[labournet:] (Bleibende?) Lehren aus der Coronakrise für postkapitalistische Zeiten

Dossier

"make the rich pay for Covid19!" Wir danken den Industrial Workers of the World im deutschsprachigen Raum [IWW]

Wir dan­ken den Indus­tri­al Workers of the World im deutsch­spra­chi­gen Raum [IWW] für das neue Bild zum Dos­sier!

“Wir wer­den das schaf­fen. Wir blei­ben Zuhau­se. Wir alle müs­sen Ver­ant­wor­tung über­neh­men. Das Wir hat die­ser Tage, in den Zei­ten eines gras­sie­ren­den Pan­de­mie Tota­li­ta­ris­mus Kon­junk­ti­on. Ein Groß­teil der Lin­ken sub­li­miert sich unter die­sem Wir. (…) Aber was machen sie auf der ande­ren Stra­ßen­sei­te, wenn die meis­ten von uns unter Haus­ar­rest ste­hen? Die Pan­zer der Armee sind bereits da. Das Staats­ober­haupt und sei­ne Lakai­en drän­gen uns zur Arbeit. Die Poli­zis­ten patrouil­lie­ren. Die Par­la­men­ta­ri­er sind im Not­fall­aus­schuss. Die Exper­ten stot­tern. Die Ban­kiers schwit­zen, nicht wegen des Fie­bers. Die Jour­na­lis­ten ster­ben. Ihre größ­te Sor­ge ist der nächs­te Schritt. Der Krieg, den sie füh­ren, ist nicht neu, ihr Feind ist kein Virus. Sie berei­ten die nächs­te Etap­pe vor, wie ihr wisst, und nicht davon wird nichts den süßen und faden Hoff­nun­gen von “L’An 01” ähneln. Die gel­ben Wes­ten, die Kra­wall­ma­cher in Chi­le und Hai­ti, die Auf­stän­di­schen im Iran und im Irak, die liba­ne­si­schen Demons­tran­ten, die alge­ri­schen Hirak-Demons­tran­ten, die Hong­kong-Front­li­ner, die Strei­ken­den in Bogo­tá hat­ten uns gesagt: Wer vor dem Krieg flieht, ver­liert ihn immer wie­der. Wer­den wir bereit sein? Bis bald, auf ein schö­ne­res Wie­der­se­hen drau­ßen” Bei­trag “Danach – Von der tota­len Gefan­gen­schaft zur all­ge­mei­nen Deser­ti­on” von Sebas­ti­an Lot­zer vom 22. März 2020 bei non​.copy​ri​ot​.com externer Link, der – gegen­über aku­ten Fra­gen der Soli­da­ri­tät in Zei­ten von Coro­na – und lin­ke Wider­stands­struk­tu­ren – in die sys­tem­ver­än­dern­den Per­spek­ti­ven der Coro­na-Kri­se Blickt, sie­he dazu wei­te­re Bei­trä­ge und For­de­run­gen:

  • Die Wen­de zum Weni­ger: Coro­na und das Kon­sum­di­lem­ma New
    “Seit Beginn der Pan­de­mie wird nach dem Kol­la­te­ral­nut­zen der Kri­se gefragt, ja die­se sogar als eine Chan­ce beschwo­ren. Doch wor­in die­se Chan­ce kon­kret besteht und ob es tat­säch­lich zu einem nach­hal­ti­gen Wer­te­wan­del kom­men wird, ist bis­her völ­lig offen. In einer ers­ten Zwi­schen­bi­lanz kann man eines jedoch fest­stel­len: Ohne den Virus wäre eine der größ­ten Schwei­ne­rei­en der indus­tri­el­len Moder­ne immer noch unge­stört im Gan­ge, näm­lich die Aus­beu­tung von Mensch und Tier in den gigan­ti­schen Fleisch­fa­bri­ken. Was „nor­ma­le Zei­ten“ nicht geschafft haben, erle­dig­te der Virus in weni­gen Wochen: (…) Im Kern stellt die Seu­che unser gesam­tes Kon­sum- und Lebens­mo­dell in Fra­ge. Oder genau­er gesagt: unser Leben als Kon­sum­mo­dell. Ich kon­su­mie­re – und zwar mög­lichst viel und bil­lig –, also bin ich, lau­tet das Leit­mo­tiv des moder­nen homo con­su­mens. Doch Coro­na hat das Pri­mat des Kon­sums fak­tisch aus­ge­he­belt – mit erheb­li­chen Fol­gen (…) Die Grund­fra­ge lau­tet daher: Kann ein der­art kurz­fris­tig durch Coro­na geän­der­tes Kon­sum­ver­hal­ten auf Dau­er gestellt wer­den – und wenn ja, wie? Spä­tes­tens an die­sem Punkt wer­den die Dilem­ma­ta des glo­bal inte­grier­ten Welt­markts deut­lich. Denn zugleich erle­ben wir dank Coro­na in aller Dra­ma­tik, in welch fata­len Pfad­ab­hän­gig­kei­ten sich die gesam­te Welt­wirt­schaft bewegt. Wenn der rei­che Nor­den nicht bil­li­ge Klei­dung im Über­fluss kon­su­miert, lei­den als ers­tes die (zumeist weib­li­chen) Pro­du­zen­ten in den süd­li­chen Bil­lig­lohn­län­dern, denen ihre gesam­te Exis­tenz­grund­la­ge abhan­den­kommt. Und wenn die deut­schen Rei­se­welt­meis­ter nicht die schöns­ten Strän­de der Welt heim­su­chen, erhal­ten die in der Tou­ris­mus­in­dus­trie beschäf­tig­ten Ein­hei­mi­schen nicht die erfor­der­li­chen Löh­ne, um anschlie­ßend auch deut­sche Indus­trie­pro­duk­te erwer­ben zu kön­nen. Auch des­halb wer­den uns spä­tes­tens im Herbst die gewal­ti­gen öko­no­mi­schen Fol­ge­schä­den von Coro­na ein­ho­len, wenn näm­lich zahl­rei­che deut­sche Betrie­be Kon­kurs anmel­den müs­sen. (…) Hier zeigt sich, dass die über Jahr­hun­der­te prak­ti­zier­te Logik der Exter­na­li­sie­rung der indus­tri­el­len Fol­ge­schä­den end­gül­tig an ihre öko­lo­gi­schen Gren­zen gekom­men ist. Coro­na ver­deut­licht damit die dop­pel­te Kri­se des glo­bal­ka­pi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons- und Kon­sum­mo­dells. (…) Die Coro­na­kri­se könn­te der Anfang einer bes­se­ren Nor­ma­li­tät wer­den. Doch dafür darf die geschenk­te Zeit nicht zur ver­schenk­ten Zeit wer­den. Dafür müs­sen wir den Mecha­nis­men der Ver­drän­gung und dem star­ken Sog zurück in die alte „Nor­ma­li­tät“ eine ande­re, neue Leit­idee von Leben und Kon­su­mie­ren ent­ge­gen­set­zen. Doch wel­che Ant­wort wir dar­auf geben, ist der­zeit noch offen. Fest steht nur eins: Eine sol­che Gele­gen­heit wer­den wir so bald nicht wie­der erhal­ten.” Arti­kel von Albrecht von Lucke aus der ‘Blätter’-Ausgabe vom August 2020 externer Link
  • »Men­schen mer­ken, was ihre Bedürf­nis­se sind«. Zu den Chan­cen alter­na­ti­ver Öko­no­mie in der Coro­na­kri­se 
    “… [Es scheint, dass Soli­da­ri­sche Öko­no­mien kri­sen­fes­ter sind. War­um ist das so?] Haber­mann: Ich den­ke, das liegt an der Bedürf­nis­ori­en­tie­rung. Die Res­sour­cen sind ja in der kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schaft auch da. Aber hier muss immer der soge­nann­te Mul­ti­pli­ka­tor­ef­fekt auf­recht­erhal­ten wer­den, ansons­ten führt er in die Kri­se: Geht der Kon­sum run­ter, gehen Pro­duk­ti­on, Beschäf­ti­gung und das Ein­kom­men und dann wie­der der Kon­sum run­ter in einer Abwärts­spi­ra­le. Dann müs­sen Betrie­be schlie­ßen, die spä­ter wie­der gebraucht wer­den, Men­schen haben kein Ein­kom­men mehr und so wei­ter. Letzt­lich gerät das gan­ze Sys­tem in die Kri­se, ver­bun­den mit viel Elend. Obwohl alles da wäre. Embs­hoff: Ich wür­de noch den Punkt der Bezie­hun­gen ergän­zen. In der Soli­da­ri­schen Öko­no­mie gehen Men­schen mehr Bezie­hun­gen ein, sie ken­nen die Betrie­be und Pro­jek­te und füh­len sich gemein­sam ver­ant­wort­lich. Da kommt man schnel­ler auf die Idee, Res­sour­cen dort­hin zu geben, wo sie gebraucht wer­den, anstatt bei Ama­zon zu kau­fen. (…) Embs­hoff: Für mich ist klar, dass wir eine stär­ke­re Regio­na­li­sie­rung brau­chen, denn das ist auch öko­lo­gisch sinn­voll. Trotz­dem kön­nen regio­na­le Struk­tu­ren inter­na­tio­na­le Bezü­ge haben, je nach­dem was öko­lo­gisch und öko­no­misch sinn­voll ist. Die Fra­ge ist ja: Wo gibt es wel­chen Bedarf? Statt etwa Mil­lio­nen Ton­nen Milch zwi­schen der EU und Aus­tra­li­en hin und her zu expor­tie­ren, was absurd ist, macht es mehr Sinn, je nach Bedarf regio­nal zu pro­du­zie­ren. [Ande­rer­seits sprin­gen auch immer wie­der Nationalist*innen auf den Regio­nal­zug auf. Wie soll­te mit die­sen Ten­den­zen umge­gan­gen wer­den?] Embs­hoff: Regio­na­le Struk­tu­ren müs­sen über­haupt nicht natio­na­lis­tisch sein, von die­sen Ten­den­zen muss man sich klar und aktiv abgren­zen. Haber­mann: Eigent­lich muss die Idee der natio­na­len Wett­be­werbs­staa­ten über­wun­den wer­den, denn dar­auf beruht die impe­ria­le Lebens­wei­se, von der wir hier bei allen sozia­len Unter­schie­den pro­fi­tie­ren. Sie soll­te aber nicht durch kon­kur­rie­ren­de Regio­nen ersetzt wer­den. Ich den­ke, dass wir Wirt­schaft auf unter­schied­li­chen Ska­len orga­ni­sie­ren soll­ten: Die Bäcke­rei wird sehr lokal Men­schen ver­sor­gen, die Ener­gie­ver­sor­gung schon sehr viel groß­flä­chi­ger gestal­tet sein, und eini­ges macht glo­bal bezie­hungs­wei­se trans­re­gio­nal am meis­ten Sinn…” Inter­view von Haidy Damm vom 21.07.2020 im ND online externer Link mit Dag­mar Embs­hoff und Frie­de­ri­ke Haber­mann
  • John Hol­lo­way: Eine Kas­ka­de des Zorns. Mei­ne COVID-19-Fan­ta­sie 
    “… Und mit fort­schrei­ten­dem Shut­down ver­la­gert sich unse­re Auf­merk­sam­keit, weg von der Krank­heit, hin zu den wirt­schaft­li­chen Fol­gen, die uns aus­ge­malt wer­den. Wir erle­ben die schlimms­te Wirt­schafts­kri­se seit min­des­tens den 1930ern, die schlimms­te Kri­se Groß­bri­tan­ni­ens seit 300 Jah­ren, so heißt es. Über ein­hun­dert Mil­lio­nen Men­schen wer­den in extre­me Armut fal­len, sagt uns die Welt­bank. Ein wei­te­res ver­lo­re­nes Jahr­zehnt für Latein­ame­ri­ka. Mil­lio­nen und Aber­mil­lio­nen Erwerbs­lo­ser auf der gan­zen Welt. Men­schen, die hun­gern, Men­schen, die bet­teln, stei­gen­de Kri­mi­na­li­tät, zuneh­men­de Gewalt, ent­täusch­te Hoff­nun­gen, geplatz­te Träu­me. Es wird kei­ne schnel­le Erho­lung geben, jeg­li­che Erho­lung ist vor­aus­sicht­lich zer­brech­lich und schwach. Und wir den­ken: all dies nur, weil wir ein paar Mona­te zu Hau­se blei­ben muss­ten? Und wir wis­sen, dass das nicht sein kann. (…) Genau so, wie die Pan­de­mie vor­her­ge­sagt wur­de, wur­de noch deut­li­cher die Wirt­schafts­kri­se vor­her­ge­sagt. Seit drei­ßig Jah­ren, oder noch län­ger, hat die kapi­ta­lis­ti­sche Öko­no­mie im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes von gelie­he­nem Geld gelebt: ihre Aus­wei­tung basier­te auf Kre­dit. Ein vor dem Ein­sturz ste­hen­des Kar­ten­haus. (…) Wir durch­le­ben es gera­de: das Feu­er der kapi­ta­lis­ti­schen Kri­se. So viel Elend, Hun­ger, ent­täusch­te Hoff­nun­gen, nicht auf­grund eines Virus, son­dern um die Pro­fi­ta­bi­li­tät des Kapi­tals wie­der­her­zu­stel­len. Und was wäre, wenn wir ein­fach das auf Pro­fit basie­ren­de Sys­tem abschaff­ten? Was wäre, wenn wir mit unse­rer fri­schen Tat­kraft ein­fach raus­gin­gen und das täten, was es zu tun gilt, ohne uns um den Pro­fit zu sor­gen: die Stra­ßen rei­ni­gen, Kran­ken­häu­ser bau­en, Fahr­rä­der mon­tie­ren, Bücher schrei­ben, Gemü­se pflan­zen, Musik machen, was auch immer. Kei­ne Erwerbs­lo­sig­keit, kein Hun­ger, kei­ne geplatz­ten Träu­me. Und die Kapitalist*innen? Ent­we­der an die nächs­te Stra­ßen­la­ter­ne hän­gen (eine immer bestehen­de Ver­su­chung) oder sie ein­fach ver­ges­sen. Es ist sicher bes­ser, sie ein­fach zu ver­ges­sen. (…) Die Pan­de­mie hat den Kapi­ta­lis­mus in rie­si­gem Aus­maß demas­kiert. Wie sel­ten zuvor wur­de er bloß­ge­stellt. Auf so vie­le Arten und Wei­sen. Ein­mal ist da der rie­si­ge Unter­schied in der Erfah­rung mit dem Shut­down, abhän­gig von dem dir zur Ver­fü­gung ste­hen­den Raum, ob du einen Gar­ten hast, ob du ein Feri­en­haus hast, in das du dich zurück­zie­hen kannst. In enger Bezie­hung dazu steht dann der rie­si­ge Unter­schied der Aus­wir­kun­gen der Pan­de­mie auf Reich und Arm, wie sich mit dem Fort­schrei­ten des Virus gezeigt hat. Dazu gehört auch der gro­ße Unter­schied der Infek­ti­ons- und Ster­be­ra­te von Wei­ßen und Schwar­zen. Und die ent­setz­li­chen Män­gel in der Kran­ken­ver­sor­gung nach über drei­ßig Jah­ren Unter­fi­nan­zie­rung. Und die furcht­ba­re Inkom­pe­tenz so vie­ler Staa­ten. Und die ekla­tan­te Aus­wei­tung der Macht von Überwachungs‑, Poli­zei- und Mili­tär­be­hör­den in fast allen Län­dern. Und die Dis­kri­mi­nie­rung im Bil­dungs­be­reich zwi­schen denen, die Zugang zum Inter­net haben, und denen, die kei­nen haben. Und die Gefahr furcht­ba­rer Gewalt, der so vie­le Frau­en* aus­ge­setzt sind. All dies und noch viel mehr, wäh­rend gleich­zei­tig die Eigentümer*innen von Ama­zon und Zoom und so vie­le ande­re Technik­un­ter­neh­men beein­dru­cken­de Pro­fi­te ein­fah­ren und der Akti­en­markt, ange­trie­ben vom Vor­ge­hen der Zen­tral­ban­ken, den scham­lo­sen Trans­fer des Reich­tums von Arm zu Reich vor­an­treibt. Und unser Zorn wächst und unse­re Ängs­te und unse­re Ver­zweif­lung und unse­re Ent­schlos­sen­heit, dass dies nicht so sein muss, dass wir DIESEN ALBTRAUM NICHT WAHR WERDEN LASSEN DÜRFEN. Und dann öff­ne­ten sich die Türen und der Damm brach. Unser Zorn und unse­re Hoff­nun­gen bra­chen auf die Stra­ßen her­vor. Wir hören Geor­ge Floyd, wir hören sei­ne letz­ten Wor­te, „Ich krie­ge kei­ne Luft“. Die Wor­te dre­hen sich in unse­rem Kopf immer wei­ter. Wir haben nicht das Knie eines mor­den­den Poli­zis­ten in unse­rem Nacken, aber auch wir krie­gen kei­ne Luft. Wir krie­gen kei­ne Luft, denn der Kapi­ta­lis­mus tötet uns. (…) Der Kom­mu­nis­mus ist kein Nomen, das oktroy­iert wer­den soll, son­dern ein Verb, das zu erschaf­fen und wie­der zu erschaf­fen ist. Und die Zapatist*innen erschaf­fen die Welt vie­ler Wel­ten. Und so wie die land­lo­sen Bau­ern und Land­ar­bei­ter ihre Slums ver­las­sen und auf das Land zurück­ge­hen und mit der Hei­lung der Bezie­hung zu ande­ren For­men des Lebens begin­nen, so machen sich die Stadtbewohner*innen dar­an, urba­ne Saa­ten zu kul­ti­vie­ren, die Imker*innen Honig ern­ten zu las­sen und einen städ­ti­schen Lebens­raum zu schaf­fen, der allen ein lebens­wer­tes Leben ermög­licht, dabei die Tren­nung zwi­schen Stadt und Land nie­der­rei­ßend. Und die Fle­der­mäu­se und Wild­tie­re gehen zurück in ihre Lebens­räu­me. Und die Kapitalist*innen krab­beln in ihre Lebens­räu­me zurück, unter die Trep­pen. Und die Arbeit, kapi­ta­lis­ti­sche Arbeit, die schreck­li­che Maschi­ne, die Reich­tum und Armut pro­du­ziert und unse­re Leben zer­stört, gelangt an ihr Ende und wir begin­nen, das zu tun, was wir wol­len, wir begin­nen, eine ande­re Welt zu erschaf­fen, begrün­det auf der gegen­sei­ti­gen Aner­ken­nung unse­rer Wür­den…” Arti­kel von John Hol­lo­way externer Link in der Über­set­zung durch Lars Stub­be vom 23. Juni 2020 als Vor­ver­öf­fent­li­chung zu Sozial.Geschichte Online 28 (2020)
  • Nar­ra­ti­ve und Sze­na­ri­en der Nach-Coro­na-Welt /​In Ver­tei­di­gung des Lebens. Über die Coro­na-Pan­de­mie, die sozi­al­öko­lo­gi­sche Groß­kri­se und die Mög­lich­keit eines neu­en Sozia­lis­mus­be­griffs 
    • Nar­ra­ti­ve und Sze­na­ri­en der Nach-Coro­na-Welt
      “Wird durch die Coro­na-Kri­se das Ende des Kapi­ta­lis­mus ein­ge­läu­tet – oder erlebt er ein „Jetzt erst recht“-Comeback? Fest steht: Die jet­zi­gen Erzäh­lun­gen wer­den beein­flus­sen, wie es wei­ter­geht. (…) Vie­le Men­schen fra­gen sich, ob die Coro­na-Kri­se ein Gele­gen­heits­fens­ter für einen gesell­schaft­li­chen Wan­del dar­stel­len könn­te. Nicht nur indi­vi­du­ell kann eine per­sön­li­che Kri­se eine Chan­ce eröff­nen – auch in Wis­sen­schaft und Gesell­schaft erge­ben sich struk­tu­rel­le Ver­än­de­run­gen oft aus vor­an­ge­gan­ge­nen Kri­sen­er­fah­run­gen. So hebt etwa der Wis­sen­schafts­phi­lo­soph Tho­mas S. Kuhn in sei­nem Werk Die Struk­tur wis­sen­schaft­li­cher Revo­lu­tio­nen (1976) die beson­de­re Bedeu­tung von Kri­sen her­vor: Nach Kuhn bil­den die meis­ten Wis­sen­schaf­ten ein „dis­zi­pli­nä­res Sys­tem“, ein Para­dig­ma aus. Ver­kürzt gesagt, denkt der „Main­stream“ einer Wis­sen­schaft inner­halb „sei­nes“ Para­dig­mas und blen­det dabei Wider­sprüch­lich­kei­ten weit­ge­hend aus oder wehrt Kri­tik aus ande­ren Theo­rie­schu­len zunächst ab. Im Lau­fe der Zeit tre­ten jedoch Pro­ble­me auf, die das bestehen­de Para­dig­ma vor Recht­fer­ti­gungs­druck stel­len kön­nen, so dass sich der Raum für neue Theo­rien eröff­net, was bei der „nor­ma­len“ Wis­sen­schaft jedoch auf Wider­stand stößt. Die Recht­fer­ti­gungs­kri­se kann daher auf drei Arten enden: Das alte Para­dig­ma wird doch irgend­wie mit dem neu­en Pro­blem fer­tig. Das Pro­blem wird „archi­viert“ und zukünf­ti­gen Genera­tio­nen über­ant­wor­tet. Oder es setzt sich ein neu­es Para­dig­ma durch. Dass Kri­sen auch wirt­schafts­po­li­tisch einen Para­dig­men­wech­sel beför­dern kön­nen, lehrt ein Blick in die Geschich­te (…) Kri­sen brin­gen jedoch nicht „auto­ma­tisch“ Ver­än­de­run­gen mit sich. Sie wer­den von Men­schen und Insti­tu­tio­nen mit Dis­kurs­macht vor­an­ge­bracht. (…) Dass sich bestimm­te Ideen durch­set­zen, ist dabei als Zusam­men­spiel – auch zufäl­li­ger – his­to­ri­scher, kul­tu­rel­ler und gesell­schafts­po­li­ti­scher Kon­stel­la­tio­nen zu ver­ste­hen. Ein wesent­li­cher Fak­tor dabei ist die Macht der Spra­che. (…) In wel­che Rich­tung sich die Gesell­schaft „nach Coro­na“ hin ent­wi­ckeln wird, ist offen. Nicht zuletzt hängt dies davon ab, wel­che Ideen und Nar­ra­ti­ve sich jetzt durch­set­zen und wer sprach­li­che Deu­tungs­macht über die Kri­se ent­wi­ckeln kann. Es stellt sich jedoch die Fra­ge, ob wir uns ein wei­te­res Mal Pro­blem­ver­schie­bung in Sachen Kli­ma­schutz oder gesell­schaft­li­chem Zusam­men­halt leis­ten kön­nen. Oder ob jetzt die Zeit gekom­men ist, über einen gesell­schafts­po­li­ti­schen Para­dig­men­wech­sel ernst­haft nach­zu­den­ken.” Essay von Valen­tin Sag­vosdkin und Han­nes Böhm bei Makro­nom am 8. Juni 2020 externer Link (bei­de Autoren sind Mit­glied im Netz­werk Plu­ra­le Öko­no­mik)
    • In Ver­tei­di­gung des Lebens. Über die Coro­na-Pan­de­mie, die sozi­al­öko­lo­gi­sche Groß­kri­se und die Mög­lich­keit eines neu­en Sozia­lis­mus­be­griffs
      Die Coro­na-Pan­de­mie hat die schon län­ger her­auf­zie­hen­de sozi­al­öko­lo­gi­sche Groß­kri­se vor­weg­ge­nom­men und ver­weist auf eine letzt­lich ant­ago­nis­ti­sche Bezie­hung von Kapi­tal und Leben. Die­ser Wider­spruch wirft die Fra­ge auf, ob anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche Alter­na­ti­ven nicht grund­sätz­lich als »Pro­jek­te des Lebens« neu gedacht wer­den müs­sen. In die­sem Sin­ne plä­diert der Autor für einen Sozia­lis­mus­be­griff, der zwar wei­ter­hin die Eigen­tums­fra­ge als zen­tra­les Macht­ver­hält­nis benennt, aber auf einem Care-Para­dig­ma beruht, wie es in queer­fe­mi­nis­ti­schen Debat­ten skiz­ziert wird – der Sor­ge um Men­schen, Leben und sozia­le Bezie­hun­gen.” Abs­tract zum Arti­kel von Raul Zelik in der PROKLA – Zeit­schrift für kri­ti­sche Sozi­al­wis­sen­schaft – vom Juni 2020 externer Link
