[GAM:] Die Unterdrückung von Transpersonen

Inter­na­tio­na­les Exe­ku­ti­ve Komi­tee (IEK) der Liga für die Fünf­te Inter­na­tio­na­le, April 2019, Info­mail 1112, 28. Juli 2020

Vorbemerkung zur deutschen Übersetzung

Im Fol­gen­den ver­öf­fent­lich wir eine Reso­lu­ti­on unse­rer inter­na­tio­na­len Strö­mung zum Kampf gegen die Unter­drü­ckung von Trans­per­so­nen Wie vie­le ande­re ste­hen auch wir vor dem Pro­blem, die Begrif­fe „sex“ und „gen­der“ ange­mes­sen in die deut­sche Spra­che zu über­set­zen. Wäh­rend sich im Eng­li­schen in den letz­ten Jahr­zehn­ten der Begriff „sex“ für das bio­lo­gi­sche Geschlecht einer Per­son eta­bliert hat, bezieht sich „gen­der“ auf das sozia­le Geschlecht, auf die gesell­schaft­lich gepräg­te Geschlech­ter­rol­le. Wenn von Geschlechts­iden­ti­tät gespro­chen wird, wird in der Regel auch der Begriff „gen­der“ ver­wen­det. Wir ver­su­chen, in der Über­set­zung die­sen Unter­schied deut­lich zu machen. Wenn wir von Geschlech­ter­rol­le oder Geschlechts­iden­ti­tät spre­chen, so bezieht sich das auf das eng­li­sche „gen­der“.

Definition unserer Begrifflichkeiten

In die­ser Reso­lu­ti­on wer­den wir den Begriff Trans in Bezug auf Trans­per­so­nen ver­wen­den, d. h. die­je­ni­gen, die erklä­ren, dass ihr sub­jek­ti­ves Bewusst­sein über ihre Geschlech­ter­rol­le oder ihre Geschlechts­iden­ti­tät im Wider­spruch zu ihrem bio­lo­gi­schen Geschlecht steht. Ent­spre­chend möch­ten Trans­per­so­nen hin­sicht­lich ihrer sub­jek­ti­ven Geschlechts­iden­ti­tät bezeich­net wer­den, d. h. als Frau­en oder Män­ner, als „gen­der­queer“, „nicht­bi­när“, „gen­der­flu­id“, „agen­der“ oder durch ande­re in den jewei­li­gen Spra­chen ver­wen­de­te Begrif­fe.

Das Wort „Trans“ wur­de erst­mals 1971 ver­wen­det. Zumin­dest im Eng­li­schen hat es den Begriff „trans­se­xu­ell“ weit­ge­hend ersetzt, der in den 1940er Jah­ren auf­kam und in vie­len Berei­chen als Bezeich­nung für die­je­ni­gen ver­stan­den wur­de, die medi­zi­ni­sche Ein­grif­fe vor­ge­nom­men hat­ten oder vor­neh­men woll­ten, um die äuße­ren Erschei­nungs­for­men ihres Geschlechts denen des ande­ren Geschlechts anzu­glei­chen.

Die Hal­tung von Kom­mu­nis­tIn­nen, der Arbei­te­rIn­nen­be­we­gung und in der Tat aller kon­se­quent demo­kra­ti­schen oder sozi­al fort­schritt­li­chen Men­schen soll­te dar­in bestehen, den Wün­schen von Trans­per­so­nen in Bezug dar­auf, wie sie im gesell­schaft­li­chen Leben und als Staats­bür­ge­rIn­nen betrach­tet wer­den wol­len, zu ent­spre­chen. In die­ser Hin­sicht ist unse­re Ein­stel­lung die glei­che wie gegen­über der Ver­tei­di­gung der Rech­te von Frau­en, homo­se­xu­el­len und bise­xu­el­len Men­schen auf Gleich­heit und Respekt.

Sexu­el­les oder sozia­les Ver­hal­ten, Klei­dung usw. dür­fen nicht einem Schein-„Recht“ ande­rer unter­ge­ord­net wer­den, die sich auf Grund von Vor­ur­tei­len, reli­giö­ser oder sons­ti­ger Art, dadurch belei­digt füh­len könn­ten. Es soll­te weder recht­li­chen noch indi­vi­du­el­len Bestra­fun­gen unter­lie­gen und schon gar nicht Miss­hand­lun­gen aus­ge­setzt sein. Wir spre­chen uns auch dage­gen aus, es als eine psy­chi­sche Stö­rung ein­zu­stu­fen. Der Wunsch von Trans­per­so­nen, mit den Namen, der Bezeich­nung und den Pro­no­men ihrer Wahl ange­spro­chen zu wer­den, soll­te als selbst­ver­ständ­lich respek­tiert wer­den. Die bewuss­te Wei­ge­rung, dies zu tun, soll­te als unter­drü­cken­des Ver­hal­ten (Trans­pho­bie) ange­se­hen und in der Arbei­te­rIn­nen­be­we­gung kei­nes­falls tole­riert wer­den.

Mar­xis­tIn­nen sind jedoch eben­so wenig ver­pflich­tet, die Behaup­tun­gen der Trans­theo­rie, der Queer­theo­rie usw. wie auch die ver­schie­de­nen Theo­rien, die als Femi­nis­mus oder Theo­rien der Schwu­len- und Les­ben­be­we­gun­gen bekannt sind, kri­tik- und vor­be­halt­los zu akzep­tie­ren. Sub­jek­ti­ve Erfah­run­gen von Unter­drü­ckung und Aus­beu­tung ver­die­nen die respekt­vol­le Auf­merk­sam­keit, sie brin­gen an sich noch kei­ne kor­rek­te Theo­rie oder ein Pro­gramm für Befrei­ung her­vor. Die Ein­tei­lung in bipo­la­re Geschlech­ter wird weder durch die Exis­tenz inter­se­xu­el­ler Men­schen (d. h. Men­schen mit bio­lo­gi­schen Merk­ma­len bei­der Geschlech­ter) oder erst recht nicht durch Behaup­tun­gen eini­ger Trans­theo­re­ti­ke­rIn­nen über die Exis­tenz weib­li­cher Gehir­ne in männ­li­chen Kör­pern oder umge­kehrt wider­legt. Selbst­ver­ständ­lich darf dies jedoch im Umkehr­schluss in kei­nem Fall zur Ver­wei­ge­rung glei­cher Rech­te füh­ren.

