[KgK:] USA: Zehntausende Arbeiter*innen im „Streik für Schwarze Leben“

Bild: Paul Sancya/​AP

Am Mon­tag, den 20. Juli, nah­men zehn­tau­sen­de Arbeiter*innen in zwei­hun­dert Städ­ten der Ver­ei­nig­ten Staa­ten an Arbeits­nie­der­le­gun­gen und Demons­tra­tio­nen im Rah­men des „Streiks für Schwar­ze Leben“ teil. Die Mobi­li­sie­run­gen wur­den von 60 ver­schie­de­nen Gewerk­schaf­ten und Orga­ni­sa­tio­nen orga­ni­siert, dar­un­ter die Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft SEIU, die Lehrer*innengewerkschaft Ame­ri­can Fede­ra­ti­on of Tea­chers, die Move­ment for Black Lives und die U.S. Youth Cli­ma­te Strike Coali­ti­on. Die Aktio­nen reich­ten von kur­zen Arbeits­un­ter­bre­chun­gen bis hin zu Streiks und Kund­ge­bun­gen wäh­rend des gan­zen Tages. Beschäf­tig­te aus ver­schie­de­nen Sek­to­ren, von Rei­ni­gungs­kräf­ten und Krankenpfleger*innen bis hin zu Landarbeiter*innen und Beschäf­tig­ten in der Gas­tro­no­mie, grif­fen den Auf­ruf auf und wie­sen auf die schlech­ten Arbeits­be­din­gun­gen und die his­to­ri­schen Unge­rech­tig­kei­ten hin, mit denen Schwar­ze und Brau­ne Beschäf­tig­te kon­fron­tiert sind – ins­be­son­de­re die­je­ni­gen, die vor und wäh­rend der Pan­de­mie gezwun­gen waren, Nied­rig­lohn­ar­beit in pre­kä­ren Arbeits­ver­hält­nis­sen zu ver­rich­ten, sowie die­je­ni­gen, die vor der Wie­der­eröff­nung der Wirt­schaft ohne ange­mes­se­nen Schutz und Ent­loh­nung ste­hen.

Ange­sichts des lan­des­wei­ten Auf­stands gegen Ras­sis­mus und Poli­zei­ter­ror waren die Aktio­nen der Arbeiter*innen an der Basis der Gewerk­schaf­ten ein mit­rei­ßen­des Zei­chen der Soli­da­ri­tät und der lebens­wich­ti­gen Not­wen­dig­keit für die Arbeiter*innenbewegung, sich mit der Bewe­gung auf den Stra­ßen zu ver­bin­den, deren Dyna­mik abnimmt und die immer mehr der Repres­si­on aus­ge­setzt ist; es war ein deut­li­cher Fort­schritt in der Betei­li­gung der Arbeiter*innenbewegung, die sich bis­her meist auf Soli­da­ri­täts­be­kun­dun­gen beschränkt hat­te. Ange­führt und orga­ni­siert von Gewerk­schafts­füh­run­gen und Non-Pro­fit-Orga­ni­sa­tio­nen, die kaum die Absicht hat­ten, die­se Unge­rech­tig­kei­ten über die Lob­by­ar­beit für ein paar Geset­zes­än­de­run­gen und ein wenig zusätz­li­che Medi­en­auf­merk­sam­keit hin­aus anzu­grei­fen, war die­ser Akti­ons­tag jedoch nur ein Hauch der vol­len Macht, die die Arbeiter*innenklasse zur Ver­tei­di­gung des Lebens der Schwar­zen gegen Ras­sis­mus und kapi­ta­lis­ti­sche Aus­beu­tung mobi­li­sie­ren könn­te.

In Kali­for­ni­en ver­an­stal­te­ten die Gewerk­schaf­ten gro­ße Pro­tes­te in ganz Los Ange­les, San Fran­cis­co und Oak­land. Eine Kara­wa­ne von Hun­der­ten von Autos zog durch die Stra­ßen im Süden von Los Ange­les, wobei Schil­der in Eng­lisch und Spa­nisch mit Paro­len wie „Black Lives Mat­ter“ und sogar „Abolish USC Poli­ce“ („Cam­pus­po­li­zei der Uni­ver­si­tät von Süd­ka­li­for­ni­en abschaf­fen“) ver­se­hen waren. Die Kara­wa­ne hielt vor einem McDonald’s an und blo­ckier­te den Ver­kehr für 8 Minu­ten und 46 Sekun­den, die Zeit, in der der Mör­der-Poli­zist Derek Chau­vin auf Geor­ge Floyds Hals knie­te und ihn ermor­de­te.

