[KgK:] Sanders unterstützt nicht nur Bidens Kandidatur, sondern auch sein Programm

Anfang Juli ver­öf­fent­lich­te eine von Ber­nie San­ders und Joe Biden ins Leben geru­fe­ne gemein­sa­me Taskfor­ce ein 110-sei­ti­ges Doku­ment mit poli­ti­schen Emp­feh­lun­gen für das Pro­gramm der Demo­kra­ti­schen Par­tei. Die Emp­feh­lun­gen kon­zen­trie­ren sich auf sechs Schlüs­sel­be­rei­che – Kli­ma­wan­del, Gesund­heits­we­sen, Wirt­schaft, Straf­jus­tiz, Ein­wan­de­rung und Bil­dung – und stel­len angeb­lich eine pro­gres­si­ve Agen­da dar. Das Doku­ment ent­hält jedoch wich­ti­ge San­ders-For­de­run­gen wie Medi­ca­re for All, also die Aus­wei­tung der staat­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung, und einen Green New Deal nicht und ver­wäs­sert vie­le wei­te­re. Letzt­lich ste­hen die Emp­feh­lun­gen im Ein­klang mit Bidens kapi­ta­lis­ti­schem Pro­gramm und zei­gen die Fall­stri­cke der Arbeit inner­halb der Demo­kra­ti­schen Par­tei auf.

Die Task For­ce wur­de im Mai ange­kün­digt, einen Monat nach­dem San­ders aus dem Prä­si­dent­schafts­wahl­kampf aus­ge­schie­den war, und setz­te sich aus pro­mi­nen­ten Unterstützer*innen bei­der Poli­ti­ker zusam­men. Wäh­rend der gesam­ten Vor­wah­len wur­de Biden wegen sei­ner gemä­ßig­ten Hal­tung, sei­ner Kon­zen­tra­ti­on auf die Wie­der­her­stel­lung einer Vor-Trump-Ära und sei­ner man­geln­den Bereit­schaft, die tie­fe­ren Wur­zeln der anhal­ten­den Kri­sen in den USA anzu­ge­hen, kri­ti­siert. Sei­ne mage­ren Ergeb­nis­se bei den Vor­wah­len in den frü­hen Bun­des­staa­ten zeig­ten, dass sei­ne Busi­ness-as-usu­al-Bot­schaft wenig inspi­rie­rend war, ins­be­son­de­re für jün­ge­re Wähler*innen. Bidens gemein­sa­me Taskfor­ce war ein Ver­such, pro­gres­si­ve­re Wähler*innen zu errei­chen und San­ders‘ Basis vor der Wahl im Novem­ber zu gewin­nen.

Das ver­öf­fent­lich­te Doku­ment ent­hält eini­ge von San­ders‘ Vor­schlä­gen: einen Min­dest­lohn von 15 Dol­lar, die Abschaf­fung von Bar­kau­tio­nen und Pri­vat­ge­fäng­nis­sen, zwölf Wochen bezahl­ten Fami­li­en- und Krank­heits­ur­laub, die Auf­he­bung der gewerk­schafts­feind­li­chen Geset­ze zum „Recht auf Arbeit“ und die Schaf­fung eines Post­bank­sys­tems. Doch wäh­rend die Medi­en das Doku­ment als „ehr­gei­zi­ge, pro­gres­si­ve Agen­da“ und einen Schritt nach links für Bidens lob­ten, zeigt eine genaue­re Unter­su­chung der poli­ti­schen Emp­feh­lun­gen, dass nur sehr wenig von San­ders‘ Agen­da Teil des Doku­ments ist.

„Einheit“ ohne Sanders‘ Forderungen

Vie­le von San­ders‘ For­de­run­gen wur­den erheb­lich abge­schwächt oder durch vage Emp­feh­lun­gen ersetzt. Der Besuch einer öffent­li­chen Hoch­schu­le wür­de nur für Student*innen aus Fami­li­en mit einem Jah­res­ein­kom­men von weni­ger als 125.000 Dol­lar kos­ten­los sein, und nur Beschäf­tig­ten des öffent­li­chen Diens­tes könn­ten bis zu 10.000 Dol­lar an Schul­den, die sie für das Stu­di­um auf­neh­men muss­ten, erlas­sen wer­den. Das Doku­ment schlägt zwar vor, die Zahl der jähr­lich in die USA ein­rei­sen­den Geflüch­te­ten zu erhö­hen, emp­fiehlt jedoch nicht, den uner­laub­ten Grenz­über­tritt zu ent­kri­mi­na­li­sie­ren. Anstatt eine Arbeits­platz­ga­ran­tie zu unter­stüt­zen, stellt das Doku­ment ledig­lich fest, dass „die Regie­rung Maß­nah­men zur Schaf­fung von Arbeits­plät­zen und Arbeits­platz­pro­gram­men ergrei­fen muss“, ohne zu prä­zi­sie­ren, um wel­che Maß­nah­men es sich dabei han­delt.

