[IL:] Allzu sehr von dieser Welt

Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gien und der all­ge­gen­wär­ti­ge Anti­se­mi­tis­mus

Als Xavier Naidoo den Bogen über­spann­te

Erstaun­lich groß gestal­te­te sich der media­le Auf­schrei, als Mit­te März im Inter­net ein Video des Mann­hei­mer Sän­gers Xavier Naidoo auf­tauch­te, in dem die­ser – sich selbst beim Sin­gen fil­mend – einen unver­hoh­len ras­sis­ti­schen Text zum Bes­ten gibt. Dar­in malt er in dile­tan­ti­schen Zweck­rei­men Bil­der von sich angeb­lich nahe­zu täg­lich ereig­nen­den „Mord(en), bei denen der Gast dem Gast­ge­ber ein Leben stielt“. Die ver­meint­li­chen Täter*innen, im Lied nur als „Ihr“ ange­spro­chen, wer­den nicht näher benannt, damit alles „poli­tisch kor­rekt“ bleibt. Die Reak­ti­on auf das Video folg­te prompt: Sich über­schla­gen­de Pres­se­be­rich­te, Distan­zie­run­gen ehe­ma­li­ger Weggefährt*innen und schließ­lich sogar den Ver­lust sei­nes Jury­plat­zes in der Cas­ting­show „Deutsch­land sucht den Super­star“ schei­nen Naidoo jedoch rela­tiv kalt zu las­sen, wie er in einem Inter­view mit einem rech­ten Blog­ger aus­führt. In wei­te­ren Film­schnip­seln schwa­dro­niert er mun­ter wei­ter über den ver­meint­li­chen „Faschis­mus“ eta­blier­ter Par­tei­en und die teuf­li­schen Mäch­te hin­ter der „Fri­days for Future“-Bewegung.

Die ras­sis­ti­schen Aus­fäl­le sei­nes Gesangs­vi­de­os konn­ten dabei kei­nes­wegs über­ra­schend kom­men, schon seit Jah­ren fällt Naidoo durch sei­ne Nähe zur Sze­ne der soge­nann­ten „Reichs­bür­ger“ und das Ver­brei­ten homo­pho­ber und ver­schwö­rungs­theo­re­ti­scher Inhal­te auf. Trotz kri­ti­scher Medi­en­be­rich­te tat dies sei­nem Erfolg bis­lang kei­nen Abbruch. Im Gegen­satz dazu bewirk­ten sei­ne neus­ten Äuße­run­gen offen­bar eine Wen­de im öffent­li­chen Bild von Naidoo: Mit sei­ner Erzäh­lung von durch „Gäs­te“ began­ge­nen Mor­den und – offen­sicht­lich weiß­deut­schen – Kin­dern, die sich „mit Wöl­fen in der Sport­hal­le umklei­den“ müs­sen, rede­te er nun all­zu offen­sicht­lich den Schlag­wör­tern rech­ter Dis­kur­se den Mund. Die­ses neue Bild mag zu sei­ner Iso­la­ti­on in der sich welt­of­fen geben­den Pop­mu­sik­sze­ne geführt haben. Es zeigt jedoch – beson­ders vor dem Hin­ter­grund eines wei­te­ren, obsku­ren Vide­os, in dem Naidoo schluch­zend von der Ent­füh­rung von Kin­dern zum Zweck des Ver­kaufs ihres Bluts an nicht näher benann­te „Mäch­ti­ge“ berich­tet – einen ver­meint­lich „wir­ren Spin­ner“.

Frei­lich mögen Ver­schwö­rungs­theo­rien, wie sie Naidoos Welt­bild zugrun­de lie­gen, oft absurd und lach­haft wir­ken. Das macht sie aber nicht weni­ger gefähr­lich. Denn so wenig sie mit einer fak­ten­ba­sier­ten Wirk­lich­keit gemein haben mögen, so sehr sind sie doch ver­wo­ben mit der Rea­li­tät gesell­schaft­li­cher Ver­hält­nis­se. Dies lässt sich anhand eini­ger von Naidoo bedien­ten Vor­stel­lun­gen auf­zei­gen.

Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gien haben ein Sys­tem

Wer Naidoos The­sen als Pro­dukt eines ver­wirr­ten Geis­tes zu begrei­fen ver­sucht, wie­der­holt die fal­sche Ein­schät­zung, die häu­fig auch über die ras­sis­ti­schen und anti­se­mi­ti­schen Mör­der von Hanau und Hal­le getrof­fen wor­den ist, wel­che ihre Taten mit ver­schwö­rungs­theo­re­ti­schen Aus­füh­run­gen zu begrün­den ver­such­ten. Zwar mag der Nei­gung zur Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gie gele­gent­lich eine gewis­se psy­chi­sche Dis­po­si­ti­on zu Grun­de lie­gen, doch lässt sich eine sol­che nicht aus­schließ­lich auf „kran­ke“ Indi­vi­du­en zurück­füh­ren, son­dern muss unter Bezug­nah­me auf die Gesamt­heit gesell­schaft­li­cher Ver­hält­nis­se gedeu­tet wer­den.

Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gien beru­hen stets auf der Kon­struk­ti­on einer mäch­ti­gen Grup­pe, die im Gehei­men dunk­len Machen­schaf­ten frönt – in sei­nem Fall: Kin­der­blut kon­su­mie­ren­de, teuf­li­sche Mäch­ti­ge, die sich den Kampf gegen die Mei­nungs­frei­heit als Auf­ga­be gesetzt haben. Auf die Wei­se bie­tet Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gie bie­tet ein­fa­che Erklä­rungs­mus­ter für kom­ple­xe Pro­zes­se. Abs­trak­te Dyna­mi­ken, die aus ver­schie­dens­ten, teils zusam­men­spie­len­den, teils sich wider­spre­chen­den, Ten­den­zen her­vor­ge­hen, wer­den in Form der sich ver­schwö­ren­den Fremd­grup­pe per­so­na­li­siert. Das Cha­os des Kapi­ta­lis­mus, das dem Indi­vi­du­um als undurch­dring­li­che Tota­li­tät ent­ge­gen­tritt und sich mit­tels ver­ding­lich­ter Struk­tu­ren als objek­ti­ver Zwang prä­sen­tiert, erkennt der*die Verschwörungstheoretiker*in durch­aus als irra­tio­nal. Die Res­sen­ti­ment bela­de­ne Fol­ge­rung dar­aus schließt jedoch mit­nich­ten auf die eman­zi­pa­to­ri­sche Ziel­set­zung einer Auf­he­bung der irra­tio­na­len Ver­hält­nis­se im Sin­ne einer Errich­tung der frei­en Gesell­schaft, son­dern nimmt eine gleich­sam irra­tio­na­le, über­ge­ord­ne­te und doch per­so­na­li­sier­ba­re Struk­tur über den unper­so­na­len Zwän­gen kapi­ta­lis­ti­scher Ver­hält­nis­se an – die Grup­pe der Verschwörer*innen.

Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gie greift dabei nie den Kapi­ta­lis­mus als sol­chen an, son­dern stellt die ver­meint­lich natür­li­che Sphä­re der Pro­duk­ti­on der als ent­frem­det wahr­ge­nom­me­nen Sphä­re der Waren­zir­ku­la­ti­on ent­ge­gen [1]. Dies drückt sich auch in dem vie­len Ver­schwö­rungs­theo­rien zu Grun­de lie­gen­den Wider­spruch aus zwi­schen einer gie­ri­gen und mäch­ti­gen Eli­te mit Ver­bin­dung zur Welt der Bör­sen und Ban­ken und dem hin­ters Licht geführ­ten und aus­ge­nutz­ten „Volk“, dem auch die klei­ne­ren Kapi­ta­li­en des soge­nann­ten Mit­tel­stan­des zuge­schla­gen wer­den. Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gie zeigt sich so struk­tu­rell als Kodie­rung des Anti­se­mi­tis­mus: Mit der klei­nen Grup­pe, die als „Welt­ver­schwö­rung“ die Geschi­cke der Men­schen lenkt und die dem „raf­fen­den“ Finanz­ka­pi­tal zuge­rech­net wird, sind letzt­lich immer „die“ Juden*Jüdinnen“ gemeint, wel­chen tra­di­tio­nell die Eigen­schaft als kos­mo­po­li­ti­sche Eli­te ohne Hei­mat zuge­spro­chen wird. Der Wil­le zur Zer­schla­gung der Verschwörer*innengruppe fällt somit zusam­men mit dem Ver­nich­tungs­wil­len, der den Anti­se­mi­tis­mus kenn­zeich­net.

