[gfp:] Eskalation im Mittelmeer

Die Ursprünge des Konflikts

Der aktu­el­le Kon­flikt um die Erd­gas­la­ger­stät­ten im öst­li­chen Mit­tel­meer hat sei­ne Ursprün­ge letzt­lich in den frü­hen 2000er Jah­ren, als süd­lich und süd­öst­lich von Zypern – in Gewäs­sern, die Zypern, Isra­el und Ägyp­ten jeweils für sich rekla­mie­ren – Erkun­dungs­ar­bei­ten auf­ge­nom­men wur­den mit dem Ziel, unter dem Mee­res­bo­den Ener­gie­roh­stof­fe zu fin­den. Damals schloss Zypern mit den süd­li­chen und süd­öst­li­chen Anrai­ner­staa­ten des Mit­tel­meers, um die Zugriffs­an­sprü­che abzu­ste­cken, Abkom­men, in denen die See­gren­zen fest­ge­legt wur­den: im Jahr 2003 einen Ver­trag mit Ägyp­ten, 2007 ein Abkom­men mit dem Liba­non, 2010 eines mit Israel.[1] Die Tür­kei leg­te bereits damals Pro­test ein: zum einen, weil sie abge­se­hen von Syri­en als ein­zi­ger Staat der Regi­on nicht ein­be­zo­gen wur­de; zum ande­ren, weil Nord­zy­pern, als des­sen Schutz­macht sie sich begreift (sie ist das ein­zi­ge Land welt­weit, das Nord­zy­pern als Staat aner­kennt), eben­falls nicht betei­ligt wur­de. Die Grund­kon­stel­la­ti­on der Aus­ein­an­der­set­zun­gen war damit fixiert.

Die EastMed-Pipeline

In den Jah­ren ab etwa 2010 ist der Kon­flikt dann immer stär­ker zum Tra­gen gekom­men. Das lag zunächst vor allem dar­an, dass attrak­ti­ve Erd­gas­fel­der ent­deckt wur­den, ins­be­son­de­re die israe­li­schen Fel­der Tamar (2009) und Levia­than (2010), das zypri­sche Feld Aphro­di­te (2011) und das ägyp­ti­sche Feld Zohr (2015). Die Tür­kei und Nord­zy­pern blie­ben nicht nur bei der För­de­rung des Erd­ga­ses außen vor, son­dern auch beim Abtrans­port, obwohl zunächst der Bau einer Pipe­line von den Gas­fel­dern im Mit­tel­meer über tür­ki­sches Ter­ri­to­ri­um dis­ku­tiert wor­den war: Der Sache nach hät­te die Vari­an­te nahe­ge­le­gen, da die Ent­fer­nung zum tür­ki­schen Fest­land ver­gleichs­wei­se gering ist und die Tür­kei über ein aus­ge­bau­tes Pipe­linenetz­werk ver­fügt. Aller­dings stand dem ent­ge­gen, dass Anka­ra zu den drei Erd­gas­län­dern im Mit­tel­meer ent­we­der schon lan­ge gespann­te Bezie­hun­gen unter­hielt (Zypern) oder sol­che spä­tes­tens ab 2010 (Isra­el) bzw. 2013 (Ägyp­ten) ent­wi­ckel­te. Die Pipe­line über tür­ki­sches Ter­ri­to­ri­um kam des­we­gen nicht zustan­de; statt­des­sen schlos­sen sich Zypern und Isra­el mit Grie­chen­land zusam­men und einig­ten sich Anfang 2020 auf den Bau einer – tech­nisch anspruchs­vol­len – Erd­gas­lei­tung aus den För­der­ge­bie­ten im öst­li­chen Mit­tel­meer über Zypern nach Kre­ta und von dort aufs grie­chi­sche Fest­land. Das Vor­ha­ben ist als East­Med-Pipe­line (Eas­tern Medi­ter­ra­ne­an) bekannt (ger​man​-for​eign​-poli​cy​.com berich­te­te [2]).