BREAKING: Hund­reds of fast food workers, dri­vers, jani­tors, long-term care workers, stu­dents, ten­ants, cler­gy, and others have con­ver­ged in Los Ange­les for a car cara­van deman­ding cor­po­ra­ti­ons and government take action to con­front sys­temic racism #Strike­ForBlack­Lives #J20 pic​.twit​ter​.com/​O​U​j​L​c​I​d​gFb

— Fight for $15 LA (@Fightfor15LA) July 20, 2020

Vie­le der Aktio­nen im gan­zen Land, dar­un­ter die in Los Ange­les, Chi­ca­go und ande­ren Groß­städ­ten, rich­te­ten sich gegen den Fast­food-Gigan­ten McDonald’s, der eine lan­ge Geschich­te ras­sis­ti­scher Dis­kri­mi­nie­rung hat. In jüngs­ter Zeit wur­de McDonald’s vor­ge­wor­fen, sich wäh­rend der Pan­de­mie gewei­gert zu haben, den Beschäf­tig­ten ange­mes­se­ne Schutz­aus­rüs­tung zur Ver­fü­gung zu stel­len. Wie Ange­ly Rodri­guez Lam­bert, eine McDonald’s‑Mitarbeiterin in Oak­land, gegen­über dem Radio­sen­der NPR erklär­te: „Wir tre­ten in den Streik, weil McDonald’s und ande­re Fast-Food-Unter­neh­men uns bei der Pan­de­mie nicht geschützt haben, als sie die Schwar­zen und Brau­nen Gemein­den im gan­zen Land heim­ge­sucht hat… Wir wer­den uns wei­ter­hin zusam­men­schlie­ßen und unse­re Stim­me erhe­ben, bis McDonald’s und ande­re Unter­neh­men mit Taten reagie­ren, die zei­gen, dass sie unser Leben wirk­lich schät­zen.“

Fastfood‑, Sani­tär- und Pflegeheimarbeiter*innen in Detroit leg­ten eben­falls ihre Arbeit nie­der, um höhe­re Löh­ne und bes­se­re Arbeits­be­din­gun­gen zu for­dern. Die Arbeits­nie­der­le­gun­gen wur­den in ers­ter Linie rund um die Kam­pa­gne der SEIU für einen Min­dest­lohn von 15 Dol­lar orga­ni­siert, eine For­de­rung, die im Zusam­men­hang mit der Pan­de­mie und der Wirt­schafts­kri­se neue Bedeu­tung gewon­nen hat. Gezwun­gen, sich für den kapi­ta­lis­ti­schen Pro­fit in Gefahr zu bege­ben, for­dern die lebens­not­wen­di­gen Arbeiter*innen ange­mes­se­nen Schutz und höhe­re Löh­ne sowie das Recht, sich für ihre Inter­es­sen in Gewerk­schaf­ten zu orga­ni­sie­ren.

Aber der lan­des­wei­te Akti­ons­tag erstreck­te sich über die gro­ßen Städ­te hin­aus auch auf die länd­li­chen Gebie­te, wo Tau­sen­de von Arbeiter*innen, vie­le von ihnen Nicht-Wei­ße und Migrant*innen ohne Papie­re, als Niedriglohnarbeiter*innen und pre­kä­re Landarbeiter*innen schuf­ten. Weinbauarbeiter*innen im Yaki­ma-Tal im Bun­des­staat Washing­ton leg­ten aus Soli­da­ri­tät mit der Black-Lives-Mat­ter-Bewe­gung und ange­sichts der gemein­sa­men Aus­beu­tung, der die Arbeiter*innen im Kapi­ta­lis­mus aus­ge­setzt sind, für neun Minu­ten die Arbeit nie­der. Die an der Arbeits­nie­der­le­gung betei­lig­ten Arbeiter*innen hiel­ten Schil­der wie „Cam­pe­si­nos en apo­yo de Black Lives Mat­ter! („Bäuer*innen unter­stüt­zen Black Lives Mat­ter!“) und „Nadie es libre has­ta que todos somos libres!“ („Keine*r von uns ist frei, bis wir alle frei sind!“). In einer Erklä­rung, in der sie die Arbeits­nie­der­le­gung und die Unter­stüt­zung des Streiks für Schwar­ze Leben ankün­dig­te, griff die Gewerk­schaft United Farm Workers auf die Ver­mächt­nis­se von Cesar Chá­vez und Mar­tin Luther King Jr. zurück und bekun­de­te ihre Soli­da­ri­tät mit den Pro­tes­ten gegen Poli­zei­ge­walt auf den Stra­ßen: „Die­se Bewe­gung reicht von den Stra­ßen unse­rer Städ­te bis zu den Fel­dern und Obst­gär­ten, die die­ses Land ernäh­ren.“