Als his­to­risch-dia­lek­ti­sche Mate­ria­lis­tIn­nen erken­nen Mar­xis­tIn­nen die objek­ti­ve Exis­tenz bipo­la­rer Geschlech­ter als Teil unse­rer Spe­zi­es an, die (wie bei den meis­ten ande­ren Spe­zi­es) für die Repro­duk­ti­on not­wen­dig ist. Welch zukünf­ti­ge Mög­lich­keit (oder Wünsch­bar­keit) der medi­zi­ni­schen Wis­sen­schaft auch immer uns womög­lich in die Lage ver­set­zen wer­den, die­se bio­lo­gi­sche Deter­mi­na­ti­on zu über­win­den, sie exis­tiert heu­te und ihre „Über­win­dung“ stellt weder für die Über­win­dung der Klas­sen­ge­sell­schaft noch für die damit ein­her­ge­hen­den sozia­len Unter­drü­ckun­gen eine Bedin­gung dar.

Unse­re Spe­zi­es zeich­net sich jedoch auch durch sozia­le und kol­lek­ti­ve Orga­ni­sa­ti­on und Bewusst­sein sowie durch indi­vi­du­el­les Bewusst­sein aus, auf wel­ches und durch wel­ches die bio­lo­gi­schen Fak­to­ren wir­ken. Die Ent­wick­lung der mensch­li­chen Gesell­schaft in ver­schie­de­nen For­men der Vor­klas­sen- und dann der Klas­sen­ge­sell­schaft mit ihrer Pro­duk­ti­ons­wei­se haben gesell­schaft­li­che Ideo­lo­gien geschaf­fen, die For­men des kol­lek­ti­ven Selbst­be­wusst­seins recht­fer­ti­gen und för­dern. Die­se wer­den durch die ideo­lo­gi­schen Kon­struk­te von „Männ­lich­keit“ und „Weib­lich­keit“ ver­kör­pert. Man kann die­se als „Rol­len“ oder „Iden­ti­tä­ten“ bezeich­nen, solan­ge aner­kannt wird, dass sie weder ein spon­ta­ner Aus­druck des inne­ren Wesens eines Indi­vi­du­ums noch eine unver­mit­tel­te Dar­stel­lung der Bio­lo­gie sind, son­dern von der patri­ar­cha­len Recht­fer­ti­gung der Frau­en­un­ter­drü­ckung über­la­gert wer­den.

Weder die bio­lo­gi­sche Defi­ni­ti­on von Geschlecht noch die weit ver­brei­te­te Domi­nanz sozia­ler Rol­len soll­ten ver­ding­licht und aus ihrer inter­agie­ren­den, wider­sprüch­li­chen und ver­schmel­zen­den Ent­wick­lung über his­to­ri­sche Epo­chen hin­weg her­aus­ge­löst wer­den. Unter die­ser Vor­aus­set­zung kön­nen wir das Wort Gen­der (sozia­les Geschlecht) ver­wen­den, um die von der Gesell­schaft erwar­te­te und von Kind­heit an ver­in­ner­lich­te sozia­le Rol­le der bipo­la­ren Geschlech­ter zu beschrei­ben. Bis in die letz­ten Jahr­zehn­te war es in der eng­li­schen Spra­che ledig­lich ein Syn­onym (oft ein Euphe­mis­mus) für Geschlecht (engl. „sex“), das in die­sem Sin­ne oft in offi­zi­el­len Doku­men­ten auf­taucht.

Zu beob­ach­ten ist, dass sich eine Rei­he von Men­schen sub­jek­tiv nicht mit dem Gen­der (sozia­lem Geschlecht) iden­ti­fi­ziert, das mit ihrem bio­lo­gi­schen Geschlecht kon­gru­ent ist. Wie vie­le dies tun bzw. wel­chen Anteil der Bevöl­ke­rung sie aus­ma­chen, wur­de lan­ge durch Unter­drü­ckung und Repres­si­on ver­deckt. Vie­le von ihnen emp­fin­den das, was medi­zi­nisch als „Geschlechts­iden­ti­täts­stö­rung“ bezeich­net wird, dar­un­ter auch die sog. „Kör­per­dys­pho­rie“ (Unbe­ha­gen mit dem eige­nen Kör­per). Dies wur­de (und wird immer noch) weit­hin als medi­zi­ni­sche Erkran­kung (oder psy­chi­sche Stö­rung) ange­se­hen und als sol­che behan­delt, oft auch ohne die Zustim­mung der jewei­li­gen betrof­fe­nen Per­son. In die­sem Punkt fin­den sich Par­al­le­len zur Hal­tung gegen­über Homo­se­xua­li­tät. Und auch wenn Trans­per­so­nen (wie auch Schwu­le und Les­ben) im Ein­zel­fall unter medizinischen/​psychologischen Erkran­kun­gen lei­den kön­nen und dies auch tun, dür­fen die­se nicht von der tie­fen sozia­len Stig­ma­ti­sie­rung und Into­le­ranz los­ge­löst betrach­tet wer­den, mit der Trans­per­so­nen in der Fami­lie, der Schu­le, am Arbeits­platz und im sozia­len Leben im All­ge­mei­nen kon­fron­tiert sind.

Transunterdrückung

In den letz­ten Jah­ren sind Dis­kri­mi­nie­rung, Stig­ma­ti­sie­rung und Gewalt, die sich gegen Trans­per­so­nen rich­ten, in der Öffent­lich­keit viel stär­ker wahr­ge­nom­men wor­den, da Trans­per­so­nen sich gegen ihre Unter­drü­ckung zur Wehr set­zen. In einer Rei­he von Län­dern sind Geset­ze ver­ab­schie­det oder refor­miert wor­den, die Rech­te von Trans­per­so­nen aner­ken­nen und Dis­kri­mi­nie­rung abbau­en. Dies gilt für eini­ge, wenn auch nur weni­ge, west­li­che impe­ria­lis­ti­sche Län­der wie Däne­mark, das 2014 die Selbst­de­fi­ni­ti­on lega­li­siert hat. In den meis­ten euro­päi­schen Staa­ten, dar­un­ter Deutsch­land, Groß­bri­tan­ni­en, Frank­reich, Spa­ni­en und Ita­li­en, ist jedoch für eine Ände­rung der recht­li­chen Ein­tra­gung ein medi­zi­ni­scher „Beweis” – zum Bei­spiel über das Vor­lie­gen einer Geschlechts­iden­ti­täts­stö­rung – erfor­der­lich. Auch in eini­gen Halb­ko­lo­nien wie Argen­ti­ni­en, Indi­en, Paki­stan und Nepal wur­den recht­li­che Libe­ra­li­sie­rungs­maß­nah­men ver­ab­schie­det, was jedoch kei­nes­wegs bedeu­tet, dass die rea­le und erns­te sozia­le Unter­drü­ckung von Trans­per­so­nen über­wun­den ist.

