[ISO:] Das Werk von Ernest Mandel

Ernest Man­del (1923‒1995) hat uns ein wich­ti­ges
theo­re­ti­sches Werk hin­ter­las­sen, das für jeden unver­zicht­bar ist, der eine
Bilanz des 20. Jahr­hun­derts zie­hen und zur Aus­ar­bei­tung revo­lu­tio­nä­rer
Per­spek­ti­ven für das 21. Jahr­hun­dert bei­tra­gen will.

Ernest Man­dels Inter­na­tio­na­lis­mus war orga­nisch sei­nen Anlie­gen ver­bun­den und untrenn­bar von sei­ner Par­tei­nah­me für die Inter­es­sen der Arbei­te­rin­nen, Arbei­ter und Ange­stell­ten, der Unter­drück­ten, der Benach­tei­lig­ten und Ent­rech­te­ten, der Aus­ge­grenz­ten aller Art.

Der rote Faden des Den­kens von Ernest Man­del, die Ach­se, um
die sich sei­ne Schrif­ten dre­hen, war die soli­da­ri­sche Selbst­tä­tig­keit und
demo­kra­ti­sche Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on der Arbei­ter­klas­se als Schlüs­sel für die
uni­ver­sel­le mensch­li­che Eman­zi­pa­ti­on. Das ist es, was sich aus sei­nen
aus­führ­li­chen Kri­ti­ken des Kapi­ta­lis­mus und ande­rer zeit­ge­nös­si­scher
Unter­drü­ckungs­sys­te­me ergibt, es ist die zen­tra­le Idee sei­ner Bei­trä­ge zur
Stra­te­gie des sozia­lis­ti­schen Kampfs für eine klas­sen­lo­se Gesell­schaft und zugleich
die Quint­essenz sei­ner Vor­stel­lung von der ange­streb­ten sozia­lis­ti­schen
Demo­kra­tie auf Welt­ebe­ne: Ernest Man­dels Inter­na­tio­na­lis­mus war orga­nisch
sei­nen Anlie­gen ver­bun­den und untrenn­bar von sei­ner Par­tei­nah­me für die
Inter­es­sen der Arbei­te­rin­nen, Arbei­ter und Ange­stell­ten, der Unter­drück­ten, der
Benach­tei­lig­ten und Ent­rech­te­ten, der Aus­ge­grenz­ten aller Art.

Dies erklärt auch, war­um Ernest Man­del über so vie­le The­men schrieb. Die bemer­kens­wer­te Bio­gra­fie, die Jan-Wil­lem Stut­je ver­fasst hat, zeigt uns den Men­schen, sei­ne Hin­ga­be an die revo­lu­tio­nä­re Sache und den Auf­bau unse­rer Vier­ten Inter­na­tio­na­le.[1] Der von Gil­bert Ach­car her­aus­ge­ge­be­ne Sam­mel­band mit Bei­trä­gen, die auf einem Ams­ter­da­mer Semi­nar über Man­dels Bei­trag zur mar­xis­ti­schen Theo­rie gehal­ten wor­den waren, ist reich an Leh­ren.[2] Mei­ne Werk­bio­gra­phie, das sich im Wesent­li­chen, aber nicht aus­schließ­lich auf sei­ne Bücher stützt, gibt einen Über­blick über sein viel­fäl­ti­ges theo­re­ti­sches Den­ken und erör­tert gleich­zei­tig sei­ne Stär­ken und Schwä­chen.[3]

Wirtschaft

Ernest Man­del woll­te in sei­nem im Mai 1960 fer­tig­ge­stell­ten
und 1962 erschie­ne­nen Trai­té d’écono­mie mar­xis­te aus­ge­hend „von den
empi­ri­scher Gege­ben­hei­ten der heu­ti­gen Wis­sen­schaft“ „das gesam­te öko­no­mi­sche Sys­tem
von Karl Marx rekon­stru­ie­ren“ (eine gekürz­te deut­sche Aus­ga­be erschien 1968
unter dem Titel Mar­xis­ti­sche
Wirt­schafts­theo­rie
). Die Fül­le von Ver­wei­sen auf eine Viel­zahl von
Publi­ka­tio­nen aus ver­schie­de­nen Berei­chen der Human- und Sozi­al­wis­sen­schaf­ten
unter­mau­ert sein Argu­ment, dass die Kri­tik von Karl Marx an der
kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­wei­se ‒ trotz der lang anhal­ten­den wirt­schaft­li­chen
Expan­si­on der Nach­kriegs­zeit (und trotz der Tat­sa­che, dass Karl Marx kein
„Wirt­schafts­sys­tem“ aus­ge­ar­bei­tet hat) ‒ auch heu­te noch aktu­ell ist.

In die­sem Buch, wie auch in ande­ren, die das glei­che The­ma
behan­deln (und in sei­nen Ein­füh­run­gen),
ent­fern­te sich Ernest Man­del weit von der pseu­domar­xis­ti­schen Scho­las­tik des
„Bewei­ses“ mit­hil­fe von Marx-Zita­ten, war­um Marx Recht hat­te. In ähn­li­cher
Wei­se war Man­del kei­nes­wegs ver­sucht, die Kate­go­rien der Marx­schen Kri­tik der poli­ti­schen
Öko­no­mie als Kate­go­rien zu behan­deln, die logisch und autis­tisch von­ein­an­der
abzu­lei­ten sind. Sein Bestre­ben war, die Wirt­schafts­theo­rie und Wirt­schafts­ge­schich­te
zu syn­the­ti­sie­ren (oder zu zei­gen, dass hier die Stär­ke der Marx­schen Kri­tik
der Poli­ti­schen Öko­no­mie liegt). Zum Bei­spiel durch die Ent­wick­lung der Arbeits­wert­theo­rie
aus vor­ka­pi­ta­lis­ti­schen Bei­spie­len der Aneig­nung des Mehr­pro­dukts durch eine herr­schen­de
Klas­se.

Der gro­ße Vor­teil die­ser Metho­de ist didak­ti­scher Natur. Ich
ken­ne eine Rei­he von Zeitgenoss*innen, die (wie ich selbst) erst durch die
Lek­tü­re der Schrif­ten von Man­del Zugang zum Kapi­tal
von Karl Marx hat­ten. Im All­ge­mei­nen bestand Man­dels Stil dar­in, sei­ne
Argu­men­te mit einer Viel­zahl von kon­kre­ten Bei­spie­len zu illus­trie­ren. Dies ist
einer der Grün­de, war­um er sowohl in sei­nen Schrif­ten als auch mit den Vor­trä­gen,
die er bei Schu­lungs­kur­sen, Sym­po­si­en oder in poli­ti­schen Ver­samm­lun­gen hielt,
sehr ver­ständ­lich und über­zeu­gend war. Im Vor­wort zu sei­nem Spät­ka­pi­ta­lis­mus prä­zi­siert und
ver­tei­digt er sei­ne „his­to­risch-gene­ti­sche“ Metho­de, rela­ti­viert sie aber
gleich­zei­tig etwas, da er die Kri­tik, er sei in der Mar­xis­ti­sche Wirt­schafts­theo­rie zu „deskrip­tiv“ gewe­sen, ernst
genom­men hat­te.

