[ak:] »Wir müssen uns aus dem polizeilichen Blick herausarbeiten«

War­um iden­ti­fi­zie­ren sich so vie­le Men­schen mit der Poli­zei? Das erklä­ren Vanes­sa E. Thomp­son und Dani­el Loick im Inter­view

Nach­dem rund um die Black-Lives-Mat­ter-Bewe­gung kurz eine Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Zusam­men­hang von Ras­sis­mus und Poli­zei auch in Deutsch­land mög­lich schien, wird nun doch wie­der nur über Gewalt gegen Beamt*innen gere­det – und dar­über, dass man nicht alle Polizist*innen über einen Kamm sche­ren dür­fe. Erneut ist deut­lich gewor­den, wie vie­le Men­schen sich mit der Poli­zei und ihrer Per­spek­ti­ve iden­ti­fi­zie­ren. Wie die­se Iden­ti­fi­ka­ti­on funk­tio­niert und immer wie­der neu her­ge­stellt wird, erklä­ren die kri­ti­schen Polizeiforscher*innen Vanes­sa E. Thomp­son und Dani­el Loick.

Vor weni­gen Wochen gab es gro­ße Black-Lives-Mat­ter-Pro­tes­te auch in Deutsch­land, eine Debat­te über Ras­sis­mus bei der Poli­zei schien in Gang zu kom­men. Weni­ge Wochen spä­ter ist nun Gewalt gegen die Poli­zei das gro­ße The­ma, Kri­tik an der Poli­zei erscheint fast als eine Art Got­tes­läs­te­rung. Woher kommt die­se extre­me Iden­ti­fi­ka­ti­on mit der Poli­zei?

Vanes­sa E. Thomp­son: Schon in den Reak­tio­nen auf das Ber­li­ner Lan­des­an­ti­dis­kri­mi­nie­rungs­ge­setz hat man gese­hen: Wenn es um insti­tu­tio­nel­len Ras­sis­mus in der Poli­zei geht, gibt es star­ke Abwehr­re­ak­tio­nen von Sei­ten der Mehr­heits­ge­sell­schaft. Die­se Abwehr behaup­tet, man kön­ne die US-Poli­zei nicht mit der deut­schen Poli­zei ver­glei­chen. Auch bei den Black-Lives-Mat­ter-Pro­tes­ten hat man gese­hen, wie gut es funk­tio­niert, The­men wie Poli­zei­ge­walt und Ras­sis­mus in die USA aus­zu­la­gern, wäh­rend es in Deutsch­land angeb­lich nur Ein­zel­fäl­le gibt. Dabei wird insti­tu­tio­nel­ler Ras­sis­mus in der Poli­zei auch in Deutsch­land schon lan­ge kri­ti­siert.

Dani­el Loick: Bemer­kens­wert ist auch, dass der Fall von Geor­ge Floyd die Pro­tes­te in Deutsch­land aus­ge­löst hat. Deut­sche Ereig­nis­se, wie der Mord an Oury Jal­loh, die Tötung von Chris­ty Schwun­deck, der NSU 2.0 oder die Mor­de in Hanau haben kei­ne sol­che Reak­ti­on erzeugt. Offen­bar braucht es den Umweg über die USA, um Empö­rung zu pro­du­zie­ren. Das gilt auch für die Bericht­erstat­tung in den Medi­en: Fin­den Riots in den USA statt, ist das für vie­le zumin­dest nach­voll­zieh­bar, aber wenn das in Stutt­gart pas­siert, ist es sofort ein Skan­dal. Ich glau­be, das liegt an der in Deutsch­land weit ver­brei­te­ten Iden­ti­fi­ka­ti­on mit einer poli­zei­li­chen Per­spek­ti­ve auf die Welt.