Unge­ach­tet der recht­li­chen Refor­men haben in den meis­ten Län­dern die Ungleich­heit und Dis­kri­mi­nie­rung bei der Arbeit und in Bezug auf Bür­ge­rIn­nen­rech­te, die Stig­ma­ti­sie­rung durch die Medi­en, sozia­le Äch­tung, Miss­brauch und Hass­ver­bre­chen kei­nes­wegs abge­nom­men. Der Rechts­ruck in der Welt­po­li­tik und der Auf­stieg der radi­ka­len Rech­ten bedro­hen viel­mehr die begrenz­ten Rech­te, die Trans­per­so­nen erkämpft haben (eben­so wie sie die Errun­gen­schaf­ten von Frau­en, Les­ben und Schwu­len oder die Erfol­ge der sexu­el­len Befrei­ung bedro­hen). Alle die­se Grup­pen sind häu­fi­ger Ziel von Gewalt und Über­grif­fen als Hete­ro­se­xu­el­le, mit extrem hohen Dun­kel­zif­fern und sogar geziel­ten Tötun­gen (vor allem in Bra­si­li­en, Mexi­ko und den USA).

Wie prak­tisch alle For­men der sozia­len Unter­drü­ckung betrifft auch die Trans­un­ter­drü­ckung Men­schen aus ver­schie­de­nen sozia­len Schich­ten in unglei­cher Wei­se. Rechts­re­for­men und Gleich­stel­lungs­for­de­run­gen gehen Hand in Hand mit der fort­wäh­ren­den Aus­gren­zung im öffent­li­chen Leben, am Arbeits­platz, bei der Bewer­bung um eine Arbeits­stel­le oder in der Fami­lie (bis hin zum Abbruch aller fami­liä­ren Bin­dun­gen und der Ver­trei­bung aus dem Eltern­haus). Die bipo­la­ren Geschlech­ter­ste­reo­ty­pen, die ein reak­tio­nä­res Frau­en­bild för­dern, stig­ma­ti­sie­ren auch Trans­per­so­nen, trans­se­xu­el­le, inter­se­xu­el­le und homo­se­xu­el­le Men­schen als „unna­tür­lich”, „abwei­chend“, „Pädo­phi­le“, „Ver­ge­wal­ti­ger“ usw. Dar­über hin­aus hat der Auf­stieg einer sozi­al reak­tio­nä­ren popu­lis­ti­schen Rech­ten, die oft mit reli­giö­sem Fun­da­men­ta­lis­mus ver­bün­det ist, die Het­ze gegen Trans­se­xu­el­le in vie­len Gesell­schaf­ten ver­stärkt.

Bis vor weni­gen Jahr­zehn­ten wur­de Transgenderismus/​Transsexualität nicht als Aus­druck der eige­nen Geschlechts- bzw. Gen­der-Iden­ti­tät, son­dern als patho­lo­gi­sche medi­zi­ni­sche und psy­cho­lo­gi­sche Abwei­chung begrif­fen. Die Tat­sa­che, dass in eini­gen Kul­tu­ren oder his­to­ri­schen Peri­oden, wenn auch in kul­tu­rell begrenz­ten Kon­tex­ten, Trans­per­so­nen gesell­schaft­lich akzep­tiert waren, ändert nichts an der Tat­sa­che, dass sys­te­ma­ti­sche Dis­kri­mi­nie­rung heu­te in allen Län­dern exis­tiert. In einer Gesell­schaft, in der alle For­men der sexu­el­len Ori­en­tie­rung oder Geschlechts­iden­ti­tä­ten, die von der Hete­ro­se­xua­li­tät abwei­chen, sys­te­ma­tisch unter­drückt wer­den, ist es unver­meid­lich, dass Men­schen, die von die­ser Norm abwei­chen, als „abnor­mal“ erschei­nen. In Wirk­lich­keit ist die Kate­go­ri­sie­rung von Trans­gen­de­ris­mus als Krank­heit selbst eine Form von Dis­kri­mi­nie­rung, Stig­ma­ti­sie­rung und Trans­pho­bie.

Die bür­ger­li­chen Geset­zes­re­for­men der letz­ten Jahr­zehn­te haben in eini­gen Län­dern zu einer Ver­bes­se­rung der Situa­ti­on von Trans­per­so­nen geführt und mehr Men­schen ermu­tigt, sich zu äußern, Geschlechts­um­wand­lun­gen und Aner­ken­nung ihrer Iden­ti­tät anzu­stre­ben bzw. durch­zu­füh­ren. Den­noch ist die sys­te­ma­ti­sche Dis­kri­mi­nie­rung erhal­ten geblie­ben und ihre Wur­zeln kön­nen im Kapi­ta­lis­mus nicht besei­tigt wer­den. Es muss auch ange­merkt wer­den, dass in Län­dern wie dem Iran das „Pro­blem“ der Homo­se­xua­li­tät oder bes­ser gesagt ein Pro­blem, wel­ches durch reli­giö­se Geset­ze ver­ur­sacht wird, die die Todes­stra­fe dafür vor­se­hen, durch die Aner­ken­nung von Trans­gen­de­ris­mus und die Vor­schrift chir­ur­gi­scher und ande­rer Ver­fah­ren zur „Wie­der­her­stel­lung“ des „wah­ren“ Geschlechts eines Homo­se­xu­el­len in per­ver­ser Wei­se „gemil­dert“ wur­de. Sozia­lis­tIn­nen ver­ur­tei­len die­se unmensch­li­che Poli­tik. Sie ent­hüllt ledig­lich, dass die Befrei­ung von Frau­en, Trans­per­so­nen und Homo­se­xu­el­len untrenn­bar mit­ein­an­der ver­bun­den ist.

Wurzeln der Unterdrückung

Die Unter­drü­ckung von Trans­per­so­nen beruht eben­so auf der sexu­el­len und geschlechts­spe­zi­fi­schen Arbeits­tei­lung in der Gesell­schaft wie auf der Exis­tenz der bür­ger­li­chen Fami­lie und der ihr inhä­ren­ten Frau­en­un­ter­drü­ckung. Wäh­rend der Ent­ste­hung und Ent­wick­lung der Klas­sen­ge­sell­schaft ent­stand eine Arbeits­tei­lung, die sich auf die Kin­der­er­zie­hung, die Haus­ar­beit (Kochen, Put­zen) und die Sicher­stel­lung der patri­li­nea­ren Eigen­tums­über­tra­gung bezog. Damit ein­her ging der Aus­schluss der Frau­en vom poli­ti­schen Leben.

