[gfp:] Der Dies Irae der EU

Zerreißprobe für die Eurozone

Die Bun­des­re­gie­rung hat­te mit ihrem Ein­satz für den 750 Mil­li­ar­den Euro schwe­ren EU Reco­very Fund vor allem das Ziel ver­folgt, ein Weg­bre­chen der süd­li­chen Euro­staa­ten, ins­be­son­de­re Ita­li­ens, zu ver­hin­dern. Die­se wer­den zum einen am schwers­ten von der Kri­se getrof­fen; so muss Spa­ni­en nach aktu­el­len Pro­gno­sen mit einem Ein­bruch sei­ner Wirt­schafts­leis­tung um 10,9 Pro­zent rech­nen, Ita­li­en gar mit einem Absturz um 11,2 Pro­zent. EU-Wirt­schafts- und Wäh­rungs­kom­mis­sar Pao­lo Gen­ti­lo­ni warn­te kürz­lich mit Blick dar­auf, dass die Wirt­schafts­leis­tung der nörd­li­chen Euro­län­der weni­ger kol­la­bie­re – die deut­sche etwa um 6,3 Pro­zent -, „die Län­der im Euro-Raum“ ent­wi­ckel­ten sich „wirt­schaft­lich noch stär­ker aus­ein­an­der als noch im Früh­jahr pro­gnos­ti­ziert“: „Die Covid-Rezes­si­on droht die Euro-Zone zu zerreißen.“[1] Zu den zen­tri­fu­ga­len Wirt­schaft­s­ten­den­zen in der Euro­zo­ne kommt hin­zu, dass im Süden die Bereit­schaft der Bevöl­ke­rung schrumpft, sich in die Uni­on ein­zu­fü­gen. Eine im Juni ver­öf­fent­lich­te Umfra­ge ergab, dass sich in Ita­li­en zum ers­ten Mal im Fal­le eines Refe­ren­dums eine rela­ti­ve Mehr­heit von 48 Pro­zent für den Aus­tritt aus der EU aus­sprä­che; für den Ver­bleib votier­ten nur noch 44 Prozent.[2] Damit gerät der Zusam­men­halt der Uni­on auf dop­pel­te Wei­se in Gefahr.

„Schrumpfende Überzeugungskraft“

Unab­hän­gig vom Aus­gang des EU-Gip­fels zeigt schon die Ver­län­ge­rung des Tref­fens von zwei auf vier Tage, dass die Bun­des­re­pu­blik sogar im Ver­bund mit Frank­reich – bei­de Län­der hat­ten den EU Reco­very Fund ent­schlos­sen unter­stützt – nicht mehr in der Lage ist, die Uni­on ohne wei­te­res auf ihre Linie fest­zu­le­gen. Dies war ihr im Ver­lauf der Euro­kri­se vor rund zehn Jah­ren und bei der Eska­la­ti­on der Grie­chen­land­kri­se im Jahr 2015 noch wei­test­ge­hend gelun­gen. Mitt­ler­wei­le sei „die Über­zeu­gungs­kraft Deutsch­lands und Frank­reichs zusam­men“ spür­bar geschrumpft, urteilt etwa Bert van Roo­se­be­ke vom Cen­trum für euro­päi­sche Poli­tik (cep) in Frei­burg mit Blick auf die har­te Oppo­si­ti­on vor allem der „Spar­sa­men Vier“ – Öster­reich, Nie­der­lan­de, Däne­mark, Schwe­den, zuletzt unter­stützt durch Finn­land -, die sich dem deut­schen Plan für den EU Reco­very Fund bis ges­tern höchst hart­nä­ckig wider­setz­ten: Man habe „unter­schätzt, wie weit die­se Grup­pe gehen will, wie auf­müp­fig die sind“.[3] Zwar hat sich etwa Öster­reichs Bun­des­kanz­ler Sebas­ti­an Kurz dar­auf beru­fen, Wien sei mit sei­nem har­ten Kurs im Prin­zip „auf einer Linie“ mit Ber­lin, das eigent­lich „ähn­li­che Inter­es­sen“ verfolge.[4] Dies trifft zu. Aller­dings hat der Gip­fel die Fähig­keit der Bun­des­re­gie­rung, einen Kom­pro­miss mit dem Süden durch­zu­set­zen, für alle erkenn­bar in Fra­ge gestellt.

