[Autonomie Mag.:] Kommunistische Diskussionsclubs

Über das Schei­tern einer Orga­ni­sa­ti­ons­de­bat­te. Ein Gast­bei­trag von Ema­nu­el Kap­fin­ger

Ges­tern stand ich vor mei­nem Bücher­re­gal und mir ist zufäl­lig „Der kom­men­de Auf­prall“ der „Anti­fa Kri­tik und Klas­sen­kampf“ in die Hän­de gefal­len. Und ich den­ke: 2015 war das, Wahn­sinn, ist das schon wie­der lan­ge her. Und zugleich: Der dama­li­ge Stra­te­gie- und Orga­ni­sie­rungs­vor­schlag konn­te im Gro­ßen und Gan­zen nicht umge­setzt wer­den, obwohl er von so vie­len so begeis­tert auf­ge­nom­men wur­de.

Es ist, den­ke ich, an der Zeit, einen Augen­blick inne­zu­hal­ten und sich zu fra­gen, wie „Der kom­men­de Auf­prall“ – und die ande­ren guten Stra­te­gie­pa­pie­re der dama­li­gen Zeit – gewirkt haben und was aus ihnen gewor­den ist. Und zwar ist es spe­zi­fisch die­ser Augen­blick nach oder noch in der Coro­na­vi­rus-Kri­se, weil durch die sozia­len Kri­sen­fol­gen sehr expli­zit wird, wie wich­tig in Deutsch­land eine orga­ni­sie­ren­de sozi­al­re­vo­lu­tio­nä­re Kraft bzw. eine sicht­ba­re sozi­al­re­vo­lu­tio­nä­re Posi­ti­on wäre. Aber gera­de auch in die­sem Augen­blick der Kri­se hat sich kein kol­lek­ti­ver Wil­le for­miert, um einen über­re­gio­na­len anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Zusam­men­schluss auf­zu­bau­en, wie eben auch schon in den letz­ten fünf Jah­ren seit 2015.

Das Feh­len die­ses kol­lek­ti­ven Wil­lens gera­de ange­sichts der Kri­se zeigt nun auch rück­bli­ckend, dass all die Hoff­nun­gen, Dis­kus­sio­nen und auch tat­säch­li­chen Ver­su­che eines Zusam­men­schlus­ses illu­sio­när waren. Mein Text aus dem letz­ten Novem­ber, „Pro­ble­me im Pro­zess zu einem über­re­gio­na­len anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Zusam­men­schluss“, den ich eigent­lich als Refle­xi­ons­an­stoß zur der Über­win­dung der Pro­ble­ma­tik gemeint hat­te, erweist sich damit rück­bli­ckend eigent­lich als Ana­ly­se der Pro­ble­me der radi­ka­len Lin­ken, die den Zusam­men­schluss objek­tiv ver­hin­dern.

Rück­bli­ckend scheint es nun auch so, als hät­ten die­je­ni­gen, ten­den­zi­ell anti­deut­schen Kri­ti­ker (sic!) eines über­re­gio­na­len Zusam­men­schlus­ses recht gehabt, inso­fern sie, auf­grund der kon­for­mis­ti­schen Hal­tun­gen der deut­schen Bevöl­ke­rung, eine anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche Orga­ni­sie­rung als illu­sio­när gebrand­markt haben. Ich wür­de aber sagen, dass es gera­de umge­kehrt ist, näm­lich dass gera­de die­se orga­ni­sa­ti­ons­skep­ti­sche Hal­tung der spe­zi­fisch-deut­schen radi­ka­len Lin­ken durch ihre hege­mo­nia­le Posi­ti­on (also die anti­deut­sche Hege­mo­nie in Deutsch­land) wesent­lich dazu bei­trug, dass Orga­ni­sa­ti­ons­dis­kus­sio­nen zer­re­det und vor allem Pro­ble­me von Orga­ni­sa­ti­on end­los bespro­chen wur­den – ent­spre­chen­de frus­trie­ren­de und end­los in sich krei­sen­de Dis­kus­sio­nen für nichts und wie­der nichts habe ich in den letz­ten Jah­ren zur Genü­ge geführt.

