[ISO:] Antikapitalistische Strategie und Organisationsfrage

Unab­hän­gig davon, wie viel Zeit seit­her ver­gan­gen ist und
wie oft das Ende der Geschich­te oder der Abschied von den „gro­ßen Erzäh­lun­gen“
beschwo­ren wor­den ist, stellt sich uns die Stra­te­gie- und damit
Orga­ni­sa­ti­ons­fra­ge stets aufs Neue. Als Grund­vor­aus­set­zung jeder poli­ti­schen
Arbeit wur­de die­se Fra­ge in der Lin­ken seit der Geburt der Arbei­ter­be­we­gung
immer wie­der dis­ku­tiert – im 19. Jahr­hun­dert noch in rudi­men­tä­rer Form,
expli­zit hin­ge­gen seit Lenins „Tak­tik als Plan“ und seit dem Bruch der
Revo­lu­tio­nä­re mit der Sozi­al­de­mo­kra­tie.

Natür­lich lässt sich über Stra­te­gie und Orga­ni­sa­ti­ons­fra­ge
auch getrennt dis­ku­tie­ren, aber in der Rea­li­tät (und daher zwangs­läu­fig auch in
der Theo­rie) hän­gen sie stets mit­ein­an­der zusam­men. Inso­fern müs­sen wir sie
auch im Zusam­men­hang sehen, um jede für sich über­haupt rich­tig ver­ste­hen zu
kön­nen. Im gesam­ten 20. Jahr­hun­dert wur­den die bei­den Fra­gen in den
unter­schied­lichs­ten Kom­bi­na­tio­nen und zeit­be­ding­ten Aus­ge­stal­tun­gen immer
wie­der dis­ku­tiert und in kon­kre­te For­meln gegos­sen: Was ist eine revo­lu­tio­nä­re
Orga­ni­sa­ti­on?; die end­lo­se Debat­te über Reform oder Revo­lu­ti­on, die Pro­pa­gie­rung
der Volks­front oder die Kon­zep­ti­on der Ein­heits­front, die Mas­sen- oder
Vor­hut­par­tei­en, die Tak­tik des Ent­ris­mus oder die bei­den gro­ßen stra­te­gi­schen
Optio­nen, die die Dis­kus­si­on im letz­ten Jahr­hun­dert beherrsch­ten (der
auf­stän­di­sche Gene­ral­streik und der ver­län­ger­te Volks­krieg), sind da nur eini­ge
Bei­spie­le. Wir wol­len die­se Dis­kus­sio­nen nicht im Ein­zel­nen wie­der­ge­ben,
son­dern die grund­le­gen­den Instru­men­te ver­mit­teln, die uns die theo­re­ti­sche
Ori­en­tie­rung und poli­ti­sche Pra­xis erleich­tern kön­nen.

Denn in die­sen ver­wir­ren­den Zei­ten, in denen die Per­spek­ti­ve
zu ver­schwim­men scheint, ist es enorm wich­tig, dar­an fest­zu­hal­ten und zu
reflek­tie­ren, wie wir uns orga­ni­sie­ren müs­sen, um die­ses Ziel zu errei­chen.

Einige Grundlagen

Unser stra­te­gi­sches Ver­ständ­nis basiert auf einer Rei­he von
Kon­zep­ten, die sich aus der his­to­ri­schen Erfah­rung ent­wi­ckelt haben. Es ist
nicht mög­lich, sie alle abzu­han­deln, und es wäre auch nicht sinn­voll, sie der
Rei­he nach zu zitie­ren; vie­le wer­den im wei­te­ren Text auf­tau­chen. Aber ich
möch­te kurz auf eini­ge von ihnen ein­ge­hen, bevor ich fort­fah­re, denn sie bie­ten
eine theo­re­ti­sche Grund­la­ge, auf der sich die wei­te­ren Über­le­gun­gen
erschlie­ßen.

.. wenn die oben nicht mehr kön­nen und die unten nicht mehr wol­len und die in der Mit­te zögern und zu den Unter­schich­ten ten­die­ren.

Mit dem Bank­rott der Zwei­ten Inter­na­tio­na­le 1915 ent­wi­ckel­te
Lenin erst­mals den Begriff der revo­lu­tio­nä­ren Kri­se. Was gemein­hin bekannt ist unter
der For­mu­lie­rung „wenn die oben nicht mehr kön­nen und die unten nicht mehr
wol­len und die in der Mit­te zögern und zu den Unter­schich­ten ten­die­ren”,
bedeu­tet eine Kri­se der gesam­ten sozia­len Bezie­hun­gen und zugleich eine
natio­na­le Kri­se. Die­se For­mel soll besa­gen, dass es beson­de­re und rela­tiv
außer­ge­wöhn­li­che Umstän­de gibt, unter denen der Staat und das gesam­te Sys­tem
ver­wund­bar sind und somit gestürzt wer­den kön­nen. Wei­ter, dass dies nicht zu
jedem belie­bi­gen Zeit­punkt geschieht und dass es des­halb einen Rhyth­mus im
Klas­sen­kampf gibt, der aus Brü­chen und Dis­kon­ti­nui­tä­ten besteht, die als Kri­sen
wahr­ge­nom­men wer­den müs­sen.

Denn wenn man über Stra­te­gie spre­chen will, geht es um Initia­ti­ve, Ent­schei­dungs­fä­hig­keit, kla­re Zie­le, Ver­an­ke­rung in der Arbei­ter­klas­se und ent­spre­chen­de Macht­ver­hält­nis­se.