Selbst in die­sem Extrem zeigt sich noch die ver­kürz­te Ana­ly­se, die Anti­se­mi­tis­mus wie Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gie zu Grun­de liegt: Anstatt das fal­sche Gan­ze, die Herr­schaft der sich selbst repro­du­zie­ren­den Ver­wer­tung des Werts anzu­grei­fen, soll dar­an nur das per­so­na­li­sier­te Abs­trak­te aus­ge­löscht wer­den, auf das eine „gerei­nig­te“ und nicht mehr ent­frem­de­te Gemein­schaft zurück­bleibt. Voll­kom­men irra­tio­nal ist dabei selbst­ver­ständ­lich die Annah­me, dass mit der Aus­lö­schung einer Men­schen­grup­pe die die­ser Grup­pe zuge­schrie­be­nen Eigen­schaf­ten aus­ge­löscht wer­den könn­ten.
Sozi­al­psy­cho­lo­gisch lässt sich hier argu­men­tie­ren, dass das anti­se­mi­ti­sche bzw. ver­schwö­rungs­ideo­lo­gi­sche Sub­jekt sei­ne ihm selbst durch gesell­schaft­li­che Zwän­ge ambi­va­lent gegen­über­ste­hen­den Eigen­schaf­ten der über­höh­ten wie gehass­ten Grup­pe zuschreibt und mit ihr zu ver­nich­ten hofft. Gier oder das Stre­ben nach Macht, gesell­schaft­lich par­al­lel mora­lisch abge­lehnt wie öko­no­misch erwünscht, eben­so wie ver­sag­te sexu­el­le Bedürf­nis­se wer­den so auf die Juden*Jüdinnen bzw. Verschwörer*innen pro­ji­ziert.

Anti­se­mi­tis­mus am Bei­spiel der Lie­der Xavier Naidoos

Xavier Naidoo ist frei­lich kei­nes­falls ein Anti­se­mit – schließ­lich hat das Ober­lan­des­ge­richt Nürn­berg im Okto­ber 2019 ent­schie­den, dass er nicht als ein sol­cher bezeich­net wer­den darf. Wäre er es aber doch, lie­ße sich dies anhand zahl­rei­cher sei­ner Aus­sa­gen und Lied­tex­ten nach­voll­zie­hen.
Schon lan­ge vor den ers­ten offen ver­schwö­rungs­ideo­lo­gi­schen Äuße­run­gen las­sen sich bei ihm Ele­men­te erken­nen, die ihre Zusam­men­füh­rung im Anti­se­mi­tis­mus vor­weg­neh­men. All­ge­mein zeich­nen sich Naidoos Lie­der durch ihre Hin­ga­be an das ver­meint­lich Höhe­re aus, das „nicht von die­ser Welt“ (so der Titel eines sei­ner erfolg­reichs­ten Lie­der) kommt. Sicher ist dies in Zusam­men­hang mit sei­ner stark aus­ge­präg­ten Reli­gio­si­tät zu betrach­ten, doch bedient sich Naidoo dabei all­zu genau an jenem Duk­tus, der letzt­lich nichts aus­sagt als sei­ne Ver­blen­dung gegen­über der mate­ri­el­len Grund­la­gen des Bestehen­den. [2]

Die­se Ver­schleie­rung der tat­säch­li­chen Ent­frem­dung tei­len sich die Tex­te Naidoos mit der Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gie eben­so wie die Annah­me von etwas (hier noch posi­tiv besetz­ten) dem Indi­vi­du­um Über­ge­ord­ne­ten, schwer Begreif­li­chen. Das ver­klär­te Boden­stän­di­ge fin­det sei­nen Gegen­part in den kos­mo­po­li­ti­schen Verschwörer*innen. Nicht zufäl­lig schuf Naidoo mit sei­nem Song „Die­ser Weg wird kein leich­ter sein“ eine von Arbeits­ethos und Ver­klä­rung der ehr­li­chen Anstren­gung trie­fen­de Hym­ne des natio­na­lis­ti­schen „Som­mer­mär­chens“ um die Fuß­ball­welt­meis­ter­schaft 2006. Doch bleibt auch hier das logi­sche Gegen­über der schwer Arbei­ten­den noch offen – leicht wohl aber lässt es sich ver­bild­li­chen als die frei schwe­ben­de, raf­fen­de und Kapi­tal wie aus dem Nichts akku­mu­lie­ren­de Grup­pe jüdi­scher Verschwörer*innen.

