[KgK:] Die Pandemie ist nicht vorbei: 174 CoVid-Erkrankungen unter Erntehelfer*innen

Bild: Hubert Ber­be­rich (HubiB) /​CC BY

In der Gemein­de Mam­ming in Nie­der­bay­ern wur­den letz­ten Frei­tag 7 Erntehelfer*innen posi­tiv auf Coro­na getes­tet. Nach umfang­rei­chen Tests liegt die Zahl der Infi­zier­ten deut­lich höher: min­des­tens 174 Men­schen auf einem Hof im Land­kreis Din­gol­fing-Land­au sind an Covid-19 erkrankt. Der Betrieb und sei­ne Arbeiter*innen wur­den unter Qua­ran­tä­ne gestellt.

Von Coronabrutstätten und Arbeitsleid

Die Arbeits- und Lebens­be­din­gun­gen waren für Gastarbeiter*innen schon vor Coro­na unmensch­lich: Sie müs­sen beeng­te Unter­brin­gun­gen, Akkord­löh­ne1, 72-Stun­den-Wochen, schwe­re kör­per­li­che Arbeit und teils schlim­me Wit­te­rungs­be­din­gun­gen ertra­gen.

Durch die Qua­ran­tä­ne haben die Arbeiter*innen jetzt nicht ein­mal mehr die Mög­lich­keit, grund­le­gen­de hygie­ni­sche Maß­nah­men zu ergrei­fen, um sich selbst zu schüt­zen, wie bei­spiels­wei­se durch Social Distancing. So kön­nen aus den 174 Infi­zier­ten vom letz­ten Frei­tag sehr schnell 480 Infi­zier­te wer­den. Es wur­den zwar die posi­tiv getes­te­ten Men­schen von nega­tiv getes­te­ten getrennt, aber wie vie­le von den nicht-infi­zier­ten Men­schen noch inku­bie­ren2, ist unge­wiss. Ein Sicher­heits­dienst über­wacht die strik­te Ein­hal­tung der Qua­ran­tä­ne.

[..] kei­ner der 480 Mit­ar­bei­ter darf der­zeit das mit einem Bau­zaun ein­ge­heg­te und von Sicher­heits­leu­ten bewach­te Gelän­de ver­las­sen.

Wenn Men­schen mit wür­di­ger Wohn­si­tua­ti­on in Qua­ran­tä­ne müs­sen, ist das schlimm genug, und bei ihnen ste­hen nicht Sicher­heits­leu­te vor der Haus­tür. Wenn Erntehelfer*innen in Qua­ran­tä­ne müs­sen, bedeu­tet das, mit hun­der­ten poten­zi­el­len Virusüberträger*innen ein­ge­sperrt zu sein, in einer Umge­bung, die selbst zum “nur schla­fen” nicht zumut­bar ist.

In einer ähn­li­chen Situa­ti­on sind auch die in den Lagern unter­ge­brach­ten Geflüch­te­ten.

Die­se Situa­ti­on hät­te, eben­so wie die bei Tön­nies, ver­mie­den wer­den kön­nen. (In die­sem Arti­kel gehen wir stär­ker auf Tön­nies ein.) Die Ver­hält­nis­se sind beengt, es gibt kei­ne oder zu weni­ge Schutz­maß­nah­men. Trotz alle­dem bestehen Kapitalist*innen dar­auf, die Betrie­be offen zu hal­ten. Nichts zeigt kla­rer, wie sehr die Pro­fi­te der Kon­zer­ne über der Gesund­heit der Arbeiter*innen ste­hen. (Wie Maß­nah­men zum Schutz der Arbeiter*innen aus­se­hen kön­nen, haben Char­lot­te Ruga und Lisa Stern­berg für das Kran­ken­haus in die­sem Arti­kel aus­ge­führt.)

Auch der Vor­schlag, flä­chen­de­cken­de Tests durch­zu­füh­ren, der von der baye­ri­schen Lan­des­re­gie­rung lan­ge igno­riert wur­de, und für den sie jetzt zurecht kri­ti­siert wird, reicht allei­ne nicht aus, um zukünf­ti­ge mas­sen­haf­te Infek­tio­nen zu ver­hin­dern: Die Arbeiter*innen soll­ten nicht nur aus­rei­chend Tests zur Ver­fü­gung haben kön­nen, son­dern vor allem mensch­li­che Arbeits- und Lebens­be­din­gun­gen, die das Risi­ko einer Anste­ckung mit Covid-19 so nied­rig wie mög­lich hal­ten. An sich gibt es sogar Rege­lun­gen, die das sicher­stel­len sol­len. Die­se Rege­lun­gen sind bei Wei­tem nicht aus­rei­chend, außer­dem tei­len sie das Schick­sal vie­ler Rege­lun­gen, bei­spiels­wei­se in Mast- und Schlacht­be­trie­ben: Sie wer­den, ohne Kon­se­quen­zen befürch­ten zu müs­sen, nicht ein­ge­hal­ten.

