[gfp:] Der Fall Wirecard (II)

Gespräche mit dem Staatssekretär

Im „Fall Wire­card“ gerät zum einen das Bun­des­fi­nanz­mi­nis­te­ri­um zuneh­mend in den Fokus der öffent­li­chen Debat­te. Es hat die Auf­sicht über die Bun­des­an­stalt für Finanz­dienst­leis­tungs­auf­sicht (BaFin) inne, die auf detail­lier­te Recher­chen der Finan­cial Times zu den Unre­gel­mä­ßig­kei­ten bei Wire­card Anfang 2019 reagier­te, indem sie den Kon­zern mit dem Ver­bot von „Leer­ver­käu­fen“ unter­stütz­te, zugleich Anzei­ge gegen einen recher­chie­ren­den Jour­na­lis­ten erstat­te­te und die Fir­ma ledig­lich einer Über­prü­fung durch die Deut­sche Prüf­stel­le für Rech­nungs­le­gung (DPR) unter­zog, bei der abseh­bar war, dass sie zu kei­nem Ergeb­nis füh­ren wür­de (ger​man​-for​eign​-poli​cy​.com berich­te­te [1]). Der Ver­wal­tungs­rat der BaFin wird vom Staats­se­kre­tär im Finanz­mi­nis­te­ri­um Jörg Kukies geführt. Wie Kukies unlängst gegen­über den Obleu­ten im Bun­des­tags-Finanz­aus­schuss bestä­tig­te, hat er Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter Olaf Scholz schon seit Anfang 2019 über die Ent­wick­lung in Sachen Wire­card auf dem Lau­fen­den gehal­ten. Zudem hat er min­des­tens zwei Gesprä­che mit Wire­card-Chef Mar­kus Braun geführt, eines am 4. Sep­tem­ber, eines am 5. oder am 15. Novem­ber 2019. Den Inhalt der Gesprä­che hält das Minis­te­ri­um geheim; von dem Gespräch im Novem­ber heißt es, ein Pro­to­koll sei nicht erstellt worden.[2] Die­ser Umstand gewinnt eine spe­zi­el­le Bri­sanz durch die Tat­sa­che, dass die BaFin unter ihrem Ver­wal­tungs­rats­chef Kukies zumin­dest der Form hal­ber Wire­card wei­ter­hin unter Beob­ach­tung hielt.

Markteintritt in China

An jenem 5. Novem­ber 2019 hat­te Wire­card einen stra­te­gisch wich­ti­gen Erfolg mel­den kön­nen: den Markt­ein­tritt in Chi­na. Wie das Unter­neh­men an jenem Tag mit­teil­te, hat­te es eine Eini­gung über die Über­nah­me des chi­ne­si­schen Zah­lungs­ab­wick­lers AllS­core Pay­ment Ser­vices erzielt, zunächst zu 80 Pro­zent; zwei Jah­re spä­ter soll­ten die rest­li­chen 20 Pro­zent erwor­ben wer­den. Die Kom­plett­über­nah­me war mög­lich, nach­dem Bei­jing im Rah­men des „Deutsch-chi­ne­si­schen Finanz­dia­logs“ im Janu­ar 2019 bei einem Besuch von Finanz­mi­nis­ter Scholz bestä­tigt hat­te, es hei­ße deut­sche Fir­men „auf dem chi­ne­si­schen Markt für Zah­lungs­dienst­leis­tun­gen“ will­kom­men – ein Schritt in Rich­tung auf die wei­te­re Öff­nung Chi­nas für aus­län­di­sche Inves­to­ren, wie sie nicht nur von der Bun­des­re­gie­rung immer wie­der ver­langt wird.[3] Umso bemer­kens­wer­ter ist, dass die deut­sche Sei­te in die Ver­tie­fung der Koope­ra­ti­on aus­ge­rech­net mit einem Unter­neh­men star­te­te, des­sen Akti­vi­tä­ten inzwi­schen als einer der schwers­ten Betrugs­fäl­le der bun­des­deut­schen Wirt­schafts­ge­schich­te gel­ten und das zudem aus­ge­rech­net eine chi­ne­si­sche Fir­ma über­nahm, die wegen zahl­rei­cher ille­ga­ler Geschäf­te, ins­be­son­de­re wegen der Abwick­lung von Zah­lun­gen bei in Chi­na ver­bo­te­nem Glücks­spiel, im Visier der chi­ne­si­schen Behör­den stand. AllS­core Pay­ment Ser­vices ist des­we­gen im April zur bis­lang größ­ten Straf­zah­lung in der Bran­che in Höhe von 9,3 Mil­lio­nen US-Dol­lar ver­ur­teilt worden.[4]