Deut­li­cher schon arti­ku­liert Naidoo sei­ne ver­kürz­te Sys­tem­kri­tik im 2004 ver­öf­fent­lich­ten Song „Baby­lon Sys­tem“. Dort wet­tert er gegen das titel­ge­ben­de Kon­strukt, des­sen kon­kre­te Aus­for­mung er jedoch noch im vagen belässt. Doch gera­de die­ses unkon­kre­te, in der Andeu­tung ver­har­ren­de Gemur­mel lässt sich als cha­rak­te­ris­tisch für den unter­grün­di­gen Anti­se­mi­tis­mus ver­ste­hen, wobei die­je­ni­gen, die ver­meint­lich über das Wesen der Ver­schwö­rung Bescheid wis­sen, ganz genau ver­ste­hen, was gemeint ist. Das christ­li­che Bei­spiel Baby­lons als ver­dor­be­ne Zivi­li­sa­ti­on, die als Gegen­bild der natür­li­chen (bzw. gött­li­chen) Regeln kon­zi­piert ist, ist dabei bezeich­nend für eine regres­si­ve Ableh­nung des Bestehen­den. Sie cha­rak­te­ri­siert gewis­se Aus­for­mun­gen der herr­schen­den Bezie­hungs­wei­sen als „deka­dent“ gegen­über einem angeb­lich natür­li­chen Ver­hält­nis der Men­schen zuein­an­der. Damit neigt sie einer­seits zu einer Natu­ra­li­sie­rung von Ungleich­heits­ver­hält­nis­sen und ander­seits zur Kon­struk­ti­on einer Grup­pe, von der die „Deka­denz“ aus­geht und deren Ver­nich­tung die Rück­kehr zu ursprüng­li­chen Ver­kehrs­for­men bedeu­ten wür­de. Und schon wie­der lan­den wir beim all­ge­gen­wär­ti­gen Anti­se­mi­tis­mus.

In eine ähn­li­che Rich­tung zielt das 2005 erschie­ne­ne „Abgrund“, doch wird Naidoo hier kon­kre­ter, wenn er bei­spiels­wei­se von den zu hohen Diä­ten der Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten singt. Sehr klar benennt er eine Feind­schaft gegen die weni­gen, die „manipulier(en)“ und „die Wei­chen stell(en)“. Recht klar wird so, dass der Text mehr trans­por­tiert als Kri­tik am Par­la­men­ta­ris­mus, indem er ein wei­te­res Mal das Bild einer abs­trak­ten, alles kon­trol­lie­ren­den Eli­te bedient. Erstau­nen mag die Kri­tik am Staat den­noch, die Naidoo in „Abgrund“ als Kri­tik am Par­la­men­ta­ris­mus und Steu­ern, in „Baby­lon Sys­tem“ all­ge­mei­ner, indem er „jede(n) Staat außer dem Amei­sen­staat“ als sei­nen „Feind“ benennt, arti­ku­liert. Er argu­men­tiert hier aber kei­nes­falls aus einer lin­ken, anti­staat­li­chen Per­spek­ti­ve, die den Staat als auto­ri­tä­ren „ideel­len Gesamt­ka­pi­ta­lis­ten“ kri­ti­siert, son­dern aus einer rechts­li­ber­tä­ren Rich­tung, die ihre Ableh­nung des Staa­tes auto­ri­tär begrün­det. Die­se ver­eint ideo­lo­gisch gese­hen neo­li­be­ra­le mit faschis­ti­schen Ele­men­ten, wenn sie auf der einen Sei­te eine Abschaf­fung von Steu­ern als unrecht­mä­ßi­gen Ein­griff in den frei­en Wett­be­werb ablehnt und die Lang­sam­keit staat­li­cher Insti­tu­tio­nen bemän­gelt und auf der ande­ren Sei­te gegen par­la­men­ta­ri­sche „Schwatz­bu­den“ die Besin­nung auf natür­li­che Auto­ri­tät und Stär­ke setzt.