Auch wenn sich die For­men die­ser Unter­drü­ckung bei Ablö­sung einer sozia­len For­ma­ti­on durch eine ande­re stän­dig ver­än­dern, zieht sich die Frau­en­un­ter­drü­ckung im Gegen­satz zu ande­ren For­men sozia­ler Unter­drü­ckung, wie z. B. der natio­na­len, durch alle Klas­sen­ge­sell­schaf­ten. Die jewei­li­ge Fami­li­en­struk­tur bil­det auch einen Repro­duk­ti­ons­me­cha­nis­mus und Trans­mis­si­ons­rie­men für die vor­herr­schen­den Geschlech­ter­rol­len, Ste­reo­ty­pen, sozia­len Nor­men und Zwän­ge.

Im Kapi­ta­lis­mus bil­det die bür­ger­li­che Fami­lie eine zen­tra­le Insti­tu­ti­on für die Ver­mitt­lung und Repro­duk­ti­on der reak­tio­nä­ren, hete­ro­nor­ma­ti­ven Geschlech­ter­rol­len, Geschlechts­iden­ti­tä­ten und hete­ro­se­xu­el­len Ori­en­tie­rung auf der Grund­la­ge der sexu­el­len bzw. geschlecht­li­chen Arbeits­tei­lung. Die­se wer­den durch die vor­herr­schen­den gesell­schaft­li­chen Moral­vor­stel­lun­gen, Rechts­auf­fas­sun­gen und Wer­te wei­ter gestärkt. Neben der Fami­lie wer­den sie über reli­giö­se Insti­tu­tio­nen, Medi­en und Bil­dungs­ein­rich­tun­gen ver­mit­telt und durch­drin­gen auch die vor­herr­schen­den Kon­zep­te der Medi­zin, Bio­lo­gie und Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Die Tren­nung und das Ent­ge­gen­stel­len der Pro­duk­ti­ons- und Repro­duk­ti­ons­sphä­ren ist typisch für den Kapi­ta­lis­mus. Sie mani­fes­tiert und repro­du­ziert sich in der Insti­tu­ti­on der bür­ger­li­chen Fami­lie – trotz all ihrer unter­schied­li­chen For­men und trotz der Ten­den­zen des Kapi­ta­lis­mus, sie zu unter­gra­ben. Ein wesent­li­cher Fak­tor für die ideo­lo­gi­sche Ver­klä­rung und Recht­fer­ti­gung der Fami­lie ist, dass sie als eine natür­li­che, über der Geschich­te ste­hen­de Insti­tu­ti­on erscheint, als Aus­druck der „mensch­li­chen Natur“. Obwohl Geschlech­ter­rol­len, sexu­el­le Prak­ti­ken und Geschlechts­iden­ti­tä­ten gesell­schaft­lich deter­mi­niert sind und sich im Lau­fe der his­to­ri­schen Ent­wick­lung stän­dig ver­än­dern, erschei­nen die herr­schen­den Nor­men immer als „natür­lich“, wäh­rend ande­re als „unna­tür­lich“, patho­lo­gisch oder sogar destruk­tiv geäch­tet wer­den.

Die Tat­sa­che, dass die Unter­drü­ckung von Trans­per­so­nen zu einem poli­ti­schen The­ma gewor­den ist, ist selbst das Ergeb­nis sozia­ler Kämp­fe, ins­be­son­de­re der Frau­en­be­we­gung, des Kamp­fes für die Befrei­ung von Schwu­len und Les­ben und für sexu­el­le Befrei­ung. All die­se Kämp­fe stell­ten tra­di­tio­nel­le, schein­bar natür­li­che Geschlech­ter­rol­len und hete­ro­nor­ma­ti­ve Sexua­li­tät in Fra­ge. Auf der ande­ren Sei­te haben die­se Bewe­gun­gen aber auch Ideo­lo­gien her­vor­ge­bracht, die ihrer­seits fal­sche, weil ein­sei­ti­ge Dar­stel­lun­gen des Ver­hält­nis­ses zwi­schen bio­lo­gi­schem Geschlecht, gesell­schaft­lich auf­ge­zwun­ge­nen Rol­len und dem Bewusst­sein der Geschlechts­iden­ti­tät ent­hal­ten, die heu­te die Ideo­lo­gien der femi­nis­ti­schen Bewe­gung und der radi­ka­len Trans­ak­ti­vis­tIn­nen prä­gen. Wie alle ein­sei­ti­gen, idea­lis­ti­schen und/​oder mecha­ni­schen Sicht­wei­sen füh­ren auch die­se zu fal­schen poli­ti­schen Schluss­fol­ge­run­gen ein­schließ­lich fal­scher Tak­ti­ken oder For­de­run­gen, die für den Befrei­ungs­kampf kon­tra­pro­duk­tiv sind.

Grob und ein­fach aus­ge­drückt gibt es zwei „Pole“ in der Dis­kus­si­on. Der eine, zu dem wich­ti­ge Tei­le und Ideo­lo­gIn­nen der femi­nis­ti­schen Bewe­gung gehö­ren, betrach­tet Geschlecht als etwas bio­lo­gisch Gege­be­nes und Gen­der als unter­drü­cken­de, gesell­schaft­lich auf­ge­zwun­ge­ne Geschlech­ter­rol­len oder Ste­reo­ty­pen und damit als nicht „real“. Daher erscheint die Exis­tenz von Trans­per­so­nen radi­ka­len Femi­nis­tIn­nen als eine Stär­kung und sogar eine Art Ver­herr­li­chung repres­si­ver Geschlech­ter­rol­len. Ein Gegen­satz zwi­schen dem bio­lo­gi­schen Geschlecht und der Geschlechts­iden­ti­tät, d. h. dem Bewusst­sein, dass die eige­ne Geschlechts­iden­ti­tät im Wider­spruch zum bio­lo­gi­schen Geschlecht steht, kann dann nur als „Abwei­chung“, „Per­ver­si­on“ oder „Krank­heit“ oder als männ­li­cher Angriff auf die hart erkämpf­ten Rech­te der Frau erschei­nen. Es gibt jedoch auch einen Trend im radi­ka­len Femi­nis­mus, der Geschlech­ter­rol­len als bio­lo­gisch begrün­det betrach­tet und Weib­lich­keit für die mit ihr ver­bun­de­nen posi­ti­ven Eigen­schaf­ten wie Fried­fer­tig­keit und Koope­ra­ti­on preist, denen männ­li­che Eigen­schaf­ten wie Aggres­si­vi­tät und Kon­kur­renz­den­ken gegen­über­ge­stellt wer­den.