„Aufstand der Kleinen“

Dabei han­delt es sich schon um den zwei­ten schmerz­li­chen Dämp­fer für Ber­lin in der EU bin­nen kür­zes­ter Zeit. Erst am 9. Juli war die Bun­des­re­gie­rung – auch in die­sem Fall gemein­sam mit Frank­reich – mit ihrem Bestre­ben geschei­tert, Spa­ni­ens Wirt­schafts­mi­nis­te­rin Nadia Cal­vi­ño zur neu­en Prä­si­den­tin der Euro­grup­pe zu machen. Bereits die geplan­te Pos­ten­ver­ga­be an Cal­vi­ño war als Zuge­ständ­nis an die süd­li­chen Euro­staa­ten gedacht, die die Bun­des­re­pu­blik im Ver­lauf der Coro­na­kri­se gleich mehr­mals düpiert hat­te, so zum Bei­spiel mit der Wei­ge­rung, im Kampf gegen die Coro­na­kri­se zeit­lich begrenzt Euro­bonds ein­zu­füh­ren („Coro­nabonds“, ger​man​-for​eign​-poli​cy​.com berich­te­te [5]). Bun­des­kanz­le­rin Ange­la Mer­kel per­sön­lich hat­te Cal­vi­ño kurz vor der Ent­schei­dung öffent­lich ihre Unter­stüt­zung aus­ge­spro­chen und bestä­tigt, sie „freue“ sich „immer, wenn Frau­en eine füh­ren­de poli­ti­sche Posi­ti­on bekom­men“: „An der Spit­ze der Euro­grup­pe stand noch kei­ne Frau.“[6] Gegen den erklär­ten Wil­len Ber­lins wähl­te die Euro­grup­pe dann aller­dings Irlands Finanz­mi­nis­ter Paschal Donohoe zu ihrem neu­en Prä­si­den­ten. Sein Sieg über Cal­vi­ño, urteil­ten Kom­men­ta­to­ren, sei Resul­tat eines „Aufstand[s] der Klei­nen“ – gegen Berlin.[7]

Nicht durchgesetzt

Die Ergeb­nis­se des Gip­fels – soweit bis­lang bekannt – bestä­ti­gen, dass sich die Bun­des­re­gie­rung nicht durch­set­zen konn­te. Statt, wie von Ber­lin und Paris ver­langt, 500 wer­den nun ledig­lich 390 von den 750 Mil­li­ar­den Euro als Zuschüs­se ver­ge­ben. Das ist des­halb von Bedeu­tung, weil vor allem Ita­li­en und Spa­ni­en wegen ihres hohen Schul­den­stan­des auf Zuschüs­se ange­wie­sen sind. Ers­ten Berich­ten zufol­ge ist die vor­ge­se­he­ne Ver­tei­lung der Mit­tel geeig­net, einen Keil zwi­schen die süd­li­chen Euro­staa­ten zu trei­ben: So heißt es in ita­lie­ni­schen Medi­en, Rom wer­de mit 209 Mil­li­ar­den Euro 36 Mil­li­ar­den mehr erhal­ten als ursprüng­lich geplant [8], wäh­rend es in Spa­ni­en heißt, Madrid wer­de sich wohl mit 28 Mil­li­ar­den Euro weni­ger zufrie­den geben müs­sen [9]. Die ita­lie­ni­schen Anga­ben täu­schen frei­lich dar­über hin­weg, dass ledig­lich die Kre­dit­mit­tel für Rom erhöht wer­den sol­len, nicht die – eigent­lich ent­schei­den­den – Zuschüs­se. Erkauft wor­den ist die Eini­gung mit einer erheb­li­chen Auf­sto­ckung der Bei­trags­ra­bat­te für die wohl­ha­bends­ten EU-Staa­ten. So sol­len dem aktu­el­len Infor­ma­ti­ons­stand zufol­ge die Nie­der­lan­de einen Bei­trags­ra­batt von 1,92 Mil­li­ar­den Euro pro Jahr erhal­ten – 345 mehr als zunächst geplant -, Schwe­den 1,07 Mil­li­ar­den Euro – 271 mehr als geplant -, Öster­reich 565 Mil­lio­nen Euro – etwa das Dop­pel­te der ursprüng­li­chen Zahl – und Däne­mark 322 Mil­lio­nen Euro, also plus 125 Millionen.[10] Der deut­sche Jah­res­bei­trags­ra­batt war ohne­hin bereits sehr hoch: 3,67 Mil­li­ar­den Euro.

