[ISO:] Ein ökonomisches und soziales Desaster

“Poli­ti­sche Unab­hän­gig­keit bedeu­tet nichts, wenn sie nicht von einer schnel­len öko­no­mi­schen und sozia­len Ent­wick­lung flan­kiert wird.”

(Patri­ce Lumum­ba, Rede auf der All-Afri­can Con­fe­rence in Leo­pold­vil­le, August 1960)

Die­se Fest­stel­lung des auf­grund sei­ner anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Poli­tik kurz nach sei­nem Amts­an­tritt als ers­ter Prä­si­dent des Kon­gos nach der Erlan­gung der poli­ti­schen Unab­hän­gig­keit 1961 ermor­de­ten Patri­ce Lumum­ba hat sei­ne Gül­tig­keit bis heu­te behal­ten. Zwar hat in einer Rei­he von Staa­ten des sub­sa­ha­ri­schen Afri­kas, um das es in die­sem Arti­kel geht, in den letz­ten Jahr­zehn­ten nach der poli­ti­schen Unab­hän­gig­keit eine gewis­se öko­no­mi­sche Ent­wick­lung statt­ge­fun­den, aber die sozia­le Ent­wick­lung ist, vor­sich­tig gesagt, weit dahin­ter zurück­ge­blie­ben. Im Rah­men der der­zei­ti­gen Pan­de­mie wird das – wie­der ein­mal – offen­sicht­lich.

Afrika – weniger von COVID betroffen?

Die renom­mier­te bri­ti­sche medi­zi­ni­sche Fach­zeit­schrift Lan­cet ver­öf­fent­lich­te kürz­lich ein Edi­to­ri­al[i] unter dem Titel „COVID-19 in Afri­ca: no room for com­pla­cen­cy“, in dem unter ande­rem dar­auf hin­ge­wie­sen wur­de, dass einer­seits Afri­ka die nied­rigs­ten gemel­de­ten Zah­len an Infek­tio­nen und Todes­fäl­len auf­weist, dies ande­rer­seits aber ange­sichts des schlech­ten Zustan­des der Gesund­heits­sys­te­me und der Infra­struk­tur, und zusätz­lich der ver­hee­ren­den sozia­len Lage auf dem Kon­ti­nent, ein Para­dox dar­stel­le.

Die­ses ver­meint­li­che Para­dox lässt sich auf­lö­sen: Die regel­mä­ßig ver­öf­fent­lich­ten Zah­len sind schlicht nicht glaub­haft. Selbst wenn man in Betracht zieht, dass im Gegen­satz zu den indus­tria­li­sier­ten Staa­ten des glo­ba­len Nor­dens eine völ­lig ande­re Alters­struk­tur vor­liegt ( in Afri­ka sind 60 % der Bevöl­ke­rung unter 25 Jah­re alt, in Euro­pa gut 26 %)[ii], so wür­de das zwar, da die Mor­ta­li­tät mit zuneh­men­dem Alter steil in die Höhe geht, allen­falls eine nied­ri­ge­re Sterb­lich­keit an SARS COVID-19 erklä­ren, nicht jedoch eine nied­ri­ge­re Infek­ti­ons­ra­te. Dass die Zah­len so nied­rig sind, belegt – wenn sie über­haupt irgend­et­was bele­gen -, dass nicht aus­rei­chend getes­tet wird.

Dass die Regie­run­gen der afri­ka­ni­schen Län­der die­se Zah­len selbst nicht glau­ben, zeigt sich an den getrof­fe­nen Maß­nah­men: Mehr oder weni­ger früh­zei­tig wur­de zu den glei­chen Mit­teln gegrif­fen wie in Euro­pa. Von Aus­gangs­sper­ren über Schlie­ßung der Außen­gren­zen und Flug­hä­fen, Ver­bot öffent­li­cher Ver­an­stal­tun­gen bis hin zu Schlie­ßung von Bin­nen­gren­zen zwi­schen den Bun­des­staa­ten wie in Nige­ria wur­de das gesam­te Arse­nal an Mit­teln zur Ein­däm­mung der Pan­de­mie auf­ge­bo­ten. Die Erfol­ge sind durch­aus zwei­fel­haft – je mehr inzwi­schen getes­tet wird, des­to stei­ler gehen die Zah­len an Infek­tio­nen und Todes­fäl­len nach oben. Dabei muss man anmer­ken, dass die Angst vor dem Virus sozu­sa­gen ungleich ver­teilt ist. Am meis­ten Angst hat die herr­schen­de Eli­te, die durch den welt­wei­ten Lock­down kaum mehr eine Mög­lich­keit hat, sich dis­kret ins Aus­land abzu­set­zen.

Mit dem Tes­ten war und ist es übri­gens auch nicht so ein­fach. Die mas­si­ven Test­kam­pa­gnen im glo­ba­len Nor­den führ­ten zum Man­gel an ent­spre­chen­der Aus­rüs­tung im Süden. Gegen­über der BBC äußer­te sich im April Pro­fes­sor Robin Wood vom Des­mond Tutu HIV Cen­ter in Süd­afri­ka wie folgt: „Der Wes­ten hat das meis­te der Test­ma­te­ria­li­en geor­dert … und wir ste­hen wei­ter hin­ten in der Schlan­ge an, um sie zu bekom­men.“ Ähn­li­ches trifft auch auf die not­wen­di­gen Schutz­aus­rüs­tun­gen zu, deren Prei­se außer­dem um über 1000 Pro­zent in die Höhe geschnellt sind.

Eini­ge Regie­run­gen reagier­ten ande­rer­seits auch mit schlich­ter Igno­ranz. In Tan­sa­nia wur­den Tes­tun­gen und Ver­öf­fent­li­chung von Zah­len zwi­schen­zeit­lich aus­ge­setzt. Der Prä­si­dent ver­laut­bar­te, die Test­kits sei­en mit Coro­na­vi­ren ver­seucht und die Ergeb­nis­se des­halb nicht glaub­haft. Dem wur­de vom afri­ka­ni­schen CDC (Cen­ter of Dise­a­se Con­trol) umge­hend hef­tig wider­spro­chen.[iii]

Nun haben Maß­nah­men wie die oben genann­ten ja schon in Län­dern wie Deutsch­land erns­te Aus­wir­kun­gen nicht nur auf die Wirt­schaft, son­dern auch auf das kon­kre­te Leben der Men­schen. Was für den durch­schnitt­li­chen deut­schen Staats­bür­ger jedoch im schlech­tes­ten Fall eine gewis­se Ver­ar­mung bedeu­tet, heißt für den durch­schnitt­li­chen afri­ka­ni­schen Bür­ger Ver­lust der wirt­schaft­li­chen Exis­tenz, Hun­ger und Tod – aus meh­rer­lei Grün­den.

