[ISO:] Ernest Mandel und der Ökosozialismus

Die Beschäf­ti­gung mit der Umwelt taucht in Man­dels Schrif­ten erst ab den 1970er Jah­ren nach­drück­li­cher auf. In dem Trai­té d’économie mar­xis­te (1962; dt. 1968) bei­spiels­wei­se ist davon prak­tisch nichts zu bemer­ken. Aller­dings ist in die­sem Antritts-Werk bereits die Vor­stel­lung eines „Auf­hö­rens des Wachs­tums“ zu fin­den:

Wenn die Gesell­schaft über einen Park auto­ma­ti­scher Maschi­nen
ver­fügt, der genü­gend groß ist, um ihren gesam­ten lau­fen­den Bedarf zu decken
(…), dann ist es wahr­schein­lich, daß das ‚wirt­schaftliche Wachs­tu­mʻ
ver­lang­samt oder vor­über­ge­hend sogar auf­ge­hal­ten wird. (…) Ein von allen
mate­ri­el­len und wirt­schaft­li­chen Sor­gen frei­er Mensch wird gebo­ren.[1]

Ernest Mandels ökologische Vorstellungen

Ab 1971/​72, nach dem Auf­tre­ten der ers­ten öko­lo­gi­schen
Bewe­gun­gen und infol­ge der Pio­nier­wer­ke von Elmar Alt­va­ter, Har­ry Roth­man und
Bar­ry Com­mo­ner begann er die öko­lo­gi­sche Dimen­si­on in sei­ne Refle­xio­nen zu inte­grie­ren.
So ist im Spät­ka­pi­ta­lis­mus (1972) die
Rede von der „zunehmende(n) Umwelt­ge­fähr­dung durch die zeit­ge­nös­si­sche Tech­nik“
und von „kapi­ta­lis­tisch struk­tu­rier­ter Natur­wis­sen­schaft und Tech­nik, die das
Über­le­ben der Mensch­heit bedro­hen“.[2] Doch
ist das in die­sem Werk kei­ne zen­tra­le Pro­blem­stel­lung; es sind eini­ge
Erwäh­nun­gen hier und da, ohne dass das The­ma sys­te­ma­tisch behan­delt wür­de. Es
scheint also so zu sein, dass der Bericht des „Club of Rome“, der von Den­nis L.
und Donel­la H. Mea­dows ver­fasst und von Sic­co Mans­holt[3]
unter­stützt wur­de, bei Man­del den Beginn einer nach­hal­ti­ge­ren Refle­xi­on über
das The­ma Umwelt aus­ge­löst hat: Um die­sen Bericht geht es in sei­nem Arti­kel
„Die Dia­lek­tik des Wachs­tums“ vom Novem­ber 1972, der spä­ter unter dem Titel
„Marx, Engels und die Öko­lo­gie“ auf Deutsch ver­öf­fent­licht wur­de. Bedenkt man,
was er in der Mar­xis­ti­schen
Wirt­schafts­theo­rie
über eine Ein­stel­lung des Wachs­tums geschrie­ben hat, ist
es eigen­ar­tig, dass sei­ne Reak­ti­on auf den Mea­dows-Bericht der­ma­ßen nega­tiv
war; das ging so weit, dass er die Verfasser*innen zu „Dok­tri­nä­ren des
Kapi­ta­lis­mus“ rech­ne­te, die bereit sind, „alles zu opfern, sogar den heu­te noch
als unan­tast­bar gel­ten­den Lebens­stan­dard“, „wenn nur das Pri­vat­ei­gen­tum und der
Pro­fit geret­tet wer­den“. Immer­hin erkennt er ihnen das Ver­dienst dafür an, dass
sie die Exis­tenz von „begrenz­ten natür­li­chen Res­sour­cen“ in Erin­ne­rung geru­fen
haben, die es unmög­lich machen, dass die Lebens­wei­se der „Mit­tel­klas­sen“ in den
Ver­ei­nig­ten Staa­ten für den gan­zen Pla­ne­ten ver­all­ge­mei­nert wird.[4]

Die Lösung liegt also nicht dar­in, Man­gel, Aske­se, eine dras­ti­sche Her­ab­set­zung des Lebens­stan­dards durch­zu­set­zen.

