[ak:] Nach der Kontroverse um die Regen­bogen­flagge

In Geden­ken an Sarah Hega­zy ver­öf­fent­li­chen wir die deut­sche Fas­sung ihres letz­ten im Sep­tem­ber 2018 erschie­ne­nen Tex­tes

Ein­lei­tung und Über­set­zung von Maria Hart­mann und Bahar Ogha­lai

Sarah Hega­zy wur­de 2017 vom ägyp­ti­schen Regime für das Schwen­ken einer Regen­bo­gen-Flag­ge inhaf­tiert und spä­ter, nach ihrer Ent­las­sung, ins kana­di­sche Exil getrie­ben. Die phy­si­sche und psy­chi­sche Fol­ter, und die dar­aus fol­gen­den Trau­ma­ta, haben ihr schluss­end­lich das Wei­ter­le­ben unmög­lich gemacht. Am 14. Juni die­ses Jah­res beging Sarah Hega­zy in Toron­to Selbst­mord. 2018 hat­te sie ihre Gedan­ken zum Erleb­ten nie­der­ge­schrie­ben. Wir über­set­zen ihren Text, der weit über die Beschrei­bung ihrer per­sön­li­chen Erleb­nis­se hin­aus eine ana­ly­tisch scharf­sin­ni­ge Abrech­nung mit einem Sys­tem ist, das die­je­ni­gen tötet, die in sei­nen Augen anders sind.

Ihre klu­gen Wor­te sind beson­ders im Kon­text einer Kri­tik an der Bina­ri­tät des deut­schen Dis­kur­ses bedeut­sam, der Regime wie jene von Sisi ver­meint­lich reli­giö­sen vor­zieht, weil er sie für säku­la­rer, siche­rer und sta­bi­ler hält: Bes­ser Sisi als die Mus­lim­brü­der! So hat­te die Mer­kel-Regie­rung trotz bekann­ter Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen das Putsch-Regime Sisis in Ägyp­ten aner­kannt. Aus die­ser Argu­men­ta­ti­on her­aus unter­stüt­zen gro­ße Tei­le der deut­schen Stim­men, auch aus der Lin­ken, Akteu­re wie Sisi. Die­sen Stim­men ent­geg­net Sarah: Die als binär ver­stan­de­nen Sys­te­me tun sich nichts. Der Staat und die reli­gi­ös-fun­da­men­ta­len Insti­tu­tio­nen sind zwei Sei­ten der glei­chen Medail­le von auto­ri­tä­rer Herr­schaft, Patri­ar­chat und der Unter­drü­ckung zivi­ler Frei­hei­ten.

Das, was Sarah hier im Kon­text der ägyp­ti­schen Gesell­schaft auf Staat und Islam bezieht, ist im glo­ba­len Ver­gleich kein sin­gu­lä­res Phä­no­men. Die Aus­tausch­bar­keit faschis­tisch-reli­giö­ser Staats­struk­tu­ren fin­det sich zuneh­mend auf fast allen Kon­ti­nen­ten wie­der – mit unter­schied­li­chen Gesich­tern, aber im Inne­ren prin­zi­pi­ell ähn­lich in Auf­bau, Legi­ti­mie­rung und Kon­se­quenz. 

In dem Glau­ben, ver­meint­lich säku­la­re Regime wür­den Sta­bi­li­tät bie­ten, wur­den die nach Soli­da­ri­tät rufen­den zivi­len Rebel­lio­nen in West­asi­en und Nord­afri­ka in den letz­ten zehn Jah­ren sich selbst über­las­sen. Und dabei sind es jene, die letzt­end­lich gera­de wegen all ihrer Frag­men­tiert­heit, Fra­gi­li­tät und in ihren kon­tro­ver­sen Aus­hand­lun­gen für eine Alter­na­ti­ve gegen den Auto­ri­ta­ris­mus der einen wie der ande­ren ste­hen. An allen Fron­ten sind es nicht die herr­schen­den, ver­meint­lich säku­la­ren Regime, die den Vul­nerablen Schutz zu bie­ten ver­su­chen. Statt­des­sen hängt heu­te die Ver­tei­di­gung der soli­da­ri­schen Huma­ni­tät in Ägyp­ten wie in Syri­en, von der Tür­kei über die USA bis an die euro­päi­schen Außen­gren­zen vom Ein­satz pre­kä­rer, zivil­ge­sell­schaft­li­cher Grup­pen und Indi­vi­du­en ab. Die letz­ten zehn Jah­re haben end­gül­tig bewie­sen, dass unse­re huma­nis­ti­schen inter­staat­li­chen Insti­tu­tio­nen geschei­tert sind – wir müs­sen uns auf die Suche nach neu­en Lösun­gen bege­ben. 