Das zwei­te Kon­zept ist das des poli­ti­schen Moments. Lenin
ver­stand, dass die­se Kri­se in jedem belie­bi­gen Win­kel aus­bre­chen kann und dass
die Gesamt­heit der Wider­sprü­che des kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tems in ver­dich­te­ter
Form in jedem Kon­flikt zum Aus­druck kom­men kann, so unbe­deu­tend er auf den
ers­ten Blick auch sein mag. Eine Stu­den­ten­re­vol­te, eine demo­kra­ti­sche
For­de­rung, eine Mobi­li­sie­rung der Frau­en oder ein natio­na­ler Kon­flikt sind
eini­ge Bei­spie­le hier­für aus der Geschich­te. Die­ser Moment der Zuspit­zung und
des Aus­bruchs der Kri­se ist das poli­ti­sche Ereig­nis. Um die­sen Augen­blick zu
erken­nen, die Wider­sprü­che aus­zu­nut­zen und eine Kri­se sieg­reich zu lösen,
bedarf es einer bewuss­ten Inter­ven­ti­on, d. h. einer poli­ti­schen
Orga­ni­sa­ti­on. Denn wenn man über Stra­te­gie spre­chen will, geht es um
Initia­ti­ve, Ent­schei­dungs­fä­hig­keit, kla­re Zie­le, Ver­an­ke­rung in der
Arbei­ter­klas­se und ent­spre­chen­de Macht­ver­hält­nis­se.

Die Zeit der Poli­tik ist also kein linea­rer Ver­lauf in
Rich­tung Fort­schritt, son­dern eine gebro­che­ne Zeit, vol­ler Kri­sen und
Unter­bre­chun­gen der his­to­ri­schen Nor­ma­li­tät, auf die wir vor­be­rei­tet sein
müs­sen und die wir zu nut­zen wis­sen müs­sen. Dani­el Ben­saïd sprach von lee­ren
und dich­ten Zei­ten, mit ande­ren Wor­ten: Zei­ten, in denen nichts pas­siert, und
Zei­ten, in denen sich die Ent­wick­lung plötz­lich über­schlägt und sehr viel mehr
pas­siert. Revo­lu­tio­nä­re Poli­tik setzt auch vor­aus, die­se poli­ti­schen Zeit­läu­fe
zu beherr­schen und zu wis­sen, wie man auf sol­che Umschwün­ge reagiert.

Schließ­lich sprach Trotz­ki von der Revo­lu­ti­on als dem „gewalt­sa­men
Ein­bruch der Mas­sen in das Gebiet der Bestim­mung über ihre eige­nen Geschi­cke“.
Oder was das­sel­be ist: Die Eman­zi­pa­ti­on der Arbei­ter wird das Werk ihrer selbst
sein. Dies kann unter ande­rem als Warn­si­gnal gegen die­je­ni­gen ver­stan­den
wer­den, die letzt­lich die Mas­sen von außen befrei­en wol­len: Um an der
„Bestim­mung über die eige­nen Geschi­cke“ teil­neh­men zu kön­nen, muss man sich
bewusst sein, ein Teil davon zu sein. Wir wer­den auf die­sen Vor­be­halt wei­ter
unten ein­ge­hen.

Zur Strategie …

Eine der fort­wäh­ren­den Dis­kus­sio­nen inner­halb der radi­ka­len
Lin­ken ist die so genann­te Debat­te über Par­tei und Bewe­gung. Mit ande­ren
Wor­ten: Wel­ches Ver­hält­nis soll die poli­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on (die Par­tei) zu dem
haben, was wir heu­te als sozia­le Bewe­gun­gen bezeich­nen und was man vor einem
Jahr­hun­dert Arbei­ter­be­we­gung nann­te?

Der poli­ti­sche Kampf ist, streng genom­men, ein Kampf um die Macht.

Sicher ist, dass trotz der büro­kra­ti­schen und popu­lis­ti­schen
Ver­su­che, die rea­len Pro­ble­me an den Rand des poli­ti­schen Kamp­fes zu drän­gen,
und trotz der Behaup­tung der Post-Auto­no­men, die Poli­tik erüb­ri­ge sich im
sozia­len Kampf, das Poli­ti­sche und das Sozia­le zwei zutiefst mit­ein­an­der
ver­floch­te­ne Berei­che bil­den, die jedoch ihre eige­nen Merk­ma­le, ihren eige­nen
Rhyth­mus und ihre eige­ne Exis­tenz haben. Der poli­ti­sche Kampf ist kei­ne blo­ße
Ver­län­ge­rung des sozia­len Kamp­fes: Er wird nach eige­nen Regeln geführt und auf
eige­nem Ter­rain aus­ge­tra­gen. Der poli­ti­sche Kampf ist, streng genom­men, ein
Kampf um die Macht. Nicht im vul­gär-poli­ti­schen oder tak­tie­re­ri­schen, son­dern
im eigent­li­chen Sinn. Die Ent­fal­tung einer anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen und
revo­lu­tio­nä­ren Stra­te­gie erfor­dert die Über­zeu­gung, dass die Erobe­rung der
Macht durch die Arbei­ter­klas­se mög­lich ist; andern­falls wird man zwangs­läu­fig
am Ende in ein ande­res Fahr­was­ser gera­ten und sich bes­ten­falls auf den
Wider­stand im All­tag beschrän­ken, aber jeg­li­chen Anspruch auf Ver­än­de­rung
auf­ge­ge­ben haben.

