[LCM:] Halim Dener: Gefoltert. Geflüchtet. Geflohen. Erschossen

Am 30.06.1994 wur­de kur­di­sche Akti­vist Halim Dener im Alter von 16 Jah­ren von einem deut­schen Poli­zis­ten beim Pla­ka­tie­ren ermor­det. Knapp 26 Jah­re nach sei­nem Tod gibt die Kam­pa­gne Halim Dener ein Buch über ihn her­aus. Wir ver­öf­fent­li­chen vor­ab die Ein­lei­tung zu Halim Dener – Gefol­tert. Geflüch­tet. Ver­bo­ten. Erschos­sen. Die Vor­stel­lung des Buches fin­det am Frei­tag, 24.Juli 2020 um 16 Uhr auf den Halim-Dener-Platz (30451 Han­no­ver) statt.

Der Name Halim Dener ist heu­te für vie­le kur­di­sche Aktivist*innen, aber auch vie­le deut­sche Lin­ke kein unbe­kann­ter. Mit dem Schick­sal des geflo­he­nen kur­di­schen Jugend­li­chen, der in Deutsch­land Schutz such­te, und statt­des­sen am 30.06.1994 den Tod durch die Kugel aus der Waf­fe eines deut­schen Poli­zis­ten fand, ver­bin­den sich ver­schie­de­ne poli­ti­sche Ent­wick­lungs­li­ni­en und Kon­flik­te. Dazu gehört zuvor­derst der Kon­flikt zwi­schen der kur­di­schen Frei­heits­be­we­gung und einem faschis­tisch agie­ren­den tür­ki­schen Staats­ap­pa­rat, der in sei­nem Krieg gegen Kur­di­stan und in der Repres­si­on kur­di­scher Aktivist*innen seit Jahr­zehn­ten durch die deut­schen Behör­den und deut­sche Waf­fen unter­stützt wird. Dazu gehört aber auch die Geschich­te von Flucht nach Deutsch­land, in die­sem Fall eines unbe­glei­te­ten Min­der­jäh­ri­gen, der sich allein von Kur­di­stan bis nach Han­no­ver durch­schlug, nach­dem tür­ki­sches Mili­tär sei­nen Hei­mat­ort ange­grif­fen und ihn und ihm Nahe­ste­hen­de gefol­tert hat­te. Halims Geschich­te endet mit dem Schuss eines deut­schen Poli­zis­ten, der ihn in den Rücken trifft und wenig spä­ter zu sei­nem Tod führt. Er wur­de so zu einem von vie­len Opfern ras­sis­ti­scher Poli­zei­ge­walt – einem von vie­len Todes­fäl­len, die von der deut­schen Jus­tiz nie befrie­di­gend auf­ge­klärt wur­den. Halim Dener wur­de nur 16 Jah­re alt. Er wur­de nicht ver­ges­sen.

Knapp 20 Jah­re nach sei­nem Tod, im Jahr 2013, grün­de­te sich eine Kam­pa­gne mit dem Ziel, in der Stadt Han­no­ver end­lich eine ange­mes­se­ne Auf­klä­rung und Erin­ne­rung an den Todes­fall und sei­ne Ursa­chen ein­zu­for­dern. Diver­se Orga­ni­sa­tio­nen aus Han­no­ver und dar­über hin­aus schlos­sen sich zusam­men, um das Geden­ken an Halim Dener in die Öffent­lich­keit zu tra­gen. Doch es ging immer um mehr als die Trau­er. Es ging auch dar­um, die poli­ti­schen Lini­en und Kämp­fe, die sich mit Halims Schick­sal ver­bin­den, offen­siv zum The­ma zu machen und den poli­ti­schen Sta­tus Quo, der sich auch 20 Jah­re nach Halims Tod in vie­len Punk­ten nicht ver­än­dert hat, anzu­grei­fen. Die Waf­fen­lie­fe­run­gen an die Tür­kei, der Umgang mit Geflüch­te­ten, Repres­si­on gegen die kur­di­sche Frei­heits­be­we­gung, der PKK-Ver­bot, ras­sis­ti­sche Gewalt und Behör­den­will­kür – noch immer deut­sche Zustän­de.