Man­del war nicht für eine all­zu deter­mi­nis­ti­sche Kon­zep­ti­on
des dia­lek­tisch-his­to­ri­schen Mate­ria­lis­mus. Er sprach von sechs „teil­wei­se
auto­no­men Varia­blen“, die die Ent­wick­lung der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­wei­se
bestim­men. In ähn­li­cher Wei­se erklär­te er, war­um die­se Pro­duk­ti­ons­wei­se zuerst
in west­eu­ro­päi­schen Län­dern auf­tauch­te, nicht wegen all­ge­mei­ner „Geset­ze“ der
his­to­ri­schen Ent­wick­lung, son­dern weil bestimm­te Beson­der­hei­ten, bestimm­te
Vor­aus­set­zun­gen zu einem bestimm­ten Zeit­punkt der Geschich­te dort erfüllt waren.
Bei­spiels­wei­se wegen des in Latein­ame­ri­ka geraub­ten Golds, das die Akku­mu­la­ti­on
von Geld­ka­pi­tal begüns­tig­te und wegen der Tren­nung eines bedeu­ten­den Teils der
Bevöl­ke­rung von sei­nen Pro­duk­ti­ons­mit­teln, was ermög­lich­te, mas­siv in die
Aus­beu­tung der Arbeits­kraft zu inves­tie­ren. In Chi­na waren die­se
Vor­aus­set­zun­gen nicht erfüllt, und daher konn­te sich die kapi­ta­lis­ti­sche
Pro­duk­ti­ons­wei­se dort nicht ent­wi­ckeln ‒ auch wenn eini­ge Tech­no­lo­gien dort
wei­ter ent­wi­ckelt waren als in Euro­pa.

Der 1972 ver­öf­fent­lich­te Spät­ka­pi­ta­lis­mus
gilt als Man­dels öko­no­mi­sches Haupt­werk. Um die­ses zu ver­or­ten, muss man sich
vor Augen hal­ten, dass wir zu die­ser Zeit noch weit von der neo­li­be­ra­len
Hege­mo­nie ent­fernt waren. Die herr­schen­de Ideo­lo­gie sah das kapi­ta­lis­ti­sche
Sys­tem als gezähmt an und sug­ge­rier­te, dass die kras­sen Wider­sprü­che die­ser
Pro­duk­ti­ons­wei­se Geschich­ten aus der Ver­gan­gen­heit sei­en. Das Ein­grei­fen des
Staa­tes hat­te die Kri­sen gebän­digt; der Lebens­stan­dard vie­ler Erwerbs­tä­ti­ger
hat­te sich deut­lich ver­bes­sert; die Län­der der „Drit­ten Welt“ hat­ten eine
Chan­ce, zum Niveau der rei­chen Län­der auf­zu­schlie­ßen; der Fort­schritt der
sozia­len Siche­rungs­sys­te­me hat­te die Ver­ar­mungs­ten­den­zen der brei­ten Mas­sen
über­wun­den; die Tei­lung in Klas­sen sei einer „nivel­lier­ten
Mit­tel­stands­ge­sell­schaft“ gewi­chen.

In die­sem Zusam­men­hang erklär­te Ernest Man­del, dass die Wider­sprü­che der kapi­ta­lis­ti­schen Klassengesell­schaft nicht pas­sé waren, son­dern in naher Zukunft erneut explo­die­ren wür­den. Gleich­zei­tig ana­ly­sier­te er die kon­kre­ten Ver­än­de­run­gen die­ses Nach­kriegs­ka­pi­ta­lis­mus, der für ihn eine neue Peri­ode im Rah­men des von Lenin ana­ly­sier­ten impe­ria­lis­ti­schen oder mono­po­lis­ti­schen Kapi­ta­lis­mus dar­stell­te. (Für wei­te­re Prä­zi­sie­run­gen zu Man­dels Spät­ka­pi­ta­lis­mus schla­ge ich vor, den Bei­trag von Michel Hus­son in die­ser Aus­ga­be der inter­na­tio­na­le zu kon­sul­tie­ren.)

Statt eines rein wirt­schaft­li­chen Zusam­men­bruchs ver­trat Man­del die Idee einer glo­ba­len, viel­ge­stal­ti­gen Kri­se, die die Kri­se des poli­ti­schen und ideo­lo­gi­schen Herr­schafts­sys­tems der Kapi­ta­lis­ten­klas­se ein­schließt. Eine struk­tu­rel­le Kri­se mit unbe­stimm­tem Aus­gang: Sozia­lis­mus oder das Ende der mensch­li­chen Zivi­li­sa­ti­on.

Ernest Man­del hat­te auch wesent­lich zur Erklä­rung der regel­mä­ßig
auf­tre­ten­den zer­stö­re­ri­schen Über­pro­duk­ti­ons­kri­sen des Kapi­ta­lis­mus
bei­getra­gen. Sie gal­ten ihm als Beweis für die gra­vie­ren­den Män­gel des
kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tems und als ein schö­nes Bei­spiel für die Trif­tig­keit der
Kri­tik von Karl Marx an der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­wei­se. Sein eigen­stän­di­ger
Bei­trag zur Erklä­rung der zykli­schen Kri­sen war die Ableh­nung mono­kau­sa­ler
Erklä­run­gen, sei es durch die Theo­rie des Unter­kon­sums oder die der
Dis­pro­por­ti­on zwi­schen den gro­ßen Pro­duk­ti­ons­ab­tei­lun­gen oder durch die
Über­ak­ku­mu­la­ti­on von Kapi­tal. In sei­ner Syn­the­se spie­len Schwan­kun­gen in der
Pro­fi­tra­te eine wich­ti­ge Rol­le. Man­del unter­such­te nicht nur die
Erklä­rungs­kraft der ver­schie­de­nen Ansät­ze, son­dern auch ihre Rol­le im Kampf
zwi­schen der Arbei­ter­klas­se und dem Kapi­tal. Die refor­mis­ti­schen Füh­run­gen
bei­spiels­wei­se nutz­ten die Unter­kon­sump­ti­ons­theo­rie, um zur Kri­sen­be­kämp­fung die
Stär­kung der Kauf­kraft der Mas­sen vor­zu­schla­gen. Aber wenn die Löh­ne stei­gen,
gehen die Pro­fi­te zurück, was kapi­ta­lis­ti­sche Inves­ti­tio­nen kaum för­dert… Die
Theo­rie der Dis­pro­por­ti­on bezieht sich auf die „Anar­chie“ der kapi­ta­lis­ti­schen
Pro­duk­ti­on und wur­de daher als Argu­ment für ein „Super-Hol­ding“ benutzt, um die
Aus­wir­kun­gen des Wett­be­werbs auf Inves­ti­ti­ons­ent­schei­dun­gen zu über­win­den – in
Zusam­men­hang mit einem “fried­li­chen Hin­über­wach­sen” zum Sozia­lis­mus.
Über­ak­ku­mu­la­ti­on hin­ge­gen kann vom Kapi­tal als Argu­ment benutzt wer­den, um die
Pro­duk­ti­on von Mehr­wert zu stei­gern. Die mar­xis­ti­sche Ver­si­on die­ser Theo­rie
geht von einer Arbeits­lo­sen­quo­te von prak­tisch null über einen sehr lan­gen
Zeit­raum aus, was als uto­pisch erscheint.