  • Coro­na und die sozia­len Fra­gen 
    Von Hong Kong aus hat sich im April ein Graf­fi­to ver­brei­tet: “The­re can be no return to nor­mal becau­se nor­mal was the pro­blem in the first place.” Das klingt nicht schlecht, die Fra­ge ist aber, ob den Prot­ago­nis­ten sol­cher Sprü­che eigent­lich klar ist, was sie da sagen. (…) Wür­den die Betrof­fe­nen dies als eine prak­tisch erfah­re­ne Wahr­heit ihrer Lebens­um­stän­de fest­hal­ten, könn­ten sie einen gewis­sen Wider­spruch zu ihrem Appell an ‚Vater Staat‘ bemer­ken, mög­lichst schnell die alten Zustän­de wie­der­her­zu­stel­len, in denen die aktu­el­le Not­la­ge doch ihren Ursprung hat. Lei­der führt sie ihre Betrof­fen­heit in der Regel in die fal­sche Rich­tung. Nicht in den nor­ma­len markt­wirt­schaft­li­chen Lebens­um­stän­den, in denen sie sich auch schlech­ten Erfah­run­gen zum Trotz im Prin­zip auf­ge­ho­ben füh­len, son­dern in einer exzep­tio­nel­len Virus-Epi­de­mie und in den gesund­heits- und ord­nungs­po­li­ti­schen Gegen­maß­nah­men sehen sie den Grund der Mise­re – und suchen nach Schul­di­gen. (…) Über den Lohn hin­aus und auch ohne Coro­na, also etwa im Nor­mal­zu­stand des Jah­res 2018, zeich­nen sich z.B. hin­sicht­lich der Ren­ten, die man sich von einer lebens­lan­gen Arbeit für Ent­gelt gemein­hin als aus­kömm­lich ver­spricht, pre­kä­re Ver­hält­nis­se ab: “20 Mil­lio­nen ren­ten­ver­si­cher­te Arbeit­neh­mer und Selbst­stän­di­ge ver­dien­ten weni­ger als das Durch­schnitts­jah­res­ge­halt, [mit dem sie] einen Ent­gelt­punkt erwer­ben. Die­ser bringt der­zeit rund 33 Euro Monats­ren­te im Wes­ten und knapp 32 Euro im Osten ein. Nach 40 Arbeits­jah­ren mit Durch­schnitts­ver­dienst kommt man aktu­ell auf eine Brut­to-Monats­ren­te von 1.322 Euro (West) oder 1.276 Euro (Ost).” Für zwei Drit­tel der Ren­ten­ver­si­cher­ten erweist sich also ihr Arbeits­le­ben abseh­bar als nicht hin­rei­chend, um sich damit eine Durch­schnitts­ren­te von 1300 Euro brut­to zu ergat­tern. Was lehrt das über den Lohn als Mit­tel des Lebens? (…) “Wegen Coro­na” erfährt die Öffent­lich­keit ein­mal mehr von den schä­bi­gen Arbeits- und Lebens­be­din­gun­gen der knapp 50.000 “Fremd­ar­bei­ter” in den deut­schen Fleisch­fa­bri­ken. Zum Aus­gleich kom­men auch die Nöte ihrer Arbeit­ge­ber zur Spra­che, deren Wort­füh­rer beto­nen, Betrie­be wür­den Plei­te gehen oder nach Ost­eu­ro­pa abwan­dern, wenn sie ihre Akkord-Schlach­ter im Werk­ver­trag bes­ser bezah­len und in Ein­zel­zim­mern unter­brin­gen müss­ten. Das ist doch auch eine bei­spiel­haf­te Aus­kunft dar­über, wie sich ein loh­nen­des Geschäft mit Nah­rungs­mit­teln und der Lohn derer, die sie pro­du­zie­ren, als Lebens­mit­tel aus­schlie­ßen. Wenn die deut­schen Dum­ping­löh­ne ent­spre­chen­de Jobs in Bel­gi­en, Frank­reich, Hol­land und Däne­mark über­flüs­sig gemacht bzw. in die BRD geholt haben (tages­schau 3.6.20), so zeigt dies außer­dem, dass für die Erfol­ge des Stand­orts Deutsch­land nicht nur die High­tech des Auto- und Maschi­nen­baus erfor­dert ist, son­dern auch Metho­den des “Man­ches­ter­ka­pi­ta­lis­mus” noch ganz brauch­bar sind. (…) Die wirk­li­chen Grün­de für eine Zunah­me der Mise­re, wel­che die abhän­gig Beschäf­tig­ten und ande­re “ein­fa­che Leu­te” vom Fort­gang der Coro­na-Kri­se even­tu­ell zu erwar­ten haben, fin­den sich in den öko­no­mi­schen und poli­ti­schen Maß­nah­men, mit denen Kapi­tal und Staat die­sel­be euro­pa­weit zu bewäl­ti­gen suchen. Aus­zü­ge aus dem ent­spre­chen­den “Dis­kurs”: Die Indus­trie for­dert par­al­lel zur Bekannt­ga­be ihrer Ent­las­sungs­plä­ne – und ihrer Bereit­schaft, auch an einer kli­ma­ret­ten­den Ener­gie­wen­de ver­die­nen zu wol­len -, den “Las­ten-Abbau im Energie‑, Wett­be­werbs- und Umwelt­recht”. Aus der Regie­rungs­par­tei, die bei den Wäh­ler­um­fra­gen in der Kri­se am meis­ten pro­fi­tiert, kommt der Vor­schlag, den Min­dest­lohn wie­der abzu­sen­ken. Der Chef der Wirt­schafts­wei­sen ver­bie­tet “Frei­bier für alle” und erklärt einen Coro­na-Bonus für Fami­li­en zu “raus­ge­schmis­se­nem Geld”. (…) Wie sehr die Arbeits­ein­kom­men in Deutsch­land und welt­weit unter Kri­sen­druck gera­ten, wird man sehen. Der markt­wirt­schaft­li­chen Logik nach ist zu erwar­ten, dass die Arbeit­ge­ber ihre ver­rin­ger­ten Umsät­ze und Gewin­ne kos­ten­be­wusst in einer Kom­bi­na­ti­on aus Lohn­sen­kung, Ent­las­sun­gen und Ände­rung der Arbeits­be­din­gun­gen zu ihren Guns­ten an ihre Arbeit­neh­mer wei­ter­rei­chen. Vom “Ange­bot” an Beschäf­tig­te, sogar von deren Bereit­schaft, auf Lohn zu ver­zich­ten, um den Arbeits­platz zu sichern, hört man nicht nur bei Luft­han­sa. (…) Es ist abseh­bar, dass die Rück­kehr zur Nor­ma­li­tät – nach der Sei­te der Kri­sen­ab­wick­lung hin wie bezüg­lich der ins Auge gefass­ten Pro­duk­ti­ons­fort­schrit­te – Per­so­nal­kos­ten ein­spa­ren und öko­no­mi­sie­ren, also ten­den­zi­ell über­flüs­si­ge Arbeits­be­völ­ke­rung schaf­fen wird. Dies ist übri­gens auch der dem Kapi­tal imma­nen­te Weg, eine even­tu­el­le Knapp­heit von Arbeits­ver­mö­gen (s.o.) zu über­win­den. Eine sub­stan­zi­el­le Arbeits­zeit­ver­kür­zung könn­te dem ent­ge­gen­wir­ken, müss­te aber, will man sie nicht bloß von Arbeits­zeit­mo­del­len der Unter­neh­men in deren Inter­es­se abhän­gig machen, sozu­sa­gen erkämpft wer­den. Und hier tref­fen Gewerk­schaf­ten, wie beschrie­ben, wie­der auf die ver­spür­te Zwick­müh­le. (…) Wenn aber das Sys­tem der Lohn­ar­beit, von dem die Arbei­ter so recht und schlecht leben, nur dadurch am Lau­fen zu hal­ten ist, dass der Staat als “ideel­ler Gesamt­ka­pi­ta­list” dazu lau­ter noch schlech­te­re Aus­nah­men durch öffent­li­che Zuschüs­se orga­ni­siert, eta­bliert sich viel­leicht eine moder­ne Ergän­zung der “sozia­len Fra­ge”, die nie­mals alt wird.” Arti­kel von Georg Schus­ter vom 08. Juni 2020 bei tele­po­lis externer Link (Wor­an man sich erin­nern soll­te – Teil 6)
  • Mani­fest COROPITALISMUS – Nichts wird so blei­ben 
    Wenn die aktu­el­le Coro­na-/Co­vid-19-Pan­de­mie eines offen­bart, dann die­ses: Kein Land ist vor­be­rei­tet. Es ist nicht abzu­se­hen, wie die Pan­de­mie aus­geht, wie viel Tod und Leid sie hin­ter­lässt, wann sie been­det sein wird. Was wir jedoch momen­tan schon wis­sen ist, dass die poli­ti­sche Klas­se der meis­ten Län­der in der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit höchst fahr­läs­sig gehan­delt und in hohem Maße ver­sagt hat. Die­je­ni­gen, die sich jetzt als Ret­ter und ‘Kri­sen­ma­na­ger’ auf­spie­len, haben der Pri­va­ti­sie­rung öffent­li­cher Güter auf allen Ebe­nen Vor­schub geleis­tet. Nicht eine der sozia­len Infra­struk­tu­ren ist vom Kahl­schlag ver­schont geblie­ben. Poli­ti­sches Ver­sa­gen: Exem­pla­risch zeigt sich die­se extrem schäd­li­che und zer­stö­re­ri­sche Poli­tik im Gesund­heits­we­sen. Hier kann genau wie in ande­ren gesell­schaft­li­chen Berei­chen bestaunt wer­den, was ange­rich­tet wur­de: unzu­rei­chen­de Bezah­lung des Per­so­nals und das Anwach­sen von Nied­rig­lohn­jobs, zu lan­ge und per­so­nell aus­ge­dünn­te Schich­ten, Qua­li­fi­zie­rungs­män­gel, Rekru­tie­rungs­pro­ble­me u.v.a.m. (…) Auf mehr oder weni­ger gene­rö­se wie pathe­ti­sche Wei­se bedankt sich die poli­ti­sche Kas­te beim Per­so­nal der Kran­ken­ein­rich­tun­gen für deren auf­op­fe­rungs­vol­le Arbeit. Ohne irgend­ein Schuld­ein­ge­ständ­nis oder Reue, ohne eine Zusa­ge für bes­se­re Bezah­lung und für not­wen­di­ge sys­te­mi­sche Ver­bes­se­run­gen. Die sich anbah­nen­de huma­ni­tä­re Kata­stro­phe soll­te uns Anlass sein, über Grund­le­gen­des nach­zu­den­ken und Fra­gen dazu zu stel­len, ob unse­re Gesell­schaf­ten sozi­al und wirt­schaft­lich adäquat ver­fasst bzw. orga­ni­siert sind und wie und wo sie drin­gend ver­än­dert wer­den müs­sen. Es ist wirk­lich an der Zeit, sich Gedan­ken über einen neu­en Gesell­schafts­ver­trag zu machen, weil in der jet­zi­gen Situa­ti­on eben­so wie bei der Kli­ma­ka­ta­stro­phe über­deut­lich wird, was alles schief läuft. Hier­bei muss auch über den Kapi­ta­lis­mus gere­det wer­den. Das ist, so wur­de es uns tag­täg­lich ein­ge­trich­tert, die einer ‘frei­en’ Welt ange­mes­se­ne öko­no­mi­sche Funk­ti­ons-wei­se. Im Ver­ein mit der par­la­men­ta­ri­schen Demo­kra­tie soll er qua­si die Mut­ter aller Frei­heit sein. Wir wol­len hier nicht dar­über fabu­lie­ren, inwie­weit die welt­wei­te Epi­de­mie durch ihn direkt ange­sto­ßen wur­de. Was wir aber schon sagen kön­nen, ist, dass er wie ein Brand­be­schleu­ni­ger wirkt. (…) Mit Pierre Bour­dieu sind wir der Ansicht: “Es gibt kei­ne wirk­li­che Demo­kra­tie ohne wah­re poli­ti­sche Gegen­macht.” D.h. wir dür­fen unse­re Geschi­cke und unser Leben nicht mehr der poli­ti­schen Klas­se anver­trau­en und allein auf die par­la­men­ta­ri­sche Demo­kra­tie hof­fen. Wir müs­sen als Ver­ei­ni­gung der Bür­ger selbst aktiv sein und Akti­ons­for­men fin­den, um unse­re Inter­es­sen durch­zu­set­zen…” Mani­fest von “Euro­päi­sche Citoy­ens” vom April 2020 
  • Coro­na­ka­pi­ta­lis­mus. Oder: Was ist die Auf­ga­be der Lin­ken in der Pan­de­mie? 
    “Zeit der Kri­se, Zeit für Aktio­nen statt für Ana­ly­se? Eben nicht, argu­men­tie­ren die Genoss*innen der IL Müns­ter und fra­gen, was uns Coro­na über den neo­li­be­ra­len Kapi­ta­lis­mus und staat­li­che Herr­schaft lehrt. (…) Kon­kre­te For­de­run­gen auf­zu­stel­len, wie zum Bei­spiel Geflüch­te­te dezen­tral statt in Sam­mel­un­ter­künf­ten unter­zu­brin­gen, die Bedin­gun­gen für Pfle­gen­de zu ver­bes­sern oder Maß­nah­men so zu gestal­ten, dass sie nicht auf Kos­ten derer aus­ge­tra­gen wer­den, die schon vor Coro­na sozi­al schlech­ter gestellt waren, mag rich­tig und wich­tig sein. Doch müs­sen wir ver­ste­hen, in wel­che gesell­schaft­li­chen Kon­tex­te die Coro­na-Pan­de­mie hin­ein­wirkt und wel­che poli­ti­schen, öko­no­mi­schen und ideo­lo­gi­schen Ori­en­tie­run­gen den Umgang mit der Pan­de­mie bedin­gen sowie mit wel­chen Mit­teln sie in der Pan­de­mie wei­ter fort­ge­schrie­ben, modi­fi­ziert und legi­ti­miert wer­den. Es kann also nicht um den »rich­ti­gen« Umgang mit der Pan­de­mie in einer befrei­ten Gesell­schaft gehen, son­dern dar­um, den rea­len Umgang unter den bestehen­den Ver­hält­nis­sen zu kri­ti­sie­ren. Die­se Kri­tik am rea­len Umgang mit der Pan­de­mie unter den bestehen­den Ver­hält­nis­sen kann vor der bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Lin­ken, vor uns selbst also, nicht halt machen: Denn auch in unse­ren Reak­tio­nen auf die Coro­na-Pan­de­mie spie­gelt sich schließ­lich der gesell­schaft­li­che Dis­kurs. (…) Die ers­te Auf­ga­be besteht dar­in, Coro­na poli­tisch zu dis­ku­tie­ren. Wir haben es mit unge­wöhn­lich tief­grei­fen­den und umfas­sen­den staat­li­chen Ent­schei­dun­gen zu tun, ohne dass eine Dis­kus­si­on dar­über statt­fin­det. Ein paar Virolog*innen geben den Ton an, als gäbe es eine ver­meint­lich objek­ti­ve Wis­sen­schaft. Doch sind es poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen, die auf der Grund­la­ge höchst beschränk­ten Wis­sens über ein neu­ar­ti­ges Virus getrof­fen wer­den, aber über das Leben Hundert¬tausender ent­schei­den kön­nen. (…) Die Ana­ly­se des staat­li­chen Umgangs mit der Pan­de­mie muss sei­nen poli­ti­schen Inhalt auf­de­cken. Nach einem Zick-zack-Kurs wur­de am 12. März klar: »Flat­ten the Cur­ve«! Eine Über­las­tung des Gesund­heits­we­sens soll­te ver­mie­den wer­den – genau jenes Gesund­heits­sys­tems, das durch neo­li­be­ra­le Ein­spa­run­gen schon längst an sei­ne Gren­zen gekom­men war. Die staat­li­che Sor­ge gilt der »Volks­ge­sund­heit« oder, in der Spra­che des neo­li­be­ra­len Manage­ments: »public health«. Nie­mand soll­te das mit der Sor­ge um die Gesund­heit eines jeden Ein­zel­nen ver­wech­seln, wie Bun­des­tags­prä­si­dent Schäub­le klar­stell­te, als er dar­auf hin­wies, dass der Schutz des Lebens kein abso­lu­ter Wert sei. Die Schä­di­gung der Wirt­schaft darf nicht wei­ter gehen, als unbe­dingt erfor­der­lich. Der Kampf gegen ein Virus, das die Atem­we­ge der Men­schen befällt und schä­digt, darf »der Wirt­schaft« nicht auf Dau­er die Luft zum Atmen neh­men. (…) Sel­ten wie nie wird deut­lich, wie die­se Gesell­schafts­ord­nung einer­seits den Ein­zel­nen auf die Ver­fol­gung sei­ner Inter­es­sen in Kon­kur­renz zu ande­ren ver­weist und ande­rer­seits der Staat als ideel­ler Gesamt­ka­pi­ta­list regu­lie­rend ein­greift, soweit dies zur Auf­recht­erhal­tung des »Nor­mal­zu­stands« erfor­der­lich ist. Der Staat beschränkt die Mög­lich­kei­ten, die jewei­li­gen Par­ti­ku­lar­in­ter­es­sen zu ver­fol­gen, in dem Maße, in dem er das für das wei­te­re Funk­tio­nie­ren der Gesamt­ge­sell­schaft als not­wen­dig erach­tet. Mit den ihm zur Ver­fü­gung ste­hen­den Mit­teln, auch mit Zwang, min­dert er den Pro­fit des Kapi­tals, um Auf­ga­ben zu über­neh­men, die er für das Funk­tio­nie­ren des Kapi­ta­lis­mus für not­wen­dig hält. Den staat­li­chen Zwang erlebt der Ein­zel­ne als die Beschrän­kung sei­ner indi­vi­du­el­len Inter­es­sen. Er wird aufs Gehor­chen (Mund­schutz, Abstands­re­geln) ver­wie­sen und zugleich in sei­ner Eigen­ver­ant­wort­lich­keit ange­ru­fen. Ansons­ten muss er sich durch­schla­gen. Der Wider­spruch zwi­schen staat­li­chem Zwang und per­sön­li­cher »Frei­heit« kann in die­ser Gesell­schafts­ord­nung nicht auf­ge­löst wer­den. Dazu muss sie prak­tisch über­wun­den wer­den…” Teil 1 des Bei­trags von und bei Inter­ven­tio­nis­ti­sche Lin­ke Müns­ter vom Mai 2020 externer Link – sie­he auch Teil 2:
    • Coro­na­ka­pi­ta­lis­mus. Oder: Was ist die Auf­ga­be der Lin­ken in der Pan­de­mie? Teil 2
      “… Auto­ri­tä­re For­mie­rung und die Kri­se der par­la­men­ta­ri­schen Demo­kra­tie beherr­schen die poli­ti­sche Lage in der BRD bereits seit Jah­ren. Zur auto­ri­tä­ren For­mie­rung gehö­ren die neu­en Poli­zei­ge­set­ze und ihre Nor­ma­li­sie­rung eines mili­ta­ri­sier­ten Sicher­heits­dis­kur­ses sowie der gigan­ti­sche Auf­stieg der AfD, vor allem die Über­nah­me vie­ler ihrer poli­ti­schen Argu­men­ta­ti­ons­fi­gu­ren in den Dis­kurs der soge­nann­ten bür­ger­li­chen Par­tei­en (z.B. in der Geflüch­te­ten­po­li­tik). Der Kri­se der par­la­men­ta­ri­schen Demo­kra­tie als Begrün­dungs­ideo­lo­gie der herr­schen­den Blö­cke in der BRD wird schon seit gerau­mer Zeit mit der Aus­höh­lung des bür­ger­li­chen Rechts ent­ge­gen­ge­ar­bei­tet. Dazu gehört z.B. das soge­nann­te Feind­straf­recht, also die Mög­lich­keit von Straf­ver­fol­gung und prä­ven­ti­ven Maß­nah­men gegen soge­nann­te »Gefähr­der«. Dar­in zeigt sich zugleich eine gesamt­ge­sell­schaft­li­che Situa­ti­on, inso­fern die neu­en Poli­zei­ge­set­ze eine in wei­ten Tei­len der Gesell­schaft ver­brei­te­te Posi­ti­on wider­spie­geln, wonach Rechts­ver­hält­nis­se als über­flüs­sig erschei­nen. (…) Der Aus­nah­me­zu­stand zeigt die Ver­hält­nis­se anders auf als der kapi­ta­lis­ti­sche All­tag. Das gilt auch für den Aus­nah­me­zu­stand durch Covid-19. Die Ver­hält­nis­se wer­den durch das auto­ri­tä­re Ein­grei­fen des Staa­tes sicht­ba­rer. (…) Nur wenn wir ver­ste­hen, dass es um mehr geht als das Virus, nur wenn wir anfan­gen die Logik der Ver­än­de­run­gen, die der neo­li­be­ra­le Kapi­ta­lis­mus wie die staat­li­che Herr­schaft dar­in durch­lau­fen, zu durch­schau­en und im Zusam­men­hang der Ver­än­de­rung der moder­nen Gesell­schaf­ten und ihrer Sub­jek­te zu begrei­fen, kön­nen wir Kri­tik­fä­hig­keit zurück­ge­win­nen und schritt­wei­se Wege einer wirk­lich radi­ka­len Ant­wort auf die Situa­ti­on fin­den. Eine sol­che Ant­wort geht über die Anwalt­schaft für benach­tei­lig­te Grup­pen hin­aus: sie bemän­gelt nicht ein­fach die­se oder jene Ver­säum­nis­se staat­li­chen Han­delns, son­dern stellt infra­ge, wel­chen Logi­ken und damit wel­cher Ratio­na­li­tät das staat­li­che Han­deln ins­ge­samt folgt. Denn die­se Ratio­na­li­tät ist, obwohl oder gera­de weil sie auf (natur-)wissenschaftlichen Erkennt­nis­sen beruht, nie­mals ein­fach neu­tral oder objek­tiv, son­dern immer schon an ein bestimm­tes Erkennt­nis­in­ter­es­se und an Dis­kur­se geknüpft, die ihrer­seits nicht frei von Macht­ef­fek­ten sind. Erst die­se Macht­ef­fek­te in ihrer umfas­sen­den Wir­kungs­wei­se zu erken­nen, macht es mög­lich, stra­te­gisch nach Per­spek­ti­ven zu suchen, wie sie in Fra­ge gestellt, ange­grif­fen und schließ­lich über­wun­den wer­den kön­nen.” Teil 2 des Bei­trags von und bei Inter­ven­tio­nis­ti­sche Lin­ke Müns­ter vom Mai 2020 externer Link
  • Unse­re Nor­ma­li­tät kehrt nicht zurück /​Nein zur Rück­kehr ins „Nor­ma­le“ /​Mani­fest für ein Wirt­schaf­ten nach der Pan­de­mie 
    • Unse­re Nor­ma­li­tät kehrt nicht zurück