Man muss aber auch sehen, dass „Der kom­men­de Auf­prall“ und die ande­ren Stra­te­gie­pa­pie­re ja 2015 nicht aus dem Nichts erschie­nen, son­dern auf lan­gen und arbeits­in­ten­si­ven Dis­kus­sio­nen beruh­ten und ihrer­seits eine Reak­ti­on auf die Pro­ble­me der links­ra­di­ka­len Pra­xis nach der letz­ten Kri­se (2008 ff.) dar­stell­ten. Im Grun­de reden wir also beim Schei­tern des „kom­men­den Auf­pralls“ also zugleich über die Pro­ble­me der radi­ka­len Lin­ken vor zehn Jah­ren, und es ist die Fra­ge, wie es heu­te wei­ter­geht, ob sich nicht in der nächs­ten Zeit ein neu­er Zyklus von Kri­sen­pro­tes­ten ent­wi­ckelt, und was stra­te­gisch aus der Nichtrea­li­sier­bar­keit eines über­re­gio­na­len anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Zusam­men­schlus­ses folgt.

Strömung der kommunistischen Diskussionsclubs

Es ist aber, den­ke ich, an der Zeit, rück­bli­ckend zu ana­ly­sie­ren, was es kon­kret ist, was hier als Strö­mung ent­stan­den ist, die ich vor­läu­fig mal als Strö­mung kom­mu­nis­ti­scher Dis­kus­si­ons­clubs bezeich­ne. Denn es ist aus mei­ner Sicht eine qua­li­ta­ti­ve eige­ne Strö­mung ent­stan­den, die eine gewis­se abge­grenz­te Posi­tio­nie­rung und einen gewis­sen gemein­sa­men Dis­kurs ent­wi­ckelt hat. Und es gilt, sich über die­se Strö­mung Rechen­schaft abzu­le­gen, weil sie m. E. kri­ti­siert wer­den muss. Es ist über die Dis­kus­sio­nen über den Stra­te­gie­wech­sel der radi­ka­len Lin­ken eine eige­ne Struk­tu­rie­rung einer spe­zi­fisch posi­tio­nier­ten radi­ka­len Lin­ken mit einer bestimm­ten poli­ti­schen Pra­xis ent­stan­den. Die­se Struk­tu­rie­rung und die zuge­hö­ri­gen Denk­wei­sen sind jedoch selbst ein Pro­blem gewor­den, sie kön­nen nicht mehr als pro­blem­lö­sen­de Ant­wort auf ande­re Pro­ble­me ver­stan­den wer­den und müs­sen mög­lichst in Rich­tung einer ande­ren Pra­xis und Denk­wei­se über­wun­den wer­den.

Die fol­gen­den Cha­rak­te­ris­ti­ka habe ich in ver­schie­de­nen Zusam­men­hän­gen und Dis­kus­sio­nen in den letz­ten Jah­ren immer wie­der beob­ach­tet, so dass ich – bei allen Unter­schie­den und Gegen­sät­zen im Ein­zel­nen – glau­be, von einer aus­ge­bil­de­ten Strö­mung mit eigen­stän­di­gem Pro­fil spre­chen zu kön­nen, ver­gleich­bar vom Typ her etwa der anti­deut­schen oder der post­au­to­no­men Bewe­gung. Wesent­lich initi­iert und geprägt wur­de die Strö­mung, soweit ich es ein­schät­zen kann, von der Zeit­schrift „Kos­mo­pro­let“. Ihre Ent­ste­hung und Aus­bil­dung sind also nach mei­ner Auf­fas­sung unge­fähr in den Jah­ren 2008 ff. anzu­sie­deln. Sie kann durch­aus als Nach­fol­ge der Anti­deut­schen ver­stan­den wer­den, die ihren Höhe­punkt frü­her hat­te, und durch­aus sind ja vie­le der Ange­hö­ri­gen die­ser Strö­mung frü­her Anti­deut­sche gewe­sen, arbei­te­ten sich in der Aus­bil­dung „ihrer“ Rich­tung auch an den Pro­ble­men der Anti­deut­schen ab und ver­such­ten dadurch, eine eigen­stän­di­ge Posi­tio­nie­rung zu ent­wi­ckeln (z. B. Klas­sen­theo­rie, Kri­sen­theo­rie, Kri­tik der reel­len Sub­sum­ti­ons­the­se usw.).

