[gfp:] Teures „decoupling“

„Breite Allianz gegen China“

US-Außen­mi­nis­ter Mike Pom­peo hat am Diens­tag bei sei­nem Besuch in Lon­don die Schaf­fung einer „brei­ten Alli­anz“ gegen Chi­na gefor­dert. „Wir wol­len es errei­chen, dass jede Nati­on, die Frei­heit und Demo­kra­tie ver­steht, die Bedro­hung begreift, die die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei Chi­nas für sie bedeu­tet“, erklär­te Pom­peo in einer Pressekonferenz.[1] Alle Demo­kra­tien soll­ten künf­tig „eine Koali­ti­on“ bil­den, um gemein­sam gegen die Volks­re­pu­blik vor­zu­ge­hen. Zur Begrün­dung behaup­te­te der US-Außen­mi­nis­ter unter ande­rem, Bei­jing „drang­sa­lie­re“ frem­de Län­der. Die Behaup­tung ist für einen Ver­tre­ter eines Staa­tes, der sei­ner­seits regel­mä­ßig frem­de Län­der völ­ker­rechts­wid­rig mit Krieg über­zo­gen hat und nach Belie­ben har­sche Wirt­schafts­sank­tio­nen gegen ande­re Staa­ten und deren Unter­neh­men ver­hängt, bemer­kens­wert. Nähe­re Hin­wei­se dazu, wie die „Alli­anz“ gegen Chi­na aus­ge­stal­tet wer­den sol­le, gab Pom­peo nicht. Schon jetzt exis­tiert frei­lich eine inter­na­tio­na­le anti­chi­ne­si­sche Alli­anz auf Par­la­men­ta­rie­r­ebe­ne – die Inter-Par­lia­men­ta­ry Alli­an­ce on Chi­na (IPAC), die Anfang Juni gegrün­det wur­de und die eine schrof­fe Block­bil­dung gegen die Volks­re­pu­blik anstrebt. Ihr gehö­ren mitt­ler­wei­le Abge­ord­ne­te aus 16 Staa­ten an. In Deutsch­land sind ins­be­son­de­re Grü­nen-Poli­ti­ker invol­viert (ger​man​-for​eign​-poli​cy​.com berich­te­te [2]).

„Robust und ansatzlos“

Die Reak­ti­on auf Pom­pe­os Vor­stoß ist in Euro­pa bis­lang ver­hal­ten. In Lon­don stell­ten Beob­ach­ter fest, wäh­rend Pom­peo plump auf „die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei Chi­nas“ ein­ge­dro­schen habe, habe sich der bri­ti­sche Außen­mi­nis­ter Domi­nic Raab kon­se­quent „der diplo­ma­ti­schen Stan­dard­spra­che“ bedient.[3] Wäh­rend der US-Minis­ter insi­nu­iert habe, Groß­bri­tan­ni­en sol­le end­lich Sank­tio­nen gegen Bei­jing ver­hän­gen, habe sein Amts­kol­le­ge aus dem Ver­ei­nig­ten König­reich dar­auf beharrt, man kön­ne „nicht ein­fach so“ Zwangs­maß­nah­men beschließen.[4] In Deutsch­land geben sich Leit­kom­men­ta­to­ren füh­ren­der Tages­zei­tun­gen skep­tisch. So heißt es etwa distan­ziert, es ent­beh­re „nicht einer gewis­sen Iro­nie, dass aus­ge­rech­net der Außen­mi­nis­ter der Macht, die seit gut drei Jah­ren mul­ti­la­te­ra­le Bünd­nis­se ver­ächt­lich macht“, jetzt „nach einer ‚brei­ten Alli­anz’ gegen Chi­na ruft“: Wol­le Washing­ton Bei­jing ein­däm­men, dann „wird dies nicht mit unab­ge­stimm­ten, publi­kums­wirk­sa­men Ges­ten“, etwa der Schlie­ßung des chi­ne­si­schen Kon­su­lats in Hous­ton, „und anschlie­ßen­den For­de­run­gen an ande­re Staa­ten gelingen“.[5] „Die USA han­deln … robust und ansatz­los“, urteilt ein ande­rer Kom­men­ta­tor: „Eine Stra­te­gie“ sei hin­ter ihrem aktu­el­len Vor­ge­hen „nicht zu entdecken“.[6]

