[KgK:] STARBUCKS: 12 fristlose Kündigungen und Hausverbot!

Sym­bol­bild: West­fa­len­post, Streik bei Star­bucks

Seit wann arbei­test Du bei Star­bucks und wel­cher Tätig­keit gehst Du dort nach?

Ich hat­te im April 2011 den ers­ten offi­zi­el­len Arbeits­tag als Baris­ta, muss­te jedoch bereits im Vor­feld knapp vier oder sechs Stun­den an einem Tag kos­ten­los zu Pro­be arbei­ten. Dies haben wir in mei­ner Zeit als Betriebs­rat im Distrikt Ber­lin 2 abge­schafft, da das gera­de nach der Ein­füh­rung des Min­dest­lohns nicht nur ein Betrug am Beschäf­tig­ten ist, son­dern auch für uns als Gre­mi­um einen Sozi­al­ver­si­che­rungs­be­trug dar­stell­te.

Wie wer­den die Beschäf­tig­ten bezahlt und gibt es einen Tarif­ver­trag?

Wir haben einen Tarif­ver­trag, doch lei­der ist die­ser nur knapp über dem Min­dest­lohn und ermög­licht nie­man­den ohne zwei­ten oder drit­ten Job eine nor­ma­le Teil­ha­be am Leben. Selbst im Jahr 2023 sieht die­ser Tarif­ver­trag in der unters­ten Tarif­grup­pe kei­ne 12€ Brut­to pro Stun­de für einen Kaf­fee­ko­cher, Hähn­chen­bra­ter, Bur­ger­stap­ler, und wie man uns nennt, vor! Unter Star­bucks hat­ten wir einen Ein­stiegs­lohn von 8,18€ plus jähr­li­chem Akti­en­pa­ket. Mit Bei­tritt zum Tarif­ver­trag vom BdS sank die­ser vor der Ein­füh­rung des Min­dest­lohn sogar auf 7,50€! Durch den Ver­kauf an AmRest, ver­lo­ren die Mit­ar­bei­ter auch noch ersatz­los ihr jähr­li­ches Akti­en­pa­ket und muss­ten ihre bis­he­ri­gen Akti­en­op­tio­nen sogar ver­bil­ligt (da der Zeit­punkt ungüns­tig war) absto­ßen.

Okay, die Löh­ne sind pre­kär. Und wie sind die Arbeits­be­din­gun­gen?

Die Arbeits­be­din­gun­gen sind mei­ner Mei­nung nach aktu­ell kata­stro­phal: stän­di­ge Dienst­plan­än­de­run­gen (teil­wei­se noch am Tag der Schicht), Mit­ar­bei­ter wur­den durch Feh­ler in der Abrech­nung nicht bezahlt oder auch schon mal zwei Tarif­grup­pen schlech­ter. Die Geschäfts­lei­tung hat sich gewei­gert, mit uns als Betriebs­rat eine Betriebs­ver­ein­ba­rung Mas­ken­schutz abzu­schlie­ßen. Wir haben deutsch­land­weit kei­ne mit Betriebs­rä­ten abge­stimm­te Gefähr­dungs­be­ur­tei­lun­gen. Teil­wei­se bekom­men wir Anru­fe aus den Stores an frei­en Tagen oder im Urlaub. Über­stun­den wer­den ohne Geneh­mi­gung von Betriebs­rä­ten ange­ord­net. Mehr als 10h Arbeit inner­halb von 24h sind kei­ne Sel­ten­heit! Die Mit­ar­bei­ter suchen sich mei­ner Beob­ach­tung nach lie­ber einen neu­en Job, als im Betrieb auf­zu­fal­len und Miss­stän­de anzu­ge­hen.

Wie sieht es mit der gewerk­schaft­li­chen Orga­ni­sie­rung aus und wer­det Ihr von der NGG gut unter­stützt?

Gewerk­schaft­li­che Orga­ni­sie­rung ist bei stän­dig wech­seln­den Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­tern sehr schwer möglich.Ebenfalls neh­men die Ver­stän­di­gungs­schwie­rig­kei­ten bedingt durch man­geln­de Deutsch­kennt­nis­se zu. Ich glau­be, das wird durch die Arbeit­ge­ber bewusst vor­an­ge­trie­ben. Wer sei­ne Rech­te nicht kennt oder wes­sen Auf­ent­halts­ge­neh­mi­gung am Arbeits­ver­trag hängt, muckt nicht so schnell auf!

