[perspektive:] Wirtschaftskrise: Kommt im Herbst die große Pleitewelle?

Jedes fünfte Unternehmen in Deutschland sieht sich aktuell in seiner Existenz bedroht. Eine historisch beispiellose Pleitewelle könnte im Oktober über die deutsche Wirtschaft rollen, wenn die momentan ausgesetzte Pflicht zum Insolvenzantrag wieder greift. Besonders gefährdet sind laut Handelsblatt Autozulieferer, der Maschinenbau, der Tourismus, der Messebau, die Event-Veranstalter, der Einzelhandel und die Gastronomie.

Ist der schlimms­te Teil der Wirt­schafts­kri­se über­stan­den? Oder wird die gro­ße Plei­te­wel­le im drit­ten Quar­tal erst rich­tig durch die deut­sche Unter­neh­mens­land­schaft rol­len? Glaubt man einer Pro­gno­se des Kre­dit­ver­si­che­rers Euler Her­mes, einer Toch­ter­fir­ma des Alli­anz-Kon­zerns, der auf die Sol­venz­be­wer­tung von Unter­neh­men spe­zia­li­siert ist, dürf­te die Lage für deut­sche Fir­men ab dem Herbst rich­tig düs­ter aus­se­hen: Laut der Vor­her­sa­ge könn­ten die welt­wei­ten Insol­ven­zen bis Ende 2021 im Ver­gleich zu 2019 um ein Drit­tel stei­gen. Für Deutsch­land geht Euler Her­mes für den­sel­ben Zeit­raum von einer bei­spiel­lo­sen Stei­ge­rung der Unter­neh­mens­plei­ten um 12 Pro­zent aus. Dies wür­de bedeu­ten, dass etwa 21.000 Fir­men in die Insol­venz gehen müs­sen.

Ruhe vor dem Sturm?

Die düs­te­re Pro­gno­se deckt sich mit der Stim­mung in vie­len deut­schen Unter­neh­men. Laut dem Mün­che­ner Ifo-Insti­tut sehen aktu­ell 20 Pro­zent der Fir­men in Deutsch­land ihre Exis­tenz gefähr­det. Eine Plei­te­wel­le wird zwar momen­tan noch durch staat­li­che Hil­fen und Aus­nah­me­re­geln künst­lich auf­ge­hal­ten. Ins­be­son­de­re hat­te die Bun­des­re­gie­rung im März die Pflicht für zah­lungs­un­fä­hi­ge oder über­schul­de­te Unter­neh­men aus­ge­setzt, inner­halb von drei Wochen einen Insol­venz­an­trag zu stel­len. Die­se Son­der­re­ge­lung läuft jedoch nach bis­he­ri­gem Stand am 30. Sep­tem­ber aus.

Die schlimms­te Wirt­schafts­kri­se aller Zei­ten? Teil 2

Ron van het Hof, der Chef von Euler Her­mes in Deutsch­land, bezeich­net die der­zei­ti­ge Lage des­halb als „Ruhe vor dem Sturm“: „Wir haben eine ticken­de Zeit­bom­be, die spä­tes­tens im drit­ten Quar­tal des Jah­res los­ge­hen wird.“ Setzt die Wel­le von Unter­neh­mens­plei­ten nach Sep­tem­ber mit vol­ler Wucht ein, wären die Fol­gen ein deut­li­cher Anstieg der Arbeits­lo­sig­keit, sin­ken­de Steu­er­ein­nah­men und Kre­dit­aus­fäl­le bei den Ban­ken. Laut der Rating-Agen­tur Stan­dard & Poor’s könn­ten sich die Kre­dit­ver­lus­te in 2020 auf 1,3 Bil­lio­nen Dol­lar belau­fen und damit dop­pelt so hoch aus­fal­len wie 2019. Sol­che Aus­fäl­le könn­ten auch vie­le Ban­ken in ihrer Exis­tenz bedro­hen, wovor Bran­chen­ex­per­ten seit eini­ger Zeit war­nen. Das Insti­tut für Arbeits­markt- und Berufs­for­schung schätzt den Anstieg der Arbeits­lo­sig­keit für die­ses Jahr auf rund 500.000.

IWH-Ana­ly­se sagt Ban­ken­kri­se vor­aus

Beson­ders gefähr­de­te Bran­chen sind laut dem Han­dels­blatt der Maschi­nen­bau, die Auto­zu­lie­fe­rer, die Tou­ris­mus­bran­che, der Ein­zel­han­del, der Mes­se- und Event­be­reich sowie die Gas­tro­no­mie. Allein 70.000 Gast­stät­ten – und damit jeder drit­te Betrieb in der Bran­che – sei­en akut in ihrer Exis­tenz bedroht.

Verlängert die Regierung die Ausnahmeregeln?

Die Plei­te­wel­le könn­te auf­ge­scho­ben wer­den, wenn die Bun­des­re­gie­rung die Aus­set­zung der Pflicht zur Insol­venz­an­mel­dung ver­län­gert. Denk­bar ist etwa eine Ver­län­ge­rung der Son­der­re­gel bis Ende März. Insol­venz­ex­per­ten hal­ten dies zwar für frag­wür­dig, weil durch eine sol­che Maß­nah­me „Unter­neh­mens­zom­bies“, also Fir­men ohne jede rea­lis­ti­sche wirt­schaft­li­che Per­spek­ti­ve, künst­lich am Leben gehal­ten wür­den. Eine ande­re dis­ku­tier­te Opti­on fin­det jedoch mehr Anklang in der Sze­ne, näm­lich die Ein­schrän­kung der Ver­län­ge­rung auf über­schul­de­te Fir­men.

Der Bei­trag Wirt­schafts­kri­se: Kommt im Herbst die gro­ße Plei­te­wel­le? erschien zuerst auf Per­spek­ti­ve.

Read More