„Narben“

Zum Beginn des Gip­fels hat­te EU-Kom­mis­si­ons­prä­si­den­tin Ursu­la von der Ley­en erklärt: „Die gan­ze Welt beob­ach­tet Euro­pa, ob wir in der Lage sind, gemein­sam auf­zu­ste­hen und die coro­nabe­ding­te Wirt­schafts­kri­se zu überwinden.“[11] Ges­tern zog kurz vor dem – mut­maß­li­chen – Abschluss des Tref­fens ein ein­fluss­rei­cher Kom­men­ta­tor Bilanz: „Wer mit Abstand – etwa aus den USA oder Chi­na – auf den Klub der euro­päi­schen Staa­ten­len­ker schaut, der wird sich ver­wirrt fra­gen, ob die­ser Kon­ti­nent sei­ne Prio­ri­tä­ten im Griff hat. Die Ant­wort: Hat er nicht.“[12] Der EU Reco­very Fund lege die kras­sen Spal­tun­gen in der Uni­on offen und gera­te so „zum Dies Irae – zum Tag des Zorns über unter­schied­li­che und nicht mehr zu ver­ei­nen­de Regie­rungs- und Lebens­mo­del­le in Euro­pa“. Mit Blick auf die EU-Macht­ver­hält­nis­se wie­der­um hat­te Öster­reichs Minis­ter­prä­si­dent Sebas­ti­an Kurz auf dem Gip­fel erklärt: „In der EU mit 27 Mit­glied­staa­ten machen Deutsch­land und Frank­reich oft etwas aus, und alle ande­ren müs­sen es abnicken“.[13] Am Wochen­en­de habe sich in Brüs­sel nun aber gezeigt: „Wenn man eine Grup­pe bil­det und für gemein­sa­me Inter­es­sen kämpft, dann kann man sehr viel errei­chen.“ Mit Blick dar­auf hieß es in einer füh­ren­den Tages­zei­tung: „Es wird schwer für Mer­kel wer­den, ihre alte Mitt­ler­rol­le … wie­der einzunehmen.“[14] Der Gip­fel wer­de „Nar­ben hin­ter­las­sen“.

[1] Tobi­as Kai­ser: „Die Covid-Rezes­si­on droht die Euro-Zone zu zer­rei­ßen“. welt​.de 11.07.2020.

[2] Isti­tu­to Affa­ri Inter­na­zio­na­li, Labo­ra­to­rio Ana­li­si Poli­ti­che e Socia­li (LAPS) del Dipar­ti­men­to di Sci­en­ze Socia­li Poli­ti­che e Cogni­ti­ve (DISPOC) del­l’­Uni­ver­si­tà di Sie­na: Gli ita­lia­ni e la poli­ti­ca este­ra 2020. Roma/​Siena, giug­no 2020. S. auch Zur Scha­dens­be­gren­zung nach Rom.

[3] Deutsch-fran­zö­si­scher Motor „hat viel an Über­zeu­gung ver­lo­ren“. deutsch​land​funk​.de 20.07.2020.

[4] „Eine Schul­den­uni­on wird es mit uns nicht geben“. Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Sonn­tags­zei­tung 12.07.2020.

[5] S. dazu Wer die Regeln setzt.

[6] „Was gut für Euro­pa ist, war und ist gut für uns“. bun​des​re​gie​rung​.de 27.06.2020.

[7] Wirt­schaft im Euro-Raum: Auf­stand der Klei­nen. ber​li​ner​-zei​tung​.de 11.07.2020.

[8] Reco­very Fund, all’I­ta­lia 209 mili­ar­di. La media­zio­ne di Michel: „Sono fidu­cio­so“. repub​bli​ca​.it 20.07.2020.

[9] Miguel Blas­co: El holan­dés Rut­te no cede y obli­ga a dar un tije­re­ta­zo al paquete de ayu­das. esdia​rio​.com 20.07.2020.

[10] Ers­ter Erfolg in Brüs­sel. tages​schau​.de 20.07.2020.

[11] Von der Ley­en vor EU-Gip­fel: „Es steht viel auf dem Spiel“. ec​.euro​pa​.eu 20.07.2020.

[12] Ste­fan Kor­ne­li­us: Euro­päi­scher Tag des Zorns. sued​deut​sche​.de 19.07.2020.

[13], [14] Hen­drik Kaf­sack, Wer­ner Muss­ler: Die Alli­anz ist zer­bro­chen. Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung 21.07.2020.

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