Die Interviewpartner*innen

Dani­el Loick lehrt poli­ti­sche Phi­lo­so­phie und Sozi­al­phi­lo­so­phie an der Uni­ver­si­tät Ams­ter­dam. 2018 hat er den Sam­mel­band »Kri­tik der Poli­zei« her­aus­ge­ge­ben.
Vanes­sa E. Thomp­son ist wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­te­rin am Insti­tut für Sozio­lo­gie an der Goe­the-Uni­ver­si­tät Frank­furt. In ihrem aktu­el­len Pro­jekt forscht sie zu Poli­zie­ren von Schwarz­sein in Euro­pa. 

Fotos: pri­vat

Was meinst du damit?

Dani­el Loick: Lin­ke Poli­zei­kri­tik hat sich in Deutsch­land oft auf Anti-Repres­si­ons-Arbeit kon­zen­triert und so getan, als wären alle glei­cher­ma­ßen betrof­fen von der Poli­zei, die uns von außen mit Schlag­stock und Trä­nen­gas unter­drückt. So kann man aber nicht ver­ste­hen, war­um es sei­tens der Mehr­heits­ge­sell­schaft so eine gro­ße sub­jek­ti­ve Iden­ti­fi­ka­ti­on mit der Poli­zei gibt. Hier kommt man wei­ter, wenn man die Dop­pel­rol­le der Poli­zei ver­steht: Einer­seits mar­gi­na­li­siert und schi­ka­niert sie bestimm­te Bevöl­ke­rungs­grup­pen, aber zugleich bie­tet sie sich ande­ren als Voll­stre­cke­rin der eige­nen Inter­es­sen, zum Teil auch nur der eige­nen phan­tas­ma­ti­schen Vor­stel­lun­gen, an.

Vanes­sa E. Thomp­son: Die Poli­zei unter­drückt und kon­trol­liert die einen, indem sie macht­vol­le Posi­tio­nen und Ver­hält­nis­se schützt. Das macht etwas mit den Sub­jek­ti­vi­tä­ten auch jener Men­schen, die im All­tag die Poli­zei nicht wirk­lich erle­ben: Die Mehr­heits­ge­sell­schaft wird dadurch poli­zei­lich ermäch­tigt. Ange­hö­ri­ge der Mehr­heits­ge­sell­schaft betrach­ten die Poli­zei als sicher­heits­brin­gend und sehen sich zugleich durch die Kon­trol­le der ande­ren in ihren eige­nen Ras­sis­men bestä­tigt. Sie wer­den dar­in bestärkt, dass sie ein Recht haben auf Sicher­heit und Schutz und dass die Poli­zei dafür da ist, die­ses Recht auch durch­zu­set­zen.

Wenn ein Poli­zei­ein­satz bei­spiels­wei­se in einer Geflüch­te­ten­un­ter­kunft statt­fin­det, dann ist das also auch Trai­ning des Blicks der Mehr­heits­be­völ­ke­rung?

Vanes­sa E. Thomp­son: Genau, sol­ches Han­deln wirkt auf die Gesell­schaft zurück. Aber das gilt auch für die unspek­ta­ku­lä­re­ren For­men des Poli­zie­rens, wie etwa Racial Pro­filing, das natür­lich für die Betrof­fe­nen eine Form der all­täg­li­chen Gewalt dar­stellt. Racial Pro­filing ver­mit­telt der Mehr­heits­be­völ­ke­rung ein Ver­spre­chen von Sicher­heit, das auf der Kon­trol­le der poli­zier­ten Sub­jek­te auf­baut.

Poli­zei­ein­sät­ze wie hier in einer Unter­kunft für Geflüch­te­te in Sie­gen trai­nie­ren den Blick der Bevöl­ke­rung für das, was stört oder bedroh­lich ist. Foto: Andre­as Tro­jak /​Flickr, CC BY 2.0