Die Kehr­sei­te der Medail­le ist die Funk­ti­on von zykli­schen
Kri­sen. Aus der Sicht des Kapi­tals han­delt es sich dabei um „rei­ni­gen­de“ Kri­sen,
die die Prei­se krampf­ar­tig auf rea­le Wer­te zurück­füh­ren und damit dazu füh­ren,
dass nur die stärks­ten Fir­men und das stärks­te Kapi­tal an ihrem Platz blei­ben ‒
zum Nach­teil der Schwächs­ten, die ver­schwin­den. Es ist also die Ten­denz zur
Kon­zen­tra­ti­on und Zen­tra­li­sie­rung des Kapi­tals, die sich durch sei­ne Kri­sen
kata­stro­phal ver­wirk­licht.

Ernest Man­del war einer der weni­gen mar­xis­ti­schen Theo­re­ti­ker,
der über die „lan­gen Wel­len“ des Kapi­ta­lis­mus gear­bei­tet hat­te, die lan­gen
Peri­oden mit einer all­ge­mei­nen expan­si­ven oder depres­si­ven Ten­denz, die jeweils
meh­re­re Zyklen von kür­ze­rer Dau­er ent­hiel­ten. Aber wäh­rend die zykli­schen
Über­pro­duk­ti­ons­kri­sen den Keim der wirt­schaft­li­chen Erho­lung in sich tra­gen,
ent­hal­ten nach Man­del lan­ge Peri­oden mit depres­si­ver Ten­denz nicht die
not­wen­di­gen Ele­men­te für eine Rück­kehr zu einer Peri­ode mit expan­si­vem
Cha­rak­ter. Dies erfor­dert exo­ge­ne Fak­to­ren, die in der Regel poli­ti­scher Natur
sind. Die säku­la­re Nie­der­la­ge der Arbei­ter­klas­se vor und mit dem Zwei­ten
Welt­krieg und die kata­stro­pha­len Zer­stö­run­gen, die er ver­ur­sach­te, führ­ten
bei­spiels­wei­se zu einem spek­ta­ku­lä­ren Anstieg der Mehr­wer­tra­te auf Kos­ten der
Lohn­ab­hän­gi­gen und leg­ten damit den Grund­stein für die lan­ge expan­si­ve
Nach­kriegs­zeit.

In gewis­sem Sin­ne sprach Ernest Man­del in Anleh­nung an Marx auch
vom „Zusam­men­bruch“ der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­wei­se. Das soll nicht
hei­ßen, dass er an einen rein wirt­schaft­li­chen Mecha­nis­mus glaub­te, der einen
sol­chen Zusam­men­bruch zur Fol­ge hat. Wenn die Lohn­ab­hän­gi­gen und Unter­drück­ten
am Ende alle ‒ wirk­lich alle ‒ unmensch­li­che Behand­lung akzep­tie­ren wür­den,
könn­te der Kapi­ta­lis­mus theo­re­tisch damit durch­kom­men, aber um den Preis, in
die glo­ba­le Bar­ba­rei zu fal­len und sei­ne Aus­beu­tungs­ob­jek­te auf den Zustand der
Skla­ve­rei her­ab­zu­drü­cken. Statt eines rein wirt­schaft­li­chen Zusam­men­bruchs
ver­trat Man­del die Idee einer glo­ba­len, viel­ge­stal­ti­gen Kri­se, die die Kri­se
des poli­ti­schen und ideo­lo­gi­schen Herr­schafts­sys­tems der Kapi­ta­lis­ten­klas­se
ein­schließt. Eine struk­tu­rel­le Kri­se mit unbe­stimm­tem Aus­gang: Sozia­lis­mus oder
das Ende der mensch­li­chen Zivi­li­sa­ti­on.

Sozialismus

Für Ernest Man­del, der sich auf die Schrif­ten von Marx und
noch mehr auf die Debat­ten der revo­lu­tio­nä­ren Peri­ode der rus­si­schen
Bol­sche­wi­ki und der jun­gen Kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tio­na­le stütz­te, war der
Sozia­lis­mus eine klas­sen­lo­se Gesell­schaft und daher ohne Staat, ohne einen sich
über die Gesell­schaft erhe­ben­den bewaff­ne­ten Zwangs­ap­pa­rat. In einer sol­chen
Gesell­schaft, die als die ers­te Pha­se des Kom­mu­nis­mus gedacht war, wäre die
Herr­schaft des Men­schen über den Men­schen der gemein­sa­men Ver­wal­tung der Din­ge,
der mate­ri­el­len Güter der Gesell­schaft, durch die frei asso­zi­ier­ten Produzent*innen
gewi­chen. Güter und Geld wären nicht län­ger eine qua­si-natür­li­che Kraft, die
den Men­schen unter­wirft, die Markt­wirt­schaft wür­de lang­sam abster­ben und mehr
und mehr einer gemein­schaft­li­chen Ver­tei­lung nach den Bedürf­nis­sen wei­chen. Der
Kom­mu­nis­mus schließ­lich wäre, wie Marx sag­te, eine Gesell­schaft, in der die
Frei­heit eines jeden Men­schen die Bedin­gung für die Frei­heit aller wäre ‒ und gleich­zei­tig
abso­lut nicht das „Ende der Geschich­te“, son­dern viel­mehr der wah­re Anfang der
Geschich­te der Mensch­heit, frei von allem Grau­en einer Ver­gan­gen­heit, die von
Aus­beu­tung, Unter­drü­ckung und Gewalt geprägt war.

Die­se Gesell­schaft des Über­gangs zum Sozia­lis­mus wird von Anfang an das Los der Lohn­ab­hän­gi­gen und der brei­ten Mas­sen deut­lich ver­bes­sern müs­sen. Sie wer­den nicht nur grö­ße­re demo­kra­ti­sche Frei­hei­ten genie­ßen als in jeder ande­ren bür­ger­lich-par­la­men­ta­ri­­schen demo­kra­ti­schen Repu­blik, son­dern sie wer­den auch eine soli­de mate­ri­el­le Basis haben, um ihre demo­kra­ti­schen Rech­te aus­zu­üben, sich an Selbst­ver­wal­tungs­or­ga­nen und poli­ti­schen Ent­schei­dungs­pro­zes­sen zu betei­li­gen.