Effek­ti­ve Rege­lun­gen schmä­lern aber zwangs­läu­fig Pro­fi­te im Agrar- und Lebens­mit­tel­sek­tor. Dass die Regie­rung eines Bun­des­lan­des, des­sen Wirt­schaft zu guten Tei­len auf der Pro­duk­ti­on und dem Export bil­li­ger Lebens­mit­tel basiert, sich damit zurück­hält, über­rascht nicht.

Rassismus hilft nicht gegen Corona

Das Sys­tem, in dem wir gera­de leben, macht es den Bos­sen und Regie­run­gen ein­fach, sich aus der Ver­ant­wor­tung zu zie­hen: Die Bos­se lie­ßen wei­ter pro­du­zie­ren und schu­fen damit unge­heu­re Anste­ckungs­her­de, bis heu­te. Statt Rüge oder Regle­men­tie­run­gen erhiel­ten sie mil­li­ar­den­schwe­re Ret­tungs­pa­ke­te vom Staat.

Gesund­heits­mi­nis­te­rin Mela­nie Huml (CSU) spricht von einer Aus­brei­tung, die aktu­ell „sehr klar abgrenz­bar“ sei. Und spricht davon, das Abrie­geln des Betriebs sei „adäquat und ver­hält­nis­mä­ßig“. Die Stra­te­gie ist klar: Durch Abschot­tung der aus­län­di­schen Arbeiter*innen, die auch vor Coro­na ger­ne und viel prak­ti­ziert wur­de – man legt gro­ßen Wert dar­auf, die Arbeiter*innen von der „hei­mi­schen Bevöl­ke­rung“ getrennt zu hal­ten – soll die Anste­ckung der deut­schen Bevöl­ke­rung ver­mie­den wer­den. Coro­na wird als impor­tier­tes oder zumin­dest scharf (auf die Betrie­be mit migran­ti­schen Arbeiter*innen) abgrenz­ba­res Pro­blem gese­hen, das man nur gut genug weg­sper­ren und iso­lie­ren müss­te.

Damit wird die fal­sche Tren­nung zwi­schen “ein­hei­mi­schen” und “aus­län­di­schen” Arbeiter*innen ver­stärkt. Die aus­län­di­schen Arbeiter*innen wer­den als Gefahr für die loka­le Bevöl­ke­rung gezeich­net, obwohl die Gefahr nicht von ihnen aus­geht, son­dern von den Bos­sen, die die unsi­che­ren Arbeits­be­din­gun­gen dik­tie­ren.

Söder ist nicht unser Held

Der Aus­bruch in Mam­ming macht auch eines klar: Bay­erns Minis­ter­prä­si­dent Mar­kus Söder hat die Situa­ti­on bei Wei­tem nicht so sehr im Griff, wie er behaup­tet. Bay­ern galt bis­her als Vor­zei­ge­bun­des­land im Umgang mit Coro­na. Auf dem Rücken der Coro­na-Wel­le wur­de Mar­kus Söder zu einem Sym­pa­thie­trä­ger unter den deut­schen Politiker*innen, inzwi­schen han­delt man ihn sogar als Kanz­ler­kan­di­da­ten – noch vor einem Jahr fast undenk­bar. Doch das Robert-Koch-Insti­tut warnt vor stei­gen­den Infek­ti­ons­zah­len und einer mög­li­chen zwei­ten Wel­le. Wenn wir uns anschau­en, wer die ers­te Welt mit dem Risi­ko für die eige­ne Gesund­heit bezahlt hat – unver­zicht­ba­re Arbeiter*innen im Gesundheits‑, Lebensmittel‑, Rei­ni­gungs- und ande­ren Sek­to­ren – und wer mit Mil­li­ar­den an Ret­tungs­gel­dern und Pro­fi­ten her­aus­ge­hen konn­te, kön­nen wir schon ahnen, was die zwei­te Wel­le bringt. Und Mar­kus Söders Inter­es­se liegt nicht dar­an, die Bevöl­ke­rung zu schüt­zen, son­dern gera­de die­je­ni­gen, die mit unse­rem Leben Pro­fi­te machen.

So lan­ge die Arbeits­be­din­gun­gen der Gastarbeiter*innen (und auch der ein­hei­mi­schen Arbeiter*innen) nicht ver­bes­sert wer­den; so lan­ge das Gesund­heits­sys­tem ein Ort ist, wo es dar­um geht, Geld ein­zu­spa­ren und Gewin­ne zu machen; so lan­ge die Pro­fi­te der Kon­zer­ne über unse­ren Leben ste­hen; so lan­ge sind wir nicht aus­rei­chend vor Coro­na geschützt.

Fuß­no­ten

1. Akkord­lohn: Lohn, des­sen Höhe von dem erziel­ten Arbeits­er­geb­nis und nicht von der auf­ge­wen­de­ten Arbeits­zeit abhän­gig ist.

2. d.h. die also infi­ziert sind, aber deren Virus­men­ge noch unter der Nach­weis­gren­ze ist.

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