Die Aktualität der Revolution

Eine revo­lu­tio­nä­re Stra­te­gie besteht dar­in, die Aktua­li­tät der Revo­lu­ti­on im Auge zu behal­ten; Aktua­li­tät nicht in dem Sin­ne, dass sie mor­gen statt­fin­det, son­dern in dem Sin­ne, dass sie in unse­rer Epo­che mög­lich ist. Die Aktua­li­tät der Revo­lu­ti­on führt zu ihrer Anti­zi­pa­ti­on, zu dem Ver­such, sie mit der Gegen­wart zu ver­bin­den und die Gegen­wart mit ihr. Die Revo­lu­ti­on fun­giert also als Richt­schnur unse­res Han­delns in der Gegen­wart: Wenn die Revo­lu­ti­on nicht von Anfang an unser Ziel ist, haben wir wenig Chan­cen, uns ihr zu näh­ren; wenn wir sie umge­kehrt für mach­bar hal­ten, wer­den wir ver­su­chen, sie her­bei­zu­füh­ren. Hier kommt Poli­tik als eine stra­te­gi­sche Kunst ins Spiel, als unse­re kol­lek­ti­ve Fähig­keit, unse­re stra­te­gi­schen Hypo­the­sen in der Rea­li­tät zu erpro­ben. Denn der poli­ti­sche Kampf funk­tio­niert weder mit Phan­ta­sie­ge­bil­den noch mit vager Hand­wer­ke­lei, son­dern mit Hypo­the­sen: Wet­ten, die soli­de begrün­det sind, aber den­noch Wet­ten blei­ben. Die stra­te­gi­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit der Rea­li­tät ist eine Vor­aus­set­zung für den Sieg, aber kei­ne Garan­tie für den Sieg.

Die­ses Ver­ständ­nis vom poli­ti­schen Kampf (Aktua­li­tät der
Revo­lu­ti­on, Revo­lu­ti­on als Ori­en­tie­rung und die Aus­ar­bei­tung stra­te­gi­scher
Hypo­the­sen, die durch die Rea­li­tät bestä­tigt wer­den müs­sen), hat zwei mit­ein­an­der
ver­floch­te­ne Vor­zü­ge. Ers­tens bricht sie mit der Sicht­wei­se, der poli­ti­sche
Kampf ver­lau­fe als Abfol­ge ein­zel­ner Etap­pen – ein his­to­ri­sches Erbe aus der
Zeit der klas­si­schen Sozi­al­de­mo­kra­tie, das, wie wir gese­hen haben, nicht mit
der Rea­li­tät der gebro­che­nen Zeit­läu­fe in der Poli­tik über­ein­stimmt. Zwei­tens
ermög­licht dies, auf die spe­zi­fi­schen Rhyth­men die­ser gebro­che­nen poli­ti­schen
Zeit­läu­fe adäquat zu reagie­ren, die Kri­sen zu anti­zi­pie­ren und sich auf den
nicht-linea­ren Ver­lauf der Ereig­nis­se vor­zu­be­rei­ten.

Die Ver­gan­gen­heit ist voll von Geschen­ken, die nie zur Ent­fal­tung gelangt sind.

Dani­el Ben­saïd

Die Zukunft ist also nicht das unver­meid­li­che Ergeb­nis einer
Ket­te von Ursa­chen. Viel­mehr ist die Zukunft selbst eine Ursa­che, die uns die
eine oder ande­re Ent­schei­dung in der Gegen­wart tref­fen lässt, sie ist die
Richt­schnur unse­rer poli­ti­schen Pra­xis. Umge­kehrt wird unse­re Fähig­keit, uns
die Gegen­wart vor­zu­stel­len, durch unser Ver­ständ­nis der Ver­gan­gen­heit bedingt
(aber nicht vor­be­stimmt). Die Abkehr von einem teleo­lo­gi­schen Poli­tik­ver­ständ­nis,
wonach alles unwi­der­ruf­lich geschieht und nichts anders hät­te sein kön­nen, und
von einer mecha­nis­ti­schen Rigi­di­tät, die Bedingt­heit und Vor­be­stim­mung
ver­wech­selt und den sub­jek­ti­ven Fak­tor der Geschich­te eli­mi­niert, ist eine
not­wen­di­ge Vor­aus­set­zung für stra­te­gi­sches Den­ken. Dani­el Ben­saïd drückt dies
in einem Satz aus, der mir schon immer gefal­len hat: „Die Ver­gan­gen­heit ist
voll von Geschen­ken, die nie zur Ent­fal­tung gelangt sind”.

Ent­ge­gen all denen, die post fes­tum im Lauf der Geschich­te
eine Zwangs­läu­fig­keit sehen, soll­ten wir ver­ste­hen, dass es stets meh­re­re
rea­lis­ti­sche Optio­nen gibt (und immer gab). Ob die eine oder die ande­re
schließ­lich umge­setzt wird, hängt im Wesent­li­chen vom Kräf­te­ver­hält­nis und dem
Niveau des Klas­sen­kamp­fes ab. Die gän­gi­ge Sicht­wei­se auf die tran­si­ción (dem
post­fran­quis­ti­schen Über­gang) in Spa­ni­en und den viel geprie­se­nen Mon­cloa-Pakt
ist ein gutes Bei­spiel dafür, wie der gän­gi­ge Dis­kurs, wonach die Gescheh­nis­se
des­halb so pas­siert sind, weil es kei­ne Alter­na­ti­ven gab, poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen
und Hand­lun­gen ver­schlei­ert, die dazu bei­tru­gen, ande­re Optio­nen zu tor­pe­die­ren,
die zu einem bestimm­ten Zeit­punkt eben­falls gang­bar waren.