Dani­el Loick: Hier spie­len auch Medi­en eine gro­ße Rol­le. Stuart Hall hat in dem Buch »Poli­cing the cri­sis« beschrie­ben, wie media­le Dis­kur­se und das poli­zei­li­che Nar­ra­tiv zusam­men­spie­len. Ich woh­ne im Frank­fur­ter Bahn­hofs­vier­tel, da kann man die­ses Zusam­men­spiel per­fekt beob­ach­ten. Es ist ein Vier­tel, in dem auf viel­fäl­ti­ge Wei­se poli­ziert wird, weil hier viel Dro­gen­ge­brauch, aber auch Sex­ar­beit und zugleich ein star­ker Gen­tri­fi­zie­rungs­pro­zess statt­fin­det. Es gibt hier Leu­te, die nie die Poli­zei rufen, die sie nicht in Anspruch neh­men kön­nen. Und es gibt die wei­ßen, rela­tiv wohl­ha­ben­den Men­schen, denen durch poli­zei­li­che Aktio­nen immer­zu signa­li­siert wird, dass die­se ande­ren Per­so­nen stö­ren. Es ist aber nicht nur die Poli­zei, die das signa­li­siert, son­dern das Poli­zei­han­deln wird auch ein­ge­for­dert – von Medi­en bei­spiels­wei­se, die an Poli­zei und Poli­tik die For­de­rung rich­ten, här­ter durch­zu­grei­fen. Das ermög­licht es Ange­hö­ri­gen der Mehr­heits­ge­sell­schaft, die Per­spek­ti­ve der Poli­zei ein­zu­neh­men statt die der Unter­drück­ten. Es ist eine Kom­pli­zen­schaft des wei­ßen Bli­ckes mit der poli­zei­li­chen Per­spek­ti­ve, die sich immer wie­der neu her­stellt.

Gleich­zei­tig gibt es auch das Gegen­teil, wie man in Stutt­gart gese­hen hat: eine gro­ße Wut auf die Poli­zei.

Vanes­sa E. Thomp­son: Gera­de für die­je­ni­gen, die all­täg­lich poli­ziert wer­den, ist die Poli­zei schon lan­ge kei­ne schutz­brin­gen­de und sicher­heits­stif­ten­de Insti­tu­ti­on. Dass es Leu­ten dann auch mal reicht, erle­ben wir nicht nur in den USA, son­dern auch in Paris, Lon­don und anders­wo. Das sind For­men poli­ti­scher Wut, die nicht patho­lo­gi­siert wer­den soll­ten und die zudem auch For­de­run­gen beinhal­ten. Ich den­ke es ist wich­tig, die sys­te­ma­ti­sche Gewalt, die Poli­zie­ren bedeu­tet, immer auch im Blick zu haben, wenn wir über Wut reden. 

Vie­le Poli­zei­prak­ti­ken wur­den in euro­päi­schen Kolo­nien erprobt.

Dani­el Loick

Die Poli­zei im Nor­den der USA wur­de vor allem zur Bekämp­fung von Streiks gegrün­det, in den Süd­staa­ten ent­stand sie aus den Slave Patrols. Wel­che Tra­di­tio­nen gibt es in Deutsch­land?

Dani­el Loick: In den USA liegt die insti­tu­tio­nel­le Ver­bin­dung von Ras­sis­mus und Poli­zei unmit­tel­bar auf der Hand. In Euro­pa ist das schwie­ri­ger nach­zu­voll­zie­hen, weil es unter­schied­li­che Ent­ste­hungs­ge­schich­ten der Poli­zei gibt. Dar­aus wird dann fälsch­li­cher­wei­se oft der Schluss gezo­gen, in Euro­pa sei es nicht »so schlimm«. Für Euro­pa und kon­kret Deutsch­land sind zwei Kapi­tel der Poli­zei­ge­schich­te beson­ders wich­tig: Das ist zum einen der Kolo­nia­lis­mus. Vie­le Poli­zei­prak­ti­ken wur­den in euro­päi­schen Kolo­nien erprobt. Das zwei­te ist die Ein­bin­dung der Poli­zei im Natio­nal­so­zia­lis­mus. Bei­spiel Schutz­haft: Die spiel­te in der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Poli­zei­pra­xis eine gro­ße Rol­le dabei, Dis­si­den­ten mas­sen­haft zu inhaf­tie­ren. Dann gab es sie lan­ge Zeit nicht mehr, nun wur­de sie mit dem Baye­ri­schen Poli­zei­auf­ga­ben­ge­setz von 2018 wie­der begrenzt erlaubt. Noch wich­ti­ger aber als sol­che insti­tu­tio­nel­len Kon­ti­nui­tä­ten sind jene der poli­zei­li­chen Per­spek­ti­ve: Wie die Poli­zei etwa auf Romnja und Sin­tez­zi blickt, ist nach wie vor geprägt von natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Kon­ti­nui­tä­ten.