Flankierung durchs Kanzleramt

Kon­kret vor­be­rei­tet wor­den war der Deal auf deut­scher Sei­te nicht nur vom Finanz­mi­nis­te­ri­um, son­dern auch vom Kanz­ler­amt – auf Initia­ti­ve eines heu­te als Lob­by­ist täti­gen Ex-Bun­des­mi­nis­ters: Karl-Theo­dor zu Gut­ten­berg, 2009 zunächst als Bundeswirtschafts‑, von 2009 bis 2011 dann als Bun­des­ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter aktiv, der­zeit Chef des von ihm gegrün­de­ten Bera­tungs­un­ter­neh­mens Spitz­berg Part­ners in New York. Berich­ten zufol­ge hat­te Gut­ten­bergs „Spitz­berg Partners“-Kollege Urs Gatz­ke, von 2004 bis 2013 Büro­lei­ter der Hanns-Sei­del-Stif­tung (CSU) in Washing­ton, per Tele­fo­nat und E‑Mail das Bun­des­fi­nanz­mi­nis­te­ri­um gebe­ten, die zustän­di­gen Regie­rungs­stel­len in Bei­jing über das Inter­es­se von Wire­card am Ein­tritt in den chi­ne­si­schen Markt zu infor­mie­ren. Der Bit­te, so heißt es, sei Staats­se­kre­tär Wolf­gang Schmidt, Scholz’ „engs­ter Ver­trau­ter“, im Juni 2019 nachgekommen.[5] Am 3. Sep­tem­ber 2019, unmit­tel­bar vor einer Rei­se der Bun­des­kanz­le­rin in die Volks­re­pu­blik, sprach Gut­ten­berg bei Ange­la Mer­kel per­sön­lich vor. Anschlie­ßend infor­mier­te er Mer­kels engs­ten Wirt­schafts­be­ra­ter Lars-Hen­drik Röl­ler per E‑Mail über den geplan­ten Wire­card-Markt­ein­tritt in Chi­na und bat um „Flankierung“.[6] Die Bun­des­re­gie­rung räumt inzwi­schen ein: „Die Bun­des­kanz­le­rin hat das The­ma der Über­nah­me von AllS­core durch Wire­card bei ihrer Chi­na-Rei­se ange­spro­chen.“ Am 8. Sep­tem­ber, nach der Rück­kehr der Kanz­le­rin, schrieb Röl­ler laut einer Regie­rungs­spre­che­rin in einer E‑Mail an Gut­ten­berg, „das The­ma“ sei „bei dem Besuch in Chi­na zur Spra­che gekom­men“; man wer­de sich um „wei­te­re Flan­kie­rung“ kümmern.[7]

Nachweislich informiert

Dabei war auch das Kanz­ler­amt nach­weis­lich in Kennt­nis über die gra­vie­ren­den Vor­wür­fe gegen Wire­card, die zwar nicht in Deutsch­land, dafür aber in Sin­ga­pur bereits zu staats­an­walt­schaft­li­chen Ermitt­lun­gen geführt hat­ten; Sin­ga­pur ist eines der Län­der, in denen Wire­card frei erfun­de­ne Mil­li­ar­den­gut­ha­ben geparkt haben woll­te. Das Kanz­ler­amt hat­te am 13. August eine Anfra­ge sei­nes ehe­ma­li­gen Funk­tio­närs Klaus-Die­ter Frit­sche erhal­ten, in der die­ser – inzwi­schen offen­kun­dig, wie auch Gut­ten­berg, als Wire­card-Lob­by­ist aktiv – um einen Gesprächs­ter­min für das Asch­hei­mer Unter­neh­men bat. Das Kanz­ler­amt for­der­te dar­auf­hin im Finanz­mi­nis­te­ri­um nähe­re Infor­ma­tio­nen über Wire­card an und erhielt die­se am 23. August per E‑Mail.[8] Dar­in habe das Finanz­mi­nis­te­ri­um auch auf die „öffent­lich bekann­ten Vor­wür­fe gegen das Unter­neh­men“ hin­ge­wie­sen, bestä­tigt eine Regie­rungs­spre­che­rin. In den Doku­men­ten, die das Kanz­ler­amt als Attach­ment zu der E‑Mail vom 23. August erhielt, war unter ande­rem von „Geldwäschevorwürfe[n] und Markt­ma­ni­pu­la­ti­on“ die Rede – kein Hin­der­nis für Röl­ler und Mer­kel, Wire­card nun den Weg nach Chi­na zu bah­nen.