Da Poli­tik der Kampf um die Macht ist, muss man die Hege­mo­nie errin­gen.

Indem man gezwun­gen ist, sich für den einen oder ande­ren Weg
zu ent­schei­den, betritt man das Ter­rain der Stra­te­gie. Ob die zugrun­de geleg­ten
Hypo­the­sen zutref­fen oder nicht, hängt dabei unter ande­rem von der jewei­li­gen
his­to­ri­schen Erfah­rung, dem Kräf­te­ver­hält­nis, der Fähig­keit zur Ana­ly­se der
klas­sen­po­li­ti­schen Lage im Staat und der Ver­an­ke­rung in der Mas­sen­be­we­gung ab.
Aber selbst wenn die­se Vor­aus­set­zun­gen erfüllt sind, kann man sich noch immer
irren.

Für die revo­lu­tio­nä­re Lin­ke ist die Stra­te­gie seit jeher die
Grund­la­ge, um ihre Mit­glie­der zu rekru­tie­ren, zu orga­ni­sie­ren und zu schu­len,
wobei das Ziel der Sturz der bür­ger­li­chen poli­ti­schen Macht ist. Da Poli­tik der
Kampf um die Macht ist, muss man die Hege­mo­nie errin­gen. Mit ande­ren Wor­ten
erfor­dert dies die Bereit­schaft, auch mit ande­ren zusam­men­zu­ge­hen und sich
nicht nur abzu­gren­zen. Man muss das fata­lis­ti­sche Den­ken der Min­der­heit
durch­bre­chen, immer anders und unver­stan­den zu sein und – in Gram­scis Wor­ten
– eine Gegen­he­ge­mo­nie her­zu­stel­len und
nicht nur eine orga­ni­sa­to­ri­sche poli­ti­sche Alter­na­ti­ve zu schaf­fen. Der
Ver­such, das Kräf­te­ver­hält­nis umzu­keh­ren, ist eine der Grund­fra­gen allen
stra­te­gi­schen Den­kens, und die ein­zig mög­li­che Metho­de ist die des Tri­al and
Error, ver­bun­den mit der Bereit­schaft, Erfah­run­gen zu sam­meln und Feh­ler zu
kor­ri­gie­ren. Hier kommt die Rol­le der Orga­ni­sa­ti­on ins Spiel.

… und Organisation

Einer der wich­tigs­ten Bei­trä­ge von Lenin zur Theo­rie war die
Unter­schei­dung zwi­schen Klas­se und Par­tei. In sei­nem Werk Was tun stell­te er unmiss­ver­ständ­lich klar: Die Par­tei ist nicht
mit der Klas­se gleich­zu­set­zen, son­dern ent­spricht nur einer Grup­pe von
Indi­vi­du­en mit einem bestimm­ten Bewusst­seins­stand und weit­ge­hen­den
stra­te­gi­schen Über­ein­stim­mun­gen. Dar­aus lei­ten sich zwei Fra­gen ab, die im
letz­ten Jahr­hun­dert immer wie­der für Debat­ten inner­halb der Lin­ken gesorgt
haben, näm­lich die Kon­zep­ti­on einer Avant­gar­de­par­tei und ob es bestimm­te
Par­tei­kon­zep­te gibt, die nütz­li­cher sind als ande­re. Wir wer­den spä­ter dar­auf
zurück­kom­men. Tat­sa­che ist, dass Lenin nie argu­men­tiert hat, dass die
revo­lu­tio­nä­re Orga­ni­sa­ti­on die Klas­se als Gan­zes ver­kör­pert. Viel­mehr stellt
eine sol­che Orga­ni­sa­ti­on ein klas­sen­ba­sier­tes Pro­jekt dar, ein Instru­ment zur
Opti­mie­rung der trans­for­ma­ti­ven Kraft der Arbei­ter­klas­se.

Eine wich­ti­ge Schluss­fol­ge­rung dar­aus ist, dass, wenn die
Par­tei einen Klas­sen­cha­rak­ter auf­weist, Platz für meh­re­re Par­tei­en vor­han­den
sein muss. Die Ver­tei­di­gung die­ser Plu­ra­li­tät war für den gesam­ten revo­lu­tio­nä­ren
Mar­xis­mus in den schwie­ri­gen Zei­ten des 20. Jahr­hun­derts von grund­le­gen­der
Bedeu­tung. Zunächst weil sozia­lis­ti­sche Demo­kra­tie nur erlernt wer­den kann,
wenn man sie auch prak­ti­ziert. Aber auch, und das ist kei­ne Neben­sa­che, weil
eine sol­che Plu­ra­li­tät unum­gäng­lich ist. Ich wer­de ver­su­chen, dies zu erklä­ren.

Ein all­ge­mei­nes Bewusst­sein der Mas­sen kann nur im Ver­lauf eines revo­lu­tio­nä­ren Pro­zes­ses ent­ste­hen, und selbst dann nicht ohne inne­re Wider­sprü­che.