      “Der ers­te Impuls zu Beginn des coro­nabe­ding­ten Lock­downs bestand in einer Suche nach his­to­ri­schen Ana­lo­gien – 1914, 1929, 1941? Doch in den Wochen, die seit­her ins Land gegan­gen sind, ist eines immer deut­li­cher gewor­den: die his­to­ri­sche Neu­ar­tig­keit des Schocks, den wir gera­de erle­ben. (…) Die west­li­chen Öko­no­mien ste­hen damit einem weit­aus tie­fe­ren und bru­ta­le­ren öko­no­mi­schen Schock gegen­über als sie ihn je zuvor erfah­ren haben. (…) Selbst wenn Pro­duk­ti­on und Beschäf­ti­gung wie­der begon­nen haben, wer­den wir uns über Jah­re mit den finan­zi­el­len Alt­las­ten beschäf­ti­gen. In der Hit­ze des Augen­blicks kommt es sel­ten zum enga­gier­ten Streit über Finanz­po­li­tik, da man sich in der Kri­se leicht aufs Geld­aus­ge­ben eini­gen kann. Aber die­ser Kampf wird kom­men. Wir erle­ben die größ­te je in Frie­dens­zei­ten erfolg­te Zunah­me an Staats­schul­den. (…) Die Geschich­te zeigt uns aller­dings, dass es radi­ka­le­re Alter­na­ti­ven gibt. Eine bestün­de in einem Aus­bruch der Infla­ti­on, obschon unter den vor­herr­schen­den wirt­schaft­li­chen Bedin­gun­gen nicht offen­kun­dig ist, wie sich dies bewerk­stel­li­gen lie­ße. Eine ande­re wäre ein Ablass­jahr, was ein höf­li­cher Name für das Nicht­zah­len von Staats­schul­den ist (was weni­ger dras­tisch ist, als es klingt, solan­ge es die Schul­den bei der Zen­tral­bank betrifft). Man­che haben sogar vor­ge­schla­gen, die Zen­tral­ban­ken soll­ten auf­hö­ren, staat­li­che Schuld­schei­ne zu kau­fen und den Regie­run­gen statt­des­sen ein­fach ein gigan­ti­sches Kas­sen­gut­ha­ben gut­schrei­ben. (…) Es ist mög­lich, dass es im Anschluss an den Lock­down zu einem Wie­der­an­stieg der Aus­ga­ben kommt. Aber wird das anhal­ten? Die nahe­lie­gends­te Reak­ti­on auf einen Schock, wie wir ihn gera­de erle­ben, ist der Rück­zug. Eine der bemer­kens­wer­tes­ten Ent­wick­lun­gen seit 2008 war der Schul­den­ab­bau von Pri­vat­haus­hal­ten in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten. Der ame­ri­ka­ni­sche Kon­su­ment, die größ­te Nach­fra­ge­quel­le der Welt­wirt­schaft, ist deut­lich beson­ne­ner gewor­den. Unter­neh­mens­in­ves­ti­tio­nen waren schwach, eben­so das Pro­duk­ti­vi­täts­wachs­tum. Die Kon­junk­tur­ab­schwä­chung beschränk­te sich nicht auf den Wes­ten, son­dern erfass­te auch die Schwel­len­län­der. Wir nann­ten es eine „säku­la­re Sta­gna­ti­on“. Wenn die Ant­wort von Unter­neh­men und Pri­vat­haus­hal­ten auf den bei­spiel­lo­sen Coro­na-Schock in einer Flucht in die Sicher­heit besteht, dann wird dies die Kräf­te der Sta­gna­ti­on ver­grö­ßern. Und wenn die staat­li­che Ant­wort auf die in der Kri­se akku­mu­lier­ten Schul­den in Aus­teri­tät besteht, wird das die Lage noch ver­schlim­mern. Es ist daher rich­tig, eine akti­ve­re und visio­nä­re­re staat­li­che Poli­tik zu for­dern, die einen Weg aus der Kri­se weist. Das aber wirft natür­lich die ent­schei­den­de Fra­ge auf: Wel­che Form wird die­se Poli­tik anneh­men – und wel­che Kräf­te wer­den sie kon­trol­lie­ren?” Bei­trag von Adam Too­ze in der Über­set­zung von Stef­fen Vogel aus Blät­ter 5/​2020 externer Link
    • [Mani­fest für ein Wirt­schaf­ten nach der Pan­de­mie] Arbeit: Demo­kra­ti­sie­ren, dekom­mo­di­fi­zie­ren, nach­hal­tig gestal­ten – Work. Demo­cra­ti­ze, Deco­m­mo­di­fy, Reme­dia­te
      “Arbei­ten­de Men­schen sind sehr viel mehr als blo­ße “Res­sour­cen”. Dies ist eine der zen­tra­len Leh­ren aus der gegen­wär­ti­gen Kri­se. (…) Wenn man sich ernst­haft fragt, wie die Unter­neh­men und die Gesell­schaft als Gan­zes die­se Bei­trä­ge ihrer Mit­ar­bei­ten­den in Kri­sen­zei­ten aner­ken­nen könn­ten, ist die Ant­wort: Demo­kra­ti­sie­rung. Gewiss, wir müs­sen die gäh­nen­de Kluft der Ein­kom­mensun­gleich­heit schlie­ßen und die Min­dest­löh­ne erhö­hen – aber das allein reicht nicht aus. Nach den bei­den Welt­krie­gen war der unbe­streit­ba­re Bei­trag der Frau­en zur Gesell­schaft ein wich­ti­ger Fak­tor dafür, ihnen das Wahl­recht zuzu­ge­ste­hen. Jetzt ist es aus den glei­chen Grün­den an der Zeit, den Arbeit­neh­me­rin­nen und Arbei­ter­neh­mern Stimm­rech­te in den Fir­men zu ver­lei­hen. Seit dem Ende des Zwei­ten Welt­kriegs gibt es in Euro­pa die Ver­tre­tung von Arbeit­neh­me­rin­nen und Arbei­ter­neh­mern durch Betriebs­rä­te. Die­se Ver­tre­tungs­or­ga­ne haben jedoch oft nur eine schwa­che Stim­me in der Unter­neh­mens­lei­tung und sind den Ent­schei­dun­gen der von den Aktio­nä­rin­nen und Aktio­nä­ren ernann­ten Füh­rungs­rie­gen unter­ge­ord­net (…) – aber sie reich­ten nicht aus, um ech­te Teil­ha­be in den Unter­neh­men zu schaf­fen. (…) Fra­gen wie die Wahl des – oder auch der! – CEO, die Fest­le­gung wich­ti­ger Stra­te­gien und die Gewinn­ver­tei­lung sind zu wich­tig, um sie den Aktio­nä­rin­nen und Aktio­nä­ren allein zu über­las­sen. Die­je­ni­gen, die ihre Arbeit, ihre Gesund­heit, ja, ihr Leben, in eine Fir­ma inves­tie­ren, soll­ten auch das kol­lek­ti­ve Recht haben, der­ar­ti­gen Ent­schei­dun­gen zuzu­stim­men oder ein Veto ein­zu­le­gen. (…) Die­se Kri­se zeigt auch, dass Arbeit nicht als Ware behan­delt wer­den darf, dass nicht Markt­me­cha­nis­men allein das Sagen über die Ent­schei­dun­gen haben kön­nen, die für unse­re Gesell­schaf­ten so zen­tral sind. (…) Die Ren­ta­bi­li­täts­lo­gik kann nicht alles ent­schei­den, und bestimm­te Berei­che müs­sen vor unre­gu­lier­ten Markt­kräf­ten geschützt wer­den, wäh­rend gleich­zei­tig jedes Indi­vi­du­um Zugang zu einer Arbeit, die mit der eige­nen Wür­de ver­ein­bar ist, haben soll­te. (…) Wir soll­ten jetzt nicht mit der glei­chen Nai­vi­tät wie 2008 vor­ge­hen, als wir auf die Wirt­schafts­kri­se mit einer Ret­tungs­ak­ti­on ohne Auf­la­gen reagier­ten, die die Staats­ver­schul­dung in die Höhe trieb, ohne eine Gegen­leis­tung zu ver­lan­gen. Wenn unse­re Regie­run­gen in der gegen­wär­ti­gen Kri­se ein­grei­fen, um Unter­neh­men zu ret­ten, dann müs­sen auch Unter­neh­men in die Pflicht genom­men wer­den, die all­ge­mei­nen Grund­be­din­gun­gen der Demo­kra­tie erfül­len. Unse­re Regie­run­gen müs­sen ihre Hil­fe für Unter­neh­men von bestimm­ten Ände­run­gen in deren Stra­te­gien abhän­gig machen – im Namen der demo­kra­ti­schen Gesell­schaf­ten, denen die Regie­run­gen die­nen und durch die sie kon­sti­tu­iert wer­den, und im Namen ihrer Ver­ant­wor­tung, unser Über­le­ben auf die­sem Pla­ne­ten zu sichern. (…) Machen wir uns nichts mehr vor: Die meis­ten Kapi­tal­an­le­ge­rin­nen und ‑anle­ger wer­den sich, wenn sie sich selbst über­las­sen sind, weder um die Wür­de der Beschäf­tig­ten küm­mern, noch wer­den sie den Kampf gegen die öko­lo­gi­sche Kata­stro­phe füh­ren. Es gibt eine Alter­na­ti­ve: Demo­kra­ti­sie­ren wir die Unter­neh­men, dekom­mo­di­fi­zie­ren wir die Arbeit, hören wir auf, Men­schen als Res­sour­cen zu behan­deln – damit wir uns gemein­sam um die Erhal­tung des Lebens auf die­sem Pla­ne­ten küm­mern kön­nen.” Inter­na­tio­na­les, mehr­spra­chi­ges Mani­fest für ein Wirt­schaf­ten nach der Pan­de­mie vom 15. Mai 2020, unter­zeich­net von über 3.000 Wis­sen­schaft­lern externer Link (deut­sche Über­set­zung Lisa Her­zog) – Wei­te­re Über­set­zun­gen in 22 Spra­chen fin­det man unter #Demo­cra­ti­zing­Work externer Link
    • Nein zur Rück­kehr ins „Nor­ma­le“
      “Es liegt auf der Hand: Wenn die Wirt­schaft ein­mal her­un­ter­ge­fah­ren ist, wenn es schon die­sen Bruch gibt – dann liegt dar­in auch die Chan­ce, sie anders wie­der hoch­zu­fah­ren. Die Debat­te dar­über, wie dies gesche­hen soll, ist eröff­net. Im just ver­öf­fent­lich­ten glo­ba­len Mani­fest De-growth: Neue Wur­zeln für die Wirt­schaft for­dern mehr als 1000 Wis­sen­schaft­le­rin­nen, Exper­ten, Künst­le­rin­nen und Akti­vis­ten eine radi­ka­le Umge­stal­tung jen­seits des Wachs­tums­pa­ra­dig­mas. In einem offe­nen Brief in Le Mon­de plä­die­ren mehr als 200 Pro­mi­nen­te und Wis­sen­schaft­ler, dar­un­ter Juli­et­te Binoche, Robert De Niro, Joa­quin Phoe­nix, Pene­lo­pe Cruz und Madon­na, dafür, bit­te nicht mehr nach „Nor­mal“ zurück­zu­keh­ren, son­dern statt­des­sen unse­re Kon­sum­ge­sell­schaft und ‑öko­no­mie „grund­le­gend zu ver­än­dern“. Eine Stu­die des Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tuts Ipsos zeigt, dass 65 Pro­zent inter­na­tio­na­ler Bür­ge­rin­nen (57 Pro­zent der Deut­schen) dazu bereit wären, die Kon­junk­tur­er­ho­lung dem Kli­ma­schutz unter­zu­ord­nen. Gesell­schaft­lich und kul­tu­rell ist die Zeit für den nach­hal­ti­gen Wirt­schafts­wan­del längst reif. Lei­der aber hinkt die aktu­ell eta­blier­te Wirt­schafts­po­li­tik die­sem Zeit­geist weit hin­ter­her. (…) Kurz gesagt, wir befin­den uns mit unse­rer der­zei­ti­gen Nach­hal­tig­keits­stra­te­gie wei­test­ge­hend auf dem Holz­weg. Um einen bevor­ste­hen­den öko­lo­gi­schen Zusam­men­bruch abzu­wen­den, müs­sen wir, dar­an führt kein Weg vor­bei, schnellst­mög­lich den Kurs wen­den und ein öko­no­mi­sches Modell ent­wi­ckeln, das ohne fort­lau­fen­des Wirt­schafts­wachs­tum aus­kommt. (…) Das klingt schwie­rig, und das ist es auch. Der­zeit ist alles – von gän­gi­gen Geschäfts­mo­del­len bis zu kol­lek­ti­ven Ren­ten­ver­si­che­run­gen – auf ewi­ges Wachs­tum aus­ge­rich­tet. Wir sind es gewohnt, Wachs­tum zu fei­ern. Um nun nicht schon beim Gedan­ken an mög­li­che Schwie­rig­kei­ten den Kopf in den Sand zu ste­cken hilft es, sich zwei Sach­ver­hal­te zu ver­ge­gen­wär­ti­gen: Ers­tens ist unse­re gesell­schaft­li­che Fokus­sie­rung auf Wachs­tum ein rela­tiv jun­ges Phä­no­men – ein Nach­kriegs­kon­strukt. (…) [Z]weitens, das BIP sagt nichts über die Qua­li­tät oder gerech­te Ver­tei­lung unse­rer Wirt­schafts­leis­tung aus. (…) Eben­falls gleich­gül­tig ist dem BIP, dass die heu­ti­ge Haupt­trieb­fe­der unse­res Wohl­stands­wachs­tums, die fos­si­le Ener­gie, unse­re gemein­sa­men Lebens­grund­la­gen zer­stört. (…) Es ist höchs­te Zeit, dass Indus­trie­na­tio­nen sich von die­ser gefähr­li­chen Logik eman­zi­pie­ren. Das bedeu­tet auch den Abschied von ver­al­te­ten Wirt­schafts­theo­rien, die ihren Ursprung in Zei­ten der Früh­in­dus­tria­li­sie­rung – bei Adam Smith und John Stuart Mill – haben. Dabei fällt auf, dass selbst besag­te Öko­no­men end­lo­ses Wachs­tum nicht für mög­lich hiel­ten, son­dern statt­des­sen an das zukünf­ti­ge Errei­chen einer sta­tio­nä­ren Wirt­schaft glaub­ten. (…) Wenn wir Model­le der Zukunft mit Para­me­tern der Gegen­wart bemes­sen, dann gelingt uns kei­ne Eman­zi­pa­ti­on…” Bei­trag von Miri­am Meiss­ner vom 14. Mai 2020 bei ‘der Frei­tag’ externer Link
  • Auf­bau einer soli­da­ri­schen und nach­hal­ti­gen Care-Öko­no­mie: Ein Plä­doy­er in Zei­ten von Coro­na
    Die Coro­na-Pan­de­mie ver­deut­licht die mas­si­ven Miss­ver­hält­nis­se im Bereich der Care-Arbeit. Mit vier Ansatz­punk­ten argu­men­tiert das Netz­werk Care Revo­lu­ti­on für eine Trans­for­ma­ti­on: Ver­kür­zung der Erwerbs­ar­beits­zeit, Aus­bau des Sozi­al­staats, dezen­tra­le demo­kra­ti­sche Struk­tu­ren und Gemein­schafts­pro­jek­te für ein ande­res Leben. (…) Schon vor dem neu­ar­ti­gen Coro­na-Virus bil­de­te Care-Arbeit ein lebens­not­wen­di­ges Fun­da­ment der Gesell­schaft. Ohne die vie­len Men­schen, die tag­täg­lich Kin­der erzie­hen, unter­stüt­zungs­be­dürf­ti­ge Ange­hö­ri­ge pfle­gen oder Men­schen in Not hel­fen, wür­de die­se sofort zusam­men­bre­chen. Sor­ge­ar­beit wird sowohl all­täg­lich unent­lohnt in Fami­li­en als auch in Care-Beru­fen, etwa durch Pfle­ge­kräf­te oder Erzieher*innen, geleis­tet und pri­mär von Frau­en aus­ge­führt. Nach wie vor wer­den Umfang und Bedeu­tung die­ser Care-Berei­che mas­siv unter­schätzt, obwohl vor­lie­gen­de Zah­len zei­gen, dass knapp zwei Drit­tel aller Arbeits­stun­den in der BRD ent­lohn­te und unent­lohn­te Care-Arbeit sind. In Zei­ten von Coro­na ändert sich dies aller­dings teil­wei­se. Ins­be­son­de­re Pfle­ge­kräf­te und Ärzt*innen erhal­ten gro­ße Auf­merk­sam­keit, da bei­na­he alle Men­schen die Abhän­gig­keit von die­sen Berufs­grup­pen unmit­tel­bar spü­ren. Aber selbst in die­ser zuge­spitz­ten Situa­ti­on, in der von Sei­ten des Staa­tes viel Geld in die Hand genom­men wird, um den Virus zu bekämp­fen, erfährt die fami­liä­re Sor­ge­ar­beit kaum Unter­stüt­zung. (…) So füh­ren selbst in Zei­ten einer Pan­de­mie, in der die Ret­tung mensch­li­chen Lebens im Vor­der­grund steht, gro­ße Tei­le der Care-Arbeit, wei­ter ein Schat­ten­da­sein. Im Zen­trum ste­hen statt­des­sen Unter­neh­men, die pro­fit­ori­en­tiert für den Markt pro­du­zie­ren. Bereits in den ers­ten Wochen des Shut­down ver­kün­de­te die Regie­rung, mög­lichst alle Unter­neh­men erhal­ten zu wol­len. Dies macht zunächst wenig Hoff­nung auf Ver­än­de­rung. Ich sehe aller­dings gleich­zei­tig vie­le Men­schen, die in der Coro­na-Pan­de­mie bewuss­ter erfah­ren, wie stark alle von der Sor­ge­ar­beit von Pfle­ge­kräf­ten und Ärzt*innen abhän­gen. Fer­ner wird breit geteilt, dass Gesund­heit kei­ne Ware sein soll. Auch wird deut­lich, dass das gesam­te Sys­tem der Kon­takt­ein­schrän­kung ohne die Eltern gar nicht auf­recht­zu­er­hal­ten wäre. Ich sehe gleich­zei­tig, wie vie­le Men­schen auf­at­men, dass der­zeit wenigs­tens etwas weni­ger Treib­haus­ga­se in die Luft gebla­sen wer­den. Sie hof­fen, dass die Rezes­si­on jetzt auch eine Chan­ce für ein öko­lo­gi­sches Umsteu­ern dar­stellt. Die­se Ent­wick­lun­gen machen Mut. Und doch wird auch nach der Coro­na-Pan­de­mie jeder Schritt hart umkämpft sein, der dar­auf abzielt, die Rah­men­be­din­gun­gen für Care-Arbeit deut­lich zu ver­bes­sern. Erfor­der­lich ist des­we­gen eine Trans­for­ma­ti­ons­stra­te­gie, in deren Zen­trum der Auf­bau einer soli­da­ri­schen und nach­hal­ti­gen Care-Öko­no­mie steht. Dabei ver­ste­he ich unter Care-Öko­no­mie ers­tens die Orte, an denen ent­lohn­te oder unent­lohn­te Sor­ge­ar­beit aus­ge­führt wird, also Insti­tu­tio­nen wie Kran­ken­häu­ser oder Kin­der­ta­ges­stät­ten, aber auch Fami­li­en. Zur Care-Öko­no­mie gehört jedoch zwei­tens auch der Blick auf grund­le­gen­de mensch­li­che Bedürf­nis­se in Ver­bin­dung mit nach­hal­ti­gem Wirt­schaf­ten. Mit der Kon­zen­tra­ti­on auf Sor­ge als Prin­zip des gesell­schaft­li­chen Han­delns kön­nen somit wei­te­re lebens­not­wen­di­ge Berei­che wie Mobi­li­tät, Land­wirt­schaft oder Woh­nungs­bau acht­sam gestal­tet wer­den, so dass die öko­lo­gi­sche Zer­stö­rung gebremst wer­den kann. (…) Für eine sol­che trans­for­ma­ti­ve Poli­tik sehe ich vier Ansatz­punk­te: Zunächst ist eine dras­ti­sche Ver­kür­zung der all­ge­mei­nen Erwerbs­ar­beits­zeit erfor­der­lich; gleich­zei­tig ist der Aus­bau des Sozi­al­staats mit auf unter­schied­li­che Bedürf­nis­se zuge­schnit­te­nen Ange­bo­ten wich­tig, die Men­schen mit Sor­ge­be­darf oder auch hohen Sor­ge­auf­ga­ben unter­stüt­zen; dafür wie­der­um sind drit­tens demo­kra­ti­sche Struk­tu­ren vor Ort not­wen­dig, so dass die Bedürf­nis­se tat­säch­lich aller Men­schen wahr­ge­nom­men wer­den. Und vier­tens zei­gen von unten auf­ge­bau­te Gemein­schafts­pro­jek­te oder Com­mons bereits heu­te, dass ein ande­res Leben mög­lich ist. Mit die­sen hier umris­se­nen Schrit­ten einer Care Revo­lu­ti­on lässt sich zunächst eine soli­da­ri­sche und nach­hal­ti­ge Care-Öko­no­mie auch inner­halb noch bestehen­der kapi­ta­lis­ti­scher Struk­tu­ren auf­bau­en…” Bei­trag von Gabrie­le Win­ker (Mit­be­grün­de­rin des Netz­werks Care Revo­lu­ti­on) am 19. Mai 2020 externer Link im Blog des tran­script Ver­la­ges “Die Coro­na-Gesell­schaft” – Die­ser Text ist ein Aus­zug aus einem län­ge­ren Bei­trag in der Buch­pu­bli­ka­ti­on »Die Coro­na-Gesell­schaft. Ana­ly­sen zur Lage und Per­spek­ti­ven für die Zukunft«, her­aus­ge­ge­ben von Chris­ti­an Kei­tel, Micha­el Volk­mer und Karin Wer­ner, die Ende Juli 2020 im tran­script Ver­lag erscheint.
  • Coro­na im Kapi­ta­lis­mus: Ende des Neo­li­be­ra­lis­mus?
    “… Kri­sen sind – nicht nur der grie­chi­schen Ursprungs­be­deu­tung des Wor­tes nach – Momen­te der Ent­schei­dung. In ihnen fällt das Urteil, wie trag­fä­hig die von ihnen betrof­fe­ne Lebens­form ist. Auch die Coro­na-Kri­se stößt uns nicht ein­fach nur zu; selbst da wo sie als unver­füg­ba­re Natur­ka­ta­stro­phe von außen über uns her­ein­zu­bre­chen scheint wird sie zur gesell­schaft­li­chen Kri­se sofern sie auf bestehen­de sozia­le Insti­tu­tio­nen, Prak­ti­ken und Struk­tu­ren trifft. Als sol­che ist sie immer auch das Pro­dukt unse­rer kapi­ta­lis­ti­schen (Re)Produktions- und Lebens­wei­se und för­dert tie­fe­re Dys­funk­tio­na­li­tä­ten zuta­ge. Umso mehr hängt davon ab, wie die Kri­se genau gefasst wird (…) Eine Pan­de­mie führt jede Gesell­schafts­form an ihre Gren­zen, aber mit Blick auf die spe­zi­fisch kapi­ta­lis­ti­schen Dimen­sio­nen der Kri­se, stellt sich die Fra­ge nach Schlüs­sen, die aus der jet­zi­gen Situa­ti­on gezo­gen wer­den soll­ten. Dass die Coro­na-Kri­se bestehen­de Pro­ble­me und Wider­sprü­che des neo­li­be­ra­len Kapi­ta­lis­mus ver­stärkt und wie unter einem Brenn­glas her­vor­tre­ten lässt, hat zu Pro­gno­sen Anlass gege­ben, der Neo­li­be­ra­lis­mus fin­de in der gegen­wär­ti­gen Kri­se sein Ende. Tat­säch­lich wer­den in der Kri­se bis eben noch schein­bar selbst­ver­ständ­lich vor­herr­schen­de Auf­fas­sun­gen etwa zur Staats­ver­schul­dung oder die Logi­ken der Öko­no­mie mit Ver­weis auf ein höhe­res Gut schlag­ar­tig außer Kraft gesetzt, selbst von der staat­li­chen Über­nah­me von Indus­trie­be­trie­ben war sehr schnell die Rede. Doch wie steht es tat­säch­lich um die gesell­schaft­li­chen Alter­na­ti­ven? Wel­ches sind die Kon­zep­te, die im Zuge des gesell­schaft­li­chen Schocks durch­ge­setzt wer­den kön­nen? Haben gegen­über Lösun­gen, die auf den star­ken Staat set­zen, Mög­lich­kei­ten einer demo­kra­ti­schen Ver­ge­sell­schaf­tung von zen­tra­len sozia­len Insti­tu­tio­nen über­haupt eine Chan­ce, sich zu ent­wi­ckeln? Oder wird die Kri­se in ers­ter Linie den Finanz­märk­ten nut­zen und der Neo­li­be­ra­lis­mus geht gestärkt dar­aus her­vor­ge­hen, so dass uns nach dem Abklin­gen der Infek­ti­ons­wel­len ein­fach eine Rück­kehr zum Sta­tus quo ante bevor?…” In Con­text dis­ku­tie­ren am 14. Mai 2020 bei KTB Alex Demi­ro­vić und Ulri­ke Herr­mann über die Coro­na-Kri­se externer Link (Video­län­ge: 54:41 Min.)
