[EMRAWI:] Wozu dann der Name ?

»Wir frag­ten uns: Wur­den Aktio­nen gemacht, um etwas zu errei­chen, oder weil sie den Han­deln­den Sta­tus ein­brach­ten?« – aus »Becau­se the night belongs to us …«

Ham­burg, 01. Dezem­ber 2019. Ein Auto steht in Flam­men. Nicht irgend­ein Auto. Ein Auto des Bosch-Kon­zerns. »Bosch der Bohr­ma­schi­nen­her­stel­ler?« »Jup, genau der.« »Ach­so, ja dann. Da hat­te wohl eine*r was gegen Bohr­ma­schi­nen.«

Zum Glück gibt es Indy­m­e­dia, zum Glück kön­nen Inter­es­sier­te dort ein Bekennt­nis einer »Femi­nis­ti­schen Auto­no­men Zel­le« lesen, zum Glück kön­nen Liebhaber*innen von Bohr­ma­schi­nen dort nach­le­sen, dass sich die­ser Brand­an­schlag gar nicht gegen Bosch als Bohr­ma­schi­nen­her­stel­ler, son­dern gegen Bosch als Ent­wick­ler von Sicher­heits- und Über­wa­chungs­tech­nik rich­te­te und zum Glück erlaubt es die­ses Bekennt­nis denen, die dann noch immer nicht ein­ver­stan­den sind, Kri­tik an die­sem Angriff zu üben. Und wer auf­merk­sam die Ver­öf­fent­li­chun­gen bei Indy­m­e­dia ver­folgt, die*der wird außer­dem fest­stel­len, dass unter dem Namen »Femi­nis­ti­sche Auto­no­me Zel­le« und stets signiert mit »Gruß und Kuss« noch ganz ande­re Aktio­nen statt­ge­fun­den haben: Im August brann­te in Frei­burg ein Ama­zon-Locker und mar­kier­te damit den Beginn einer Serie von »Nadelstiche[n] gegen Kno­ten­punk­te der kapi­ta­lis­tisch-patri­ar­cha­len Maschi­ne­rie«, Mit­te Dezem­ber brann­te ein Vono­via-Auto in Ber­lin, konn­te aber noch recht­zei­tig gelöscht wer­den, zwei Tage spä­ter wur­de eben­falls in Ber­lin ein wei­te­rer Ama­zon-Locker mit Far­be ver­un­ziert und Ende des Jah­res brann­te ein Fahr­zeug der evan­ge­li­ka­len »Tübin­ger Offen­si­ven Stadt­mis­si­on«, deren Fas­sa­de in der glei­chen Nacht einen neu­en, lila Anstrich bekam.

Eigent­lich woll­te ich nun – ihr habt es ver­mut­lich schon geahnt – dar­auf hin­aus, dass Bekennt­nis­se bei Indy­m­e­dia sich zwar an eine »Sze­ne« rich­ten, als Erklä­rung eines Angriffs gegen­über den­je­ni­gen, die womög­lich nicht wis­sen, dass der Bosch-Kon­zern nicht bloß Bohr­ma­schi­nen her­stellt, eher weni­ger taugt. Aber die­se Posi­ti­on wur­de vom ultra­rech­ten Blog »Jour­na­lis­ten­watch« wider­legt, der doch tat­säch­lich von einem Anschlag einer »linksextremisitsche[n] Wei­ber­kampf­trup­pe« in Tübin­gen berich­te­te und sogar einen gan­zen Absatz des bei Indy­m­e­dia ver­öf­fent­lich­ten Pam­phlets zitier­te. Den­noch: Aus­schwei­fen­de Erklä­run­gen dazu, war­um mensch sich für einen bestimm­ten Angriff ent­schie­den hat, hal­te ich meist für wenig gewinn­brin­gend, eben­so wie ich die Kum­mu­lie­rung meh­re­rer Aktio­nen unter einen gemein­sa­men Namen in der Regel für kon­tra­pro­duk­tiv hal­te. Im fol­gen­den möch­te ich dar­le­gen, war­um.