Nach­dem er dar­an erin­nert hat, dass Wirt­schafts­wachs­tum und
Ent­wick­lung der Pro­duk­tiv­kräf­te für Marx kein Selbst­zweck, son­dern ein­fach ein
Mit­tel für die mensch­li­che Eman­zi­pa­ti­on waren, zitiert Man­del eine wich­ti­ge
Stel­le aus der Deut­schen Ideo­lo­gie
(1846)[5],
in der es um die Trans­for­ma­ti­on der Pro­duk­ti­ons­kräf­te in Destruk­ti­ons­kräf­te im
Kapi­ta­lis­mus geht.[6]
Die­ses zer­stö­re­ri­sche Poten­ti­al der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­tiv­kräf­te ist
Resul­tat der Logik der auf der Suche nach Pro­fit gegrün­de­ten Markt­wirt­schaft: „Wenn
man sich eher für bestimm­te tech­ni­sche Mög­lich­kei­ten als für ande­re ent­schie­den
hat, ohne die Wir­kun­gen in Bezug auf das öko­lo­gi­sche Gleich­ge­wicht zu
berück­sich­ti­gen, so geschieht das auf­grund von pri­va­ten Ren­ta­bi­li­täts­be­rech­nun­gen
gewis­ser (…) Fir­men“. In man­chen Pas­sa­gen scheint Man­del an eine Neu­tra­li­tät
der moder­nen Tech­nik zu glau­ben: Es stim­me „ein­fach nicht, daß die moder­ne
Indus­trie­tech­nik unver­meid­lich dahin ten­diert, das öko­lo­gi­sche Gleich­ge­wicht zu
zer­stö­ren.“[7]
Doch im Fol­gen­den erkennt er an, dass die gegen­wär­ti­ge Tech­nik, die real
exis­tie­ren­de moder­ne indus­tri­el­le Tech­nik ‒ bei­spiels­wei­se die von Che­miet­rusts
wie Mon­s­an­to durch­ge­drück­te ‒ gefähr­lich und schäd­lich ist. Er beharrt ein­fach
dar­auf, dass die­se Aus­rich­tung der Tech­nik nicht die ein­zig mög­li­che ist: In einer
sozia­lis­ti­schen Per­spek­ti­ve soll­te „die Ent­wick­lung einer ande­ren Tech­no­lo­gie“
den Vor­rang erhal­ten, „die ganz und gar auf die har­mo­ni­sche Ent­fal­tung des
Indi­vi­du­ums und die Erhal­tung der natür­li­chen Res­sour­cen ‒ und nicht auf die Maxi­mie­rung
der pri­va­ten Pro­fi­te ‒ abzielt.“[8]

Die Lösung liegt also nicht dar­in, Man­gel, Aske­se, eine
dras­ti­sche Her­ab­set­zung des Lebens­stan­dards durch­zu­set­zen, wie die Exper­ten des
Mas­sa­chu­setts Insti­tu­te of Tech­no­lo­gy (MIT) in ihrem Bericht an den Club of
Rome vor­schla­gen, son­dern viel­mehr dar­in, Wachs­tum zu pla­nen und es an eine
„Rei­he von deut­lich fest­ge­leg­ten Prio­ri­tä­ten, die abso­lut nicht den Zwän­gen des
Pri­vat­pro­fits unter­wor­fen sind“ zu bin­den.[9] Die
Opti­on des Null­wachs­tums ist vor allem für die unter­ent­wi­ckel­ten Län­der nicht
akzep­ta­bel. Die sozia­lis­ti­sche Alter­na­ti­ve, die Man­del vor­schlägt, besteht in
der radi­ka­len Trans­for­ma­ti­on der öko­no­mi­schen und sozia­len Struk­tu­ren, so dass
die Bedin­gun­gen für eine Wie­der­her­stel­lung des öko­lo­gi­schen Gleich­ge­wichts geschaf­fen
wer­den. In einer sozia­lis­ti­schen Gesell­schaft wird die Befrie­di­gung der
grund­le­gen­den Bedürf­nis­se für alle Men­schen und die Suche nach neu­en Tech­ni­ken,
die für eine erneu­te Bil­dung von Vor­kom­men natür­li­cher Res­sour­cen sor­gen, den
Vor­rang bekommt. Lebens­qua­li­tät, Frei­zeit, Reich­tum der gesell­schaft­li­chen
Bezie­hun­gen wer­den viel wich­ti­ger wer­den als „das Wach­sen des Brut­to­so­zi­al­pro­dukts“.[10]