Um den Sozia­lis­mus zu errei­chen, muss für Man­del die
Arbeiter*innenklasse, indem sie alle unter­drück­ten Schich­ten mit sich reißt,
die Macht in ihre eige­nen Hän­de neh­men und sich die vom Kapi­ta­lis­mus auf
glo­ba­ler Ebe­ne ent­wi­ckel­ten Pro­duk­tiv­kräf­te aneig­nen, um sie im eige­nen
Inter­es­se zu ver­wal­ten und umzu­wan­deln. Das poli­ti­sche Sys­tem, das dazu in der
Lage wäre, wäre eine sozia­lis­ti­sche Demo­kra­tie, die ein­zi­ge Form wirk­li­cher Herr­schaft
der Arbeiter*innenklasse (Marx und Engels iden­ti­fi­zier­ten die „Dik­ta­tur des
Pro­le­ta­ri­ats“ mit der Pari­ser Kom­mu­ne von 1871). Sie wäre zugleich in der Lage,
den Wider­stand der besit­zen­den Klas­sen gegen ihre Ent­eig­nung wirk­sam zu
bekämp­fen und eine demo­kra­ti­sche Pla­nung ein­zu­füh­ren. Es wäre immer noch ein
Staat, aber ein Staat, der von Anfang an den Keim des eige­nen Abster­bens in
sich trägt und damit die Ent­wick­lung einer klas­sen­lo­sen, im vol­len Sin­ne des
Wor­tes „sozia­lis­ti­schen“ Gesell­schaft vor­be­rei­tet.

Natür­lich ist das, was Revo­lu­tio­nä­re und Revo­lu­tio­nä­rin­nen
über die „Gesell­schaft des Über­gangs (zum Sozia­lis­mus)“ sagen, die unmit­tel­bar
nach der Macht­über­nah­me durch die Arbei­ter­klas­se zu exis­tie­ren beginnt, für
nor­ma­le Men­schen von grö­ße­rem Inter­es­se als die Uto­pie der erhoff­ten Situa­ti­on,
die sich nach einer unbe­kann­ten Anzahl von Jahr­zehn­ten erge­ben wür­de. Und in
die­sem Punkt war Ernest Man­del sehr deut­lich: Die­se Gesell­schaft des Über­gangs
zum Sozia­lis­mus wird von Anfang an das Los der Lohn­ab­hän­gi­gen und der brei­ten
Mas­sen deut­lich ver­bes­sern müs­sen. Sie wer­den nicht nur grö­ße­re demo­kra­ti­sche
Frei­hei­ten genie­ßen als in jeder ande­ren bür­ger­lich-par­la­men­ta­ri­­schen
demo­kra­ti­schen Repu­blik, son­dern sie wer­den auch eine soli­de mate­ri­el­le Basis
haben, um ihre demo­kra­ti­schen Rech­te aus­zu­üben, sich an
Selbst­ver­wal­tungs­or­ga­nen und poli­ti­schen Ent­schei­dungs­pro­zes­sen zu betei­li­gen.
Dazu gehör­te für Man­del neben einem nen­nens­wer­ten Lebens­stan­dard für alle auch
eine umfas­sen­de radi­ka­le Arbeits­zeit­ver­kür­zung. In einer sol­chen
Über­gangs­ge­sell­schaft gäbe es eine Plu­ra­li­tät der Par­tei­en und damit der
poli­ti­schen Optio­nen sowie unab­hän­gi­ge Mas­sen­or­ga­ni­sa­tio­nen und Ver­bän­de,
ange­fan­gen bei den Gewerk­schaf­ten.

Sucht man nach einer Schwach­stel­le in Man­dels Argu­men­ta­ti­on,
stößt man schnell auf das Pro­blem der „mate­ri­el­len Grund­la­gen“, die not­wen­dig
sind, um einen sol­chen eman­zi­pa­to­ri­schen Fort­schritt zu errei­chen. Wenn man das
Kapi­tel liest, das sich in der Mar­xis­ti­schen
Wirt­schafts­theo­rie
von Anfang der 1960er Jah­re mit die­sem Pro­blem befasst,
fällt einem auf, dass der Man­del von damals bei wei­tem nicht so umwelt­be­wusst
war wie etwa der Man­del der ers­ten Hälf­te der 1990er Jah­re (ganz zu schwei­gen
von der Vier­ten Inter­na­tio­na­le heu­te). Zu den Quel­len der sozia­lis­ti­schen
Akku­mu­la­ti­on, die Man­del Anfang der 1960er Jah­re erwähn­te, gehö­ren die
Kern­kraft und die Ent­wick­lung der inten­si­ven Land­wirt­schaft mit che­mi­schen
Dün­ge­mit­teln. All die­se Berech­nun­gen müs­sen also neu durch­ge­führt wer­den.

Dabei ist zu beden­ken, dass die befrei­en­de Idee Man­dels
stark mit einem rela­ti­ven Über­fluss an Kon­sum­mit­teln ver­bun­den ist (ohne die eine
Ver­tei­lung der in nicht-markt­för­mi­ger Form nur mit einem Ratio­nie­rungs­re­gime
denk­bar ist), und dies nicht nur zur Befrie­di­gung von Grund­be­dürf­nis­sen und bei
gleich­zei­ti­ger radi­ka­ler Ver­kür­zung der Arbeits­zeit. Wenn zur Ret­tung des
Kli­mas und der Erde ein Groß­teil der Pro­duk­ti­on ein­ge­stellt wer­den muss, wenn
die Ener­gie­pro­duk­ti­on erheb­lich redu­ziert wer­den muss, wenn die Agrar­pro­duk­ti­on
ohne Mono­kul­tu­ren funk­tio­nie­ren muss, wird die Arbeits­pro­duk­ti­vi­tät nicht dra­ma­tisch
gestei­gert wer­den kön­nen… Aber ohne eine radi­ka­le Ver­kür­zung der Arbeits­zeit
und ohne mate­ri­el­len Wohl­stand für alle wird die sozia­lis­ti­sche Demo­kra­tie
nicht funk­tio­nie­ren. All dies muss also neu über­dacht wer­den.

Strategie

Die demo­kra­ti­sche Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on der Lohn­ab­hän­gi­gen
inner­halb des kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tems wird durch den kol­lek­ti­ven Kampf gegen
das Kapi­tal und sei­nen Staat ent­wi­ckelt. Man­del lädt uns ein, uns einen Kampf
vor­zu­stel­len, der sich aus­wei­tet und ver­all­ge­mei­nert (wie aus sei­ner Erfah­rung
in Wal­lo­ni­en 1960/​61) und zu einem auf­stän­di­schen Gene­ral­streik wird. Die
Not­wen­dig­kei­ten des Kampfs selbst füh­ren, wenn er kon­se­quent betrie­ben wird,
zur Aus­deh­nung der Bewe­gung und zur Ver­viel­fa­chung der Auf­ga­ben, die sie sich
selbst stellt, ein­schließ­lich der­je­ni­gen, die mit der öffent­li­chen Sicher­heit
zusam­men­hän­gen. Die demo­kra­tisch gewähl­ten Orga­ne der Strei­ken­den begin­nen, die
den Orga­nen des bür­ger­li­chen Staa­tes Legi­ti­mi­tät und Herr­schaft strei­tig zu
machen. So kön­nen sich ein­fa­che Streik­ko­mi­tees zu Räten, „Sowjets“, Orga­nen
eines alter­na­ti­ven Staa­tes von unten ent­wi­ckeln, was zunächst auf eine
Situa­ti­on von Dop­pel­macht hin­aus­läuft, die nach einer gewis­sen Zeit ent­we­der im
Sin­ne der Wie­der­her­stel­lung der vol­len Auto­ri­tät des bür­ger­li­chen Staats oder
zuguns­ten der Erobe­rung der Macht durch die demo­kra­tisch zen­tra­li­sier­ten Räte auf­ge­löst
wer­den muss.

