[gfp:] Achthundert Milliarden

„Erinnerungskultur“

Deut­sches Geld und Maß­nah­men ganz ande­rer Art wären in einem War­schau­er Vor­ort ange­bracht gewe­sen, als die Men­schen noch leb­ten, deren Akten dort auf­be­wahrt wer­den. Es sind Archi­va­li­en über fast 500.000 pol­ni­sche Staats­bür­ger – Akten mit Fotos und Lebens­be­rich­ten, die sich in meh­re­ren Eta­gen bis zur Decke einer ver­staub­ten Hal­le sta­peln. Als Kulis­se für den deut­schen „Polen-Fonds“ eig­net sich die Hal­le nicht. In den Akten lie­gen die Anträ­ge frü­he­rer Zwangs­ar­bei­ter, die in ihrem spä­ten Alter auf ein Zubrot für erlit­te­ne Jah­re in deut­schen Groß­be­trie­ben hoff­ten. Nur weni­ge wur­den kom­pen­siert. 2006 mach­te Ber­lin die Kas­sen dicht, deren kurz­fris­ti­ge Öff­nung der US-Gesand­te Stuart Eizens­tat erzwun­gen hat­te – gegen den Wider­stand der Schrö­der-Fischer-Regie­rung und trotz dro­hen­der Ein­re­den der deut­schen Indus­trie. Aus der „Stif­tung Erin­ne­rung, Ver­ant­wor­tung, Zukunft“, die zeit­lich begrenzt Gel­der aus­zahl­te, wur­de eine Ablass­be­hör­de, in die Sie­mens, Bosch oder Bahl­sen Bro­sa­men ein­zahl­ten, als „Spen­den“ dekla­riert, um Kla­gen über­le­ben­der NS-Opfer in den USA zu ent­ge­hen. Die Pro­tes­te ost­eu­ro­päi­scher Opfer­ver­bän­de hal­fen nichts. Eine über­par­tei­li­che For­ma­ti­on deut­scher Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter, das Aus­wär­ti­ge Amt und das Finanz­mi­nis­te­ri­um sicher­ten ein Ver­fah­ren ab, das sie „Rechts­frie­den für die deut­sche Wirt­schaft“ nann­ten. Es han­delt sich um den­sel­ben Inter­es­sen­ver­bund, der 2020 in War­schau baro­cke „Erin­ne­rungs­kul­tur“ betrei­ben möch­te, statt die deut­schen Schul­den zu bezah­len.

„Antideutsche Ressentiments“

Wer die­se Schul­den beim Namen nennt, statt his­to­ri­sche Kulis­sen zu schie­ben, hat den lan­gen Arm der deut­schen Außen­po­li­tik zu fürch­ten. Als in War­schau 2007 eine Neu­auf­la­ge des Berichts über die Schä­den des deut­schen Besat­zungs­ter­rors erschien, eine authen­ti­sche Quel­le aus der unmit­tel­ba­ren Nach­kriegs­zeit, ver­lo­ren die oppo­si­tio­nel­len Initia­to­ren sofort ihre Pos­ten. Die Nie­der­las­sung der Kon­rad-Ade­nau­er-Stif­tung in Polen, mit bes­ten Bezie­hun­gen zur dama­li­gen pol­ni­schen Regie­rungs­par­tei, hat­te in der War­schau­er Publi­ka­ti­on „anti­deut­sche Res­sen­ti­ments“ und „Ver­schwö­rungs­theo­rien“ ent­deckt. Ein ähn­li­ches Manö­ver vor erwei­ter­tem Hori­zont wie­der­hol­te sich Anfang Juli 2020. Wie­der­um wegen „anti­deut­scher Res­sen­ti­ments“ und „Ver­schwö­rungs­theo­rien“ nahm sich die staats­na­he deut­sche Publi­zis­tik den kon­ser­va­ti­ven pol­ni­schen Präi­dent­schafts­kan­di­da­ten zur Brust. Sei­nen Her­aus­for­de­rer sti­li­sier­te sie zum Hoff­nungs­trä­ger für „Euro­pa“ und „Hel­den“ (Süd­deut­sche Zei­tung) – weil er der For­de­rung nach deut­schen Repa­ra­tio­nen skep­tisch gegen­über­ste­he. Die mas­si­ven publi­zis­ti­schen Ein­fluss­ver­su­che muss­te sich der deut­sche Bot­schaf­ter vor­hal­ten las­sen, als er in das War­schau­er Außen­mi­nis­te­ri­um zitiert wur­de. Seit­dem klingt die staats­na­he deut­sche Empö­rung noch schril­ler. Es geht um viel Geld. Es geht nicht allein um Polen.

Siebzehn Prozent

Die 1947 erho­be­ne Scha­dens­sum­me, die in der Doku­men­ta­ti­on über den deut­schen Besat­zungs­ter­ror genannt wird, beläuft sich auf einen Betrag von über 850 Mil­li­ar­den US-Dol­lar heu­ti­ger Kauf­kraft. Wie die mehr als 5 Mil­lio­nen zivi­len Men­schen­op­fer dar­in ein­ge­rech­net sind, die Polen zu bekla­gen hat, möch­te man lie­ber nicht erfah­ren. Es han­delt sich um etwa 17 Pro­zent der dama­li­gen pol­ni­schen Bevöl­ke­rung. Die­se Zah­len sind unge­heu­er­lich. Jedes ver­lo­re­ne Men­schen­le­ben sperrt sich gegen ein Sal­do. Jedes ist uner­mess­lich. Es kann nicht bezahlt und durch Bezah­lung zurück­ge­holt wer­den. Aber der Ver­lust, der den Über­le­ben­den ent­stan­den ist, ist ein Wert, der über die Zeit ihrer Trau­er hin­aus­geht. Er geht auf die Nach­kom­men über. Sie haben das Recht, den Ver­lust zu bezif­fern. In Polen schreit er zum Him­mel.