Seit­her soll­te die­se Pro­ble­ma­tik in Ernest Man­dels Schrif­ten
sehr prä­sent sein; so gibt es bei­spiels­wei­se in dem Mani­fest der Vier­ten
Inter­na­tio­na­le Sozia­lis­mus oder Bar­ba­rei
an der Schwel­le zum 21. Jahr­hun­dert
(1993) einen Abschnitt, der dem
Ver­hält­nis zwi­schen Sozia­lis­mus und Öko­lo­gie gewid­met ist. Der Ver­fas­ser
erkennt an, wel­che Schwä­chen die Arbei­ter­be­we­gung auf die­sem Gebiet hat, dass
die post­bü­ro­kra­ti­schen büro­kra­ti­schen Gesell­schaf­ten him­mel­schrei­end
geschei­tert sind und dass die revo­lu­tio­nä­ren Marxist*innen den
Ökologie-Theoretiker*innen und ‑Aktivist*innen viel zu ver­dan­ken haben. Doch
hält er Kurs auf die sozia­lis­ti­sche Alter­na­ti­ve:

„Zu wirk­sa­mem Kampf gegen Umwelt­ver­schmut­zung, sys­te­ma­ti­schem
Natur­schutz, ste­ti­gem For­schen nach erneu­er­ba­ren Ener­gie­quel­len, strik­ter
Ein­schrän­kung der Ver­wen­dung nicht erneu­er­ba­rer Res­sour­cen gehört dar­um, die
Ent­schei­dun­gen über Inves­ti­tio­nen und Wahl der Pro­duk­ti­ons­tech­ni­ken den
pri­va­ten Unter­neh­men zu neh­men und einer sozia­len Gemein­schaft zu über­tra­gen,
die demo­kra­tisch dar­über ent­schei­det.“[11]

Das beharr­li­che Beto­nen der „sel­te­nen Natur­res­sour­cen“, das
es bereits in dem Arti­kel von 1972 gibt, ist ein­deu­tig eine Schran­ke: Was im
Zusam­men­hang mit Öko­lo­gie auf dem Spiel steht, reicht weit über die­sen
öko­no­mi­schen Aspekt hin­aus.

„Aneignung“ oder Subversion des produktiven Apparats?

Ernest Man­dels sozia­lis­ti­sche Opti­on scheint mir wei­ter
aktu­ell zu sein, aller­dings den­ke ich, es ist not­wen­dig, ein paar Schrit­te
wei­ter zu gehen – sowohl in Bezug auf die Kri­tik des Mar­x’­schen Erbes als auch
auf die Radi­ka­li­tät des Bruchs mit dem bestehen­den tech­nisch-pro­duk­ti­ven
Para­dig­ma. Es gilt die Errun­gen­schaf­ten der Öko­lo­gie in das Zen­trum des sozia­lis­ti­schen
Ansat­zes zu stel­len – anders aus­ge­drückt: eine öko­so­zia­lis­ti­sche Alter­na­ti­ve
anzu­stre­ben.

Die Arbeiter*innen kön­nen sich nicht des kapi­ta­lis­ti­schen Staats­ap­pa­rats bemäch­ti­gen und ihn in ihre Dienst stel­len. Sie müs­sen ihn zer­bre­chen.

Ein gewis­ser klas­si­scher Mar­xis­mus, bei dem eini­ge Stel­len
von Marx und Engels ver­wen­det wer­den, geht von dem Wider­spruch zwi­schen
Pro­duk­tiv­kräf­ten und Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­sen aus und defi­niert die sozia­le
Revo­lu­ti­on als die Auf­he­bung der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­se, die
zum Hin­der­nis für die freie Ent­wick­lung der Pro­duk­tiv­kräf­te gewor­den sei­en. Bei
die­ser Kon­zep­ti­on scheint der Pro­duk­ti­ons­ap­pa­rat als „neu­tral“ und sei­ne
Ent­wick­lung als unbe­grenzt auf­ge­fasst zu wer­den. In die­ser Sicht­wei­se wür­de die
sozia­lis­ti­sche Trans­for­ma­ti­on vor allem in der gesell­schaft­li­chen Aneig­nung der
von der kapi­ta­lis­ti­schen Zivi­li­sa­ti­on geschaf­fe­nen Pro­duk­tiv­kräf­te und dar­in zu
bestehen, dass sie in den Dienst der arbei­ten­den Men­schen gestellt wer­den. Um
eine Stel­le aus Engel­s’ Anti-Düh­ring
zu zitie­ren, dem Buch, das für gan­ze Genera­tio­nen von Sozialist*innen zum Kanon
gehör­te:

(Im Sozia­lis­mus wird) die Gesell­schaft offen und ohne Umwe­ge Besitz ergreif(en) von den jeder andern Lei­tung außer der ihri­gen ent­wach­se­nen Pro­duk­tiv­kräf­ten.[12]

Die­se Sicht­wei­se ist von einem öko­so­zia­lis­ti­schen
Gesichts­punkt her zu kri­ti­sie­ren, wobei wir uns von Mar­x’ Bemer­kun­gen zur
Pari­ser Com­mu­ne lei­ten las­sen soll­ten: Die Arbeiter*innen kön­nen sich nicht des
kapi­ta­lis­ti­schen Staats­ap­pa­rats bemäch­ti­gen und ihn in ihre Dienst stel­len. Sie
müs­sen ihn „zer­bre­chen“ und durch einen ande­ren, völ­lig anders­ge­ar­te­ten
erset­zen, durch eine nicht-staat­li­che und demo­kra­ti­sche Form von poli­ti­scher
Macht.

Das glei­che gilt muta­tis mutan­dis[13]
für den „real exis­tie­ren­den“, d. h. kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­ap­pa­rat:
von sei­nem Cha­rak­ter und sei­ner Struk­tur her ist er nicht neu­tral, son­dern
steht er im Dienst der Kapi­tal­ak­ku­mu­la­ti­on der unbe­grenz­ten Expan­si­on des Markts.
Er steht im Wider­spruch zu den Erfor­der­nis­sen des Schut­zes der Umwelt und der
Gesund­heit der Arbeits­kraft. Auf­grund sei­ner Funk­ti­ons­wei­se und sei­ner Logik
muss er die Umwelt­ver­schmut­zung, die Zer­stö­rung der bio­lo­gi­schen Diver­si­tät,
die Besei­ti­gung der Wäl­der, die kata­stro­pha­le Ver­än­de­rung des Kli­mas
ver­schlim­mern. Er muss also „revo­lu­tio­niert“ wer­den, sei­ne Struk­tur muss
radi­kal trans­for­miert wer­den. Das kann für eini­ge Pro­duk­ti­ons­zwei­ge ‒
z. B. die Atom­kraft­wer­ke ‒ ein „Zer­bre­chen“ bedeu­ten. Auf alle Fäl­le
müs­sen die Pro­duk­tiv­kräf­te anhand von sozia­len und öko­lo­gi­schen Kri­te­ri­en
zutiefst modi­fi­ziert wer­den.

Das bedeu­tet in ers­ter Linie eine Ener­gie­re­vo­lu­ti­on, die
Erset­zung nicht erneu­er­ba­rer Ener­gien, die für Umwelt­ver­schmut­zung und Umwelt­ver­gif­tung
ver­ant­wort­lich sind ‒ Koh­le, Öl und Atom­kraft ‒ durch „wei­che“ und erneu­er­ba­re
Ener­gien: Was­ser, Wind, Son­ne.

Aber zusam­men mit der Auf­he­bung der kapi­ta­lis­ti­schen
Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­se und dem Beginn eines Über­gangs zum Sozia­lis­mus muss die
gesam­te Pro­duk­ti­ons- und Kon­sum­wei­se, die zum Bei­spiel auf dem indi­vi­du­el­len
Auto und ande­ren Pro­duk­ten die­ser Art basiert, trans­for­miert wer­den. Es
ver­steht sich von selbst, dass jede Umge­stal­tung des Pro­duk­ti­ons- oder des Trans­port­sys­tems
‒ die schritt­wei­se Erset­zung der Stra­ße durch die Schie­ne ‒ mit Garan­tie der
Voll­be­schäf­ti­gung der Arbeits­kräf­te erfol­gen muss.