Ökonomische Folgen der Pandemie in Afrika

71 Pro­zent der Bevöl­ke­rung Afri­kas arbei­ten im infor­mel­len Sek­tor. Das bedeu­tet nicht nur, dass die­se Men­schen kei­ne Sozi­al- oder Kran­ken­ver­si­che­rung haben, son­dern auch, dass im Fal­le der Aus­gangs­sper­re sämt­li­che Ver­dienst­mög­lich­kei­ten abrupt weg­fal­len. Gleich­zei­tig schie­ßen die Prei­se nach oben, und zwar vor­wie­gend für die Grund­nah­rungs­mit­tel. Gha­na bei­spiels­wei­se ver­zeich­ne­te im April eine Infla­ti­ons­ra­te von über 10 Pro­zent, in Nige­ria stieg sie auf 12,3 Pro­zent, wobei die Nah­rungs­mit­tel sich um über 15 Pro­zent ver­teu­er­ten. Die ILO (Welt­ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on) schätzt den Ein­kom­mens­ver­lust für die im infor­mel­len Sek­tor Beschäf­tig­ten welt­weit auf 60 %, in Afri­ka auf 81 %. Betrach­tet man den Durch­schnitts­ver­dienst von 135 Dol­lar monat­lich im (ver­gleichs­wei­se rei­chen) Nige­ria und dem von 35 Dol­lar im Kon­go, so kann man sich in etwa vor­stel­len, was das bedeu­tet., zumal die­ser Durch­schnitts­ver­dienst kon­kret heißt, dass die Mas­se der Armen von 2 bis 3 Dol­lar am Tag (und weni­ger) leben muss. Die Min­der­heit der Fest­an­ge­stell­ten ist von der Kri­se eben­so betrof­fen, denn fast alle Fir­men, die wegen des Lock­down zuma­chen muss­ten, bezah­len gar nicht wei­ter oder wenn, dann ledig­lich einen Bruch­teil des Gehalts. Auch Mas­sen­ent­las­sun­gen hat es gege­ben, wodurch die­se Men­schen dann auch noch die Kran­ken­ver­si­che­rung ver­lie­ren.

Eine wich­ti­ge Ein­kom­mens- und Devi­sen­quel­le ist für eine Rei­he afri­ka­ni­scher Län­der der Tou­ris­mus. Gha­na gehört zu den Län­dern Afri­kas, deren Wirt­schaft neben dem Export von Boden­schät­zen wie Gold und von Agrar­ex­por­ten wie Kakao stark vom die­ser Bran­che abhän­gig ist, die 5,5 Pro­zent des Brut­to­so­zi­al­pro­dukts aus­macht. Der Tou­ris­mus ist durch die Pan­de­mie prak­tisch kom­plett zum Erlie­gen gekom­men mit den ent­spre­chen­den Fol­gen für die in die­sem Sek­tor Beschäf­tig­ten. Ähn­li­ches trifft für Län­der wie Kenia und Tan­sa­nia zu, aber auch Nami­bia, für die die­ser Sek­tor eine wich­ti­ge Devi­sen­quel­le dar­stellt.[iv]

Es gibt übri­gens eine Sekun­där­fol­ge der Pan­de­mie, über die sich die meis­ten Men­schen kei­ne Gedan­ken machen: Die Qua­ran­tä­ne­maß­nah­men im glo­ba­len Nor­den haben unmit­tel­ba­re Aus­wir­kun­gen auf die regel­mä­ßi­gen Über­wei­sun­gen von Migrant*innen an die Fami­li­en in ihren Her­kunfts­län­dern. Laut Erhe­bun­gen der Welt­bank liegt die Gesamt­sum­me die­ser Über­wei­sun­gen inzwi­schen bei 440 Mil­li­ar­den Dol­lar welt­weit und über­trifft damit die staat­li­che Ent­wick­lungs­hil­fe um das Drei­fa­che. Deutsch­land liegt dabei mit 20 Mil­li­ar­den hin­ter den USA, Sau­di-Ara­bi­en und der Schweiz an vier­ter Stel­le, wobei anzu­mer­ken ist, dass die­se Sum­me das Dop­pel­te des Gesamt­etats des ein­schlä­gi­gen Minis­te­ri­ums aus­macht.[v]Was Afri­ka betrifft, so gab die Welt­bank vor kur­zem bekannt, dass das Volu­men der Rück­über­wei­sun­gen ins sub­sa­ha­ri­sche Afri­ka 2020 um 23,1 % von 48 Mil­li­ar­den Dol­lar 2019 auf vor­aus­sicht­lich 37 Mil­li­ar­den sin­ken wird.[vi] Der kom­plet­te oder teil­wei­se Weg­fall die­ser Trans­fers stellt für die betrof­fe­nen Fami­li­en eine öko­no­mi­sche Kata­stro­phe dar.

Die Fra­ge ist ers­tens, wo das Geld hin­fliest – zum größ­ten Teil an die Fal­schen, und zwei­tens, wie­viel davon in den Scha­tul­len der ewig glei­chen kor­rup­ten Poli­ti­ker­kas­te hän­gen­bleibt.

In den afri­ka­ni­schen Län­dern, die wie z.B. Ango­la oder Nige­ria ihren rela­ti­ven Reich­tum aus dem Export von Roh­öl bezie­hen, hat zusätz­lich der Crash auf den Ölmärk­ten auf­grund der coro­nabe­dingt ein­ge­bro­che­nen Nach­fra­ge ver­hee­ren­de Aus­wir­kun­gen auf die Staats­fi­nan­zen und damit auch auf die finan­zi­el­len Mög­lich­kei­ten, mit der Kri­se umzu­ge­hen. Nige­ria braucht z.B. auf­grund der hohen För­der­kos­ten einen Preis von etwa 40 Dol­lar pro Bar­rel, um Gewinn zu machen, kann aber auch mit dem Ver­kauf nicht auf höhe­re Prei­se war­ten, weil es nur Lager­ka­pa­zi­tä­ten für weni­ge Tage hat. Die­se Län­der haben sich in den letz­ten Jahr­zehn­ten auf die Ölein­nah­men ver­las­sen, die eine klei­ne herr­schen­de Schicht zu Super­rei­chen gemacht haben, aber für die Mas­se der Bevöl­ke­rung nichts gebracht haben – sowohl das Gesund­heits­we­sen, wie auch der Bil­dungs­sek­tor (der in Nige­ria vor dem Ölboom vor­bild­lich war) sind in einem deso­la­ten Zustand und die Sub­sis­tenz­pro­duk­ti­on ist stark zurück­ge­gan­gen, so dass z.B. Nige­ria, das bei der Unab­hän­gig­keit noch nah­rungs­mit­tel­aut­ark war, heu­te 60 % der Lebens­mit­tel impor­tie­ren muss. Das schon älte­re fol­gen­de Zitat des nige­ria­ni­schen Nobel­preis­trä­gers Wole Soy­in­ka mutet in die­sem Zusam­men­hang sehr aktu­ell an:

“I am con­vin­ced that Nige­ria would have been a more high­ly deve­lo­ped coun­try without the oil. I wis­hed we’d never smel­led the fum­es of petro­le­um.“ (Ich bin davon über­zeugt, dass Nige­ria ohne das Öl ein höher ent­wi­ckel­tes Land gewe­sen wäre. Ich wünsch­te, wir hät­ten den Rauch des Petro­le­ums nie gero­chen.)