Ange­nom­men ich hät­te ein Auto ange­zün­det, geplät­tet, mit Far­be über­gos­sen oder mit einem Ham­mer trak­tiert – und ich möch­te beto­nen, dass dies eine rein hypo­the­ti­sche Über­le­gung ist –, dann gäbe es dafür einen Grund. Viel­leicht wäre es ein Auto eines Unter­neh­mens gewe­sen, das vom Knast pro­fi­tiert, viel­leicht das eines Unter­neh­mens, das Sicher­heits­tech­nik ver­mark­tet, viel­leicht das eines Tech­no­lo­gie­kon­zerns, der zur smar­ten Kon­trol­le der Men­schen bei­trägt, viel­leicht das eines Immo­bi­li­en­kon­zerns, der von der Ver­drän­gung von Men­schen pro­fi­tiert, viel­leicht wäre es das Auto eines*einer Politiker*in gewe­sen, viel­leicht das eines*r Priester*in, viel­leicht ein Poli­zei­au­to, viel­leicht das Auto eines Nazis, viel­leicht das Auto meines*r Chef*in oder viel­leicht auch ein­fach ein Angeber*innenauto, das der Zur­schau­stel­lung des eige­nen Reich­tums dient. Was ich mit die­ser sicher­lich unvoll­stän­di­gen Auf­zäh­lung sagen möch­te: In aller Regel wäre ich nicht am Stra­ßen­rand gestan­den, hät­te einen Abzähl­reim auf­ge­sagt und dann das dadurch aus­ge­wähl­te Auto in Brand gesetzt und selbst wenn ich das getan hät­te, dann hät­te das einen Grund: Zum Bei­spiel mei­ne auf­lo­dern­de Wut und Feind­schaft zu die­ser Gesell­schaft, mein Ver­lan­gen alles was exis­tiert zu zer­stö­ren. Aber gehen wir davon aus, es wür­de mir gelin­gen, die­se Feind­schaft in geziel­te Bah­nen zu len­ken, in Bah­nen, die es mir erlau­ben die Struk­tu­ren und Insti­tu­tio­nen der Herr­schaft zu iden­ti­fi­zie­ren und gezielt anzu­grei­fen. Gehen wir also davon aus, es wäre das Auto eines Unter­neh­mens wie Bosch, Sie­mens oder Tele­kom gewe­sen, ein Auto wie es in vie­len Städ­ten an jeder Stra­ßen­ecke steht und doch eines, das zwei­fels­frei als Fir­men­fahr­zeug zu erken­nen ist bzw. war. Spricht ein sol­cher Angriff nicht für sich? Und wenn nicht: War­um nicht?

Zuge­ge­ben, ich könn­te mir Situa­tio­nen vor­stel­len, in denen ich das Bedürf­nis haben könn­te, einen Angriff kurz zu erläu­tern. Ein Hin­weis auf das Betä­ti­gungs­feld eines Unter­neh­mens, die Erkennt­nis, dass die*der Besitzer*in eines Autos Politiker*in ist, die Infor­ma­ti­on, dass ein Auto ein Zivil­fahr­zeug der Poli­zei ist, usw. Aber spä­tes­tens dann, wenn ich das Gefühl hät­te, dass ich ein gan­zes Mani­fest ver­fas­sen müss­te, um mei­nen Angriff zu erklä­ren, wür­de sich mir die Fra­ge stel­len, inwie­fern mein Angriff als Vor­schlag die­nen kann, die Herr­schaft anzu­grei­fen. Viel­leicht soll er das ja gar nicht. Viel­leicht ist er ja eher Aus­druck von Rache, dann scheint mir per­sön­lich eine (öffent­li­che) Erläu­te­rung aber ohne­hin meist unnö­tig, immer­hin geht es dann um eine Sache zwi­schen mir und einer ande­ren Per­son.

Wenn ich häu­fig die sei­ten­lan­gen Erklä­run­gen lese, die Per­so­nen anläss­lich eines Angrif­fes abge­ben, gewin­ne ich nicht sel­ten den Ein­druck, dass die­se Angrif­fe nur Vor­wand sind, um sich und den eige­nen Ideen Gehör zu ver­schaf­fen. Eine Stra­te­gie, um Auf­merk­sam­keit zu erre­gen, sei es inner­halb einer »Sze­ne« oder auch dar­über hin­aus. Eine Stra­te­gie, die lei­der viel zu häu­fig auf­geht.

Doch Erklä­run­gen zu einem Angriff sind das eine, ein wie­der­keh­ren­der Grup­pen­na­me wie »Revo­lu­tio­nä­re Zel­len«, »Rote Zora« oder »Femi­nis­ti­sche Auto­no­me Zel­le« etwas ande­res. Wäh­rend ich in einer Erklä­rung durch­aus den Ver­such sehen kann, die Hin­ter­grün­de eines Angriffs zu erklä­ren, scheint mir die Eta­blie­rung eines Namens viel eher Aus­druck eines per­sön­li­chen Gel­tungs­be­dürf­nis­ses oder, wie es eine »Femi­nis­ti­sche Auto­no­me Zel­le« aus­drück­te, der ins­ge­hei­me Wunsh nach »Sta­tus« zu sein. Ich ver­ste­he nicht, war­um ein wie­der­keh­ren­der Name »Kri­ti­sier­bar­keit« schaf­fen soll­te. Immer­hin kann ich einen Angriff ja auch ohne ein sol­ches Namens­be­kennt­nis kri­ti­sie­ren. Egal ob ich mei­ne Kri­tik mit »Unbe­kann­te haben ein Auto abge­fa­ckelt« oder mit »Eine Femi­nis­ti­sche Auto­no­me Zel­le hat ein Auto abge­fa­ckelt« ein­lei­te, so kann sie doch in bei­den Fäl­len mit »Des­halb hal­te ich die­sen Angriff für fehl­ge­lei­tet« enden. Das glei­che gilt übri­gens für eine posi­ti­ve Rezep­ti­on eines Angriffs.