Poli­tisch gese­hen ist die Arbeiter*innenklasse nicht
homo­gen. In nor­ma­len Zei­ten stel­len Revo­lu­tio­nä­re nur eine Min­der­heit dar. Im
Rah­men einer im Klas­sen­kampf ent­wi­ckel­ten brei­ten soli­da­ri­schen Selbst­tä­tig­keit
sind die Zei­ten nicht nor­mal. Die arbei­ten­den Mas­sen ler­nen nicht viel in
Pas­si­vi­tät und Ato­mi­sie­rung, aber viel und schnell, sobald sie Räu­me für
selbst­be­stimm­tes kol­lek­ti­ves Han­deln schaf­fen. Die revo­lu­tio­nä­re Strö­mung muss
im Rah­men einer sol­chen brei­ten Bewe­gung ver­su­chen, immer mehr Unter­stüt­zung
für ihre all­ge­mei­nen Ideen und prak­ti­schen Vor­schlä­ge zu gewin­nen, um am Ende
selbst eine Mehr­heit in den Räten zu erlan­gen.

Um dies zu errei­chen, müs­sen Revo­lu­tio­nä­re ver­su­chen, ein gan­zes Arse­nal an stra­te­gi­schen Kon­zep­ten anzu­wen­den, die von der kom­mu­nis­ti­schen Bewe­gung der frü­hen 1920er Jah­re aus­ge­ar­bei­tet wur­den, unter der Herr­schaft des Sta­li­nis­mus ver­lo­ren gin­gen und von der Vier­ten Inter­na­tio­na­le bewahrt und immer wie­der aktua­li­siert wur­den. Die Ein­heits­front­po­li­tik: gemein­sa­mes Han­deln mit refor­mis­ti­schen Par­tei­en und Orga­ni­sa­tio­nen für kon­kre­te For­de­run­gen und Zie­le. Über­gangs­for­de­run­gen: Sie gehen von dem Bewusst­sein und den Pro­ble­men aus, die von der Mas­se der Arbeiter*innen emp­fun­den wer­den, um soli­da­ri­sche Lösun­gen vor­zu­schla­gen (wie die Ver­kür­zung der Arbeits­zeit ohne Lohn­ein­bu­ßen, mit pro­por­tio­na­ler Ein­stel­lung und der Kon­trol­le der Arbeiter*innen über die Arbeits­be­din­gun­gen, wie das Ver­bot von Ent­las­sun­gen usw.), die in der Pra­xis nicht mit dem kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tem ver­ein­bar sind. Der Auf­bau einer revo­lu­tio­nä­ren Par­tei: Dies wür­de die brei­te sozia­le und Arbeiter*innen-Vorhut poli­tisch orga­ni­sie­ren, all jene, die stän­dig kämp­fen, nicht nur in Zei­ten brei­ter Mas­sen­be­we­gun­gen. Die Orga­ni­sa­ti­on von Erin­ne­rung und Refle­xi­on auf natio­na­ler und inter­na­tio­na­ler Ebe­ne, damit die Erfah­run­gen einer Zeit des Bewe­gungs­auf­schwungs in Zei­ten des Zurück­flu­tens nicht ver­lo­ren gehen und zur Ori­en­tie­rung der erneut ent­flam­men­den Mas­sen­be­we­gung genutzt wer­den kön­nen.

Die sozia­lis­ti­sche Stra­te­gie von Ernest Man­del war orga­nisch
inter­na­tio­na­lis­tisch: Er plä­dier­te für eine Bewer­tung der sozia­len und
poli­ti­schen Situa­ti­on aus­ge­hend von der Welt­ebe­ne, ihrer Märk­te, ihrer
Zwangs­mit­tel, der ekla­tan­ten Ungleich­hei­ten, die der Kapi­ta­lis­mus schafft, aber
auch der Wider­stands­mög­lich­kei­ten der ver­schie­de­nen Bewe­gun­gen mit
eman­zi­pa­to­ri­schem Cha­rak­ter auf inter­na­tio­na­ler Ebe­ne. Für die armen und
abhän­gi­gen Län­der ver­tei­dig­te er die Stra­te­gie der per­ma­nen­ten Revo­lu­ti­on, für
die die Auf­ga­ben der demo­kra­ti­schen Revo­lu­ti­on, der natio­na­len Selbst­be­stim­mung
und der radi­ka­len Agrar­re­form nicht von bür­ger­li­chen Kräf­ten erfüllt wer­den
kön­nen und des­halb die Macht­über­nah­me durch die Arbeiter*innenklasse erfor­dern,
die mit der Mas­se der ent­eig­ne­ten und unter­drück­ten Schich­ten ver­bün­det ist, um
so Teil des Pro­zes­ses der sozia­lis­ti­schen Welt­re­vo­lu­ti­on zu wer­den.

Bürokratie

Die inner­halb des Kapi­ta­lis­mus geschaf­fe­nen
Mas­sen­or­ga­ni­sa­tio­nen der Arbeiter*innen (Ver­bän­de, Gewerk­schaf­ten, Par­tei­en)
kom­men nicht ohne haupt­amt­li­ches Per­so­nal aus. Es wer­den Organisator*innen,
pro­fes­sio­nel­le Journalist*innen, Politiker*innen usw. benö­tigt, um sol­che
Orga­ni­sa­tio­nen zum Funk­tio­nie­ren zu brin­gen und sie in den Par­la­men­ten zu
ver­tre­ten. Ernest Man­del war sich des­sen wohl bewusst. Aber er wies auf den
Preis hin, der dafür zu zah­len sei: die Ent­ste­hung einer pri­vi­le­gier­ten
büro­kra­ti­schen Schicht inner­halb der Arbei­ter­or­ga­ni­sa­tio­nen, die ihre eige­nen
Inter­es­sen ent­wi­ckelt und zuneh­mend kon­ser­va­tiv wird. Sie bin­det sich an die
wohl­ha­ben­de­ren Schich­ten der Lohn­ar­bei­ter­be­we­gung, hasst Revo­lu­ti­on „wie die Sün­de“
(Fried­rich Ebert), kana­li­siert und sabo­tiert Bewe­gun­gen, die den „nor­ma­len“
Gang der kapi­ta­lis­ti­schen Herr­schaft über die Gesell­schaft in Fra­ge stel­len
könn­ten.