Die bereits jetzt sicht­ba­re Fol­ge des Aus­falls der Staats­ein­nah­men ist ein rapi­der Anstieg der Staats­ver­schul­dung. Für die Schwel­len­län­der und Län­der mit mitt­le­rem Ein­kom­men sagt der IWF (Welt­wäh­rungs­fonds) einen Anstieg des Staats­de­fi­zits von rund 5 % in 2019 auf über 9 % in 2020 vor­aus, für die ärms­ten Län­der einen Anstieg von 4 % auf 6 %.[vii] Der IWF hat Hil­fen ange­kün­digt, aber wenn man sich ansieht, in wel­chem asym­me­tri­schen Ver­hält­nis welt­weit die ent­spre­chen­den Stüt­zungs­maß­nah­men ste­hen, wird das nicht viel hel­fen: Die G 20 allei­ne haben bereits rund 7 Bil­lio­nen Dol­lar an Stüt­zungs­maß­nah­men für ihre Öko­no­mien kal­ku­liert – der IWF hat dage­gen ins­ge­samt 1 Bil­li­on Dol­lar für alle sei­ne Mit­glieds­län­der zur Ver­fü­gung. Dar­aus wird jetzt aus­ge­schüt­tet. Eini­ge Bei­spie­le: Gha­na bekommt 1 Mil­li­ar­de Dol­lar, Nige­ria 3,4 Mil­li­ar­den, Sene­gal 342 Mil­lio­nen, Elfen­bein­küs­te 882 Mil­lio­nen vom IWF, hin­zu­kom­men Gel­der von der Welt­bank. Die Fra­ge ist ers­tens, wo das Geld hin­fliest – zum größ­ten Teil an die Fal­schen, und zwei­tens, wie­viel davon in den Scha­tul­len der ewig glei­chen kor­rup­ten Poli­ti­ker­kas­te hän­gen­bleibt. Die vor­ge­ge­be­nen Regeln besa­gen zwar, dass die Ver­wen­dung über „Quit­tun­gen“ belegt und kon­trol­liert wer­den muss, aber ver­gan­ge­ne Erfah­run­gen mit ent­spre­chen­den Hil­fen waren eher trü­be. Aber mit die­sen Almo­sen macht man sich einen schlan­ken Fuß und das Wort des nige­ria­ni­schen Schrift­stel­lers Chi­nua Ache­be, bezo­gen auf der­ar­ti­ge Hilfs­gel­der, ist denn auch ange­bracht:

“Cha­ri­ty … is the opi­um of the pri­vi­le­ged.”

Zusam­men­ge­nom­men bedeu­tet all das, dass die eigent­lich not­wen­di­gen Iso­la­ti­ons­maß­nah­men nicht durch­zu­hal­ten sind – sie wür­den zur voll­stän­di­gen sozia­len Des­in­te­gra­ti­on füh­ren. Fol­ge­rich­tig begin­nen die ers­ten Län­der auch schon, die bis­he­ri­gen Beschrän­kun­gen zu lockern, sofern sie sie über­haupt bis­her kon­se­quent ein­ge­führt bzw. ein­ge­hal­ten haben, was heißt, der Pan­de­mie mehr oder weni­ger ihren Lauf zu las­sen, aus­ge­nom­men die Auf­ru­fe zum „social distancing“ und die Mas­ken­pflicht, die aller­dings dar­an krankt, dass sich vie­le kei­ne Mas­ke leis­ten kön­nen, geschwei­ge denn in der Lage sind, sie, wie not­wen­dig, täg­lich heiß zu waschen.

Gesundheitsversorgung auf dem afrikanischen Kontinent

Um zu ver­ste­hen, vor wel­chen Pro­ble­men die Men­schen im sub­sa­ha­ri­schen Afri­ka in Zei­ten der COVID-19-Epi­de­mie ste­hen, muss man auch noch ein paar Wor­te über den Zustand der Gesund­heits­sys­te­me ver­lie­ren.

Die Situa­ti­on kann man aus ver­schie­de­nen Blick­win­keln betrach­ten:

  • Da sind zum einen die objek­ti­ven Zah­len. Was die Zahl an Ärz­ten pro 1000 Ein­woh­ner betrifft, so lie­gen die 54 afri­ka­ni­schen Staa­ten in einer Lis­te von 183 Län­dern fast geschlos­sen im hin­te­ren Drit­tel, von weni­gen Aus­nah­men, wie z.B. der Insel Mau­ri­ti­us, abge­se­hen, liegt die Arzt­dich­te unter einem Arzt pro 1000 Ein­woh­ner, von den letz­ten drei­ßig der Lis­te bele­gen 28 Plät­ze schwarz­afri­ka­ni­sche Staa­ten, mit einer Arzt­dich­te zwi­schen 0,16 und 0,02 – letz­te­res bedeu­tet 2 Ärz­te pro 100 000 Ein­woh­ner. Zum Ver­gleich: In Deutsch­land haben wir 4,33 Ärz­te pro 1000 Ein­woh­ner. (An der Spit­ze liegt übri­gens unan­ge­foch­ten Kuba mit 8,19 Ärz­ten pro 1000 Bewoh­ner, die USA ran­gie­ren auf Platz 51 mit 2,59/1000).[viii]
  • Die Zahl der Ärz­te allein lässt zwei­tens aber nur einen beding­ten Rück­schluss auf die Qua­li­tät der Ver­sor­gung zu. Eine ein­heit­li­che Aus­bil­dung für Ärz­te gibt es in den meis­ten Län­dern nicht, die Qua­li­tät der Uni­ver­si­tä­ten ist extrem unter­schied­lich und die Ärz­te, die es irgend­wie kön­nen, lei­der meist die qua­li­fi­zier­te­ren, wan­dern ins Aus­land ab (aus den ehe­ma­li­gen bri­ti­schen Kolo­nien vor­wie­gend nach Groß­bri­tan­ni­en, aber auch nach Nord­ame­ri­ka) oder sie ver­ab­schie­den sich aus der öffent­li­chen Ver­sor­gung und machen Pri­vat­kli­ni­ken auf. Von daher ist die ärzt­li­che Ver­sor­gungs­qua­li­tät höchst unter­schied­lich.
  • Drit­tens sind die tech­ni­sche Aus­rüs­tung und deren Qua­li­tät von Bedeu­tung. High-Tech-Medi­zin ist, wenn über­haupt, nur in den städ­ti­schen Zen­tren mög­lich, nicht nur wegen der not­wen­di­gen Qua­li­fi­ka­ti­on des ärzt­li­chen und tech­ni­schen Per­so­nals, son­dern auch, weil der tech­ni­sche Ser­vice vor Ort bei den Groß­ge­rä­ten nicht erhält­lich ist und ein­ge­flo­gen wer­den muss. Hin­zu­kommt die man­gel­haf­te bis gar nicht vor­han­de­ne Elek­tri­zi­täts­ver­sor­gung im länd­li­chen Bereich. Betref­fend die COVID-Pan­de­mie ist das Feh­len von oder der Man­gel an tech­ni­sier­ter Medi­zin von wesent­li­chem Belang: die leich­te­ren bis mit­tel­schwe­ren Fäl­le stel­len medi­zi­nisch kein beson­ders gro­ßes Pro­blem dar. Aber die schwe­ren Fäl­le erfor­dern eine kon­se­quen­te und auf­wen­di­ge inten­siv­me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung.
  • Vier­tens spielt die Mög­lich­keit des Zugangs zu den Gesund­heits­ein­rich­tun­gen eine gro­ße Rol­le. In fast allen Län­dern ist der länd­li­che Bereich unter­ver­sorgt, (die ein­zi­ge Aus­nah­me ist Süd­afri­ka, wo es ten­den­zi­ell umge­kehrt ist). Der Zugang wird aber nicht nur durch die räum­li­che Distanz zur nächs­ten Behand­lungs­ein­rich­tung erschwert bis stel­len­wei­se ver­un­mög­licht, son­dern auch durch die weit­ver­brei­te­te Kor­rup­ti­on im Gesund­heits­we­sen. Schmier­gel­der sind in der Regel auch bei eigent­lich garan­tier­ter kos­ten­lo­ser Behand­lung, not­wen­dig, in man­chen Län­dern auch ein sog. „admis­si­on fee“, eine Art Regis­trie­rungs­ge­bühr.

Das afri­ka­ni­sche For­schungs­netz­werk Afro­ba­ro­me­ter führ­te in den Jah­ren 2016 bis 2018 eine Unter­su­chung in 34 afri­ka­ni­schen Staa­ten durch, die sich auf der Basis von Befra­gun­gen der Ein­woh­ner mit dem The­ma der Gesund­heits­ver­sor­gung beschäf­tig­te. Dabei stell­te sich her­aus, dass die Befrag­ten die Gesund­heits­ver­sor­gung an die zwei­te Stel­le ihrer Prio­ri­tä­ten setz­ten, was die Poli­tik ihrer Regie­run­gen betraf. 45 % von denen, die es zu einer Gesund­heits­ein­rich­tung schaff­ten, gaben an, dass sie Schwie­rig­kei­ten hat­ten, die benö­tig­te Hil­fe auch tat­säch­lich zu bekom­men. 53 % berich­te­ten, dass sie im ver­gan­ge­nen Jahr min­des­tens ein­mal not­wen­di­ge medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung nicht bekom­men konn­ten, und 13 % sag­ten, dass sie ein Bestechungs­geld zah­len muss­ten. 41 % hat­ten kei­nen Gesund­heits­pos­ten in der nähe­ren Umge­bung. Dabei zeig­te sich ein kla­rer Unter­schied zwi­schen Städ­ten und Land. 22 % der länd­li­chen Bevöl­ke­rung berich­te­ten von man­gel­haf­ter Ver­sor­gung, gegen­über 12 % der städ­ti­schen.

In den letz­ten Jah­ren eröff­nen inter­na­tio­na­le Inves­to­ren und Kon­zer­ne in lukra­ti­ven Regio­nen exzel­lent aus­ge­stat­te­te Pri­vat­kli­ni­ken, die aller­dings nur einer klei­nen rei­chen Eli­te zur Ver­fü­gung ste­hen, deren Exis­tenz jedoch das sta­tis­ti­sche Bild ver­zerrt…

Der Sozi­al­sta­tus schließ­lich spielt die ent­schei­den­de Rol­le beim Zugang zum Gesund­heits­we­sen: 64 % der Ärms­ten gaben an, „oft“ oder „immer“ abge­wie­sen zu wer­den, bei den mäßig Armen waren es noch 27 %, bei den bes­ser Ver­die­nen­den 0 %.

Ent­spre­chend war dann auch die Ant­wort auf die Fra­ge, wie die Arbeit der jewei­li­gen Regie­rung betref­fend die Ver­bes­se­rung der Gesund­heits­ver­sor­gung beur­teilt wür­de: 46 % beur­teil­ten sie als „ziem­lich schlecht“ oder „sehr schlecht“.[ix]

Es sei aber auch nicht ver­schwie­gen, dass es zwi­schen den Län­dern gro­ße Unter­schie­de gibt: Am bes­ten schnei­det Mau­ri­ti­us ab, in Gha­na hat es deut­li­che Ver­bes­se­run­gen gege­ben. Bei der Fra­ge der Bestechungs­gel­der führt Sier­ra Leo­ne, wo 50 % der Pati­en­ten ble­chen muss­ten, vor Libe­ria (43 %). In kei­nem ein­zi­gen Land gab es kei­ne Bestechung, auch wenn am unte­ren Ende der Ska­la Bots­wa­na mit 1 % und Mau­ri­ti­us mit 2 % sehr nied­ri­ge Wer­te auf­wei­sen. Her­vor­zu­he­ben ist dabei, dass die Häu­fig­keit der Bestechung nicht, wie man anneh­men möch­te, mit dem Reich­tum des jewei­li­gen Staa­tes kor­re­liert. Im rei­chen Nige­ria liegt die Rate bei 20 %, im armen Zim­bab­we bei 4 %.[x]

Zusam­men­ge­fasst kann man sagen, dass trotz gewis­ser Fort­schrit­te in ein­zel­nen Län­dern des Kon­ti­nents die Gesund­heits­ver­sor­gung schlecht, unge­recht ver­teilt und in gro­ßen Tei­len von Kor­rup­ti­on geprägt ist. Hin­zu­kommt ein wei­te­rer Punkt, der hier nicht näher erläu­tert, aber zumin­dest erwähnt wer­den soll: In den letz­ten Jah­ren eröff­nen inter­na­tio­na­le Inves­to­ren und Kon­zer­ne in lukra­ti­ven Regio­nen exzel­lent aus­ge­stat­te­te Pri­vat­kli­ni­ken, die aller­dings nur einer klei­nen rei­chen Eli­te zur Ver­fü­gung ste­hen, deren Exis­tenz jedoch das sta­tis­ti­sche Bild ver­zerrt, wes­we­gen die rei­nen Zah­len auch, wie eben belegt, trü­ge­risch sind.

