[gfp:] In den Einsatz vor Libyen

Ägypten droht mit Einmarsch

Im Liby­en-Krieg haben zuletzt ägyp­ti­sche Inter­ven­ti­ons­dro­hun­gen für neue Ver­wer­fun­gen gesorgt. Aus­lö­ser war der Vor­marsch der Mili­zen der „Ein­heits­re­gie­rung“ in Tri­po­lis, die im Früh­jahr mit umfas­sen­der mili­tä­ri­scher Unter­stüt­zung der Tür­kei die Offen­si­ve des ost­li­by­schen War­lords Kha­li­fa Haftar abweh­ren konn­ten und seit Juni vor der Hafen­stadt Sir­te und der gut 250 Kilo­me­ter süd­lich davon gele­ge­nen Air­ba­se Al Juf­ra ste­hen. Sir­te gilt als Tor zu den wich­ti­gen Erd­öl­hä­fen öst­lich der Stadt; vor allem aber gel­ten Sir­te und Al Juf­ra als stra­te­gi­sche Aus­gangs­stel­lun­gen für eine poten­zi­el­le Erobe­rung Ost­li­by­ens durch die Trup­pen der „Ein­heits­re­gie­rung“. Die­se aller­dings will Ägyp­ten um jeden Preis ver­hin­dern. Ursa­che ist, dass die „Ein­heits­re­gie­rung“ in Tri­po­lis eng mit der Mus­lim­bru­der­schaft ver­floch­ten ist, dem Erz­feind der in Kai­ro herr­schen­den Gene­rä­le, die sich im Som­mer 2013 mit einem mör­de­ri­schen Putsch gegen die dama­li­ge Regie­rung der ägyp­ti­schen Mus­lim­brü­der an die Macht gebracht haben.[1] Am 13. Juli hat die poli­ti­sche Struk­tur um Haftar, das Par­la­ment im ost­li­by­schen Tobruk, Ägyp­ten offi­zi­ell um eine Mili­tär­in­ter­ven­ti­on zwecks Abwehr der Trup­pen der „Ein­heits­re­gie­rung“ gebe­ten. Am 20. Juli hat das ägyp­ti­sche Par­la­ment einen mög­li­chen Ein­marsch der ägyp­ti­schen Streit­kräf­te in Liby­en auto­ri­siert. Ägyp­tens Prä­si­dent Abd al Fattah al Sisi hat zudem in Aus­sicht gestellt, ost­li­by­sche Stäm­me für den Kampf gegen die Trup­pen der „Ein­heits­re­gie­rung“ zu bewaffnen.[2] Damit droht eine unab­seh­ba­re wei­te­re Eska­la­ti­on des Kriegs.

Die Bundeswehr bei „Irini“

In die­ser Situa­ti­on wird in der kom­men­den Woche die Fre­gat­te „Ham­burg“ in den Ein­satz vor der liby­schen Küs­te auf­bre­chen – im Rah­men der EU-Ope­ra­ti­on „Iri­ni“, die vor allem den Schmug­gel von Waf­fen nach Liby­en unter­bin­den soll. Damit trägt die EU zu den Bemü­hun­gen Ber­lins bei, auf inter­na­tio­na­ler Ebe­ne eine Füh­rungs­rol­le bei der Ein­däm­mung des Liby­en-Kriegs ein­zu­neh­men. In die­sem Zusam­men­hang hat­te die Bun­des­re­gie­rung im Janu­ar mit gro­ßem Pomp ihre Ber­li­ner Liby­en-Kon­fe­renz zelebriert.[3] Die Fre­gat­te „Ham­burg“ soll mit rund 250 Sol­da­ten Mit­te August im Ope­ra­ti­ons­ge­biet ein­tref­fen; sie ist unter ande­rem auf See­raum­kon­trol­le spe­zia­li­siert. Bis­lang hat­te die Bun­des­wehr ledig­lich Stab­s­per­so­nal in das ope­ra­ti­ve Haupt­quar­tier in Rom sowie auf das „Irini“-Flaggschiff ent­sandt und dar­über hin­aus ein See­fern­auf­klä­rungs­flug­zeug P‑3C Ori­on zur Ver­fü­gung gestellt, das, wegen der Covid-19-Pan­de­mie von sei­nem Hei­mat­stand­ort in Nord­holz an der Nord­see­küs­te aus ope­rie­rend [4], rund 20 Ein­satz­flü­ge durch­ge­führt haben soll. Die Ope­ra­ti­on „Iri­ni“, an der sich 23 Staa­ten betei­li­gen, dient außer der Ver­hin­de­rung von Waf­fen­schmug­gel auch der Ein­däm­mung ille­ga­len liby­schen Erd­öl­ex­ports, der Aus­bil­dung der berüch­tig­ten liby­schen Küs­ten­wa­che sowie dem Kampf gegen uner­wünsch­te Migra­ti­on über das Mit­tel­meer nach Euro­pa. Sie wird von dem ita­lie­ni­schen Kon­ter­ad­mi­ral Fabio Ago­sti­ni geführt; ihr Bud­get beläuft sich auf 9,8 Mil­lio­nen Euro.[5]

