[perspektive:] „FWD Heimatschutz“: Was steckt hinter dem neuen „militärischen Kitt der Gesellschaft“?

Ab dem 1. April 2021 sollen rund 1.000 junge Menschen freiwillig drei Monate eine soldatische Grund- und eine viermonatige „Spezialausbildung Heimatschutz“ erhalten können. Anschließend sind sie Teil der „Territorialen Reserve“ – für mindestens sechs Jahr. Das alles unter dem Namen „Heimatschutz“. Die Bundeswehr erhofft sich dadurch schnell ausgebildete Einsatzkräfte.

Was passiert beim „Jahr für Deutschland“?

Das „Dein Jahr für Deutsch­land“ rich­tet sich ab April nächs­ten Jah­res an jun­ge Men­schen, die nach der Schul­zeit einen „Frei­wil­li­gen Wehr­dienst im Hei­mat­schutz“ (FWD-HSch) leis­ten möch­ten: 7 Mona­te Grund­aus­bil­dung (davon 3 Mona­te mili­tä­ri­sche und 4 Mona­te Spe­zi­al-Aus­bil­dung Hei­mat­schutz), danach sechs Jah­re in der „Ter­ri­to­ria­len Reser­ve“. Inner­halb die­ser sechs Jah­re müs­sen wei­te­re 5 Mona­te Dienst geleis­tet wer­den.

Der Unter­schied zum frei­wil­li­gen Wehr­dienst liegt dar­in, dass die Aus­bil­dung so weit wie mög­lich „hei­mat­nah“ statt­fin­den soll und Aus­lands­ein­sät­ze nicht vor­ge­se­hen sind. War­um es den Hei­mat­schutz gibt, möch­te die Bun­des­wehr selbst in Form von „Q&A“ (ques­ti­ons and ans­wers, dt. Fra­gen und Ant­wor­ten) beschrei­ben: „Seit einer völ­lig ver­än­der­ten Sicher­heits­la­ge im Jah­re 2014 und den glo­ba­len Her­aus­for­de­run­gen vom inter­na­tio­na­len Ter­ro­ris­mus bis hin zur Bekämp­fung von Kata­stro­phen […] ist unser Land gefor­dert, sicher­heits­po­li­ti­sche Ant­wor­ten zu for­mu­lie­ren.“

Der Vor­teil die­ses Hei­mat­schut­zes sei, dass der Bun­des­wehr beson­ders schnell Sol­da­tIn­nen mit Grund­aus­bil­dung zur Ver­fü­gung stün­den: „Wir gewin­nen
enga­gier­te Staats­bür­ge­rin­nen und Staats­bür­ger, die nach einer Aus­bil­dung von
sie­ben Mona­ten ein­satz­be­reit für Schutz- und Siche­rungs­auf­ga­ben in Deutsch­land
zur Ver­fü­gung ste­hen. So schnell ist das bis­her in kei­nem ande­ren Aus­bil­dungs­gang
der Bun­des­wehr mög­lich.“.

„Militärischer Kitt für die Gesellschaft“

Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin Anne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er betont, wie wich­tig jede Art von Frei­wil­li­gen­dienst sei, „gera­de in beson­ders her­aus­for­dern­den Zei­ten“. Die Bun­des­wehr war wegen der Coro­na-Pan­de­mie ver­mehrt im Inne­ren ein­ge­setzt wor­den. Dies wur­de von Pro­tes­ten beglei­tet, die dar­an erin­ner­ten, dass ein Bun­des­wehr­ein­satz im Innern aus gutem Grund nicht vor­ge­se­hen ist.

Doch Kramp-Kar­ren­bau­er hob her­vor, dass man „Glück gehabt“ habe, dass die Bun­des­wehr nicht gleich­zei­tig bei einem „noch grö­ße­ren Enga­ge­ment im inter­na­tio­na­len Bereich“ ein­ge­setzt gewe­sen sei. Dies wäre zu Las­ten der Kapa­zi­tä­ten im Innern gegan­gen, und eben die­se Kapa­zi­tä­ten wür­den durch einen „FWD Hei­mat­schutz“ auf­ge­füllt.

Der „militärische Kitt“ wird gut bezahlt

Der „Hei­mat­schutz“ ist nicht der ein­zi­ge staat­li­che Frei­wil­li­gen­dienst – aber der bei wei­tem am bes­ten bezahl­te: Das Gehalt in der Grund­aus­bil­dung liegt bei 1.550 Euro brut­to monat­lich, für jeden geleis­te­ten „Reser­vis­ten­tag“ soll es dann noch ein­mal 87 Euro net­to geben.

Im „Bun­des­frei­wil­li­gen­dienst“ arbei­ten zumeist Jugend­li­che als „Buf­dis“ eben­falls ein Jahr lang, bei­spiels­wei­se in Kin­der­gär­ten oder Ein­rich­tun­gen für Men­schen mit Han­di­cap. Anders als beim Frei­wil­li­gen­dienst bei der Bun­des­wehr erhal­ten sie aber kein Gehalt, son­dern ein „Taschen­geld“ von höchs­tens 414 Euro monat­lich. Im Gegen­satz zur Aus­bil­dung an der Waf­fe und Aus­lands­ein­sät­zen scheint die Assis­tenz für beson­ders jun­ge, alte oder kran­ke Men­schen also kein glei­cher­ma­ßen ‚ent-loh­nens­wer­ter‘ Kitt der Gesell­schaft zu sein.

Breite Kritik

Am lau­tes­ten war und ist wohl die Kri­tik am Namen, den der neue Frei­wil­li­gen­dienst trägt. „Hei­mat­schutz“ erin­nert ungut an die Natur­schutz­po­li­tik im deut­schen Faschis­mus, eine Paro­le, die faschis­ti­sche Struk­tu­ren heu­te noch hoch­hal­ten.

Die NSU-Täter kamen aus dem Umfeld des „Thü­rin­ger Hei­mat­schut­zes“. Die­ser war bei wei­tem nicht die ein­zi­ge rech­te Struk­tur, die „Hei­mat­schutz“ im Namen trug.

Auch Wohl­fahrts­ver­bän­de ste­hen dem neu­en FWD-Hsch kri­tisch gegen­über. Denn sie dür­fen – unab­hän­gig davon, ob sie kön­nen oder wol­len – Frei­wil­li­gen eben maxi­mal 414 Euro monat­lich bezah­len. Die Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin argu­men­tiert, dass in der Reser­ve­zeit noch genug Raum für wei­te­res sozia­les Enga­ge­ment blie­be.

Der Bei­trag „FWD Hei­mat­schutz“: Was steckt hin­ter dem neu­en „mili­tä­ri­schen Kitt der Gesell­schaft“? erschien zuerst auf Per­spek­ti­ve.

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