Der Umgang mit der Pandemie am Beispiel Nigeria

Es ist schlicht nicht mög­lich, in einem ein­zi­gen Arti­kel die Pan­de­mie­po­li­tik der Län­der eines gan­zen Kon­ti­nents abzu­han­deln. Aber am Bei­spiel des mit sei­nen ca. 200 Mil­lio­nen Ein­woh­nern mit Abstand bevöl­ke­rungs­reichs­ten und neben Süd­afri­ka reichs­ten afri­ka­ni­schen Lan­des las­sen sich die grund­sätz­li­chen Pro­ble­me beim Umgang mit der COVID-Pan­de­mie, die sich aus der soeben geschil­der­ten öko­no­mi­schen und gesund­heits­po­li­ti­schen Situa­ti­on erge­ben, sehr gut illus­trie­ren.

Nige­ri­as Gesund­heits­sys­tem besteht aus einem unter­fi­nan­zier­ten und qua­li­ta­tiv schlech­ten öffent­li­chen Sek­tor, einer Unzahl von klei­nen, qua­li­ta­tiv eben­falls schlech­ten, pri­va­ten Klein­kli­ni­ken und Ambu­la­to­ri­en, sowie einer begrenz­ten Zahl von hoch­wer­ti­gen pri­va­ten, teils spe­zia­li­sier­ten, Kli­ni­ken, die zum Teil von aus­län­di­schen Inves­to­ren hoch­ge­zo­gen wur­den, aber logi­scher­wei­se nur in den gro­ßen städ­ti­schen Zen­tren wie Abu­ja, Lagos, Kano etc. exis­tie­ren, wo eine ent­spre­chen­de zah­lungs­kräf­ti­ge Kli­en­tel vor­han­den ist.

Ver­si­chert ist nur eine Min­der­heit, denn (je nach Quel­le) 70 bis 80 % der Bevöl­ke­rung arbei­ten im infor­mel­len Sek­tor. Die­se gro­ße Mehr­heit besucht im Krank­heits­fall ent­we­der eine der öffent­li­chen Ein­rich­tun­gen, geht in eine der klei­nen Pri­vat­kli­ni­ken oder, meis­tens, statt­des­sen zum Apo­the­ker, weil das am bil­ligs­ten ist und die Medi­ka­men­te sowie­so bezahlt wer­den müs­sen (aus­ge­nom­men sind die staat­li­chen Pro­gram­me betref­fend HIV und Tuber­ku­lo­se). Die meis­ten Leu­te, die über eine Fest­an­stel­lung ver­si­chert sind, haben eine Basis­ver­si­che­rung, das heißt, bestimm­te Leis­tun­gen, wie grö­ße­re Ope­ra­tio­nen, sind aus­ge­schlos­sen. Außer­dem han­delt es sich um soge­nann­te Gate­kee­per-Model­le, d.h., sie müs­sen sich bei einer bestimm­ten Kli­nik, die einen Ver­trag mit ihrer Ver­si­che­rung hat, regis­trie­ren und die­se dann auch pri­mär auf­su­chen. Da die meis­ten Ver­si­che­run­gen rela­tiv schlecht bezah­len, wei­gern sich die bes­ser aus­ge­rüs­te­ten Kran­ken­häu­ser in der Regel, mit die­sen Ver­si­che­run­gen Ver­trä­ge abzu­schlie­ßen – ent­spre­chend ist die Ver­sor­gungs­qua­li­tät.

Was nun die Pan­de­mie­be­kämp­fung betrifft, so ist auf dem Papier die Lage unter Kon­trol­le: Angeb­lich kann jeder Ver­dachts­fall an das NCDC (Nige­ria Cen­ter for Dise­a­se Con­trol) gemel­det wer­den, es gibt eine Rei­he von Num­mern der dor­ti­gen Hot­line, und dann wird ein Team zum Tes­ten los­ge­schickt. Bei posi­ti­vem Befund wer­den die Pati­en­ten in Iso­la­ti­ons­zen­tren iso­liert und „behan­delt“.

Die Rea­li­tät sieht gänz­lich anders aus. Das nige­ria­ni­sche Gesund­heits­sys­tem ist in kei­ner Wei­se in der Lage (und das trifft auf prak­tisch alle Län­der der Regi­on zu), mit einer grö­ße­ren Anzahl von wirk­lich schwe­ren COVID-Fäl­len umzu­ge­hen. Funk­tio­nie­ren­de Inten­siv­ab­tei­lun­gen mit ent­spre­chend qua­li­fi­zier­tem Per­so­nal gibt es prak­tisch nur in den grö­ße­ren Pri­vat­kli­ni­ken, im öffent­li­chen Sek­tor ste­hen für die 200 Mil­lio­nen Ein­woh­ner sage und schrei­be 50 Beatmungs­plät­ze zur Ver­fü­gung.

Nicht nur die Armen im Lan­de haben des­we­gen per­ma­nent Angst, ernst­haft zu erkran­ken, weil sie wis­sen, dass sie sich eine anstän­di­ge Behand­lung nicht leis­ten kön­nen. Bei den Rei­chen war es bis­her so, dass sie ihren lan­des­ei­ge­nen Kli­ni­ken miss­trau­ten und des­halb einen aus­ge­dehn­ten Medi­zin­tou­ris­mus ins Aus­land betrie­ben. Das ist nun nicht mehr mög­lich – die Gren­zen sind auf bei­den Sei­ten geschlos­sen.

Was tat­säch­lich im Ver­dachts­fall pas­siert, sei an zwei kon­kre­ten Fall­bei­spie­len aus den Bun­des­staa­ten Rivers und dem Federal Capi­tal Ter­ri­to­ry illus­triert:

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FALLBEISPIEL 1:

Ein 45jähriger kran­ken­ver­si­cher­ter Bau­ar­bei­ter stellt sich wegen Unwohl­seins und Fie­ber in sei­ner loka­len Kli­nik vor, in der er als Pati­ent regis­triert ist. Als er berich­tet, er habe Fie­ber, wird er nicht hin­ein­ge­las­sen, vor der Tür gemes­sen und er wird, als sich eine Tem­pe­ra­tur von 40 Grad bestä­tigt, weg­ge­schickt mit dem lapi­da­ren Hin­weis, dass man Pati­en­ten mit Fie­ber nicht auf­neh­me, nicht dia­gnos­ti­zie­re und nicht behan­de­le. Glück­li­cher­wei­se fin­det er ein Labor, das einen Mala­ria­test macht, er hat tat­säch­lich eine Mala­ria, kei­ne COVID- Erkran­kung, und wird erfolg­reich behan­delt.

