[GAM:] 250 Jahre Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Philosophischer Meister der Dialektik

Gerald Fal­ke, Neue Inter­na­tio­na­le 248, Juli/​August 2020

Mit Hegels Werk wird in der klas­si­schen deut­schen Phi­lo­so­phie­ge­schich­te einer­seits ihr krö­nen­der Höhe­punkt ver­knüpft, ande­rer­seits eine durch­wegs unver­ständ­li­che Denk­wei­se oder eine beson­ders gefähr­li­che Ideo­lo­gie. Gleich­gül­tig­keit woll­te sich seit­her hier­zu in der Phi­lo­so­phie kaum jemand leis­ten. Was machen sei­ne Leh­ren jetzt so fas­zi­nie­rend und revo­lu­tio­när und wes­halb wird ihnen eine so gro­ße Gefahr unter­stellt?

Bei­spiels­wei­se war für Scho­pen­hau­er die Phi­lo­so­phie Hegels der „wider­wär­tigs­te und unsin­nigs­te Gali­ma­thi­as“ (ver­wor­re­nes Gere­de) mit „sinn­leers­tem Wort­kram“. Den­noch wur­den sei­ne Leh­ren letzt­lich als Schul­p­hi­lo­so­phie auf­ge­nom­men, mit der sich das Bil­dungs­bür­ger- und preu­ßi­sche Beam­ten­tum ger­ne schmück­te. Die preu­ßi­sche Regie­rung leg­te sie sogar ihrer Staats­auf­fas­sung zugrun­de.

Er galt zwar als per­sön­lich gesel­lig und humor­voll, aber bedäch­tig bis behä­big, als schwer­fäl­li­ger, sich stän­dig räus­pern­der Red­ner und in lan­gen, schwer­flüs­si­gen und unver­ständ­li­chen Sät­zen schrei­bend.

Hegel wur­de 1770 in Stutt­gart als Nach­fah­re pro­tes­tan­ti­scher Aus­wan­de­rer aus Kärn­ten und ältes­ter Sohn eines Rent­kam­mer­se­kre­tärs gebo­ren. Sei­ne Erzie­hung war ent­spre­chend pro­tes­tan­tisch-pie­tis­tisch aus­ge­rich­tet. Bereits im Gym­na­si­um beschäf­tig­te er sich mit grie­chi­schen und römi­schen Klas­si­kern. Im Tübin­ger Stift stu­dier­te er Phi­lo­so­phie und Theo­lo­gie und muss­te danach zunächst in Bern und Frank­furt am Main eine Haus­leh­rer­stel­le anneh­men. Durch eine Erb­schaft von sei­nem Vater konn­te er eine aka­de­mi­sche Lauf­bahn begin­nen und sich in Jena habi­li­tie­ren. Nach­dem er dann eine Rek­to­ren­stel­le in Nürn­berg annahm, über­nahm er schließ­lich den phi­lo­so­phi­schen Lehr­stuhl in Hei­del­berg und spä­ter als Nach­fol­ger Fich­tes in Ber­lin, wo ihm schließ­lich noch das Amt des Rek­tors der Uni­ver­si­tät über­tra­gen wur­de. 1831 starb er dort nach kur­zer Krank­heit.

Mein­te er in jun­gen Jah­ren, dass trotz sei­ner von sei­nen Lehr­kräf­ten bemän­gel­ten phi­lo­so­phi­schen Bega­bung die Modu­la­ti­ons­mög­lich­kei­ten des schwä­bi­schen Dia­lekts sich beson­ders gut für das Phi­lo­so­phie­ren eig­nen, beschrieb er spä­ter den Ber­li­ner Sand (Anspie­lung auf die als Streu­sand­büch­se bezeich­ne­te preu­ßi­sche Stamm­pro­vinz Bran­den­burg) als beson­ders emp­fäng­lich für die Phi­lo­so­phie.

