[EMRAWI:] Urteilsverkündung im Münchner TKP/ML-Prozess

Nach rund 270 Ver­hand­lungs­ta­gen wur­den heu­te vom Staats­schutz­se­nat beim Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen die Urtei­le im soge­nann­ten „Kom­mu­nis­ten­pro­zess“ gegen neun Män­ner und eine Frau ver­kün­det. Die Ankla­gen lau­ten auf Mit­glied­schaft in der TKP/​ML (Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei der Tür­kei/­Mar­xis­tisch-Leni­nis­tisch) bzw. Bil­dung des Aus­lands­ko­mi­tees. Die TKP/​ML ist nur in der Tür­kei ver­bo­ten, nicht in Deutsch­land. Ein­zig auf­grund einer vom Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um erteil­ten Ver­fol­gungs­er­mäch­ti­gung konn­te der Pro­zess nach den Ter­ro­ris­mus­pa­ra­gra­phen 129a/​b eröff­net wer­den. Den Ange­klag­ten wer­den kei­ne kon­kre­ten straf­ba­ren Hand­lun­gen vor­ge­wor­fen; allein ihre poli­ti­sche Arbeit, die in Orga­ni­sie­rung von Ver­an­stal­tun­gen, Spen­den­samm­lun­gen sowie nor­ma­ler Ver­eins­ar­beit bestand, reicht aus, um sich in Deutsch­land als Beschul­dig­te in einem der größ­ten „Ter­ror­pro­zes­se” wie­der­zu­fin­den.

Der 60-jäh­ri­ge Haupt­an­ge­klag­te Müs­lüm Elma war in der Tür­kei bereits rund 20 Jah­re inhaf­tiert und schwers­ter Fol­ter aus­ge­setzt. Er blieb als Ein­zi­ger bis zum Ende des Pro­zes­ses in Unter­su­chungs­haft. Der Ver­tre­ter der Gene­ral­bun­des­an­walt­schaft, Ober­staats­an­walt Hei­se, plä­dier­te auf sofor­ti­ge Haft­ent­las­sung, da mit der U‑Haft die Stra­fe größ­ten­teils abge­gol­ten sei. Dass der Senat dem nicht nach­kam, kön­ne durch­aus als „Gei­sel­nah­me“ zur Ver­hin­de­rung einer Ver­fah­rens­ver­schlep­pung gewer­tet wer­den, mein­ten Beob­ach­ter des Ver­fah­rens.

Heu­te erfolg­ten nun die Rich­ter­sprü­che. Müs­lüm Elma wur­de ver­ur­teilt wegen „Rädels­füh­rer­schaft in einer ter­ro­ris­ti­schen Ver­ei­ni­gung im Aus­land“, die ande­ren Ange­klag­ten wegen Mit­glied­schaft. Die Frei­heits­stra­fen für die zehn Ange­klag­ten, die in den meis­ten Fäl­len gering­fü­gig unter den For­de­run­gen des Gene­ral­bun­des­an­walts blie­ben, lau­ten (im Ver­gleich die For­de­run­gen der Gene­ral­bun­des­an­walt­schaft in Klam­mern):

Müs­lüm Elma: Frei­heits­stra­fe 6 Jah­re, 6 Mona­te (6 Jah­re, 9 Mona­te)

Erhan Aktürk: Frei­heits­stra­fe 4 Jah­re, 6 Mona­te (4 Jah­re, 9 Mona­te)

Dr. Sinan Aydin: Frei­heits­stra­fe 3 Jah­re, 6 Mona­te (4 Jah­re)

Hay­dar Bern: Frei­heits­stra­fe 3 Jah­re, 4 Mona­te (4 Jah­re)

Dr. Banu Büyü­kav­ci: Frei­heits­stra­fe 3 Jah­re, 6 Mona­te (4 Jah­re)

Musa Demir: Frei­heits­stra­fe 3 Jah­re, 4 Mona­te (4 Jah­re)

Deniz Pek­tas: Frei­heits­stra­fe 5 Jah­re (5 Jah­re)

Sami Sol­maz: Frei­heits­stra­fe 3 Jah­re (4 Jah­re)