Die vor­herr­schen­den Strö­mun­gen der bür­ger­li­chen und klein­bür­ger­li­chen Frau­en­be­we­gung ver­kör­pern eine Ten­denz zur klas­si­schen Iden­ti­täts­po­li­tik und zur rigi­den Her­lei­tung von Geschlech­ter­ste­reo­ty­pen aus bio­lo­gi­schen Merk­ma­len. Ein repres­si­ves Ver­hält­nis zwi­schen den Geschlech­tern, das sich durch alle Gesell­schaf­ten glei­cher­ma­ßen (nicht zwi­schen den Klas­sen) zieht, erscheint ihnen als das wesent­li­che Merk­mal und Ver­hält­nis aller bis­he­ri­gen Geschich­te (manch­mal eklek­tisch mit Anti­ka­pi­ta­lis­mus oder Anti­ras­sis­mus ver­bun­den, z. B. in der Trip­le Opp­res­si­on Theo­ry). Die Ideo­lo­gi­sie­rung bestimm­ter Merk­ma­le von Frau­en hat immer die Ten­denz, die­se als über­his­to­ri­sche, natür­li­che Merk­ma­le dar­zu­stel­len (eine Ten­denz, die sogar AutorIn­nen in der kom­mu­nis­ti­schen Bewe­gung wie Alex­an­dra Kol­lon­tai beein­flusst hat).

Die Queer Theo­ry, auf die sich vie­le radi­ka­le Trans-Akti­vis­tIn­nen und neue­re femi­nis­ti­sche Strö­mun­gen stüt­zen, hat zu Recht (z. B. Judith But­ler in „Das Unbe­ha­gen der Geschlech­ter“) auf die Schwä­chen der Iden­ti­täts­po­li­tik hin­ge­wie­sen und ins­be­son­de­re dar­auf auf­merk­sam gemacht, dass das Ver­ständ­nis von „Frau“ oft genug auf der Rea­li­tät wei­ßer, aka­de­misch gebil­de­ter Frau­en der Mit­tel­schicht basiert. Daher rührt die Unter­stüt­zung für die Queer Theo­ry in wesent­li­chen Tei­len der anti­ras­sis­ti­schen und schwar­zen Frau­en­be­we­gung. Aber die Queer Theo­ry und vie­le der Trans-Akti­vis­tIn­nen, die ihren Akti­vis­mus dar­auf grün­den, stel­len der tra­di­tio­nel­len femi­nis­ti­schen Bewe­gung eine nicht min­der ein­sei­ti­ge Theo­rie ent­ge­gen.

Die Queer Theo­ry erklärt das bio­lo­gi­sche Geschlecht als sol­ches zu einer Kon­struk­ti­on. Für But­ler zum Bei­spiel ist es das Kant’sche „Ding an sich“, das wir letzt­lich nicht erken­nen kön­nen. Sexis­mus und Hete­ro­nor­ma­ti­vi­tät erschei­nen nicht als ideo­lo­gi­scher Aus­druck und Ergeb­nis gesell­schaft­li­cher Unter­drü­ckung, die auf einer geschlechts­spe­zi­fi­schen Arbeits­tei­lung beruht, son­dern sie wer­den zur Ursa­che der Unter­drü­ckung erklärt. Die „hete­ro­nor­ma­ti­ve Matrix“, das „binä­re“ Bild der Geschlech­ter, pro­du­ziert tat­säch­lich „die Geschlech­ter“, so wie die geschlechts­spe­zi­fi­sche Arbeits­tei­lung als Ergeb­nis des Geschlech­ter­dis­kur­ses erscheint und nicht umge­kehrt. Die geschlechts­spe­zi­fi­sche Arbeits­tei­lung wird somit nicht mehr als Ursa­che und Repro­duk­ti­ons­me­cha­nis­mus der Frau­en­un­ter­drü­ckung ange­se­hen.

Gleich­zei­tig und auch in Bezug auf die damit ver­bun­de­ne Pra­xis macht die­se idea­lis­ti­sche Sicht­wei­se auch die Wur­zel der Frau­en­un­ter­drü­ckung (geschlechts­spe­zi­fi­sche Arbeits­tei­lung) zu einer zweit­ran­gi­gen Fra­ge. Der eigent­li­che Kampf darf sich nicht gegen die mate­ri­el­len Wur­zeln der Frau­en­un­ter­drü­ckung rich­ten, son­dern gegen den herr­schen­den Dis­kurs über bio­lo­gi­sches und sozia­les Geschlecht. Der spe­zi­fi­sche Aspekt der Frau­en­un­ter­drü­ckung und letzt­lich auch der Unter­drü­ckung von Les­ben und Schwu­len ver­schwin­det in der Queer Theo­ry. Ver­schie­de­ne For­men der Unter­drü­ckung, auch wenn sie alle an die Insti­tu­ti­on Fami­lie gebun­den sind, ver­schwin­den in einem schein­bar all­um­fas­sen­den „Geschlech­ter­ver­hält­nis“. Frau­en­un­ter­drü­ckung, die Unter­drü­ckung von Les­ben, Schwu­len, Bise­xu­el­len, Inter­se­xu­el­len und Trans­per­so­nen wer­den zusam­men­ge­wor­fen und unter die­sem Begriff ideo­lo­gi­siert. Dies ist ein unfrei­wil­li­ger Schlag nicht nur gegen den Femi­nis­mus, son­dern auch gegen die Frau­en­be­we­gung und letzt­lich gegen die kon­kre­ten For­de­run­gen der Trans­per­so­nen selbst.

Biologisches Geschlecht, Identität, Geschlechterrollen

Bevor wir dar­auf näher ein­ge­hen, müs­sen wir uns ein­ge­hend mit der Bezie­hung zwi­schen bio­lo­gi­schem Geschlecht, Iden­ti­tät und sozia­len Geschlech­ter­rol­len befas­sen.

Als Mate­ria­lis­tIn­nen erken­nen wir die bio­lo­gi­sche bipo­la­re Sexua­li­tät als eine Tat­sa­che an. Nur die­je­ni­gen, die die Fort­pflan­zung der Mensch­heit zu einer für sie unbe­deu­ten­den Fra­ge erklä­ren, kön­nen davon abs­tra­hie­ren oder sie igno­rie­ren.