Vom Impuls der Aufklärung

Als prä­gen­des Ereig­nis wirk­te sich auf ihn bereits zu Beginn sei­nes Stu­di­ums aus, dass 1789 in Paris die Bas­til­le erstürmt und der abso­lu­tis­tisch herr­schen­de König und sein Hof­adel ent­mach­tet wur­den. In der Hoff­nung auf eine grund­le­gen­de Ver­än­de­rung auch in Deutsch­land ergrif­fen vie­le Gelehr­te dafür Par­tei und im Tübin­ger Stift bil­de­te sich ein poli­ti­scher Kreis, der fran­zö­si­sche Zei­tun­gen las und mit Hoch­stim­mung dis­ku­tier­te. Hegel trat hier beson­ders begeis­tert für Frei­heit und Gleich­heit ein, Höl­der­lin sorg­te mit sei­ner dich­te­ri­schen Bega­bung für eine schwung­vol­le Spra­che und Schel­ling über­setz­te die Mar­seil­lai­se, das Revo­lu­ti­ons­lied der fran­zö­si­schen Frei­wil­li­gen­ba­tail­lo­ne, ins Deut­sche.

Von hier aus­ge­hend inter­es­sier­te er sich wei­ter­hin für die poli­ti­schen Ver­hält­nis­se und deren mög­li­che Ver­bes­se­run­gen. An Schel­ling schrieb er dazu, dass er die Theo­rie als Sturm­bock zur Bewe­gung der Wirk­lich­keit ver­ste­he. Und wäh­rend sei­nes Auf­ent­hal­tes in Jena begrüß­te er freu­dig den Sieg der Fran­zo­sen in der dort statt­ge­fun­de­nen Schlacht von 1806 und beschrieb bei die­ser Gele­gen­heit Napo­le­on ehr­furchts­voll als „Welt­see­le“, obwohl er plün­dern­de Sol­da­ten in sei­ner Woh­nung dul­den muss­te.

Hegel blieb aber letzt­lich befan­gen in der Rück­stän­dig­keit Deutsch­lands und der ent­spre­chend gerin­ge­ren Wirk­sam­keit der Auf­klä­rung. Indem hier die Klas­sen­kämp­fe des Bür­ger­tums weni­ger aus­ge­prägt waren, die poli­ti­sche Oppo­si­ti­on viel schwä­cher war und eine bür­ger­li­che Revo­lu­ti­on noch nicht auf der Tages­ord­nung stand, konn­te die Ideo­lo­gie der Auf­klä­rung sogar noch dem klein­staat­li­chen Feu­dal­ab­so­lu­tis­mus zweck­dien­lich wer­den.

Von der bri­ti­schen und fran­zö­si­schen Auf­klä­rung trenn­te Hegel von Beginn an sein durch­gän­gi­ger idea­lis­ti­scher Stand­punkt, der den Geist als das allein Wirk­li­che auf­fasst. Und anstatt einer Über­win­dung der Reli­gio­si­tät sah er im luthera­ni­schen Chris­ten­tum die bis­her höchs­te Ent­wick­lungs­stu­fe der Reli­gi­on, die mit­hil­fe der Phi­lo­so­phie in eine noch höhe­re Form zu brin­gen sei, wel­che dann so zur Grund­la­ge der deut­schen Frei­heits­be­we­gung wer­den soll­te. Zumin­dest erklär­te er, dass das Gött­li­che kein äuße­res und frem­des Wesen ist, son­dern nur im und für den Geist der Men­schen.

Idealistische Geschichts- und konformistische Staatsauffassung

In sei­ner Vor­stel­lung von der geschicht­li­chen Ent­wick­lung war er zunächst sehr inspi­riert von der grie­chi­schen Phi­lo­so­phie. Die hier­in ent­wi­ckel­te Dia­lek­tik bezog sich vor allem auf das dia­lo­gi­sche Spre­chen und wur­de von Pla­ton zu einer spe­zi­el­len Form der Dia­log­ge­stal­tung ent­wi­ckelt, in der das Wesen in sei­nen Zusam­men­hän­gen erfasst und im Gespräch ver­mit­telt wer­den kann. Dabei soll­te mit der dia­lo­gi­schen Gesprächs­ent­wick­lung hin­ter dem sinn­lich Wahr­nehm­ba­ren die an sich als fest­ste­hend gedach­te pla­to­ni­sche Ideen­welt erreicht wer­den.

