[GAM:] Indien: Pandemie, Krise und Kampf der ArbeiterInnenklasse

Irfan Khan, Info­mail 1112, 29. Juli 2020

In Indi­en waren bis Ende Juli fast andert­halb Mil­lio­nen Men­schen mit dem SARS-CoV-2-Virus infi­ziert. Am 26.7. wur­den 1.435.435 Infek­tio­nen offi­zi­ell regis­triert. 32.771 sind in den letz­ten Mona­ten gestor­ben. Ange­sichts des enor­men Anstiegs der Fäl­le in den letz­ten Wochen dürf­te das gan­ze Land eher am Anfang als am Ende der Kata­stro­phe ste­hen. Offi­zi­el­le Zah­len besa­gen, dass täg­lich 40.000 oder mehr Men­schen von dem Virus betrof­fen sind, aber es ist all­ge­mein bekannt, dass dies eine Unter­schät­zung ist.

Das indi­sche Wis­sen­schafts­in­sti­tut rech­net damit, dass der Höhe­punkt der Infek­tio­nen erst im Sep­tem­ber erreicht wird, und dies ist sein Sze­na­rio für die bes­te Annah­me. Im schlimms­ten Fall wer­den bis März 2021 bis zu 61 Mil­lio­nen Infi­zier­te geschätzt.

Von Anfang an waren die Regie­rung Modi und ihre Poli­tik eher Teil des Pro­blems als der Lösung. Ende März, als es nur 564 Fäl­le von Covid-19 gab, setz­te sie ganz Indi­en unter Arrest. Obwohl der Pre­mier­mi­nis­ter nach wie vor behaup­tet, dass ihre Bemü­hun­gen zur Bekämp­fung der Pan­de­mie wirk­sam sind, ist Indi­en heu­te in Wirk­lich­keit das am dritt­meis­ten infi­zier­te Land der Welt. Dies wird eine gesund­heit­li­che Kata­stro­phe nicht nur für Indi­en, son­dern auch für die Welt bedeu­ten. Bis jetzt war die Regie­rung nicht in der Lage, die Pan­de­mie unter Kon­trol­le zu hal­ten oder eine Lösung für sie anzu­bie­ten.

Von der Abriegelung zur Freigabe der Wirtschaft

Die Regie­rungs­par­tei BJP und ihre sozia­len Medi­en haben Modi für die angeb­li­che Ein­däm­mung der Aus­brei­tung der Pan­de­mie mit einer recht­zei­ti­gen Abrie­ge­lung geprie­sen, aber ihre Umset­zung gehör­te zu den bru­tals­ten und unmensch­lichs­ten der Welt. Mil­lio­nen von Wan­der­ar­bei­te­rIn­nen wur­den von der Arbeit aus­ge­schlos­sen, ohne jeg­li­ches Ein­kom­men oder auch nur ein Trans­port­mit­tel zurück in die Dör­fer oder Städ­te, aus denen sie ursprüng­lich kamen. Mil­lio­nen waren gezwun­gen, Hun­der­te von Kilo­me­tern weit zu mar­schie­ren, um ihre Dör­fer zu errei­chen, wobei sie ihre Hab­se­lig­kei­ten oder sogar ihre Kin­der mit sich tru­gen. Hun­dert­tau­sen­de von Arbei­te­rIn­nen ver­sam­mel­ten sich an Bahn­hö­fen in Delhi und ande­ren Städ­ten, um nach Hau­se zu gelan­gen, und waren so gezwun­gen, die Anste­ckungs­ge­fahr zu igno­rie­ren. Hun­dert­tau­sen­de beschlos­sen, zurück­zu­ge­hen, um sich nicht in über­füll­ten Bus­sen anzu­ste­cken.