Inseln und Wirtschaftszonen

Aus tür­ki­scher Sicht wird der Miss­stand, als ein­zi­ger star­ker Staat des öst­li­chen Mit­tel­meers nicht an der Ent­wick­lung der Erd­gas­la­ger­stät­ten teil­zu­ha­ben, zusätz­lich durch Unklar­hei­ten um die zahl­rei­chen grie­chi­schen Inseln vor der tür­ki­schen Küs­te erschwert. Dabei han­delt es sich sowohl um grö­ße­re Inseln wie Rho­dos, aber auch um sehr klei­ne wie Kas­tell­ori­zo weit im Osten vor der tür­ki­schen Pro­vinz Anta­lya. Rings um die­se Inseln ist die Abgren­zung der Hoheits­ge­wäs­ser sowie der soge­nann­ten Aus­schließ­li­chen Wirt­schafts­zo­nen (AWZ), in denen ein Staat laut Völ­ker­recht allei­ni­gen Zugriff auf Roh­stof­fe bean­spru­chen darf, unge­klärt. Könn­te Grie­chen­land für alle sei­ne Inseln eine kom­plet­te AWZ von 200 See­mei­len Reich­wei­te bean­spru­chen, dann deck­te dies das kom­plet­te See­ge­biet vor der gesam­ten west­li­chen Hälf­te der tür­ki­schen Mit­tel­meer­küs­te ab; die Tür­kei wie­der­um hät­te dann dort ihrer­seits prak­tisch kei­ne AWZ. Dage­gen pro­tes­tie­rend, hat Anka­ra eine extre­me Gegen­po­si­ti­on ent­wi­ckelt, die besagt, dass Inseln grund­sätz­lich kei­ne AWZ bean­spru­chen dürf­ten. Damit wer­den grie­chi­sche Ansprü­che sogar rings um wirk­lich gro­ße Inseln wie Kre­ta voll­stän­dig dele­gi­ti­miert. Exper­ten ver­wei­sen dar­auf, dass das Völ­ker­recht für der­lei Kon­flik­te Kom­pro­mis­se vor­sieht: Gro­ße Inseln wie Kre­ta dür­fen eine AWZ bean­spru­chen, klei­ne wie Kas­tell­ori­zo eher nicht.[3] Aller­dings ist die Eini­gung auf einen Kom­pro­miss in der ange­spann­ten aktu­el­len Lage nicht in Sicht.

Türkische Bohrungen

Die Tür­kei ist bereits 2018 dazu über­ge­gan­gen, ihre Ansprü­che prak­tisch zu mani­fes­tie­ren. Dazu ope­riert sie in Gewäs­sern teils nörd­lich, teils aber auch süd­lich Zyperns, die sie ent­we­der – exzes­siv aus­grei­fend – der tür­ki­schen AWZ zurech­net oder die sie Nord­zy­pern zuschreibt. Sie hat mehr­mals Bohr­schif­fe, die mit Geneh­mi­gung Zyperns tätig wer­den woll­ten, mit ihrer Kriegs­ma­ri­ne an der Arbeit gehin­dert und mehr­mals in Gewäs­sern, die Zypern sei­ner AWZ zurech­net, Pro­be­boh­run­gen durch­ge­führt. Zuletzt hat Anka­ra am ver­gan­ge­nen Sams­tag begon­nen, Boh­run­gen süd­lich von Zypern zu starten.[4] Nach wel­chen Kri­te­ri­en das See­ge­biet dort der tür­ki­schen AWZ zuge­schla­gen wer­den könn­te, ist nicht ersicht­lich. Die EU hat auf die zuneh­men­den tür­ki­schen Akti­vi­tä­ten in der von Zypern bean­spruch­ten AWZ reagiert, indem sie im Novem­ber Sank­tio­nen gegen Anka­ra ver­häng­te: Per­so­nen, die für die Boh­run­gen Ver­ant­wor­tung tra­gen, kön­nen jetzt mit dem Ein­frie­ren ihres Ver­mö­gens in der EU und mit Ein­rei­se­sper­ren bestraft wer­den. Dabei bestehen aller­dings erheb­li­che Dif­fe­ren­zen inner­halb der Uni­on. Wäh­rend Zypern und Grie­chen­land har­te Reak­tio­nen for­dern und dabei ins­be­son­de­re von Frank­reich unter­stützt wer­den [5], sucht Deutsch­land zu brem­sen, um die Tür­kei nicht zu ver­prel­len – zur Ret­tung des Flücht­lings­ab­wehr­pakts und aus geo­stra­te­gi­schen Grün­den (ger​man​-for​eign​-poli​cy​.com berich­te­te [6]). Ber­lin hat die Ober­hand: Bis­lang wur­den Sank­tio­nen ledig­lich gegen zwei Mit­ar­bei­ter des tür­ki­schen Erd­öl­kon­zerns TPAO (Tür­ki­ye Petrol­leri Anonim Ortak­lığı) ver­hängt. Zuletzt wehr­te Außen­mi­nis­ter Hei­ko Maas eine Ver­schär­fung der Sank­tio­nen beim EU-Außen­mi­nis­ter­tref­fen am 13. Juli ab.[7]

