[SAV:] Gesetz zur nationalen Sicherheit – Xi Jinpings „Nukleare Option“

Die Ver­hän­gung des neu­en natio­na­len Sicher­heits­ge­set­zes in Hong­kong durch die chi­ne­si­sche Dik­ta­tur (KPCh) ist ein mas­si­ver Schlag gegen die demo­kra­ti­schen und poli­ti­schen Rech­te

Per-Ake Wes­ter­lund und Vin­cent Kolo,ISA

Die Wir­kung des neu­en Geset­zes des chi­ne­si­schen Regimes ähnelt einem Mili­tär­putsch oder dem zwei­ten „4. Juni (Tia­nan­men)“, aber mit Geset­zen, Geheim­po­li­zei und mas­si­ver Cyber-Über­wa­chung anstel­le von Pan­zern.

Der Gel­tungs­be­reich des neu­en Geset­zes hat Rechts­ex­per­ten und Demo­kra­tie­ak­ti­vis­ten nicht nur in Hong­kong in Ent­set­zen ver­setzt. Das Gesetz ist viel dra­ko­ni­scher, als es die meis­ten Kom­men­ta­to­ren erwar­tet hat­ten. Die Kapi­ta­lis­ten und Tycoons in Hong­kong, die das Gesetz unter­stüt­zen und behaup­te­ten, es wür­de nur „begrenzt ange­wandt“ wer­den, haben sich als völ­lig falsch erwie­sen.

Für den anti­au­to­ri­tä­ren Kampf in Hong­kong und Chi­na und die his­to­ri­sche Mas­sen­pro­test­be­we­gung des ver­gan­ge­nen Jah­res bedeu­tet dies eine schwe­re Nie­der­la­ge. Aber es ist eine Nie­der­la­ge, die viel­leicht nicht so lan­ge andau­ert, wie von der Dik­ta­tur erhofft.

Das neue Gesetz wur­de am 30. Juni eine Stun­de vor Mit­ter­nacht in Kraft gesetzt, bewusst zeit­lich so gewählt, dass eine maxi­ma­le Schock­wir­kung vor dem jähr­li­chen Fei­er­tag 1. Juli, dem wich­tigs­ten Pro­test­tag im poli­ti­schen Kalen­der Hong­kongs, erzielt wird. Seit­dem wur­den jeden Tag neue dra­ko­ni­sche Maß­nah­men ange­kün­digt, die den Gel­tungs­be­reich und die Stren­ge des neu­en Geset­zes erwei­tern.

Der wich­tigs­te Aspekt des Geset­zes besteht nicht in dem, was es beinhal­tet, son­dern wer es durch­set­zen wird. Die Geheim­po­li­zei auf dem Fest­land und die KPCh-Agen­ten wer­den zum ers­ten Mal offen und mit äußerst weit­rei­chen­den Befug­nis­sen ope­rie­ren. Inner­halb weni­ger Tage sind neue Agen­tu­ren ent­stan­den, die poli­ti­sche Aktivist*innen aus­spio­nie­ren, Infor­ma­tio­nen über sie sam­meln und das natio­na­le Sicher­heits­ge­setz durch­set­zen sol­len, wobei sie, wenn nötig, loka­le staat­li­che Kräf­te umge­hen und sich über die­se hin­weg­set­zen kön­nen.

Der Mann, den Peking in die Ver­ant­wor­tung über­nom­men hat, ist ein berüch­tig­ter Hard­li­ner. Zheng Yanxi­ong war frü­her Gene­ral­se­kre­tär des Komi­tees der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei in Guang­dong. Zheng mach­te sich 2011 einen Namen, als er ver­such­te, die Pro­test­be­we­gung in Wukan, einem Dorf in Guang­dong, zu zer­schla­gen. Sei­ne dama­li­gen Vor­ge­setz­ten waren gezwun­gen, Zheng ins Abseits zu stel­len, weil sie sei­ne Hard­li­ner-Tak­tik in Wukan als kon­tra­pro­duk­tiv emp­fan­den. Dies geschah jedoch kurz vor der Ära von Xi Jin­ping (Xi kam im Novem­ber 2012 an die Macht).