Ein Ergeb­nis war ein unvor­her­ge­se­he­nes Über­an­ge­bot an bil­li­gen Woh­nun­gen oder Zim­mern in gro­ßen Zen­tren. Indi­sche Zei­tun­gen berich­te­ten, dass in 30 Groß­städ­ten des Lan­des 1,28 Mil­lio­nen Woh­nun­gen unver­kauft blie­ben. Im Prin­zip hät­te die Regie­rung die­se für die Bereit­stel­lung von Unter­künf­ten für Arme und Men­schen ohne Ein­kom­men ver­wen­den kön­nen. Sie hät­te sie beschlag­nah­men oder den/​die Eigen­tü­me­rIn zwin­gen kön­nen, sie zu öff­nen. Das­sel­be gilt für Hotels, Clubs und klös­ter­li­che Medi­ta­ti­ons­zen­tren, um zumin­dest einen Teil des Elends und sogar den Tod die­ser Arbei­te­rIn­nen zu ver­mei­den.

Die Abrie­ge­lung durch die Modi-Regie­rung führ­te zu einer huma­ni­tä­ren Kri­se in die­sem Land mit 1,3 Mil­li­ar­den Men­schen. Die Kri­se, die mit dem Mas­sen­aus­zug der Wan­der­ar­bei­te­rIn­nen begann, leg­te die Klas­sen- und Kas­ten­spal­tung der indi­schen Gesell­schaft offen. Die Gleich­gül­tig­keit des Modi-Regimes gegen­über den Schwie­rig­kei­ten der armen Bevöl­ke­rung unter­strich sei­nen arbei­te­rIn­nen­feind­li­chen Cha­rak­ter. Die Wan­der­ar­bei­te­rIn­nen sahen sich nicht nur Stra­ßen- und Eisen­bahn­un­fäl­len, son­dern auch Hun­ger und sogar Hun­ger­tod aus­ge­setzt, wäh­rend sie Hun­der­te von Kilo­me­tern von den Städ­ten ent­fernt unter­wegs waren. Dar­über hin­aus sahen sie sich häu­fig Repres­sio­nen durch den Staats­ap­pa­rat aus­ge­setzt, dar­un­ter Poli­zei­knüp­pel­ein­sät­zen und che­mi­scher Ver­ne­be­lung. Dies zeigt das wah­re Gesicht des neu­en und strah­len­den Indi­ens.

Die­se Abrie­ge­lung trug kei­nen plan­mä­ßi­gen, son­dern einen chao­ti­schen Cha­rak­ter, und die Arbei­te­rIn­nen­klas­se und die Armen haben die Kon­se­quen­zen zu tra­gen gehabt. Die indi­sche Regie­rung zwang der Bevöl­ke­rung ein­fach die Maß­nah­men ande­rer Län­der auf, ohne die eige­nen Rea­li­tä­ten hier zu berück­sich­ti­gen. Jetzt hat sie gro­ße Tei­le der Wirt­schaft wie­der geöff­net und eine ima­gi­nä­re Her­denim­mu­ni­tät ange­strebt. Die­se Frei­ga­be stellt die Wirt­schaft, genau­er gesagt die Pro­fi­te des indi­schen und impe­ria­lis­ti­schen Kapi­tals, vor das Leben der Arbei­te­rIn­nen­klas­se, der Bau­ern-/Bäue­rin­nen­schaft und der Armen. Durch die Öff­nung der Wirt­schaft zwingt die Regie­rung Dut­zen­de Mil­lio­nen von Nied­rig­lohn­ar­bei­te­rIn­nen, an unsi­che­re Arbeits­plät­ze zurück­zu­keh­ren.