Trotz­ki ver­wies zu Recht dar­auf, dass Par­tei­en neben dem wohl­be­kann­ten
Anspruch, bestimm­te Klas­sen oder Tei­le davon zu reprä­sen­tie­ren, auch Ideo­lo­gien
und stra­te­gi­sche Aus­rich­tun­gen ver­kör­pern. Wie­der­um kann die Arbei­ter­klas­se nicht
ideo­lo­gisch homo­gen sein, weil der Kapi­ta­lis­mus selbst dies ver­hin­dert, und
zwar nicht in ers­ter Linie durch bewuss­te und mas­si­ve Mani­pu­la­ti­on, son­dern als
direk­te Fol­ge der vor­han­de­nen sozia­len und wirt­schaft­li­chen Mecha­nis­men, die auf
das Bewusst­sein der Unter­drück­ten ein­wir­ken. Ein all­ge­mei­nes Bewusst­sein der
Mas­sen kann nur im Ver­lauf eines revo­lu­tio­nä­ren Pro­zes­ses ent­ste­hen, und selbst
dann nicht ohne inne­re Wider­sprü­che. Plu­ra­li­tät ist daher nicht nur in demo­kra­ti­scher
Hin­sicht wün­schens­wert, son­dern auch unver­meid­lich: Wenn die so ver­stan­de­nen
revo­lu­tio­nä­ren Orga­ni­sa­tio­nen ideo­lo­gi­sche und stra­te­gi­sche Optio­nen
ver­kör­pern, muss es zwangs­läu­fig auch unter­schied­li­che, mit­ein­an­der
kon­kur­rie­ren­de ideo­lo­gi­sche Aus­rich­tun­gen, also Orga­ni­sa­tio­nen, inner­halb einer
Klas­se geben.

Die Avant­gar­de muss sich das his­to­ri­sche Recht erst ver­die­nen.

Kom­men wir zurück zum Begriff der Avant­gar­de. Lenins
Abgren­zung der Par­tei gegen­über der Klas­se ist oft als kom­plet­te Tren­nung
zwi­schen bei­den miss­ver­stan­den wor­den, wodurch die ver­meint­li­che Vor­hut
auf­ge­klär­ter Indi­vi­du­en von der rea­len Bewe­gung iso­liert war. Dem ist nicht so.
Schon die Geschich­te der Bol­sche­wis­ti­schen Par­tei zeigt, dass es kei­ne
selbst­er­nann­te Vor­hut gibt. Sie muss sich, mit den Wor­ten von Ernest Man­del,
das his­to­ri­sche Recht erst ver­die­nen, als sol­che auf­zu­tre­ten. Und die­ses Recht
kann nur durch die Betei­li­gung inmit­ten des Mas­sen­kamp­fes erwor­ben wer­den.
Nie­mand kann zum Füh­rer wer­den oder eine wirk­li­che Füh­rungs­rol­le ein­neh­men, der
die­se Posi­ti­on nicht inner­halb des Mas­sen­kamp­fes inne­hat.

In der Geschich­te der revo­lu­tio­nä­ren Lin­ken waren die bes­ten
Theo­re­ti­ker immer zugleich Füh­rungs­per­so­nen, und vie­le der bes­ten von die­sen
haben wie­der­um wich­ti­ge theo­re­ti­sche Bei­trä­ge geleis­tet – etwa Lenin, Gram­sci
oder Ben­saïd, um nur eini­ge zu nen­nen. Aber selbst wenn wir umge­kehrt an
Men­schen den­ken, die für ihre prak­ti­sche Füh­rungs­rol­le beson­ders aner­kannt
sind, wie zum Bei­spiel Che Gue­va­ra, stel­len wir fest, dass auch ihr
theo­re­ti­scher Out­put nicht zu ver­nach­läs­si­gen ist. Dies ver­an­schau­licht, was
wir gesagt haben, aber es unter­streicht auch die Rol­le der Par­tei, der
poli­ti­schen Orga­ni­sa­ti­on, als Ver­mitt­ler zwi­schen Theo­rie und Pra­xis.

Die Par­tei ist also sowohl ein Pro­du­zent als auch ein Pro­dukt der revo­lu­tio­nä­ren Akti­on der Mas­sen.

Die Par­tei arbei­tet also stra­te­gi­sche Hypo­the­sen aus, aber
sie tut dies nicht aus dem Nichts, son­dern aus den gesam­mel­ten und ver­dich­te­ten
his­to­ri­schen Erfah­run­gen her­aus. Die Anhäu­fung von Erfah­run­gen und deren
Aneig­nung durch mili­tan­te Kader, die in den Kämp­fen ver­an­kert sind und aus
ihnen ler­nen, macht die poli­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on im dop­pel­ten Sin­ne zu einem
Trans­mis­si­ons­rie­men. Die Par­tei ist also sowohl ein Pro­du­zent als auch ein
Pro­dukt der revo­lu­tio­nä­ren Akti­on der Mas­sen.

Neben der Par­tei als Ver­mitt­ler zwi­schen Theo­rie und Pra­xis
ist die poli­ti­sche Stra­te­gie der zwei­te wesent­li­che Aspekt unse­res Kon­zep­tes
einer poli­ti­schen Orga­ni­sa­ti­on. Eine stra­te­gisch han­deln­de Par­tei ist eine
Par­tei, die stra­te­gisch an die Rea­li­tät her­an­geht und nicht nur die Mas­sen bei
ihren Erfah­run­gen erzieht und beglei­tet, son­dern auch in der Lage ist, Vor­stö­ße
und Rück­zü­ge zu orga­ni­sie­ren und Kor­rek­tu­ren ent­lang der Rhyth­men und der aus
den Kämp­fen erwach­sen­den Momen­te vor­zu­neh­men. Eine Par­tei, die ver­steht, wie
man sich in den gebro­che­nen Zeit­läu­fen der Poli­tik bewegt.