Wie wird die Zukunft der Pro­duk­tiv­kräf­te in die­sem Über­gang
zum Sozia­lis­mus aus­se­hen ‒ einem his­to­ri­schen Pro­zess, der nicht in Mona­ten
oder Jah­ren zu zäh­len ist? Zwei Schu­len pral­len inner­halb der, wie man sie
nen­nen könn­te, öko­lo­gi­schen Lin­ken auf­ein­an­der:

  • Nach der opti­mis­ti­schen Schu­le kann die Ent­wick­lung der sozia­lis­ti­schen Pro­duk­tiv­kräf­te mit dem Ziel, „jedem nach sei­nen Bedürf­nis­sen“ dank des tech­ni­schen Fort­schritts und der sanf­ten Ener­gien unbe­grenzt anhal­ten. Die­se Schu­le berück­sich­tigt die natür­li­chen Gren­zen des Pla­ne­ten nicht und repro­du­ziert letz­ten Endes ‒ unter dem Eti­kett „nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung“ ‒ das alte sozia­lis­ti­sche Modell.
  • Die pes­si­mis­ti­sche Schu­le ist, aus­ge­hend von die­sen natür­li­chen Gren­zen, der Auf­fas­sung, dass das Bevöl­ke­rungs­wachs­tum und der Lebens­stan­dard der Bevöl­ke­rung dras­tisch begrenzt wer­den müs­sen. Der Ener­gie­ver­brauch müs­se um die Hälf­te gesenkt wer­den, und zwar um den Preis, dass auf Ein­fa­mi­li­en­häu­ser, Hei­zung usw. ver­zich­tet wird. Da die­se Maß­nah­men höchst unpo­pu­lär sind, lieb­äu­gelt die­se Schu­le gele­gent­lich mit dem Traum von einer „auf­ge­klär­ten öko­lo­gi­schen Dik­ta­tur“.

Eine dritte Position

Mir scheint, dass die­se bei­den Schu­len eine rein
quan­ti­ta­ti­ve Auf­fas­sung von der Ent­wick­lung der Pro­duk­tiv­kräf­te tei­len. Es gibt
eine drit­te Posi­ti­on, die mir ange­mes­se­ner erscheint ‒ zu der Man­del zu
ten­die­ren schien ‒ und deren Haupt­hy­po­the­se die qua­li­ta­ti­ve Ver­än­de­rung der
Ent­wick­lung ist: der mons­trö­sen Res­sour­cen­ver­schwen­dung durch den Kapi­ta­lis­mus
ein Ende zu set­zen, die auf der Pro­duk­ti­on nutz­lo­ser oder schäd­li­cher Pro­duk­te
in gro­ßem Maß­stab beruht, die Rüs­tungs­in­dus­trie ist ein offen­sicht­li­ches
Bei­spiel. Es geht also dar­um, die Pro­duk­ti­on auf die Befrie­di­gung authen­ti­scher
Bedürf­nis­se aus­zu­rich­ten, ange­fan­gen bei jenen, die Man­del als „biblisch“
bezeich­ne­te: Was­ser, Nah­rung, Klei­dung, Woh­nung.

Wie kann zwi­schen ech­ten Bedürf­nis­sen und künst­li­chen und
unech­ten Bedürf­nis­sen unter­schie­den wer­den? Letz­te­re wer­den durch ein Sys­tem
der men­ta­len Mani­pu­la­ti­on, das als „Wer­bung“ bezeich­net wird, her­vor­ge­ru­fen.
Als unver­zicht­ba­rer Bestand­teil des Funk­tio­nie­rens des kapi­ta­lis­ti­schen Mark­tes
soll­te Wer­bung in einer Gesell­schaft des Über­gangs zum Sozia­lis­mus ver­schwin­den
und durch Infor­ma­tio­nen ersetzt wer­den, die von Ver­brau­cher­ver­bän­den gelie­fert
wer­den. Das Kri­te­ri­um, um ein ech­tes Bedürf­nis von einem ande­ren künst­li­chen
Bedürf­nis zu unter­schei­den, ist sein Fort­be­stehen nach der Abschaf­fung der
Wer­bung (Coca-Cola!).

Der Öko­so­zia­lis­mus beruht auf einer Wet­te, die bereits bei Marx zu fin­den war und die Man­del oft betont hat: auf der Vor­herr­schaft des „Seins“ über das „Haben“ in einer klas­sen­lo­sen Gesell­schaft.

Das indi­vi­du­el­le Auto hin­ge­gen erfüllt ein rea­les Bedürf­nis,
aber in einem öko­so­zia­lis­ti­schen Pro­jekt, das auf einer Fül­le von unent­gelt­li­chen
öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­teln basiert, wird es eine viel gerin­ge­re Rol­le spie­len
als in der bür­ger­li­chen Gesell­schaft, wo es zu einem kom­mer­zi­el­len Fetisch,
einem Zei­chen für das Anse­hen und zum Zen­trum des sozia­len, kul­tu­rel­len, sport­li­chen
und ero­ti­schen Lebens der Indi­vi­du­en gewor­den ist.