Der fol­gen­de Text von Sarah Hega­zy wur­de aus dem Ara­bi­schen über­setzt. Ursprüng­lich erschien er bei Mada Masr im Sep­tem­ber 2018, ein Jahr nach ihrer Ver­haf­tung.

Ein Jahr nach der Kontroverse um die Regenbogen-Flagge (von Sarah Hegazy)

Staat und Isla­mis­ten kon­kur­rie­ren in Bezug auf Extre­mis­mus, Igno­ranz und Hass. Eben­so, wenn es um das Aus­üben und die Ver­brei­tung von Gewalt und Leid geht. Isla­mis­ten bestra­fen jene, die sich von ihnen unter­schei­den, mit dem Tod. Das herr­schen­de Regime bestraft sie mit Gefäng­nis. 

Es könn­te als Wett­kampf um Reli­gio­si­tät beschrie­ben wer­den. Dabei mei­ne ich mit Reli­gi­on nicht bloß eine Rei­he an Prak­ti­ken, son­dern die­ses Gefühl von Dün­kel und Über­le­gen­heit, das durch die blo­ße Zuge­hö­rig­keit zu einer bestimm­ten Reli­gi­on oder dem Aus­üben bestimm­ter Ritua­le ent­steht. 

Das Regime nutzt sei­ne Werk­zeu­ge – die Medi­en, die Moscheen –, um der ägyp­ti­schen Gesell­schaft, die sich als »natur­ge­ge­ben reli­gi­ös « ver­steht, zu sagen: Auch wir schüt­zen reli­giö­se Wer­te und die gesell­schaft­li­che Moral. Die Isla­mis­ten müss­ten sich also gar nicht mit uns anle­gen. 

Der Staat und beson­ders das der­zeit regie­ren­de Regime ist puri­ta­nisch. Als ich in mei­nem Zuhau­se, vor den Augen mei­ner Fami­lie, ver­haf­tet wur­de, frag­te mich ein Offi­zier nach mei­ner Reli­gi­on, war­um ich den Schlei­er abge­nom­men habe und ob ich Jung­frau sei. Der Offi­zier ver­band mei­ne Augen in einem Auto, das mich zu einem Ort fuhr, des­sen Lage mir ver­bor­gen blieb. Ich wur­de eine Trep­pe hin­un­ter geführt ohne zu wis­sen, wohin sie mich brin­gen wür­de. Nur der Klang einer Män­ner­stim­me, die sag­te: »Bringt sie zu al-Basha«, und der ekel­haf­te Gestank von vor Schmer­zen stöh­nen­den Men­schen. Ich saß auf einem Stuhl, mei­ne Hän­de ver­bun­den und ein Stück Stoff in mei­nem Mund aus Grün­den, die ich nicht ver­stand. Ich konn­te nie­man­den sehen und nie­mand sprach zu mir. Eine kur­ze Wei­le spä­ter erschüt­ter­te mein Kör­per und ich ver­lor das Bewusst­sein – ich weiß nicht für wie lang. 

Es war Elek­tri­zi­tät. Sie fol­ter­ten mich mit Elek­tri­zi­tät. Sie droh­ten, mei­ner Mut­ter etwas anzu­tun, wenn ich jemals dar­über spre­chen wür­de. Mei­ne Mut­ter starb spä­ter, als ich das Land schon ver­las­sen hat­te. 

Die Strom­schlä­ge genüg­ten ihnen nicht. Der Typ aus der Say­e­da Zein­ab Poli­zei­sta­ti­on stif­te­te die inhaf­tier­ten Frau­en dazu an, mich sexu­ell zu beläs­ti­gen – ver­bal und phy­sisch. 