Irrele­van­te loka­le Ver­wal­tung

Die absto­ßen­de rech­te Regie­rung Hong­kongs und das kapi­ta­lis­ti­sche Estab­lish­ment, das die KPCh befür­wor­tet, schwel­gen natür­lich in ihrer Aus­sicht auf Rache und im Gefühl eines plötz­li­chen Macht­zu­wach­ses – sie sind zum ers­ten Mal seit dem Aus­bruch der Pro­tes­te im letz­ten Jahr gefürch­tet und wur­den zum Objekt von Ekel und Hohn. Doch es ist nicht die Regie­rung Hong­kongs, die die­sen Pro­zess lenkt. Das neue Gesetz zeigt, dass sie irrele­van­ter denn je ist.

Der Mythos „ein Land, zwei Sys­te­me“, d.h. ein gewis­ses Maß an poli­ti­scher Auto­no­mie unter der Herr­schaft der chi­ne­si­schen Dik­ta­tur, ist nun ein für alle Mal besei­tigt. Dies ist ein his­to­ri­scher und poten­zi­ell rück­sichts­lo­ser Auf­bruch für das KPCh-Regime, der zu mas­si­ven Ver­gel­tungs­maß­nah­men riva­li­sie­ren­der kapi­ta­lis­ti­scher Regime auf der gan­zen Welt füh­ren kann, wobei Hong­kong im eska­lie­ren­den Kal­ten Krieg zwi­schen dem chi­ne­si­schen und dem west­li­chen Impe­ria­lis­mus in die Rol­le eines neu­en „West-Ber­lin“ kata­pul­tiert wird.

Hong­kong war in der Ver­gan­gen­heit nicht nur Asi­ens wich­tigs­tes Finanz­zen­trum mit einer star­ken Prä­senz west­li­cher Ban­ken und Unter­neh­men, son­dern spiel­te auch die Rol­le eines poli­ti­schen Schutz­schil­des für die Dik­ta­tur. Peking konn­te die Illu­si­on auf­recht­erhal­ten, dass es für eini­ge begrenz­te demo­kra­ti­sche Refor­men offen war, indem es Hong­kong als „zwei­tes Sys­tem“ inner­halb „eines Lan­des“ bewahr­te.

Für eine gewis­se Zeit in den ers­ten Jah­ren nach der Über­ga­be war dies nicht nur eine Täu­schung – die frü­he­ren KPCh-Regime schlos­sen die Mög­lich­keit nicht aus, ein grö­ße­res Maß an bür­ger­li­cher Demo­kra­tie in Hong­kong zuzu­las­sen und es als „Ver­suchs­ka­nin­chen“ für mög­li­che demo­kra­ti­sche Expe­ri­men­te in Chi­na zu einem spä­te­ren Zeit­punkt zu benut­zen. Aber noch bevor Xi Jin­ping an die Macht kam, hat­te das Regime die­se Idee auf­ge­ge­ben.

Die Dik­ta­tur hat­te erkannt, dass selbst klei­ne demo­kra­ti­sche Zuge­ständ­nis­se – eine Locke­rung der Zen­sur, ein unab­hän­gi­ge­res Jus­tiz­sys­tem – eine Ket­ten­re­ak­ti­on aus­lö­sen, die letzt­lich zu ihrem eige­nen Zusam­men­bruch füh­ren wür­de. Seit­dem war es Pekings Ziel, die Uhr in Hong­kong zurück­zu­dre­hen. Der Auf­stieg von Xi Jin­ping an die Macht zemen­tier­te die­sen tota­li­tä­ren Sturz wei­ter.

Täg­lich wach­sen­des Mons­ter

Die Ein­füh­rung des natio­na­len Sicher­heits­ge­set­zes zielt bewusst auf einen Big-Bang-Effekt ab. Täg­lich wer­den neue extre­me Maß­nah­men ange­kün­digt – wie ein Mons­ter, das von Tag zu Tag grö­ßer wird. Zum Teil spie­gelt dies die Tat­sa­che wider, dass die Dik­ta­tur mit ihrer Macht­de­mons­tra­ti­on über Hong­kong die Welt so sehr ver­blüf­fen woll­te, dass es kei­nen detail­lier­ten Plan gab. Die eigent­li­che Mecha­nik des Geset­zes ist noch nicht ganz aus­ge­reift. Dies sind eini­ge der neu­en Aspek­te, die allein in den letz­ten Tagen ange­kün­digt wur­den:

Seit Sonn­tag, 5. Juli sind inter­na­tio­na­le und tai­wa­ne­si­sche poli­ti­sche Par­tei­en, Orga­ni­sa­tio­nen und Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen auf­ge­for­dert, ihre Mit­glie­der­re­gis­ter und Finanz­kon­ten für chi­ne­si­sche Agen­ten zu öff­nen.