Sicher, wer­den Pessimist*innen reagie­ren, aber die Ein­zel­ne
wer­den von unend­li­chen Wün­schen und Sehn­süch­ten getrie­ben, die kon­trol­liert und
gezü­gelt wer­den müs­sen. Der Öko­so­zia­lis­mus beruht auf einer Wet­te, die bereits bei
Marx zu fin­den war und die Man­del oft betont hat: auf der Vor­herr­schaft des
„Seins“ über das „Haben“ in einer klas­sen­lo­sen Gesell­schaft, d. h. die
per­sön­li­che Erfül­lung durch kul­tu­rel­le, spie­le­ri­sche, ero­ti­sche, sport­li­che,
künst­le­ri­sche, poli­ti­sche Akti­vi­tä­ten, und nicht Ver­lan­gen nach einer
unend­li­chen Anhäu­fung von Gütern und Pro­duk­ten. Die­ses wird durch die bür­ger­li­che
Ideo­lo­gie und die Wer­bung indu­ziert, und nichts zeigt an, dass solch ein Ver­lan­gen
mit einer „ewi­gen mensch­li­chen Natur“ zu tun habe.

Dies bedeu­tet nicht, dass es kei­ne Kon­flik­te zwi­schen den
Anfor­de­run­gen des Umwelt­schut­zes und den sozia­len Bedürf­nis­sen, zwi­schen
öko­lo­gi­schen Impe­ra­ti­ven und den Bedürf­nis­sen der Ent­wick­lung, ins­be­son­de­re in
armen Län­dern, geben wird. Es ist Auf­ga­be der von den Impe­ra­ti­ven des Kapi­tals
und des „Mark­tes“ befrei­ten sozia­lis­ti­schen Demo­kra­tie, die­se Wider­sprü­che zu
lösen.

Die­ser Bei­trag
erscheint in Inpre­cor, Nr. 676,
Juli 2020. Die Über­set­zung wird in die
inter­na­tio­na­le,
Heft 5/​2020, abge­druckt wer­den.

Aus dem Fran­zö­si­schen über­setzt und bear­bei­tet von Wil­fried
Dubo­is

Literatur

Engels, Fried­rich: Anti-Düh­ring.
M. E. Düh­ring bou­le­ver­se la sci­ence, [aus dem Deut­schen] über­setzt von Émi­le
Bot­ti­gel­li, Paris: Édi­ti­ons Socia­les, 1950, (Œuvres com­plè­tes de Fried­rich
Engels). ‒ 541 S.

Engels, Fried­rich: „Herrn Eugen Düh­rings Umwäl­zung der
Wis­sen­schaft (,Anti-Düh­ring‘)“, in: Karl Marx /​Fried­rich Engels, Wer­ke, Bd. 20, Ber­lin: Dietz
Ver­lag, 1962, S. 1‒303.
Ers­ter Abschnitt ver­fasst Sep­tem­ber 1876 bis Janu­ar 1877, zwei­ter Abschnitt
Juni bis August 1877 und ab 3. Janu­ar 1877 unter dem Titel „Herrn Eugen
Düh­rings Umwäl­zung der Phi­lo­so­phie“ als Arti­kel­se­ri­en in Vor­wärts.
Cen­tral­or­gan der Sozi­al­de­mo­kra­tie Deutsch­lands, Leip­zig, ver­öf­fent­licht; drit­ter
Abschnitt ver­fasst wahr­schein­lich August 1877 bis Ende März oder Anfang April
1878 und ver­öf­fent­licht Mai bis Juli 1878 im Vor­wärts; ers­te
Buch­aus­ga­be: Leip­zig 1878; 2. Ausg.: Hot­tin­gen-Zürich 1886; 3. Ausg.:
Stutt­gart 1894.

Man­del, Ernest: „La dialec­tique de la crois­sance. À pro­pos
du rap­port Mans­holt“, in: Mai,
Bru­xel­les, Nr. 26, November/​Dezember 1972, S. 7‒14.

Man­del, Ernest: „Marx, Engels und die Öko­lo­gie“ (aus dem
Fran­zö­si­schen über­setzt von Rudolf Segall), in: ders., Karl Marx – Die
Aktua­li­tät sei­nes Wer­kes,
Frank­furt a. M.: isp-Ver­lag, 1984, S. 171‒190.
Eben­falls in der 2. Ausg. des Buchs, Köln u. Karls­ru­he: Neu­er ISP Ver­lag,
2018.