Die Fol­ter war auch damit nicht vor­über. Sie mach­ten wei­ter im Qana­ter Frau­en­gefäng­nis, wo ich Tage über Tage in Ein­zel­haft gehal­ten wur­de, bevor sie mich in eine Zel­le mit zwei ande­ren Frau­en steck­ten. Es war mir ver­bo­ten, mit ihnen zu spre­chen. 

In der gan­zen Zeit der Haft war es mir ver­bo­ten, in die Son­ne zu gehen. Ich ver­lor die Fähig­keit, ande­ren Men­schen in die Augen zu sehen.

Das Ver­hör der staat­li­chen Sicher­heits­ver­fol­gung war eine Demons­tra­ti­on der Igno­ranz. Mein Ver­neh­mer for­der­te mich auf, Bewei­se vor­zu­le­gen, dass die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on Homo­se­xua­li­tät nicht als Krank­heit ein­ord­ne. Mein Anwalt Moha­med Fouad kon­tak­tier­te schließ­lich die WHO. Sie ver­öf­fent­lich­ten ein State­ment, in dem erläu­tert wur­de, dass Homo­se­xua­li­tät kei­ne Krank­heit sei. Mei­ne Anwäl­tin Hoda Nas­ral­lah wand­te sich an die Ver­ein­ten Natio­nen, die eben­falls in einem State­ment bekannt gaben, dass die Aus­übung der sexu­el­len Ori­en­tie­rung ein Men­schen­recht sei. 

Ahmed Alaa und ich argu­men­tier­ten all das in der Behör­de für Staats­si­cher­heit. 

Die Fra­gen mei­nes Ver­neh­mers waren naiv: Er frag­te mich, ob Kom­mu­nis­mus und Homo­se­xua­li­tät das Glei­che sei­en. Sar­kas­tisch frag­te er mich auch, was Homo­se­xu­el­le denn vom Sex mit Kin­dern und Tie­ren abhal­ten wür­de. Ihm war nicht klar, dass Sex mit Kin­dern, sowie Sex mit Tie­ren ein Ver­bre­chen ist. Es über­rascht nicht, dass sein Den­ken so beschränkt ist. Wahr­schein­lich sieht er in Moha­med Shaar­a­wy einen groß­ar­ti­gen Sheikh und in Mosta­fa Mahmoud einen guten Rechts­wis­sen­schaft­ler. Und wahr­schein­lich ist er über­zeugt, die Welt habe sich gegen Ägyp­ten ver­schwo­ren und, dass Homo­se­xua­li­tät eine Reli­gi­on sei, in die wir Men­schen ein­la­den wür­den. Er hat kei­ne ande­ren intel­lek­tu­el­len Quel­len als sei­ne Fami­lie, reli­giö­se Typen, die Schu­le und die Medi­en.

Danach

Ich bekam Angst vor allen und jedem. Sogar nach mei­ner Ent­las­sung fürch­te­te ich mich vor allem, auch vor mei­ner Fami­lie, vor mei­nen Freun­den, auf der Stra­ße. Die Angst über­nahm die Füh­rung. 

Ich litt an meh­re­ren schwe­ren Depres­sio­nen und einer post­trau­ma­ti­schen Belas­tungs­stö­rung. Dazu ent­wi­ckel­te ich Angst­stö­run­gen und Panik­at­ta­cken. Sie wur­den mit ECT (Elek­tro­kon­vul­si­ons­the­ra­pie, Anm. der Redak­ti­on) behan­delt und das führ­te zu Gedächt­nis­stö­run­gen. Schließ­lich ver­ließ ich das Land aus Angst, wie­der ver­haf­tet zu wer­den. Im Exil ver­lor ich dann mei­ne Mut­ter. 

Danach eine wei­te­re Run­de ECT-Behand­lun­gen, die­ses Mal in Toron­to, und zwei Selbst­mord­ver­su­che. Ich begann zu stot­tern – es war rei­ner Ter­ror. Ich konn­te mein Zim­mer nicht ver­las­sen. Mei­ne Gedächt­nis­lü­cken wur­den immer grö­ßer. Ich ver­mied es, über das Gefäng­nis zu spre­chen, bei Ver­samm­lun­gen zu erschei­nen oder öffent­lich in den Medi­en auf­zu­tre­ten, weil mir sofort der rote Faden abhan­den kam und mich ver­lo­ren fühl­te. Als wür­de mich der Wunsch nach Schwei­gen über­rol­len. Und zu all­dem kam noch, dass ich die Hoff­nung in die Behand­lung ver­lor. Ich ver­lor die Hoff­nung, dass ich geheilt wer­den wür­de. 