Pogrom­fan­ta­sien statt lin­ker Herr­schafts­kri­tik

Dass sei­ne Ableh­nung des Staa­tes nichts zu tun hat mit einer pro­gres­si­ven Ableh­nung der Herr­schaft des Men­schen über den Men­schen, zeigt sich im Lied „Wo sind sie jetzt?“, in dem er sehn­suchts­voll fragt: „Wo sind unse­re Hel­fer, unse­re star­ken Män­ner? Wo sind unse­re Füh­rer?“. Am Par­la­men­ta­ris­mus kri­ti­siert er also gera­de nicht des­sen Auf­ga­be bei der Orga­ni­sie­rung gesell­schaft­li­cher Zustim­mung für die herr­schen­de Pro­duk­ti­ons­wei­se (und die hier­mit ein­her­ge­hen­den fak­ti­schen Beschrän­kun­gen demo­kra­ti­scher Ent­schei­dun­gen), son­dern, dass den Parlamentarier*innen die mys­ti­fi­zier­te Kraft „star­ker Män­ner“ feh­le, deren ange­streb­te Herr­schaft sich nicht demo­kra­tisch, son­dern nur bio­lo­gis­tisch begrün­den las­se. Sei­ne Anti­staat­lich­keit ist so eine auto­ri­tä­re, die die rela­tiv ent­per­so­na­li­sier­te Herr­schaft der west­li­chen Demo­kra­tie durch den ver­meint­li­chen Urzu­stand per­so­na­ler, nament­lich patri­ar­cha­ler, Herr­schaft erset­zen will. Typisch für sei­nen auto­ri­tä­ren Cha­rak­ter ist hier die Ver­herr­li­chung „ech­ter Männ­lich­keit“ gegen­über den Politiker*innen, wel­che als „die Stre­ber, die Psy­chos, die Mamasöhn­chen“ – also als nicht dem patri­ar­cha­len Bild „star­ker Män­ner“ ent­spre­chend – dif­fa­miert wer­den.

Zu eigen ist sei­nen poli­ti­schen Lie­dern zudem seit jeher die Ori­en­tie­rung auf ein nahen­des Unter­gangs­sze­na­rio. So sagt er etwa in „Baby­lon Sys­tem“ vor­aus, dass es bald ein „Cha­os“ gibt, nach dem „Gutes auferstehen„soll. Eine der­ar­ti­ge Beto­nung der rei­ni­gen­den Kraft von Kata­stro­phe und Gewalt mag begrün­det lie­gen in dem Wunsch, die ver­steck­te Bar­ba­rei der herr­schen­den Ver­hält­nis­se nega­tiv auf­zu­he­ben in der offe­nen Bar­ba­rei der Apo­ka­lyp­se, deren Her­bei­seh­nen kaum ver­steckt wird – ein Ele­ment, das auch in faschis­ti­schen Ideo­lo­gien eine zen­tra­le Rol­le spielt. Kaum ver­wun­dern mag vor die­sem Hin­ter­grund Naidoos immer offe­ner ver­tre­te­ne rech­te Ein­stel­lung: Wenn er schließ­lich die Kat­ze aus dem Sack lässt und „Baron Tot­schild“ als den­je­ni­gen benennt, der „den Ton angibt“, sagt er mit die­ser klar anti­se­mi­ti­schen Ver­ball­hor­nung eines jüdi­schen Namens nichts, was sich die, die er errei­chen woll­te, nicht sowie­so schon den­ken konn­ten.

Nur nahe­lie­gend ist also auch der Schul­ter­schluss zur Bewe­gung der soge­nann­ten „Reichs­bür­ger“, auf einer deren Mahn­wa­chen er 2014 auf­trat. Mit ihrer Ver­qui­ckung aus Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gie und auto­ri­tä­rer Ableh­nung des bestehen­den deut­schen Staa­tes boten sie ihm eine pas­sen­de geis­ti­ge Hei­mat. Gera­de­zu wie eine Hym­ne der Verschwörungstheoretiker*innen klingt so auch sein 2017 erschie­ne­nes Lied „Mario­net­ten“, in dem er das wohl klas­sischs­te Ele­ment des Ver­schwö­rungs­an­ti­se­mi­tis­mus bedient: Die Meta­pher der im dun­keln gelas­se­nen Pup­pen­spie­ler, die Politiker*innen nach ihrem Wil­len an der „Nabel­schnur Baby­lons“ steu­ern. In den Zei­len „Und wenn ich so einen in die Fin­ger krie­ge, dann reiß ich ihn in Fet­zen und da hilft auch kein Ver­ste­cken hin­ter Para­gra­fen und Geset­zen“ bringt schließ­lich Naidoos Pro­gramm auf den Punkt, das in bes­ter Tra­di­ti­on Pogrom heißt: Die Ver­nich­tung der per­so­ni­fi­zier­ten Irra­tio­na­li­tät des Gan­zen im bar­ba­ri­schen Aus­bruch der gesell­schaft­lich (bei­spiels­wei­se durch „Para­gra­fen und Geset­zen“) sank­tio­nier­ten Gefüh­le.