Ande­re Kern­punk­te von San­ders‘ Agen­da wur­den in dem Doku­ment völ­lig aus­ge­klam­mert. Der Text erwähnt kei­nen Green New Deal, son­dern ver­schiebt Bidens Ziel von 100 Pro­zent sau­be­rer Ener­gie um 15 Jah­re, von 2050 bis 2035, nach vorn – ein Schritt, der von pro­gres­si­ven Demokrat*innen wie Alex­an­dria Oca­sio-Cor­tez gelobt wird. Die Vor­schlä­ge beinhal­ten jedoch weder ein Fracking-Ver­bot noch, was ver­wir­rend ist, irgend­wel­che Plä­ne, die För­de­rung fos­si­ler Brenn­stof­fe aus­lau­fen zu las­sen. Statt­des­sen kon­zen­trie­ren sich die Emp­feh­lun­gen auf Tech­no­lo­gien zur Koh­len­stoff­ab­schei­dung und ‑spei­che­rung, für die bis­her noch nicht nach­ge­wie­sen wur­de, dass sie in gro­ßem Maß­stab funk­tio­nie­ren. Wir befin­den uns in einem Kli­ma­not­fall – die­se Emp­feh­lun­gen sind völ­lig unzu­rei­chend und soll­ten nicht begrüßt wer­den.

Es über­rascht nicht, dass das Doku­ment Medi­ca­re for All nicht erwähnt und statt­des­sen Bidens lang­jäh­ri­ge Unter­stüt­zung für den Afford­a­ble Care Act, der unter Oba­ma ein­ge­führt wur­de und den Zugang zu Kran­ken­ver­si­che­run­gen ver­bes­sern soll­te, sowie sein Bekennt­nis zu pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­run­gen bekräf­tigt. Die Emp­feh­lun­gen beinhal­ten statt­des­sen vie­le tech­no­kra­ti­sche Lösun­gen, wie z.B. Prä­mi­en­sub­ven­tio­nen für die­je­ni­gen, die sich wäh­rend der Coro­na­vi­rus-Pan­de­mie für COBRA, den Con­so­li­da­ted Omni­bus Bud­get Recon­ci­lia­ti­on Act, der die Wei­ter­ver­si­che­rung nach einer Ent­las­sung ermög­licht, qua­li­fi­zie­ren, und die Erlaub­nis für die öffent­li­che Kran­ken­ver­si­che­rung für älte­re US-Bürger*innen Medi­ca­re, über Arz­nei­mit­tel­prei­se zu ver­han­deln. Auch wenn das Doku­ment einen Ent­wurf für die Ein­füh­rung einer öffent­li­chen Opti­on ent­hält – ein Ergeb­nis des Drucks von Taskfor­ce-Mit­glie­dern wie Dr. Abdul El-Say­ed – könn­te die zwei­deu­ti­ge For­mu­lie­rung statt­des­sen das der­zei­ti­ge dys­funk­tio­na­le Sys­tem fest­schrei­ben. Bemer­kens­wert ist, dass fast 70 Pro­zent der Amerikaner*innen Medi­ca­re For All unter­stüt­zen, dar­un­ter die gro­ße Mehr­heit der Demokrat*innen und 46% der Republikaner*innen.

Die Task For­ce emp­fahl eben­falls nicht die Lega­li­sie­rung von Mari­hua­na. Bei die­ser Maß­nah­me steht Biden nicht nur mit den Pro­gres­si­ven, son­dern mit dem Land ins­ge­samt nicht im Ein­klang: Eine Mehr­heit sowohl der Demokrat*innen als auch der Republikaner*innen unter­stützt die Lega­li­sie­rung. Vie­le Staa­ten, die für einen Sieg Bidens im Novem­ber ent­schei­dend sind, wie etwa Michi­gan, haben für die Lega­li­sie­rung gestimmt.