Geheimdienstkontakte

Fra­gen wirft dabei nicht zuletzt auf, wel­che Rol­le Frit­sche in der Affä­re spielt. Der Mann hat­te von 1996 bis 2005 als Vize­prä­si­dent des Bun­des­amts für Ver­fas­sungs­schutz (BfV) amtiert, bevor er Ende 2005 als Geheim­dienst­ko­or­di­na­tor im Bun­des­kanz­ler­amt tätig wur­de; Ende 2009 wech­sel­te er als Staats­se­kre­tär ins Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­um, um Anfang 2014 ins Kanz­ler­amt zurück­zu­keh­ren – nun als Beauf­trag­ter für die Nach­rich­ten­diens­te des Bun­des. Die­sen Pos­ten hat­te er bis zu sei­ner Pen­sio­nie­rung im März 2018 inne. Mit Blick dar­auf, dass dem mut­maß­li­chen Draht­zie­her des Wire­card-Betrugs, Jan Mar­sa­lek, aller­lei Geheim­dienst­kon­tak­te nach­ge­sagt wer­den, for­dert nun Ste­phan Tho­mae, stell­ver­tre­ten­der Vor­sit­zen­der der FDP-Frak­ti­on im Bun­des­tag und Mit­glied im Par­la­men­ta­ri­schen Kon­troll­gre­mi­um (PKG), das sich mit den Geheim­diens­ten befasst, es müs­se „in die­sem Zusam­men­hang“ auch Frit­sches „Rol­le“ in der Affä­re „erör­tert werden“.[9] Tho­mae for­dert dazu eine Son­der­sit­zung des PKG.

FPÖ und Verfassungsschutz

Über Frit­sche ist bekannt, dass er Anfang 2019 vom öster­rei­chi­schen Innen­mi­nis­te­ri­um unter dem dama­li­gen Minis­ter Her­bert Kickl (FPÖ) als Bera­ter enga­giert wur­de, um die „Wei­ter­ent­wick­lung“ des öster­rei­chi­schen Ver­fas­sungs­schut­zes voranzutreiben.[10] Enge Kon­tak­te zur FPÖ hat­te zugleich Mar­sa­lek, der laut Berich­ten nicht nur mit Ex-Par­tei­chef Heinz-Chris­ti­an Stra­che bekannt war, son­dern auch des­sen dama­li­gen Inti­mus Johann Gude­nus mehr­mals traf. Mar­sa­lek warb zu Kick­ls Amts­zeit im öster­rei­chi­schen Innen­mi­nis­te­ri­um für ein Vor­ha­ben; Recher­chen iden­ti­fi­zie­ren ihn zudem als Ver­bin­dungs­mann, der Infor­ma­tio­nen aus Öster­reichs Ver­fas­sungs­schutz an die FPÖ durchstach.[11] Ob Mar­sa­lek auch Kon­takt zu Frit­sche unter­hielt, ist bis­lang noch nicht geklärt.

[1] S. dazu Der Fall Wire­card.

[2] Tim Bartz, Anne Seith, Gerald Trauf­et­ter: Finanz­mi­nis­te­ri­um sprach mit Wire­card-Chef über bri­san­te Son­der­prü­fung. spie​gel​.de 15.07.2020.

[3] Joint State­ment of the 2nd Chi­na-Ger­ma­ny High Level Finan­cial Dia­lo­gue. Bei­jing, 18.01.2019.

[4] Zhang Yuz­he, Guo Ying­zhe: Cen­tral Bank Impo­ses Ano­t­her Record Penal­ty on Pay­ment Pro­vi­der. cai​xinglo​bal​.com 08.05.2020.

[5] Der Mann, der vie­les wuss­te. spie​gel​.de 24.07.2020.

[6] Eck­art Loh­se: In die Offen­si­ve. Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung 23.07.2020.

[7] Sven Becker, Rafa­el Busch­mann, Nico­la Naber, Gerald Trauf­et­ter, Chris­toph Win­ter­bach, Micha­el Wulz­in­ger: Kanz­ler­amt setz­te sich für Wire­card ein. spie​gel​.de 17.07.2020.

[8] Eck­art Loh­se: In die Offen­si­ve. Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung 23.07.2020.

[9] FDP bean­tragt Son­der­sit­zung des Geheim­dienst­aus­schus­ses. spie​gel​.de 24.07.2020.

[10] Ste­fan Buchen: Rechts­ab­bie­ger: Der neue Job von Mer­kels Geheim­dienst­mann. dasers​te​.ndr​.de 07.03.2019.

[11] Anna Thal­ham­mer: Flüch­ti­ger Wire­card-Mana­ger war gehei­mer FPÖ-Infor­mant. diepres​se​.com 09.07.2020.

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