Die Auf­ga­be der Par­tei ist es eine Visi­on des Gan­zen und eine stra­te­gi­sche Hypo­the­se anzu­bie­ten.

Außer­dem muss die Par­tei eine füh­ren­de Rol­le in einem his­to­ri­schen
Block spie­len, der aus einer Band­brei­te ver­schie­de­ner Orga­ni­sa­ti­ons­for­men der
unte­ren Klas­sen der (von Gram­sci so genann­ten) Zivil­ge­sell­schaft besteht. Dies
voll­zieht sich auf der – vor­hin
genann­ten – sozia­len Ebe­ne, die sich von der poli­ti­schen Sphä­re oder der poli­ti­schen
Gesell­schaft – wie Gram­sci sie nennt – unter­schei­det. Unter his­to­ri­schem Block
ver­ste­hen wir eine Ver­knüp­fung oder die Bil­dung eines kol­lek­ti­ven Wil­lens, der über
die Par­ti­ku­lar­in­ter­es­sen hin­aus­geht und sich selbst als eine Tota­li­tät denkt,
die der herr­schen­den ent­ge­gen­ge­setzt ist. Die Auf­ga­be der Par­tei ist es, die­sen
Pro­zess der Ver­knüp­fung zu erleich­tern, Ver­knüp­fungs­zen­tren zu schaf­fen und
eine Visi­on des Gan­zen und eine stra­te­gi­sche Hypo­the­se anzu­bie­ten.

Es geht nicht dar­um – und das ist wich­tig – eine poli­ti­sche Füh­rung zu errich­ten, die ein
Pro­jekt umsetzt, das außer­halb des Kamp­fes liegt. Erin­nern wir uns an Man­dels
Behaup­tung, dass sich eine Avant­gar­de das Recht ver­die­nen muss, eine zu sein,
d. h. sie muss als sol­che aner­kannt wer­den. Und indem wir die Exis­tenz
einer Plu­ra­li­tät poli­ti­scher Orga­ni­sa­tio­nen aner­ken­nen, müs­sen wir auch zuge­ben,
dass es eine Ideo­lo­gie­de­bat­te gibt und kon­kur­rie­ren­de stra­te­gi­sche Hypo­the­sen,
die nur in der Rea­li­tät getes­tet wer­den kön­nen, was nur durch eine Ver­an­ke­rung
in der Mas­sen­be­we­gung mög­lich ist. Die Par­tei erscheint dann als die poli­ti­sche
Füh­rung eines his­to­ri­schen Blocks, aber sie erreicht die­se Posi­ti­on nur, wenn
ihre Ziel­set­zung von den Mas­sen akzep­tiert und als deren eige­ne aner­kannt wird.

An die­sem Punkt hal­te ich es für wich­tig, einen Ein­schnitt
vor­zu­neh­men. Wir spre­chen immer von Par­tei und poli­ti­scher Orga­ni­sa­ti­on als
Syn­ony­me, aber die Wahr­heit ist, dass es auch ande­re For­men der poli­ti­schen
Orga­ni­sa­ti­on gibt:

  1. Hin­ter
    der ste­ten Dis­kus­si­on über die Par­tei­form ver­ber­gen sich häu­fig poli­ti­sche
    Grup­pen, die auch auf der Grund­la­ge ideo­lo­gi­scher Abgren­zun­gen und
    stra­te­gi­scher Hypo­the­sen orga­ni­siert sind, aber nicht als Par­tei­en, son­dern als
    Lob­bys fun­gie­ren. Die­se kran­ken oft an man­geln­der Demo­kra­tie, sowohl intern
    (wer trifft Ent­schei­dun­gen und wie?; Betei­li­gungs- und Dis­kus­si­ons­struk­tu­ren
    usw.) als auch extern: man­geln­de Trans­pa­renz, da nie­mand weiß, wer Mit­glied ist
    und auf wel­cher Grund­la­ge, oft ver­ber­gen sie sogar ihre Exis­tenz usw.
  2. Ande­rer­seits
    sollte(n) die Partei(en) nicht mit den Insti­tu­tio­nen des poli­ti­schen Kamp­fes
    ver­wech­selt wer­den, die die Arbei­ter­be­we­gung in kon­kre­ten his­to­ri­schen Momen­ten
    selbst schafft. Wenn sich die Klas­se als Gan­ze als revo­lu­tio­nä­re Alter­na­ti­ve
    begreift (wenn ein neu­er his­to­ri­scher Block ent­steht und ver­knüpft wird),
    wer­den auto­no­me und ein­heit­li­che Orga­ni­sa­ti­ons­for­men erfor­der­lich, die eine
    Dop­pel­funk­ti­on ein­neh­men: als Orga­ne der Gegen­macht in der kapi­ta­lis­ti­schen
    Gesell­schaft und als Instru­men­te zur Schu­lung der Mas­sen in der sozia­lis­ti­schen
    Selbst­ver­wal­tung. Das häu­figs­te his­to­ri­sche Bei­spiel dafür sind die Sowjets,
    also Räte. Die Par­tei­en (von denen es schon damals zwangs­läu­fig und gott­lob
    meh­re­re gab) inter­ve­nie­ren in den Sowjets, aber die­se sind viel mehr als die
    Sum­me die­ser Par­tei­en: Sie sind das Instru­ment, mit dem sich die Klas­se für
    ihre eige­ne Eman­zi­pa­ti­on rüs­tet. Sie sind zur gege­be­nen Zeit die Form der
    poli­ti­schen Orga­ni­sa­ti­on, die zwi­schen der Klas­se und ihrem eige­nen Bewusst­sein
    ver­mit­telt.