Zu viele

Trotz des deut­schen Ter­rors, der unleug­bar ist, erklä­ren die staat­li­chen Täter­er­ben in Ber­lin, sie wer­den nie­mals Repa­ra­tio­nen zah­len. Die­se Wei­ge­rung zieht sich durch die gesam­te deut­sche Nach­kriegs­ge­schich­te und soll das mate­ri­el­le deut­sche Erbe der NS-Zeit schüt­zen, wäh­rend es das ideo­lo­gi­sche kon­ser­viert. Die Wei­ge­rung wird mit poli­ti­schen, juris­ti­schen, selbst mit öko­no­mi­schen Aus­flüch­ten gar­niert, die umso absto­ßen­der sind, wie sie sich die Ver­lus­te, die Toten aneig­nen wol­len, deren Zahl zu immens sei, um je kom­pen­siert wer­den zu kön­nen. Die Mör­de­rer­ben hal­ten sich das Aus­maß der Ver­bre­chen zugu­te: Wären es weni­ger Opfer gewe­sen, hät­te man über Repa­ra­tio­nen reden kön­nen. Aber es waren ein­fach zu vie­le. Sie ver­ste­hen: 850 Mil­li­ar­den sind ein­fach zu viel. Wer soll das bezah­len?

„Erinnerungsorte“

Den mör­de­ri­schen Poten­zia­len der deut­schen Außen- und Wirt­schafts­po­li­tik sprin­gen deut­sche Hel­fer bei, die das Mör­de­ri­sche für Amo­ral hal­ten, der man mora­lisch begeg­nen kön­ne oder prag­ma­tisch, z.B. mit einem „Polen-Fonds“. War­um über Repa­ra­tio­nen strei­ten, da das Geld doch auch anders flie­ßen kann, etwa für das Barock-Palais in War­schau oder für einen „Erin­ne­rungs­ort“ in Ber­lin? Wegen des „Erin­ne­rungs­orts“ für Polen sind sich Wolf­gang Schäub­le (CDU) und Manu­el Sar­ra­zin (Die Grü­nen) mit Kat­ja Kip­ping (Die Lin­ke) einig. Ein Ber­li­ner Denk­mal macht es auch. In Ber­lin arbei­ten His­to­ri­ker seit Jah­ren an sol­chen „Erin­ne­rungs­or­ten“, z.B. für die nie resti­tu­ier­ten ita­lie­ni­schen Opfer des deut­schen Ter­rors. Eine bila­te­ra­le Kom­mis­si­on wur­de ein­ge­setzt, und der ita­lie­ni­sche Außen­mi­nis­ter durf­te den Kom­mis­si­ons­be­richt abneh­men – wäh­rend die Bun­des­re­pu­blik gegen ita­lie­ni­sche Opfer klag­te, die mit „Erin­ne­rungs­or­ten“ nicht abge­speist wer­den woll­ten und die Rück­zah­lung deut­scher Schul­den ver­lan­gen. Deutsch­lands Opfer, die auf Repa­ra­tio­nen bestehen, wer­den vor inter­na­tio­na­le Gerich­te gezerrt, weil sich Ber­lin trotz Mas­sen­ver­bre­chen für juris­tisch „immun“ hält. Ersatz­wei­se sol­len „Erin­ne­rungs­or­te“ den Anschein erwe­cken, Schul­den und Schuld sei­en ver­gol­ten.

Untergraben

Was sol­che „Erin­ne­rungs­or­te“ dem deut­schen poli­ti­schen Selbst­ver­ständ­nis wert sind, zeigt der aktu­el­le Umgang mit dem „Erin­ne­rungs­ort“ für die ermor­de­ten Sin­ti und Roma in Ber­lin. Da er einem S‑Bahn-Bau der Deut­schen Bahn AG im Wege steht, soll er mit Bret­tern umna­gelt und unter­ir­disch aus­ge­höhlt wer­den – zum eige­nen Schutz, ver­steht sich. Plas­ti­scher lässt sich die Funk­ti­on eines bil­li­gen deut­schen Geden­kens nicht abbil­den: Das Geden­ken wird unter­gra­ben und den Wirt­schafts­in­ter­es­sen der Täter­er­ben aus­ge­lie­fert, statt zum unan­tast­ba­ren Eigen­tum der Opfer zu gehö­ren.

Das Recht, zu verlangen

Polen wird die­ser Ent­wer­tung nicht ent­ge­hen, wenn es sich auf Denk­mä­ler in Ber­lin ein­lässt und auf einen „Polen-Fonds“ als Repa­ra­ti­ons­er­satz. Polen bedarf kei­ner Wohl­fahrt aus Ber­lin, auch Ita­li­en braucht sie nicht, eben­so­we­nig wie Grie­chen­land. Sie alle haben das Recht, ihre Ver­lus­te zu bekla­gen, sie zu bezif­fern und ver­lan­gen zu kön­nen, was ihnen an Wer­ten genom­men wor­den ist, an Wer­ten, soweit sie für die Erben der Täter dar­stell­bar sind.

In Zah­len und für Polen gespro­chen beläuft sich die Schuld, die regu­liert wer­den muss, auf 800 Mil­li­ar­den Euro.

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