Dies ist die Gewalt, die der Staat mir antat, mit dem Segen einer »intrinsisch reli­giö­sen« Gesell­schaft. Es gibt kei­nen Unter­schied zwi­schen einem bär­ti­gen reli­giö­sen Extre­mis­ten, der dich töten will, weil er glaubt, in den Augen sei­nes Got­tes einen höhe­ren Rang zu haben und daher das Recht zu besit­zen, jeden zu töten, der anders ist als er, und einem nicht bär­ti­gen, gut geklei­de­ten Mann mit einem neu­en Tele­fon und einem schi­cken Auto, wel­cher glaubt, in den Augen sei­nes Got­tes höher zu ste­hen, und daher damit beauf­tragt zu sein, jeden zu fol­tern, ein­zu­sper­ren und auf­zu­het­zen, der anders ist.

Wer anders ist, wer kein männ­li­cher sun­ni­tisch-mus­li­mi­scher Hete­ro­se­xu­el­ler ist, der das herr­schen­de Regime unter­stützt, wird ver­folgt, gilt als unzu­mut­bar oder tot.

Die Gesell­schaft applau­dier­te dem Regime, als des­sen Beam­te mich und Ahmed Alaa, den jun­gen Mann, der alles ver­lor, weil er die Regen­bo­gen­fah­ne gehisst hat­te, ver­haf­te­ten. 

Die Mus­lim­brü­der, die Sala­fis­ten und Extre­mis­ten fan­den schließ­lich Über­ein­stim­mung mit den herr­schen­den Mäch­ten: Sie einig­ten sich auf uns. Sie einig­ten sich auf Gewalt, Hass, Vor­ur­tei­le und Ver­fol­gung. Viel­leicht sind sie zwei Sei­ten der­sel­ben Medail­le.

Wir haben kei­ne hel­fen­de Hand gefun­den, außer der der Zivil­ge­sell­schaft, die trotz der unter­drü­cken­den staat­li­chen Ein­schrän­kun­gen ihre Arbeit mach­ten. 

Ich wer­de das Ver­tei­di­gungs­team nie ver­ges­sen: Mosta­fa Fouad, Hoda Nas­ral­lah, Amro Moha­med, Ahmed Oth­man, Doaa Mosta­fa, Rama­dan Moha­med, Hazem Salah Eldin, Mosta­fa Mahmoud, Hana­fiy Moha­med und ande­re.

Die Bemü­hun­gen der Zivil­ge­sell­schaft kön­nen auch nach mei­ner Frei­las­sung nicht mit Wort oder Schrift gewür­digt oder gar erklärt wer­den. Aber das ist alles, was ich habe. Des­halb bit­te ich die Anwäl­te und den Rest der Zivil­ge­sell­schaft um Ver­ge­bung für mei­ne Unfä­hig­keit, mei­ne Dank­bar­keit, außer mit Wor­ten Aus­druck zu ver­lei­hen. 

Ein Jahr nach dem Mash­rou ’Lei­la-Kon­zert und nach­dem den Musi­kern nach einer ein­jäh­ri­gen Sicher­heits­kam­pa­gne gegen Homo­se­xu­el­le die Rück­kehr nach Ägyp­ten ver­bo­ten wur­de, ein Jahr nach­dem ich mein Anders­sein publik gemacht hat­te – »Ja, ich bin eine Homo­se­xu­el­le« – habe ich mei­ne Fein­de nicht ver­ges­sen.

Ich habe die Unge­rech­tig­keit nicht ver­ges­sen, die ein schwar­zes Loch in die See­le gegra­ben hat und sie blu­ten ließ – ein Loch, das die Ärzt*innen noch nicht hei­len konn­ten.

Falls ihr euch in einer Kri­sen­si­tua­ti­on befin­det: Die Deut­sche Depres­si­ons­hil­fe bie­tet eine Info-Hot­line an unter 0800 /​33 44 533 (Mo-Di 13:00–17:00, Mi-Fr 08:30–12:30). In aku­ten Situa­tio­nen könnt ihr auch die 112 wäh­len.

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