Sey­it Ali Ugur: Frei­heits­stra­fe 4 Jah­re, 6 Mona­te (4 Jah­re, 9 Mona­te)

Meh­met Yes­il­ca­li: Frei­heits­stra­fe 2 Jah­re, 9 Mona­te (3 Jah­re, 6 Mona­te)

Poli­tisch moti­vier­ter Schau­pro­zess

Von Anfang an war der Münch­ner „Kom­mu­nis­ten­pro­zess“ poli­tisch moti­viert. Er reiht sich ein in die lan­ge Lis­te der Ver­fol­gung lin­ker Aktivist*innen, die für eine ande­re, eine gerech­te Gesell­schaft ein­tre­ten. Ihr Kampf zielt auf die Über­win­dung der Kapi­ta­lis­ti­schen Moder­ne und ist des­halb nicht „sys­tem-kom­pa­ti­bel“. Dass der Staat mit Repres­si­on reagiert, soll­te nicht ver­wun­dern und ist auch nichts Neu­es. Vom Ver­bot der KPD 1956 über die Aus­wei­tung der 1968 beschlos­se­nen Not­stands­ge­set­ze bis zu den neu­en Poli­zei­auf­ga­ben­ge­set­zen rei­chen die Ver­su­che, anti­sys­te­mi­sche Kämp­fe zu kri­mi­na­li­sie­ren.

Schon 1871 wur­de durch den §129 („Bil­dung einer kri­mi­nel­len Ver­ei­ni­gung“) im dama­li­gen deut­schen Reichs­straf­ge­setz­buch ein Instru­ment geschaf­fen, um poli­tisch Anders­den­ken­de zu ver­fol­gen. Die­ser Para­graph wur­de 2002 im Zuge der Ver­schär­fun­gen der „Anti­ter­ror­ge­set­ze“ nach den Anschlä­gen vom 11. Sep­tem­ber 2001 aus­ge­wei­tet und als §129b StGB gegen Migrant*innen ange­wen­det. Seit­dem wird die Mit­glied­schaft bezie­hungs­wei­se Unter­stüt­zung einer „ter­ro­ris­ti­schen Ver­ei­ni­gung im Aus­land“ mit Stra­fe bedroht. Aller­dings gibt es kei­ne ein­heit­li­che Defi­ni­ti­on von „Ter­ro­ris­mus“. Jeder Frei­heits­kampf kann vom Geg­ner als „Ter­ro­ris­mus“ gewer­tet wer­den. Staa­ten wie die Tür­kei ver­wen­den den Begriff infla­tio­när zur Denun­zie­rung jeg­li­cher Oppo­si­ti­on.

Neben dem Wil­len nach Bestra­fung einer lin­ken Gesin­nung spielt bei den Ver­fah­ren, die der deut­sche Staat gegen Kurd*innen und Türk*innen anstrengt, auch immer die Bedeu­tung der deutsch-tür­ki­schen Bezie­hun­gen eine wich­ti­ge Rol­le. Wie­der­holt hat Recep Tayy­ip Erdoğan von der Bun­des­re­gie­rung ein här­te­res Vor­ge­hen gegen oppo­si­tio­nel­le kur­di­sche und tür­ki­sche Orga­ni­sa­tio­nen gefor­dert, die er als „Ter­ror­grup­pen” bezeich­net. Da sich die Regie­rung in Ber­lin seit dem Deal mit Geflüch­te­ten erpress­bar mach­te, aber auch wegen lukra­ti­ver Waf­fen­ex­port­ge­schäf­te und viel­fäl­ti­ger Han­dels- und Mili­tär­be­zie­hun­gen mit der Tür­kei, wur­de die Schrau­be der Repres­si­on gegen kur­di­sche und tür­ki­sche Migrant*innen im euro­päi­schen Exil in den letz­ten Jah­ren suk­zes­si­ve ange­zo­gen. Ähn­lich wie in den Ver­fah­ren gegen die PKK, die seit 1993 in Deutsch­land ver­bo­ten ist und seit 2010 nach § 129b straf­recht­lich ver­folgt wird, soll nun juris­tisch gegen die TKP/​ML vor­ge­gan­gen wer­den.