Ande­re popu­lä­re For­de­run­gen, die von San­ders-Anhän­gern in der Taskfor­ce vor­ge­bracht wur­den (obwohl sie nicht unbe­dingt von San­ders selbst unter­stützt wur­den), wur­den eben­falls ver­mie­den. Das Doku­ment schlägt eine „Stu­die“ über Repa­ra­tio­nen für Schwar­ze Amerikaner*innen und eine Kon­gress-Taskfor­ce über Wege zur Staats­bür­ger­schaft für Men­schen ohne Papie­re vor, anstatt sich voll und ganz ent­we­der auf Repa­ra­tio­nen oder Staats­bür­ger­schaft fest­zu­le­gen. Das Doku­ment skiz­ziert Inves­ti­tio­nen in Com­mu­ni­ty Poli­cing, den Ver­such Ver­trau­en in die Poli­zei wie­der­her­zu­stel­len, pas­send zu San­ders‘ Hal­tung gegen die Abschaf­fung oder Defi­nan­zie­rung der Poli­zei. Die Taskfor­ce emp­fiehlt ein Ver­bot gewinn­ori­en­tier­ter Char­ter Schools, Schu­len in frei­er Trä­ger­schaft, die vom Staat finan­ziert wer­den, und eine „stren­ge­re Auf­sicht“ über alle Char­ter Schools, schlägt jedoch kein Ver­bot oder gar eine Redu­zie­rung der Zahl sol­cher Schu­len vor.

„Nichts wird sich grundlegend ändern“

Wich­tig ist, dass es sich dabei nur um poli­ti­sche Emp­feh­lun­gen han­delt – Biden hat nicht ver­spro­chen, auch nur eine davon zu über­neh­men, und sie wer­den zunächst von einem Pro­gramm­aus­schuss geprüft. Der Aus­schuss ist voll von wirt­schafts­freund­li­chen Demo­kra­ten aus dem Estab­lish­ment, die die weni­gen pro­gres­si­ven For­de­run­gen wahr­schein­lich noch wei­ter ver­wäs­sern wer­den. Genau das ist 2016 gesche­hen, als vie­le For­de­run­gen des San­ders-Flü­gels der Par­tei in einem Sieg der Kon­zern­in­ter­es­sen abge­lehnt wur­den.

In der Tat haben die Kon­zern­in­ter­es­sen bereits zum Aus­druck gebracht, dass sie wegen der poli­ti­schen Emp­feh­lun­gen nicht besorgt sind. Die Finanz­be­ra­tungs­fir­ma Signum Glo­bal Advi­sors sag­te in einer Notiz an ihre Kun­den – mit dem unver­blüm­ten Titel „Eine erneu­te Erin­ne­rung dar­an, dass Biden den Pro­gres­si­ven nicht ver­pflich­tet sein wird“ –, dass „der Bericht sehr ehr­gei­zig ist; er gibt Lip­pen­be­kennt­nis­se zu eini­gen der pro­gres­si­ve­ren Ideen der Par­tei ab, obwohl er nur weni­ge Ein­zel­hei­ten dar­über ent­hält, wie die Ideen ver­wirk­licht wer­den sol­len, und wie­der­holt im All­ge­mei­nen die meis­ten der gemä­ßig­ten Ideen von der Web­site der Biden-Kam­pa­gne.“ Aus­sa­gen wie die­se bestä­ti­gen den Annä­he­rungs­ver­such, den Biden bei sei­nen rei­chen Spen­dern bereits unter­nom­men hat: „Nichts wür­de sich grund­le­gend ändern“, wenn er gewählt wür­de.

Sozialistisches Gütesiegel

Als Ant­wort auf die­se Emp­feh­lun­gen der Task For­ce sag­te Ber­nie San­ders: „Obwohl das End­ergeb­nis nicht dem ent­spricht, was ich oder mei­ne Unterstützer*innen allein geschrie­ben hät­ten, haben die Taskfor­ces einen guten poli­ti­schen Ent­wurf erstellt, der die­ses Land in eine drin­gend benö­tig­te pro­gres­si­ve Rich­tung bewegt und das Leben der arbei­ten­den Fami­li­en in unse­rem gan­zen Land wesent­lich ver­bes­sern wird.“ Spä­ter sag­te er, Biden wer­de wahr­schein­lich „der fort­schritt­lichs­te Prä­si­dent seit der FDR“, also Fran­k­lin D. Roo­se­velt, sein.