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Viney­ard workers in the rural Yaki­ma Val­ley stop­ped work this morning for 8 minu­tes and 46 seconds. This move­ment reaches from the streets of our cities to the fiel­ds and orchards that feed this coun­try. Los tra­ba­ja­do­res de viñe­dos en el val­le rural de Yaki­ma deja­ron de tra­ba­jar temp­ra­no esta maña­na duran­te 8 min­u­tos y 46 segun­dos, el tiem­po en que Geor­ge Floyd yacía muri­en­do bajo la rodil­la de un ofi­cial de poli­cía. #Strike­ForBlack­Lives #j20 As Dr. Mar­tin Luther King, Jr wro­te to Cesar Cha­vez during the bru­tal Dela­no grape strike: „Our sepa­ra­te strug­gles are real­ly one- a strugg­le for free­dom, for digni­ty, and for huma­ni­ty.“ Como Dr. Mar­tin Luther King, Jr le escri­bió a César Chá­vez duran­te la bru­tal huel­ga de uvas Dela­no: „Nue­stras luchas sepa­ra­das son realm­en­te una: una lucha por la libertad, la digni­dad y la huma­ni­dad“.

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In New York orga­ni­sier­ten ver­schie­de­ne Gewerk­schaf­ten trotz der gro­ßen Hit­ze Aktio­nen in der gan­zen Stadt und zogen Krankenpfleger*innen, Pförtner*innen, Fahrer*innen und Bauarbeiter*innen auf die Stra­ßen. Eine Demons­tra­ti­on ver­sam­mel­te sich vor dem Trump Tower, wo sich den Demonstrant*innen der demo­kra­ti­sche Sena­tor Chuck Schu­mer anschloss, der die­se weit­hin publik gemach­te Gele­gen­heit nutz­te, um im Kon­gress für die Ver­ab­schie­dung des HEROES-Geset­zes zu wer­ben. Die­ses Kon­junk­tur­pa­ket in Höhe von drei Bil­lio­nen Dol­lar bie­tet den­sel­ben Groß­kon­zer­nen, gegen die die Teilnehmer*innen des Streiks für Schwar­ze Leben kämp­fen, reich­lich Schutz, trägt aber wenig dazu bei, das Leben von Arbeiter*innen zu schüt­zen, die unter den Aus­wir­kun­gen der Pan­de­mie und der Wirt­schafts­kri­se lei­den.

Hier­in liegt der Wider­spruch des „Streiks für Schwar­ze Leben“. Der Marsch brach­te ver­schie­de­ne Sek­to­ren der Arbeiter*innenklasse auf die Stra­ße und ver­knüpf­te den Staats­ter­ror, dem die Schwar­zen aus­ge­setzt sind, aus­drück­lich mit der Aus­beu­tung von Schwar­zen und Brau­nen und pre­kä­ren Arbeiter*innen am Arbeits­platz. Er wur­de jedoch von Gewerk­schafts­füh­run­gen und Orga­ni­sa­tio­nen, die sich für sozia­le Gerech­tig­keit enga­gier­ten, orga­ni­siert, die der Demo­kra­ti­schen Par­tei ver­pflich­tet sind. Sie sind nicht bereit, ein Sys­tem in Fra­ge zu stel­len, das die Unter­drü­ckung der Arbeiter*innen zur Fol­ge hat. Daher ziel­te die lan­des­wei­te Akti­on dar­auf ab, kaum mehr als die Sicht­bar­keit ver­schie­de­ner Geset­zes­vor­schlä­ge zu errei­chen, die „unse­re Wirt­schaft und Demo­kra­tie neu gestal­ten“ sol­len, und öffent­li­chen Druck auf die Unter­neh­men aus­zu­üben, damit die­se gering­fü­gi­ge Ände­run­gen an den Maß­nah­men und den Bedin­gun­gen vor­neh­men.

Ein­fach aus­ge­drückt: Die Arbeiter*innenklasse kann sich nicht mit ihren Fein­den ver­bün­den, wenn wir unse­re For­de­run­gen durch­set­zen wol­len. Kein Ver­such, den Schwar­zen Gerech­tig­keit wider­fah­ren zu las­sen, kann über die Demo­kra­ti­sche Par­tei lau­fen, die in einem Atem­zug „Black Lives Mat­ter“ sagt und im nächs­ten Spar­ge­set­ze und Ret­tungs­ak­tio­nen für Unter­neh­men ver­ab­schie­det, die den Schwar­zen und Brau­nen Arbeiter*innen über­pro­por­tio­nal scha­den.