  • Grund­rech­te, Gesund­heit und Klas­sen­un­ter­schie­de: Lin­ke Poli­tik in der Kri­se 
    Poli­tik sucht den Aus­stieg aus dem Coro­na-Shut­down, das Kapi­tal macht ent­spre­chen­den Druck, Impf­geg­ner und Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ke­rin­nen malen das Gespenst einer Dik­ta­tur an die Wand: Eini­ge Über­le­gun­gen zu den lau­fen­den Coro­na-Debat­ten in Poli­tik und Medi­en. (…) Jetzt eröff­net sich ein Feld der öffent­li­chen Dis­kus­si­on, das wir nicht unge­nützt las­sen dür­fen. Erschre­ckend ist aber, dass die Öff­nung die­ser Dis­kursräu­me von vie­len Lin­ken nicht dazu genutzt wird, um über die Ver­fasst­heit der Gesell­schaft nach­zu­den­ken und For­men lin­ken Han­delns aus­zu­lo­ten. Statt­des­sen rekur­rie­ren eini­ge Lin­ke auf einen dis­kur­si­ven dop­pel­ten Rück­wärts­sal­to: Das Aus­maß der Pan­de­mie wird her­un­ter­ge­spielt und die Ein­schnit­te der Grund­rech­te über­zeich­net. Bezeich­nend ist, dass eini­ge Lin­ke, wohl aus dem Bedürf­nis her­aus, sich Klar­heit in die­ser unüber­sicht­li­chen Gemenge­la­ge zu ver­schaf­fen, nicht davor zurück­schre­cken, Argu­men­te der Rechts­ra­di­ka­len über­neh­men. Schlicht­weg gru­se­lig ist die Atti­tü­de mit der sich etwa Anselm Lenz und Co zu Ver­tei­di­gern des Grund­ge­set­zes hoch­sti­li­sie­ren, Bünd­nis­se mit kenfm und Orga­ne von Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­kern wie Rubi­kon ein­ge­hen und die Mär einer Gleich­schal­tung der Bericht­erstat­tung durch die Medi­en wie­der­ho­len. (…) Die Hoff­nung, dass die aktu­el­le Kri­se den Neo­li­be­ra­lis­mus qua­si per Auto­ma­tis­mus zu Fall brin­gen wird, ist schlicht­weg falsch; die Inter­pre­ta­ti­on, Staats­hil­fen sei­en bereits ein Ein­ge­ständ­nis der Unaus­weich­lich­keit eines Sys­tem­wech­sels, eine Chi­mä­re. (…) Die (Schein-) Debat­te über Kur­ven, Model­le und pseu­do-wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis­se ver­deckt die eigent­li­che Her­aus­for­de­rung: über die Hand­lungs­fel­der lin­ker Poli­tik nach­zu­den­ken, die Kri­se zu nut­zen, um die kapi­ta­lis­ti­sche Pro­duk­ti­ons­wei­se infra­ge zu stel­len. Drei The­men­kom­ple­xe, über die wir nach­den­ken soll­ten, sind durch die Kri­se noch ein­mal deut­lich gewor­den: die Aus­beu­tungs­ver­hält­nis­se in der Arbeits­welt, die Aus­ein­an­der­set­zung mit den Kräf­te­ver­hält­nis­sen und die Klas­sen­ver­hält­nis­se. Die Kri­se ver­stärkt bestehen­de Wider­sprü­che und Spal­tun­gen, die die Gesell­schaft schon seit Jah­re prä­gen (pre­kä­re und regu­lär Beschäf­tig­te, Män­ner und Frau­en). Deut­lich gewor­den ist das para­do­xe Gefäl­le zwi­schen der gesell­schaft­li­chen Bedeu­tung pre­kä­rer Beru­fe und ihrer man­geln­den Aner­ken­nung ver­mit­tels der Gehäl­ter. (…) Die Ret­tungs­pro­gram­me und die Aus­wei­tung der Hil­fen für Arbeits­lo­se, Kurz­ar­bei­te­rIn­nen und Selbst­stän­di­ge wer­den die Debat­te um Kür­zun­gen und Umstruk­tie­rung staat­li­cher Haus­hal­te ver­schär­fen, Vor­schlä­ge zur Sanie­rung öffent­li­cher Haus­hal­te mit­tels erheb­li­cher Umver­tei­lung wer­den garan­tiert bereits erstellt. (…) Ent­schei­dend wird hier sein, die Kräft­ver­hält­nis­se aus­zu­lo­ten, die nicht nur Schlim­me­res ver­hin­dern, son­dern grund­le­gen­de Ver­än­de­run­gen her­bei­füh­ren kön­nen. (…) Letzt­lich ist die­se Kri­se auch eine Chan­ce, die Klas­sen­ver­hält­nis­se in Deutsch­land stär­ker in den Fokus zu neh­men. Die Auf­lö­sung der Klas­sen und die Ver­un­mög­li­chung klas­si­scher lin­ker Poli­tik sind das Nar­ra­tiv, das letzt­lich grund­le­gen­de Ver­än­de­run­gen aus­schließt. Tat­säch­lich hat aber gera­de die Arbeits­tei­lung in der Kri­se die zugrun­de­lie­gen­den Klas­sen­un­ter­schie­de noch ein­mal auf den Punkt gebracht. (…) Hoff­nung soll­ten wir uns auch nicht bzgl. des sys­tem­über­win­den­den Poten­ti­als zivil­ge­sell­schaft­li­chen Enga­ge­ments machen. Zivil­ge­sell­schaft­li­che Soli­da­ri­tät ist kein Anzei­chen für eine nach­hal­ti­ge Ver­än­de­rung der gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se. Sie ist viel­mehr Aus­druck der Fähig­keit der Gesell­schaft, im All­tag aber eben auch in Kri­sen Unter­stüt­zung zu leis­ten, meis­tens im Nah­be­reich und ohne den Anspruch, all­ge­mei­ne­re Fra­gen auf­zu­wer­fen. Zivil­ge­sell­schaft­li­che Soli­da­ri­tät gene­riert auch nicht, wie etwa Jut­ta All­men­din­ger behaup­tet, eine Bring­schuld sei­tens des Staa­tes, die Ver­hält­nis­se nach der Kri­se nach­hal­tig zu ver­än­dern. Im Gegen­teil, oft­mals springt sie dort ein wo Insti­tu­tio­nen nicht prä­sent sind oder schlicht­weg ver­sa­gen. (…) Soli­da­ri­tät, die nicht nur auf Kri­sen reagiert, son­dern auch in der Nor­ma­li­tät agiert und sich poli­tisch arti­ku­liert, lebt von und in gewach­se­nen Milieus, die, auch kei­ne neue Erkennt­nis, gera­de im Kapi­ta­lis­mus gezielt zer­rüt­tet wor­den sind. Dar­über kön­nen auch die unzäh­li­gen staat­li­chen Pro­gram­me zur För­de­rung bür­ger­schaft­li­chen Enga­ge­ments nicht hin­weg­täu­schen. Sinn­voll wäre auch eine ehr­li­che Bestands­auf­nah­me über die Ver­wur­ze­lung der Lin­ken in der Zivil­ge­sell­schaft, denn soli­da­ri­sches Han­deln kann neue For­men des Mit­ein­an­ders und der Poli­ti­sie­rung begrün­den. (…) Deut­lich wird auch, dass jede der ein­zel­nen Dis­kurs- und Hand­lungs­ach­sen eine Viel­zahl von poten­ti­el­len Bünd­nis­mög­lich­kei­ten eröff­net. Vor­aus­set­zung ist aller­dings die Eta­blie­rung eige­ner Dis­kurs­fel­der, die die For­mu­lie­rung kon­kre­ter Ansät­ze und Alter­na­ti­ven ermög­licht. Wenig hilf­reich sind Bünd­nis­se mit Rech­ten, Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­kern und Impf­geg­nern. Wenig hilf­reich sind aber auch der Rück­fall in tra­di­tio­nel­le Kam­pa­gnen­po­li­ti­ken oder die Erwar­tung, dass sich die Umstän­de allei­ne aus einer Ein­sicht in die offen­sicht­li­chen Unzu­läng­lich­kei­ten des aktu­el­len Sys­tems von allei­ne ver­än­dern wer­den.” Arti­kel von Miguel Mon­te­ro vom 14. Mai 2020 bei Blick­punkt WiSo externer Link – ein guter Über­blick über die aktu­el­le Debat­te
  • Anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche Poli­tik in Zei­ten von Coro­na 
    “… Als ich am 26. Janu­ar 2020 zum ers­ten Mal vom Coro­na­vi­rus las, das in Chi­na auf dem Vor­marsch war, begann ich sofort über des­sen Aus­wir­kun­gen auf die glo­ba­le Dyna­mik der Kapi­tal­ak­ku­mu­la­ti­on nach­zu­den­ken. Ich weiß aus mei­ner For­schung zu Wirt­schafts­mo­del­len, dass Stö­run­gen und Unter­bre­chun­gen in der Kon­ti­nui­tät des Kapi­tal­flus­ses Abwer­tun­gen zur Fol­ge haben und dass die­se, wenn sie weit ver­brei­tet und tief­grei­fend sind, den Aus­bruch einer Wirt­schafts­kri­se bedeu­ten. (…) Das bestehen­de Modell der Kapi­tal­ak­ku­mu­la­ti­on ist, so scheint es mir, bereits in gro­ßen Schwie­rig­kei­ten. Es gibt eine brei­te Wel­le von Pro­test­be­we­gun­gen (von Sant­ia­go bis Bei­rut), von denen vie­le auf den Umstand abzie­len, dass das vor­herr­schen­de Wirt­schafts­mo­dell für die brei­te Mas­se der Bevöl­ke­rung nicht wirk­lich funk­tio­niert. Die­ses neo­li­be­ra­le Modell beruht zuneh­mend auf fik­ti­vem Kapi­tal und einer enor­men Aus­wei­tung des Geld­an­ge­bots sowie auf Schul­den­bil­dung. Es steht bereits jetzt vor dem Pro­blem, dass die tat­säch­li­che Nach­fra­ge nicht aus­reicht, um die Beträ­ge, die das Kapi­tal zu pro­du­zie­ren ver­mag, auch zu erwirt­schaf­ten. Wie könn­te also das vor­herr­schen­de Wirt­schafts­mo­dell mit sei­ner nach­las­sen­den Legi­ti­mi­tät und emp­find­li­chen Gesund­heit die unver­meid­li­chen Aus­wir­kun­gen des­sen, was eine Pan­de­mie zu wer­den droht, abdämp­fen und über­le­ben? (…) Ich leh­ne schon seit lan­gem die Annah­me ab, die »Natur« sei etwas, das außer­halb von Kul­tur, Wirt­schaft und all­täg­li­chem Leben besteht. Ich neh­me eine eher dia­lek­ti­sche und rela­tio­na­le Sicht­wei­se auf das meta­bo­li­sche Ver­hält­nis zur Natur ein. Das Kapi­tal modi­fi­ziert die Umwelt­be­din­gun­gen sei­ner eige­nen Ver­meh­rung, tut dies aber vor dem Hin­ter­grund unbe­ab­sich­tig­ter Fol­gen (wie dem Kli­ma­wan­del) und auto­no­mer und unab­hän­gi­ger evo­lu­tio­nä­rer Kräf­te, die die Umwelt­be­din­gun­gen ste­tig ver­än­dern. Von die­sem Stand­punkt aus betrach­tet gibt es so etwas wie eine wirk­lich natür­li­che Kata­stro­phe nicht. Viren mutie­ren die gan­ze Zeit, das ist sicher. Aber die Fak­to­ren, die eine Muta­ti­on lebens­be­droh­lich machen, hän­gen von mensch­li­chem Han­deln ab. (…) Es gibt einen beque­men Mythos, der besagt, dass Infek­ti­ons­krank­hei­ten Klas­sen oder ande­re sozia­le Bar­rie­ren und Gren­zen nicht ken­nen. Wie in vie­len sol­cher Weis­hei­ten steckt auch in die­sem ein Fünk­chen Wahr­heit. Wäh­rend der Cho­le­ra-Epi­de­mien im 19. Jahr­hun­dert war die Über­schrei­tung der Klas­sen­schran­ken so dra­ma­tisch, dass eine Bewe­gung für eine öffent­li­che und sich pro­fes­sio­na­li­sie­ren­de sani­tä­re Grund­ver­sor­gung und Gesund­heit ent­stand, die bis heu­te exis­tiert. Ob die­se Bewe­gung dem Schutz aller oder nur der Ober­schicht dien­lich sein soll­te, war nicht immer klar. Heu­te hin­ge­gen erzäh­len die Klas­sen­un­ter­schie­de und die sozia­len Aus­wir­kun­gen der Kri­se eine ande­re Geschich­te. Die wirt­schaft­li­chen und sozia­len Aus­wir­kun­gen wer­den durch die »nor­ma­len« Dis­kri­mi­nie­run­gen ver­stärkt, die über­all zu sehen sind. So ist zum Bei­spiel die Grup­pe der Arbei­te­rin­nen und Arbei­ter, die sich um die ste­tig stei­gen­de Zahl der Kran­ken küm­mern muss, in den meis­ten Tei­len der Welt typi­scher­wei­se klar geschlechts- und eth­ni­en­spe­zi­fisch mar­kiert. Sie spie­gelt die klas­sen­spe­zi­fi­schen Arbeits­kräf­te, die z.B. in Flug­hä­fen oder ande­ren Logis­tik-Sek­to­ren zu fin­den sind. Die­se »neue Arbei­ter­klas­se« bil­det die vor­ders­te Front und trägt die Dop­pel­bür­de, dass sie einer­seits zu den Beschäf­tig­ten zählt, die sich der größ­ten Gefahr aus­setzt, sich durch ihre Arbeit mit dem Virus zu infi­zie­ren, und ande­rer­seits wegen der durch den Virus erzwun­ge­nen wirt­schaft­li­chen Spar­maß­nah­men ohne jeg­li­che Rück­la­gen ent­las­sen zu wer­den…” Bei­trag von David Har­vey über­setzt von Nima Asta­ni bei Jaco­bin am 6. Mai 2020 externer Link
  • Coro­na-Gerech­tig­keit – 60 zivil­ge­sell­schaft­li­che Grup­pen stel­len For­de­rungs­ka­ta­log vor – Maß­nah­men für sozia­le Gerech­tig­keit und Öko­lo­gie wäh­rend der Coro­na-Pan­de­mie und danach 
    “60 sozi­al- und kli­ma­po­li­ti­sche Grup­pen ver­öf­fent­li­chen heu­te 24 For­de­run­gen für eine sozi­al-gerech­te und öko­lo­gi­sche Bewäl­ti­gung der Covid-19-Pan­de­mie. Zu den Unterzeichner*innen gehö­ren u.a. die Femi­nis­ti­sche Voll­ver­samm­lung Köln, ver­schie­de­ne Kli­ma- und Tier­rechts­grup­pen sowie der Bun­des­ver­band der BUND­ju­gend. Das Bünd­nis setzt sich dafür ein, Coro­na-Maß­nah­men in Zusam­men­hang mit ande­ren Kri­sen zu set­zen, wie bei­spiels­wei­se der Kli­ma­kri­se und dem Pfle­ge­not­stand. „Die Coro­na-Kri­se zeigt uns die Män­gel unse­res jet­zi­gen Wirt­schafts­sys­tems“, heißt es in dem For­de­rungs­ka­ta­log. „Dies ist der rich­ti­ge Moment, unse­re Wirt­schaft nach­hal­tig, gerecht und kri­sen­fest auf­zu­stel­len.“ Das Quer­schnitts­pa­pier umfasst einer­seits kurz­fris­ti­ge For­de­run­gen wie z.B. die Eva­ku­ie­rung von Groß­un­ter­künf­ten und dezen­tra­le Unter­brin­gung von Geflüch­te­ten. Ande­rer­seits ent­hält es lang­fris­ti­ge Maß­nah­men wie die Ver­ge­sell­schaf­tung des Gesund­heits­we­sens, oder den Schutz von Öko­sys­te­men und Arten­viel­falt, um zukünf­ti­ge Pan­de­mien zu ver­mei­den. Das Bünd­nis for­dert außer­dem, die der­zei­ti­gen Ein­grif­fe zu nut­zen, um ande­ren bestehen­den Kri­sen ent­ge­gen zu wir­ken. Dazu gehört bei­spiels­wei­se die Kopp­lung von wirt­schaft­li­chen Ret­tungs­pa­ke­ten an öko­lo­gi­sche und sozia­le Kri­te­ri­en. (…) „Die unfass­bar schlech­ten Arbeits­be­din­gun­gen und die feh­len­de Wert­schät­zung im Pfle­ge- und Grund­ver­sor­gungs­be­reich wer­den in der Gesell­schaft nicht mehr als selbst­ver­ständ­lich hin­ge­nom­men“, freut sich Alex Kurz von der Femi­nis­ti­schen Voll­ver­samm­lung Köln. „Nun müs­sen drin­gend struk­tu­rel­le Ver­än­de­run­gen fol­gen. Dazu gehö­ren grund­le­gen­de Ver­bes­se­run­gen der Arbeits­be­din­gun­gen und dau­er­haft höhe­re Löh­ne ins­be­son­de­re für die zumeist von Frau­en* und Migrant*innen geleis­te­ten Arbei­ten in den Berei­chen Pfle­ge, Ein­zel­han­del, Müll­ent­sor­gung, Gebäu­de­rei­ni­gung und Land­wirt­schaft.“…” Pres­se­mit­tei­lung vom 30. April 2020 bei Ende Gelän­de 2020 externer Link mit Link zum For­de­rungs­ka­ta­log
  • Soli­da­ri­tät statt Füg­sam­keit: Digi­ta­le Platt­form sam­melt Men­schen für Alter­na­ti­ven zu staat­li­chen Auf­la­gen in der Kri­se
    Eine Kat­ze mit einer coro­na­ge­rech­ten Mas­ke ist das Sym­bol der Platt­form Coview19. Dort fin­den sich nicht nur Infor­ma­tio­nen über den Ver­lauf der Pan­de­mie. Den Gründer*innen der Platt­form, die anonym blei­ben wol­len, geht es viel­mehr um einen soli­da­ri­schen Umgang in der Coro­na­kri­se. Es han­delt sich um eine Initia­ti­ve, »um auf die poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Aus­wir­kun­gen von Covid-19 und die beglei­ten­den Maß­nah­men zu reagie­ren – digi­tal und vor Ort«, heißt es auf der Web­site von Coview19 (https://​coview​.info externer Link ). Die Idee dazu ist Anfang März in Wien ent­stan­den. »Damals wur­de gera­de das Ver­an­stal­tungs­ver­bot in Öster­reich bekannt gege­ben, und es däm­mer­te den Ers­ten, wel­che har­ten Maß­nah­men wohl in den fol­gen­den Wochen ver­kün­det wer­den«, erklärt eine Mit­be­grün­de­rin der Platt­form gegen­über »nd«. Die Idee einer Watch­group in Coro­na-Zei­ten ist auch des­halb ent­stan­den, weil die Befürch­tung bestand, dass die star­ken Ein­grif­fe sei­tens der Regie­rung mit star­ken Repres­sio­nen und Macht­miss­brauch ein­her­ge­hen könn­ten. (…) Aktu­el­le Fäl­le wer­den auf der Platt­form gesam­melt. Obwohl die Nach­rich­ten aus Deutsch­land, Öster­reich und der Schweiz über­wie­gen, beto­nen die Coview19-Macher*innen den glo­ba­len Cha­rak­ter ihres Pro­jekts. »Wir ver­ste­hen uns daher als trans­na­tio­na­le Initia­ti­ve«, erklärt die Mit­be­grün­de­rin. Alle Tex­te sind auf der Platt­form in deut­scher und eng­li­scher Spra­che ver­öf­fent­licht. Wei­te­re Spra­chen, dar­un­ter Spa­nisch, Fran­zö­sisch und Dänisch, sol­len dazu­kom­men. (…) Doch auch die sozia­len Ver­wer­fun­gen in Zei­ten von Coro­na ste­hen im Fokus der Platt­form. »In den letz­ten Wochen ver­lo­ren Mil­lio­nen von Men­schen ihre Jobs, über­all auf der Welt. Pre­kär Beschäf­tig­te hat es sofort und am här­tes­ten getrof­fen. Ohne gewerk­schaft­li­che Unter­stüt­zung oder Orga­ni­sie­rung wur­de ihnen der Boden unter den Füßen weg­ge­ris­sen«, beschreibt die Unter­stüt­ze­rin der Platt­form Erfah­run­gen, die aktu­ell Mil­lio­nen in ver­schie­de­nen Län­dern machen. Coview19 will dazu bei­tra­gen, soli­da­ri­sche Lösun­gen in die­ser Kri­se zu fin­den, und stößt damit auf Reso­nanz. »Es mel­den sich täg­lich Men­schen, die uns ent­we­der von Repres­si­on, Miss­stän­den oder besorg­nis­er­re­gen­den Ent­wick­lun­gen schrei­ben oder die sich direkt in die Arbeit von Coview ein­brin­gen möch­ten«, erklärt die Akti­vis­tin…” Arti­kel von Peter Nowak vom 28.04.2020 in ND online externer Link
  • Klas­sen­po­li­tik und das Virus
    Ange­sichts der gro­ßen Ver­än­de­run­gen im All­tag vie­ler Men­schen wer­den auch in der Lin­ken die Abge­sän­ge an den Kapi­ta­lis­mus laut. Doch das Her­auf­be­schwö­ren einer Kri­sen­stim­mung wird unse­re Klas­se umso mehr ent­täu­schen, wenn die Nor­ma­li­tät der Aus­beu­tung zurück­kehrt. Eine ver­ant­wor­tungs­vol­le Klas­sen­po­li­tik soll­te sich nicht auf die Gele­gen­heit des Virus ver­las­sen, son­dern auf Ihre Kri­tik unse­rer Lebens­wei­se an ihren Wur­zeln ver­wei­sen kön­nen. (…) War­um soll­te unse­re moder­ne Kon­sum­ge­sell­schaft auch in eine bedroh­li­che Kri­se stür­zen, nur weil unse­re Klas­se für ein paar Wochen damit auf­hör­te, neue Autos zu bau­en, die nur unge­nutzt auf der Stra­ße ste­hen? Häu­ser nie­der­zu­rei­ßen und wie­der auf­zu­bau­en, nur um Anla­ge­mög­lich­kei­ten für Pri­vat­in­ves­to­ren zu ver­bes­sern? Nein, Ver­wer­fun­gen wie zu Kriegs­zei­ten ste­hen im Spät­im­pe­ria­lis­mus nicht in Aus­sicht. Wenn wir dar­auf hof­fen, dass es ein ‚Zurück zum Nor­mal­zu­stand‘ nicht geben kann und wird, machen wir es uns zu ein­fach. Statt­des­sen müs­sen wir uns der Her­aus­for­de­rung stel­len, dass die herr­schen­de Pro­duk­ti­ons- und Lebens­wei­se sowohl vor als auch wäh­rend der Kri­se trotz allem auch in unse­rer Klas­se eine ganz erheb­li­che Akzep­tanz erfährt. Die­sen Zustand dür­fen wir nicht igno­rie­ren und hof­fen, dass von hier aus eine gera­de Brü­cke zu ihrer Mobi­li­sie­rung führt. Anstatt den Kri­sen­jar­gon der bür­ger­li­chen Sozio­lo­gen zu über­neh­men, anstatt zu ver­su­chen, die Epi­de­mio­lo­gie und die Gesund­heits­mi­nis­te­ri­en mit unglaub­wür­di­gen For­de­run­gen zu über­trump­fen, soll­ten wir unse­re Kri­tik nicht nur auf das Ereig­nis rich­ten, son­dern auf den Zustand, der dem Ereig­nis vor­aus­geht. Ob der Kapi­ta­lis­mus und sei­ne poli­ti­schen und finan­zi­el­len Orga­ne in eine erns­te Zwangs­la­ge gera­ten, oder der Betrieb ein­fach wie­der voll eröff­net wird und mög­li­cher­wei­se noch gestärkt in einen neu­en Auf­schwung über­geht, ist noch nicht abzu­se­hen. Beson­ders der ideo­lo­gi­sche Druck, dass jetzt nach einer Ruhe­pha­se wie­der ver­stärkt pro­du­ziert wer­den müs­se, wird unse­re Klas­se angrei­fen, flan­kiert von einer auf­ge­putsch­ten Kon­troll­ma­schi­ne, die sich nicht ohne wei­te­res in ihre Kaser­nen zurück­zie­hen wird. Ver­meint­li­che Hilfs­pro­gram­me wer­den gera­de genau soweit grei­fen, die Betrof­fe­nen in noch grö­ße­re Abhän­gig­keit von Kre­di­ten und Rück­zah­lun­gen zu brin­gen. (…) Wir wol­len nicht nur der Wider­stand sein, der das Kapi­tal durch die Kri­se und auf einen moder­ne­ren Kurs lenkt – son­dern die Macht, die selbst die Kon­trol­le über Pro­duk­ti­on und Repro­duk­ti­on, Kapi­tal und Arbeit, Woh­nen und Leben über­nimmt. Das dür­fen wir auch in Kri­sen­zei­ten nicht ver­ges­sen.” Gast­bei­trag von Flo­ri­an Geis­ler vom 27.4.20 bei Klas­se gegen Klas­se externer Link
  • Viel muss sich ändern – Coro­na hat es nur (für jede*n) sicht­bar gemacht
    “… Die mit dem öko­no­mi­schen Still­stand ver­bun­de­ne Sor­ge von Unter­neh­men, Poli­tik und Beschäf­tig­ten um den Ein­bruch des Absat­zes und der Gewin­ne: Eine auf Absatz­stei­ge­rung und Ein­nah­me­ge­win­nen basie­ren­de Wirt­schaft ist immer und per se glei­cher­ma­ßen zer­stö­re­risch und fra­gil. Roh­stof­fe wer­den aus­ge­beu­tet, Res­sour­cen ver­nich­tet. Pro­duk­te wer­den erzeugt, die nie­mand braucht. Beschä­dig­te Pro­duk­te wer­den, anstatt sie zu repa­rie­ren, weg­ge­wor­fen. Als ver­al­tet gel­ten­de, eben­falls, statt sie zu aktua­li­sie­ren (expor­tiert als Müll oder ver­kauft in sog. Ent­wick­lungs­län­der). Die­ses Wirt­schafts­sys­tem ist ein auf der Pro­duk­ti­on von Müll und Umwelt­zer­stö­rung basie­ren­des Sys­tem, des­sen Schä­den die zu tra­gen haben, die sie nicht ver­ur­sacht haben. Und doch wird ver­sucht, mit rie­si­gen Sum­men und ver­mut­lich vor­ei­lig die­ses zer­stö­re­ri­sche Sys­tem wie­der zum Lau­fen zu brin­gen, auch wenn damit Infek­tio­nen und Men­schen­le­ben ris­kiert wer­den. Fol­gen­de Ver­än­de­run­gen hal­te ich für not­wen­dig:
    1.
