[PK:] Kommentar: Das Märchen von den unpolitischen Krawallen und Video Interview

Ein Kom­men­tar der Revo­lu­tio­nä­ren Akti­on Stutt­gart zu den Vor­fäl­len am Sams­tag, den 20. Juni in Stutt­gart:

Vom Bul­len­prä­si­den­ten über die Stadt­ver­wal­tung bis hin zu Poli­ti­ke­rIn­nen aus allen bür­ger­li­chen Par­tei­en über­schla­gen sich die Reprä­sen­tan­ten des bür­ger­li­chen Staa­tes jetzt in Ver­ur­tei­lun­gen der ach so schreck­li­chen Gewalt, die am Sams­tag Abend die Stra­ßen Stutt­garts domi­niert hät­te. „Bür­ger­kriegs­ähn­li­che Zustän­de“ hät­ten geherrscht, ein wüten­der Mob hät­te sei­ner blin­den Wut Luft gemacht und jeden und alles ange­grif­fen. Auf einen wirk­li­chen Grund für die­sen Aus­nah­me­zu­stand kann man sich im Stutt­gar­ter Rat­haus und bei der Poli­zei aller­dings noch nicht ganz eini­gen. Wäh­rend Anfangs noch ver­sucht wur­de alles der „lin­ken Sze­ne“ Stutt­garts zuzu­schrei­ben, wer­den aktu­ell die „Par­ty-Sze­ne“ und migran­ti­sche Jugend­li­che als Schul­di­ge aus­ge­macht. Aus lan­ge­wei­le weil die Bars und Clubs noch nicht rich­tig geöff­net hät­ten und um sich in sozia­len Netz­wer­ken zu insze­nie­ren, hät­te die Sze­ne die Aus­schrei­tun­gen gestar­tet.

Der gan­ze ras­sis­ti­sche Scheiß hat Sys­tem

Was am Sams­tag Abend in der Innen­stadt wirk­lich pas­siert ist, war die Ant­wort auf struk­tu­rel­len Ras­sis­mus, Dis­kri­mi­nie­rung, Poli­zei­ge­walt und ‑will­kür. Es war die Ant­wort derer, die regel­mä­ßig „zufäl­li­gen“ Per­so­nen­kon­trol­len aus­ge­setzt sind, weil ihr Aus­se­hen in die ras­sis­ti­schen Kate­go­rien der Bul­len passt. Der­je­ni­gen, die in Deutsch­land auf­grund ihres Namens Pro­ble­me haben eine Woh­nung zu bekom­men, in schlecht bezahl­te Jobs gedrängt wer­den und deren Wahr­schein­lich­keit über­haupt kei­nen Job zu fin­den drei­mal so hoch ist wie bei wei­ßen Deut­schen.

Es war aber auch die Ant­wort derer, die immer stär­ker den vor­an­schrei­ten­den Poli­zei­staat zu spü­ren bekom­men. Von Jugend­li­chen und jun­gen Erwach­se­nen, nicht nur von Migran­tIn­nen, die in den letz­ten Wochen und Mona­ten von will­kür­li­chen und über­zo­ge­nen Maß­nah­men betrof­fen waren, weil die Bul­len ihre, durch die Coro­na-Maß­nah­men ver­grö­ßer­te, Macht natür­lich sofort aus­nutz­ten. Was am Sams­tag Abend pas­siert ist, war Aus­druck des Ver­hält­nis­ses, das nicht nur eini­ge hun­dert Jugend­li­che in Stutt­gart zu die­sem Staat, sei­nen Bul­len und den kapi­ta­lis­ti­schen Ein­kaufs­tem­peln haben. Es war unpo­li­ti­sche Ran­da­le und gleich­zei­tig ein star­kes poli­ti­sches Zei­chen: Es gibt vie­le, die nicht in die­ses Sys­tem pas­sen und die ihre Wut nicht an schwä­che­ren und Min­der­hei­ten aus­las­sen, wie es in die­sem Land lei­der viel zu oft die Regel ist. Dass sie mit einem Lächeln im Gesicht das angrei­fen, was für Macht und Protz steht – und sich dabei viel­leicht auch die ein oder ande­re Gra­tis-Shop­ping-Tour gön­nen – soll jetzt das gro­ße gesell­schaft­li­che Pro­blem sein? Viel­leicht soll­te zur Fra­ge, was die gro­ßen Pro­ble­me die­ser Gesell­schaft sind, mal eine Umfra­ge unter den zig­tau­send Men­schen mit und ohne deut­sche Papie­re, gestar­tet wer­den, die in Stutt­gart ein Dasein am Exis­tenz­mi­ni­mum fris­ten. Sicher sind Prü­gel­bul­len mit blau­en Fle­cken und ein paar geplün­der­te Geschäf­te in einer der reichs­ten deut­schen Städ­te ganz oben auf der Lis­te….