Entkopplung „geschieht bereits“

Auf Unwil­len stößt ins­be­son­de­re in Deutsch­land das Bestre­ben der Trump-Admi­nis­tra­ti­on, die Volks­wirt­schaf­ten des Wes­tens und Chi­nas zu „ent­kop­peln“ („deco­u­pling“) – mit dem Ziel, Bei­jing mög­lichst umfas­send zu iso­lie­ren, um es leich­ter nie­der­rin­gen zu kön­nen. Ver­gan­ge­ne Woche hat John Bol­ton, ehe­ma­li­ger Natio­na­ler Sicher­heits­be­ra­ter von US-Prä­si­dent Donald Trump, die­sen Plan aus­drück­lich bestä­tigt: Eine wirt­schaft­li­che „Ent­kopp­lung“ sei „nicht nur mög­lich, erklär­te er, „sie geschieht bereits“.[7] Bol­ton bezog sich unter ande­rem dar­auf, dass eine Rei­he west­li­cher Unter­neh­men sich seit gerau­mer Zeit bemüht, Zulie­fe­rer aus Chi­na durch Zulie­fe­rer aus ande­ren Län­dern etwa Süd­ost­asi­ens zu erset­zen. Die Ent­wick­lung ist ursprüng­lich der Tat­sa­che geschul­det, dass die Löh­ne in der Volks­re­pu­blik in den ver­gan­ge­nen Jah­ren gestie­gen sind und deut­lich über den­je­ni­gen in Län­dern wie etwa Viet­nam oder Indi­en lie­gen. Aller­dings hat die Abwan­de­rung Gren­zen, weil Chi­na mit sei­ner rie­si­gen, gut aus­ge­bil­de­ten Bevöl­ke­rung über ein her­aus­ra­gen­des Poten­zi­al an Arbeits­kräf­ten und mit sei­nen zahl­rei­chen High-Tech-Unter­neh­men über ein kaum zu erset­zen­des Zulie­fer­um­feld ver­fügt. Die Trump-Admi­nis­tra­ti­on nutzt des­we­gen Straf­zöl­le sowie Sank­tio­nen, um chi­ne­si­sche Zulie­fe­rer aus­zu­schal­ten. Erst zu Wochen­be­ginn ver­häng­te sie neue Sank­tio­nen gegen elf chi­ne­si­sche Unter­neh­men, die bis­lang unter ande­rem Apple, Goog­le und bekann­te Mode­mar­ken, etwa Tom­my Hil­fi­ger und Hugo Boss, belie­fer­ten. Die­se müs­sen sich jetzt neue Zulie­fe­rer suchen – ein wei­te­rer klei­ner Schritt in Rich­tung „decoupling“.[8]

„Wachstum kommt aus Asien“

Die deut­sche Wirt­schaft lehnt das „deco­u­pling“ ent­schie­den ab. „Euro­päi­sche Fir­men sind in einer Zwick­müh­le“, hieß es kürz­lich im „Han­dels­blatt“ [9]: „Je nach Bran­chen machen vie­le von ihnen der­zeit noch den grö­ße­ren Teil ihres Umsat­zes in den USA – aber das Wachs­tum kommt aus Asi­en.“ Es sei daher „ohne jede Alter­na­ti­ve, hier in Chi­na zu blei­ben“, wird der Chi­na­chef von Volks­wa­gen, Ste­phan Wöl­len­stein, zitiert. Tat­säch­lich gilt dies ins­be­son­de­re für die deut­sche Kfz-Bran­che, die schon heu­te laut Schät­zun­gen zwi­schen 35 und 50 Pro­zent ihrer Gewin­ne in Chi­na macht.[10] Dabei ist die Volks­re­pu­blik für die deut­schen Auto­her­stel­ler nicht nur wegen der dort erziel­ten Pro­fi­te uner­setz­lich, son­dern auch auf­grund ihrer indus­tri­el­len Dyna­mik. So boomt der Markt für Elek­tro­au­tos, auf die die Bran­che welt­weit umstellt, nir­gends so stark wie in Chi­na. Dort wird unter ande­rem zuneh­mend auf moderns­te Cloud­tech­no­lo­gien gesetzt, die es ermög­li­chen, den Kun­den „inner­halb von Sekun­den Ser­vices anbie­ten zu kön­nen“, erläu­tert Mar­co Hecker, Lei­ter für den Kfz-Markt in Chi­na bei der Wirt­schafts­be­ra­tung Deloit­te; dabei „hän­gen die deut­schen Her­stel­ler sicher drei Jah­re hinterher“.[11] Wol­le man auf­ho­len, sei man fak­tisch auf die Volks­re­pu­blik ange­wie­sen: „In Deutsch­land hält man einen digi­ta­len Ent­wick­lungs­pro­zess von vier bis sechs Mona­ten für schnell. Loka­le Play­er in Chi­na kön­nen das fast inner­halb von einem Tag erle­di­gen“.