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Die­ses Vor­ge­hen ist bei den loka­len pri­va­ten wie öffent­li­chen Kli­ni­ken die Regel, nicht die Aus­nah­me, näm­lich, Ver­dachts­fäl­le mit Fie­ber gar nicht erst zur Tür hin­ein­zu­las­sen ‑zum einen wegen der Angst, sich selbst zu infi­zie­ren sei­tens des Kli­nik­per­so­nals, zum ande­ren, weil man fürch­tet, Pati­en­ten zu ver­lie­ren, wenn man COVID-Pati­en­ten hin­ein­lässt und das ruch­bar wird. Eine gro­ße Kli­nik in Abu­ja schrieb expli­zit alle Koope­ra­ti­ons­part­ner an und warb damit, dass man vor der Kli­nik bereits Ver­dachts­fäl­le aus­sor­tie­re und die Kli­nik „coro­nafrei“ sei. Man muss außer­dem anmer­ken, dass die Gesund­heits­be­hör­den zwar die Test­ka­pa­zi­tä­ten deut­lich auf­ge­stockt haben, aber für die öffent­li­chen Gesund­heits­ein­rich­tun­gen nicht aus­rei­chend Schutz­klei­dung, Mas­ken etc. zur Ver­fü­gung gestellt wer­den, das Per­so­nal wird mit dem Pro­blem schlicht allein­ge­las­sen.

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FALLBEISPIEL 2:

Ein 50jähriger Nige­ria­ner wird mit aku­ter Atem­not, Fie­ber und Schwä­che in eine klei­ne Kli­nik ein­ge­lie­fert. Das zustän­di­ge staat­li­che Test­la­bor für COVID wird benach­rich­tigt und gibt die Aus­kunft, man kom­me zur Test­ab­nah­me. Der Pati­ent wird unter Sauer­stoff­ga­be not­dürf­tig sta­bi­li­siert. Nach acht Stun­den und zwei­ma­li­ger Erin­ne­rung ist die Tes­tung immer noch nicht erfolgt, der Pati­ent ver­schlech­tert sich und wird in das zustän­di­ge staat­li­che Hos­pi­tal für Infek­ti­ons­krank­hei­ten, das über eine Iso­lier­sta­ti­on ver­fügt, trans­por­tiert. Dort wird er vor der Tür ste­hen­ge­las­sen mit der Aus­kunft, ohne durch­ge­führ­ten Test neh­me man ihn nicht auf. Nach per­sön­li­cher Inter­ven­ti­on des über­wei­sen­den Arz­tes wird er dann, inzwi­schen ist die Sauer­stoff­fla­sche fast leer, nach drei Stun­den auf­ge­nom­men, in ein Zim­mer ver­bracht und dort mit sei­ner ihn beglei­ten­den Frau allein­ge­las­sen. Beim Ver­such, zur Toi­let­te zu gelan­gen, weil man ihm kei­ne Urin­fla­sche gege­ben hat­te und kein Pfle­ge­per­so­nal auf­taucht, kol­la­biert er und ver­stirbt. Eine nach­träg­li­che Tes­tung wird nicht vor­ge­nom­men, er wird von den Ver­wand­ten abge­holt (das Kli­nik­per­so­nal fasst ihn nicht an) und umge­hend begra­ben.

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Die­ser Pati­ent hat­te höchst­wahr­schein­lich tat­säch­lich eine schwe­re Ver­laufs­form von SARS COVID‑19. Der Fall zeigt, dass die „Nor­mal­be­völ­ke­rung“ in die­sen Fäl­len schlicht nicht behan­delt wird. Selbst die offi­zi­ell eigent­lich zustän­di­gen öffent­li­chen Ein­rich­tun­gen ver­su­chen sol­che Pati­en­ten abzu­schie­ben oder behan­deln sie nicht – was letzt­end­lich das Todes­ur­teil bedeu­tet. Und getes­tet wird bei sol­chen Pati­en­ten offen­sicht­lich auch nicht, die offi­zi­el­le Beteue­rung des NCDC, das über eine hüb­sche Web­site mit sei­ten­lan­gen Anlei­tun­gen, wie zu ver­fah­ren sei, ver­fügt, man kom­me selbst­ver­ständ­lich in jedem Fall, erweist sich als lee­res Gere­de.

Anders sieht es nur bei pro­mi­nen­ten – und zah­lungs­kräf­ti­gen – Per­sön­lich­kei­ten aus. Für die­se gibt es in pri­va­ten Kli­ni­ken Inten­siv­bet­ten, wobei auch dort die Qua­li­tät der Behand­lung zwei­fel­haft ist, denn teil­wei­se wird mit Medi­ka­men­ten gear­bei­tet, deren Nut­zen nicht erwie­sen ist und deren Neben­wir­kun­gen nicht uner­heb­lich sind. (Eines der ers­ten Coro­na-Opfer war übri­gens der zwei­te Mann hin­ter dem Staats­prä­si­den­ten Muham­mad Buha­ri, der in einer pri­va­ten Kli­nik in Lagos ver­starb, nach­dem er sich Ende März in Deutsch­land mit dem Coro­na­vi­rus infi­ziert hat­te). Aber nicht jede der gro­ßen Pri­vat­kli­ni­ken behan­delt Coro­na­pa­ti­en­ten. Eine tür­kisch-nige­ria­ni­sche Fir­ma frag­te bei einer gro­ßen, exzel­lent aus­ge­stat­te­ten tür­ki­schen Kli­nik an, ob sie bereit sei, im Bedarfs­fall die aus­län­di­schen , d.h. tür­ki­schen, Mit­ar­bei­ter zu behan­deln, wenn man ein paar Beatmungs­ma­schi­nen auf eige­ne Kos­ten zur Ver­fü­gung stel­le. Die Ant­wort war nega­tiv: man behan­de­le grund­sätz­lich kei­ne Coro­na­fäl­le.