    Nötig ist eine Ener­gie, Res­sour­cen und Umwelt spa­ren­de Pro­duk­ti­on lang­le­bi­ger und repa­ra­bler Erzeug­nis­se zur Befrie­di­gung der Grund­be­dürf­nis­se Aller. (Auch Smart­pho­nes, Lap­tops und Dru­cker müs­sen lang­le­big und repa­ra­bel sein.) 2. Nötig ist, neben dem Erler­nen der Fähig­keit, ein­fa­che Repa­ra­tu­ren vor­zu­neh­men, auch (in allen Schu­len) ein Erler­nen hand­werk­li­cher und all­tags­taug­li­cher Fähig­kei­ten (z.B. Koch­kennt­nis­se statt Fast Food). 3. Kin­der und Jugend­li­che müs­sen ihre Bega­bun­gen und Inter­es­sen ent­de­cken und aus­bil­den kön­nen, die nicht allein und in ers­ter Linie der Erwerbs­ar­beit die­nen (…) 4. Nur eine Trans­for­ma­ti­on der vor­ran­gig auf Güter­pro­duk­ti­on und Gewinn aus­ge­rich­te­ten Wirt­schaft zu einer auf die Befrie­di­gung der sozia­len Bedürf­nis­se, Umwelt und Kli­ma scho­nen­den Wirt­schaft kann zur Her­stel­lung von gerech­ten, den Bedürf­nis­sen aller Men­schen ent­spre­chen­den Lebens- und Arbeits­ver­hält­nis­sen bei­tra­gen. 5. Alle Güter der all­ge­mei­nen Daseins­vor­sor­ge gehö­ren in die öffent­li­che Hand. Wel­che gesell­schaft­lich not­wen­di­gen Güter und Dienst­leis­tun­gen (Schu­len, Kitas, Gesund­heits­ver­sor­gung, sau­be­res Was­ser, Müll­ab­fuhr, Büche­rei­en und kul­tu­rel­le Ein­rich­tun­gen etc.) zen­tral zu orga­ni­sie­ren und her­zu­stel­len sind und wel­che dezen­tral, muss auf kom­mu­na­ler, auf Kreis- oder Lan­des­ebe­ne unter Betei­li­gung enga­gier­ter Bürger*innen und von Fach­leu­ten, geprüft und trans­pa­rent neu ent­schie­den wer­den. Da, wo eine Pri­va­ti­sie­rung in der Ver­gan­gen­heit erfolg­te, ist die­se rück­gän­gig zu machen. 6. Die all­ge­mei­ne Mobi­li­tät muss durch die kos­ten­freie Nut­zung öffent­li­cher Ver­kehrs­mit­tel und die Abschaf­fung des pri­va­ten PKW-Besit­zes gewähr­leis­tet wer­den. Flü­ge müs­sen auf umwelt­scho­nen­de Lang­stre­cken­flü­ge beschränkt wer­den. 7. Woh­nen: Zu den durch die Coro­na-Kri­se ver­schärf­ten Pro­ble­men gehört der Zugang zu Wohn­raum. Wer die Mög­lich­keit hat, in einer geräu­mi­gen Woh­nung mit Gar­ten zu leben, kann die Ein­schrän­kun­gen der Bewe­gungs­frei­heit bes­ser ertra­gen als die­je­ni­gen, die ange­wie­sen sind auf eine klei­ne Woh­nung ohne Bal­kon oder Gar­ten, erst recht als Fami­lie oder allein erzie­hend mit klei­nen Kin­dern. (…) 8. Demo­kra­tie: Unter Coro­na-Bedin­gun­gen müs­sen wir erle­ben, dass ver­sucht wird, „durch­zu­re­gie­ren“ (…) Die Bera­tung der Bun­des und Lan­des­re­gie­run­gen: Wäh­rend der ver­gan­ge­nen Wochen konn­ten wir erle­ben, dass die Maß­nah­men der Bun­des­re­gie­rung zur Ein­gren­zung des Virus, beglei­tet wur­den von Emp­feh­lun­gen durch Viro­lo­gen: Dros­ten, Stre­eck, Robert-Koch-Insti­tut, Leo­pol­di­na, ohne dass infor­miert wur­de, ob und wenn ja, durch wel­che Inter­es­sen­ver­tre­ter ihre Arbeit beglei­tet wird. (…) Es ist drin­gend nötig, demo­kra­ti­sche Struk­tu­ren zu erwei­tern. Vor­schlä­ge lie­gen vor: So der einer Stär­kung der demo­kra­ti­schen Insti­tu­tio­nen durch die Betei­li­gung von Bürger*innen (z.B. per Los­ver­fah­ren) von der kom­mu­na­len Ebe­ne auf­wärts, sowie die öffent­lich aus­ge­wie­se­ne Her­an­zie­hung von Wis­sen­schaft­lern u.a. in der Klima‑, Ver­kehrs- und Gesund­heits­po­li­tik. Die Haupt­last und Risi­ken auch der Coro­na-Kri­se tra­gen Frau­en. Ihre Arbeit wird end­lich als sys­tem­re­le­vant aner­kannt. Doch ent­spre­chend ent­lohnt wird sie auch wei­ter­hin nicht, abge­se­hen von ange­kün­dig­ten ein­ma­li­gen Zusatz­zah­lun­gen. 9. Koope­ra­ti­on und über die natio­na­len Gren­zen hin­aus gehen­de Ver­net­zung: Wie in der Kli­ma­be­we­gung gibt es auch in der sozia­len Bewe­gung welt­weit zahl­rei­che Pro­jek­te, getra­gen von enga­gier­ten Per­so­nen und Grup­pen der Zivil­ge­sell­schaft. So sind z.B. in Grie­chen­land als Fol­ge der Aus­teri­täts­po­li­tik vie­ler­orts soli­da­ri­sche Pro­jek­te der Gesund­heits­ver­sor­gung sowie der Hil­fe für Geflüch­te­te ent­stan­den. Min­des­tens inner­halb Euro­pas soll­te es unser Anlie­gen sein, Ver­bin­dun­gen her­zu­stel­len und Wege des Aus­tauschs, der Zusam­men­ar­beit und der Unter­stüt­zung zu schaf­fen. Es darf nicht Viren und Kon­zer­nen über­las­sen blei­ben, grenz­über­schrei­tend und inter­na­tio­nal zu agie­ren.” Dis­kus­si­ons­bei­trag vom 23. April 2020 von Gise­la-Ingrid Weis­sin­ger bei Care Revo­lu­ti­on externer Link, sie ist aktiv bei Care Revo­lu­ti­on Dort­mund, zum Auf­ruf „Gemein­sam aus der Coro­na-Pan­de­mie ler­nen – für soli­da­ri­sche und nach­hal­ti­ge Lebens­wei­se“ externer Link (s.u.)
  • Coro­na schafft den Kapi­ta­lis­mus ab
    “Ich kann mei­ne Kri­ti­ker schon unken hören, wäh­rend ich die ers­ten Zei­len die­ses Arti­kels tip­pe. Doch an die­se Leu­te geht der Text nicht. Der Text wen­det sich an alle, die spü­ren, dass Ver­än­de­rung in der Luft liegt, die sich fra­gen, wohin die Rei­se geht und was kom­men kann, die, die die Fan­ta­sie haben und die Welt von mor­gen in ihren Köp­fen. Ich will euch Hoff­nung geben, und zwar mit Fak­ten. Und ich will, dass ihr mit genau der glei­chen Ent­schlos­sen­heit ein Ende des Kapi­ta­lis­mus pro­pa­giert, wie Mil­ton Fried­man und Kon­sor­ten sei­ner­zeit den Neo­li­be­ra­lis­mus her­bei­re­de­ten. (…) Coro­na ist der Impf­stoff des Orga­nis­mus Erde gegen das Virus Mensch. Jaja, das klingt furcht­bar zynisch und negiert schein­bar all das Leid derer, die jetzt halt lei­den. Aber wenn man genau­er hin­schaut, so ent­deckt man, dass das Leid schon vor­her da war. Es betraf nur noch nie alle von uns. Coro­na ist das Ergeb­nis unse­res kapi­ta­li­sier­ten Lebens, was in den ver­gan­ge­nen 200 Jah­ren enor­me Schä­den auf dem Pla­ne­ten hin­ter­las­sen hat. Was wir ver­ges­sen haben, wäh­rend wir die­se Kugel aus­beu­te­ten, ist, dass wir Teil von ihr sind. Alles, was wir tun, hat Kon­se­quen­zen. Die­se sind nicht immer sofort spür­bar und meis­tens spü­ren ganz ande­re sie, als die­je­ni­gen, die sie aus­lö­sen. Coro­na spielt uns jetzt vor, was wir mit dem Kli­ma­wan­del lan­ge über­se­hen, bzw. ver­drängt haben. Die Gefahr ist da, sie ist ganz nah, greif­bar und doch wie­der nicht, denn wir sehen sie nicht. Han­deln wir jetzt so oder so, sehen wir in zwei bis vier Wochen die Ergeb­nis­se, und zwar an uns selbst. Die Kur­ve in Deutsch­land geht wie­der nach oben, weil seit knapp zwei Wochen in der Poli­tik Locke­run­gen dis­ku­tiert wer­den, die dem Bür­ger sug­ge­rie­ren „Alles nicht so schlimm.“ Der Kapi­ta­lis­mus und die auf­ge­pump­te Wirt­schaft wer­den als alter­na­tiv­los betrach­tet. Mil­li­ar­den gehen an Groß­kon­zer­ne, die vor­her Steu­ern gespart haben. Die Prä­mie für Pfle­gen­de und Ärz­te hin­ge­gen droht zu plat­zen, weil kein Geld dafür da ist. Ich sag euch was, es ist ein Hau­fen Geld da. Es haben nur die fal­schen Leu­te…” Bei­trag vom 23. April 2020 von und bei Vic­to­ry Vik­to­ria externer Link
  • Trans­na­tio­na­les Femi­nis­ti­sches Mani­fest 2020 … um gemein­sam aus der Coro­na-Kri­se her­aus­zu­kom­men und das Sys­tem zu ver­än­dern.
    “Im gegen­wär­ti­gen Moment umar­men sich die Feminist*innen der Welt noch mehr. Wir wer­den nicht zur Nor­ma­li­tät zurück­keh­ren, denn die Nor­ma­li­tät war das Pro­blem: Im Ange­sicht die­ser neu­en welt­wei­ten, gesund­heit­li­chen, wirt­schaft­li­chen und Öko­sys­tem­kri­se kapi­tu­liert die glo­ba­le femi­nis­ti­sche und trans­fe­mi­nis­ti­sche Bewe­gung nicht vor der Iso­la­ti­on und wird ihre Kämp­fe trotz der Ein­schrän­kun­gen, die in unse­ren Gebie­ten durch­ge­setzt wur­den, nicht ver­stum­men las­sen. Über­all auf der Welt wei­gern sich Frau­en und Queers, sich der durch die glo­ba­le Pan­de­mie noch zuge­spitz­ten Gewalt zu unter­wer­fen. Gestärkt durch die Kraft der inter­na­tio­na­len femi­nis­ti­schen Streiks der letz­ten Jah­re, begin­nen sie sich zu orga­ni­sie­ren und ihre rebel­li­schen Pra­xen mit­ein­an­der zu ver­flech­ten. Die­se Kri­se offen­bart und ver­schärft die Gewalt, die Hier­ar­chien und die struk­tu­rel­len Wur­zeln der Unter­drü­ckung, Aus­beu­tung und Ungleich­heit des kapi­ta­lis­ti­schen und kolo­nia­len Patri­ar­chats, gegen das wir schon immer gekämpft haben und auch wei­ter kämp­fen wer­den. Gera­de in den Span­nun­gen und Brü­chen, die durch die­se Kri­se eröff­net wer­den, ent­ste­hen neue For­men des Wider­stands und der Soli­da­ri­tät, denen wir ange­hö­ren, denen wir uns anschlie­ßen wol­len und denen wir durch unse­re kol­lek­ti­ve Stim­me Reso­nanz auf glo­ba­ler Ebe­ne ver­schaf­fen wol­len. Damit wir gemein­sam aus der Iso­la­ti­on her­aus­kom­men und die vor­herr­schen­den Para­dig­men unter­gra­ben kön­nen, durch die Bekräf­ti­gung femi­nis­ti­scher, trans­fe­mi­nis­ti­scher und anti­pa­tri­ar­cha­ler Kennt­nis­se, For­de­run­gen und Pra­xen. Das Coro­na­vi­rus trifft uns alle, aber die Aus­wir­kun­gen der Pan­de­mie unter­schei­den sich und das noch deut­li­cher, wenn wir sie aus einer grenz­über­grei­fen­den Per­spek­ti­ve betrach­ten, die von unse­ren Posi­tio­nen als FLINT* aus­geht. (…) Wir rufen alle, die patri­ar­cha­le Gewalt, Aus­beu­tung, Ras­sis­mus und Kolo­nia­lis­mus ableh­nen, dazu auf, sich zu enga­gie­ren und sich uns anzu­schlie­ßen, damit der welt­wei­te femi­nis­ti­sche Kampf berei­chert und gestärkt wird. Denn ver­eint über­ste­hen wir nicht nur die Pan­de­mie, son­dern kön­nen alles ändern…” aus dem mehr­spra­chi­gen Auf­ruf des trans­na­tio­na­len femi­nis­ti­schen Bünd­nis­ses vom April 2020 bei Frau​en​streik​.org externer Link
  • Die Situa­ti­on ist nicht »offen«, son­dern schei­ße. In der Coro­na-Kri­se sehen man­che Lin­ke eine Chan­ce – viel­leicht aus Ver­gess­lich­keit? 
    “… Doch wer sich an die Welt­wirt­schafts­kri­se von 2008/​2009 erin­nert, wird pes­si­mis­ti­scher wer­den. Auch damals wur­den weit­rei­chen­de Maß­nah­men ergrif­fen, Unter­neh­men vor­über­ge­hend unter staat­li­che Obhut gestellt und Mil­li­ar­den in Pro­duk­ti­on und Kon­sum gepumpt. Nach der Kri­se blie­ben Schul­den­ber­ge – und gewal­ti­ge Rück­zah­lungs­for­de­run­gen. »Die Rei­chen sol­len für die Kri­se zah­len« blieb ein from­mer Wunsch. Auch 2008/​2009 wur­de das Nach­den­ken über Alter­na­ti­ven zum Kapi­ta­lis­mus bis weit in kon­ser­va­ti­ve Medi­en salon­fä­hig. Doch was folg­te, war kein neu­er Anlauf zum Sozia­lis­mus. Auch wenn weni­ge Jah­re spä­ter an vie­len Orten der Welt gro­ße Pro­test­be­we­gun­gen ent­stan­den – Auf­stän­de in den ara­bi­schen und nord­afri­ka­ni­schen Län­dern, die Dik­ta­to­ren stürz­ten, Platz­be­set­zun­gen in Euro­pa, Occu­py Wall Street in New York –, erfolg­reich waren sie sel­ten. Statt­des­sen würg­te die Trans­for­ma­ti­on der Welt­wirt­schafts­kri­se in eine Kri­se der Staats­schul­den durch die EU und die Bun­des­re­gie­rung die Auf­bruch­ver­su­che in süd­eu­ro­päi­schen Län­dern ab. Die 2008/​2009 gemach­ten »Schul­den«, mit denen in Wahr­heit die Schul­den von Ban­ken und Unter­neh­men auf die Gesell­schaft umver­teilt wor­den waren, wur­den zum ulti­ma­ti­ven Erpres­sungs­in­stru­ment. (…) Dass Lin­ke die Nie­der­la­gen der Zeit nach der letz­ten gro­ßen Kri­se bis heu­te nicht poli­tisch ver­ar­bei­tet haben, ist ein schwe­res Ver­säum­nis. Wenn in der Coro­na-Kri­se jetzt wie­der opti­mis­ti­sche Paro­len prä­sen­tiert wer­den, als hät­te es die Erfah­run­gen der letz­ten zehn Jah­re nicht gege­ben, droht sich das Trau­ma zu wie­der­ho­len. (…) Sobald die poli­ti­sche Ein­schät­zung domi­niert, dass das Virus »unter Kon­trol­le« ist, wird die Wirt­schafts­kri­se das alles bestim­men­de The­ma. Längst berei­ten Politiker*innen die Bevöl­ke­rung auf die bevor­ste­hen­den Spar­run­den vor (…) Um vor allem im Inter­es­se der Wirt­schaft eine mög­lichst zügi­ge Rück­kehr zur Nor­ma­li­tät zu ermög­li­chen, wer­den nun die ers­ten Beschrän­kun­gen gelo­ckert. Hier­bei sol­len neue Über­wa­chungs- und Kon­troll­in­stru­men­te über die Mobi­li­tät der Bevöl­ke­rung und weit­ge­hen­de Beschrän­kun­gen von Ver­samm­lun­gen und Zusam­men­künf­ten außer­halb der Lohn­ar­beit hel­fen. Auch das Arbeits­recht gerät unter Beschuss, wie sich in den »sys­tem­re­le­van­ten« Sek­to­ren zeigt, wo, wie in Kran­ken­häu­sern, Arbeits­zeit­be­schrän­kun­gen geschlif­fen geschleift und Per­so­nal­un­ter­gren­zen auf­ge­ho­ben wer­den. Für Lin­ke ist all das kei­ne gro­ße Chan­ce, son­dern eine gro­ße Gefahr. Wir ver­fü­gen weder über alter­na­ti­ve Vor­schlä­ge zur Bewäl­ti­gung der Epi­de­mie, noch – dank des Ver­bots öffent­li­cher Ver­samm­lun­gen – über Mit­tel, egal wel­chen For­de­run­gen Nach­druck zu ver­lei­hen. Die gro­ße Betrieb­sam­keit, die unter (publi­zie­ren­den) Lin­ken aus­ge­bro­chen ist, ist in ers­ter Linie ein Ver­such, dem Gefühl der Ohn­macht zu ent­ge­hen, den Ver­lust der eige­nen erleb­ten Hand­lungs­fä­hig­keit zu kom­pen­sie­ren. (…) Für Ant­wor­ten auf die Coro­na-Kri­se in Euro­pa müss­te dar­aus fol­gen, die natio­na­le Beschrän­kung lin­ker Kri­sen­po­li­tik zu ver­mei­den und von Anfang an Netz­wer­ke für die Orga­ni­sie­rung über Län­der­gren­zen hin­weg zu knüp­fen. Denn die Poli­tik nach Coro­na wird in einem noch stär­ker natio­nal zer­rüt­te­ten Euro­pa statt­fin­den, in dem deut­sche Kapi­tal­in­ter­es­sen aber wei­ter­hin domi­nant sein wer­den. Bis­her scheint sich in den deut­schen Gewerk­schaf­ten aller­dings wie­der der kri­sen­kor­po­ra­tis­ti­sche Schul­ter­schluss mit den Unter­neh­men anzu­kün­di­gen. Ihre Tarif­run­den haben sie aus­ge­setzt oder ver­scho­ben. In Zei­ten des Still­stands lässt es sich schlecht strei­ken, und bei Pro­tes­ten im Gesund­heits­be­reich oder in der Lebens­mit­tel­pro­duk­ti­on befürch­tet man einen öffent­li­chen Auf­schrei. Wenn es um Erfah­rungs­räu­me geht, ist auch ein Blick auf die Auf­stän­de und Pro­test­be­we­gun­gen rat­sam, die im letz­ten Jahr vie­le Län­der erschüt­ter­ten…” Arti­kel von Jan Ole Arps, Nel­li Tügel und Paul Dzied­zic vom 21. April 2020 aus dem ak #659 externer Link
  • Die Kri­se von unten: Mit­ein­an­der, am bes­ten ohne Staat
    “… Wäh­rend der Coro­na­pan­de­mie gibt es auch Posi­ti­ves zu berich­ten: Auf der gan­zen Welt spries­sen Hilfs- und Unter­stüt­zungs­an­ge­bo­te aus dem Boden – dar­un­ter auch Gras­wur­zel­pro­jek­te für Arbei­te­rIn­nen und Mar­gi­na­li­sier­te. Mit dabei sind man­cher­orts auch anar­chis­ti­sche, anti­au­to­ri­tä­re und anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche Grup­pen und Initia­ti­ven – und dies ist wohl kein Zufall: Schon vor der Pan­de­mie berie­fen sie sich auf das Prin­zip der gegen­sei­ti­gen Hil­fe, setz­ten auf Selbst­be­stim­mung und pro­pa­gier­ten den Auf­bau von «Soli­da­ri­tät von unten». So etwa in Grie­chen­land, wo nach der Finanz­kri­se 2008 und durch die EU-Spar­dik­ta­te das staat­li­che Gesund­heits­sys­tem und der Woh­nungs­markt nahe­zu zusam­men­bra­chen. In der Fol­ge ent­stan­den zahl­rei­che auto­no­me Selbst­ver­wal­tungs­struk­tu­ren, wie anar­chis­ti­sche Gesund­heits­zen­tren oder besetz­te Unter­künf­te für Geflüch­te­te. Struk­tu­ren, die nun auch wäh­rend der Coro­na­kri­se funk­tio­nie­ren: So zeu­gen Bil­der auf Twit­ter und Online­me­di­en von einer Akti­on der anar­chis­ti­schen Grup­pe Rou­vi­ko­nas Ende März, in der sie einem Athe­ner Pfle­ge­heim drin­gend benö­tig­te lebens­not­wen­di­ge Güter und Hygie­ne­pro­duk­te wie Latex­hand­schu­he, Toi­let­ten­pa­pier oder Putz­ma­te­ria­li­en lie­fer­ten. Das Heim hat­te wegen Ver­sor­gungs­eng­päs­sen öffent­lich um Hil­fe geru­fen. (…) In Nea­pel ver­bringt Giu­lia­no Gra­na­to von der radi­kal-lin­ken Bewe­gung Pote­re al Popo­lo (die Macht der Bevöl­ke­rung) täg­lich Stun­den am «roten Tele­fon». «Anfang März regis­trier­ten wir plötz­lich ver­mehrt Anru­fe von Arbei­te­rin­nen und Arbei­tern, die sich bei uns über die Zustän­de am Arbeits­platz beschwer­ten. In den Fabri­ken wur­den kei­ner­lei Schutz­mass­nah­men umge­setzt, Abstands­re­geln nicht ein­ge­hal­ten, Mas­ken waren nicht vor­han­den», sagt der 34-Jäh­ri­ge am Tele­fon. Pote­re al Popo­lo wur­de Ende 2017 im Hin­blick auf die natio­na­len Wah­len im März 2018 gegrün­det (…) und ist heu­te – nach­dem der Ein­zug ins Par­la­ment nicht klapp­te – ein brei­tes Netz­werk von Basis­ak­ti­vis­tIn­nen und sozia­len Bewe­gun­gen und kei­ne klas­si­sche Par­tei. (…) Das Prin­zip der «gegen­sei­ti­gen Hil­fe», auf das sich vie­le sol­cher Pro­jek­te bezie­hen, kann auf eine lan­ge Geschich­te zurück­bli­cken. Peter Kro­pot­kin, Phi­lo­soph und Vor­den­ker des kom­mu­nis­ti­schen Anar­chis­mus, defi­nier­te das Prin­zip in sei­nem 1902 erschie­ne­nen Buch «Gegen­sei­ti­ge Hil­fe in der Tier- und Men­schen­welt» als Gegen­pol zum sozi­al­dar­wi­nis­ti­schen Grund­satz «Über­le­ben des Stär­ke­ren». (…) Gesund­heit am Arbeits­platz, Lebens­mit­tel­ver­sor­gung, medi­zi­ni­sche Not­hil­fe, Woh­nungs­si­cher­heit – die gegen­sei­ti­ge Hil­fe hat vie­le Facet­ten. Ob ihre Dyna­mik über die Coro­na­pan­de­mie hin­aus erhal­ten blei­ben wird? Loick wünscht sich, dass sich eines Tages die gesam­te Gesell­schaft an den Tätig­kei­ten ori­en­tie­ren wür­de, die die Mensch­heit wirk­lich für ein gutes Leben braucht. Denn: «Ohne gegen­sei­ti­ge Hil­fe gibt es kei­ne Gesell­schaft. Ohne Wett­be­werb und Aus­beu­tung schon.»” Bei­trag von Lorenz Nae­ge­li, Jan Jirát (Text) und Alex­an­der Elsa­es­ser, Opak (Illus­tra­ti­on) aus WOZ Nr. 17/​2020 vom 23. April 2020 externer Link
  • Und nach dem Virus? Risi­ken und Neben­wir­kun­gen – Wider­stand im Jahr der Seu­che