Auf Gram­scis Inter­pre­ta­ti­on von Lenin zurück­grei­fend, lässt
sich sagen, dass der Akzent auf dem direk­ten sozia­len Agen­ten, der
Arbei­ter­klas­se, lie­gen soll­te. Nur so kann eine Dia­lek­tik zwi­schen der Klas­se
und der poli­ti­schen Füh­rung her­ge­stellt wer­den, die ver­hin­dert, dass die Par­tei
in ein Organ kon­ver­tiert, das sich nicht nur zur Klas­se abgrenzt, son­dern von ihr
getrennt und ihr fremd ist.

An die­ser Stel­le müs­sen wir auf zwei uner­läss­li­che Gebo­te
ver­wei­sen. Das ers­te, Plu­ra­li­tät und Demo­kra­tie gegen die all­ge­gen­wär­ti­ge
Gefahr der Büro­kra­ti­sie­rung. Plu­ra­li­tät und Demo­kra­tie nach außen (Aner­ken­nung
der Legi­ti­mi­tät der Insti­tu­tio­nen, die sich die Klas­se selbst geschaf­fen hat,
sowie eine ehr­li­che und loya­le Betei­li­gung an der Mas­sen­be­we­gung) und nach
innen: wohl­ver­stan­de­ner demo­kra­ti­scher Zen­tra­lis­mus, Kon­trol­le durch die Basis,
per­ma­nen­te Schu­lung der Mit­glie­der, damit sie in der Lage sind, die Debat­ten
und die Aus­ar­bei­tung einer Stra­te­gie zu ver­ste­hen und ein­zu­grei­fen, Begren­zung
der Man­da­te, freie und soli­da­ri­sche Publi­ka­tio­nen, Ten­denz­recht und Ver­bot des impe­ra­ti­ven
Man­dats usw. Das zwei­te Gebot: enge Anbin­dung und Ver­an­ke­rung in den rea­len
Bewe­gun­gen (auf der sozia­len Ebe­ne und in der Zivil­ge­sell­schaft) als Prä­ven­ti­on
gegen Büro­kra­ti­sie­rung, Inte­gra­ti­on in den Staats­ap­pa­rat und in die
kapi­ta­lis­ti­schen Struk­tu­ren.

Schlussfolgerungen

Es ist hof­fent­lich klar gewor­den, wie sich die Dis­kus­sio­nen
über Stra­te­gie und Orga­ni­sa­ti­on über­schnei­den und inein­an­der grei­fen: Man kann
nicht dar­über reden, wel­che Orga­ni­sa­ti­on wir wol­len, ohne gleich­zei­tig dar­über
zu spre­chen, wofür wir sie wol­len. Dani­el Ben­saïd for­mu­lier­te dies so: Ist eine
Revo­lu­ti­on mög­lich und wol­len wir dafür kämp­fen? Und wenn ja, mit wel­chen
poli­ti­schen Instru­men­ten? Denn für die revo­lu­tio­nä­re Orga­ni­sa­ti­on gilt, dass
die Form Teil des Inhalts ist.

Die Par­tei­form ist immer his­to­risch bedingt. Dar­in liegt die
Ant­wort auf die offe­ne Fra­ge von vor­hin, ob es an sich bes­se­re oder revo­lu­tio­nä­re­re
Model­le gibt, eine Vor­stel­lung, in die sich vie­le so genann­te mar­xis­ti­sche Grup­pen
immer wie­der ver­strickt haben und die im Kern zutiefst anti-leni­nis­tisch ist.
Was es gibt, sind Kri­te­ri­en, Refe­ren­zen und Leit­fä­den, aber die Art von Par­tei,
die wir heu­te auf­bau­en müs­sen, ergibt sich aus der kon­kre­ten glo­ba­len Situa­ti­on
und dem Kräf­te­ver­hält­nis zwi­schen den Klas­sen, aus der Kri­sen­si­tua­ti­on und der
Ent­wick­lung der Arbei­ter- und sozia­len Bewe­gung.

Die gro­ße Her­aus­for­de­rung einer sozia­len Revo­lu­ti­on besteht
dar­in, dass sie die ers­te in der Geschich­te ist, die not­wen­di­ger­wei­se ein
Bewusst­sein dar­über vor­aus­setzt, was man errei­chen will. Um dies zu errei­chen,
ist der poli­ti­sche Kampf von grund­le­gen­der Bedeu­tung, denn er schärft das
Klas­sen­be­wusst­sein, ermög­licht Erfah­run­gen und, wenn sich eine revo­lu­tio­nä­re
Kri­se anbahnt, trägt er auch zur Ver­än­de­rung der Kräf­te­ver­hält­nis­se bei. Eine
bewuss­te Füh­rung ist daher eine Grund­vor­aus­set­zung für den Erfolg der sozia­len
Revo­lu­ti­on.