Schlussfolgerungen

Die Ein­füh­rung der glei­chen Maß­nah­men (s. oben), die in den indus­tria­li­sier­ten Län­dern mit struk­tu­rier­ten Sozi­al­sys­te­men und (mehr oder weni­ger) gut aus­ge­bau­ten Gesund­heits­sys­te­men zur Bekämp­fung der Pan­de­mie imple­men­tiert wur­den, führt in sozia­len Set­tings wie denen im sub­sa­ha­ri­schen Afri­ka zu gänz­lich ande­ren Fol­gen. Zum einen kön­nen Iso­lie­rungs-/Qua­ran­tä­ne­maß­nah­men aus den oben genann­ten Grün­den allen­falls kurz­fris­tig durch­ge­hal­ten wer­den, ohne zu ver­hee­ren­den sozia­len Kon­se­quen­zen wie Ver­lust der Exis­tenz­grund­la­ge, Hun­ger und Elend zu füh­ren. Die mate­ri­el­len „Hilfs­maß­nah­men“, die in eini­gen Län­dern wie Süd­afri­ka und Nige­ria statt­fin­den, sind im Volu­men lächer­lich und kön­nen auf­grund der Finanz­si­tua­ti­on eben­falls nur zeit­lich begrenzt durch­ge­führt wer­den.

Was die medi­zi­ni­sche Sei­te betrifft, so stellt sich die Lage so dar, dass zum einen die COVID-Test­fre­quen­zen viel zu nied­rig sind, um auch nur einen gro­ben Über­blick über die Aus­brei­tung der Pan­de­mie zu bekom­men (in Nige­ria z.B. wur­den bis­her ins­ge­samt 88 000 Tests durch­ge­führt, Stand 16.6.2020, zum Ver­gleich in Deutsch­land 4,7 Mil­lio­nen, wobei Nige­ria 2,5 mal so vie­le Ein­woh­ner hat). Was man aus den Zah­len der WHO und der Johns Hop­kins Uni­ver­si­tät allen­falls able­sen kann, ist, dass die Län­der mit der höchs­ten Test­fre­quenz, zuvör­derst Süd­afri­ka, auch den höchs­ten Anstieg an Todes­fäl­len und Infek­tio­nen haben. Wie weit die Durch­seu­chung mit dem Virus in Afri­ka der­zeit fort­ge­schrit­ten ist, dar­über kön­nen die­se Zah­len kei­ner­lei Aus­kunft geben. Umfeld­un­ter­su­chun­gen bzw. Ver­fol­gung von Infek­ti­ons­ket­ten fin­den im Nor­mal­fall nicht statt, (mit gewis­sen Aus­nah­men: in der Regie­rungs­eta­ge in Nige­ria z.B., in der nach dem erwähn­ten Infek­ti­ons­fall des Chief of Staff des Prä­si­den­ten flä­chen­de­ckend getes­tet wur­de), Stich­pro­ben auf Anti­kör­per wur­den bis­her eben­falls nicht gezo­gen.

Die Risi­ken und Neben­wir­kun­gen der Pan­de­mie­po­li­tik in Afri­ka stel­len sich aber noch als viel ver­hee­ren­der dar, wenn man sich ins Gedächt­nis ruft, dass in den soge­nann­ten tro­pi­schen Län­dern fie­ber­haf­te Erkran­kun­gen wie an ers­ter Stel­le die Mala­ria, aber auch bestimm­te ande­re Para­si­to­sen und Durch­fall­erkran­kun­gen um ein Viel­fa­ches häu­fi­ger sind als COVID-19, und auch eine erheb­lich höhe­re Sterb­lich­keit auf­wei­sen. In einem Arti­kel im Lan­cet wur­de kürz­lich die Besorg­nis geäu­ßert, dass die Fokus­sie­rung auf die Pan­de­mie die dia­gnos­ti­schen Mög­lich­kei­ten für die gefähr­lichs­ten Mas­sen­er­kran­kun­gen in Afri­ka, näm­lich TBC und HIV, dra­ma­tisch ver­schlech­te­re, weil die ent­spre­chen­den Test­platt­for­men teil­wei­se zuguns­ten von COVID umge­wid­met wer­den.[xi] Die Autoren war­nen zu Recht von einer „Covi­di­sie­rung von allem und jedem“.

Als der ame­ri­ka­ni­sche Prä­si­dent Trump Chlo­ro­quin als Medi­ka­ment gegen COVID pro­pa­gier­te, gab es prompt zahl­rei­che Fäl­le von Chlo­ro­quin­ver­gif­tung.

Beson­ders schlimm ist, ruft man sich das oben ange­führ­te ers­te Fall­bei­spiel ins Gedächt­nis, dass die Angst vor dem Coro­na­vi­rus dazu führt, dass mit Sicher­heit zahl­rei­che Mala­ria­er­kran­kun­gen nicht oder sehr spät dia­gnos­ti­ziert und behan­delt wer­den. Denn die Mala­ria ist nach der TBC mit welt­weit 500 000 Todes­fäl­len pro Jahr nach wie vor einer der größ­ten „Kil­ler“, und 90 % der Fäl­le ent­fal­len auf den afri­ka­ni­schen Kon­ti­nent.[xii] Der Unter­schied zu COVID ist, dass Mala­ria eigent­lich, bei recht­zei­ti­ger Erken­nung, eine gut behan­del­ba­re Erkran­kung ist, bei Nicht­be­hand­lung aber meist, ins­be­son­de­re bei Kin­dern, zum Tode führt, wäh­rend COVID in den meis­ten Fäl­len gar kei­ner Behand­lung bedarf, bzw. auch gar nicht spe­zi­fisch behan­delt wer­den kann.

Es ist nicht von der Hand zu wei­sen, dass durch die der­zei­ti­ge Angst vor COVID und die geschil­der­te Ver­fah­rens­wei­se der meis­ten Behand­lungs­ein­rich­tun­gen die Todes­fäl­le durch die genann­ten fieb­ri­gen Erkran­kun­gen in die Höhe schnel­len wer­den, von den Gefah­ren durch die des­we­gen zuneh­men­de Selbst­me­di­ka­ti­on ein­mal ganz abge­se­hen: Als der ame­ri­ka­ni­sche Prä­si­dent Trump Chlo­ro­quin als Medi­ka­ment gegen COVID pro­pa­gier­te, gab es prompt zahl­rei­che Fäl­le von Chlo­ro­quin­ver­gif­tung.

Aus allen die­sen Grün­den stellt die COVID-Pan­de­mie nicht wegen der Gefähr­lich­keit des Virus selbst für den afri­ka­ni­schen Kon­ti­nent eine erns­te Bedro­hung dar. (Der Autor hat dies­be­züg­lich übri­gens schon vor zwei Mona­ten die Ver­mu­tung geäu­ßert, dass die infec­tion­f­a­ta­li­ty rate, also die Sterb­lich­keit bezo­gen auf die Zahl der Infek­tio­nen, ins­ge­samt nicht wesent­lich über der der gro­ßen Influ­en­za­epi­de­mien des letz­ten Jahr­zehnts lie­gen dürf­te, und die letz­ten ein­schlä­gi­gen Stu­di­en aus den USA und der Schweiz schei­nen die­se Ver­mu­tung zu bestä­ti­gen).