Von Anfang an haben die Anwäl­te die Recht­mä­ßig­keit des Ver­fah­rens ange­zwei­felt: „…. die Auf­recht­erhal­tung der Ver­fol­gungs­er­mäch­ti­gung [ist] als will­kür­lich anzu­se­hen, weil es sich bei der Tür­kei nicht um ein geeig­ne­tes Schutz­ob­jekt im Sin­ne des § 129b StGB han­delt. Ein Staat, der … nicht nur die eige­ne kur­di­sche Bevöl­ke­rung bom­bar­diert und zwei völ­ker­rechts­wid­ri­ge Angriffs­krie­ge beginnt, son­dern auch die eth­ni­sche Säu­be­rung des besetz­ten Gebie­tes anstrebt und voll­zieht, stellt kei­ne die Wür­de des Men­schen ach­ten­den staat­li­chen Ord­nung im Sin­ne des § 129b StGB dar. Auch das fried­li­che Zusam­men­le­ben der Völ­ker erfor­dert gera­de, gegen die­sen Staat Wider­stand zu leis­ten.“

Pro­test vor dem Gericht

In den Schluss­wor­ten der Ange­klag­ten und den Plä­doy­ers der Ver­tei­di­gung wur­de immer wie­der dar­auf ver­wie­sen, dass das Ver­fah­ren von außen­po­li­ti­schen Inter­es­sen der Bun­des­re­gie­rung gelei­tet ist. Durch die Über­nah­me der Erdogan‘sche Defi­ni­ti­on von „Ter­ro­ris­mus“ – und dar­un­ter fällt mitt­ler­wei­le jeg­li­che Kri­tik am Regime – akzep­tiert das Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­ri­um die tür­ki­sche Sicht­wei­se einer Rechts­auf­fas­sung, die selbst dem bür­ger­li­chen Recht Hohn spricht.

So konn­te das gesam­te Ver­fah­ren insze­niert wer­den als „Anti­ter­ror­pro­zess”, wobei nicht der tür­ki­sche Staats­ter­ror Gegen­stand der Ver­hand­lung ist, son­dern der Wider­stand dage­gen. Mit immensem Auf­wand und Kos­ten soll­te der Ein­druck erweckt wer­den, als stün­den „gefähr­li­che Ter­ro­ris­ten“ vor Gericht, die man mit Fuß­fes­seln vor­führt und in Iso­la­ti­ons­haft hält. Das Regime in Anka­ra bekam sei­ne Bil­der und Schlag­zei­len, um die eige­ne Hexen­jagd gegen jeg­li­che Oppo­si­ti­on zu legi­ti­mie­ren.

Trotz aller Vor­be­rei­tung unter­lie­fen dem Senat gro­be Ver­fah­rens­feh­ler und Rechts­brü­che, die die Anwäl­te immer wie­der monier­ten und bezwei­fel­ten, dass die Ermitt­lungs­er­geb­nis­se rechts­staat­li­chen Grund­sät­zen genü­gen. Den Gerichts­dol­met­schern wur­den feh­ler­haf­te Über­set­zun­gen nach­ge­wie­sen und den­noch vom Vor­sit­zen­den Rich­ter Man­fred Daus­ter igno­riert. Ver­trau­li­che Pro­zess­un­ter­la­gen lan­de­ten in Über­set­zungs­bü­ros in der Tür­kei. Vom tür­ki­schen Geheim­dienst ille­gal beschaff­te Beweis­mit­tel wur­den zuge­las­sen, wobei in der münd­li­chen Urteils­be­grün­dung behaup­tet wird, „tat­säch­lich spie­len Beweis­mit­tel aus der Tür­kei in die­sem Ver­fah­ren nahe­zu kei­ne Rol­le.“ Viel­mehr wür­den sich die Urtei­le vor­wie­gend auf Abhör­pro­to­kol­le und Publi­ka­tio­nen in frei zugäng­li­chen Medi­en stüt­zen.

Was bleibt am Ende die­ses Mam­mut­pro­zes­ses?