Vanes­sa E. Thomp­son: Das Anhal­ten und Kon­trol­lie­ren von Romnja und Sin­tez­zi ist inhä­ren­ter Teil moder­ner Poli­zei­prak­ti­ken in Euro­pa und auch in Deutsch­land. Ver­ord­nun­gen zur Kon­trol­le, Ein­he­gung der Mobi­li­tät und Dehu­ma­ni­sie­rung von Romnja und Sin­tez­zi gab es in vie­len Tei­len Deutsch­lands sogar schon vor dem NS, und sie sind bis in die 1970er Jah­re direkt in poli­zei­li­ches Wis­sen und Han­deln ein­ge­flos­sen. Hier gibt es einen Zusam­men­hang zu den Kolo­nien: Bei der Kon­trol­le von Romnja und Sin­tez­zi ging und geht es ganz stark um das Ein­schrän­ken von Bewe­gungs­frei­heit zum Erhalt von Kon­trol­le und inter­nen ras­si­fi­zier­ten und ver­ge­schlecht­lich­ten Besitz­ver­hält­nis­sen. Das hat­ten wir in den Kolo­nien mit exter­nem Bezug: Arbeits­camps, Restrik­tio­nen von Ver­samm­lun­gen der kolo­ni­sier­ten Bevöl­ke­run­gen, exzes­si­ve Gewalt. Heu­te gibt es das nicht nur in Bezug auf Romnja und Sin­tez­zi, son­dern auch auf Schwar­ze, migran­ti­sche und als mus­li­misch gele­se­ne Men­schen, und beson­ders mit Bezug auf geflüch­te­te Men­schen.

Dani­el Loick: Auch das Ver­bot von Land­strei­che­rei durch­zu­set­zen, ist in Euro­pa von Anfang an Teil der Poli­zei­auf­ga­ben gewe­sen. Es ging dabei um das Pro­duk­tiv­ma­chen von Kör­pern für die kapi­ta­lis­ti­sche Aus­beu­tung, wie auch Fou­cault oder die mar­xis­ti­sche Poli­zei­kri­tik beto­nen. Aber es ist wich­tig dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die­se Kon­trol­len regel­mä­ßig ras­si­fi­ziert wer­den. Das wie­der­um kann nicht ohne die Kolo­ni­al­ge­schich­te ver­stan­den wer­den.

In den ver­gan­ge­nen Jah­ren wur­den in Deutsch­land immer wie­der Ver­bin­dun­gen rech­ter Ter­ror­grup­pen in die Poli­zei oder zu ein­zel­nen Poli­zis­ten auf­ge­deckt.

Vanes­sa E. Thomp­son: Ja, das wird meist als sehr über­ra­schend wahr­ge­nom­men. Wenn man sich die his­to­ri­schen Kon­ti­nui­tä­ten anschaut, ist es lei­der eher wenig über­ra­schend. Es zeigt, dass Rechts­ex­tre­mis­mus und Rechts­ter­ro­ris­mus in einer Insti­tu­ti­on des insti­tu­tio­nel­len Ras­sis­mus gut gedei­hen kön­nen.

Diver­si­fi­zie­ren, das sehen wir in Groß­bri­tan­ni­en und den USA, schützt kein Schwar­zes Leben. Diver­si­fi­zie­ren von Poli­zei diver­si­fi­ziert das Pro­blem nur.

Vanes­sa E. Thomp­son

Gleich­zei­tig gibt es die Idee, dass man nur mehr Men­schen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund in den Poli­zei­dienst holen und Diver­si­ty Work­shops in der Poli­zei­aus­bil­dung eta­blie­ren müs­se, damit sich etwas ändert.

