[GWR:] Paul statt Wladimir

Wer noch nicht im Bil­de über die selbst­lo­sen Groß­ta­ten des gelieb­ten Füh­rers ist, kann sich auf der Inter­net­prä­senz der MLPD infor­mie­ren: Der genia­le Revo­lu­ti­ons­füh­rer habe den Ers­ten Welt­krieg been­det, die Elek­tri­fi­zie­rung durch umwelt­freund­li­che Was­ser­kraft vor­an­ge­trie­ben, die Frau befreit, einen fried­li­chen Viel­völ­ker­staat gegrün­det. Ste­fan Engel – sei­nes Zei­chens 38 Jah­re Par­tei­vor­sit­zen­der, bis der Pos­ten sei­ner Stief­toch­ter zufiel – wür­digt dazu die theo­re­ti­schen Leis­tun­gen und führt aus, dass dem „Mar­xis­mus-Leni­nis­mus jeder Dog­ma­tis­mus fremd“ (1) sei. Das grenzt schon an Real­sa­ti­re.

Der bes­te Füh­rer

Bei so viel Nächs­ten­lie­be ver­gisst man bei­na­he, dass Lenin maß­geb­lich dar­an betei­ligt war, die fra­gi­le rus­si­sche Demo­kra­tie nach der Febru­ar­re­vo­lu­ti­on 1917 zu besei­ti­gen. Die Unter­höh­lung der Sowjets – geschenkt. Die gewalt­sa­me Auf­lö­sung der frei gewähl­ten ver­fas­sungs­ge­ben­den Ver­samm­lung – das pas­siert. Die sys­te­ma­ti­sche Ver­fol­gung von Anarchist*innen und Sozialrevolutionär*innen – ver­mut­lich not­wen­dig. Die Grün­dung der Tsche­ka und die blu­ti­ge Nie­der­schla­gung des Auf­stands in Kron­stadt – kann man sicher irgend­wie ent­schul­di­gen. Der Krieg gegen die Bau­ern mit kolo­nia­len Mit­teln, Gei­sel­nah­men, Depor­ta­tio­nen in Lager, Ein­füh­rung der Wehr­pflicht, Aus­ru­fung des „Roten Ter­rors“ und die zwang­haf­te Sess­haft­ma­chung noma­di­scher Volks­grup­pen: Das sind alles Din­ge, die ein ech­ter Füh­rer von Welt­for­mat durch­set­zen muss, um knap­pe hun­dert Jah­re nach Able­ben ein Denk­mal im kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schafts­wun­der­land zu erhal­ten.

Wenn Sta­tue, dann rich­tig

Paul Wulf – Skulp­tur in Müns­ter – Foto: Bernd Drü­cke

Auf der ande­ren Sei­te gibt es auch eine gute Nach­richt: In Müns­ter bleibt nach jah­re­lan­gen Que­re­len die Sta­tue des NS-Opfers und Anar­chis­ten Paul Wulf dau­er­haft ste­hen. Wulf war zeit­wei­se KPD-Mit­glied und schaff­te es, sei­nen kri­ti­schen Geist nicht mit dem Par­tei­buch ein­zu­tau­schen. Sein uner­müd­li­cher Ein­satz zur Bekannt­ma­chung der Zwangs­ste­ri­li­sa­tio­nen und die Aner­ken­nung die­ser Per­so­nen­grup­pe als NS-Opfer sind sein Ver­dienst. Das Bun­des­ver­dienst­kreuz nahm er dafür nur unter Pro­test an.

Mit­ge­fühl kann man mit den Lenin-Freun­den nur dabei emp­fin­den, dass sie zur Ziel­schei­be eines deutsch­land­fah­nen­schwen­ken­den anti­kom­mu­nis­ti­schen Bünd­nis­ses von gelb-schwarz bis blau-braun wur­den. In die­sen Zei­ten mag eine beschränk­te anti­fa­schis­ti­sche Koope­ra­ti­on mit den Leni­nis­ten sinn­voll sein. Danach kön­nen sie ihre Par­tei ger­ne auf dem Roten Platz ein­bal­sa­mie­ren.

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