[LCM:] Von der Dominanz zur Hegemonie

Ein Ver­such, die Trans­for­ma­ti­on der Euro­päi­schen Uni­on im gegen­wär­ti­gen Kri­sen­schub zu ver­ste­hen.

Wer hät­te das gedacht, dass klei­ne Saa­ten wie die Nie­der­lan­de, Öster­reich, Däne­mark oder Schwe­den plötz­lich soviel Macht ent­fal­ten kön­nen in einer EU, die bei ihren Gip­fel­tref­fen für gewöhn­lich nur das abseg­net, wor­auf sich Ber­lin und Paris zuvor ver­stän­dig­ten? Der Wir­bel, den die soge­nann­ten “spar­sa­men Vier” beim jüngs­ten und längs­ten euro­päi­schen Gip­fel­tref­fen aller Zei­ten ver­an­stal­ten konn­ten, wird aber ver­ständ­li­cher, wenn die übli­chen tak­ti­schen Spiel­chen berück­sich­tigt wer­den, die bei sol­chen fun­da­men­ta­len Ent­schei­dun­gen zur Anwen­dung gelan­gen.

Die Sprin­ger­zei­tung Die Welt plau­der­te die­ses Vor­ge­hen, das seit der Wahl Macrons zum Prä­si­den­ten bei den meis­ten euro­pa­po­li­ti­schen Vor­stö­ßen Frank­reichs zur tra­gen kam, schon ende Mai in aller Offen­heit aus. Dem­nach unter­stüt­ze Mer­kel offi­zi­ell die Süd­eu­ro­pä­er bei ihren For­de­run­gen nach sub­stan­zi­el­len Kon­junk­tur­maß­nah­men, doch wür­de sie bei dem euro­päi­schen Mil­li­ar­den­po­ker auf die “heim­li­che Hil­fe” der spar­sa­men Vier hof­fen, um das Aus­maß der Kri­sen­sub­ven­tio­nen zu redu­zie­ren. Das Veto­recht etwa des öster­rei­chi­schen Kanz­lers wer­de auch Deutsch­land hel­fen, da am Ende das Hilfs­pa­ket “deut­lich klei­ner aus­fal­len” wer­de, als “die Süd­eu­ro­pä­er ursprüng­lich gefor­dert hat­ten”.

Im Klar­text: Deutsch­land will sei­ne Euro­zo­ne schon hal­ten, nur übt man sich dabei in der übli­chen Kos­ten­re­du­zie­rung. Des­we­gen ließ Ber­lin die nord­eu­ro­päi­schen Län­der an der lan­gen Lei­ne agie­ren, um sel­ber die Hän­de in Unschuld waschen zu kön­nen. Mis­si­on accom­plis­hed? Die hef­ti­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen in Brüs­sel haben einer­seits tat­säch­lich dazu bei­getra­gen, die Auf­wen­dun­gen für die Kri­sen­po­li­tik in einem ent­schei­den­den Punkt zu redu­zie­ren. Die Gel­der, die als direk­te, nicht rück­zahl­ba­re Finanz­sprit­zen vor allem an die von der Pan­de­mie beson­ders hart getrof­fe­nen süd­eu­ro­päi­schen Län­der aus­ge­zahlt wer­den soll­ten, sind von 500 Mil­li­ar­den auf 390 Mil­li­ar­den zusam­men­ge­stri­chen wor­den. Das Gesamt­vo­lu­men des Wie­der­auf­bau­fonds blieb zwar mit 750 Mil­li­ar­den Euro unver­än­dert bestehen, doch sol­len nun die rest­li­chen Gel­der als Kre­di­te aus­ge­zahlt wer­den – falls sie über­haupt in Anspruch genom­men wer­den.

Doch and­rer­seits konn­ten sich die “spar­sa­men Vier” mit einem ande­ren Vor­stoß, einem Lieb­lings­pro­jekt des ehe­ma­li­gen deut­schen Finanz­mi­nis­ter Schäub­le, nicht durch­set­zen: Der Ver­knüp­fung von Finanz­über­wei­sun­gen mit kon­kre­ten poli­ti­schen Auf­la­gen, was auf eine Kon­trol­le der Haus­halts­po­li­tik der süd­eu­ro­päi­schen Peri­phe­rie durch das nord­eu­ro­päi­sche Zen­trum, fak­tisch auf eine Ero­si­on staat­li­cher Sou­ve­rä­ni­tät in Kri­sen­staa­ten hin­aus­lie­fe. Das vom nörd­li­chen Zen­trum der Euro­zo­ne – ins­be­son­de­re den Nie­der­lan­den – gefor­der­te Veto­recht bei Aus­zah­lun­gen von Kri­sen­gel­dern an den Süden konn­te nicht durch­ge­setzt wer­den. Statt­des­sen kön­nen Natio­nal­staa­ten nur Ver­zö­ge­run­gen der Aus­zah­lun­gen erwir­ken, die nicht mehr als drei Mona­te betra­gen dürf­ten. Einen klei­nen Pyr­rhus­sieg erreich­ten die “gei­zi­gen Vier” noch bei den Rabat­ten ihrer EU-Bei­trä­ge errin­gen, die aber auf­grund des Bre­xits trotz­dem stei­gen wer­den.