Berlin statt Washington

Die jüngs­te Eska­la­ti­on hat Anka­ra aus­ge­löst, indem es am Diens­tag ankün­dig­te, in der Zeit­span­ne vom 21. Juli bis zum 2. August Explo­ra­ti­ons­tä­tig­kei­ten vor der grie­chi­schen Insel Kas­tell­ori­zo durch­zu­füh­ren – in Gewäs­sern, die Grie­chen­land als Teil sei­ner AWZ bean­sprucht, die nach Ansicht der Tür­kei aller­dings zu ihrer AWZ gehö­ren, da Inseln wie Kas­tell­ori­zo kei­ne AWZ hät­ten. Berich­ten zufol­ge hat Anka­ra am Diens­tag eine grö­ße­re Zahl an Kriegs­schif­fen ins Mit­tel­meer aus­lau­fen las­sen – die Rede ist von rund 15 -, um die Explo­ra­tio­nen vor Kas­tell­ori­zo abzu­si­chern; zwei tür­ki­sche F‑16-Kampf­jets sol­len das dor­ti­ge See­ge­biet über­flo­gen haben. Athen wie­der­um hat die grie­chi­schen Streit­kräf­te in Alarm­be­reit­schaft versetzt.[8] Kanz­le­rin Ange­la Mer­kel hat sich in den ver­gan­ge­nen Tagen als Mitt­le­rin in Stel­lung gebracht und in Tele­fon­ge­sprä­chen mit dem tür­ki­schen Prä­si­den­ten Recep Tayy­ip Erdoğan und dem grie­chi­schen Minis­ter­prä­si­den­ten Kyria­kos Mit­sota­kis ver­han­delt, um eine wei­te­re Eska­la­ti­on zu verhindern.[9] Bei der vori­gen der­ar­ti­gen Eska­la­ti­on, dem Kon­flikt um zwei Ägäis­in­seln namens Imia (grie­chisch) bzw. Kar­dak (tür­kisch) zu Jah­res­be­ginn 1996, hat­te US-Prä­si­dent Bill Clin­ton noch bei­de Sei­ten zur Ord­nung geru­fen und die damals dro­hen­den Kampf­hand­lun­gen zwi­schen den zwei NATO-Staa­ten unter­bun­den. Gelän­ge es Mer­kel, dies in dem aktu­el­len Kon­flikt zu errei­chen, dann näh­me Ber­lin im öst­li­chen Mit­tel­meer nun zumin­dest punk­tu­ell die eins­ti­ge Rol­le Washing­tons ein.

[1] Meliha Ben­li Altun­ışık: Turkey’s eas­tern Medi­ter­ra­ne­an quag­mi­re. mei​.edu 18.02.2020.

[2] S. dazu Sank­tio­nen gegen Anka­ra.

[3] Moritz Neu­bert, Umut Yüksel: What a judi­cial solu­ti­on to dis­pu­tes in the eas­tern Medi­ter­ra­ne­an might look like. blogs​.lse​.ac​.uk.

[4] Gerd Höh­ler: Span­nun­gen mit Anka­ra: In der Ägä­is droht ein hei­ßer Som­mer. rnd​.de 16.07.2020.

[5] S. dazu Deutsch-fran­zö­si­sche Kon­flik­te.

[6] S. dazu Ope­ra­ti­ons­stütz­punkt Tür­kei und Deutsch­lands geo­po­li­ti­sche Inter­es­sen.

[7] Bar­ba­ra Wesel: EU-Außen­mi­nis­ter gespal­ten bei Tür­kei und Hong­kong. dw​.com 13.07.2020.

[8] Gerd Höh­ler: Dro­hen­de Eska­la­ti­on im Erd­gas­streit: Grie­chi­scher Pre­mier tele­fo­niert mit Mer­kel. han​dels​blatt​.com 21.07.2020.

[9] Tam­mo Kohl­wes: Mer­kel-Tele­fo­nat mit Erdo­gan: Bun­des­re­gie­rung ver­hin­dert Eska­la­ti­on zwi­schen Tür­kei und Grie­chen­land. rnd​.de 22.07.2020.

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