Für Man­del waren die Arbei­ter­mas­sen­or­ga­ni­sa­tio­nen im Kapi­ta­lis­mus ein zwei­schnei­di­ges Instru­ment: Sie waren unent­behr­lich, um der Macht der Bos­se, ihrer Ver­bän­de und ihrer Par­tei­en ent­ge­gen­zu­tre­ten, und gleich­zei­tig waren sie dazu da, die Kämp­fe für Real­löh­ne, für bes­se­re Arbeits­be­din­gun­gen, für bes­se­ren sozia­len Schutz in den Rah­men des Kapi­ta­lis­mus zu kana­li­sie­ren und des­halb oft auf mehr als sym­bo­li­sche Kämp­fe zu ver­zich­ten.

Gegen die­se Büro­kra­tien schlug Man­del den Auf­bau lin­ker
klas­sen­kämp­fe­ri­scher Strö­mun­gen vor, ins­be­son­de­re inner­halb der Gewerk­schaf­ten,
die eine stra­te­gi­sche und per­so­nel­le Alter­na­ti­ve zu den
refor­mis­tisch-kon­ser­va­ti­ven Ori­en­tie­run­gen der büro­kra­ti­schen Füh­rung bie­ten.
Es war ihm klar, dass lin­ke Alter­na­ti­ven nur im Rah­men brei­ter, kämp­fe­ri­scher
Mas­sen­be­we­gun­gen die Ober­hand gewin­nen kön­nen. Die ers­te Auf­ga­be der
Revolutionär*innen besteht daher dar­in, alles Mög­li­che zu tun, um jeden Impuls
der kol­lek­ti­ven Selbst­tä­tig­keit der Arbeiter*innen und Unter­drück­ten zu
för­dern, zu ermu­ti­gen und zu unter­stüt­zen. Für Man­del waren die
Arbei­ter­mas­sen­or­ga­ni­sa­tio­nen im Kapi­ta­lis­mus ein zwei­schnei­di­ges Instru­ment:
Sie waren unent­behr­lich, um der Macht der Bos­se, ihrer Ver­bän­de und ihrer
Par­tei­en ent­ge­gen­zu­tre­ten, und gleich­zei­tig waren sie dazu da, die Kämp­fe für
Real­löh­ne, für bes­se­re Arbeits­be­din­gun­gen, für bes­se­ren sozia­len Schutz in den
Rah­men des Kapi­ta­lis­mus zu kana­li­sie­ren und des­halb oft auf mehr als sym­bo­li­sche
Kämp­fe zu ver­zich­ten. Um sie zu wirk­sa­men Instru­men­ten für die unmit­tel­ba­ren
Inter­es­sen der Arbeiter*innen zu machen, ist es not­wen­dig, ihren Bruch mit der
Poli­tik der Klas­sen­zu­sam­men­ar­beit und der Sozi­al­part­ner­schaft zu orga­ni­sie­ren.

Die mar­xis­tisch-revo­lu­tio­nä­re Kri­tik an die­sen Regi­men ist nicht die glei­che wie die Kri­tik bür­ger­li­cher Ideolog*innen.

Wäh­rend die den bür­ger­lich-par­la­men­ta­ri­schen Staa­ten mehr
oder weni­ger ange­pass­ten Büro­kra­tien der Gewerk­schaf­ten und Arbeiter*innenparteien
im All­ge­mei­nen ein mehr oder weni­ger auto­ri­tä­res, unde­mo­kra­ti­sches Regime
unter­hal­ten, das oft Basis­in­itia­ti­ven erstickt und lin­ke Oppo­si­tio­nen hef­tig
bekämpft, waren die büro­kra­ti­schen Regime der Staats­par­tei­en in den Län­dern des
soge­nann­ten „Real­so­zia­lis­mus“ regel­rech­te Unter­drü­ckungs­ma­schi­nen. Die
Büro­kra­ti­sie­rung der UdSSR hat­te die Sta­lin­frak­ti­on an die Macht gebracht, die
der geeig­ne­te Ver­tre­ter die­ser pri­vi­le­gier­ten büro­kra­ti­schen Schicht war, die
zur Ver­tei­di­gung ihrer mate­ri­el­len Inter­es­sen vor allem mit der revo­lu­tio­nä­ren
Ver­gan­gen­heit des Bol­sche­wis­mus und mit der Bin­dung an die Welt­re­vo­lu­ti­on
bre­chen woll­te. Daher das Kon­zept des „Sozia­lis­mus in einem Land“; eine staat­li­che
Macht­po­li­tik trat an die Stel­le der per­ma­nen­ten Revo­lu­ti­on und des kon­se­quen­ten
Inter­na­tio­na­lis­mus der jun­gen Kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tio­na­le.

Die mar­xis­tisch-revo­lu­tio­nä­re Kri­tik an die­sen Regi­men ist
nicht die glei­che wie die Kri­tik bür­ger­li­cher Ideolog*innen. Natür­lich ist es
not­wen­dig, die schreck­li­chen Ver­bre­chen Sta­lins und sei­ner Cli­que anzu­pran­gern,
aber gleich­zei­tig ist es not­wen­dig, den ein­deu­tig kon­ser­va­ti­ven Cha­rak­ter des
„offi­zi­el­len“ Kom­mu­nis­mus seit der Herr­schaft Sta­lins zu ver­ste­hen.

Um die­se Staa­ten zu cha­rak­te­ri­sie­ren, stütz­te sich Man­del
haupt­säch­lich auf Trotz­kis Ana­ly­sen, berei­cher­te sie aber auch, indem er neue
Ent­wick­lun­gen ana­ly­sier­te. Der Begriff „büro­kra­tisch dege­ne­rier­ter Arbei­ter­staat“
irri­tiert. Schon Trotz­ki moch­te ihn nicht beson­ders ger­ne und benutz­te ihn in
Erman­ge­lung eines bes­se­ren Begriffs. In der Tat, was bedeu­tet ein Arbei­ter­staat
(selbst ein stark büro­kra­ti­sier­ter), in dem die Arbeiter*innenklasse nicht die
Macht aus­übt, und in dem ihr sogar ele­men­ta­re demo­kra­ti­sche Rech­te vor­ent­hal­ten
wer­den?

Ernest Man­del argu­men­tier­te in Anleh­nung an Trotz­ki vor
allem damit, dass eini­ge der Errun­gen­schaf­ten der Revo­lu­ti­on vom Okto­ber 1917
erhal­ten geblie­ben waren: Weder die Pro­duk­ti­ons­mit­tel noch die Arbeits­kräf­te
waren Waren; Wert­ge­setz und Markt beherrsch­te nicht die geplan­te Wirt­schaft;
der Staat hat­te nach wie vor ein Außen­han­dels­mo­no­pol. Dies waren
nicht­ka­pi­ta­lis­ti­sche Gesell­schaf­ten im Über­gang zum Sozia­lis­mus, obwohl sie büro­kra­tisch
ver­knö­chert waren. Die Auf­ga­be bestand daher dar­in, die Ver­tei­di­gung der
nicht­ka­pi­ta­lis­ti­schen Ele­men­te gegen jeden Ver­such, den Kapi­ta­lis­mus von innen
oder außen wie­der­her­zu­stel­len, mit dem revo­lu­tio­nä­ren Sturz der Büro­kra­tie zu
ver­bin­den und erneut eine sozia­lis­ti­sche Räte­de­mo­kra­tie zu errich­ten.