Vanes­sa E. Thomp­son: Die Fra­ge bei Poli­zei­re­for­men muss immer sein: Wel­che Refor­men kön­nen Betrof­fe­ne von all­täg­li­cher Poli­zei­ge­walt unter­stüt­zen? Das wären etwa unab­hän­gi­ge Beschwer­de­stel­len, die von zivil­ge­sell­schaft­li­chen Grup­pen getra­gen wer­den. Auch zum Pro­zess des Aboli­tio­nis­mus, also der Über­win­dung der Poli­zei im Sin­ne einer gesell­schaft­li­chen Trans­for­ma­ti­on auf vie­len Ebe­nen, gehö­ren Reform­an­sät­ze, die die Betrof­fe­nen unter­stüt­zen und ermäch­ti­gen. Diver­si­fi­zie­ren, das sehen wir in Groß­bri­tan­ni­en, aber auch in den USA, schützt kein Schwar­zes Leben. Wir haben Schwar­ze Polizist*innen in die­sen Poli­zei­be­hör­den, Polizist*innen of Color – aber die Poli­zei­ge­walt bleibt über­bor­dend. Diver­si­fi­zie­ren von Poli­zei diver­si­fi­ziert das Pro­blem nur.

Dani­el Loick: Die aboli­tio­nis­ti­sche Per­spek­ti­ve, die auf die Über­win­dung von Poli­zei zielt, bie­tet für Reform­maß­nah­men eine gute Leit­li­nie: Man soll­te alle Refor­men ableh­nen, die dazu füh­ren, dass mehr Res­sour­cen in die Poli­zei gesteckt wer­den. Zum Bei­spiel alle, die auf tech­ni­sche Lösun­gen abzie­len, Body­cams etwa. Statt­des­sen müs­sen Mit­tel aus dem poli­zei­li­chen Appa­rat abge­zo­gen und in ande­re gesell­schaft­li­che Berei­che reinves­tiert wer­den. Die Defun­ding-Idee muss auch beglei­tet wer­den von einer Ent­kri­mi­na­li­sie­rung. Ein sehr gro­ßer Teil des Racial Pro­filing in Deutsch­land wird mit Ver­stö­ßen gegen das Betäu­bungs­mit­tel­ge­setz gerecht­fer­tigt. Ein Drit­tel der Gefäng­nis­po­pu­la­ti­on ist auf Ver­stö­ße gegen das Betäu­bungs­mit­tel­ge­setz zurück­zu­füh­ren. Allein die ersatz­lo­se Strei­chung die­ser Straf­tat­be­stän­de wäre schon eine gro­ße Erleich­te­rung für vie­le Men­schen; ein gro­ßer Teil der Gewalt in ihrem Leben wür­de weg­fal­len. Außer­dem muss die Reform der Poli­zei immer Teil eines brei­te­ren gesell­schaft­li­chen Kamp­fes sein, mit der Fra­ge der demo­kra­ti­schen Selbst­re­gie­rung ver­knüpft sein, mit öko­no­mi­scher Absi­che­rung, Gesund­heits­ver­sor­gung und so wei­ter.

Mir ist in den letz­ten Tagen auf­ge­fal­len, dass jede grund­sätz­li­che Kri­tik an der Poli­zei schnell weg­ge­wischt wird mit dem Argu­ment, es gäbe kei­ne Alter­na­ti­ve. Ohne Poli­zei herr­sche Cha­os. Oft wird dann auf sexu­el­le Gewalt ver­wie­sen: Wer soll Sexu­al­straf­ta­ten dann ver­fol­gen?