Hegel ent­deck­te hier­bei, dass die phi­lo­so­phi­schen Dia­lo­ge bei Pla­ton tat­säch­lich statt­ge­fun­den haben in der Ent­wick­lung der Phi­lo­so­phie­ge­schich­te, in der die Phi­lo­so­phIn­nen immer wie­der zu neu­en Ant­wor­ten fan­den und damit sich sozu­sa­gen ein phi­lo­so­phi­scher Dia­log über die gesam­te Geschich­te der Phi­lo­so­phie hin­zieht. Im Unter­schied zur pla­to­ni­schen Vor­stel­lung einer unbe­weg­li­chen Wahr­heit erkann­te Hegel aller­dings die Bewe­gung der Wahr­heits­fin­dung in ihrer not­wen­di­gen Ent­wick­lung. Damit kon­zen­trier­te sich die Phi­lo­so­phie­ge­schich­te vor allem auf „die not­wen­di­ge Bewe­gung der rei­nen Begrif­fe“ und damit um „das Erhe­ben der Ver­nunft über die Beschrän­kun­gen des Ver­stan­des“. In der Fol­ge gelang­te er letzt­lich zu nichts Gerin­ge­rem als der Annah­me einer Iden­ti­tät von Wirk­lich­keit und Geist, von Welt und Ver­nunft. „Die rei­ne Wis­sen­schaft …. ent­hält den Gedan­ken, inso­fern er eben­so­sehr die Sache an sich selbst ist, oder die Sache an sich selbst, inso­fern sie eben­so­sehr der rei­ne Gedan­ke ist.“ (Hegel, Wis­sen­schaft der Logik, Bd. 1, S. 43, in: Hegel, Wer­ke, Bd. 5, Suhr­kamp, Frankfurt/​Main)

Die Selbst­ent­fal­tung des Geis­tes ent­sprach für ihn somit einer Dar­stel­lung des gesam­ten Welt­pro­zes­ses, der sich vom An-sich-Sein über ein Anders-Sein zum An-und-für-sich-Sein ent­wi­ckelt. Die Ent­wick­lung der Welt­ge­schich­te ist für ihn dabei sinn­voll und zweck­ge­rich­tet – auf das Ziel der Ver­voll­komm­nung der Ver­nunft. Die nach ihren indi­vi­du­el­len Zwe­cken han­deln­den Men­schen dar­in sind ledig­lich Werk­zeu­ge des Welt­geis­tes und des­sen lis­ti­ger Ver­nunft.

Die­ser Welt­geist ent­wi­ckel­te sich dem­nach von den Ori­en­talIn­nen über die Grie­chIn­nen und Röme­rIn­nen bis zu den Ger­ma­nIn­nen und durch­lief dabei eine Zunah­me der Frei­heit ein­zel­ner bis hin zur Frei­heit aller im Geist der Deut­schen – selbst wenn sich die­ser nur im Wil­len eines ein­zel­nen Mon­ar­chen aus­drückt.

Der älte­re Hegel zeig­te sich letzt­end­lich als durch­aus par­tei­lich zuguns­ten des Königs. Als eins­ti­ger Kri­ti­ker Preu­ßens wan­del­te er sich in einen rück­halt­lo­ser Unter­stüt­zer des preu­ßi­schen Staats als Ver­kör­pe­rung der Ver­nunft – trotz des Poli­zei­sys­tems und Denun­zi­an­ten­tums bis hin zur Ver­fol­gung von Auf­wieg­le­rIn­nen.