Bis zuletzt waren die zeit­li­chen Abstän­de zwi­schen den einzelnen„Skandalen“, zu den Naidoos anti­se­mi­ti­sche Aus­sa­gen medi­al erklärt wur­den, groß genug, sodass es der Mehr­zahl sei­ner Hörer*innen und Auftraggeber*innen stets mög­lich war, die­se als „Aus­rut­scher“ zu ent­schul­di­gen. Die Tat­sa­che, dass nach der letz­ten „Mit­te­stu­die“ 32,7% der reprä­sen­ta­tiv aus­ge­wähl­ten Befrag­ten der Aus­sa­ge, Poli­ti­ker und ande­re Füh­rungs­per­so­nen sei­en Mario­net­ten der dahin­ter­ste­hen­den Mäch­te [3] zustim­men, und damit der Kern­aus­sa­ge des anti­se­mi­ti­schen Mario­net­ten­songs, lässt Naidoos Posi­tio­nen fast wie ein wer­be­taug­li­ches Gim­mick erschei­nen, solan­ge ihre rech­te Ideo­lo­gie sich nicht all­zu offen und kon­stant prä­sen­tiert.
Die ein­gangs erwähn­ten Vide­os, die seit März 2020 in schö­ner Regel­mä­ßig­keit erschei­nen, über­schrit­ten dage­gen offen­bar das Naidoo medi­al zuer­kann­te Maß an Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gie. Das scheint gewollt gewe­sen zu sein, bil­de­ten sie doch den Beginn der Wer­be­pha­se sei­nes ange­kün­dig­ten „patrio­ti­schen Albums“. In einem Inter­view mit dem rech­ten Blog­ger Oli­ver Janich berich­te­te Naidoo stolz, wie er sei­ne Chan­ce genutzt hät­te, vor dem kal­ku­lier­ten Skan­dal noch bei DSDS in der Jury zu sit­zen. Damit wand­te er ver­meint­lich selbst jene Form der kal­ku­lie­ren­den List an, die er bei ver­meint­li­chen Verschwörer*innen ver­ab­scheut, wor­in man ein­mal mehr einen Fall der pathi­schen Pro­jek­ti­on erken­nen mag.

Die Coro­na­kri­se als Brand­be­schleu­ni­ger: Naidoo, Hild­mann, Love­lock & Co.

Aktu­ell ver­tritt und ver­brei­tet Naidoo die Theo­rie der soge­nann­ten „QAnons“. Laut die­ser ver­jün­gen sich rei­che, mäch­ti­ge und berühm­te Men­schen durch den Kon­sum des in Kin­der­blut vor­han­de­nen Stof­fes „Adre­no­chrom“, das im ech­ten Leben ledig­lich ein Abbau­pro­dukt des Hor­mons Adre­na­lin ist. In unter­ir­di­schen Lagern wür­den dafür zahl­rei­che Kin­der gefan­gen gehal­ten und ermor­det. Als posi­ti­ve Figur ste­he dem gegen­über US-Prä­si­dent Donald Trump, der in einer gehei­men Mis­si­on der­zeit die gefan­ge­nen Kin­der befrei­en wür­de. Der Gegen­an­griff der Mäch­ti­gen bestehe der­weil im Coro­na­vi­rus, das bewusst dazu ein­ge­setzt wer­de, die Bevöl­ke­rung von den tat­säch­li­chen Vor­gän­gen abzu­len­ken und zugleich Grund­rech­te abzu­bau­en. Die Erzäh­lung von sata­nis­ti­schen, Kin­der ermor­den­den Zir­keln ist bei Naidoo nichts Neu­es: Im 2012 erschie­nen „Wo sind sie jetzt“ singt er über kin­der­mor­den­de Geheim­bün­de, wobei er die­se in homo­pho­ber Manier mit Homo­se­xua­li­tät in Ver­bin­dung bringt. Struk­tu­rell zeigt sich hier ein­mal mehr die Nähe von Naidoos Theo­rien zum Anti­se­mi­tis­mus: Ein altes und schon im mit­tel­al­ter­li­chen Anti­ju­da­is­mus bekann­tes Nar­ra­tiv ist das der in okkul­ten Ritua­len Kin­der schlach­ten­den Juden*Jüdinnen.