… alles Mög­li­che zu tun, um die selbst­be­stimm­te Eigen­ak­ti­vi­tät der Arbeiter*innenklasse und der unter­drück­ten Mas­sen im All­ge­mei­nen zu ermu­ti­gen und zu för­dern.

Der Pro­zess des Zer­bre­chens des sta­li­nis­ti­schen
Mono­li­this­mus, die Kri­se des Sta­li­nis­mus und dann des Post­sta­li­nis­mus waren für
Man­del und die Vier­te Inter­na­tio­na­le ermu­ti­gend, aber auch vol­ler theo­re­ti­scher
und pro­gram­ma­ti­scher Her­aus­for­de­run­gen. Nach dem Zusam­men­bruch der UdSSR und
der ver­bün­de­ten oder ähn­li­chen Regime in Euro­pa begrüß­te Man­del nach­drück­lich
die Tat­sa­che, dass der sta­li­nis­ti­sche „blei­er­ne Deckel“ auf­ge­sprengt war, und
sah bereits den Beginn eines revo­lu­tio­nä­ren Pro­zes­ses in Rich­tung der erhoff­ten
poli­ti­schen Revo­lu­ti­on und eine Rück­kehr des Stre­bens nach ech­ter sozia­lis­ti­scher
Demo­kra­tie auf Mas­sen­ebe­ne. Es gab Anzei­chen in die­se Rich­tung, aber Man­dels
Hoff­nun­gen wur­den durch die Rea­li­tät des kapi­ta­lis­ti­schen
Restau­ra­ti­ons­pro­zes­ses und den tri­um­pha­len Sieg des kapi­ta­lis­ti­schen „Wes­tens“
im “Kal­ten Krieg”, der offen­sicht­lich eine gro­ße Nie­der­la­ge für die
Arbeiter*innenklasse auf pla­ne­ta­ri­scher Ebe­ne war, zunich­te gemacht.

In Macht und Geld,
sei­nem gro­ßen Buch über die Büro­kra­tie, schrieb Ernest Man­del selbst­kri­tisch,
dass der „revo­lu­tio­nä­re Mar­xis­mus“ (und damit er selbst) die ver­hee­ren­den
Aus­wir­kun­gen der Jahr­zehn­te sta­li­nis­ti­scher und post­sta­li­nis­ti­scher Herr­schaft
auf das Bewusst­sein der Arbeiter*innen unter­schätzt habe. Ande­rer­seits hat­te er
aber auch das Wider­stands­po­ten­zi­al gegen die Restau­ra­ti­on des Kapi­ta­lis­mus
inner­halb der herr­schen­den Büro­kra­tie selbst über­schätzt. Dies sind wich­ti­ge
Ele­men­te, aber sie rei­chen nicht aus, um die­se Debat­te zu been­den.

Dar­über hin­aus ist das wirk­lich ori­gi­nel­le Kapi­tel über
„Sub­sti­tu­tio­nis­mus“ (Stell­ver­tre­ter­ideo­lo­gie und ‑pra­xis) in die­sem Buch von
beson­de­rem Inter­es­se für Revolutionär*innen. Denn wäh­rend die
sub­sti­tu­tio­nis­ti­sche Ideo­lo­gie cha­rak­te­ris­tisch für die Füh­rung der gro­ßen
büro­kra­ti­schen Appa­ra­te ist ‒ die ihre stän­di­ge Nei­gung, im Namen und an der
Stel­le der Lohn­emp­fän­ger zu han­deln, recht­fer­ti­gen wol­len ‒, erlie­gen
Revo­lu­tio­nä­re unter bestimm­ten Umstän­den auch der Ver­su­chung des Sub­sti­tu­tio­nis­mus
. Ernest Man­del gibt über­zeu­gen­de Bei­spie­le nicht nur für Lenin und Trotz­ki,
son­dern zum Bei­spiel auch für Luxem­burg und Gram­sci! Und er zeigt, dass in
die­sem Fall der Grad der auto­no­men Akti­vi­tät der Arbeiter*innenklasse und der
Unter­drück­ten der ent­schei­den­de Fak­tor ist. Wenn die­ser Grad sehr nied­rig ist,
herrscht oft Sub­sti­tu­tio­nis­mus jeg­li­cher Art vor (par­la­men­ta­risch, cau­dil­lis­tisch,
ter­ro­ris­tisch, pro­pa­gan­dis­tisch usf.).

Und Ernest Man­del zieht noch ein­mal die Schluss­fol­ge­rung,
dass die Haupt­auf­ga­be der Revolutionär*innen dar­in besteht, alles Mög­li­che zu
tun, um die selbst­be­stimm­te Eigen­ak­ti­vi­tät der Arbeiter*innenklasse und der
unter­drück­ten Mas­sen im All­ge­mei­nen zu ermu­ti­gen und zu för­dern.

Zu diskutieren

Er war immer auf der Suche nach der Ent­wick­lung von Bewe­gun­gen mit eman­zi­pa­to­ri­schem Poten­zi­al über­all auf der Welt. Er such­te danach wie nach Trüf­feln. Er prä­sen­tier­te sie als Beu­te. Manch­mal über­schätz­te er die Poten­zia­le, manch­mal unter­schätz­te er die Schwie­rig­kei­ten.

Der theo­re­ti­sche Bei­trag von Ernest Man­del ist zu
reich­hal­tig, als dass ich sie ihn mit weni­gen Zei­len kri­tisch unter­su­chen könn­te.
Ich muss mich dar­auf beschrän­ken, drei Fra­gen auf­zu­wer­fen und dazu ein­la­den,
mein Buch zu lesen. Eine Fra­ge, die dem revo­lu­tio­nä­ren Mar­xis­mus am Her­zen
liegt, ist, ob die Rea­li­tät der sozia­lis­ti­schen Welt­re­vo­lu­ti­on auch im 21.
Jahr­hun­dert noch aktu­ell ist und ob die Arbeiter*innenklasse nicht ihr
Poten­ti­al ver­lo­ren hät­te, einen sol­chen revo­lu­tio­nä­ren Pro­zess anzu­füh­ren.
Trotz­ki hat­te bereits Zwei­fel dar­an geäu­ßert und bei­spiels­wei­se erklärt, dass,
wenn sich die sowje­ti­sche Arbeiter*innenklasse als unfä­hig erwei­sen soll­te, die
Macht der Büro­kra­tie zu stür­zen, um ihre eige­ne Klas­sen­macht
wie­der­her­zu­stel­len, das Über­gangs­pro­gramm sei­ne Bedeu­tung ver­lie­ren wür­de und durch
ein neu­es Mini­mal­pro­gramm zur Ver­tei­di­gung der ele­men­ta­ren Inter­es­sen der
ver­sklav­ten Mas­sen ersetzt wer­den müss­te. Wie sieht es heu­te aus? Es ist nicht
bewie­sen, dass der Wie­der­auf­bau einer eman­zi­pa­to­ri­schen und revo­lu­tio­nä­ren
Arbeiter*innenbewegung wei­ter­hin mög­lich ist. Die neu­en Impul­se, begin­nend mit
dem Auf­stieg der PT in Bra­si­li­en Anfang der 1980er Jah­re, sind regel­mä­ßig
zer­schellt oder in der Anpas­sung erstickt.

