[SAV:] Couch Potatoes: diesen Monat gestreamte Geschichte

I Am Not Your Negro

Arte-Media­thek & Net­flix

James Bald­win ist eine der ganz gro­ßen Figu­ren der Schwar­zen Bür­ger­rechts­be­we­gung UND der LGBT-Bewe­gung. Der Schrift­stel­ler ver­ar­bei­te­te sei­ne Erfah­run­gen mit Armut, Ras­sis­mus und Homo­se­xua­li­tät in macht­vol­len Essays. Der letz­te davon, der unvoll­ende­te „Remem­ber This House“, wur­de dem lin­ken Regis­seur Raoul Peck („Der Jun­ge Karl Marx“) zur Vor­la­ge der Doku-Film­col­la­ge „I Am Not Your Negro“.

Von Sebas­ti­an Rave, Bre­men

Bald­win beschreibt sei­ne Rol­le als „Zeu­ge“ der Bür­ger­rechts­be­we­gung. Er ver­lässt sein Exil in Frank­reich und kommt nach Char­lot­te, North Caro­li­na, wo das ers­te Schwar­ze Mäd­chen auf eine öffent­li­che, „wei­ße“ Schu­le darf, und trotz hef­ti­gem Mob­bing ihren Stolz bewahrt. Bald­win lernt Mar­tin Luther King ken­nen, der Gewalt­lo­sig­keit pre­digt, und Mal­colm X, der die mili­tan­te Gegen­wehr „mit allen not­wen­di­gen Mit­teln“ pro­pa­giert. „Zum Zeit­punkt ihrer Ermor­dung waren ihre Posi­tio­nen prak­tisch zu ein und der­sel­ben Posi­ti­on ver­schmol­zen“, stellt Bald­win fest.

Bald­win beschreibt ein­drück­lich die Ent­frem­dung, die Schwar­ze Men­schen in einer ras­sis­ti­schen Gesell­schaft erle­ben, sobald sie im Kin­des­al­ter ver­ste­hen, dass sie nicht weiß sind. In einem der vie­len Ein­spie­ler von Inter­views und Reden Bald­wins erzählt er, wie er als Kind Fil­me mit John Way­ne sah und mit­fie­ber­te, wenn Nati­ve Ame­ri­cans erschos­sen wur­den – bis er irgend­wann ver­stand, dass er mit die­sen Nati­ve Ame­ri­cans viel mehr gemein­sam hat als mit John Way­ne.

Raoul Peck schafft es, mit aktu­el­len Bil­dern die Kon­ti­nui­tät die Unter­drü­ckung der Schwar­zen Amerikaner*innen zu unter­strei­chen. Bil­der aus Fer­gu­son und den ers­ten Black Lives Mat­ter Pro­tes­ten wer­den gegen die Bil­der aus den 1960ern geschnit­ten. Das schein­bar nicht enden­de Leid macht wütend und betrof­fen. Aber wie Bald­win schrieb: „Ich bin opti­mis­tisch bezüg­lich der Zukunft, aber nicht der Zukunft die­ser Zivi­li­sa­ti­on. Ich bin opti­mis­tisch bezüg­lich der Zivi­li­sa­ti­on, die die­se erset­zen wird.“

Und der Zukunft zugewandt

In Ama­zon Prime ent­hal­ten

Der unauf­ge­reg­te Film über den Durch­hal­te­wil­len einer kom­mu­nis­ti­schen Akti­vis­tin trotz eines Lebens vol­ler Schre­cken und Ent­täu­schun­gen ist nichts für einen lau­schi­gen Film­abend, aber ein wich­ti­ger Bei­trag zur Geschich­te der DDR.

von Claus Lud­wig, Köln

Die deut­sche Kom­mu­nis­tin Anto­nia Ber­ger (Alex­an­dra Maria Lara) wird bei den sta­li­nis­ti­schen Säu­be­run­gen Ende der 1930er Jah­re in der Sowjet­uni­on wie Zehn­tau­sen­de ande­rer Kommunist*innen zu Unrecht der „Spio­na­ge“ beschul­digt und im Zwangs­ar­beits­la­ger Worku­ta inhaf­tiert. Ihr Mann wird erschos­sen, ihre im Lager gebo­re­ne Toch­ter erkrankt schwer.

1952 sor­gen Freund*innen im DDR-Appa­rat dafür, dass sie und eini­ge ande­re Opfer der Säu­be­run­gen in die DDR aus­rei­sen kön­nen. Anto­nia Ber­ger will die Chan­ce nut­zen, sich am Auf­bau der DDR zu betei­li­gen, einer­seits, weil ihr nach Jah­rens des Lei­dens Woh­nung, Arbeit und Sicher­heit für ihre Toch­ter gebo­ten wer­den, ande­rer­seits, weil „nicht alles umsonst gewe­sen sein darf“. Die Genoss*innen ver­si­chern ihr, die dunk­len Zei­ten wären vor­bei, sol­che „Feh­ler“ wür­den nicht wie­der vor­kom­men. Für die offe­ne Debat­te sei man aber noch nicht bereit, sie müs­se über die Lager­haft schwei­gen.

Der Film von Regis­seur Bernd Böh­lich zeigt die büro­kra­ti­schen Defor­mie­run­gen der DDR, aber auch die anfäng­lich gro­ße Begeis­te­rung der Men­schen, eine neue, sozia­lis­ti­sche Gesell­schaft auf­zu­bau­en. Alex­an­dra Maria Lara spielt die gequäl­te Kom­mu­nis­tin inten­siv, mit einem Gesicht, dass Bit­ter­nis und Hoff­nung zugleich aus­drückt. Sie ist fast gebro­chen, rap­pelt sich auf, gewinnt wie­der Zuver­sicht, gerät erneut an ihre Gren­zen – eine sau­be­re schau­spie­le­ri­sche Leis­tung.

Die Geschich­te ist ange­lehnt an die Fami­li­en­ge­schich­te der Schau­spie­le­rin Swet­la­na Schön­feld, die 1951 in einem sowje­ti­schen Arbeits­la­ger gebo­ren wur­de und in dem Film selbst die Mut­ter von Anto­nia Ber­ger spielt.

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