Die bipo­la­re Sexua­li­tät ist älter als die Mensch­heit selbst und allen Säu­ge­tie­ren und vie­len ande­ren Tier- und Pflan­zen­klas­sen eigen. Sie stellt in der mensch­li­chen Spe­zi­es eine his­to­risch rela­tiv kon­stan­te Grö­ße dar, hat aber im Lau­fe ihrer kul­tur­ge­schicht­li­chen Ent­wick­lung eine erstaun­li­che Varia­bi­li­tät in ihrem Aus­druck erfah­ren. Dies zeigt ein kom­ple­xes Zusam­men­spiel zwi­schen einer bio­lo­gisch begrün­de­ten phy­si­ka­li­schen Basis, einer onto­ge­ne­tisch beding­ten psy­chi­schen Struk­tu­rie­rung und einer sozia­len Rol­len­er­war­tung, also den his­to­risch spe­zi­fi­schen, vor­herr­schen­den gesell­schaft­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen. Die geschlecht­li­che und sexu­el­le Iden­ti­tät eines Men­schen ist also das Ergeb­nis eines Kom­ple­xes von bio­lo­gi­schen Funk­tio­nen, sexu­el­len Nei­gun­gen, sozia­len Anfor­de­run­gen und Erwar­tun­gen sowie des eige­nen Unter- und Unbe­wuss­ten. Dies impli­ziert also, dass bio­lo­gi­sches Geschlecht und geschlecht­li­che Iden­ti­tät ein­an­der wider­spre­chen kön­nen, wie dies bei Trans­per­so­nen der Fall ist.

Sogar zwi­schen den „Polen“ Mann und Frau als Aus­druck des männlichen/​weiblichen bio­lo­gi­schen Binär­sys­tems gibt es eine Rei­he von Zwischen‑, Kombinations‑, Über­gangs­sta­di­en oder Merk­ma­len, deren Defi­ni­ti­on weder bio­lo­gisch noch medi­zi­nisch ein­deu­tig ist. Sie stel­len kein ein­heit­li­ches drit­tes Geschlecht dar, son­dern viel­mehr eine Rei­he von Über­gangs­stu­fen. Auch prä­na­tal erfolgt die Defi­ni­ti­on einer männ­li­chen oder weib­li­chen Kon­sti­tu­ti­on nicht auf ein­fa­che und all­ge­mein kla­re Wei­se, son­dern ist eine mehr oder weni­ger gelun­ge­ne Annä­he­rung an die eine oder ande­re Ent­wick­lungs­mög­lich­keit. Bleibt die­se Annä­he­rung unent­schie­den, wird die Iden­ti­tät als inter­se­xu­ell bezeich­net.

Ob die Iden­ti­tät von Trans­per­so­nen bio­lo­gisch ver­wur­zelt ist oder nicht bzw. in wel­chem Aus­maß, ist nicht ent­schei­dend für ein Pro­gramm gegen ihre Unter­drü­ckung. Da mensch­li­che Sexua­li­tät (bzw. ihre Ver­wirk­li­chung) immer mit herr­schen­den Geschlech­ter­nor­men und ‑kate­go­ri­sie­run­gen, recht­li­chen, sozia­len und psy­cho­lo­gi­schen Phä­no­me­nen ver­bun­den ist, ist ihre Ent­ste­hung auch immer his­to­risch und sozi­al bedingt. Das bio­lo­gi­sche Geschlecht exis­tiert immer im Ver­hält­nis zu den Geschlech­ter­rol­len oder ‑nor­men, die in einer bestimm­ten gesell­schaft­li­chen For­ma­ti­on domi­nie­ren, sowie zu den vor­herr­schen­den Geschlechts­iden­ti­tä­ten. Men­schen kön­nen eine dem bio­lo­gi­schen Geschlecht ent­ge­gen­ge­setz­te (davon abwei­chen­de) Geschlechts­iden­ti­tät haben, da sie selbst sozia­le Wesen sind, deren sexu­el­le Iden­ti­tät und Sexua­li­tät not­wen­di­ger­wei­se immer sozi­al kom­mu­ni­ziert wird und die sich in einem Bewusst­sein von der eige­nen Sexua­li­tät – einer sexu­el­len Iden­ti­tät – aus­drü­cken muss.

Als die Mensch­heit ein his­to­ri­sches Ent­wick­lungs­sta­di­um erreich­te, in dem die Pro­duk­ti­ons­mit­tel und ange­häuf­ten Res­sour­cen nicht mehr in glei­chem Maße an die nächs­te Genera­ti­on als Kol­lek­tiv wei­ter­ge­ge­ben wur­den, war es not­wen­dig, das Sexu­al­le­ben in einer die­ser Ungleich­heit ange­mes­se­nen Form ein­zu­schrän­ken (z. B. erzwun­ge­ne Mono­ga­mie für die Frau). Die­ses patri­ar­cha­le Sys­tem, das ver­schie­de­ne Pro­duk­ti­ons­wei­sen durch­lau­fen hat, macht es erfor­der­lich, dass auf die dar­aus resul­tie­ren­den sozio­kul­tu­rel­len Aspek­te von Sexua­li­tät als Geschlech­ter­rol­len oder Ste­reo­ty­pen Bezug genom­men wird. Trans­se­xua­li­tät (wie Homo­se­xua­li­tät) gehen über die­se vor­herr­schen­den Geschlech­ter­rol­len hin­aus, ins­be­son­de­re über ihren „natür­li­chen“ Sta­tus, was auch bedeu­tet, dass Trans­per­so­nen in der Regel gezwun­gen sind, sich ihrem „wah­ren“ Geschlecht ent­spre­chend zu ver­hal­ten und zu füh­len.

Alles in allem bedeu­tet dies, dass in der Klas­sen­ge­sell­schaft im All­ge­mei­nen und im Kapi­ta­lis­mus im Beson­de­ren das bio­lo­gi­sche Geschlecht, die Sexua­li­tät und die Geschlech­ter­rol­len das Pro­dukt die­ser Fest­le­gun­gen mit einer Viel­zahl von Ent­wick­lungs­va­ri­an­ten und Aus­drucks­mög­lich­kei­ten sind. Das lässt sich weder auf die Bio­lo­gie redu­zie­ren noch als ein­fach psy­cho­lo­gisch struk­tu­riert noch als ein­fa­cher Aus­druck eines sozia­len Kon­strukts noch ledig­lich auf der Grund­la­ge einer Prä­fe­renz für eine bestimm­te Part­ne­rIn­nen­schaft begrei­fen.

Ent­schei­dend ist, dass die Fra­gen des bio­lo­gi­schen Geschlechts, der Geschlech­ter­rol­len und der Geschlechts­iden­ti­tät sol­che von Ver­hält­nis­sen sind. In der bür­ger­li­chen Gesell­schaft ist die Unter­drü­ckung nicht nur von Frau­en, son­dern auch von Les­ben und Schwu­len sowie von Trans­per­so­nen auf­grund einer repres­si­ven Fami­li­en­struk­tur und reak­tio­nä­ren Geschlech­ter­rol­len not­wen­dig.

Programm

Unser Pro­gramm gegen die Unter­drü­ckung von Trans­per­so­nen umfasst eine Rei­he demo­kra­ti­scher und sozia­ler For­de­run­gen. Vie­le davon ähneln dem Kampf gegen ande­re For­men der geschlechts­spe­zi­fi­schen oder sexu­el­len Unter­drü­ckung.