Die Folgen der Coronakrise

Aktu­ell kommt hin­zu, dass die Volks­re­pu­blik zu den Län­dern gehört, die die Coro­na­kri­se bis­lang mit den gerings­ten Schä­den über­stan­den haben und inzwi­schen wie­der Wachs­tums­chan­cen bie­ten. Die chi­ne­si­sche Wirt­schafts­leis­tung ist im zwei­ten Quar­tal wie­der um 3,2 Pro­zent gewach­sen, wäh­rend sie in Euro­pa und Nord­ame­ri­ka dra­ma­tisch schrumpft. Die Fol­gen zei­gen sich recht klar auf ein­zel­be­trieb­li­cher Ebe­ne. So konn­te Daim­ler sei­nen Umsatz in Chi­na im zwei­ten Quar­tal um bei­na­he 22 Pro­zent stei­gern; obwohl die Ver­käu­fe in Euro­pa und den USA stark schrumpf­ten, genüg­te dies für ein glo­ba­les Kon­zern­wachs­tum um 0,4 Pro­zent. Daim­ler hat ange­kün­digt, sei­ne Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zi­tä­ten in den USA und Mexi­ko sowie womög­lich auch in Bra­si­li­en zu kür­zen; damit ver­schö­ben sich die Gewich­te für das Unter­neh­men noch stär­ker nach China.[12] Nicht zuletzt gewinnt die Volks­re­pu­blik auch für den deut­schen Gesamt­ex­port noch grö­ße­re Bedeu­tung. Aktu­el­le Anga­ben des Sta­tis­ti­schen Bun­des­amts zei­gen, dass der deut­sche Export von Janu­ar bis Mai ins­ge­samt um 14,1 Pro­zent ein­brach. Dabei kol­la­bier­te der Export in die Ver­ei­nig­ten Staa­ten um 15,5 Pro­zent, der­je­ni­ge nach Chi­na nur um 10,1 Pro­zent. Weil die chi­ne­si­sche Wirt­schaft mitt­ler­wei­le wie­der wächst, wäh­rend die US-ame­ri­ka­ni­sche unver­än­dert am Boden liegt, wird die Dif­fe­renz in den kom­men­den Mona­ten noch zuneh­men – zuguns­ten Chi­nas, zu Unguns­ten der Ver­ei­nig­ten Staa­ten. Dies wird die poli­ti­schen Aggres­sio­nen der Trump-Admi­nis­tra­ti­on wohl nicht abmil­dern.

[1] Guy Faul­con­bridge, Paul Sand­le: U.S. wants to build coali­ti­on to coun­ter China’s ‚dis­grace­ful’ menace, Pom­peo says. reu​ters​.com 21.07.2020.

[2] S. dazu Der grü­ne Kal­te Krieg.

[3] Emi­lio Casa­lic­chio: Mike Pom­peo urges all nati­ons to ‚push back’ against Chi­na during UK visit. poli​ti​co​.eu 21.07.2020.

[4] Lau­ra Hug­hes, Geor­ge Par­ker, Kat­ri­na Man­son: Mike Pom­peo urges UK to join alli­an­ce against Chi­na. ft​.com 21.07.2020.

[5] Peter Sturm: Alli­anz gegen Peking? Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung 23.07.2020.

[6] Ste­fan Kor­ne­li­us: Chi­na-Kom­plex. sued​deut​sche​.de 22.07.2020.

[7] Fin­barr Ber­ming­ham: US-Chi­na deco­u­pling is alrea­dy hap­pe­ning, says Donald Trump’s for­mer secu­ri­ty chief John Bol­ton, also cal­ling for open bor­ders for Hong­kon­gers. scmp​.com 16.07.2020.

[8] Dan Strumpf, Liza Lin: Black­lis­ting of Chi­ne­se Firms Ratt­les Ame­ri­can Sup­ply Chains. wsj​.com 21.07.2020.

[9] Dana Hei­de, Chris­ti­an Rickens, Nico­le Bas­ti­an, Ruth Ber­schens: Han­del, Hong­kong, Flug­rech­te: Die Ent­kopp­lung der Welt­mäch­te. han​dels​blatt​.com 03.06.2020.

[10] Ste­phen Wil­mot: Chi­na Keeps Germany’s Car Makers in the Fast Lane. wsj​.com 20.05.2020.

[11] Cor­ne­lia Mey­er: In Chi­na sind E‑Autos bereits Sta­tus­sym­bo­le – Exper­te erklärt, war­um das für VW, Daim­ler und Co. zum Pro­blem wird. busi​ness​in​si​der​.de 23.07.2020.

[12] Franz Hubik: Daim­ler erwar­tet Gewinn im lau­fen­den Jahr – Käl­le­ni­us nennt Fusi­ons­ge­rüch­te „völ­lig ver­fehlt“. han​dels​blatt​.com 23.07.2020.

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