Die Demo­kra­ti­sche Par­tei ist kein Freund der Arbeiter*innen oder der Black-Lives-Mat­ter-Bewe­gung, eben­so wenig wie Gewerk­schafts­füh­run­gen, die sich wei­gern, ech­te Streiks für For­de­run­gen zu orga­ni­sie­ren, die tat­säch­lich bes­se­re Bedin­gun­gen und Posi­tio­nen für die Arbeiter*innenklasse errei­chen könn­ten, wie z.B. den Raus­wurf von Polizist*innen aus den Gewerk­schaf­ten oder die For­de­rung nach einem Ende der Ent­las­sun­gen ange­sichts einer sich ver­tie­fen­den Wirt­schafts­kri­se. Und wenn Gewerk­schaf­ten ihre Soli­da­ri­tät mit der Black-Lives-Mat­ter-Bewe­gung über sym­bo­li­sche Arbeits­nie­der­le­gun­gen hin­aus zei­gen woll­ten, wür­den sie ihre Streik­mög­lich­kei­ten nut­zen, um gegen die unglaub­li­chen Repres­sio­nen zu pro­tes­tie­ren, die den Demonstrant*innen in Port­land und ande­ren Städ­ten durch Donald Trump sowie demo­kra­ti­sche Bürgermeister*innen und Gouverneur*innen zuge­fügt wer­den.

Im „Streik für Schwar­ze Leben“ sehen wir das Poten­zi­al für eine ech­te Arbeiter*innenbewegung, die gegen Ras­sis­mus, Staats­ter­ror und wirt­schaft­li­che Unter­drü­ckung kämpft. In den Zehn­tau­sen­den von Arbeiter*innen, die nicht nur an den Aktio­nen vom Mon­tag, son­dern auch an der Pro­test­wel­le der letz­ten zwei Mona­te teil­ge­nom­men haben, kön­nen wir den Wil­len der Arbeiter*innenklasse erken­nen, gegen Unterdrücker*innen zu kämp­fen, die sie für den Kauf von Lebens­mit­teln töten und sie mit­ten in einer Pan­de­mie in den Tod schi­cken wür­den, um Pro­fit zu machen. Aber um die­sen Wut und Macht anzu­zap­fen, müs­sen sich die Arbeiter*innen an der Basis den Befrie­dungs­ver­su­chen ihrer Gewerk­schafts­füh­run­gen wider­set­zen und ech­te, anhal­ten­de Streiks um radi­ka­le For­de­run­gen her­um orga­ni­sie­ren, in brei­ten Sek­to­ren gewerk­schaft­lich orga­ni­sier­ter und nicht orga­ni­sier­ter Arbeiter*innen. Mit die­ser Art von Aktio­nen könn­te die Arbeiter*innenklasse weit mehr zur Ver­tei­di­gung des Lebens der Schwar­zen tun als sym­bo­li­sche Ges­ten. Wie der Arzt und SEIU-Mit­glied Mike Pap­pas kürz­lich schrieb:

Wenn wir es schaf­fen, uns an unse­ren Arbeits­plät­zen und in unse­ren Nach­bar­schaf­ten gewerk­schaft­lich zu orga­ni­sie­ren, könn­ten wir das Sys­tem stop­pen, Mil­lio­nen auf die Stra­ße mobi­li­sie­ren, und, was am wich­tigs­ten ist, die Macht der Arbeiter*innen gegen Ras­sis­mus zei­gen. Und die­se Orga­ni­sie­rung wird mehr erfor­dern, als ein Datum fest­zu­le­gen und die Pres­se anzu­ru­fen. Sie wird im All­ge­mei­nen die lang­sa­me Arbeit erfor­dern, Komi­tees auf­zu­bau­en, Ver­samm­lun­gen an den Arbeits­plät­zen ein­zu­be­ru­fen, zwi­schen den ver­schie­de­nen Indus­trie­zwei­gen zu koor­di­nie­ren und auf unzäh­li­ge ande­re Mög­lich­kei­ten die für einen Streik not­wen­di­gen Struk­tu­ren zu schaf­fen. Und obwohl es har­te Arbeit sein wird, könn­te die Unter­stüt­zung für eine sol­che Akti­on mas­siv sein.

Die­ser Arti­kel erschien zuerst am 22. Juli 2020 auf Eng­lisch bei Left Voice.

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