    “… Vor eini­gen Tagen über­stieg die Zahl der Coro­na­vi­rus-Toten in New York City die Zahl der Todes­op­fer der Anschlä­ge vom 11. Sep­tem­ber 2001. Wann immer Exper­tin­nen und Poli­ti­ker den 11. Sep­tem­ber beschwö­ren, weiß mensch, dass sie die Büh­ne für etwas scho­ckie­ren­des und ein­schüch­tern­des vor­be­rei­ten. Die Anschlä­ge vom 11. Sep­tem­ber dien­ten der Recht­fer­ti­gung des Patri­ot Act, außer­or­dent­li­chen Aus­lie­fe­run­gen und Fol­te­run­gen, der Beset­zung Afgha­ni­stans und des Irak; und dies ebne­te den Weg für eine Rei­he wei­te­rer Kata­stro­phen, dar­un­ter den Auf­stieg des Isla­mi­schen Staa­tes. Wäh­rend am 11. Sep­tem­ber 2977 Zivilist*innen getö­tet wur­den, töte­te der dar­auf fol­gen­de »Krieg gegen den Ter­ror« min­des­tens hun­dert­mal so vie­le Zivilist*innen. Wenn der Ver­gleich mit dem 11. Sep­tem­ber etwas zeigt, dann, dass die Reak­ti­on des Staa­tes auf die Pan­de­mie weit­aus ver­hee­ren­der sein wird als das Virus selbst. Schau­en wir uns die Gefah­ren an – und die Logik derer, die die staat­li­che Reak­ti­on vor­an­trei­ben wol­len, um sich auf die nächs­te Pha­se der Kri­se vor­zu­be­rei­ten. Es ist nicht unver­meid­lich, dass das, was dabei her­aus­kommt, Tyran­nei sein wird; im Gegen­teil, es könn­te auch ein Umsturz sein. (…) Von Pro­jek­ten der gegen­sei­ti­gen Hil­fe und wil­den Streiks bis hin zu Miet­streiks und Gefäng­nis­re­vol­ten – über­all auf der Welt gibt es bereits muti­ge Wider­stands­be­we­gun­gen. Aus die­sen Bemü­hun­gen müs­sen Netz­wer­ke ent­ste­hen, die dem neu­en Tota­li­ta­ris­mus ent­ge­gen­tre­ten und ihn besie­gen kön­nen. Der Ein­satz war noch nie so hoch wie heu­te. Nach Leben statt Über­le­ben zu stre­ben, bedeu­tet, auf Garan­tien zu ver­zich­ten. Wer voll und ganz leben will, muss manch­mal sein Leben ris­kie­ren. Es geht um Bedeu­tung, die hier auf dem Spiel steht, mehr noch als um Sicher­heit. Was willst du? Kos­ten­lo­se Tests und Behand­lung von COVID-19 für alle und eine umfas­sen­de medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung? Dass die Maschi­nen in der Fabrik dei­nes Arbeit­ge­bers zur Her­stel­lung von Beatmungs­ge­rä­ten anstel­le von Auto­mo­bi­len ver­wen­den wer­den? Dass du die medi­zi­ni­schen Mate­ria­li­en aus dei­nem Pfle­ge­be­ruf frei nut­zen kannst, um auch jene zu behan­deln, die nie Zugang zu ange­mes­se­ner medi­zi­ni­scher Behand­lung hat­ten? Die Mög­lich­keit haben, dei­ne Fähig­kei­ten und Res­sour­cen und dei­ne Krea­ti­vi­tät zum Nut­zen aller ein­zu­set­zen – statt sie dem Dik­tat des Mark­tes unter­wer­fen zu müs­sen? Den wirt­schaft­li­chen Druck abschaf­fen, der die Men­schen dazu zwingt, das Risi­ko ein­zu­ge­hen, das Virus zu ver­brei­ten und zum glo­ba­len Kli­ma­wan­del bei­zu­tra­gen? In der Lage sein, in ande­re Län­der zu rei­sen, ohne die Vier­tel der Städ­te, die du besuchst, zu gen­tri­fi­zie­ren? Dich frei auf Fes­ten mit vie­len Men­schen ver­sam­meln, ohne Angst vor Pan­de­mien oder Poli­zei? Dass wir auf­ein­an­der auf­pas­sen und uns gegen­sei­tig unter­stüt­zen? Beant­wor­te die­se Fra­gen für dich selbst, liebe*r Leser*in, und lasst uns auf Grund­la­ge unse­rer wil­des­ten Träu­me eine gemein­sa­me Sache fin­den. Wir wer­den am Ende die­ses Alb­traums mit dir auf die Stra­ßen gehen – ent­schlos­sen, allen Alb­träu­men ein Ende zu berei­ten.” Bei­trag vom 10. April 2020 vom und beim Netz­werk Cri­me­thinc externer Link (mehr­spra­chig)
  • in Gele­gen­heits­fens­ter für lin­ke Poli­tik? Wie wei­ter in und nach der Coro­na-Kri­se
    “Die gegen­wär­ti­ge Kri­se ist eine neu­ar­ti­ge Form von Kri­se und kann durch­aus als eine Art Vor­zei­chen für kom­men­de Kri­sen ver­stan­den wer­den. Denn sie ist nicht allein das Ergeb­nis der inne­ren Dyna­mik der Wirt­schaft wie im Fall der Finanz­kri­se, die vor­her­seh­bar war und von vie­len Lin­ken auch vor­her­ge­se­hen wur­de. Bei der heu­ti­gen Kri­se han­delt sich um das, was in der Lin­ken als Viel­fach­kri­se the­ma­ti­siert wurde:Der gestör­te, kri­sen­haf­te Stoff­wech­sel­pro­zess zwi­schen Gesell­schaft und Natur kommt nicht nur als Kli­ma­kri­se zum Tra­gen, son­dern auch durch die Ver­brei­tung von Krank­heits­er­re­gern. Die Coro­na-Kri­se ist inso­fern zwar exo­gen ver­ur­sacht, als jede Form von Gesell­schaft dar­auf reagie­ren und wirt­schaft­li­che und sozia­le Pro­zes­se für eine gewis­se Zeit begren­zen müss­te. Aber sie ist eben auch Teil der kapi­ta­lis­ti­schen Dyna­mik, die die gesell­schaft­li­chen Natur­ver­hält­nis­se in tief­grei­fen­de Kri­sen bringt. Die raum­grei­fen­de Pro­duk­ti­ons- und Lebens­wei­se schränkt die Lebens­räu­me ande­rer Spe­zi­es immer wei­ter ein, so dass bei­spiels­wei­se Viren ver­stärkt auf Men­schen über­sprin­gen oder auch bak­te­ri­el­le Krank­heits­er­re­ger immer häu­fi­ger über­tra­gen wer­den. Im Umkehr­schluss wür­de dies bedeu­ten, weni­ger Natur in Wert zu set­zen, d.h. die Aus­brei­tung von Produktions‑, Sied­lungs- und land­wirt­schaft­li­chen Nutz­flä­chen mit Mono­kul­tu­ren und Mas­sen­tier­hal­tung auf Kos­ten des Natur- und Arten­schut­zes ein­zu­däm­men, die CO2-Neu­tra­li­tät mit aller Ent­schie­den­heit und gene­rell eine sozi­al-öko­lo­gi­sche Trans­for­ma­ti­on in allen Lebens­be­rei­chen vor­an­zu­trei­ben. (…) Die gegen­wär­ti­ge Kri­se wird nicht schnell vor­über zie­hen. Umso wich­ti­ger ist eine rea­lis­ti­sche Ein­schät­zung der poli­ti­schen Situa­ti­on und der gesell­schaft­li­chen Kräf­te­ver­hält­nis­se, nur so las­sen sich mög­li­che Hand­lungs­fel­der für die Lin­ke iden­ti­fi­zie­ren. Zu einer Dis­kus­si­on dar­um möch­te die­ses Papier einen Bei­trag leis­ten. (…) Der Staat gibt jetzt sehr viel Geld für ver­schie­de­ne Ret­tungs­maß­nah­men aus. Jedoch wer­den die­se nicht ansatz­wei­se mit einer Inves­ti­ti­ons­of­fen­si­ve für einen drin­gend not­wen­di­gen sozi­al-öko­lo­gi­schen Struk­tur­wan­del und für eine Öko­no­mie sozia­ler Infra­struk­tu­ren ver­bun­den. Auch hier bie­ten sich dis­kur­siv Mög­lich­kei­ten, lin­ke Alter­na­ti­ven für eine Inves­ti­ti­ons­of­fen­si­ve ins Gespräch zu brin­gen. (…) Vor dem Hin­ter­grund der Coro­na-Kri­se ist der Schritt, dass Por­tu­gal nun alle dort leben­den Migrant*innen lega­li­siert und mit einer Kran­ken­ver­si­che­rung aus­ge­stat­tet, nur logisch. Das muss der prak­ti­sche Maß­stab auch für die ande­ren euro­päi­schen Län­der sein. (…) Ange­sichts der dro­hen­den Gefah­ren durch die Gegen­kräf­te gilt es zugleich kei­ne fal­schen Hoff­nun­gen für eine lin­ke Offen­si­ve zu hegen. Wir benö­ti­gen ein wenig Vol­un­ta­ris­mus gegen die Kri­sen­de­pres­si­on, aber kri­ti­schen Rea­lis­mus für den lan­gen Atem. Die Coro­na-Kri­se erin­nert uns, wie zer­brech­lich das Leben ist, jedes Leben, und was eigent­lich alles wirk­lich „sys­tem­re­le­vant“ ist. Viel­leicht nicht der güns­tigs­te poli­ti­sche Moment für die Lin­ke, aber ein Gele­gen­heits­fens­ter für eine neue Soli­da­ri­tät.” Dis­kus­si­ons­bei­trag vom Insti­tut für Gesell­schafts­ana­ly­se & Friends vom April 2020 bei der Rosa Luxem­burg Stif­tung externer Link mit Link zur 44-sei­ti­gen Lang­fas­sung des Tex­tes
  • Nicht jede Kri­se ist eine Chan­ce
    Die Coro­na-Kri­se legt offen, dass eine ande­re Gesell­schaft mög­lich ist. Ob sie unter den jet­zi­gen Bedin­gun­gen eine bes­se­re wird, ist aller­dings zu bezwei­feln. (…) Steckt in der Coro­na-Kri­se den­noch eine Chan­ce? Man­che Debat­ten in den Sozi­al­wis­sen­schaf­ten, aber auch in gesell­schaft­li­chen Öffent­lich­kei­ten legen das nahe. Ich hal­te von sol­chen Ein­schät­zun­gen nichts. Wer­den sie aus der Bauch­na­bel­per­spek­ti­ve pri­vi­le­gier­ter Pro­fes­so­ren mit hohen Ein­kom­men und schö­nen Woh­nun­gen geführt, wir­ken sie bes­ten­falls pein­lich. Nur wer sich selbst dau­er­haft auf der siche­ren Sei­te wähnt, kann den Shut­down als güns­ti­ge Gele­gen­heit zu Ent­schleu­ni­gung und der Abkehr von Wachs­tums­zwän­gen inter­pre­tie­ren. Wer­den die Bauch­na­bel­per­spek­ti­ven satu­rier­ter Milieus gene­ra­li­siert, kön­nen all jene, die unter den Ein­schrän­kun­gen mas­siv lei­den, das wohl nur als zynisch emp­fin­den. (…) Offen­sicht­lich ist jedoch, dass eine glaub­wür­di­ge Alter­na­ti­ve zum Kapi­ta­lis­mus der­zeit nur in vagen Umris­sen exis­tiert. Des­halb ist es grund­falsch, dem Wünsch­ba­ren den Rang eines wahr­schein­li­chen Zukunfts­sze­na­ri­os zu ver­lei­hen. (…) Nur wenn die­se Frei­hei­ten künf­tig strikt an sozia­le und öko­lo­gi­sche Nach­hal­tig­keits­kri­te­ri­en rück­ge­bun­den wer­den, besteht über­haupt eine Chan­ce, ent­spre­chen­de Zie­le zu ver­wirk­li­chen. Das heißt kon­kret: Die Zivil­ge­sell­schaf­ten müs­sen in demo­kra­ti­scher Wei­se direkt dar­auf Ein­fluss neh­men kön­nen, was wozu und zu wel­chem Zweck pro­du­ziert und repro­du­ziert wird. Es geht um nicht mehr und nicht weni­ger, als um eine Umver­tei­lung von Ent­schei­dungs­macht zuguns­ten der gegen­wär­tig ohn­mäch­ti­gen Mehr­hei­ten, und es geht um Kli­ma­ge­rech­tig­keit nicht nur in der öko­lo­gi­schen, son­dern auch in der sozia­len Dimen­si­on. (…) Ohne Pro­fi­fuß­ball lässt es sich auch für Fuß­ball­fans über län­ge­re Zeit­räu­me hin­weg sehr gut leben, nicht aber ohne Bäcke­rin­nen, Land­wir­te, Arzt­hel­fe­rin­nen, LKW-Fah­rer und hilfs­be­rei­te Nach­barn. Wir alle brau­chen eine gut funk­tio­nie­ren­de sozia­le Infra­struk­tur. Die muss zu einem bevor­zugt finan­zier­ten öffent­li­chen Gut wer­den. Nicht nur in Deutsch­land, son­dern über­all in Euro­pa und auf der Welt. Für eine sozia­le Infra­struk­tur, die Basis­gü­ter bereit­stellt, zu strei­ten, wäre ein ers­ter klei­ner Schritt, um aus einer ver­hee­ren­den Kata­stro­phe doch noch Spiel­raum für Wei­chen­stel­lun­gen zuguns­ten pro­gres­si­ver Gesell­schafts­ent­wick­lun­gen zu gewin­nen. Für all­zu gro­ßen Opti­mis­mus gibt es indes kei­nen AnlassArti­kel von Klaus Dör­re vom 17.04.2020 im Jaco­bin Maga­zin externer Link
  • Auf­ruf „Gemein­sam aus der Coro­na-Pan­de­mie ler­nen – für soli­da­ri­sche und nach­hal­ti­ge Lebens­wei­se“
    Die Coro­naPan­de­mie ver­deut­licht, wie weni­ge Ereig­nis­se zuvor, das Zer­stö­rungs­po­ten­ti­al die­ser unter den Bedin­gun­gen des Kapi­tals glo­ba­li­sier­ten und beschleu­nig­ten Welt. Krie­ge und Natur­ka­ta­stro­phen, das all­täg­li­che Ster­ben an Unter­ernäh­rung oder auf der Flucht kön­nen vie­le im glo­ba­len Nor­den igno­rie­ren, jetzt trifft es alle – wenn auch selbst in Coro­naZei­ten Reich­tum einen bes­se­ren Schutz ermög­licht. Das Lei­den ande­rer aus­zu­blen­den, sind wir trai­niert. Denn das Grund­prin­zip des bei­na­he welt­weit herr­schen­den Sys­tems ist Kon­kur­renz – zwi­schen Unter­neh­men um den höchs­ten Pro­fit, zwi­schen Lohn­ab­hän­gi­gen um Jobs und Auf­stiegs­chan­cen, zwi­schen Eltern um Plät­ze in Kitas, zwi­schen Woh­nungs­su­chen­den um knapp gehal­te­ne Woh­nun­gen. Bei der Bekämp­fung des Coro­naVirus ist aller­dings nicht Kon­kur­renz gefragt, son­dern Soli­da­ri­tät. In einer zutiefst arbeits­tei­li­gen und glo­bal ver­netz­ten Welt kann die Ein­däm­mung einer Pan­de­mie nur in inten­si­ver Zusam­men­ar­beit gelin­gen – welt­weit eben­so wie in den Nach­bar­schaf­ten. Auch wenn Hams­ter­käu­fe oder der Dieb­stahl von Mas­ken aus Kli­ni­ken zei­gen, wie macht­voll Kon­kur­renz und antrai­nier­te Rück­sichts­lo­sig­keit sind – wir sehen vor allem, wie schnell, phan­ta­sie­voll und ent­schlos­sen jetzt Hand­lun­gen der Soli­da­ri­tät auf­blü­hen. (…) Soli­da­risch zu han­deln bedeu­tet aber auch, die Struk­tu­ren zu bekämp­fen, die uns gegen­ein­an­der aus­spie­len. Es bedeu­tet, die­ses Wirt­schafts­sys­tem zu ver­än­dern, das immer wei­te­re Berei­che des Lebens zu einer Ware macht, Kran­ken­häu­ser und Alten­hei­me in Ren­di­te­ob­jek­te ver­wan­delt und die Gren­zen für geflüch­te­te Men­schen, selbst für unbe­glei­te­te Kin­der, schließt. Was wir benö­ti­gen, ist eine Wirt­schaft, die in der Lage ist, auch in Zei­ten der Not und der Ver­un­si­che­rung die Bedürf­nis­se aller mög­lichst weit­ge­hend zu befrie­di­gen. Wir brau­chen eine Gesell­schaft, die Men­schen ermög­licht, sich mit Zeit umein­an­der zu küm­mern, und die soli­da­ri­sches Han­deln för­dert – nicht nur in Zei­ten von Coro­na, son­dern immer und über­all. Der­zeit ist der glat­te Fort­gang der Kapi­tal­ver­wer­tung für einen Moment ins Sto­cken gera­ten. Und wie immer in Kri­sen lei­den die Armen und Schwa­chen. Gleich­zei­tig zeigt sich gera­de, was wir brau­chen und wor­auf wir nun wirk­lich ver­zich­ten kön­nen (…) Wir wol­len bereits heu­te dar­um kämp­fen, dass nach Coro­na Kran­ken­häu­ser und Pfle­ge­ein­rich­tun­gen die finan­zi­el­len und per­so­nel­len Res­sour­cen erhal­ten, die sie benö­ti­gen. Das bedeu­tet auch, dass alle in der Pfle­ge Beschäf­tig­ten, auch die gegen­wär­tig irre­gu­lär in Pri­vat­haus­hal­ten Arbei­ten­den, gute Arbeits­be­din­gun­gen vor­fin­den. Wir wol­len eine Abschaf­fung der Fall­pau­scha­len und ein Ende der Pri­va­ti­sie­run­gen. Wir wol­len die Insti­tu­tio­nen in die Hän­de der All­ge­mein­heit zurück­füh­ren, damit alle Betei­lig­ten in demo­kra­ti­schen Struk­tu­ren gemein­sam Prio­ri­tä­ten fest­le­gen. Genau­so möch­ten wir in ande­ren Berei­chen der Daseins­vor­sor­ge vor­ge­hen. So zeigt sich die Bedeu­tung von Bil­dung und Erzie­hung gera­de jetzt, wenn die Schu­len und Kitas geschlos­sen sind und spür­bar wird, welch wich­ti­ge Arbeit Lehrer_​innen und Erzieher_​innen leis­ten. (…) Wich­tig ist uns dar­über hin­aus, dass die öffent­li­che Daseins­vor­sor­ge nicht wei­ter rei­chen Län­dern vor­be­hal­ten sein kann, son­dern wir müs­sen den exklu­siv ange­eig­ne­ten Reich­tum glo­bal tei­len, damit eine gute sozia­le Infra­struk­tur in allen Regio­nen der Welt auf­ge­baut wer­den kann. Vie­le haben auch schon lan­ge gespürt, dass ein gutes Leben nicht von pri­va­ten Autos und von Flug­rei­sen abhängt und auch nicht vom Über­maß an Kon­sum­gü­tern, die welt­weit pro­du­ziert wer­den, um ins­be­son­de­re im glo­ba­len Nor­den genutzt zu wer­den – je rei­cher die Men­schen, des­to höher der Ver­brauch fos­si­ler Ener­gie­trä­ger. Bei vie­len ist ein Auf­at­men zu spü­ren, dass wir der­zeit wenigs­tens etwas weni­ger Treib­haus­ga­se in die Luft bla­sen. (…) Des­we­gen dür­fen wir nicht zulas­sen, dass mit staat­li­chen Sub­ven­tio­nen wie­der Flug­li­ni­en und Auto­pro­du­zen­ten durch die Kri­se gebracht wer­den. Stär­ken wir statt­des­sen die gesund­heit­li­che Ver­sor­gung, die Bil­dung für alle, Fami­li­en und Nach­bar­schaf­ten, die gemein­sa­me Nut­zung von Gütern, den nach­hal­ti­gen Kon­sum. Dabei gilt es, wenigs­tens jetzt zu beach­ten, dass uns nicht mehr Treib­haus­gasEmis­sio­nen sowie natür­li­che Roh­stof­fe zuste­hen als den Men­schen im glo­ba­len Süden. Hier ist welt­wei­te Soli­da­ri­tät gefragt. Wir wol­len also soli­da­risch leben, nicht mehr auf Kos­ten ande­rer, nicht mehr zur Zer­stö­rung unse­rer natür­li­chen Lebens­grund­la­gen bei­tra­gen. Wir möch­ten die Sor­ge umein­an­der, die in Fami­li­en, Nach­bar­schaf­ten und CareEin­rich­tun­gen geleis­tet wird, und die Pro­duk­ti­on der wirk­lich not­wen­di­gen Din­ge in den Mit­tel­punkt stel­len. Es geht uns dar­um, dass Zeit für Schö­nes und Wohl­tu­en­des bleibt. Dafür braucht es ein Umden­ken, aber es braucht auch ein ganz ande­res Sys­tem, einen sys­tem chan­ge. (…) Die aller­ers­ten Schrit­te schei­nen uns jedoch teil­wei­se schon lan­ge und breit dis­ku­tiert. Jetzt ist die Zeit, sie durch­zu­set­zen: 1. Ein­füh­rung eines Bedin­gungs­lo­sen Grund­ein­kom­mens, damit jeder Mensch eine exis­ten­zi­el­le Absi­che­rung hat und gemein­sam mit ande­ren neue soli­da­ri­sche und nach­hal­ti­ge Lebens­wei­sen aus­pro­bie­ren kann. 2. Ver­kür­zung der Erwerbs­ar­beits­zeit auf zunächst maxi­mal 30 WochenStun­den, damit alle genug Zeit haben für Sor­ge­ar­beit, sozia­les und poli­ti­sches Enga­ge­ment. Ein gerin­ge­res Erwerbs­ar­beits­vo­lu­men for­dert uns auch her­aus, Prio­ri­tä­ten fest­zu­le­gen, zu ent­schei­den, wel­che Bran­chen schrump­fen und wel­che, wie bei­spiels­wei­se die CareBerei­che, wei­ter aus­ge­baut wer­den kön­nen. 3. Umfas­sen­der Aus­bau der sozia­len Infra­struk­tur bei gleich­zei­ti­gem Auf­bau von demo­kra­ti­schen Struk­tu­ren in Städ­ten, Dör­fern und grö­ße­ren Regio­nen, damit Men­schen über die Bedin­gun­gen ihres Lebens gemein­sam ent­schei­den kön­nen. Glo­ba­le soli­da­ri­sche Regeln, die sich in einer welt­weit ver­än­der­ten Arbeits­tei­lung, Schul­den­strei­chung, glo­ba­len Umver­tei­lung der finan­zi­el­len Res­sour­cen, einer Öff­nung der EU für Schutz­su­chen­de und die Auf­lö­sung aller Flücht­lings­un­ter­künf­te nie­der­schla­gen. (…) Lasst uns anfan­gen – auch jetzt, wo wir uns nur vir­tu­ell tref­fen kön­nen. Und sobald Coro­na über­stan­den ist, lasst uns die Plät­ze erobern und dann die Stadt­tei­le und Betrie­be. Lasst uns kämp­fen, bis wir eine Wen­de in Rich­tung einer Gesell­schaft ein­ge­läu­tet haben, in der ein gutes Leben für alle Rea­li­tät wird, in der wir Soli­da­ri­tät statt Kon­kur­renz leben kön­nen.” Auf­ruf von Aktivist_​innen des Netz­werks Care Revo­lu­ti­on externer Link zu den Kon­se­quen­zen aus der Coro­na-Pan­de­mie vom 14. April 2020 beim Netz­werk Care Revo­lu­ti­on
  • Gegen Staat, Kapi­tal und Patri­ar­chat – die Kri­se heißt Kapi­ta­lis­mus
    Super­märk­te, Bäcke­rei­en, Pfle­ge­hei­me, Kran­ken­häu­ser: es sind vor allem wir lohn­ab­hän­gi­gen Frau­en, die in der Coro­na-Epi­de­mie in ers­ter Rei­he ste­hen. Es sind vor allem die Berufs­spar­ten, die mies bezahlt und auch im all­ge­mei­nen äußerst pre­kär sind. Und der Applaus von den Bal­ko­nen und Fens­tern der Repu­blik bringt kei­ne Stei­ge­run­gen auf dem Lohn­zet­tel, bes­se­re Per­so­nal­schlüs­sel oder eine Abkehr der unsäg­li­chen „Fall­pau­scha­le“ in den durch­pri­va­ti­sier­ten Kran­ken­häu­sern. Im Gegen­teil: 12 Stun­den Schich­ten sind mög­lich weil der aus­ge­ru­fe­ne Kata­stro­phen­fall das Arbeits­schutz­ge­setz aus­he­belt und die Per­so­nal­schlüs­sel wur­den in den Kran­ken­häu­sern und der Pfle­ge sogar gänz­lich aus­ge­setzt. Wie­der ein­mal set­zen die DGB-Gewerk­schafts­spit­zen dar­auf, gemein­sam mit der Regie­rung und den Unter­neh­men part­ner­schaft­lich zusam­men zu arbei­ten und mas­si­ve Ein­schnit­te hin zu neh­men, die letz­ten Endes die Las­ten der Kri­se auf uns alle umwäl­zen, um die Wirt­schaft und das dazu­ge­hö­ri­ge Wirt­schafts­sys­tem zu ret­ten. Eben genau das Wirt­schafts­sys­tem, das uns erst in die heu­ti­ge Situa­ti­on gebracht hat. (…) Gewin­ne pri­va­ti­sie­ren, Ver­lus­te sozia­li­sie­ren, so funk­tio­niert Kapi­ta­lis­mus. Für uns gibt es nur eine Lösung: orga­ni­sie­ren, soli­da­risch sein und als lohn­ab­hän­gi­ge Klas­se das ein­for­dern, was uns zusteht. Kran­ken­häu­ser und Pfle­ge ver­ge­sell­schaf­ten! Genau­so wie die Her­stel­lung und die Ver­tei­lung der Lebens­mit­tel eine kol­lek­ti­ve Auf­ga­be sein muss, die sich nach den Bedürf­nis­sen der Men­schen rich­tet und nicht nach dem Pro­fit, der damit zu machen ist. (…) Das alles sind kei­ne Pro­ble­me, die von der Covi­d19-Pan­de­mie ver­ur­sacht wor­den sind, nein, sie ver­deut­licht nur, was schon so lan­ge falsch läuft: ein Wirt­schafts­sys­tem aus­ge­rich­tet an Pro­fit­in­ter­es­sen anstatt an den Bedürf­nis­sen der Men­schen und mit ihm ver­wo­ben eine patri­ar­cha­le Struk­tur, die Frau­en ihren kla­ren Platz in der Gesell­schaft zuweist: Vie­les konn­ten wir in all den Kämp­fen in all den Jah­ren auf­bre­chen aber nach wir vor gilt es, Kapi­ta­lis­mus und Patri­ar­chat als Gan­zes zu zer­schla­gen. Weder das eine noch das ande­re brau­chen wir. Bei­des ist für uns als lohn­ab­hän­gi­ge Frau­en eine exis­ten­zi­el­le wie auch phy­si­sche Gefahr. Wir kön­nen uns auf kei­nen Staat, auf kei­ne Che­fIn­nen, auf kei­ne Rich­te­rIn­nen oder sonst wen ver­las­sen. Wir ver­las­sen uns auf unse­re gegen­sei­ti­ge Soli­da­ri­tät und bau­en Netz­wer­ke auf. Wir orga­ni­sie­ren uns an unse­ren Arbeits­plät­zen – gera­de in den pre­kä­ren Berei­chen und wir erzeu­gen Druck – nicht trotz die­ser Pan­de­mie son­dern genau wegen ihr…” Bei­trag vom 14. April 2020 von orga­ni­sier­te auto­no­mie (OA) externer Link
  • Neue Kul­tur der Soli­da­ri­tät: Wie soll lin­ke Wirt­schafts­po­li­tik auf sozia­le Ungleich­heit reagie­ren? 