Trans­per­so­nen erle­ben ver­schie­de­ne Gra­de emo­tio­na­ler Unter­drü­ckung inner­halb der Fami­lie sowie sozia­le Aus­gren­zung und Mob­bing in der Schu­le, wenn sie Geschlech­ter- und Geschlech­ter­nor­men durch­bre­chen: Sie sind oft auch medi­zi­ni­schen Ver­su­chen aus­ge­setzt, um „geheilt“ zu wer­den. Eine hohe Zahl von Trans­per­so­nen im Jugend­al­ter reagiert dar­auf mit Aus­rei­ßen, Dro­gen­kon­sum oder ist selbst­mord­ge­fähr­det.

Sozia­lis­tIn­nen erken­nen an, dass in der kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft (und in der Tat auch in der post­ka­pi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft, bis Klas­sen und Frau­en­un­ter­drü­ckung deut­lich abster­ben) die Unter­drü­ckung einer Trans­se­xua­li­tät und von Geschlech­ter­iden­ti­tä­ten wei­ter andau­ern wird eben­so wie die Not­wen­dig­keit, die­se zu bekämp­fen. Wir ver­tei­di­gen das Recht erwach­se­ner (post­pu­ber­tä­rer) Indi­vi­du­en, eine The­ra­pie oder Ope­ra­ti­on zur „Neu­zu­wei­sung“ zu bean­tra­gen. Eben­so ver­tei­di­gen wir das Recht von Kin­dern, die ihre Geschlech­ter­iden­ti­tät in Fra­ge stel­len, auf Bera­tung und Schutz vor Mob­bing oder jeg­li­cher Form von Dis­kri­mi­nie­rung.

Wenn pro­gres­si­ve Schu­len ver­su­chen, posi­tiv auf Trans­schü­le­rIn­nen zu reagie­ren, wer­den sie oft von Kir­chen, ängst­li­chen Eltern, kon­ser­va­ti­ven Poli­ti­ke­rIn­nen und radi­ka­len Femi­nis­tIn­nen beschul­digt, Trans­gen­de­ris­mus zu „leh­ren“ oder zu „för­dern“, indem sie Kin­der ermu­ti­gen, ihr Geschlecht zu wech­seln, sich einer Hor­mon­the­ra­pie oder einer chir­ur­gi­schen „Neu­zu­wei­sung“ zu unter­zie­hen usw. Wir befür­wor­ten eine wis­sen­schaft­lich fun­dier­te Sexu­al­erzie­hung, die bio­lo­gi­sche und sozia­le Ein­fluss­fak­to­ren erklärt und ledig­lich Ver­ständ­nis, Wider­stand gegen Unter­drü­ckung und die Frei­heit jun­ger Men­schen, sich sexu­ell nach ihren Wün­schen zu ent­wi­ckeln, „befür­wor­tet“ (natür­lich unter der ein­deu­ti­gen Bedin­gung, dass dies nie­mand ande­rem scha­det, wie es z. B. bei „Kin­des­miss­brauch“, Pädo­phi­lie und ande­ren genui­nen sexu­el­len Per­ver­sio­nen der Fall wäre).

Des­halb for­dern wir

  • Auf­he­bung aller dis­kri­mi­nie­ren­den Geset­ze gegen Trans­per­so­nen und Homo­se­xu­el­le, Schutz vor Dis­kri­mi­nie­rung am Arbeits­platz, im öffent­li­chen Leben
  • Das Recht auf Selbst­iden­ti­fi­zie­rung der Geschlechts­iden­ti­tät, soweit es den Staat betrifft (auf Rechts­do­ku­men­ten, bei Zugang zu Gesund­heits­ver­sor­gung und Ver­si­che­rungs­leis­tun­gen usw.)
  • Wir tre­ten für das Recht von Trans­per­so­nen auf Selbst­be­stim­mung über ihre Kör­per ein ein­schließ­lich des Rechts auf Maß­nah­men zur „Geschlechts­um­wand­lung“ und auf kos­ten­lo­se medi­zi­ni­sche Bera­tung. Dies soll durch das öffent­li­che Gesund­heits­we­sen oder durch gesetz­li­che Kran­ken­kas­sen finan­ziert wer­den. Die Bera­tung soll von Ärz­tIn­nen, Psy­cho­lo­gIn­nen und Bera­te­rIn­nen durch­ge­führt wer­den, die das Ver­trau­en der Trans­per­son selbst und der Unter­drück­ten genie­ßen. Wir leh­nen Geschlechts­um­wand­lun­gen ab, die gegen den Wil­len der Betrof­fe­nen vor­ge­nom­men wer­den.
  • Recht auf Adop­ti­on von Kin­dern, Aner­ken­nung als Eltern oder Part­ne­rIn­nen
  • Recht auf Nut­zung der sani­tä­ren Ein­rich­tun­gen, die dem ange­ge­be­nen Geschlecht der Trans­per­son ent­spre­chen. Siche­re Räu­me für Frau­en soll­ten das Recht haben, miss­brau­chen­de oder bedroh­li­che Frau­en indi­vi­du­ell aus­zu­schlie­ßen. Außer­dem müs­sen die­se Räu­me unter Kon­trol­le der Frau­en ste­hen, die sie benut­zen und lei­ten, ein­schließ­lich Trans­frau­en.
  • Recht­li­cher Schutz von Trans­per­so­nen, die sich in Doku­men­ten als „unbe­stimmt“ oder drit­tes Geschlecht bezeich­nen wol­len. Trans­per­so­nen soll­ten als legi­ti­me For­men der Geschlechts­iden­ti­tät aner­kannt und nicht als Kran­ke stig­ma­ti­siert wer­den.

In der Arbei­te­rIn­nen­klas­se und unter den Unter­drück­ten set­zen wir uns für eine öffent­li­che Kam­pa­gne gegen Trans­pho­bie (wie auch gegen Homo­pho­bie) ein. Trans­per­so­nen soll­ten ein Cau­cus-Recht (getrenn­te Tref­fen) in der Arbei­te­rIn­nen­be­we­gung, den Gewerk­schaf­ten und Arbei­te­rIn­nen­par­tei­en haben. Ob dies gemein­sam mit ande­ren, z. B. Schwu­len und Les­ben oder auch mit Frau­en, durch­ge­führt wird, soll­te gemein­sam und mit dem Ein­ver­ständ­nis von Frau­en, Les­ben und Schwu­len etc. ent­schie­den wer­den.