Die­se Strö­mung ist wie folgt zu cha­rak­te­ri­sie­ren:

Sie ver­folgt den Anspruch, zwi­schen anti­au­to­ri­tär-mar­xis­ti­scher Theo­rie und sozi­al­re­vo­lu­tio­nä­rer Pra­xis zu ver­mit­teln, führt dazu Orga­ni­sa­ti­ons­dis­kus­sio­nen, Klas­sen­ana­ly­sen, Vor­trags­ver­an­stal­tun­gen, über­re­gio­na­le Tagun­gen und Bil­dungs­work­shops durch. Ent­ge­gen die­sem Anspruch ver­mit­telt sie aber prak­tisch nicht, d. h. die rea­len Ver­bin­dun­gen zu „wirk­li­cher“ Pra­xis (z. B. Streiks, Flug­blatt­ak­tio­nen) sind mar­gi­nal, eben­so wie Ver­bin­dun­gen zu mar­xis­ti­scher For­schungs­ar­beit. Prak­tisch ver­mit­telt die Strö­mung nicht zwi­schen die­sen bei­den Polen, son­dern ist ledig­lich selbst­be­züg­lich, d. h. es wer­den mit gro­ßem Auf­wand Bro­schü­ren erstellt, über­re­gio­na­le Kon­tak­te her­ge­stellt und gepflegt, Work­shops orga­ni­siert usw. Aber es wird ledig­lich dar­über dis­ku­tiert, wie der über­re­gio­na­le Zusam­men­schluss aus­zu­se­hen hät­te – auch was er für Pro­ble­me hät­te – ohne ihn aber real zu grün­den und ohne real orga­ni­sie­ren­de Funk­tio­nen für die Pra­xis aus­zu­üben.

Die­se Selbst­be­züg­lich­keit liegt nicht unbe­dingt dar­an, dass es kei­ne rich­ti­ge Theo­rie und kei­ne rich­ti­ge Pra­xis gibt – tat­säch­lich gibt es da ziem­lich viel –, son­dern an den dezi­dier­ten Pole­mi­ken die­ser Strö­mung gegen­über den genann­ten Polen. Die­se Pole­mi­ken sind zen­tral und kenn­zeich­nend für die­se Strö­mung, sie keh­ren regel­mä­ßig wie­der und bil­den damit eine Art Selbst­kon­sti­tu­ti­on durch pole­mi­sche Abgren­zung: Auf der einen Sei­te wird gegen anti­au­to­ri­tär-mar­xis­ti­sche Theo­rie­ar­beit ein­ge­wen­det, dass deren abs­trak­ten Fra­ge­stel­lun­gen für die poli­ti­sche Pra­xis kei­nen Wert hät­ten und die stra­te­gisch und orga­ni­sa­to­risch rele­van­ten Begrif­fe (z. B. Klas­sen­be­wusst­sein, Klas­sen­zu­sam­men­set­zung) sich nicht durch Theo­rie­ar­beit, son­dern allein inner­halb der Pra­xis gewin­nen lie­ßen. Auf der ande­ren Sei­te ist man sehr sym­pa­thi­sie­rend gegen­über Pra­xis ein­ge­stellt, trägt aber zugleich man­nig­fa­ches Beden­ken an sie her­an, von denen man meint, dass man sie zuerst dis­ku­tie­ren müs­se, bevor man sich auf Pra­xis ein­las­sen kann. Das ver­hin­dert denn zumeist auch den rea­len Kon­takt mit der Pra­xis. Im Kern geht es immer um die Skep­sis, ob die jewei­li­ge Pra­xis nicht letzt­lich sys­tem­im­ma­nent und ‑sta­bi­li­sie­rend ist und ob sie wirk­lich anti­ka­pi­ta­lis­tisch ist. Man könn­te die Fra­ge umdre­hen und inhalt­lich fra­gen, wie man auf einen anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Cha­rak­ter der jewei­li­gen Pra­xis hin­ar­bei­ten kann, aber das geschieht zumeist nicht. Vor­aus­set­zung für letz­te­res wäre natür­lich auch gera­de ein über­re­gio­na­ler anti­ka­pi­ta­lis­ti­scher Zusam­men­schluss, den man aller­dings durch die Skep­sis vor der Pra­xis selbst mit ver­hin­dert.