Das klingt so als wür­de der Kon­zern Migrant*innen beson­ders aus­beu­ten, gibt es dafür wei­te­re Anhalts­punk­te?

Das wür­de ich so nicht sagen, sie machen es nicht anders, als die ande­ren Betrie­be im BdS (was es nicht bes­ser macht): befris­te­te Ver­trä­ge (bis zu 2 Jah­re), dann der poli­ti­sche und gesell­schaft­li­che Druck auf Migran­tin­nen und Migran­ten, dies alles schafft ein Kli­ma der Ein­schüch­te­rung, der Selbst­dis­zi­pli­nie­rung und Selbstausbeutung.Wenn die Auf­ent­halts­ge­neh­mi­gung am vor­han­de­nen Arbeits­platz hängt, hält man die Füße län­ger still!

Was will ich jeman­den auf die Fra­ge ant­wor­ten: Was habt ihr denn gegen AmRest? Ist doch ein guter Arbeit­ge­ber, beim letz­ten Arbeit­ge­ber wur­de ich noch geschla­gen! Da bleibt einem erst­mal die Spu­cke weg und da über­zeugt auch kein Para­graph aus dem Arbeits­zeit­ge­setz! Wer Angst hat, wie­der in die alte Hei­mat zu müs­sen, wo Schlä­ge, noch mehr Armut und even­tu­ell Fol­ter oder Tod dro­hen, der akzep­tiert aktu­ell lei­der auch für uns bereits über­wun­den geglaub­te Arbeits­be­din­gun­gen. Hier muss die Poli­tik end­lich ver­ste­hen, dass sie Migran­tin­nen und Migran­ten nicht in wirt­schaft­li­che Gei­sel­haft neh­men dür­fen und dass die Ver­knüp­fung von Blei­be­recht und der Auf­nah­me von Arbeit nur spal­tet und die Arbeits­be­din­gun­gen und Ent­loh­nung von allen Arbeit­neh­me­rin­nen und Arbeit­neh­mern drückt! Doch ich unter­stel­le mal ein­fach, dies ist in die­sem Sys­tem so gewollt…

Wie geht Star­bucks mit Betriebs­rä­ten um?

Betriebs­rä­te, die im Sin­ne der Unter­neh­mens­füh­rung arbei­ten, wer­den ger­ne als Fei­gen­blatt vor­ge­zeigt und sind somit auch bis jetzt akzep­tiert. Anders sieht es hin­ge­gen bei Betriebs­rä­ten aus, die sich fort­bil­den, das Erlern­te im Sin­ne der Beschäf­tig­ten ein­set­zen und dies auch – not­falls gericht­lich – durch­set­zen. Allei­ne inner­halb von drei Mona­ten hat­ten wir über 1000 Ver­stö­ße gegen die geneh­mig­ten Dienst­plä­ne mit einer mög­li­chen Straf­sum­me von knapp 11 Mio.€ – und das in nur 5 über­prüf­ten Filia­len. Durch die Zer­schla­gung unse­res Betriebs und des Betriebs­ra­tes hat sich die­ses Ver­fah­ren erle­digt.

Bist Du auch per­sön­lich als Betriebs­rat ange­grif­fen wor­den?

Ich habe nach dem vor­läu­fi­gen Ver­lust des Betriebs­rats­man­dats aktu­ell 12 frist­lo­se Kün­di­gun­gen erhal­ten und deutsch­land­weit Haus­ver­bot in allen Filia­len von Star­bucks! Wei­te­re ehe­ma­li­ge Betriebs­rä­te haben aufs Bun­des­land oder für ihre Stadt bezo­gen Haus­ver­bo­te erhal­ten, akti­ve Gewerk­schaf­ter sol­len den Filia­len fern­blei­ben. Ich habe ja noch Glück, dass die kei­nen Super­markt oder ein Kran­ken­haus betrei­ben. Man stel­le sich mal vor, was deren Demo­kra­tie­ver­ständ­nis für die Betriebs­rä­te dann bedeu­te!