Man­del, Ernest: „Marx, Engels und die Öko­lo­gie“ (aus dem
Fran­zö­si­schen über­setzt von Rudolf Segall), in: ders., Karl Marx – Die
Aktua­li­tät sei­nes Wer­kes,
2. Ausg., Köln u. Karls­ru­he: Neu­er ISP
Ver­lag, 2018, S. 171‒190.

Man­del, Ernest: Late Capi­ta­lism, 2. eng­lisch­spra­chi­ge
Ausg., [aus dem Deut­schen] über­setzt von Joris De Bres, Lon­don: NLB, 1976. –
618 S.
Gegen­über der 1. Ausg. (Der
Spät­ka­pi­ta­lis­mus,
1972) und der ers­ten eng­lisch­spra­chi­gen Aus­ga­be (Lon­don:
NLB, 1975) erwei­tert.

Man­del, Ernest: Mar­xis­ti­sche Wirt­schafts­theo­rie, aus
dem Fran­zö­si­schen über­setzt von Lothar Boepp­le, Frank­furt a. M.: Suhr­kamp
Ver­lag, 1968. – 805 S.
2. dt. Aus­ga­be: Frank­furt a. M.: Suhr­kamp Ver­lag, 1972, (edi­ti­on
suhr­kamp, Bd. 595, 596).
3. dt. Aus­ga­be: mit einer Ein­lei­tung von Manu­el Kell­ner, Köln: Neu­er ISP
Ver­lag, 2007, (Schrif­ten, Bd. 1).

Man­del, Ernest: Der Spät­ka­pi­ta­lis­mus. Ver­such einer
mar­xis­ti­schen Erklä­rung, Frank­furt a. M.: Suhr­kamp Ver­lag, 1972, (edi­ti­on
suhr­kamp, Bd. 521). – 541, [1] S.

Man­del, Ernest: Trai­té d’économie mar­xis­te, 2 Bde., Paris: René Jul­li­ard, 1962.

Man­del, Ernest: Trai­té d’économie mar­xis­te, 2. fran­zös. Ausg., 4 Bde., Paris: Uni­on Géné­ra­le d’Éditions, 1969, (le mon­de en 10|18, Bd. 428/​429, 430/​431, 432/​433, 434/​435).

Man­del, Ernest: Le troi­siè­me âge du capi­ta­lisme, aus
dem Deut­schen über­setzt von Ber­nard Kei­ser, 3 Bde., Paris: Uni­on Géné­ra­le d’Éditions,
1976, (10/​18, Nr. 1081, 1082, 1083; Série „Rouge“, hrsg. von Alain Brossat
u. Jean-Fran­çois God­chau).

Man­del, Ernest: Le troi­siè­me âge du capi­ta­lisme. Der
Spät­ka­pi­ta­lis­mus, 2., durch­ge­se­he­ne u. ver­bes­ser­te fran­zö­si­sche Ausg., aus dem
Deut­schen über­setzt von Ber­nard Kei­ser, mit einem Vor­wort von Dani­el Ben­saïd, einem
Nach­wort von Jesús Albar­r­acín u. Pedro Mon­tes sowie einem Bei­trag von Fran­çois
Ver­cam­men, Paris: Les Édi­ti­ons de la Pas­si­on, 1997. – 559 S.

Marx, Karl /​Engels, Fried­rich: „Die deut­sche Ideo­lo­gie.
Kri­tik der neu­es­ten deut­schen Phi­lo­so­phie in ihren Reprä­sen­tan­ten Feu­er­bach, B.
Bau­er und Stir­ner und des deut­schen Sozia­lis­mus in sei­nen ver­schie­de­nen
Pro­phe­ten“, in: Karl Marx /​Fried­rich Engels, Wer­ke, Bd. 3, Ber­lin: Dietz Ver­lag, 1958, S. 9‒530.
Geschrie­ben im wesent­li­chen Sep­tem­ber 1845 bis Som­mer 1846; zuerst voll­stän­dig
ver­öf­fent­licht: Ber­lin 1932.

Socia­lisme ou bar­ba­rie
au seuil du XXIe siè­cle.
Sup­plé­ment à Inpre­cor, Paris, Juli 1993, S. 14/​15.