Was die Struk­tu­rie­rung und eige­ne Pra­xis die­ser Strö­mung dann kon­kret beinhal­tet, und zwar kon­sti­tu­iert durch die­se bei­den pole­mi­schen Abgren­zun­gen, ist eine Pra­xis der Dis­kus­si­on (sei es auch in Text- und Vor­trags­form), die in der Selbst­sicht eines eige­nen revo­lu­tio­nä­ren Enga­ge­ments, das unmit­tel­bar jetzt erfor­der­lich ist, lebt. Die­se Selbst­sicht lebt einer­seits in der Wahr­neh­mung, dass die Mas­sen selbst nicht zu Klas­sen­be­wusst­sein und revo­lu­tio­nä­rer Pra­xis kom­men, und daher die Pflicht spürt, dass „wir“ jetzt unmit­tel­bar die Revo­lu­ti­on ankur­beln müs­sen; ande­rer­seits kreist die Dis­kus­si­on dar­um, was man machen und umset­zen müss­te, was aber nicht mög­lich ist, weil eben die Mas­sen gera­de nicht ansprech­bar für revo­lu­tio­nä­re Pro­jek­te sind. Die Selbst­sicht kreist daher um den Selbst­wi­der­spruch, dass man selbst unmit­tel­bar jetzt die Revo­lu­ti­on vor­be­rei­ten muss, dass man dafür auf die objek­ti­ve Vor­aus­set­zung revo­lu­tio­nä­rer Mas­sen ange­wie­sen ist, die eben nicht gege­ben ist, so dass es gera­de an „uns“ selbst ist, die Revo­lu­ti­on jetzt erst recht anzu­schie­ben. Der Krei­sel die­ses Selbst­wi­der­spruchs wird aus­agiert in der Selbst­be­züg­lich­keit der Dis­kus­sio­nen, für wel­che es letzt­lich kein Ziel und Ende geben kann und aus denen prak­tisch auch nichts folgt. Sie sind fak­tisch nichts ande­res als Dis­kus­sio­nen ohne nen­nens­wer­te prak­ti­sche Bedeu­tung.

Zusam­men­ge­fasst kon­sti­tu­iert sich die­se Strö­mung durch den Anspruch, Theo­rie und Pra­xis zu ver­mit­teln, wobei sie zugleich genui­ne Theo­rie und genui­ne Pra­xis denun­ziert und selbst in einer unmit­tel­ba­ren Iden­ti­tät von Theo­rie und Pra­xis lebt. Sie sind theo­re­ti­sie­ren­de Prak­ti­ker und prak­ti­zie­ren­de Theo­re­ti­ker, ohne bei­des wirk­lich zu machen. Die­se unmit­tel­ba­re Iden­ti­tät funk­tio­niert daher nicht und mün­det nur in das end­lo­se Krei­sen um den eige­nen Selbst­wi­der­spruch.

Praktische Schlussfolgerungen

Nach die­ser kri­ti­schen Dar­stel­lung der Strö­mung der kom­mu­nis­ti­schen Dis­kus­si­ons­clubs will ich noch eini­ge Schluss­fol­ge­run­gen für heu­ti­ge Theo­rie und Pra­xis zie­hen – so düs­ter die aktu­el­le orga­ni­sa­to­ri­sche Situa­ti­on nach dem Schei­tern der „Orga­ni­sie­rungs­be­we­gung“ von 2015 ff. auch aus­se­hen mag.

Der Punkt wäre, dass es, ent­ge­gen der hier kri­ti­sier­ten Strö­mung, einer­seits genui­ne Theo­rie, ande­rer­seits genui­ne Pra­xis geben müss­te, und drit­tens eine rea­le und effek­ti­ve Ver­mitt­lung die­ser bei­den Pole.

Ers­tens braucht es genui­ne Theo­rie­ar­beit, weil sich für die anti­au­to­ri­tä­re mar­xis­ti­sche Theo­rie eine gan­ze Men­ge an Unklar­hei­ten und Fra­gen zur Ana­ly­se der Gegen­wart stel­len. Bei­spiels­wei­se exis­tiert kei­ne aus­ge­ar­bei­te­te Theo­rie der kapi­ta­lis­ti­schen Kul­tur; die mate­ria­lis­ti­sche Dia­lek­tik und damit die Metho­de der Kri­tik ist nicht klar; es gibt kei­ne Kri­tik des patri­ar­cha­len Geschlech­ter­ver­hält­nis­ses, die deren Grund in den Struk­tu­ren der kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft auf­zeigt; die feind­se­li­ge Hal­tung zum Post­struk­tu­ra­lis­mus müss­te theo­re­tisch über­wun­den wer­den und vie­les mehr. Von der Strö­mung kön­nen die­se Fra­ge weder auf­ge­wor­fen noch bear­bei­tet wer­den, weil sie sich pole­misch gegen Theo­rie­ar­beit ver­hält. Sie kann ledig­lich fer­ti­ge und vor­han­de­ne Theo­rie rezi­pie­ren (und tut dies auch mit einem Kanon, u. a. von Marx-Freud-Pan­ne­koek-Ador­no­‑S. I.) und auf die Gegen­wart bezie­hen. Das Resul­tat die­ser Form aktua­li­sie­ren­der Rezep­ti­on ist aller­dings kei­ne theo­re­ti­sche Kri­tik der Gegen­wart, son­dern es sind poli­ti­sche Posi­tio­nie­run­gen zu Pro­ble­men der Gegen­wart (z. B. Flücht­lings­kri­se, Streiks, Geschlech­ter­ver­hält­nis, Uto­pie-Debat­te).