Glo­ba­ler Kon­text

Xi Jin­pings bru­ta­les Vor­ge­hen gegen Hong­kong muss im Zusam­men­hang mit einer Rei­he von Maß­nah­men gese­hen wer­den, die das chi­ne­si­sche Regime, ins­be­son­de­re das Mili­tär, in letz­ter Zeit ergrif­fen hat. Sein Grenz­kon­flikt mit Indi­en ist der schwers­te seit dem Krieg von 1962, sei­ne Kampf­flug­zeu­ge sind mehr­mals in den tai­wa­ne­si­schen Luft­raum ein­ge­drun­gen, und zum ers­ten Mal führt Chi­nas Mari­ne Mari­ne­ma­nö­ver in drei Mee­ren gleich­zei­tig durch, im Ost­chi­ne­si­schen Meer, im Süd­chi­ne­si­schen Meer und im Gel­ben Meer. Chi­na hat auch Schif­fe in die umstrit­te­nen Gewäs­ser in der Nähe der von Japan kon­trol­lier­ten Dia­oyu-Inseln (Sen­ka­ku) geschickt, um gegen die Ent­schei­dung der loka­len Regie­rung zu pro­tes­tie­ren, bestimm­te Merk­ma­le der Inseln umzu­be­nen­nen.

Xi Jin­ping scheint über­all in Kämp­fe ver­wi­ckelt zu sein, ein­schließ­lich eines sich zuspit­zen­den Kon­flikts mit Aus­tra­li­en, mit dem Chi­na frü­her boo­men­de Wirt­schafts­be­zie­hun­gen unter­hielt. Als Ver­gel­tung für die Ver­haf­tung der stell­ver­tre­ten­den Vor­sit­zen­den von Hua­wei, Meng Wanz­hou, die auch die Toch­ter des Hua­wei-Grün­ders Ren Zheng­fei ist, in Kana­da wur­den zwei kana­di­sche Staats­bür­ger in Chi­na wegen Spio­na­ge ange­klagt. Sie müs­sen mit der Todes­stra­fe rech­nen.

Bei den Schrit­ten gegen Hong­kong geht es also nicht nur oder in ers­ter Linie um Hong­kong. Das erklär­te Ziel, die Mas­sen­be­we­gung zu stop­pen, die 2019 Mil­lio­nen von Men­schen bei Demons­tra­tio­nen ver­sam­mel­te, mach­te es nicht not­wen­dig, dass die KPCh die „nuklea­re Opti­on“ nutzt, auf die das Gesetz hin­aus­läuft. Die anti­au­to­ri­tä­re Pro­test­be­we­gung war in der Tat bereits auf dem Weg nach unten, nach­dem sie auf ihre eige­nen inne­ren Wider­sprü­che gesto­ßen war: das Feh­len eines kla­ren poli­ti­schen Pro­gramms und vor allem einer orga­ni­sier­ten Basis der Arbei­ter­klas­se, um den Kampf zusam­men­zu­füh­ren und durch eine viel kom­pli­zier­te­re Pha­se zu füh­ren.

Die jüngs­ten har­ten Maß­nah­men kön­nen kurz­fris­tig eine scho­ckie­ren­de Wir­kung haben, und dies ist ein­deu­tig eine Nie­der­la­ge für die Bewe­gung. Durch das Erler­nen wich­ti­ger Lek­tio­nen und Rich­tungs­wech­sel kann sich die Bewe­gung in der Zukunft erho­len. Ziel des Geset­zes ist es, Schre­cken zu ver­brei­ten, nicht nur in Hong­kong, son­dern auch auf dem chi­ne­si­schen Fest­land, wo das Grol­len der Unzu­frie­den­heit immer lau­ter wird. Chi­na befin­det sich infol­ge von Covid-19 in einer tie­fen Wirt­schafts­kri­se, die auf die Aus­wir­kun­gen des Han­dels­krie­ges mit den USA und die all­ge­mei­ne Ver­lang­sa­mung der chi­ne­si­schen Wirt­schaft in den letz­ten 7–8 Jah­ren folgt.

Xi Jin­ping will auch Stär­ke gegen alle Geg­ner inner­halb des KPCh-Staa­tes und des Mili­tärs demons­trie­ren. Der inter­ne Macht­kampf ist heu­te ein ent­schei­den­des Merk­mal der poli­ti­schen Ent­wick­lun­gen in Chi­na und spie­gelt die all­ge­mei­ne Kri­se in der Gesell­schaft wider. Xi Jin­ping kämpft dar­um, sei­ne eige­ne Posi­ti­on und sei­nen Plan für eine drit­te Amts­zeit auf der Grund­la­ge einer Ver­fas­sungs­än­de­rung von 2018, die jetzt nicht mehr sicher erscheint, zu schüt­zen.