Die Coro­na­kri­se stärkt das Mobi­li­sie­rungs­po­ten­ti­al von Ver­schwö­rungs­theo­rien als irra­tio­nel­le Kri­sen­er­klä­rungs­ver­su­che. Wo auto­ri­tä­rer Staat und kapi­ta­lis­ti­scher Markt an Gren­zen sto­ßen, öff­nen ver­kürz­te Ana­ly­sen Tür und Tor für das struk­tu­rell anti­se­mi­ti­sche Gere­de der Verschwörungsideolog*innen. Getreu Ador­nos Aus­spruch, dass ein Deut­scher ein Mensch sei, der kei­ne Lüge aus­spre­chen kön­ne, ohne sie selbst zu glau­ben, ver­sam­meln sich so seit vie­len Wochen deutsch­land­weit Men­schen in der Annah­me, der Wahr­heit hin­ter der alles umfas­sen­den Ver­schwö­rung auf die Schli­che gekom­men zu sein. Figu­ren wie Naidoo, der sich lan­ge gesell­schaft­lich brei­ter Akzep­tanz sicher sein konn­te, schaf­fen hier Anknüp­fungs­punk­te für die­je­ni­gen, die – sich selbst als nor­ma­le Bürger*innen ver­ste­hend – viel­leicht Beden­ken hät­ten, gemein­sam mit offe­nen Neo­na­zis auf die Stra­ße zu gehen.
Die­ser gefähr­li­chen Nor­ma­li­sie­rung ent­ge­gen­zu­wir­ken kann nur bedeu­ten, Xavier Naidoo und ande­ren Verschwörungsideolog*innen wie Atil­la Hild­mann oder Leon Love­lock kei­ne Büh­ne zu bie­ten und ihre Ideo­lo­gie als das zu ent­blö­ßen, was sie ist: struk­tu­rell anti­se­mi­tisch und auto­ri­tär. Wich­tig bleibt dabei, klar­zu­stel­len, dass die Genann­ten kei­ne ver­ein­zel­ten Ideolog*innen sind, son­dern dass ihre Ideo­lo­gie nur in Zusam­men­hang mit der kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schafts­wei­se mit der sie bestim­men­den Wert­för­mig­keit und der aus ihr her­vor­ge­hen­den Ent­frem­dung begrif­fen wer­den kann und struk­tu­rell ihrer Erfül­lung im Pogrom oder rech­ten Ter­ror­an­schlä­gen ent­ge­gen­strebt.

Somit ist die­se Ideo­lo­gie – um es mit dem leicht abge­än­der­ten Titel eines Lieds von Xavier Naidoo zu sagen – all­zu sehr von die­ser Welt. Und genau die­se Welt, in deren Fun­da­ment ihre fal­sche Selbst­er­kennt­nis im Anti­se­mi­tis­mus schon ein­ge­schrie­ben steht, an eben die­sem Fun­da­ment zu ver­än­dern, dar­un­ter kann unser Anspruch nicht lie­gen.

[1] Erläu­te­rung: Nach einer ver­kürz­ten Kapi­ta­lis­mus­kri­tik ist das Erzie­len von Gewinn durch die Pro­duk­ti­on von Waren und das Erbrin­gen von Dienst­leis­tun­gen legi­tim, hin­ge­gen nicht durch Han­del oder Finanz­markt­ge­schäf­te.

[2] Ein sol­cher Jar­gon war schon immer kenn­zeich­nend für die Träger*innen der deut­schen Ideo­lo­gie. Sei­ne Ver­mitt­lung über die Kul­tur­in­dus­trie, die, im Gegen­satz zu der von der deut­schen Ideo­lo­gie gefor­der­ten Rück­be­sin­nung auf das „rei­ne Sein“, offen­sicht­lich ent­frem­det ist, ver­wun­dert nicht. Denn die deut­sche Ideo­lo­gie war als popu­lär­phi­lo­s­phi­sches Gere­de schon immer eben­so kul­tur­in­dus­tri­ell ver­mit­telt wie der von ihr ver­meint­lich bekämpf­te Zeit­geist.

[3] Vgl. https://​wir​kom​men​.akweb​.de/​b​e​w​e​g​u​n​g​/​n​e​u​i​g​k​e​i​t​e​n​-​i​m​-​p​r​e​p​p​e​r​-​k​e​l​l​er/

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