Letzt­end­lich wird die allei­ni­ge Ver­ant­wor­tung für die Ver­hin­de­rung der Aus­brei­tung von Covid-19 dem/​r Ein­zel­nen zuge­wie­sen. Auch wenn es in eini­gen Bun­des­staa­ten Beschrän­kun­gen gibt, so ermu­ti­gen sie doch alle zur Wie­der­eröff­nung von Indus­trien und Betrie­ben, und in Wirk­lich­keit wer­den kei­ne Sicher­heits­maß­nah­men umge­setzt. Die Öff­nung der Wirt­schaft bedeu­tet jedoch kei­nen Nut­zen für die Mil­lio­nen von arbeits­lo­sen Inde­rIn­nen, son­dern nur die Ret­tung des Eigen­tums und die Siche­rung künf­ti­ger Pro­fi­te für die Super­rei­chen. Zum Bei­spiel für Mukesh D. Amba­ni, Vor­stands­vor­sit­zen­der von Reli­an­ce Indus­tries Ltd. (RIL), der jetzt so wohl­ha­bend ist, dass er War­ren Buf­fett und Elon Musk sowie die Goog­le-Grün­der Ser­gey Brin und Lar­ry Page hin­ter sich gelas­sen hat. Laut Bloom­bergs Ver­zeich­nis der Mil­li­ar­dä­rIn­nen ist er heu­te der sechst­reichs­te Mann der Welt.

Amba­nis Net­to­ver­mö­gen beträgt jetzt 72,4 Mil­li­ar­den US-Dol­lar. Es ist klar, war­um sein Reich­tum seit Jah­ren zunimmt, obwohl die meis­ten Inde­rIn­nen mit Armut und wirt­schaft­li­cher Kata­stro­phe kon­fron­tiert sind. Es ist ein offe­nes Geheim­nis, dass Modi und sei­ne Regie­rung alle Res­sour­cen und Gel­der in den Dienst Amba­nis und ande­rer Kapi­ta­lis­tIn­nen gestellt haben.

Der sprung­haf­te Anstieg der Gewin­ne eini­ger Unter­neh­men in der schlimms­ten Wirt­schafts­la­ge gibt auch dem Modi-Regime eine gewis­se Hoff­nung. Es zielt dar­auf ab, Groß­un­ter­neh­men und Inves­ti­tio­nen aus den USA, Japan und der Euro­päi­schen Uni­on anzu­zie­hen. Modi betont, dass die indi­sche Wirt­schaft in der Lage sein wird, das Blatt zu wen­den. Die­ser unbe­grün­de­te Opti­mis­mus wird von sei­nen ein­ge­fleisch­ten Anhän­ge­rIn­nen und der Kapi­ta­lis­tIn­nen­klas­se gut auf­ge­nom­men.

Wirtschaftliche und gesellschaftliche Krise

In Wirk­lich­keit befin­det sich die indi­sche Wirt­schaft der­zeit in einer düs­te­ren Lage. Es ist nicht nur die Covid-19-Pan­de­mie oder die Abrie­ge­lung, die die Situa­ti­on ver­schlim­mert haben, son­dern es ist viel­mehr die glo­ba­le Wirt­schafts­kri­se des Kapi­ta­lis­mus, die die indi­sche Öko­no­mie in ihre eige­ne schreck­li­che Kri­se getrie­ben hat.

Auch wenn die Regie­rung nicht akzep­tiert, dass die Abrie­ge­lung ihre Zie­le ver­fehlt hat, stand die Wirt­schaft bereits vor dem 19. Novem­ber und der Pan­de­mie vor einem erns­ten Pro­blem, das nur die Rea­li­tät der öko­no­mi­schen Situa­ti­on Indi­ens offen­bar­te.

Der Inter­na­tio­na­le Wäh­rungs­fond (IWF) schätzt, dass die indi­sche Wirt­schaft im Jahr 2020 um 4,5 Pro­zent schrump­fen wird. Es gibt sogar noch schlech­te­re Pro­gno­sen, die behaup­ten, dass sie sogar um 10 Pro­zent abneh­men kann. Die Arbeits­lo­sig­keit in städ­ti­schen und länd­li­chen Gebie­ten wird nach Berich­ten der Orga­ni­sa­ti­on für wirt­schaft­li­che Zusam­men­ar­beit und Ent­wick­lung (OECD) vom Juni 2020 auf etwa 25 Pro­zent geschätzt.