Durch einen Frei­spruch hät­te dem tür­ki­schen Regime signa­li­siert wer­den kön­nen, dass die Bun­des­re­gie­rung nicht mehr bereit ist, als Hand­lan­ger einer Dik­ta­tur poli­tisch und jus­ti­zi­ell kur­di­sche und tür­ki­sche Regimegegner*innen zu ver­fol­gen. Das Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um könn­te zur Auf­fas­sung kom­men, dass in der Tür­kei kei­ne „die Wür­de des Men­schen ach­ten­de staat­li­che Ord­nung“ herrscht. Eine Ver­fol­gungs­er­mäch­ti­gung als Geschenk für einen Staat auf dem Weg in den Faschis­mus käme nicht mehr in Fra­ge. Wenn zuge­ge­ben wür­de, dass das AKP/MHP-Regime mit Dschi­ha­dis­ten kol­la­bo­riert und durch Angriffs­krie­ge und Besat­zung das Völ­ker­recht bricht, wäre es vor­bei mit der Part­ner­schaft. Dies ein­zu­ge­ste­hen und eine Kehrt­wen­de in der Beur­tei­lung des „Part­ners Tür­kei“ ein­zu­lei­ten, dazu fehlt der Bun­des­re­gie­rung jedoch der Wil­le (und die Macht?).

Es ist zu befürch­ten, dass die­ser Pro­zess in die Jus­tiz­ge­schich­te ein­geht als ein wei­te­rer Ver­such, gesell­schaft­li­che Bewe­gun­gen im Wider­stand gegen ein Unrechts­re­gime zu kri­mi­na­li­sie­ren. Dies­mal traf es Aktivist*innen der TKP/​ML. Immer wie­der ist es auch die PKK, an der sich der Ver­fol­gungs­ei­fer der deut­schen Jus­tiz die Zäh­ne aus­beißt. An migran­ti­schen Orga­ni­sa­tio­nen wird aus­pro­biert, wel­che Instru­men­te der Repres­si­on zur Auf­recht­erhal­tung der Kapi­ta­lis­ti­schen Moder­ne am bes­ten tau­gen. Doch im Visier sind längst auch ande­re, die als „Gefahr“ erkannt und benannt wer­den – sie­he die jähr­li­chen Ver­fas­sungs­schutz­be­rich­te. Ein Pro­zess­be­ob­ach­ter fasst zusam­men: „Getrof­fen hat es weni­ge, gemeint sind wir alle.“

Das viel­leicht wich­tigs­te Ergeb­nis am Ende der Pro­zess­tor­tur: Alle zehn Ange­klag­ten blie­ben unbeug­sam in ihrer wider­stän­di­gen Hal­tung. Dem deut­schen Staat gelang es nicht, sie ein­zu­schüch­tern. Die pro­phe­ti­schen Wor­te von Müs­lüm Elma zu Beginn des Pro­zes­ses schei­nen den Weg zu wei­sen, wie es wei­ter geht: „Die­ser Pro­zess wird nicht im Gerichts­saal, son­dern auf der Stra­ße ent­schie­den.“

Pro­test auf der Stra­ße

Auf der Stra­ße vor dem Gerichts­ge­bäu­de ver­sam­mel­ten sich dann auch ca. 500 soli­da­ri­sche Men­schen, die for­der­ten „Frei­heit für alle poli­ti­schen Gefan­ge­nen“ und Abschaf­fung der Para­gra­phen 129a/​b sowie eine Umkehr der deut­schen Außen­po­li­tik, die Frei­heits­be­we­gun­gen kri­mi­na­li­siert und Dik­ta­to­ren die Hand reicht. Ver­tre­ten waren außer TKP/​ML, Par­tizan, ATIK auch die Rote Hil­fe und das Mün­che­ner Soli­da­ri­täts­bünd­nis für Kur­di­stan sowie wei­te­re Grup­pen und Ein­zel­per­so­nen. Der öster­rei­chi­sche Jour­na­list Max Zirn­gast, der selbst in der Tür­kei meh­re­re Mona­te inhaf­tiert war, ließ soli­da­ri­sche Grü­ße aus­rich­ten.

erst ver­öf­fent­licht auf: https://​anf​deutsch​.com/

http://emrawijhwegozfze.onion/?Freiheit-fur-die-Angeklagten-im-TKP-ML-Verfahren-Weg-mit-dem-p-129-Kundgebungen-414

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