    “… Nur ein Min­dest­lohn in exis­tenz­si­chern­der Höhe, die Strei­chung sämt­li­cher (beson­ders vul­nerable Grup­pen wie Lang­zeit­ar­beits­lo­se, Jugend­li­che ohne Berufs­ab­schluss und Kurz­zeit­prak­ti­kan­ten tref­fen­der) Aus­nah­men sowie eine flä­chen­de­cken­de Über­wa­chung durch die zustän­di­ge Finanz­kon­trol­le Schwarz­ar­beit des Zolls könn­ten bewir­ken, dass der Min­dest­lohn über­all ankommt. Außer­dem ist eine bedarfs­ge­rech­te, armuts­fes­te und repres­si­ons­freie Grund­si­che­rung nötig, soll Armut ver­hin­dert wer­den. Damit der Min­dest­lohn zur Ver­rin­ge­rung von Armut und sozio­öko­no­mi­scher Ungleich­heit bei­tra­gen kann, soll­te er zu einem »Lebens­lohn« (living wage) fort­ent­wi­ckelt wer­den, der die Teil­nah­me am gesell­schaft­li­chen Leben ermög­licht. Bald­mög­lichst, also nicht erst »per­spek­ti­visch«, wie vom SPD-Par­tei­tag im Dezem­ber 2019 beschlos­sen, muss der Min­dest­lohn auf 12 Euro stei­gen. (…) Tarif­ver­trä­ge müs­sen durch Erleich­te­rung der All­ge­mein­ver­bind­lich­keits­er­klä­rung wie­der ihre gesell­schaft­li­che Norm­set­zungs­wir­kung ent­fal­ten, Mini­jobs in sozi­al­ver­si­che­rungs­pflich­ti­ge Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­se umge­wan­delt, alle sach­grund­lo­sen Befris­tun­gen besei­tigt und Leih­ar­beits­ver­hält­nis­se ent­we­der ganz ver­bo­ten oder stär­ker regu­liert wer­den. (…) Wenn man Inklu­si­on als gesell­schafts­po­li­ti­sches Kern­pa­ra­dig­ma begreift, muss ein inklu­si­ver Wohl­fahrts­staat das Ziel sein, der eine gleich­be­rech­tig­te Par­ti­zi­pa­ti­on aller Bürger/​innen bezie­hungs­wei­se Wohnbürger/​innen am gesell­schaft­li­chen Reich­tum wie am sozia­len, poli­ti­schen und kul­tu­rel­len Leben ermög­licht. Dafür bie­tet sich eine all­ge­mei­ne, ein­heit­li­che und soli­da­ri­sche Bür­ger­ver­si­che­rung an. (…) Bür­ger­ver­si­che­rung heißt, dass alle Per­so­nen auf­ge­nom­men wer­den, und zwar unab­hän­gig davon, ob sie erwerbs­tä­tig sind oder nicht. Da sämt­li­che Wohnbürger/​innen in das Sys­tem ein­be­zo­gen wären, blie­ben weder Selbst­stän­di­ge, Freiberufler/​innen, Beam­te, Abge­ord­ne­te und Minis­ter noch Ausländer/​innen mit Dau­er­auf­ent­halt in der Bun­des­re­pu­blik außen vor. (…) Wer den gesell­schaft­li­chen Zusam­men­halt stär­ken will, muss die sozio­öko­no­mi­sche Ungleich­heit ver­rin­gern und mehr Steu­er­ge­rech­tig­keit ver­wirk­li­chen. Dazu sind die Wie­der­erhe­bung der Ver­mö­gen­steu­er, eine höhe­re Kör­per­schaft­steu­er, eine vor allem gro­ße Betriebs­ver­mö­gen stär­ker zur Finan­zie­rung des Gemein­we­sens her­an­zie­hen­de Erb­schaft­steu­er, ein pro­gres­si­ver ver­lau­fen­der Ein­kom­men­steu­er­ta­rif mit einem höhe­ren Spit­zen­steu­er­satz und eine auf dem per­sön­li­chen Steu­er­satz basie­ren­de Kapi­tal­ertrag­steu­er (Abschaf­fung der Abgel­tungs­teu­er) nötig. (…) Umver­tei­lung von oben nach unten ist drin­gend not­wen­dig, reicht aller­dings nicht aus, weil sich die sozio­öko­no­mi­sche Ungleich­heit selbst im Fal­le einer kon­se­quen­te­ren Besteue­rung hoher Ein­kom­men und gro­ßer Ver­mö­gen per­ma­nent repro­du­zie­ren wür­de. Des­halb muss die Umver­tei­lung län­ger­fris­tig durch eine Umge­stal­tung des kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schafts- und Finanz­sys­tems ergänzt wer­den. Nur wenn die Eigen­tums­fra­ge gestellt und durch die Ver­ge­sell­schaf­tung der Schlüs­sel­in­dus­trie eben­so wie der Unter­neh­men mit einer markt­be­herr­schen­den Stel­lung und eine Ver­staat­li­chung von Ban­ken und Ver­si­che­run­gen beant­wor­tet wird, lässt sich die Ungleich­heit dau­er­haft ver­rin­gern.” Vor­schlag von Chris­toph But­ter­weg­ge beim OXI-Blog am 11. April 2020 externer Link (Text aus der gedruck­ten OXI vom März 2020)
  • Coro­na­kri­se: «Ideen, die zuvor als sozia­lis­ti­sches Teu­fels­zeug gal­ten, wer­den unter Applaus durch die Par­la­men­te gepeitscht»
    “Die Pan­de­mie bedroht das Leben und die wirt­schaft­li­che Exis­tenz von Mil­lio­nen – und doch ver­weist die glo­ba­le Kri­se auch auf die Mög­lich­keit einer bes­se­ren Zukunft. (…) Bei vie­len Tex­ten, die in die­sen Tagen erschie­nen, hat man sich als Lese­rIn ver­wun­dert die Augen gerie­ben, weil die AutorIn­nen nur das zu wie­der­ho­len schie­nen, was sie eigent­lich immer sagen. (…) Aber wäre es nicht viel ange­mes­se­ner, sich dar­über zu wun­dern, was sich inner­halb weni­ger Tage alles geän­dert hat? Es hat den Anschein, als wür­de die schon lan­ge her­auf­zie­hen­de gros­se öko­lo­gisch-öko­no­mi­sche Kri­se durch die Pan­de­mie beschleu­nigt und ver­dich­tet wer­den. (…) In vie­ler­lei Hin­sicht ver­weist die Reak­ti­on auf die Pan­de­mie auch auf die Mög­lich­keit einer bes­se­ren Zukunft. Davon, dass sich in allen Städ­ten spon­tan Soli­da­ri­täts­netz­wer­ke grün­den, um Nach­ba­rIn­nen zu ver­sor­gen, ist in den meis­ten Zei­tun­gen schon die Rede gewe­sen. Wie­der ein­mal zeigt sich, dass in Kri­sen­mo­men­ten der ers­te mensch­li­che Reflex nicht der Hobbes’sche Bür­ger­krieg aller gegen alle, son­dern die Hilfs­be­reit­schaft ist. (…) Die Tat­sa­che, dass sich die Gesell­schaft dem Markt ver­wei­gert und die Prio­ri­tä­ten – zumin­dest für ein paar Tage – anders setzt, ist kei­ne Klei­nig­keit. (…) In den USA wird «Heli­ko­pter­geld» ver­teilt – was die Idee eines bedin­gungs­lo­sen Grund­ein­kom­mens in ganz ande­rem Licht erschei­nen lässt. (…) Zumin­dest für einen Augen­blick ist die bedürf­nis­ori­en­tier­te, demo­kra­ti­sche Pla­nung der Wirt­schaft, die den Kern jedes sozia­lis­ti­schen Pro­jekts aus­macht, eine rea­le Opti­on. (…) Das alles sind natür­lich trotz­dem kei­ne guten Nach­rich­ten, denn die Covid-19-Pan­de­mie bringt Mil­lio­nen Men­schen fürch­ter­li­ches Leid. (…) Nichts ist gut, und doch soll­ten wir erken­nen, in wel­chem Moment wir uns befin­den: (…) Ers­tens, dass das Hams­ter­rad, in dem wir ein­ge­sperrt sind, sehr wohl ange­hal­ten wer­den kann. (…) Zwei­tens erle­ben wir par­al­lel zur Renais­sance von Grenz­schlies­sung und Natio­na­lis­mus die rea­le Ver­bin­dung unter uns Men­schen. Ein Virus, das sich von Kör­per zu Kör­per repro­du­ziert, hat sich inner­halb weni­ger Wochen durch Kör­per auf dem gan­zen Pla­ne­ten gear­bei­tet. Das ist unse­re rea­le Distanz zu einer Fabrik­ar­bei­te­rin in Wuhan: Jene Sequenz Ribo­nu­kle­in­säu­re, gegen die ihr Kör­per noch vor drei Wochen kämpf­te, hat nun uns erreicht – nur ein paar Hand­schlä­ge und Umar­mun­gen wei­ter. Das drit­te aller­dings scheint mir das Wich­tigs­te: Schlag­ar­tig wird uns bewusst, dass es am Ende immer nur um das Leben geht und jede gesell­schaft­li­che und öko­no­mi­sche Ord­nung ein­ge­bet­tet bleibt in ein «Netz des Lebens», wie es der mar­xis­ti­sche Umwelt­öko­nom Jason W. Moo­re genannt hat. Für die­ses Netz, das wir nie­mals völ­lig kon­trol­lie­ren wer­den, tra­gen wir Sor­ge – weil es die Grund­la­ge unse­res Daseins ist. Wie wäre es, wenn wir unse­re Gesell­schaft auch dem­entspre­chend orga­ni­sier­ten?. (…) Die Pan­de­mie ist ein Schei­de­weg – ent­we­der wir ent­schei­den uns für ein Pro­jekt des Lebens und der Sor­ge umein­an­der oder für eines der beschleu­nig­ten gesell­schaft­li­chen Zer­stö­rung.” Bei­trag von Raul Zelik vom 02. April 2020 aus der WOZ Nr. 14/​2020 externer Link
  • Gren­zen­lo­se Soli­da­ri­tät. Die Pan­de­mie stellt die neo­li­be­ra­le Gesell­schaft und Wirt­schaft grund­le­gend in Fra­ge. Jetzt die rich­ti­gen Leh­ren zu zie­hen, ist für eine gemein­sa­me Zukunft exis­ten­ti­ell
    “… Gren­zen­lo­se Soli­da­ri­tät, die ganz bewusst alle Men­schen umfasst, führt schluss­end­lich gera­de im Hin­blick auf die Zeit nach der Pan­de­mie zu einem zen­tra­len gesell­schaft­li­chen und wirt­schaft­li­chen The­ma zurück, das zu lan­ge von der Büh­ne der poli­ti­schen Auf­merk­sam­keit ver­schwun­den ist: die sozia­le Fra­ge. Denn nur eine Gesell­schaft, die über eine mode­ra­te Ungleich­heit ver­fügt, ist eine soli­da­ri­sche Gesell­schaft. “Der Neo­li­be­ra­lis­mus betrach­tet den Wett­be­werb als das bestim­men­de Merk­mal der mensch­li­chen Bezie­hun­gen”, stell­te der Guar­di­an-Jour­na­list Geor­ge Mon­bi­ot fest. In Zei­ten der Pan­de­mie aber soll­ten wir von lieb­ge­won­ne­nen Lei­stät­zen des Neo­li­be­ra­lis­mus Abschied neh­men und eine neue soli­da­ri­sche Gesell­schaft welt­weit auf­bau­en, die das Ver­hält­nis zwi­schen Men­schen und schluss­end­lich auch zwi­schen Natio­nen nicht mehr durch Kon­kur­renz defi­niert, son­dern durch Soli­da­ri­tät. Somit wird Covid-19 zum Test, ob wir in einem dau­er­haf­ten neo­li­be­ra­len Wett­be­werb leben wol­len, der stets nach Sie­gern giert und Ver­lie­rer for­dert (und in Zei­ten einer Pan­de­mie zwangs­läu­fig die Anzahl der zu bekla­gen­den Toten erhö­hen wird) oder ob sich die Men­schen als lern­fä­hig erwei­sen und die For­de­rung der Zeit ver­ste­hen: gren­zen­lo­se Sol­da­ri­tät…” Arti­kel von Andre­as von West­pha­len vom 1. April 2020 bei Tele­po­lis externer Link
  • Auto­no­me Per­spek­ti­ven auf Wirt­schaft, Staat, Coro­na­vi­rus. Zum Ver­hält­nis von Staat – Coro­na – Wirt­schaft und etwas zur auto­no­men Gesund­heits­vor­sor­ge
    Der Coro­na­vi­rus und die von ihm aus­ge­lös­te Lun­gen­krank­heit Covid-19 stür­zen die Men­schen auf der gan­zen Welt in Cha­os und Unglück. Noch nie dürf­ten so vie­le Men­schen zugleich unter Kon­takt- und Aus­gangs­sper­ren und ‑ver­bo­ten gelit­ten haben wie der­zeit – aktu­ell dürf­ten es etwa 25% der Welt­be­völ­ke­rung sein – Ten­denz stei­gend. Eben­falls dürf­te es eine gan­ze Wei­le her sein, dass in den Zen­tren der soge­nann­ten west­li­chen Welt kran­ke und hilfs­be­dürf­ti­ge Men­schen kei­nen Platz mehr im Kran­ken­haus bekom­men kön­nen, dass ihre Ope­ra­tio­nen hin­aus­ge­zö­gert wer­den und dass eine Krank­heit einen beträcht­li­chen Teil des Kran­ken­haus­per­so­nals infi­ziert und so die Ver­sor­gungs­la­ge wei­ter ver­schlech­tert. (…) Viel­mehr ist das The­ma hier die Fra­ge, wie­so der Staat gera­de jetzt ein sol­ches Inter­es­se an der Gesund­heit der Men­schen in der Gesell­schaft an den Tag legt, wo ihm ansons­ten das Able­ben von Men­schen wenig oder gar nicht inter­es­siert, ganz gleich ob es sich um ver­meid­ba­res Unheil wie Krank­heit, Krieg, Hun­ger­tod, Selbst­mord und Stra­ßen­ver­kehr oder das Ster­ben in unver­meid­ba­ren Natur­ka­ta­stro­phen han­delt. Dazu betrach­ten wir zum einen das Ver­hält­nis vom Staat zur Gesund­heit der Men­schen und damit zusam­men­hän­gend auch das Ver­hält­nis vom Staat zur Wirt­schaft. Dazu sei gesagt, dass wir uns Staat, Gesell­schaft und Wirt­schaft hier in ihrem struk­tu­rel­len Ver­hält­nis zuein­an­der anschau­en und damit nicht die tat­säch­li­chen jewei­li­gen Regie­run­gen und Fir­men, wel­che die Struk­tu­ren aus­fül­len, eben­so­we­nig wie die sub­jek­ti­ven Blick­win­kel der Men­schen in Macht­po­si­tio­nen, sofern sie nichts zur Struk­tur­er­hel­lung bei­tra­gen. Dar­an anschlie­ßend wol­len wir noch einen klei­nen Bei­trag zur auto­no­men Gesund­heits­vor­sor­ge bei­tra­gen. Kei­nes­falls wird es dabei dar­um gehen, wie und wie oft sich Hän­de zu waschen sind oder der­glei­chen, all­ge­mei­ne Hygie­ne­re­geln hier­zu sind seit Beginn der Pan­de­mie mehr als aus­rei­chend auf dem Tisch. Viel­mehr geht es dar­um, der gesund­heit­li­chen Ver­stüm­me­lung ent­ge­gen­zu­wir­ken, die der­zeit durch den auto­ri­tä­ren Vor­stoß ver­ur­sacht wird und eben auch dar­um, zu ent­hül­len, dass das per­ma­nen­te Wie­der­ho­len gesund­heit­li­cher Hin­wei­se kei­nes­wegs die Gesund­heit för­dert, son­dern viel­mehr Aus­druck der not­wen­di­gen Ver­blö­dung der Gesell­schaft durch den Staat im Inter­es­se sei­nes Macht­er­halts ist. (…) Die Men­schen, die der Staat formt, um sie an die Wirt­schaft wei­ter­zu­ge­ben, brau­chen bestimm­te Qua­li­tä­ten. Dies sind zum einen ganz kon­kret fach­li­che Qua­li­tä­ten (wie etwa Lesen, Rech­nen, Schrei­ben kön­nen), zum ande­ren ganz all­ge­mei­ne Qua­li­tä­ten (wie Pünkt­lich­keit, Ehr­lich­keit, usw.), damit der Arbeits­pro­zess in dem sie arbei­ten sol­len, rei­bungs­los ver­läuft. Gesund­heit ist eine die­ser Qua­li­tä­ten, was bedeu­tet, dass die Men­schen, die der Staat für die Wirt­schaft vor­be­rei­tet, um sie an sie wei­ter­zu­ge­ben, im bes­ten Fal­le „gesund“ sind. Gesund zu sein heißt in der Per­spek­ti­ve von Staat und Wirt­schaft, dass jemand die an ihn gestell­ten Anfor­de­run­gen mög­lichst rei­bungs­frei aus­füh­ren kann, also etwa nicht zu schwach, zu unge­schickt oder ein­ge­schränkt ist, wie auch dass die­se mög­lichst pau­sen­frei aus­ge­führt wer­den kann, jemand also ohne Unter­bre­chung zu sei­ner Arbeit erscheint. Die Zeit, die jemand nicht arbei­tet, soll im bes­ten Fall aus­rei­chen, um alle Pro­ble­me, die ein Mensch an Kör­per und Geist hat, zu behe­ben. Ein dar­über hin­aus­ge­hen­des Inter­es­se an der Gesund­heit der Men­schen in der Gesell­schaft besteht unmit­tel­bar nicht. (…) Unter die­ser Per­spek­ti­ve stellt sich die Fra­ge, ob denn Staat und Wirt­schaft der­zeit über­haupt ein struk­tu­rel­les Inter­es­se dar­an haben, die Aus­brei­tung von Covid-19 zu ver­hin­dern, bezie­hungs­wei­se die Aus­wir­kun­gen von Covid-19 auf die Gesell­schaft zu begren­zen. Covid-19 scheint das Poten­ti­al zu haben, vie­le Men­schen zu töten, ohne dass es dafür Krieg geben müss­te, zudem wer­den vor allem alte Leu­te davon getrof­fen. Wie­so aber nimmt zum einen die Wirt­schaft dann der­zeit Scha­den und wie­so unter­nimmt der Staat Maß­nah­men, die dem Zweck die­nen, die Aus­brei­tung von Covid-19 zu ver­hin­dern bezie­hungs­wei­se zu ver­lang­sa­men? Ant­wor­ten wir zuerst auf die Fra­ge nach der Wirt­schaft: Wenn der Tod von vie­len Men­schen kein gene­rel­ler Scha­den für die Wirt­schaft ist, wie­so herrscht an den Bör­sen welt­weit dann der­zeit eine sol­che Panik­stim­mung? Dies liegt dar­an, dass hier das struk­tu­rel­le Inter­es­se der Wirt­schaft an ihrem eige­nen Erhalt und das kon­kre­te Inter­es­se der Akteur*innen in der Wirt­schaft aus­ein­an­der­fal­len. Denn die Pro­duk­ti­on von Kon­sum­gü­tern ori­en­tiert sich zu einem Teil am zu erwar­te­ten Absatz (…) Gegen­über der Wirt­schaft hat der Staat völ­lig ande­re Inter­es­sen an einem glimpf­li­chen Aus­gang der Coro­na-Kri­se. Das Ster­ben der Men­schen ist ihm im wei­tes­ten Sin­ne völ­lig gleich­gül­tig, sofern es sich um ein Ster­ben han­delt, dass zum einen der Wirt­schaft nicht all­zu­sehr scha­det und zum ande­ren um ein Ster­ben, dass still­schwei­gend ver­läuft, also ohne gro­ße Kla­gen aus der Gesell­schaft her­aus, wie etwa bei den schlim­me­ren Grip­pe­wel­len oder dem Ster­ben an Tuber­ku­lo­se und der­glei­chen, oder aber dem Ver­hun­gern von Men­schen in aus­ge­beu­te­ten Regio­nen der Welt. Sofern das Ster­ben gesell­schaft­lich akzep­tiert wird, ist das ver­lö­schen­de Leben dem Staat kei­nen Cent wert. Pro­blem macht es bloß, wenn das Ster­ben mit all­zu­ho­her gesell­schaft­li­cher Auf­merk­sam­keit bedacht wird und dies ist in Bezug auf die Coro­na-Kri­se pas­siert. Dies bringt den Staat in ein Legi­ti­ma­ti­ons­pro­blem (…) Der Staat reagiert dar­auf zum einen, in dem er die Kom­mer­zia­li­sie­rung der Kran­ken­häu­ser (gute Pfle­ge bekommt, wer dafür gut zahlt) tem­po­rär zurück­baut (der Staat zahlt für jedes Kran­ken­bett). Zum ande­ren aber hat er sich einen beson­de­ren Kniff ein­fal­len las­sen und zwar die Schuld für die Pro­ble­me mit der Coro­na-Kri­se an die Gesell­schaft zu ver­wei­sen. Dies geschieht, indem ein Bild erzeugt wird, das Pro­blem sei, dass sich Tei­le der Gesell­schaft nicht an die im Sin­ne der Gesund­heit ver­an­lass­ten auto­ri­tä­ren Maß­nah­men hal­ten wür­den. Dem­nach ist das Pro­blem nicht mehr, dass Kran­ke nicht die nöti­ge Behand­lung erfah­ren kön­nen, son­dern dass gesun­de Men­schen die Ver­brei­tung des Virus vor­an­brin­gen. (…) Was der­zeit pas­siert, ist wesent­lich mehr als das Ver­brei­ten einer Lun­gen­krank­heit zu ver­hin­dern, es ist die Inten­si­vie­rung der Iso­la­ti­on und Ein­sam­keit zwi­schen den Men­schen, wel­che schon vor der Coro­na-Kri­se der Fall war. Das Mit­tel zur Inten­si­vie­rung, wel­ches vom Staat gegen die Men­schen ein­ge­setzt wird, ist Angst. Angst aber ist bis­wei­len eine schlech­te Rat­ge­be­rin und in die­sem Fall führt sie dazu, dass bis weit in die links­ra­di­ka­le Bewe­gung hin­ein das Befol­gen in ihrer Wir­kung nicht wirk­lich fass­ba­ren Maß­nah­men bejaht wird…” anony­mer Bei­trag vom 01.04.2020 bei indy­m­e­dia externer Link – ein Bei­trag, des­sen Schluss­fol­ge­run­gen wir nicht unbe­dingt tei­len (was ten­den­zi­ell für alle unse­re Ver­lin­kun­gen der Fall sein kann) – und dar­in unser Zitat zur Coro­na-Kri­se: „Was nützt einem Gesund­heit, wenn man ansons­ten ein Idi­ot ist“ – Ador­no
  • Die Schwä­chen des Sys­tems
    Der Bon­ner Phi­lo­soph Mar­kus Gabri­el sieht die der­zei­ti­ge Situa­ti­on in einem grö­ße­ren Kon­text und als Chan­ce zum Umden­ken: „Wenn wir nach dem Virus so wei­ter­ma­chen wie vor­her, kom­men viel schlim­me­re Kri­sen“ (…) Das Coro­na­vi­rus ist nicht nur irgend­ei­ne Infek­ti­ons­krank­heit, son­dern eine viro­lo­gi­sche Pan­de­mie. Das Wort „Pan-Demie“ kommt aus dem Alt­grie­chi­schen und bedeu­tet: Das gan­ze Volk. In der Tat ist das gan­ze Volk, alle Men­schen glei­cher­ma­ßen, betrof­fen. Doch genau das haben wir noch nicht ver­stan­den, wenn wir glau­ben, es sei sinn­voll, die Men­schen jetzt in Gren­zen ein­zu­sper­ren. War­um soll­te das Virus davon beein­druckt sein, dass die Gren­ze zwi­schen Deutsch­land und Frank­reich zu ist? War­um ist Spa­ni­en eine Ein­heit, die man jetzt gegen ande­re Län­der abgren­zen muss, um das Virus ein­zu­däm­men? Nun, die Ant­wort, die man erhal­ten wird, lau­tet: Weil die Gesund­heits­sys­te­me natio­nal sind und der Staat sich in sei­nen Gren­zen um die Kran­ken küm­mern muss. Das ist rich­tig, doch zugleich das Pro­blem. Denn die Pan­de­mie betrifft alle Men­schen. Sie beweist, dass wir alle durch ein unsicht­ba­res Band, unser Mensch­sein ver­bun­den sind. Vor dem Virus sind alle Men­schen gleich. Ja: Vor dem Virus sind alle Men­schen über­haupt Men­schen (…) Das Coro­na­vi­rus offen­bart die Sys­tem­schwä­chen der herr­schen­den Ideo­lo­gie des 21. Jahr­hun­derts. Dazu gehört der Irr­glau­be, dass wir durch natur­wis­sen­schaft­lich-tech­no­lo­gi­schen Fort­schritt allei­ne schon mensch­li­chen und mora­li­schen Fort­schritt vor­an­trei­ben kön­nen. Die­ser Irr­glau­be ver­führt uns dazu zu glau­ben, die natur­wis­sen­schaft­li­chen Exper­ten könn­ten all­ge­mei­ne sozia­le Pro­ble­me lösen. Das Coro­na­vi­rus soll das jetzt vor aller Augen bewei­sen. Doch das wird sich als gefähr­li­cher Irr­tum her­aus­stel­len. Ja, wir müs­sen Viro­lo­gen kon­sul­tie­ren. Nur sie kön­nen uns hel­fen, das Virus zu ver­ste­hen und ein­zu­däm­men, um Men­schen­le­ben zu ret­ten. Doch wer hört ihnen zu, wenn sie uns sagen, dass jähr­lich mehr als zwei­hun­dert­tau­send Kin­der an von Viren aus­ge­lös­tem Durch­fall ster­ben, weil sie kein sau­be­res Was­ser haben? War­um inter­es­siert sich nie­mand für die­se Kin­der? Die Ant­wort ist lei­der ein­deu­tig: Weil sie nicht in Deutsch­land, Spa­ni­en, Frank­reich oder Ita­li­en sind. (…) Das Virus offen­bart ledig­lich das­je­ni­ge, was längst der Fall ist: Dass wir eine völ­lig neue Idee einer glo­ba­len Auf­klä­rung brau­chen. Hier kann man einen Aus­druck Peter Slo­ter­di­jks ver­wen­den und neu deu­ten: Wir brau­chen kei­nen Kom­mu­nis­mus, son­dern einen Ko-Immu­nis­mus. Dazu müs­sen wir uns gegen geis­ti­ges Gift imp­fen, das uns in Natio­nal­kul­tu­ren, Ras­sen, Alters­grup­pen und Klas­sen ein­teilt, die gegen­ein­an­der in Kon­kur­renz tre­ten. Wir schüt­zen gera­de in einem Akt bis­her unge­ahn­ter Soli­da­ri­tät in Euro­pa unse­re Kran­ken und Alten. Dafür sper­ren wir unse­re Kin­der ein, schlie­ßen unse­re Bil­dungs­ein­rich­tun­gen und erzeu­gen einen medi­zi­ni­schen Aus­nah­me­zu­stand. Dafür wer­den Mil­li­ar­den von Euros inves­tiert, um anschlie­ßend die Wirt­schaft wie­der anzu­kur­beln. Doch wenn wir nach dem Virus so wei­ter­ma­chen wie vor­her, kom­men viel schlim­me­re Kri­sen: schlim­me­re Viren, deren Ent­ste­hen wir gar nicht ver­hin­dern kön­nen; die Fort­set­zung des Wirt­schafts­kriegs mit den USA, in dem sich die EU gera­de befin­det; die Ver­brei­tung von Ras­sis­mus und Natio­na­lis­mus im Kampf gegen die Migran­ten, die zu uns flie­hen, weil wir ihren Hen­kern die Waf­fen und die Wis­sen­schaft für Che­mie­waf­fen gelie­fert haben. Und ver­ges­sen wir sie nicht: die Kli­ma­kri­se, die viel schlim­mer ist, als jedes Virus, weil sie das Ergeb­nis der lang­sa­men Selbst­aus­rot­tung des Men­schen ist. (…) Wir müs­sen die Infek­ti­ons­ket­ten des glo­ba­len Kapi­ta­lis­mus erken­nen, der unse­re Natur zer­stört und die Bür­ger der Natio­nal­staa­ten ver­dummt, damit wir haupt­be­ruf­lich zu Tou­ris­ten und Kon­su­men­ten von Waren wer­den, deren Her­stel­lung auf Dau­er mehr Men­schen töten wird, als alle Viren zusam­men­ge­nom­men. War­um löst eine medi­zi­ni­sche, viro­lo­gi­sche Erkennt­nis Soli­da­ri­tät aus, nicht aber die phi­lo­so­phi­sche Ein­sicht, dass der ein­zi­ge Aus­weg aus der sui­zi­da­len Glo­ba­li­sie­rung eine Welt­ord­nung jen­seits einer Anhäu­fung von gegen­ein­an­der kämp­fen­den Natio­nal­staa­ten ist, die von einer stu­pi­den, quan­ti­ta­ti­ven Wirt­schafts­lo­gik ange­trie­ben wer­den?…” Arti­kel von Mar­kus Gabri­el vom 21. März 2020 im Gene­ral-Anzei­ger online externer Link – Mar­kus Gabri­el, 1980 in Rema­gen gebo­ren, ist Phi­lo­soph und lehrt seit 2009 als Pro­fes­sor an der Uni­ver­si­tät Bonn.