Und in die­sem Sin­ne sind die von Lenin vor­ge­ge­be­nen
Haupt­kri­te­ri­en des Par­tei­auf­baus auch heu­te noch gül­tig und rich­tig, wenn wir
sie als Kri­te­ri­en und nicht als Model­le ver­ste­hen:

  1. Eine
    fest umris­se­ne Par­tei von Akti­ven, die ent­ge­gen der kon­junk­tu­rel­len Schwan­kun­gen
    des kol­lek­ti­ven Bewusst­seins als Ele­ment der Kon­ti­nui­tät wirkt. Das wird nicht
    immer für alle Mit­glie­der das­sel­be bedeu­ten, und es ist selbst­ver­ständ­lich,
    ver­schie­de­ne For­men des Enga­ge­ments zu ermög­li­chen, die jeweils zu unse­rem
    Leben im Spät­ka­pi­ta­lis­mus pas­sen. Aber den akti­ven Kern zu erhal­ten und sich weder
    mit der Auf­lö­sung des revo­lu­tio­nä­ren Ver­bunds noch mit ple­bis­zi­tä­ren For­meln
    abzu­fin­den, ist grund­le­gend.
  2. Eine
    Par­tei, die in allen Berei­chen der Gesell­schaft aktiv ist. Sie darf nicht
    gegen­über einer noch so gering­fü­gig erschei­nen­den Unge­rech­tig­keit untä­tig
    blei­ben, muss an allen loka­len und sek­to­ri­el­len Kämp­fen teil­neh­men, darf sich aber
    nicht am Ran­de kon­kre­ter Kon­flik­te ein­kap­seln. Eben­so wenig in Betriebs- oder
    Gewerk­schafts­ar­beit oder im insti­tu­tio­nel­len Enga­ge­ment.
  3. Eine
    pro­ak­ti­ve Par­tei, die in der Lage ist, auf unvor­her­ge­se­he­ne Ereig­nis­se zu
    reagie­ren. Mit einer geschul­ten poli­ti­schen Kul­tur, die an demo­kra­ti­sche
    Dis­kus­sio­nen gewöhnt und in der Lage ist, unvor­her­ge­se­he­ne Wen­dun­gen
    mit­zu­ma­chen und dabei den Zusam­men­halt zu wah­ren.
  4. Eine
    Par­tei, die in der Lage ist, einen umfas­sen­den Über­blick zu geben. Das heißt,
    mit einer stra­te­gi­schen Sicht­wei­se zu han­deln, stra­te­gi­sche Hypo­the­sen zu
    for­mu­lie­ren und durch ihre Ver­an­ke­rung und Arbeit in den sozia­len Bewe­gun­gen
    zur Ver­knüp­fung des his­to­ri­schen Blocks bei­zu­tra­gen.
  5. Schließ­lich
    eine Par­tei, die bereit dazu ist, in kon­kre­ten brei­te­ren Zusam­men­hän­gen und
    tem­po­rä­ren Orga­ni­sa­ti­ons­for­men zu fun­gie­ren, also fähig ist, kon­kre­te Tak­ti­ken
    zu ent­wi­ckeln und nicht gelähmt zu blei­ben ange­sichts der Tat­sa­che, dass es
    kein fest­ge­füg­tes Dreh­buch gibt, das den revo­lu­tio­nä­ren Hori­zont näher bringt.

Die gro­ße Her­aus­for­de­rung heu­te, die gro­ße Fra­ge, die unser
poli­ti­sches Han­deln lei­ten soll­te, besteht dar­in, wie wir in der Ver­knüp­fung
eines neu­en his­to­ri­schen Blocks vor­an­kom­men kön­nen, der als sol­cher nicht nur eine
ein­fa­che Sum­me sei­ner Bestand­tei­le ist, son­dern in der Lage ist, sich selbst
als eine Tota­li­tät zu den­ken, die im Gegen­satz zur herr­schen­den steht. Damit
dies mög­lich ist, ist es von grund­le­gen­der Bedeu­tung, Klas­sen­struk­tu­ren und
Insti­tu­tio­nen auf­zu­bau­en, nicht nur im wirt­schaft­li­chen Sin­ne, son­dern die viel
wei­ter gehen und die den Kon­takt und die Zusam­men­ar­beit zwi­schen ihnen
her­stel­len. Wir brau­chen eine Stär­kung nicht nur der kämp­fe­ri­schen
Gewerk­schaf­ten (sehr wich­tig in die­ser Kri­sen­zeit), son­dern auch des sozia­len
Gemein­we­sens, der Mie­ter­ver­ei­ni­gun­gen, der Netz­wer­ke zur gegen­sei­ti­gen
Unter­stüt­zung in den Stadt­vier­teln, der Sozi­al­zen­tren, der femi­nis­ti­schen
Bewe­gung und all jener Räu­me der Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on, in denen gemein­schaft­li­che
Bin­dun­gen auf­ge­baut wer­den, die die Wider­sprü­che des Sys­tems offen­ba­ren und
Bewusst­seins­pro­zes­se der Klas­se an sich beför­dern.

Aber wir müs­sen auch den Orga­ni­sa­ti­ons­geist als Par­tei wagen,
um zu ver­ste­hen, dass die Par­tei kein blo­ßer Raum der Par­ti­zi­pa­ti­on oder einer Iden­ti­tät
unter vie­len ist, son­dern dass sie die Orga­ni­sa­ti­on ist, durch die der poli­ti­sche
Kampf statt­fin­det. Dort kom­men wir zusam­men und orga­ni­sie­ren uns poli­tisch, um
die Ver­knüp­fung zu för­dern und zu ver­su­chen, ein ande­res Kräf­te­ver­hält­nis
auf­zu­bau­en.

aus viento­sur 4.5.2020

Über­set­zung: MiWe

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