Sei­ne ange­nom­me­ne Iden­ti­tät von Ver­nunft und Wirk­lich­keit zeig­te sich hier in einer beson­ders fata­len Form als bedin­gungs­lo­ses Ver­trau­en in den Staat als der „Wirk­lich­keit der sitt­li­chen Idee“. Damit pos­tu­lier­te er die Grund­la­ge für eine Theo­rie, die eigent­lich vor der Wirk­lich­keit, die sie zu bewe­gen ange­tre­ten war, kapi­tu­liert hat­te.

Hegels Staats­fe­ti­schis­mus bestimmt letzt­lich den Zweck des Lebens der Indi­vi­du­en als ihren Anteil am all­ge­mei­nen Staats­le­ben: „Der Staat ist als die Wirk­lich­keit des sub­stan­ti­el­len Wil­lens, die er in der zu sei­ner All­ge­mein­heit erho­be­nen beson­de­ren Selbst­be­wusst­heit hat, das an und für sich Ver­nünf­ti­ge. Die­se sub­stan­ti­el­le Ein­heit ist abso­lu­ter unbe­weg­ter Selbst­zweck, in wel­chem die Frei­heit zu ihrem höchs­ten Recht kommt, so wie die­ser End­zweck das höchs­te Recht gegen die Ein­zel­nen hat, deren höchs­te Pflicht es ist, Mit­glie­der des Staats zu sein.“ (Hegel, Grund­li­ni­en der Phi­lo­so­phie des Rechts, S. 399, Suhr­kamp, Frankfurt/​Main 1976)

Letzt­lich hoff­te er auf eine geis­ti­ge Erneue­rung des deut­schen Vol­kes und Staa­tes nach dem Ide­al der anti­ken Gemein­schaft in der grie­chi­schen Polis.

Bleibendes Verdienst der Dialektik

Die größ­ten Ver­diens­te gebüh­ren Hegel sicher­lich für die Aus­ar­bei­tung sei­ner „Wis­sen­schaft der Logik“. Hier­in erhält die Dia­lek­tik eine grund­le­gen­de und umfas­sen­de Bedeu­tung, die alle ihre Ein­schrän­kun­gen durch die Leh­ren von Aris­to­te­les bis Kant schlicht­weg besei­tigt. Wenn bei­spiels­wei­se die for­ma­le Logik das aris­to­te­li­sche Iden­ti­täts­prin­zip vor­gibt, wonach ein A stets ein A ist und bleibt, dann stellt dies für Hegel nur eine lang­wei­li­ge Art von über­flüs­si­gem Wie­der­käu­en dar. Er hält dem ent­ge­gen: „Die Iden­ti­tät ist … an ihr selbst abso­lu­te Nicht­iden­ti­tät.“ (Hegel, Wis­sen­schaft der Logik, Bd. 2, S. 41)

Der zwei­ten logi­schen Grund­re­gel, dem Wider­spruchs­prin­zip, wonach A und Nicht‑A nicht zugleich sein kön­nen, ergeht es bei Hegel nicht bes­ser. Wenn ein Nicht‑A nur auf­taucht, um zu schwin­den, wäre damit auch die gedank­li­che Beschäf­ti­gung damit bereits erle­digt. Aller­dings wäre ein Sys­tem von Begrif­fen ohne den Weg der Nega­ti­on nicht her­stell­bar. „Das Ein­zi­ge, um den wis­sen­schaft­li­chen Fort­gang zu gewin­nen – und um des­sen ganz ein­fa­che Ein­sicht sich wesent­lich zu bemü­hen ist -, ist die Erkennt­nis des logi­schen Sat­zes, daß das Nega­ti­ve eben­so­sehr posi­tiv ist …“. (Hegel, Wis­sen­schaft der Logik, Bd. 1, S. 49)

Den Hin­ter­grund die­ser Posi­ti­on erklärt er aus einer uni­ver­sel­len Wider­sprüch­lich­keit. „<Alle Din­ge sind an sich selbst wider­spre­chend>, und zwar in dem Sin­ne, daß die­ser Satz gegen die übri­gen viel­mehr die Wahr­heit und das Wesen der Din­ge aus­drü­cke.“ (Hegel, Logik, Bd. 2, S. 74)