Die­se Äuße­run­gen von San­ders mögen über­ra­schend erschei­nen, wenn man bedenkt, wie wenig von sei­ner Poli­tik tat­säch­lich in dem Doku­ment ent­hal­ten war. Aber sie stim­men mit sei­ner vol­len Unter­stüt­zung für Joe Biden über­ein, seit er im April aus dem Ren­nen aus­ge­schie­den ist. San­ders und sei­ne Unterstützer*innen haben sei­nen Wahl­kampf und sei­ne Prä­senz in der Poli­tik als eine Mög­lich­keit ange­se­hen, die Par­tei unter Druck zu set­zen, sich nach links zu bewe­gen. Doch zusätz­lich zur Unter­stüt­zung von Bidens Kan­di­da­tur hat San­ders Biden nun auch sein „sozia­lis­ti­sches“ Güte­sie­gel ver­lie­hen und damit fort­schritt­li­che For­de­run­gen – von sozia­lis­ti­schen nicht zu reden – auf­ge­ge­ben.

Das von der gemein­sa­men Taskfor­ce ver­öf­fent­lich­te Doku­ment offen­bart das Schei­tern des Ver­suchs, die Demo­kra­ti­sche Par­tei dazu zu benut­zen, lin­ke Poli­tik vor­an­zu­brin­gen. Selbst wenn ein*e selbsternannte*r Sozialist*in mit enor­mer Unter­stüt­zung des Vol­kes ein­ge­la­den wird, einen poli­ti­schen Bei­trag zu leis­ten, ist das Ergeb­nis unwei­ger­lich freund­lich gegen­über den Unter­neh­men und dem Demo­kra­ti­schen Estab­lish­ment. Weit davon ent­fernt, die Par­tei nach links zu bewe­gen, tra­gen Politiker*innen wie San­ders dazu bei, ihr eine pro­gres­si­ve Fas­sa­de zu geben, wäh­rend sie gleich­zei­tig ihr kapi­ta­lis­ti­sches Pro­gramm bekräf­ti­gen. Soge­nann­te pro­gres­si­ve Demokrat*innen geben selbst die lasches­ten Refor­men auf und beglück­wün­schen sich dann dazu, eine rech­te Agen­da abge­seg­net zu haben.

Das liegt dar­an, dass die Demo­kra­ti­sche Par­tei eine von Grund auf bür­ger­lich-kapi­ta­lis­ti­sche Par­tei ist. Sie exis­tiert, um kapi­ta­lis­ti­sche Inter­es­sen zu schüt­zen und zu för­dern, und als sol­che wird sie immer dem Estab­lish­ment und nicht der Arbeiter*innenklasse gehö­ren. Das Par­tei­esta­b­lish­ment und sei­ne kapi­ta­lis­ti­schen Unterstützer*innen wer­den immer einen Weg fin­den, sinn­vol­le fort­schritt­li­che Refor­men zu blo­ckie­ren. Des­halb müs­sen wir auch mit San­ders bre­chen, des­sen Rol­le dar­in besteht, die Demo­kra­ti­sche Par­tei zu stüt­zen und der wenig inspi­rie­ren­den Biden-Kam­pa­gne eine pro­gres­si­ve Pati­na zu ver­lei­hen. Wir müs­sen auch die Logik des gerin­ge­ren Übels auf­ge­ben und uns dar­an erin­nern, dass die glei­chen Men­schen, denen unter einer Trump-Prä­si­dent­schaft Scha­den zuge­fügt wird, auch unter einer Biden-Prä­si­dent­schaft Scha­den lei­den wer­den. Jetzt, mehr denn je, brau­chen wir eine von den kapi­ta­lis­ti­schen Par­tei­en unab­hän­gi­ge Par­tei der Arbeiter*innenklasse, eine Par­tei, die kom­pro­miss­los für die Arbeiter*innen und für den Sozia­lis­mus kämpft.

Die­ser Arti­kel erschien erst­mals am 13. Juli bei Left Voice. Die deut­sche Ver­si­on wur­de leicht ange­passt.

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