Und wenn ich nun ein*e heimliche*r Bohrmaschinenliebhaber*in wäre und des­halb den Angriff auf Bosch unmög­lich gut­hei­ßen könn­te, wür­de der Angriff auf die »Tübin­ger Offen­si­ve Mis­si­on«, die mir bestimmt das sonn­täg­li­che Boh­ren ver­bie­ten wol­len, etwas an mei­ner Mei­nung ändern? Wür­de er den Angriff in einem ande­ren Licht erschei­nen las­sen? Kei­ne Ahnung, ich mag kei­ne Bohr­ma­schi­nen, zumin­dest kei­ne von Bosch. Aber es erscheint mir nicht beson­ders sinn­voll, mei­ne Mei­nung zu einer Hand­lung an einer Iden­ti­tät, an einer Rei­he von Hand­lun­gen aus der Ver­gan­gen­heit, die ein Pro­fil einer Per­son oder gar einer Per­so­nen­grup­pe schaf­fen, fest­zu­ma­chen. Wozu die­ser mili­tan­te »Lebens­lauf« mit all sei­nen Refe­ren­zen?

Natür­lich ist es vor allem mein Pro­blem, wenn ich einem Namen, unter dem bereits vie­le Angrif­fe began­gen wur­den, einen Expert*innenstatus ein­räu­me, den­noch sind sol­che Dyna­mi­ken abseh­bar und – ich behaup­te – von den­je­ni­gen, die sich einen wie­der­keh­ren­den Namen geben, in der Regel gewollt. Wer Angrif­fe als Hand­lungs­vor­schlä­ge ver­steht – und davon gehe ich aus, wenn von Repro­du­zier­bar­keit und Ein­fach­heit, sowie einem DIY-Cha­rak­ter die Rede ist –, die*der soll­te viel­leicht auch dar­auf ach­ten, dass das eige­ne Auf­tre­ten die­sen nicht im Wege steht. Wenn ich einer­seits lese »[e]s brauch[e] kei­ne Exper­ti­se« um anzu­grei­fen, ande­rer­seits jedoch immer wie­der (nur) Bekennt­nis­se unter berüch­tig­ten Namen oder zumin­dest mit sei­ten­lan­gen Erklä­run­gen lese, weil es (schein­bar) gar nicht dar­um geht, Angrif­fe im All­ge­mei­nen, wie sie täg­lich statt­fin­den, sicht­bar zu machen, son­dern eher dar­um, die eige­nen Angrif­fe in gro­ße Wor­te zu klei­den, steht das für mich in Wider­spruch zuein­an­der. Und wenn ich dann noch lese, dass erst das Kon­zept derer, die einen so klang­vol­len Namen füh­ren, »eine Ver­mas­sung und Dezen­tra­li­sie­rung von Orga­ni­sie­rung und Aktio­nen ermöglich[t]«, dann ver­geht mir auch der letz­te Mut, selbst einen Angriff zu wagen. Da hilft auch die Beteue­rung nichts, dass es denen, die mei­nen Angriff ger­ne in ihr Kon­zept inte­griert hät­ten, gar nicht um »spek­ta­ku­lä­re Aktio­nen« geht.