Die wirk­li­chen Gefah­ren sind zusam­men­ge­fasst von vie­rerlei Natur:

  • Die all­ge­mei­nen öko­no­mi­schen Fol­gen für die afri­ka­ni­schen Län­der sind schon jetzt ver­hee­rend und wer­den zu einer wei­te­ren Öff­nung der Sche­re zwi­schen Arm und Reich füh­ren.
  • Die Poli­tik der kri­tik­lo­sen Über­nah­me von Rezep­ten zur Pan­de­mie­kon­trol­le aus den Staa­ten des glo­ba­len Nor­dens ver­schärft die sozia­le Lage der Bevöl­ke­rung dra­ma­tisch. Das wie­der­um wird zu einem Anstieg von Kri­mi­na­li­tät und zu sozia­ler Des­in­te­grie­rung füh­ren und zu schon jetzt zu beob­ach­ten­den Bin­nen­kon­flik­ten bzw. Ver­schär­fung der­sel­ben (Boko Haram in Nige­ria, Bür­ger­krieg in Mali etc.). Hin­zu­kommt die Mili­ta­ri­sie­rung des öffent­li­chen Lebens durch die ver­stärk­te Prä­senz von Mili­tär und Poli­zei zur Durch­set­zung der Restrik­tio­nen. Die­se hat bereits zu zahl­rei­chen Todes­op­fern geführt.
  • Die Angst vor dem Virus führt zu einer Nicht- oder Unter­ver­sor­gung bei ansons­ten eigent­lich gut behan­del­ba­ren, nichts­des­to­we­ni­ger jedoch gefähr­li­chen Erkran­kun­gen.
  • Der immense Mit­tel­ein­satz zur Bekämp­fung der Pan­de­mie geht zu Las­ten der Mil­le­ni­ums­zie­le der WHO betref­fend die Zurück­drän­gung der Mas­sen­er­kran­kun­gen wie TBC, HIV und Mala­ria. Aber auch die neu­er­li­che Masern­epi­de­mie in Burun­di[xiii](Sterb­lich­keit bis zu 2 %) zeigt, dass z.B. die Ver­nach­läs­si­gung erfor­der­li­cher Impf­pro­gram­me durch die Fokus­sie­rung auf COVID Rück­wir­kun­gen hat, die töd­lich sein kön­nen.

Im End­ef­fekt zeich­net sich ab, dass den afri­ka­ni­schen Staa­ten nichts ande­res übrig blei­ben wird, als der Pan­de­mie ihren Lauf zu las­sen, ein­mal abge­se­hen von all­ge­mei­nen Emp­feh­lun­gen wie zum Tra­gen von Mas­ken (wofür die meis­ten schlicht kein Geld haben, wie bereits ange­merkt), social distancing (was für die meis­ten ange­sichts ihrer Wohn­ver­hält­nis­se ein schlech­ter Witz ist) und Desinfektionsmaßnahmen/​persönlicher Hygie­ne (wobei das ers­te­re eben­falls nicht bezahl­bar ist). Da die meis­ten Fäl­le von COVID glimpf­lich ablau­fen, die schwe­ren Fäl­le aber, wie oben dar­ge­legt, unter den Bedin­gun­gen eines insuf­fi­zi­en­ten Gesund­heits­we­sens sowie­so nicht adäquat behan­delt wer­den kön­nen, bleibt nur das War­ten auf eine aus­rei­chen­de Her­denim­mu­ni­tät oder auf einen funk­tio­nie­ren­den Impf­stoff.

Trü­be Aus­sich­ten also für den Kon­ti­nent. Da ist es auch kein Trost, dass die herr­schen­den kor­rup­ten Eli­ten, die die herr­schen­den Zustän­de zu ver­ant­wor­ten haben, jetzt die Wahr­heit eines alten afri­ka­ni­schen Sprich­worts zu spü­ren bekom­men:„Du kannst vor dem davon­lau­fen, was hin­ter dir her ist, aber was in dir ist, das holt dich ein.”

Du denkst das wir nur mit einer inter­na­tio­na­len Per­spek­ti­ve erfolg­reich sein wer­den? Dann trag dich in den News­let­ter ein!


[i]Lan­cet Vol 395 May 30, 2020

[ii] http://​www​.insta​tis​.de/​t​a​b​e​l​l​e​n​/​e​u​r​o​p​a​_​a​f​r​i​k​a​_​a​l​t​e​r​s​s​t​r​u​k​t​u​r​.​htm

[iii]www​.thel​an​cet​.com/​i​n​f​e​c​t​ion Vol 20 June 2020

[iv] Die nega­ti­ven Fol­gen des Aus­blei­bens der Tou­ris­ten für das Bestehen der Natio­nal­parks, die zum gro­ßen Teil aus den Tou­ris­mus­ein­nah­men unter­hal­ten wer­den, sind nicht Gegen­stand die­ses Arti­kels, sol­len aber zumin­dest nicht uner­wähnt blei­ben.

[v] Zah­len von 2018

[vi]https://​qz​.com/​a​f​r​i​c​a​/​1​8​4​4​9​7​3​/​w​o​r​l​d​-​b​a​n​k​-​r​e​m​i​t​t​a​n​c​e​s​-​t​o​-​a​f​r​i​c​a​-​t​o​-​p​l​u​n​g​e​-​b​y​-​a​-​q​u​a​r​t​er/

[vii] NZZ vom 15.4.2020

[viii]https://​www​.who​.int/​g​h​o​/​h​e​a​l​t​h​_​w​o​r​k​f​o​r​c​e​/​p​h​y​s​i​c​i​a​n​s​_​d​e​n​s​i​t​y​/​en/

[ix]https://​afro​ba​ro​me​ter​.org/​s​i​t​e​s​/​d​e​f​a​u​l​t​/​f​i​l​e​s​/​p​u​b​l​i​c​a​t​i​o​n​s​/​D​i​s​p​a​t​c​h​e​s​/​a​b​_​r​7​_​d​i​s​p​a​t​c​h​n​o​3​5​2​_​p​a​p​1​5​_​l​a​c​k​_​o​f​_​h​e​a​l​t​h​c​a​r​e​_​a​f​f​e​c​t​s​_​m​a​j​o​r​i​t​y​_​o​f​_​a​f​r​i​c​a​n​s​.​pdf

[x] Ibid.

[xi] http://​www​.thel​an​cet​.com/​m​i​c​r​obe, Vol.1, June 2020

[xii] https://www.who.int/malaria/media/world-malaria-report-2017/en/#Global%20and%20regional%20malaria%20trends%20in%20numbers

[xiii] http://​www​.thel​an​cet​.com/​m​i​c​r​obe, Vol.1, June 2020

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