Sozia­lis­mus Oder?
Pro­gram­ma­ti­sches Mani­fest der Vier­ten Inter­na­tio­na­le, o. O. [Köln]:
Arbeits­aus­schuß der Inp­re­korr-Strö­mung, 1992, (Okto­ber­Tex­te, [Nr.] 4). –
37 S. (For­mat DIN A4).


[1] E. Man­del, Trai­té d’économie mar­xis­te, Bd. IV, Paris 1969, S. 185/​186 [1. Ausg.: Bd. II, Paris 1962, S. 368/​369].
[In den deut­schen Aus­ga­ben: Mar­xis­ti­sche Wirt­schafts­theo­rie, Frank­furt a. M. 1968, S. 728; Taschen­buch­aus­ga­be: Frank­furt a. M. 1972, Bd. 2, S. 864; 3. dt. Ausg.: Köln 2007, S. 728.]

[2]
E. Man­del, Le troi­siè­me âge du
capi­ta­lisme,
Paris 1997, S. 459.
[Der Spät­ka­pi­ta­lis­mus. Ver­such einer mar­xis­ti­schen Erklä­rung, Frank­furt
a. M. 1972, S. 514, 515.
Die­se Stel­le ist in der vom Ver­fas­ser über­ar­bei­te­ten und erwei­ter­ten eng­li­schen
Aus­ga­be etwas anders for­mu­liert: Late Capi­ta­lism, 2. engl. Ausg., Lon­don
1976, S. 578.]

[3]
[Der Nie­der­län­der Sic­co Mans­holt (1908‒1995) war Mit­glied der
sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Par­tei, Land­wirt­schafts­mi­nis­ter in sechs nie­der­län­di­schen
Regie­run­gen, von 1958 bis 1972 Agrar­kom­mis­sar und stell­ver­tre­ten­der Prä­si­dent
der Kom­mis­si­on der Euro­päi­schen Wirt­schafts­ge­mein­schaft; 1968 hat­te er ein
Kon­zept für die „Gemein­sa­me Agrar­po­li­tik“ der EWG (den Mans­holt-Plan)
vor­ge­legt.]

[4]
E. Man­del, „La dialec­tique de la crois­sance. À pro­pos du rap­port Mans­holt“, in:
Mai, Bru­xel­les, Nr. 26, November/​Dezember
1972, S. 11.
[„Marx, Engels und die Öko­lo­gie“, in: ders., Karl Marx – Die Aktua­li­tät
sei­nes Wer­kes,
2. Ausg., Köln u. Karls­ru­he 2018, S. 182, 183.]

[5]
K. Marx, u. F. Engels, „Die deut­sche Ideo­lo­gie. Kri­tik der neu­es­ten deut­schen
Phi­lo­so­phie in ihren Reprä­sen­tan­ten Feu­er­bach, B. Bau­er und Stir­ner und des
deut­schen Sozia­lis­mus in sei­nen ver­schie­de­nen Pro­phe­ten“, in: MEW, Bd. 3,
S. 69.

[6]
[„Marx, Engels und die Öko­lo­gie“, S. 175.]

[7]
[„Marx, Engels und die Öko­lo­gie“, S. 180.]

[8]
[„Marx, Engels und die Öko­lo­gie“, S. 181.]

[9]
[„Marx, Engels und die Öko­lo­gie“, S. 185.]

[10]
[„Marx, Engels und die Öko­lo­gie“, S. 187.]

[11]
Socia­lisme ou bar­ba­rie au seuil du XXIe
siè­cle.
Sup­plé­ment à Inpre­cor,
Juli 1993, S. 14/​15.
[„An der Schwel­le zum 21. Jahr­hun­dert kann nur der Sozia­lis­mus das Über­le­ben
der Mensch­heit gewähr­leis­ten. Pro­gram­ma­ti­sches Mani­fest der Vier­ten Inter­na­tio­na­le“ [ver­mut­lich Febru­ar 1992], in: Sozia­lis­mus Oder? Pro­gram­ma­ti­sches
Mani­fest der Vier­ten Inter­na­tio­na­le, o. O., 1992, S. 22.]

[12]
F. Engels, „Herrn Eugen Düh­rings Umwäl­zung der Wis­sen­schaft (,Anti-Düh­ring‘)“,
in: Karl Marx /​Fried­rich Engels, Wer­ke,
Bd. 20, Ber­lin: Dietz Ver­lag, 1962, S. 260.

[13]
[Mit den not­wen­di­gen Abän­de­run­gen.]

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