In Hegels Dia­lek­tik ist der Wider­spruch sogar die wesent­lichs­te Kate­go­rie. „Es ist … eines der Grund­vor­ur­tei­le der bis­he­ri­gen Logik und des gewöhn­li­chen Vor­stel­lens, als ob der Wider­spruch nicht eine so wesen­haf­te und imma­nen­te Bestim­mung sei als die Iden­ti­tät; ja, wenn von Rang­ord­nung die Rede und bei­de Bestim­mun­gen als getrenn­te fest­zu­hal­ten wären, so wäre der Wider­spruch für das Tie­fe­re und Wesen­haf­te­re zu neh­men. Denn die Iden­ti­tät ihm gegen­über ist nur die Bestim­mung des ein­fa­chen Unmit­tel­ba­ren, des toten Seins; er aber ist die Wur­zel aller Bewe­gung und Leben­dig­keit; nur inso­fern etwas in sich selbst einen Wider­spruch hat, bewegt es sich, hat Trieb und Tätig­keit.“ (Hegel, Logik, Bd. 2, S. 75)

Marx greift die­sen Ansatz auf: „Die Selbst­be­ja­hung, Selbst­be­stä­ti­gung im Wider­spruch mit sich selbst, sowohl mit dem Wis­sen als mit dem Wesen des Gegen­stan­des, ist … das wah­re Wis­sen und Leben.“ (Marx, Öko­no­misch-phi­lo­so­phi­sche Manu­skrip­te, in: MEW 40, S. 581)

Engels erläu­tert, dass wir auf kei­ne Wider­sprü­che sto­ßen, solan­ge wir die Din­ge als ruhen­de und leb­lo­se betrach­ten, jedes für sich, neben- und nach­ein­an­der. Aller­dings zei­gen sich die Wider­sprü­che sofort, wenn sich die Din­ge bewe­gen und ver­än­dern, leben­dig wer­den und wech­sel­sei­tig auf­ein­an­der ein­wir­ken. „Das Leben ist … ein in den Din­gen und Vor­gän­gen selbst vor­hand­ner, sich stets set­zen­der und lösen­der Wider­spruch; und sobald der Wider­spruch auf­hört, hört auch das Leben auf, der Tod tritt ein.“ (Engels, Anti-Düh­ring, S. 112f., MEW 20)

Etwas poin­tier­ter for­mu­liert es Lenin: „Erst auf die Spit­ze des Wider­spruchs getrie­ben wer­den die Man­nig­fal­tig­kei­ten reg­sam und leben­dig gegen­ein­an­der – erhal­ten sie die Nega­ti­vi­tät, wel­che die inne­woh­nen­de Pul­sa­ti­on der Selbst­be­we­gung und Leben­dig­keit ist.“ (Lenin, Kon­spekt zur „Wis­sen­schaft der Logik“, S. 133, in: Lenin, Wer­ke, Bd. 38)

Mit der Dia­lek­tik als Instru­ment der Erkennt­nis erga­ben sich viel­fäl­ti­ge Mög­lich­kei­ten zum bes­se­ren Ver­ständ­nis geschicht­li­cher Ent­wick­lun­gen und gesell­schaft­li­cher Zusam­men­hän­ge, die mit einem posi­ti­vis­ti­schen Instru­men­ta­ri­um völ­lig ver­bor­gen geblie­ben wären. Das bekann­tes­te Bei­spiel für eine vor­bild­li­che Anwen­dung der dia­lek­ti­schen Metho­de wur­den die Leh­ren von Marx.

Das Hegelsche Erbe

Wie zur Ver­an­schau­li­chung der Hegel­schen Geschichts­leh­re zer­fiel sei­ne Schü­ler­schaft in eine Rech­te mit den Alt­he­ge­lia­ne­rIn­nen wie Göschel, Gab­ler, Rosen­kranz und Gans und eine Lin­ke mit den Jung­he­ge­lia­ne­rIn­nen wie Köp­pen, Bau­er, Marx und Engels.