Die Regie­rung Modi hin­ge­gen nutz­te die Abrie­ge­lung als Gele­gen­heit, um Geset­ze gegen die Arbei­te­rIn­nen­klas­se umzu­set­zen. Sie leg­te einen Gesetz­ent­wurf vor, mit dem 44 Arbeits­schutz­ge­set­ze auf vier redu­ziert wur­den. Die Regie­rung von Guja­rat hat den Arbeits­tag auf 12 Stun­den ver­län­gert. Von der BJP geführ­te Regie­run­gen in ver­schie­de­nen Bun­des­staa­ten setz­ten Arbeits­ge­set­ze wie das Gewerk­schafts­ge­setz, das Gesetz über Arbeits­kon­flik­te und ande­re aus.

Gemeinsame Aktion

Ein gemein­sa­mer Akti­ons­aus­schuss der Zen­tra­len Gewerk­schaf­ten, CTU, kam zusam­men, um lan­des­wei­te Pro­tes­te gegen dra­ko­ni­sche Ände­run­gen der Arbeits­ge­set­ze, die Pri­va­ti­sie­rung von Regie­rungs­ab­tei­lun­gen und Unter­neh­men des öffent­li­chen Sek­tors und für die Rech­te der nicht orga­ni­sier­ten Beschäf­tig­ten die­ses Bereichs zu orga­ni­sie­ren. Mit­glie­der des Indi­schen Natio­na­len Gewerk­schafts­kon­gres­ses, INTUC, des All­in­di­schen Gewerk­schafts­kon­gres­ses, AITUC, von Hin­du Mazdoor Sabha, HMS, Zen­trum der Indi­schen Gewerk­schaf­ten, CITU, der Selbst­stän­di­gen Frau­en­ver­ei­ni­gung, SEWA u. a. nah­men an einem lan­des­wei­ten Pro­test­tag am 3. Juli 2020 im gan­zen Land teil, an allen Arbeits­plät­zen und in allen Zen­tren als einen ver­ein­ten Kampf gegen Nicht-Koope­ra­ti­on und als Zei­chen der Miss­ach­tung arbeiterInnen‑, bau­ern/­bäue­rIn­nen- und volks­feind­li­cher sowie anti­na­tio­na­ler Poli­tik der Regie­rung. Die Aktio­nen wur­den Berich­ten zufol­ge an fast ein­hun­dert­tau­send Orten in allen Staa­ten orga­ni­siert, in den Fir­men, in Büros, auf Stra­ßen und Wegen.

In einer Erklä­rung der CTU hieß es, dass sie durch die Pro­tes­te

„ … ihre Ableh­nung der Des­in­ves­ti­ti­on und Groß­pri­va­ti­sie­rung von Unter­neh­men des öffent­li­chen Sek­tors, des Ein­tritts aus­län­di­scher Direkt­in­ves­ti­tio­nen in Kern­sek­to­ren bis zu 100 Pro­zent – indi­sche Eisen­bah­nen, Ver­tei­di­gung, Hafen und Docks, Koh­le, Flug­ge­sell­schaft Air India, Ban­ken, Ver­si­che­run­gen ein­schließ­lich der Pri­va­ti­sie­rung von Raum­fahrt­wis­sen­schaft und Atom­ener­gie usw. bekräf­tig­ten. Ban­ken des öffent­li­chen Sek­tors, Ver­si­che­run­gen und ande­re Finanz­sek­to­ren wer­den eben­falls für eine groß ange­leg­te Pri­va­ti­sie­rung ins Visier genom­men. Schrit­te zuguns­ten von Unter­neh­men indi­scher und aus­län­di­scher Her­stel­le­rIn­nen, die natür­li­che Res­sour­cen und Geschäf­te des Lan­des usur­pie­ren und dabei den Slo­gan von ‚Aat­ma-Nirb­har Bha­rat‘ (selbst­stän­di­ges Indi­en) in den Mund neh­men, wer­den scham­los durch­ge­setzt. Die Ent­schei­dung, die Teue­rungs­zu­la­gen (Dear­ness Allo­wan­ce, DA) und damit die Löh­ne von 480.000 Mit­ar­bei­te­rIn­nen der Zen­tral­re­gie­rung und Dear­ness Reli­ef (DR) und damit die Aus­zah­lun­gen an 680.000 Rent­ne­rIn­nen ein­zu­frie­ren, die sich auch auf die Mit­ar­bei­te­rIn­nen der Lan­des­re­gie­rung aus­wirkt, wird trotz des vehe­men­ten Wider­stands von Regie­rungs­an­ge­stell­ten und CTUs nicht zurück­ge­nom­men. Eben­so wenig wur­de die For­de­rung nach einem Bar­geld­trans­fer von 7.500 Rupi­en an alle Per­so­nen, die kei­ne Ein­kom­mens­steu­er zah­len, akzep­tiert.“