Men­schen ster­ben und sie schwei­gen…

Bezeich­nend ist auch, dass aus­ge­rech­net an ein paar kaput­ten Schau­fens­tern und Bul­len­wä­gen eine bun­des­wei­te Gewalt­de­bat­te los­bricht. Wo war all die­se Betrof­fen­heit, bei den NSU-Mor­den? Wo war sie als der aus Syri­en geflüch­te­te 26-jäh­ri­ge Amad Ahmad wegen einer Ver­wechs­lung in Haft gesteckt wur­de, dort gelas­sen wur­de, obwohl die Behör­den von der Ver­wechs­lung wuss­ten und schließ­lich unter sehr mys­te­riö­sen Umstän­den in sei­ner Zel­le ver­brann­te? Allei­ne 2018 hat die Poli­zei 11 Men­schen erschos­sen, erst am 18. Juni wur­de ein psy­chisch kran­ker Mann aus Marok­ko in Bre­men von der Poli­zei erschos­sen. Aber es braucht nicht die­se beson­ders dras­ti­schen Fäl­le um das Aus­maß von ras­sis­ti­scher Gewalt in Deutsch­land auf­zu­zei­gen. Gewalt gegen Migran­tIn­nen und nicht-wei­ße Men­schen ist in Deutsch­land all­täg­lich. Sie beginnt bei jeder will­kür­li­chen Kon­trol­le und bei jeder bru­ta­len Fest­nah­me, geht über Belei­di­gun­gen und kör­per­li­che Angrif­fe im All­tag und endet bei kalt­blü­ti­gen Mor­den.

…Scher­ben klir­ren und sie schrei­en!

„Aber die haben einen 1‑Euro Laden geplün­dert und eine Eis­die­le ent­glast…“ – Na und? Ganz abge­se­hen davon, dass ein klei­ner Spa­zier­gang durch die Stadt zeigt, dass die aller­meis­ten Zie­le – Deut­sche Bank und McDo­nalds bei­spiels­wei­se – durch­aus ver­dient haben, was sie abbe­kom­men haben, ist es absurd hier die glei­chen Maß­stä­be anzu­set­zen wie an orga­ni­sier­te Aktio­nen. Die Men­schen, die am Sams­tag Abend ihre Wut auf die Stra­ße getra­gen haben, sind kei­ne orga­ni­sier­te Bewe­gung, die ihre Zie­le poli­tisch klug und mög­lichst gut ver­mit­tel­bar aus­ge­wählt hat. Wenn Stei­ne flie­gen gibt es Scher­ben und wenn sich lan­ge auf­ge­stau­ter Zorn plötz­lich ent­lädt, trifft es gezwun­ge­ner­ma­ßen nicht immer nur die per­fek­ten Zie­le. Das heißt nicht, dass wir als Revo­lu­tio­nä­rIn­nen jetzt in Riot-Feti­schis­mus auf­ge­hen dür­fen und alles was pas­siert unkri­tisch abfei­ern soll­ten. Es heißt aber dass wir einem sol­chen spon­ta­nen Pro­test nicht mit der erho­be­nen Zei­ge­fin­ger begeg­nen dür­fen und uns jetzt von allem distan­zie­ren was nicht die 100% rich­ti­ge poli­ti­sche Stoß­rich­tung hat­te.

Als Revo­lu­tio­nä­rIn­nen brau­chen wir kei­ne Angst zu haben vor Aus­brü­chen von gesell­schaft­li­cher Wut. Im Gegen­teil wir müs­sen ein Ver­hält­nis zu ihnen ent­wi­ckeln und Ver­ant­wor­tung über­neh­men für die Kämp­fe die jetzt auf­bre­chen. Jetzt gilt es von der Wut und Moti­va­ti­on derer, die gera­de anfan­gen sich zu weh­ren, zu ler­nen und gezielt mit ihnen zu kämp­fen. Wir müs­sen den Kampf gegen Ras­sis­mus und Poli­zei­ge­walt mit gesell­schaft­li­chen Per­spek­ti­ve ver­bin­den für die die Leu­te dann auch nach den Riot-Näch­ten genau­so lei­den­schaft­lich wei­ter kämp­fen wol­len. Unse­re Auf­ga­be ist es, den Kampf gegen das ras­sis­ti­sche Sys­tem ganz kon­kret mit dem Kampf gegen den Kapi­ta­lis­mus und für den Sozia­lis­mus zu ver­knüp­fen

Das ras­sis­ti­sche Sys­tem zer­schla­gen – Für den Kom­mu­nis­mus!


Video vom Revolutionären Infoportal Stuttgart mit einem Jugendlichen


Das Wand­bild im Titel­bild haben Akti­vis­tIn­nen in den Tagen nach den Kra­wal­len in der Stutt­gar­ter Innen­stadt ange­bracht, einen Bericht fin­det ihr hier

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