Euro­pas Schul­den

Den­noch – trotz aller Kür­zun­gen und des übli­chen natio­na­len Gefeil­sches – brin­gen die Gip­fel­er­geb­nis­se in der Gestalt “gemein­sa­mer euro­päi­scher Schul­den” einen his­to­ri­schen Umbruch mit sich, der noch vor weni­gen Mona­ten “unvor­stell­bar” gewe­sen wäre, wie es fran­zö­si­sche Diplo­ma­ten gegen­über der Zeit for­mu­lier­ten. Ber­lin hat gera­de eben jenen finan­zi­el­len Aus­gleichs­me­cha­nis­men in der durch wach­sen­de öko­no­mi­sche Ungleich­ge­wich­te gekenn­zeich­ne­ten Euro­zo­ne zuge­stimmt, die zuvor Jah­re­lang ver­bis­sen als “Ver­ge­mein­schaf­tung von Schul­den” ver­teu­felt wur­den. Erst­mals in der Geschich­te der Gemein­schaft nimmt die EU eige­ne Schul­den auf, um die Fol­gen des, durch die Coro­na-Pan­de­mie aus­ge­lös­ten, Kri­sen­schubs zu bekämp­fen.

Zum einen wur­de der EU-Haus­halt für die Jah­re 2021 bis 2027 auf 1,1 Bil­lio­nen Euro erhöht, was zusam­men mit dem “Wie­der­auf­bau­fonds” rund 1,8 Bil­lio­nen ent­spricht. In den drei kom­men­den Jah­ren, in dem die Gel­der und Kre­di­te des Fonds flie­ßen sol­len, wird der Haus­halt der EU von einem Pro­zent des euro­päi­schen Brut­to­in­lands­pro­dukts (BIP) auf rund zwei Pro­zent anstei­gen. Dabei nimmt die EU-Kom­mis­si­on Schul­den auf den Finanz­märk­ten auf, um die 390 Mil­li­ar­den Euro an direk­ten Kri­sen­zah­lun­gen rea­li­sie­ren zu kön­nen, die bis 2058 zurück­ge­zahlt wer­den sol­len. Damit wer­den somit die von Ber­lins Spar­fe­ti­schis­ten ver­teu­fel­ten Euro­bonds de fac­to ein­ge­führt, bei denen die gute Boni­tät des nörd­li­chen Zen­trums der Euro­zo­ne zur sozio­öko­no­mi­schen Sta­bi­li­sie­rung des Südens ver­wen­det wird.

Die EU-Kom­mis­si­on woll­te erst 2028 mit dem Beglei­chen die­ser euro­päi­schen Schul­den begin­nen, doch sieht ein Kom­pro­miss­vor­schlag vor, dass dies schon frü­her getan wer­den kön­ne, falls es gelin­ge “der Kom­mis­si­on neue Ein­nah­me­quel­len zu erschlie­ßen”, wie es die Süd­deut­sche Zei­tung (SZ) for­mu­lier­te. Es gebe Ideen für euro­päi­sche Öko-Abga­ben für unre­cy­cel­ten Ver­pa­ckungs­müll, für Digi­tal­steu­ern, die IT-Kon­zer­ne an Brüs­sel ent­rich­ten soll­ten, sowie für pro­tek­tio­nis­ti­sche Kli­ma­steu­ern, die auf impor­tier­te Pro­duk­te ent­fal­len könn­ten, die in ihren Her­kunfts­län­dern “weni­ger kli­ma­freund­lich als in Euro­pa pro­du­ziert” wür­den, so die SZ. Bis Som­mer 2021 sol­len die ent­spre­chen­den Kon­zep­te aus­ge­ar­bei­tet wer­den. Damit wür­den euro­päi­sche Steu­ern ein­ge­führt für eine EU-Kom­mis­si­on, die zuneh­mend auch fak­tisch als eine Art euro­päi­scher Regie­rung agie­ren dürf­te.