Im Jahr 2019, nach dem 25. Jah­res­tag von Halim Deners Tod, ist es für uns als Kam­pa­gne Zeit inne­zu­hal­ten. 5 Jah­re lang haben wir infor­miert, debat­tiert, demons­triert und gekämpft. Wir haben auf ver­schie­de­nen Ebe­nen und ver­schie­de­nen Wegen ver­sucht, Ein­fluss auf die Stadt Han­no­ver und die Stad­t­öf­fent­lich­keit zu neh­men, und sind für die Ver­än­de­rung der beschrie­be­nen Zustän­de mit aller Vehe­menz und anhal­ten­dem Enga­ge­ment ein­ge­tre­ten. Längst nicht alle Zie­le, die sich mit unse­rem Kampf ver­ban­den, haben wir erreicht. Auch des­we­gen scheint es uns an der Zeit, gemein­sam nach­zu­den­ken. Die­se Bro­schü­re ist ein Ergeb­nis die­ses gemein­sa­men Pro­zes­ses. Sie dient als Selbst­ver­stän­di­gung, weil wir Revue pas­sie­ren las­sen, was seit Halims Tod gesche­hen ist und uns vor Augen füh­ren, in wel­chem Zusam­men­hang sein per­sön­li­ches Schick­sal steht. Und weil wir zurück­bli­cken auf fünf Jah­re Kam­pa­gnen­ar­beit, deren Erfol­ge und Rück­schlä­ge. Die­se Bro­schü­re ent­stand aber nicht nur für uns, sie rich­tet sich auch nach außen. Sie dient – wie auch die ande­ren Akti­vi­tä­ten der Kam­pa­gne – dazu, Halims Geschich­te wei­ter bekannt zu machen, in dem wir sie erst­mals umfas­send publi­zis­tisch auf­ar­bei­ten. Nicht zuletzt doku­men­tie­ren und reflek­tie­ren wir hier auch unse­ren poli­ti­schen Kampf mit dem Ziel, all den­je­ni­gen, die ähn­li­che Gedan­ken und Moti­ve haben, mah­nen­des Bei­spiel und inspi­rie­ren­des Vor­bild zugleich zu sein. Vie­le Erfah­run­gen müs­sen im poli­ti­schen Akti­vis­mus immer wie­der von neu­en gemacht wer­den, und trotz­dem kön­nen wir von­ein­an­der und von unse­ren ver­gan­ge­nen Kämp­fen ler­nen – das ist unse­re Über­zeu­gung.

Auf­bau

Die­se Bro­schü­re besteht aus zwei Tei­len, von denen der ers­te sich mit der Geschich­te Halim Deners und sei­nes Todes, sowie den Ver­hält­nis­sen und Ereig­nis­sen in den 1990er Jah­ren beschäf­tigt. Die hier ver­sam­mel­ten Bei­trä­ge befas­sen sich mit der his­to­ri­schen und aktu­el­len Situa­ti­on in Kur­di­stan, die Grund für Halims Flucht im Jahr 1994 waren. Ein zwei­ter Bei­trag beleuch­tet die Situa­ti­on von unbe­glei­te­ten min­der­jäh­ri­gen Flücht­lin­gen, zu denen auch Halim einst gehör­te. Neben den Gefah­ren auf der Flucht selbst geht es auch um die Rah­men­be­din­gun­gen in Deutsch­land und deren Ver­schlech­te­rung in den letz­ten Jah­ren. Über die Repres­si­on der kur­di­schen Bewe­gung in Deutsch­land, nament­lich das erlas­se­ne PKK-Ver­bot, infor­miert ein wei­te­rer Arti­kel. Die über­re­gio­na­len poli­ti­schen Pro­tes­te, die der Tod Halims bereits 1994 aus­lös­te, und die ers­ten Initia­ti­ven für ein Geden­ken und Erin­nern, die lang vor der Kam­pa­gne Halim Dener ent­stan­den, wer­den in einem eige­nen Bei­trag beleuch­tet. Den Abschluss des ers­ten Teils bil­den zwei Pro­zess­be­rich­te zum Gerichts­pro­zess gegen den Poli­zei­be­am­ten, der Halim 1994 erschoss. In die­sen his­to­ri­schen Doku­men­ten beschrei­ben Rolf Göss­ner, der als Anwalt der Neben­kla­ge Halims Fami­lie ver­trat, sowie eine anony­me Beob­ach­te­rin den teils absurd anmu­ten­den Pro­zess­ver­lauf und ihre Ein­drü­cke vom Gesche­hen rund um das Ver­fah­ren.