Wenn eine »Femi­nis­ti­sche Auto­no­me Zel­le« schreibt »Wir kri­ti­sie­ren Per­so­na­li­sie­rung und Per­so­nen­kult sowie Ido­li­sie­rung in der Sze­ne, beein­dru­cken­de Pres­ti­ge-Aktio­nen, die aber ein­ma­lig blei­ben, sowie ange­kün­dig­te (befrie­de­te) Mas­sen­ak­tio­nen. Unser For­mat ist eine anony­me und auf Nach­hal­tig­keit ange­leg­te mili­tan­te Bewe­gung von dezen­tra­len auto­no­men Zel­len«, scheint es mir fast so, als wür­den die Verfasser*innen mei­ne Kri­tik dies­be­züg­lich tei­len. Auf Macker*innen, die damit ange­ben, was sie sich alles trauen/​getraut haben, auf Per­so­nen, die ger­ne für ande­re spre­chen und jede Form von Sze­ne-Idol kann auch ich getrost ver­zich­ten. Doch für mich fal­len dar­un­ter nicht nur die – oft betrun­ke­nen – Bekennt­nis­se, um ande­ren zu impo­nie­ren oder sie zu beein­dru­cken, son­dern auch die ver­gleichs­wei­se nüch­ter­nen Bekennt­nis­se unter einem wie­der­keh­ren­den Namen. Auch die­se Bekennt­nis­se füh­ren zu einer Ido­li­sie­rung einer bestimm­ten Grup­pe oder auch nur eines Namens. Reak­tio­nen wie »Beein­dru­ckend, die femi­nis­ti­schen auto­no­men Zel­len haben schon wie­der zuge­schla­gen« schei­nen mir bei­na­he unver­meid­bar, wäh­rend gleich­ar­ti­ge Angrif­fe, viel­leicht sogar krea­ti­ve­re, inhalt­lich aus­ge­feil­te­re, ele­gan­te­re und vor allem repro­du­zier­ba­re­re zugleich meist unge­hört ver­hal­len: Zum Bei­spiel die Ver­un­stal­tung eines Ama­zon-Lockers mit Far­be in Ber­lin – ein Angriff, den ich natür­lich begrü­ße und den ich auch für einen guten Hand­lungs­vor­schlag hal­te, aber eben nicht mehr als ande­re Angrif­fe. Dadurch, dass sich zu die­sem Angriff als »FAZ« bekannt wur­de, erfuhr die­ser, so behaup­te ich, ins­ge­samt mehr Auf­merk­sam­keit als vie­le ande­re, in die­ser Zeit eben­falls statt­fin­den­den Angrif­fe ähn­li­chen Inhalts: In Osna­brück bei­spiels­wei­se wur­de – eben­falls unter Ein­satz von Far­be – eine Test­stre­cke für Auto­no­mes Fah­ren unbrauch­bar gemacht (sie­he Zünd­lum­pen Nr. 046). Ein Angriff, des­sen Fol­gen bes­ten­falls nicht am nächs­ten Tag mit Lap­pen und Rei­ni­gungs­mit­tel kom­pen­siert wer­den kön­nen, son­dern der im bes­ten Fall noch lan­ge im »Gedächt­nis« der »künst­li­chen Intel­li­genz« des getes­te­ten Bus­ses blei­ben wird. In Ham­burg wur­de die Flot­te von Dri­ve Now und Car2go sabo­tiert (sie­he Zünd­lum­pen Nr. 046). Eben­falls ein dezen­tra­ler und nied­rig­schwel­li­ger Angriff. Und in Mün­chen brann­ten um die­se Zeit Daten­ka­bel von Voda­fone und Stadt­wer­ke Mün­chen (Sie­he Zünd­lum­pen Nr. 45 und 46). Und das sind nur eini­ge Bei­spie­le, an die ich mich erin­ne­re. Ich möch­te hier kei­ner­lei Hier­ar­chi­sie­rung all die­ser Angrif­fe vor­neh­men. Ich per­sön­lich fin­de sie alle ähn­lich span­nend. Indem jedoch der eine Angriff unter einen wie­der­keh­ren­den Namen gestellt wird, der ihn mit wei­te­ren Angrif­fen und zum Teil auch einer theo­re­ti­schen Ein­bet­tung bün­delt, scheint er mir ver­hält­nis­mä­ßig stär­ker wahr­ge­nom­men zu wer­den. Das liegt mei­nes Erach­tens nach dar­an, dass auch ein Name, unter dem sich zu Angrif­fen bekannt wird, ido­li­siert wird. Frei­lich ist das zumin­dest auch die Schuld derer, die einem Namen eine sol­che Auto­ri­tät zuge­ste­hen, aber da ich in einem sol­chen Namen kaum einen ande­ren Sinn sehe, den­ke ich, dass auch die­je­ni­gen, die ihre Angrif­fe mit einem Namen signie­ren, ihren Teil dazu bei­tra­gen.

Über­nom­men von Zünd­lum­pen

Anm. Mod: Die­ser Arti­kel ist Teil einer Debat­te, die im Zünd­lum­pen, einer anar­chis­ti­schen Zei­tung aus Mün­chen, geführt wird.

Die Debat­te begann mit Wozu dann der Name ?.

Eine FAZ ant­wor­te­te mit Wegen alle­dem.

Ant­wort auf den FAZ Bei­trag: Von der Hand­lung zur Iden­ti­tät

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