Vom Feuerleitradar erfasst

Dabei bringt der Ein­satz der Fre­gat­te „Ham­burg“ gegen­über der bis­he­ri­gen deut­schen Betei­li­gung an „Iri­ni“ erheb­li­che Risi­ken mit sich. Die­se erge­ben sich vor allem dar­aus, dass die Tür­kei die von ihr pro­te­gier­te „Ein­heits­re­gie­rung“ in Tri­po­lis mit Waf­fen­lie­fe­run­gen über das Mit­tel­meer unter­stützt. Erst kürz­lich hat ein damit ver­bun­de­ner Vor­fall vom 10. Juni hohe Wel­len geschla­gen. An jenem Tag ver­such­te die grie­chi­sche Fre­gat­te „Spet­sai“ im Rah­men von „Iri­ni“, das Kurs auf Liby­en neh­men­de Fracht­schiff „Cir­kin“ zu kon­trol­lie­ren. „Cir­kin“ soll bereits Ende Mai schwe­res Kriegs­ge­rät und syri­sche Söld­ner aus der Tür­kei nach Mis­ra­ta öst­lich von Tri­po­lis trans­por­tiert haben; die Mis­ra­ta-Mili­zen kämp­fen an der Sei­te der „Ein­heits­re­gie­rung“ in Tripolis.[6] Der Ver­such der „Spet­sai“, den Frach­ter zu kon­trol­lie­ren, schei­ter­te: Tür­ki­sche Kriegs­schif­fe, die das Schiff eskor­tier­ten, ver­hin­der­ten ihn. Noch am sel­ben Tag unter­nahm die fran­zö­si­sche Fre­gat­te „Le Cour­bet“, die im Rah­men der NATO-Ope­ra­ti­on „Sea Guar­di­an“ im Mit­tel­meer ope­rier­te, einen wei­te­ren Kon­troll­ver­such; er wur­de eben­falls von den tür­ki­schen Kriegs­schif­fen abge­wehrt. Die­se erfass­ten dabei die tür­ki­sche Fre­gat­te mehr­mals mit ihrem Feu­er­leit­ra­dar – eine Maß­nah­me, die zur unmit­tel­ba­ren Vor­be­rei­tung von Beschuss erfor­der­lich ist. Paris hat mit wüten­dem Pro­test dar­auf reagiert.[7] Die „Cir­kin“ setz­te ihre Fahrt fort und traf am 11. Juni in Mis­ra­ta ein.

Deutsche Waffen in Libyen

Soll­te die Fre­gat­te „Ham­burg“ ihrer­seits ver­su­chen, ein von der tür­ki­schen Mari­ne eskor­tier­tes Fracht­schiff mit Kurs auf Tri­po­lis oder auf Mis­ra­ta zu kon­trol­lie­ren, droht nicht nur eine ähn­li­che Eska­la­ti­on. Mög­lich wäre auch, dass die „Ham­burg“ von in Deutsch­land gebau­ten Kriegs­schif­fen an der Kon­trol­le gehin­dert wird: Die tür­ki­sche Mari­ne ver­fügt über eine Rei­he Schnell­boo­te und Fre­gat­ten, die von deut­schen Werf­ten her­ge­stellt wur­den. Nicht aus­zu­schlie­ßen wäre zudem, dass die Besat­zung der „Ham­burg“, soll­te es ihr wider Erwar­ten gelin­gen, ein von den tür­ki­schen See­streit­kräf­ten eskor­tier­tes Fracht­schiff zu über­prü­fen, dort in der Bun­des­re­pu­blik pro­du­zier­te Rüs­tungs­gü­ter vor­fän­de. Vor kur­zem erga­ben Medi­en­re­cher­chen, dass Ende Janu­ar ein tür­ki­sches Fracht­schiff mut­maß­lich Mer­ce­des-Mili­tär­fahr­zeu­ge nach Tri­po­lis trans­por­tier­te. Dies ist durch Video­auf­nah­men eines See­man­nes aus dem Fracht­raum des Schif­fes belegt; zudem konn­ten Jour­na­lis­ten die Fahr­zeu­ge auf Video­auf­nah­men von einer Stra­ße unweit des Hafens von Tri­po­lis iden­ti­fi­zie­ren. Dar­über hin­aus waren laut den Recher­chen „mit hoher Wahr­schein­lich­keit“ auch „Mili­tär­fahr­zeu­ge des deut­schen Kon­zerns MAN mit an Bord“.[8]