12 Kün­di­gun­gen? Wel­che Kün­di­gungs­grün­de waren das? Wie kann das sein? Wie hast Du Dein Man­dat ver­lo­ren?

AmRest und auch Star­bucks struk­tu­rie­ren ein­fach die Distrik­te um, sobald ein Betriebs­rat sei­ner eigent­li­chen Ver­pflich­tung nach­geht und die Mit­ar­bei­ter ver­tre­ten will! Die Begrün­dung lau­tet dann auf Wirt­schaft­lich­keit Die Eini­gungs­stel­le wird ein­fach vom Arbeit­ge­ber für geschei­tert erklärt und der Gesamt­be­triebs­rat stimmt in der Regel gegen wei­te­re Rechts­mit­tel für die loka­len Betriebs­rä­te. Inzwi­schen hal­ten vie­le Mit­ar­bei­ter den Gesamt­be­triebs­rat für kor­rupt. Zu mei­nen erhal­te­nen Kün­di­gun­gen: Es sind 12 ver­schie­de­ne Grün­de, auch mei­ne Stell­ver­tre­te­rin hat noch­mal 6 frist­lo­se Kün­di­gun­gen erhal­ten. Mein per­sön­li­cher Favo­rit unter den Kün­di­gungs­grün­den ist per­ma­nen­tes Sie­zen! Man woll­te mich zwin­gen, dass ich die Vor­ge­setz­ten per „Du“ anspre­che, doch ich duze nur Leu­te die ich lei­den kann, was daher aus­ge­schlos­sen war.

Wie sieht die Fir­men­struk­tur bei STARBUCKS aus?

Wir wäh­len nicht auf Fili­al­ebe­ne einen Betriebs­rat, son­dern auf Distrikt­ebe­ne. Der Distrikt ist ein von der Fir­ma defi­nier­ter Betrieb aus meh­re­ren Filia­len und kann nach Belie­ben von AmRest (auch teil­wei­se Betrei­ber von KFC, Piz­za-Hut und wei­te­ren Mar­ken) jeder­zeit zer­schla­gen wer­den. Die AmRest ist sel­ber ein pol­ni­scher Akti­en­kon­zern.

Wel­che Draht­zie­her gibt es im Hin­ter­grund? Wer ist für die­se Zustän­de ver­ant­wort­lich?

Naja Draht­zie­her, wür­de man wohl immer sagen, ist der mit dem meis­ten Geld. Doch kann ich wirk­lich nicht sagen, wie­viel in Polen bekannt ist von den Akti­vi­tä­ten des deut­schen Manage­ments. Mir kommt es per­sön­lich so vor, als wenn hier ein Herr Mann (Zustän­di­ger für Betriebs­rä­te und Arbeits­si­cher­heit), Herr Gugisch (Per­so­nal­chef mit Pro­ku­ra) und Herr Sau­er (Fir­men­an­walt mit Pro­ku­ra) ihren Pri­vat­krieg gegen uns als Betriebs­rat füh­ren.

Wie könn­ten Grup­pen oder Stu­die­ren­de Euch unter­stüt­zen? Auf wel­chen Web­sei­ten kann man sich über Eure Situa­ti­on auf dem Lau­fen­den hal­ten?

Die aktu­ells­ten Infor­ma­tio­nen über unse­ren Kampf gegen Arbeits­un­recht bei AmRest/​Starbucks und Co. fin­det man unter www​.arbeits​un​recht​.de. Unter­stüt­zen kann man uns bei Pro­test­ak­tio­nen, bei Gerichts­ver­hand­lun­gen und auch vir­tu­ell durch Goog­le-Bewer­tun­gen, bei Face­book, bei Tri­pad­vi­sor. Auf die­sen Seiten/​Apps kann jeder mit wenig Zeit­auf­wand unse­rem Unter­neh­men sagen, was man von Uni­on Bus­ting und schlech­ten Arbeits­be­din­gun­gen hält!

Unterstützer*innengruppen orga­ni­sie­ren am Frei­tag, den 31. Juli, um 18 Uhr eine Pro­test­kund­ge­bung vor der STAR­BUCKS-Filia­le am Pari­ser Platz in Ber­lin.

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