Xis har­te Innen- und Außen­po­li­tik wird von einer Schicht der herr­schen­den Eli­te, die als vor­ran­gi­ge Auf­ga­be die Not­wen­dig­keit sieht, die Wirt­schaft anzu­kur­beln, als läs­ti­ge Ablen­kung betrach­tet. Aber Xi kann nicht ohne wei­te­res die poli­ti­sche Rich­tung ändern, weil dies sei­ner Auto­ri­tät ernst­haft scha­den wür­de. Wäh­rend riva­li­sie­ren­de Frak­tio­nen ihre Mes­ser wet­zen, ist Xi in man­cher Hin­sicht sei­nem ame­ri­ka­ni­schen Gegen­stück Trump ähn­lich gewor­den, indem er immer grö­ße­re Wet­ten auf den Natio­na­lis­mus als sei­ne Haupt­kar­te setzt und nach neu­en Kon­flik­ten sucht, um sei­ne Macht zu demons­trie­ren und die Gesell­schaft und den KPCh-Staat zu zwin­gen, sich hin­ter ihm zu ver­ei­nen.

Trump’s Abkom­men

Der west­li­che Impe­ria­lis­mus hat das neue Gesetz bis­her scharf ver­ur­teilt, aber alle Gegen­maß­nah­men waren rela­tiv mil­de. Sie wol­len den Kon­flikt als „ideo­lo­gisch“ dar­stel­len, Demo­kra­tie gegen Dik­ta­tur. Das ist Heu­che­lei, denn die USA und die EU haben kei­ne Pro­ble­me mit Dik­ta­tu­ren im All­ge­mei­nen, zum Bei­spiel in Sau­di-Ara­bi­en. Trump hat wie­der­holt sei­ne Bewun­de­rung für Xi Jin­ping zum Aus­druck gebracht, und im ver­gan­ge­nen Monat auf Hawaii, wo Mike Pom­peo die USA ver­trat, scheint er mit Xi ein neu­es Abkom­men zur Ret­tung des „Pha­se 1“-Handelsabkommens zwi­schen den bei­den Län­dern geschlos­sen zu haben. Es wird gemun­kelt, dass der US-Prä­si­dent im Gegen­zug zuge­stimmt hat, die Maß­nah­men gegen Chi­na wegen der Mas­sen­un­ter­drü­ckung in Xin­jiang und mög­li­cher­wei­se auch in Hong­kong abzu­schwä­chen.

Die zuneh­mend pro­vo­zie­ren­den Aktio­nen Pekings wer­den jedoch die rela­ti­ve Schwä­che der West­mäch­te bloß­stel­len, wenn sie nicht han­deln. Ange­sichts der Her­aus­for­de­run­gen, die der neue Kal­te Krieg mit sich bringt, ist es wahr­schein­li­cher, dass sich die Posi­tio­nen bei­der Sei­ten gegen­über Hong­kong auf­grund sei­ner sym­bo­li­schen Bedeu­tung in die­sem glo­ba­len Kampf ver­här­ten wer­den. Wenn west­li­che Regie­run­gen han­deln, wird es natür­lich in ers­ter Linie dar­um gehen, ihre Bank- und Geschäfts­in­ter­es­sen zu ver­tei­di­gen. Das chi­ne­si­sche Regime könn­te sich ver­kal­ku­liert haben, und die Gegen­maß­nah­men könn­ten här­ter aus­fal­len als erwar­tet. Der inn­ner-impe­ria­lis­ti­sche Kon­flikt spitzt sich zu und steht erst am Anfang.

Für Sozialist*innen und Aktivist*innen in Hong­kong ist dies eine sehr gefähr­li­che Ent­wick­lung. Für Sozialist*innen anders­wo ist es eine War­nung, die den Cha­rak­ter einer neu­en Peri­ode unter­streicht, in die wir ein­ge­tre­ten sind, mit schär­fe­ren und explo­si­ve­ren Wen­dun­gen und zuneh­men­den Kon­flik­ten, neu­en Kämp­fen und der drin­gen­den Not­wen­dig­keit eines ech­ten Sozia­lis­mus und einer Demo­kra­tie, die auf der Macht der Arbei­ter­klas­se beruht.

Bild: Stu­dio Incen­do (CC BY 2.0)

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