Der zwei­te Teil der Bro­schü­re wid­met sich den Akti­vi­tä­ten und Ereig­nis­sen rund um die Kam­pa­gne Halim Dener seit 2013. Der ers­te Bei­trag prä­sen­tiert Über­le­gun­gen zu einer Erin­ne­rungs­kul­tur rund um das Schick­sal Halim Deners, wobei sowohl kri­ti­sche Bestands­auf­nah­me als auch poli­ti­sche Visi­on Platz fin­den. Zur Ein­schät­zung der Medi­en­be­richt­erstat­tung zum Fall Halim Dener fin­det sich als zwei­ter Bei­trag ein Inter­view mit dem Sozi­al­wis­sen­schaft­ler Chris­ti­an …, der sich in einer Abschluss­ar­beit mit der Erin­ne­rungs­kul­tur zu Halim Dener beschäf­tig­te. Es folgt ein Inter­view mit einem Aktivs­ten der Kam­pa­gne Halim Dener, in dem die Erfah­run­gen in der Zusam­men­ar­beit zwi­schen kur­di­scher Frei­heits­be­we­gung und deut­scher Lin­ker geht, die wäh­rend der Arbeit in der Kam­pa­gne gesam­melt wur­den. Die­se Zusam­men­ar­beit wur­de von den deut­schen Behör­den offen­bar äußerst skep­tisch beäugt, in einem eige­nen Bei­trag infor­mie­ren wir über die diver­sen Repres­si­ons­ver­su­che gegen die Kam­pa­gne (und ihr Schei­tern). Einen eige­nen Bei­trag wid­men wir eben­falls einer der ein­fluss­reichs­ten – wenn auch letzt­lich bis­her erfolg­lo­sen – poli­ti­schen Initia­ti­ven der Kam­pa­gne, dem Kampf um die Benen­nung eines Plat­zes in Han­no­ver nach Halim Dener. Den Abschluss die­ses Ban­des bil­det ein Text über die Ent­ste­hung und Akti­vi­tä­ten der Kam­pa­gne von 2014 bis 2019, den wir mit einer vor­läu­fi­gen Bilanz und einem Aus­blick been­den.

Dank

Unser Dank gilt allen Grup­pen und Aktivst*innen, die Teil der Kam­pa­gne Halim Dener waren oder die­se in den letz­ten Jah­ren unter­stützt haben.

Für die Mit­ar­beit und Unter­stüt­zung die­ser Bro­schü­re möch­ten wir uns ins­be­son­de­re bedan­ken bei der Roten Hil­fe für die umfas­sen­de finan­zi­el­le und logis­ti­sche Hil­fe, bei Jochen Stei­ding für ein her­vor­ra­gen­des Lay­out, sowie bei Rolf Göss­ner, dem Flücht­lings­rat Nie­der­sach­sen, Chris­ti­an Hin­richs und Wolf­gang Stru­we für die hier ver­öf­fent­lich­ten Text­bei­trä­ge.

# Halim Dener – Gefol­tert. Geflüch­tet. Ver­bo­ten. Erschos­sen | Ver­lag gegen den Strom, Mün­chen | 226 Sei­ten | 10 €

# Titel­bild: Kam­pa­gne Halim Dener

Der Bei­trag Halim Dener: Gefol­tert. Geflüch­tet. Geflo­hen. Erschos­sen erschien zuerst auf Lower Class Maga­zi­ne.

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