Die Arbei­te­rIn­nen­klas­se und die Armen begin­nen, ihren Zorn gegen die pro­ka­pi­ta­lis­ti­sche und pri­va­ti­sie­ren­de Poli­tik der Regie­rung Modi in Aktio­nen umzu­set­zen. Die Arbeits­lo­sen­quo­te hat­te im April 27 Pro­zent erreicht. Die mitt­le­ren und klei­nen Unter­neh­men selbst berich­te­ten, dass 30 bis 35 Pro­zent der Ein­hei­ten mög­li­cher­wei­se nicht in der Lage sind, ihre Tätig­keit auf­zu­neh­men. Die indi­sche Arbeits­or­ga­ni­sa­ti­on sag­te, dass mehr als 400 Mil­lio­nen Men­schen in tie­fe­re Armut gedrängt und dass Unter­ernäh­rung zuneh­men und Hun­ger­to­des­fäl­le zur täg­li­chen Rea­li­tät wer­den wür­den.

Anstatt sich auf die drin­gen­den Bedürf­nis­se die­ser Mil­lio­nen von Arbei­te­rIn­nen zu kon­zen­trie­ren, greift die Regie­rung jede Oppo­si­ti­on an und ver­haf­tet wäh­rend die­ser Pan­de­mie Stu­den­ten- und Gewerk­schafts­ak­ti­vis­tIn­nen. Stu­den­tIn­nen­füh­rer, die in die­sem Jahr die Pro­tes­te gegen das Staats­bür­ger­schafts­ge­setz orga­ni­siert haben, wer­den nun lan­des­weit ver­haf­tet und ange­klagt.

Die arbei­te­rIn­nen­feind­li­che Poli­tik des Modi-Regimes, sein Ver­sa­gen bei der Abrie­ge­lung und sei­ne pro­ka­pi­ta­lis­ti­sche Poli­tik bedeu­ten, dass die rie­si­ge indi­sche Arbei­te­rIn­nen­klas­se kei­ne ande­re Wahl hat, als sich zu ver­ei­nen und gegen ihn und die herr­schen­de Klas­se, die er ver­tritt, zu kämp­fen. Wir haben Anfang die­ses Jah­res, vor Covid-19, einen Gene­ral­streik erlebt, an dem mehr als 200 Mil­lio­nen Arbei­te­rIn­nen teil­nah­men. Die Koh­le­ar­bei­te­rIn­nen, die bereits drei­tä­gig die Arbeit nie­der­ge­legt hat­ten, schlos­sen sich dem Streik vom 3. Juli an, und auch vie­le ande­re Beschäf­tig­te des öffent­li­chen Sek­tors berei­ten sich auf einen Streik vor.