Wir erken­nen an, dass unter den­je­ni­gen, die gegen Tran­sin­k­lu­si­on in Frau­en­räu­men argu­men­tie­ren, tran­s­ex­klu­sio­nä­re und offen trans­pho­be Indi­vi­du­en und Orga­ni­sa­tio­nen domi­nie­ren. Als Sozia­lis­tIn­nen soll­ten wir uns jedoch bemü­hen, zwi­schen den radi­kal trans­pho­ben Ele­men­ten in die­ser Debat­te und den­je­ni­gen zu unter­schei­den, denen es an Ver­ständ­nis man­gelt oder die ohne böse Absicht Beden­ken äußern. Unser Ziel soll­te nicht sein, alle der letz­te­ren Grup­pe als Trans­pho­be zu brand­mar­ken, son­dern alter­na­ti­ve Sicht­wei­sen und Auf­klä­rung anzu­bie­ten, um sie für uns zu gewin­nen.

Im Fal­le von Quo­ten für den öffent­li­chen Dienst oder für Frau­en in poli­ti­schen Par­tei­en und Gewerk­schaf­ten tre­ten wir dafür ein, dass Trans­frau­en als Frau­en betrach­tet wer­den. In jedem kon­kre­ten Kon­flikt­fall soll­ten die Gewerk­schafts- und Arbei­te­rIn­nen­ko­mi­tees, die haupt­säch­lich aus Frau­en und Trans­per­so­nen zusam­men­ge­setzt sein sol­len, ent­schei­den.

Wir leh­nen die Vor­stel­lun­gen eini­ger Femi­nis­tIn­nen ab, dass alle Trans­frau­en „in Wirk­lich­keit“ Män­ner sind. Dadurch wird eine Fra­ge der sozia­len Unter­drü­ckung letzt­lich zu einer schein­bar rein bio­lo­gi­schen (die selbst nicht so klar ist). Vor allem aber wird dabei die Tat­sa­che igno­riert, dass Trans­frau­en, auch wenn sie oft als Män­ner sozia­li­siert wur­den, heu­te als Frau­en leben, ein­schließ­lich der Erfah­rung mit deren Unter­drü­ckung.

Wir erken­nen an, dass die Rech­te oder For­de­run­gen von sozi­al unter­drück­ten Men­schen auf­ein­an­der­pral­len kön­nen. Die­ser Kon­flikt kann nicht durch das Ver­bot unter­schied­li­cher Ansich­ten „regu­liert“ wer­den, was ihn nur noch ver­schär­fen könn­te. Wir leh­nen jede phy­si­sche Bedro­hung ab und erken­nen daher das Recht auf Selbst­ver­tei­di­gung gegen sol­che Bedro­hun­gen an. Unser Inter­es­se besteht viel­mehr dar­in, den Kon­flikt in einer ver­nünf­ti­gen Aus­ein­an­der­set­zung zu lösen, d. h. unter vol­ler Ach­tung der jewei­li­gen Befrei­ungs­in­ter­es­sen und Unter­drü­ckungs­er­fah­run­gen.

Lei­der sind Kon­flik­te zwi­schen den sozi­al Unter­drück­ten, das Auf­ein­an­der­pral­len wech­sel­sei­ti­ger For­de­run­gen und Ansprü­che in der bür­ger­li­chen Gesell­schaft kei­ne Sel­ten­heit, sie tre­ten immer wie­der auf. Die Arbei­te­rIn­nen­klas­se hat ein fun­da­men­ta­les Inter­es­se dar­an, die­se so demo­kra­tisch und trans­pa­rent wie mög­lich zu regeln und die legi­ti­men Anlie­gen aller Sei­ten so weit wie mög­lich zu berück­sich­ti­gen. Eine sol­che Rege­lung soll­te prin­zi­pi­ell nicht dem bür­ger­li­chen Staat über­las­sen wer­den. Des­halb plä­die­ren wir für die Ein­rich­tung der oben genann­ten Komi­tees im Fal­le von Quo­ten­kon­flik­ten usw. Auch in der Arbei­te­rIn­nen­be­we­gung leh­nen wir jedes Recht des bür­ger­li­chen Staa­tes, in Wah­len, Sta­tu­ten, Finan­zen usw. unse­rer Klas­sen­or­ga­ni­sa­tio­nen ein­zu­grei­fen, kate­go­risch ab.

Selbst die bes­ten „Kon­flikt­lö­sungs­me­cha­nis­men“ wer­den die nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen mög­li­cher Kon­flik­te nur begren­zen, sie kön­nen den Aus­bruch von Kon­flik­ten nicht ver­hin­dern. In der bür­ger­li­chen Gesell­schaft wer­den Men­schen als Kon­kur­ren­tIn­nen gegen­ein­an­der aus­ge­spielt. Dies birgt immer die Gefahr, dass sich z. B. bei der Kon­kur­renz um Arbeits­plät­ze auch ver­schie­de­ne unter­drück­te Grup­pen als Kon­kur­ren­tIn­nen gegen­über­ste­hen. Die Lösung kann hier nicht nur in einem demo­kra­ti­schen Kon­flikt­lö­sungs­pro­zess lie­gen, son­dern muss auch den Kampf für sozia­le For­de­run­gen beinhal­ten, z. B. für ein Pro­gramm sozi­al nütz­li­cher Arbei­ten und für eine Arbeits­zeit­ver­kür­zung. Kon­kur­renz kann nur durch einen sozia­len und poli­ti­schen Kampf gegen Aus­beu­tung und Unter­drü­ckung über­wun­den wer­den, durch die Schaf­fung einer Arbei­te­rIn­nen­be­we­gung, die alle For­men der Aus­beu­tung und Unter­drü­ckung bekämpft.

Nur eine Gesell­schafts­ord­nung, die die Aus­beu­tung eines Men­schen durch einen ande­ren, die his­to­ri­sche Unter­drü­ckung der Frau und die geschlechts­spe­zi­fi­sche Arbeits­tei­lung, auf der sie beruht, bewusst über­win­det, kann den Boden ent­zie­hen, auf dem reak­tio­nä­re Geschlech­ter­rol­len, die bür­ger­li­che Fami­lie und eine repres­si­ve Sexu­al­mo­ral wach­sen. Nur die Errich­tung der Herr­schaft der Arbei­te­rIn­nen­klas­se kann den Über­gang zu einer sol­chen Gesell­schaft und damit auch zu einer Ord­nung frei von jeg­li­cher sozia­ler Unter­drü­ckung ermög­li­chen. Nur in einer sol­chen Gesell­schaft wer­den sich die mensch­li­che Sexua­li­tät und Geschlechts­iden­ti­tät (wie die mensch­li­che Indi­vi­dua­li­tät in all ihren Facet­ten) frei ent­fal­ten.

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