  • Die radi­ka­le Unfä­hig­keit des Kapi­ta­lis­mus, ein (gutes) Leben zu garan­tie­ren – Ambi­va­len­zen, Wider­sprü­che und links­ra­di­ka­le For­de­run­gen in der Coro­na-Kri­se 
    Ein vehe­men­ter Angriff erschüt­tert der­zeit den Glo­bus: das Coro­na-Virus, das töd­li­che Kon­se­quen-zen mit sich brin­gen kann, ver­setzt vie­le Men­schen in Angst und Panik und stellt schein­bar alle sozia­len Gewiss­hei­ten in Licht­ge­schwin­dig­keit auf den Kopf. Auch die Welt der Autor_​innen steht der­zeit Kopf – der fol­gen­de Text ver­sam­melt eini­ge Gedan­ken, Per­spek­ti­ven und For­de­run­gen, ist aber nur bedingt strin­gent und deckt sicher nicht alle rele­van­ten The­men­fel­der ab. Neben der ambi-valen­ten Rol­le des Staa­tes in der Coro­na-Kri­se wol­len wir auch auf die Ebe­ne des Sub­jek­tes ein­ge-hen und zum Ende eini­ge poli­ti­sche For­de­run­gen for­mu­lie­ren. (…) Mit die­sem „Gesetz zum Schutz der Bevöl­ke­rung bei einer epi­de­mi­schen Lage von natio­na­ler Trag­wei­te“ hat die Bun­des­re­gie­rung Kom­pe­ten­zen der Län­der an sich gezo­gen, weit­rei­chen­de (digi­ta­le) Über­wa­chungs­be­fug­nis­se instal­liert sowie die Gesund­heits­äm­ter zur Umset­zung ver­schärf­ter Aus­gangs­sper­ren und Orts­ver­bo­te befä­higt. Nur ein Bei­spiel von Meh­re­ren, das zeigt, wie Grund­rech­te wie das Recht auf Bewe­gungs­frei­heit und auf infor­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung der­zeit ohne wirk­li­chen Wider­spruch beschnit­ten wer­den. Zugleich ver­folgt die Bun­des­re­gie­rung eine offen natio­na­lis­ti­sche Poli­tik, die eben­falls loy­al von gro­ßen Tei­len der Bevöl­ke­rung mit­ge­tra­gen wird. Anfang März hat­te aus­ge­rech­net der Export­welt-meis­ter Deutsch­land ein zwei­wö­chi­ges Ver­bot des Exports medi­zi­ni­scher Schutz­aus­rüs­tung ins Aus­land erlas­sen. Die­ses Ver­bot wur­de in der zwei­ten März­hälf­te durch eine EU-Ver­ord­nung gekippt, die nun wie­der einen Export ermög­licht – aller­dings nur inner­halb des EU-Bin­nen­mark­tes. Zudem wur­den in den letz­ten Wochen immer mehr Gren­zen zu den Nach­bar­län­dern Deutsch­lands geschlos­sen. Offen­bar ging Ber­lin im Allein­gang vor und hat damit das Schen­ge­ner Abkom­men aus­ge­he­belt, zum Ärger der offi­zi­el­len Poli­tik Frank­reichs und Ita­li­ens. Nicht ein­mal deren diplo­ma­ti­sche Kri­tik an der Bun­des­re­gie­rung wird hier­zu­lan­de noch zur Kennt­nis genom­men (…) Im Zuge der auto­ri­tä­ren For­mie­rung der letz­ten Jah­re wur­de auch ein wei­te­rer Akteur der Exe­ku­ti­ve wei­ter gestärkt: die Poli­zei. Sie mau­ser­te sich oft zum eigen­stän­di­gen poli­ti­schen Play­er, etwa in der Het­ze gegen lin­ke Bewe­gun­gen (vgl. Con­ne­wit­zer Sil­ves­ter­nacht). Die Poli­zei wird nun auch die bun­des­wei­ten Aus­gangs­be­schrän­kun­gen durch­set­zen und es wird zu beob­ach­ten sein, wie sie hier agiert. Ers­te Erfah­run­gen aus Frank­reich zei­gen eine hohe Aggres­si­vi­tät der flics und eine Fokus­sie­rung auf die Stadt­tei­le der sozi­al Benach­tei­lig­ten. In Deutsch­land scheint bis­her allein die star­ke Poli­zei-Prä­senz auf der Stra­ße schon ein­schüch­ternd auf die Unter­ta­nen zu wir­ken. Es ist jedoch davon aus­zu­ge­hen, dass Per­so­nen­grup­pen wie PoC, Woh­nungs­lo­se und Drogenkonsument_​innen, die vor­her schon im Fokus der Repres­si­on stan­den, nun noch stär­ker poli­zei­lich drang­sa­liert wer­den. Par­al­lel zu den repres­si­ven For­ma­ten wer­den von der Poli­tik unge­wöhn­lich umfang­rei­che Finanz-Pro­gram­me auf­ge­legt, die sich an Ban­ken und Unter­neh­men rich­ten, aber auch eini­ge Här­ten der Coro­na-Kri­se für klei­ne Selbst­stän­di­ge, Mieter_​innen etc. auf­fan­gen sol­len. Plötz­lich fällt etwa die Ver­mö­gens­prü­fung auf Grund­si­che­rung weit­ge­hend weg, die lan­ge ein fes­ter Pfei­ler des Ver­ar-mungs­pro­gramms Hart­zIV war. Jedoch wur­den die­se Erleich­te­run­gen wohl vor allem instal­liert, um die kom­men­de Antrags­flut über­haupt durch die Job­cen­ter bewäl­ti­gen zu kön­nen, sowie um mög­li­chen sozi­al uner­wünsch­ten Fol­gen der Ver­ar­mung brei­ter Schich­ten (Anstieg von Sui­zi­den und selbst­schä­di­gen­dem Ver­hal­ten, erhöh­te Kri­mi­na­li­tät, Ver­ro­hung etc.) ent­ge­gen zu wir­ken. (…) Der Staat zeigt sich so betrach­tet zugleich als star­ker und als ohn­mäch­ti­ger Staat, der die Unver­sehrt­heit der Men­schen nicht garan­tie­ren kann, da er unter dem Pri­mat des Kapi­tals steht. Selbst jetzt, wo in Deutsch­land bei­na­he das kom­plet­te sozia­le Leben still gelegt wird – sogar Fried­hö­fe wur­den geschlos­sen – wird die Arbeits­pflicht nicht aus­ge­setzt. Die deut­sche Onto­lo­gie der Arbeit macht den Gedan­ken, dass nun ein­mal die Pro­duk­ti­on kom­plett still­ste­hen muss, offen­bar undenk-bar. Das führt zu absur­den Sze­nen, wenn etwa die Poli­zei Men­schen, die allein im Park sit­zen, ver­warnt, und weni­ge Meter wei­ter aber Bauarbeiter_​innen in engen Grup­pen zusam­men­ste­hen oder ein Mee­ting in geschlos­se­nen Büro­räu­men statt­fin­det. Die Aus­gangs­be­schrän­kun­gen gel­ten also „nicht der wert­schöp­fen­den Tätig­keit, son­dern der Lust. Dabei ste­hen die ein­zel­nen Spa­zier­gän­ger … wohl kaum im Ver­hält­nis zu den Viren­her­den Büro und Pro­duk­ti­ons­stra­ße.“ Von der Lin­ken soll­te daher „auf den Kon­flikt zwi­schen Kapi­tal und Arbeit geblickt wer­den und die Kapi­ta­lis­ten zur Rechen­schaft gezo­gen wer­den, da hier Arbei­ter ent­we­der Gesund­heit oder Lohn ris­kie­ren.“ Wie in Deutsch­land nicht anders zu erwar­ten, reagie­ren die Gewerk­schaf­ten jedoch vor­wie­gend hand­zahm. Ein von wei­ten Krei­sen geteil­ter Auf­ruf zum Gene­ral­streik wie in Ita­li­en ist hier­zu­lan­de kaum vor­stell­bar. (…) Der dro­hen­de Tod zahl­lo­ser Älte­rer und chro­nisch Kran­ker ist für die­se Gesell­schaft eben noch lan­ge kein vali­des Argu­ment, den (öko­no­mi­schen) Betrieb ein­mal auf Pau­se zu stel­len. Wie in den schon lan­ge wäh­ren­den Dis­kur­sen um „Prio­ri­sie­rung“ im Gesund­heits­we­sen und die Fra­ge nach der Bezahl­bar­keit künst­li­cher Hüft­ge­len­ke für alte Men­schen zeigt sich hier auch ein sozi­al­dar­wi­nis­ti­sches Ele­ment: die für das Kapi­tal sowie­so nicht oder nur mar­gi­nal ver­wert­ba­ren „Risi­ko­grup­pen“ sol­len dem töd­li­chen Risi­ko aus­ge­setzt wer­den, um nicht den eige­nen Pro­fit zu gefähr­den. (…) Im Gegen­satz zu manch ande­ren Kämp­fen, in denen sehr klar Stel­lung bezo­gen wird, scheint die Lin­ke kon­fus und indif­fe­rent ange­sichts der ekla­tan­ten sozi­al­dar­wi­nis­ti­schen Men­schen­ver­ach­tung des Kapi­tals. (…) In der Kri­se spit­zen sich auch jen­seits des engen Ter­rains des Gesund­heits­we­sens die gesell­schaft­li­chen Wider­sprü­che zu. Die Spal­tung in Deut­sche und Migrant_​innen ver­schärft sich etwa, wenn als asia­tisch gele­se­ne Men­schen auf der Stra­ße ange­grif­fen wer­den – aber auch die struk­tu­rel­le Benach­tei­li­gung, wenn etwa lebens­not­wen­di­ge offi­zi­el­le Infor­ma­tio­nen zu Coro­na vor­wie­gend in deut­scher Spra­che ver­füg­bar sind. Die Spal­tung zwi­schen Staatsbürger_​innen und Geflüch­te­ten ver­schärft sich zudem ins­be­son­de­re durch deren recht­li­che Schlech­ter­stel­lung und Lager-Unter­brin­gung, wel­che die Anste­ckungs­ge­fahr wie auch die Dimen­sio­nen der Qua­ran­tä­ne expo­nen­ti­ell ver­schärft. Die Spal­tung von Besit­zen­den und Besitz­lo­sen ver­schärft sich, wenn sich etwa Ver­mö­gen­de auf Land­sit­ze zurück­zie­hen und Pri­vat­kli­ni­ken in Anspruch neh­men kön­nen, wäh­rend arme Men­schen auf beeng­tem (urba­nen) Raum mit­ein­an­der leben müs­sen. Oder gar als Obdach­lo­se kaum noch Zugang zu Essen, Geld, Finan­zen und Über­nach­tungs­mög­lich­kei­ten fin­den. Und wenn auch eini­ge – bei Wei­tem nicht alle – der als „sys­tem­re­le­vant“ dekla­rier­ten Beru­fe wie die Pfle­ge oder Super­markt­per­so­nal weib­lich codiert sind, ver­schärft sich in der Kri­se auch der patri­ar­cha­le Cha­rak­ter der Gesell­schaft. (…) Die Regres­si­on auf infan­ti­le Ver­hal­tens­mus­ter aus der Kind­heit, die der­zeit hau­fen­wei­se statt­fin­det und tat­säch­lich Trost und Gebor­gen­heit inmit­ten des Cha­os stif­tet, fin­det auf natio­na­ler Ebe­ne ihre Ent­spre­chung im Putzf­im­mel und dem Klo­pa­pier-Hams­tern: die Deut­schen regre­die­ren in der Kri­se kol­lek­tiv auf den ana­len Cha­rak­ter, auf die ursprüng­li­che Gemein­schafts­er­fah­rung des deut­schen „Vol­kes“ von Sicher­heit, Sau­ber­keit, Ord­nung und Arbeit/​Produktion. Dem ent­spricht das Res­sen­ti­ment gegen die lust­ori­en­tier­ten und aus­schwei­fen­den (angeb­li­chen) Coro­na-Par­ties, deren Teil­neh­men­de sich nicht Mer­kels Ruf nach „Ver­zicht und Opfer“ (22.03.2020) fügen wol­len. (…) Wie könn­te ein links­ra­di­ka­les Pro­gramm aus­se­hen? – Gene­ral­streik in allen Sek­to­ren, die nicht von aku­ter Rele­vanz sind! Da wo wei­ter­hin gear­bei­tet wer­den muss, um die gesell­schaft­li­che Repro­duk­ti­on und die Über­win­dung der Pan­de­mie zu ermög­li­chen, müs­sen die Bedin­gun­gen radi­kal und sofort ver­bes­sert wer­den (…) Sofor­ti­ge radi­ka­le Auf­sto­ckung der (intensiv-)medizinischen Kapa­zi­tä­ten, um die dro­hen­de Über­las­tung des Sys­tems und den Ein­satz der „Tria­ge“ abzu­wen­den! (…) Miet-Gene­ral­streik! (…) Bedin­gungs­lo­ses Grund­ein­kom­men von 3.000 Euro für Alle! (…) Beset­zung allen Leer­stand, Hotels, Büro­räu­me! (…) Anti­na­tio­na­le Per­spek­ti­ven ver­brei­ten! (…) (Psy­chi­sche) Gesund­heit als Hand­lungs­feld ernst neh­men und kos­ten­lo­se Gesund­heits­ver­sor­gung für Alle! (…) Eman­zi­pa­to­ri­sche Trau­er­ar­beit ent­wi­ckeln! (…) Sach­zwän­ge über­win­den und am Lust­prin­zip fest­hal­ten!…” Text vom 27.3.2020 von und bei der grup­pe 8. mai externer Link
  • Coro­na-Pan­de­mie – eine his­to­ri­sche Wen­de – Gesund­heits­we­sen gesell­schaft­lich aneig­nen, Pro­duk­ti­on kurz­zei­tig und geplant run­ter­fah­ren!
    “… Eine his­to­ri­sche Zei­ten­wen­de unab­seh­ba­ren Aus­ma­ßes hat ein­ge­setzt. (…) Wir erfah­ren den mora­li­schen und poli­ti­schen Total­bank­rott des Neo­li­be­ra­lis­mus, der Regie­run­gen und der EU. (…) Die Pro­fi­te gehen vor. Das Resul­tat ent­fal­tet sich nun. Sie und die gan­zen Gesell­schaf­ten, wir alle, sind fort­an Getrie­be­ne der Eigen­dy­na­mik, deren Aus­gang nicht abseh­bar ist. (…) Die Regie­run­gen und die EU sind nicht in der Lage, die für die Gesund­heit und das Wohl der Bevöl­ke­rung erfor­der­li­chen Maß­nah­men zu tref­fen. Sie kön­nen das nicht, weil sie sich dem Pri­mat der Kapi­tal­ak­ku­mu­la­ti­on und der Wett­be­werbs­fä­hig­keit unter­wer­fen. Anstatt die erfor­der­li­chen Ein­schnit­te in alle Sek­to­ren der Wirt­schaft vor­zu­neh­men, die für die gesell­schaft­li­che Ver­sor­gung nicht not­wen­dig sind, zie­hen sie es vor, eine unbe­stimm­te Anzahl Men­schen ster­ben zu las­sen. Auf der Grund­la­ge die­ser Dia­gno­se stel­len wir in die­sem Bei­trag zwei The­sen zur Dis­kus­si­on. Ers­tens argu­men­tie­ren wir, dass die Coro­na­kri­se ein his­to­ri­sches Aus­maß glo­ba­ler Reich­wei­te anneh­men wird. Die Gewiss­hei­ten, die unse­re Gesell­schaf­ten seit 1945 ken­nen, wer­den der Ver­gan­gen­heit ange­hö­ren. Die anrol­len­de Wirt­schafts­kri­se wird bru­ta­le Ver­tei­lungs­kämp­fe mit sich brin­gen und gro­ße geo­po­li­ti­sche Ver­schie­bun­gen begüns­ti­gen. Die Gesund­heits­kri­se und die Wirt­schafts­kri­se ent­wi­ckeln sich im Kon­text der sich rasch ver­schär­fen­den glo­ba­len Kli­ma­kri­se. Das Zusam­men­tref­fen die­ser Kri­sen­pro­zes­se wird zu über­ra­schen­den Brü­chen, Ein­schnit­ten und Zusam­men­brü­chen füh­ren und zugleich soli­da­ri­sche Ver­hal­tens­wei­sen her­vor­ru­fen und neue Wider­stands­po­ten­tia­le ermög­li­chen. Zwei­tens trifft die­se Kri­se auf poli­tisch und orga­ni­sa­to­risch kom­plett unvor­be­rei­te­te eman­zi­pa­to­ri­sche Bewe­gun­gen. (…) Dar­um gilt es unter den der­zeit erschwer­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­be­din­gun­gen rasch eine Dis­kus­si­on über eine umfas­sen­de öko­so­zia­lis­ti­sche Per­spek­ti­ve auf­zu­neh­men und kon­kre­te orga­ni­sa­to­ri­sche Pro­jek­te vor­zu­be­rei­ten. Die Gesund­heit und das Wohl der Bevöl­ke­rung muss jetzt obers­te gesell­schaft­li­che Prio­ri­tät sein. Zugleich gilt es bereits jetzt über die aku­te Gesund­heits­kri­se hin­aus­zu­den­ken und sich für die fol­gen­den öko­no­mi­schen wie poli­ti­schen Ver­wer­fun­gen vor­zu­be­rei­ten. Eine soli­da­ri­sche Pra­xis der Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on eröff­net die Mög­lich­keit Pro­zes­se und star­ke Bewe­gun­gen zur gesell­schaft­li­chen Aneig­nung wesent­li­cher Berei­che der gesell­schaft­li­chen Pro­duk­ti­on und Infra­struk­tur zu initi­ie­ren (…) Die Coro­na Kri­se ist eine War­nung: das kapi­ta­lis­ti­sche Sys­tem wird wei­te­re Kri­sen her­vor­ru­fen. Die Welt­wirt­schaft rutscht rasant in eine tie­fe Kri­se. Die Umver­tei­lungs­kon­flik­te und geo­po­li­ti­schen Riva­li­tä­ten wer­den sich zuspit­zen. Rosa Luxem­burg warn­te 1916 wäh­rend des Ers­ten Welt­kriegs ein­dring­lich vor der Bar­ba­rei, wenn es nicht gelän­ge einen sozia­lis­ti­schen Umbruch her­bei­zu­füh­ren. Heu­te ste­hen wir welt­weit aber­mals vor dem Abglei­ten in die Bar­ba­rei, wenn es nicht gelingt eine öko­so­zia­lis­ti­sche Alter­na­ti­ve zu ver­wirk­li­chen. (…) Mit dem vor­lie­gen­den Text wol­len wir mit Men­schen in sozia­len Bewe­gun­gen, Gewerkschafter*innen, mit Beschäf­tig­ten im Gesund­heits­we­sen und allen, die nach Alter­na­ti­ven jen­seits des Kapi­ta­lis­mus suchen, in Dis­kus­si­on tre­ten…” Aktua­li­sier­ter 35-sei­ti­ger Bei­trag vom 24. März 2020 von Vere­na Krei­lin­ger und Chris­ti­an Zel­ler von ‘Auf­bruch für eine öko­so­zia­lis­ti­sche Alter­na­ti­ve’ externer Link

Der Bei­trag (Blei­ben­de?) Leh­ren aus der Coro­na­kri­se für post­ka­pi­ta­lis­ti­sche Zei­ten erschien zuerst auf Labour­Net Ger­ma­ny.

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