Zwei­tens braucht es genui­ne Pra­xis. Aber nicht in der Form, wie es in der Strö­mung letzt­lich vor­ge­stellt ist, dass Kom­mu­nis­tin­nen, um die Revo­lu­ti­on anzu­kur­beln, „zu den Arbei­tern“ gehen. Heu­te heißt das vor­wie­gend, dass Stadt­teil­lä­den gegrün­det wer­den, um über sozia­le Pro­ble­me wie Anti-Gen­tri­fi­zie­rungs­ar­beit und Hartz-Bera­tung die Men­schen in wider­stän­di­gem Sin­ne zu orga­ni­sie­ren.

Nötig wäre statt­des­sen zwei­er­lei: einer­seits die Erkennt­nis, dass der Impuls der heu­ti­gen Wider­stands­pra­xis in den pre­kä­ren Klas­sen liegt, die äußerst belas­tet sind, mit den sozia­len Wider­sprü­chen unmit­tel­bar und kon­kret kon­fron­tiert sind, und deren All­tag zu gro­ßen Tei­len dar­in besteht, es irgend­wie zu schaf­fen, über die Run­den zu kom­men und dabei direkt in Kon­flik­te gezwun­gen zu wer­den. Dabei mei­ne ich etwa Frau­en in Care-Arbeit (z. B. Kran­ken­schwes­tern), von Ras­sis­mus betrof­fe­ne PoC (sie­he Black Lives Mat­ter), digi­ta­le Click­wor­ker, Schein­selb­stän­di­ge (Fahr­rad­lie­fer­diens­te) usw. Von die­sen ver­schie­de­nen pre­kä­ren Klas­sen (und ande­ren) gin­gen in den letz­ten Jah­ren die Impul­se des Wider­stands aus. Die Ange­hö­ri­gen der hier behan­del­ten Strö­mung dage­gen sind in aller Regel nicht die­sen pre­kä­ren Klas­sen zuge­hö­rig, son­dern haben Hoch­schul­ab­schlüs­se, deut­sche Päs­se und gere­gel­te Ein­kom­men durch intel­lek­tu­el­le Arbeit. Das heißt, dass nicht von ihnen die aktu­el­len Impul­se des Wider­stands aus­ge­hen wer­den.

Ande­rer­seits wären Mili­tanz und Wider­stän­dig­keit im eige­nen All­tag, d. h. im eige­nen Miets­haus und in der eige­nen Kul­tur- oder Bil­dungs­in­sti­tu­ti­on, nötig. Es geht dar­um, in die­sen Kon­tex­ten selbst auf die Orga­ni­sie­rung der betrof­fe­nen Men­schen hin­zu­wir­ken, inner­halb die­ser Pra­xis sozi­al­re­vo­lu­tio­nä­res Bewusst­sein zu schaf­fen, Aus­gren­zun­gen zu ver­hin­dern, auf radi­ka­le Poli­tik hin­zu­wir­ken.

Es braucht drit­tens eine rea­le und effek­ti­ve Ver­mitt­lung bei­der Pole. Es müss­te ver­mit­teln­de Arbeit wie Zei­tungs­ar­beit, Bil­dungs­ar­beit, Stra­te­gie­dis­kus­si­on oder mili­tan­te Unter­su­chung des all­täg­li­chen Klas­sen­be­wusst­seins geleis­tet wer­den; dies aber expli­zit und bewusst als ver­mit­teln­de Instanz, die nicht unmit­tel­bar auch Theo­rie und Pra­xis sein will. Dies zum Bei­spiel als bewuss­ter Dienst­leis­ter gegen­über den vor­hin genann­ten Kämp­fen der pre­kä­ren Klas­sen (Zei­tungs­ar­beit, Bil­dungs­ar­beit, Prag­ma­tik von Kämp­fen usw.).

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