Eine wei­te­re zu dis­ku­tie­ren­de Fra­ge betrifft Ernest Man­dels
Mar­xis­mus, der ein „offe­ner“ Mar­xis­mus gewe­sen war und sich gleich­zei­tig
bestimm­ten Ortho­do­xien („mar­xis­tisch“, „leni­nis­tisch“, „trotz­kis­tisch“)
ver­pflich­tet fühl­te, sowie ein star­kes Stre­ben nach einer all­um­fas­sen­den
Kohä­renz ent­hielt. Ich deu­te das als Aus­druck des Bedürf­nis­ses, den
Zusam­men­halt der eige­nen Orga­ni­sa­ti­on zu sichern und zu stär­ken, die sich weder
auf ein „sozia­lis­ti­sches Hei­mat­land“ noch auf brei­te Mas­sen stüt­zen konn­te.
Man­dels Mar­xis­mus, sei­ne „Welt­an­schau­ung“, basiert übri­gens recht stark auf den
Popu­la­ri­sie­rungs­schrif­ten von Engels und Ple­ch­a­now, die die Leh­re vom
„Mar­xis­mus“ mehr oder weni­ger erfun­den haben. Das ist der pro­me­t­hei­sche
Mar­xis­mus der klas­si­schen Arbeiter*innenbewegung, ver­bun­den mit einem star­ken
Glau­ben an den wis­sen­schaft­li­chen, tech­no­lo­gi­schen und sozia­len Fort­schritt und
an das krea­ti­ve Poten­ti­al der Arbeiter*innenklasse, die fähig ist, die
schwie­rigs­ten Pro­ble­me zu lösen.

Ernest Man­del moch­te es nicht, wenn man von ihm sag­te, er
sei oft „zu opti­mis­tisch“. Er hat­te ein star­kes pro­gnos­ti­sches Selbst­ver­trau­en
gewon­nen, indem er wich­ti­ge Ent­wick­lun­gen in den 1960er und 1970er Jah­ren rich­tig
vor­aus­sag­te ‒ nicht alle, aber doch eini­ge.
Er war immer auf der Suche nach der Ent­wick­lung von Bewe­gun­gen mit
eman­zi­pa­to­ri­schem Poten­zi­al über­all auf der Welt. Er such­te danach wie nach Trüf­feln.
Er prä­sen­tier­te sie als Beu­te. Manch­mal über­schätz­te er die Poten­zia­le,
manch­mal unter­schätz­te er die Schwie­rig­kei­ten.

Bereits im Alter von 23 Jah­ren lob­te er Abra­ham Léon als
Vor­bild, der sei­ne Genoss*innen dräng­te, „hin­ter jedem Grund zur Ver­zweif­lung
einen Grund zur Hoff­nung zu sehen“. Wie kann man in der Mit­ter­nacht des 20.
Jahr­hun­derts ohne eine so bewun­derns­wer­te mora­li­sche Kraft den revo­lu­tio­nä­ren
Kampf gegen Nazis­mus und Krieg füh­ren und gleich­zei­tig die huma­nis­ti­sche
Hal­tung bei­be­hal­ten? An die­ser Stel­le ist es üblich, einen bestimm­ten Aus­spruch
von Anto­nio Gram­sci über Opti­mis­mus und Pes­si­mis­mus zu zitie­ren.

Zur Abwechs­lung möch­te ich mit einem Zitat von Robert Mer­le
schlie­ßen, der über sei­nen männ­li­chen Hel­den, den Del­phi­no­lo­gen Sevil­la, sagt:
„Er war nicht so naiv zu glau­ben, dass eine Sache tri­um­phiert, weil sie gerecht
ist, aber er konn­te sich nicht den Luxus leis­ten, pes­si­mis­tisch zu sein.“[4]

Aus dem Fran­zö­si­schen über­setzt von Wil­fried Dubo­is

Die­ser Arti­kel ist für die Zeit­schrift Inpre­cor ver­fasst und in Nr. 676, Juli 2020, ver­öf­fent­licht wor­den.

Lust auf mehr?


[1]
Jan Wil­lem Stut­je, Ernest Man­del. Rebel
tus­sen droom en daad, 1923‒1995, Ant­wer­pen: Hou­te­kiet; Gent: Ams­ab-ISG, 2007;
dt.: Rebell zwi­schen Traum und Tat. Ernest Man­del (1923–1995), aus dem
Nie­der­län­di­schen über­setzt von Klaus Mel­lent­hin, Ham­burg: VSA-Ver­lag, 2009.

[2]
Gil­bert Ach­car (Hrsg.), Gerech­tig­keit und Soli­da­ri­tät. Ernest Man­dels
Bei­trag zum Mar­xis­mus, Köln: Neu­er ISP Ver­lag, 2003.
Die­ser Band ist zuerst 1999 auf Fran­zö­sisch und 2000 auf Eng­lisch erschie­nen.
Er ent­hält eine Ein­lei­tung von Gil­bert Ach­car und Bei­trä­ge von Jesús Albar­r­acín
zusam­men mit Pedro Mon­tes, Robin Blackburn, Nor­man Geras, Michel Hus­son,
Fran­cis­co Lou­çã, Micha­el Löwy, Charles Post, Cathe­ri­ne Sama­ry.
Die deut­sche Aus­ga­be ent­hält außer­dem eine von Chris­toph Jün­ke und Wil­fried Dubo­is
erar­bei­te­te „Biblio­gra­phie deutsch­spra­chi­ger Schrif­ten von Ernest Man­del“.

[3]
Manu­el Kell­ner, Gegen Kapi­ta­lis­mus und Büro­kra­tie – zur sozia­lis­ti­sche
Stra­te­gie bei Ernest Man­del,
Köln: Neu­er ISP Ver­lag, 2009 (über­ar­bei­te­te
Fas­sung der Dis­ser­ta­ti­on, Phil­ipps-Uni­ver­si­tät Mar­burg, 2005).

[4]
Robert Mer­le, Un ani­mal doué de rai­son,
Paris: Gal­li­mard, 1967, S. 271; dt.: Ein
ver­nunft­be­gab­tes Tier.
Roman, Ber­lin u. Wei­mar: Auf­bau, 1969; westdt.
Ausg.: Der Tag der Del­phi­ne. Roman,
Karls­ru­he: Stahl­berg, 1969.

Read More