Die Bau­ern und Bäue­rin­nen ver­ur­tei­len auch die neue Gesetz­ge­bung im Agrar­sek­tor. Es ist klar, dass gro­ße Kämp­fe bevor­ste­hen. In die­ser Situa­ti­on braucht die indi­sche Arbei­te­rIn­nen­klas­se eine eige­ne, mit einem sozia­lis­ti­schen Pro­gramm aus­ge­stat­te­te Par­tei, die gegen die dra­ko­ni­schen Geset­ze und für den Sturz der Regie­rung Modi kämpft, aber die­se Bewe­gung kann ihre Zie­le nur errei­chen, wenn sie den Kapi­ta­lis­mus stürzt und für den Sozia­lis­mus kämpft.

Wie soll es weitergehen?

Die Gewerk­schaf­ten haben einen wei­te­ren natio­na­len Akti­ons­tag für den 9. August und eine Soli­da­ri­täts­ak­ti­on zum Tag des Koh­le­streiks am 18. August ange­kün­digt. Die­se kön­nen zu einem Brenn­punkt gemein­sa­mer Aktio­nen, Demons­tra­tio­nen von Stär­ke und Ent­schlos­sen­heit gera­ten. Aber sie müs­sen in einen umfas­sen­den Kampf der Arbei­te­rIn­nen­klas­se zur Gewähr­leis­tung von Gesund­heits­ver­sor­gung, Sicher­heit, Arbeits­plät­zen und Ein­kom­men ein­ge­bun­den wer­den. Um die Aus­brei­tung der Pan­de­mie zu bekämp­fen, müs­sen der Gesund­heits­sek­tor und alle Res­sour­cen ver­staat­licht und nach einem Plan neu orga­ni­siert wer­den, der von den Beschäf­tig­ten des Gesund­heits­we­sens, den Ärz­tIn­nen und Gewerk­schaf­ten sowie den Orga­ni­sa­tio­nen der Bau­ern und Bäue­rin­nen, der länd­li­chen und städ­ti­schen Armen kon­trol­liert wird.

Die Arbei­te­rIn­nen­klas­se muss sich jeder Abschaf­fung von Arbeits­ge­set­zen und Sicher­heits­vor­schrif­ten wider­set­zen. Statt­des­sen müs­sen ein Min­dest­lohn, Arbeits­lo­sen- und Sozi­al­leis­tun­gen für die Armen und Ren­ten ein­ge­führt wer­den. Die­se müs­sen aus­rei­chen, um die Kos­ten für Nah­rung, Medi­zin, Trans­port, Unter­kunft … für alle arbei­ten­den Men­schen zu decken, und die Höhe soll­te von den Gewerk­schaf­ten und Ver­tre­te­rIn­nen der beschäf­tig­ten und arbeits­lo­sen Lohn­ab­hän­gi­gen fest­ge­legt wer­den. Die­se müs­sen durch Besteue­rung oder, wo nötig, durch Beschlag­nah­me des Ein­kom­mens und Ver­mö­gens der Rei­chen finan­ziert wer­den.

Alle gro­ßen Indus­trien, das Han­dels- und Finanz­ka­pi­tal, sei­en sie indisch oder aus­län­disch, die mit Schlie­ßun­gen, Ent­las­sun­gen oder der Abschaf­fung von Arbeits­ge­set­zen dro­hen, müs­sen ent­schä­di­gungs­los ent­eig­net wer­den. Die Arbei­te­rIn­nen­klas­se muss die Kon­trol­le über die­se Indus­trien über­neh­men, ein­schließ­lich der Ent­schei­dung, wel­che Bran­chen wäh­rend der Pan­de­mie gestoppt wer­den und wel­che expan­die­ren oder unter ihrer Kon­trol­le wei­ter­lau­fen sol­len.

