie in ihren Gemein­schafts­schu­len abschaf­fen konn­ten. Beein­dru­ckend auch die kur­ze Erwäh­nung von Sarah Son­ja Lerch, eine Pio­nie­rin des Räte­ge­dan­kens, die bereits die Rus­si­sche Revo­lu­ti­on von 1905, woher die Räte stam­men, mit­ge­macht hat­te. Sie über­leb­te – wie so vie­le – die baye­ri­sche Räte­re­pu­blik nicht und starb im Gefäng­nis Sta­del­heim unter bis heu­te unge­klär­ten Umstän­den.

Vie­le Jugend­li­che, etwa auch Schar­man­ski, wur­den durch die Ermord­nung Eis­ners Mit­te Febru­ar 1919 poli­ti­siert; der Trau­er­zug umfass­te 100.000 Men­schen. In die­ser Zeit wur­de Hed­wig Kämp­fer als ers­te Frau Rich­te­rin im „Revo­lu­ti­ons­tri­bu­nal“ und setz­te dort die Maxi­me „Todes­ur­tei­le wer­den nicht ver­hängt“ durch.

Die bei­den Münch­ner Räte­re­pu­bli­ken

Im Film geht es dann wei­ter mit der eine Woche dau­ern­den ers­ten Räte­re­pu­blik vom 7.–14. April 1919, dem Palm­sonn­tags­putsch und der Über­nah­me der Macht durch die gera­de gegrün­de­te KPD unter Eugen Levi­né. Es wer­den Gus­tav Land­au­er und Ernst Tol­ler erwähnt; eben­falls der beein­dru­cken­de Erfolg der dazwi­schen tre­ten­den Frau­en bei der Ver­tei­di­gung Dach­aus gegen die Wei­ßen, die die Sol­da­ten durch ver­ba­le Anwür­fe und Dis­ku­tie­ren vom Angriff abbrach­ten. Tol­ler war im Gegen­satz zur KPD abge­neigt, gegen eine bewaff­ne­te Über­macht mili­tä­risch zu kämp­fen.

Im wei­te­ren Ver­lauf berich­ten dann Kommunist*innen wie Hugo Jakusch, Min­na Dit­ten­he­ber, Peter Licht­in­ger oder Emil Mai­er. Es geht dabei vor allem um den mili­tä­ri­schen Abwehr­kampf am Ende der zwei­ten, kom­mu­nis­ti­schen Räte­re­pu­blik am Sta­chus Anfang Mai 1919, der von einem Häuf­lein von 800 Leu­ten geführt wur­de, eher sym­bo­li­schen Cha­rak­ter mit Sand­fäs­sern als Bar­ri­ka­de hat­te und mili­tä­risch aus­sichts­los war. Die Repres­si­on der Wei­ßen war dann furcht­bar, wie wir wis­sen.

Mir wur­de beim Anse­hen deut­lich, dass Anar­chis­mus und Par­tei­kom­mu­nis­mus damals einer­seits noch eng bei­ein­an­der lagen, ande­rer­seits schon anfin­gen, sich zu unter­schei­den, gera­de im Hin­blick auf die­se Aus­sichts­lo­sig­keit. Ich möch­te daher zusätz­lich zum im Film Gezeig­ten noch erwäh­nen, dass Tol­ler eher auf eine Ver­hand­lungs­lö­sung als auf eine Abwehr­schlacht dräng­te, um sinn­los durch die Rache der Wei­ßen Ermor­de­te zu ver­mei­den. Und von Land­au­er wis­sen wir inzwi­schen durch die Bio­gra­fie von Til­mann Leder: „Für den Fall mili­tä­ri­scher Aktio­nen gegen Mün­chen soll Land­au­er geplant haben, einen Zug von Frau­en und Kin­dern zu bil­den, um auf die­se Wei­se im gege­be­nen Fal­le ein Blut­bad zu ver­hin­dern“ (Leder: Die Poli­tik eines „Anti­po­li­ti­kers“, Bd. 2, Edi­ti­on AV, S. 840). Es ist nur nicht his­to­risch belegt, ob er das im Wis­sen des Erfol­ges der Frau­en von Dach­au vor­schlug oder ohne die­ses Wis­sen.

Wie dem auch sei: Es ist der Regis­seu­rin, Uli Bez, sehr zu dan­ken, dass sie uns durch die­se über­ar­bei­te­te Film­do­ku­men­ta­ti­on noch ein­mal haut­nah in die­se Revo­lu­ti­ons­zeit ein­tau­chen lässt.

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