Vanes­sa E. Thomp­son: Die Leu­te, die vor Cha­os war­nen, sind meist die, die im All­tag kei­nen Kon­takt mit der Poli­zei haben, denn das bedeu­tet eher Angst und Cha­os. Es sind haupt­säch­lich wei­ße Per­spek­ti­ven von rela­tiv wohl­ha­ben­den Per­so­nen, die sozi­al und öko­no­misch abge­si­chert sind. Dabei herrscht in die­sen wei­ßen Com­mu­nities, wo die Poli­zei nicht auf­taucht, ja auch kein Cha­os. Es braucht also eine Stär­kung von Insti­tu­tio­nen sozio-öko­no­mi­scher Gerech­tig­keit und poli­ti­scher Teil­ha­be, nicht mehr Poli­zei und Kon­trol­le. Bei Alter­na­tiv­kon­zep­ten zur Poli­zei ste­hen die Per­spek­ti­ven der von ver­schränk­ten For­men von Gewalt Betrof­fe­nen im Mit­tel­punkt: Trans­for­ma­ti­ve Jus­ti­ce und Com­mu­ni­ty Accoun­ta­bi­li­ty sind aboli­tio­nis­ti­sche Kon­zep­te, die ent­wi­ckelt wur­den von Schwar­zen trans Frau­en, von Women of Colour, die sowohl von inter­per­so­nel­ler sexua­li­sier­ter Gewalt als auch von staat­li­cher Gewalt betrof­fen sind. Aus der Per­spek­ti­ve von ras­si­fi­zier­ten und ille­ga­li­sier­ten Frau­en, trans und nicht­bi­nä­ren Per­so­nen bedeu­tet Poli­zei kei­nen Schutz, son­dern eher wei­te­re Bru­ta­li­sie­rung. In den USA sind vie­le Schwar­ze trans Per­so­nen im Gefäng­nis, weil sie sich gegen häus­li­che und sexua­li­sier­te Gewalt gewehrt haben und dann noch poli­zei­lich kri­mi­na­li­siert wor­den sind. Es geht also auch hier dar­um, sich aus dem poli­zei­li­chen Blick her­aus­zu­ar­bei­ten. Denn es gibt kei­ne eman­zi­pa­to­ri­sche Reform von Insti­tu­tio­nen, die kri­mi­na­li­sie­rend und tötend sind.

In den USA gibt es Stu­di­en, dass Poli­zei­be­am­te vier­mal so oft Täter von häus­li­cher Gewalt wer­den wie der Bevöl­ke­rungs­durch­schnitt.

Dani­el Loick

Dani­el Loick: Vie­le die­ser Debat­ten wur­den auch von der auto­no­men Frau­en­be­we­gung in West­deutsch­land schon geführt. Es gab lan­ge Zeit eine Posi­ti­on, dass der Ver­ge­wal­ti­ger im Nah­kon­text und die Bul­len Teil des­sel­ben patri­ar­cha­len Sys­tems sind. Des­halb kann man nicht die einen benut­zen, um sich vor den ande­ren zu schüt­zen. Denn ers­tens funk­tio­niert der Schutz nicht. Für den braucht es ande­re Struk­tu­ren wie zum Bei­spiel Frau­en­häu­ser, die durch femi­nis­ti­sche Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on erkämpft wur­den. Zwei­tens sind Poli­zis­ten Teil des Pro­blems, weil sie patri­ar­cha­le Gewalt repro­du­zie­ren. In den USA gibt es Stu­di­en, dass Poli­zei­be­am­te vier­mal so oft Täter von häus­li­cher Gewalt wer­den wie der Bevöl­ke­rungs­durch­schnitt. Und drit­tens gibt es gute Alter­na­ti­ven zur staat­li­chen Gewalt, die in den Com­mu­nities selbst ent­wi­ckelt wur­den.

Was zeich­net die­se Alter­na­ti­ven aus?

Dani­el Loick: Der Aus­gangs­punkt von Kon­zep­ten wie Trans­for­ma­ti­ve Jus­ti­ce und Com­mu­ni­ty Accoun­ta­bi­li­ty war die Aus­sa­ge: Wir wol­len die Gewalt in unse­ren Com­mu­nities nicht akzep­tie­ren, weder die sexua­li­sier­te und häus­li­che Gewalt, noch die der Poli­zei. Das bedeu­tet, dass wir kol­lek­tiv Ver­ant­wor­tung über­neh­men und auch die Bedin­gun­gen in den Blick neh­men müs­sen, die Gewalt pro­du­zie­ren – mit dem Ziel, sie zu über­win­den. Dabei geht es dar­um, die Bedürf­nis­se und Per­spek­ti­ven der Per­son, die Gewalt erfah­ren hat, in den Mit­tel­punkt zu stel­len.