All die­se Maß­nah­men kön­nen nur durch einen ent­schlos­se­nen, all­um­fas­sen­den Klas­sen­kampf gegen die herr­schen­de Klas­se, die Modi-Regie­rung, ihren repres­si­ven Staats­ap­pa­rat und reak­tio­nä­re hin­du­is­tisch-natio­na­lis­ti­sche oder sogar faschis­ti­sche Bewe­gun­gen erreicht wer­den. Um einen sol­chen Kampf erfolg­reich zu füh­ren, bedarf es eines umfas­sen­den Gene­ral­streiks, Mas­sen­de­mons­tra­tio­nen, Beset­zun­gen von Unter­neh­men, Fabri­ken und Land. Dabei kommt den Gewerk­schaf­ten eine Schlüs­sel­rol­le zu, aber dazu ist es erfor­der­lich, dass sie über begrenz­te täg­li­che Aktio­nen hin­aus­ge­hen.

Es wird von ent­schei­den­der Bedeu­tung sein, dass in den Betrie­ben, Gemein­den, Städ­ten und Dör­fern Akti­ons­ko­mi­tees zur demo­kra­ti­schen Kon­trol­le und Füh­rung des Streiks und sei­ner Ver­tei­di­gung von Mas­sen­ver­samm­lun­gen gewählt wer­den und die­sen gegen­über rechen­schafts­pflich­tig sind. Ange­sichts des zuneh­mend dik­ta­to­ri­schen Cha­rak­ters des Modi-Regimes, sei­ner Streit­kräf­te und der hin­du-natio­na­lis­ti­schen Bewe­gung wer­den die Streiks und die Gemein­den durch Selbst­ver­tei­di­gungs­or­ga­ni­sa­tio­nen geschützt wer­den müs­sen.

Es liegt auf der Hand, dass eine sol­che Mas­sen­be­we­gung, ein Gene­ral­streik, der in der kom­men­den Zeit her­bei­ge­führt wer­den könn­te, die Fra­ge der Macht auf­wer­fen wird: eine Fra­ge, die die Arbei­te­rIn­nen­klas­se nicht nur mit Ent­schlos­sen­heit, son­dern auch mit Klar­heit beant­wor­ten muss, indem sie für eine Arbei­te­rIn­nen- und Bau­ern-/Bäue­rin­nen­re­gie­rung auf der Grund­la­ge von Arbei­te­rIn­nen- und Bauern/​Bäuerinnenräten kämpft. Die Akti­ons­ko­mi­tees, die geschaf­fen wer­den, um die Bewe­gung zu orga­ni­sie­ren, könn­ten sich zu sol­chen Räten ent­wi­ckeln, wie sich die Bewe­gung und die Kämp­fe ent­wi­ckeln, so wie sich die Selbst­ver­tei­di­gungs­or­ga­ne zu einer Miliz der ArbeiterInnen‑, Bau­ern-/Bäue­rin­nen­schaft und Armen ent­fal­ten könn­ten, die zusam­men mit den Sol­da­tIn­nen­rä­ten in der Armee den repres­si­ven Staats­ap­pa­rat der indi­schen Bour­geoi­sie auf­lö­sen und erset­zen könn­ten.

Vor allem aber wür­de eine Arbei­te­rIn­nen- und Bau­ern-/Bäue­rin­nen­re­gie­rung ent­schie­de­ne Maß­nah­men ergrei­fen, um ein Sofort­pro­gramm zur Absi­che­rung der Gesund­heit, zur Besei­ti­gung der Armut und zur Reor­ga­ni­sa­ti­on der indi­schen Wirt­schaft im Inter­es­se der Vie­len, nicht der Weni­gen, umzu­set­zen. Kurz gesagt, sie wür­de das gesam­te Groß­ka­pi­tal unter Kon­trol­le der Arbei­te­rIn­nen­klas­se ver­staat­li­chen, die Kapi­ta­lis­tIn­nen­klas­se ent­eig­nen und einen demo­kra­ti­schen Plan ein­füh­ren und damit nicht nur den Weg für eine sozia­lis­ti­sche Umge­stal­tung Indi­ens, son­dern auch für die Aus­brei­tung der Revo­lu­ti­on auf ganz Süd­asi­en und dar­über hin­aus ebnen.

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