Vor allem der abs­trak­te Cha­rak­ter die­ser Phi­lo­so­phie bewirk­te ver­ständ­li­cher­wei­se eine grund­le­gen­de Infra­ge­stel­lung. Feu­er­bach kri­ti­sier­te Hegel sogar in einem Zuge mit der Theo­lo­gie. „Die abso­lu­te Phi­lo­so­phie hat uns wohl das Jen­seits der Theo­lo­gie zum Dies­seits gemacht, aber dafür hat sie uns das Dies­seits der wirk­li­chen Welt zum Jen­seits gemacht.“ (Feu­er­bach, Grund­sät­ze der Phi­lo­so­phie der Zukunft, in: Aus­wähl­te Schrif­ten, Bd. 1, Ull­stein, Frankfurt/​Main 1985 )

Und die ein­zig akzep­ta­ble Form der Dia­lek­tik exis­tier­te für Feu­er­bach im Rah­men ihrer Aus­gangs­po­si­ti­on vor Pla­ton. „Die wah­re Dia­lek­tik ist kein Mono­log des ein­sa­men Den­kers mit sich selbst, sie ist ein Dia­log zwi­schen Ich und Du.“ (Eben­da, S. 156)

Aus der Leh­re Hegels und der Kri­tik Feu­er­bachs ergab sich jedoch auch die Mög­lich­keit einer Syn­the­se, wel­che aus der abs­trak­ten Logik eben­so wie aus ihrer mate­ria­lis­ti­schen Kri­tik schöpft. Marx begann mit einer Wür­di­gung: „Was die andern Phi­lo­so­phen taten ….., das weiß Hegel als das Tun der Phi­lo­so­phie. Dar­um ist sei­ne Wis­sen­schaft abso­lut.“ (Marx, Öko­no­misch-phi­lo­so­phi­sche Manu­skrip­te, MEW 40, S. 574f.)

Wäh­rend Hegel sich mit dem „Volks­geist“ und der „Volks­re­li­gi­on“ aus­ein­an­der­setz­te, ergab sich für Marx aller­dings die Fra­ge nach dem „Klas­sen­be­wusst­sein“ im Rah­men der die Geschich­te letzt­lich ent­schei­den­den Klas­sen­kämp­fe.

Marx über­nahm zwar die Hegel­sche Dia­lek­tik, aber sozu­sa­gen in umge­kehr­ter Form. Um „den ratio­nel­len Kern in der mys­ti­schen Hül­le“ erkennt­lich zu machen, dreh­te Marx die auf dem Kopf ste­hen­de Dia­lek­tik Hegels um. „Mei­ne dia­lek­ti­sche Metho­de ist der Grund­la­ge nach von der Hegel­schen nicht nur ver­schie­den, son­dern ihr direk­tes Gegen­teil. Für Hegel ist der Denk­pro­zeß, den er sogar unter dem Namen Idee in ein selb­stän­di­ges Sub­jekt ver­wan­delt, der Demi­urg des Wirk­li­chen, das nur sei­ne Erschei­nung bil­det. Bei mir ist umge­kehrt das Ideel­le nichts and­res als das im Men­schen­kopf umge­setz­te und über­setz­te Mate­ri­el­le.“ (Marx, Das Kapi­tal Bd.1, S. 27, MEW 23)

Ähn­lich sah Engels die­se Umkeh­rung: „Wir faß­ten die Begrif­fe uns­res Kopfs wie­der mate­ria­lis­tisch als die Abbil­der der wirk­li­chen Din­ge, statt die wirk­li­chen Din­ge als Abbil­der die­ser oder jener Stu­fe des abso­lu­ten Begriffs.“ (Engels, Lud­wig Feu­er­bach und der Aus­gang der klas­si­schen deut­schen Phi­lo­so­phie, MEW 21, S. 292f.)