Vanes­sa E. Thomp­son: In Deutsch­land ist die aktu­el­le Dis­kus­si­on um aboli­tio­nis­ti­sche Ansät­ze sehr auf den Defun­ding-Aspekt der Poli­zei beschränkt, dabei set­zen sich gera­de selbst­or­ga­ni­sier­te geflüch­te­te Frau­en etwa schon lan­ge für die Abschaf­fung der Lager ein. Es geht aber auch dar­um, sich von der Idee zu ver­ab­schie­den, Kri­mi­na­li­sie­rung wür­de Gerech­tig­keit schaf­fen, denn es gibt ja auch wei­te­re Insti­tu­tio­nen, durch die Poli­zie­ren wirkt (Für­sor­ge­re­gime, etc.). In der Hin­sicht ist Aboli­tio­nis­mus auch ein Pro­zess, der unse­re gesell­schaft­li­chen Bezie­hun­gen, Insti­tu­tio­nen und unse­re Bezie­hun­gen zuein­an­der trans­for­miert.

In Deutsch­land wird Ras­sis­mus als insti­tu­tio­na­li­sier­tes Sys­tem der Aus­beu­tung, der Dehu­ma­ni­sie­rung und des Aus­schlus­ses ein­fach sys­te­ma­tisch geleug­net.

Vanes­sa E. Thomp­son

Vanes­sa, du hast vor­hin gesagt, dass es in man­chen Län­dern stär­ke­re Tra­di­tio­nen von Poli­zei­kri­tik gibt. Wor­an liegt es, dass die Poli­zei­kri­tik in Deutsch­land so beson­ders schwach aus­ge­prägt ist?

Vanes­sa E. Thomp­son: Poli­zei­kri­tik gibt es zwar schon, aber die unter­schied­li­chen Ebe­nen und beson­ders die Dimen­si­on des inter­sek­tio­na­len Ras­sis­mus und der kolo­nia­len Kon­ti­nui­tä­ten wer­den viel zu wenig mit­be­dacht. In Deutsch­land wird Ras­sis­mus als insti­tu­tio­na­li­sier­tes Sys­tem der Aus­beu­tung, der Dehu­ma­ni­sie­rung und des Aus­schlus­ses ein­fach sys­te­ma­tisch geleug­net. Das sehen wir am Nicht-Umgang mit der deut­schen Kolo­ni­al­ge­schich­te, an der feh­len­den Auf­ar­bei­tung des Geno­zids an den Here­ro und Nama, des ers­ten Geno­zids des 20. Jahr­hun­derts. Das sehen wir im Ras­sis­mus in Bil­dungs­in­sti­tu­tio­nen und ande­ren Insti­tu­tio­nen. Kämp­fe für Schwar­zes und ras­si­fi­zier­tes Leben gibt es in Deutsch­land aber schon lan­ge. Jetzt ist die Fra­ge: Gibt es eine Öff­nung für eine brei­te­re und sys­te­ma­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung und Bekämp­fung von insti­tu­tio­nel­lem Ras­sis­mus? Des­we­gen ist es wich­tig, dran­zu­blei­ben. Die hef­ti­gen Reak­tio­nen auf die Debat­te um Poli­zei­kri­tik haben wie­der gezeigt, dass Deutsch­land in Bezug auf die Ver­hand­lung von Ras­sis­mus ein »Ent­wick­lungs­land« ist. Ich benut­ze den Begriff Ent­wick­lungs­land bewusst sehr sel­ten, in die­sem Fall ist er ange­bracht.

Jan Ole Arps

Jan Ole Arps ist Redak­teur bei ak.

Nelli Tügel

Nel­li Tügel ist Redak­teu­rin bei ak.

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