Ziel: Waffenstillstand

Einen Vor­fall ähn­lich dem­je­ni­gen zwi­schen der fran­zö­si­schen Fre­gat­te „Le Cour­bet“ sowie den tür­ki­schen Kriegs­schif­fen könn­te die Fre­gat­te „Ham­burg“ ver­mei­den, wenn es gelän­ge, die wei­te­re Eska­la­ti­on des Liby­en-Kriegs zu ver­hin­dern und damit neue tür­ki­sche Rüs­tungs­lie­fe­run­gen an die „Ein­heits­re­gie­rung“ in Tri­po­lis über­flüs­sig zu machen. Eine gewis­se Hoff­nung dar­auf besteht – aller­dings nicht auf­grund deut­scher, son­dern dank rus­si­scher Akti­vi­tä­ten. Russ­land unter­stützt im Liby­en-Krieg den ost­li­by­schen War­lord Kha­li­fa Haftar, ist aller­dings weni­ger fest­ge­legt als des­sen ande­re För­de­rer, die Regie­run­gen der Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­te und Ägyp­ten, denen es vor allem um einen Sieg über die inter­na­tio­nal orga­ni­sier­te Mus­lim­bru­der­schaft geht, da die­se ihre Herr­schaft in Fra­ge stellt.[9] Mos­kau ist es in der gefähr­lich eska­lie­ren­den Lage gelun­gen, Anka­ra am 22. Juli auf eine gemein­sa­me rus­sisch-tür­ki­sche Erklä­rung fest­zu­le­gen. Dar­in bekräf­ti­gen bei­de Sei­ten unter ande­rem, sich für die „Schaf­fung von Bedin­gun­gen für einen dau­er­haf­ten und trag­fä­hi­gen Waf­fen­still­stand“ ein­zu­set­zen. Zudem kün­di­gen sie an, den „inner­li­by­schen poli­ti­schen Dia­log“ för­dern zu wollen.[10] Die Abspra­che zwi­schen Russ­land und der Tür­kei bie­tet aktu­ell die größ­ten Chan­cen auf eine Ein­däm­mung des Kon­flikts. Aller­dings ist unklar, ob sie Bestand hat: Schon kurz vor der Ber­li­ner Liby­en-Kon­fe­renz hat­ten Mos­kau und Anka­ra ähn­li­che Bemü­hun­gen unter­nom­men, ohne die die Kon­fe­renz womög­lich gar nicht zustan­de gekom­men wäre (ger​man​-for​eign​-poli​cy​.com berich­te­te [11]); sie schei­ter­ten aller­dings schon bald.

Libyen statt Australien

Dass die Fre­gat­te „Ham­burg“ vor die liby­sche Küs­te ent­sandt wird, ist nicht Ber­lins ers­te Wahl. Ursprüng­lich war vor­ge­se­hen, das Kriegs­schiff im Früh­jahr zu einer Übungs­fahrt in den Indi­schen Oze­an zu ent­sen­den, wo es mit Anrai­ner­staa­ten gemein­sa­me Manö­ver durch­füh­ren und dabei bis nach Aus­tra­li­en vor­sto­ßen soll­te – ein Vor­ha­ben, das ein­deu­tig gegen Chi­na gerich­tet war (ger​man​-for​eign​-poli​cy​.com berich­te­te [12]). Die Covid-19-Pan­de­mie und das Schei­tern aller bis­he­ri­gen Bemü­hun­gen Ber­lins in Liby­en haben den dor­ti­gen Ein­satz der Fre­gat­te nötig gemacht.

Bit­te beach­ten Sie auch unse­re Video-Kolum­ne Ber­lin: Waf­fen­be­reit­schaft.

[1] S. auch Muba­rak 2.0 (II).

[2] Aver­ting an Egyp­ti­an Mili­ta­ry Inter­ven­ti­on in Libya. cri​sis​group​.org 27.07.2020.

[3] S. dazu Die Ber­li­ner Liby­en-Kon­fe­renz (II).

[4] S. dazu Die Gestal­tungs­kraft der EU.

[5] Mis­si­on at a glance. ope​ra​tio​ni​ri​ni​.eu.

[6] Tho­mas Gutsch­ker, Michae­la Wie­gel: Kurz vor dem Feu­er­be­fehl. Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung 03.07.2020.

[7] S. dazu Deutsch-fran­zö­si­sche Kon­flik­te.

[8] P. Grüll, K. Hoff­mann, A. Seny­urt, H.-M. Til­lack: Embar­go-Bruch mit deut­schen Mar­ken. tages​schau​.de 23.06.2020.

[9] Samu­el Rama­ni: Putin, Moha­med bin Zay­ed seek to rec­laim com­mon ground on Libya. al​-moni​tor​.com 15.07.2020.

[10] Cen­giz Can­dar: How has Rus­sia for­ced Tur­key to com­pro­mi­se on Libya? al​-moni​tor​.com 27.07.2020.

[11] S. dazu Der deutsch-rus­si­sche Schatz und Die Ber­li­ner Liby­en-Kon­fe­renz.

[12] S. dazu Asi­ens Schlüs­sel­meer.

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