Und dar­aus folgt: „Damit wur­de … die Begriffs­dia­lek­tik selbst nur der bewuß­te Reflex der dia­lek­ti­schen Bewe­gung der wirk­li­chen Welt, und damit wur­de die Hegel­sche Dia­lek­tik auf den Kopf, oder viel­mehr vom Kopf, auf dem sie stand, wie­der auf die Füße gestellt.“ (Eben­da, S. 293)

Auf die­se Wei­se grenz­ten sich Marx und Engels auch von den Alt­he­ge­lia­ne­rIn­nen ab, die alles zu begrei­fen glaub­ten, sobald es auf eine logi­sche Kate­go­rie Hegels zurück­ge­führt wer­den konn­te. Die mate­ria­lis­ti­sche Dia­lek­tik hin­ge­gen ver­steht sich als „die Wis­sen­schaft von den all­ge­mei­nen Bewe­gungs- und Ent­wick­lungs­ge­set­zen der Natur, der Men­schen­ge­sell­schaft und des Den­kens.“ (Engels, Anti-Düh­ring, MEW 20, S. 131f.)

Revisionistische Anti-Dialektik

Bezeich­nen­der­wei­se bezog sich der im Rah­men der Zwei­ten Inter­na­tio­na­le for­mie­ren­de Refor­mis­mus nicht mehr auf Hegel als wesent­li­chen Vor­be­rei­ter der mar­xis­ti­schen Welt­an­schau­ung, son­dern vor­zugs­wei­se auf Kant. Die dia­lek­ti­sche Gesetz­mä­ßig­keit Hegels erschien Bern­stein, dem Wort­füh­rer die­ser Strö­mung, als „schief“ und sei­ne Wider­spruchs­lo­gik als „spe­ku­la­tiv“, „täu­schend“ und „gefähr­lich“. „Die logi­schen Pur­zel­bäu­me des Hege­lia­nis­mus schil­lern radi­kal und geist­reich. Wie das Irr­licht, zeigt er uns in unbe­stimm­ten Umris­sen jen­sei­ti­ge Pro­spek­te. Sobald wir aber im Ver­trau­en auf ihn unse­ren Weg wäh­len, wer­den wir regel­mä­ßig im Sump­fe lan­den. Was Marx und Engels Gro­ßes geleis­tet haben, haben sie nicht ver­mö­ge der hegel­schen Dia­lek­tik, son­dern trotz ihrer geleis­tet.“ (Bern­stein, Die Vor­aus­set­zun­gen des Sozia­lis­mus und die Auf­ga­ben der Sozi­al­de­mo­kra­tie, Göt­tin­gen 1984, S. 62)

Wäh­rend der Refor­mis­mus sich ent­schie­den von Hegel abwand­te, setz­te der revo­lu­tio­nä­re Mar­xis­mus das dia­lek­ti­sche Ver­ständ­nis fort. Jen­seits des idea­lis­ti­schen Ver­ständ­nis­ses und der dog­ma­ti­schen Inhal­te im phi­lo­so­phi­schen Sys­tem ist sei­ne Dia­lek­tik eben sei­ne revo­lu­tio­nä­re Sei­te. Zum Aus­druck die­ser unter­schied­li­chen Sei­ten bei Hegel beschrieb ihn Engels als „olym­pi­schen Zeus“ mit einem „deut­schen Phi­list­erzopf“.

Die im Rah­men der Drit­ten Inter­na­tio­na­le sich ent­wi­ckeln­de sta­li­nis­ti­sche Tra­di­ti­on hielt zwar schein­bar an der revo­lu­tio­nä­ren Tra­di­ti­on fest, aber anstel­le eines mehr als for­ma­len Bezugs auf die dia­lek­ti­sche Metho­de blüh­ten hier meis­tens wie­der Hegels Volks­be­zug und Staats­fe­ti­schis­mus auf. So bleibt der jewei­li­ge Bezug auf Hegel wei­ter­hin ein Indiz und Richt­wert für die jewei­li­ge phi­lo­so­phi­sche Welt­an­schau­ung und die poli­ti­sche Gesin­nung.

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