Die EU-Kom­mis­si­on wür­de auch eine zen­tra­le Rol­le bei der kon­kre­ten Allo­ka­ti­on der Gel­der des Coro­na-Kri­sen­fonds spie­len, die nach einem auf dem Gip­fel fest­ge­leg­ten Schlüs­sel an die Euro­staa­ten ver­teilt wer­den. Von dem gesam­ten Kri­sen­fond von 750 Mil­li­ar­den Euro sol­len vor allem Ita­li­en (170 Mil­li­ar­den) und Spa­ni­en (100 Mil­li­ar­den) pro­fi­tie­ren. Die Kri­sen­län­der müs­sen bei der Ver­tei­lung der Finanz­sprit­zen der EU-Kom­mis­si­on kon­kre­te Pro­jek­te vor­le­gen, die dann die­se auf ihre öko­no­mi­sche Trag­fä­hig­keit prü­fen soll. Zumeist wird es sich um Bau- und Infra­struk­tur­pro­jek­te han­deln, die in keyne­sia­ni­scher Tra­di­ti­on die Wirt­schaft bele­ben sol­len. Hier­bei will Brüs­sel Zwi­schen­zie­le fest­le­gen, von deren Errei­chen wei­te­re Aus­zah­lun­gen abhän­gig wür­den.

Die 180-Grad-Wen­de

Die radi­ka­le Kehrt­wen­de euro­päi­scher Kri­sen­po­li­tik, die ohne Ber­lin nicht mög­lich wäre, ist evi­dent: der schäub­le­ri­sche Spars­adis­mus, der den Wäh­rungs­raum – ins­be­son­de­re Grie­chen­land – einem absur­den neo­li­be­ra­len Spar­dik­tat samt der Ein­füh­rung von “Schul­den­brem­sen” aus­setz­te, endet abrupt in einer 180-Grad-Wen­de zu einer akti­ven euro­päi­schen Kon­junk­tur­po­li­tik samt der Ein­füh­rung euro­päi­scher Schul­den. Wie ist die­ser fun­da­men­ta­le Sin­nes­wan­del in Ber­lin zu erklä­ren, bei dem auch eine jah­re­lang gepfleg­te Sparideo­lo­gie, die in der merkel’schen “schwä­bi­schen Haus­frau” ihr Sym­bol fand, in orwell’scher Manier plötz­lich über Bord gewor­fen wird? Noch vor weni­gen Mona­ten fei­er­te Ber­lin die Ver­hin­de­rung von Euro­bonds, die nun unter dem Namen Coro­na-Bonds gefor­dert wur­den, als einen wich­ti­gen Etap­pen­sieg in den aber­mals kri­sen­be­dingt eska­lie­ren­den Aus­ein­an­der­set­zun­gen im Euro­raum zwi­schen dem Deut­schen Zen­trum und der süd­li­chen Peri­phe­rie unter fran­zö­si­scher Füh­rung.

Zwei eng mit­ein­an­der ver­knüpf­te Fak­to­ren dürf­ten dabei aus­schlag­ge­bend gewe­sen sein, um Deutsch­lands Funk­ti­ons­eli­ten letzt­end­lich zur Wahl zwi­schen for­cier­ter euro­päi­scher Inte­gra­ti­on oder dem Zer­fall des Wäh­rungs­raums zu nöti­gen. Zum einen Unter­lag Ber­lin im Kampf um die Kon­trol­le der euro­päi­schen Geld­po­li­tik, also der EZB. Unter der Fran­zö­sin Chris­ti­ne Lagar­de kün­dig­te die Euro­päi­sche Zen­tral­bank an, in Reak­ti­on auf die Wei­ge­rung des Nor­dens, Euro­bonds ein­zu­füh­ren, not­falls eine extre­me Aus­wei­tung der Anlei­he­auf­käu­fe durch­zu­füh­ren. Damit wur­de die Wir­kung der Dis­zi­pli­nie­rungs­maß­nah­men, die seit Schäub­les Spar­re­gi­ment die Euro­päi­sche Fis­kal­po­li­tik präg­ten, wei­ter durch simp­le Geld­dru­cke­rei unter­lau­fen. Der Ver­such Ber­lins, Ein­fluss auf die Haus­halts­po­li­tik des Südens zu gewin­nen, droh­te zu einer aber­ma­li­gen Euro­schwem­me zu füh­ren, wie sie auch im Gefol­ge der ers­ten Euro­kri­se unter Mario Draghi ein­setz­te – zumal die Bereit­schaft, aus der Euro­zo­ne aus­zu­schei­den, ins­be­son­de­re in Ita­li­en auf­grund der Soli­da­ri­täts­ver­wei­ge­rung des Nor­dens immer wei­ter zunimmt und inzwi­schen rela­ti­ve Mehr­hei­ten fin­den kann.

Die­se euro­päi­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen ver­schärf­te ein umstrit­te­nes Urteil des Karls­ru­her Ver­fas­sungs­ge­richts, das in Reak­ti­on auf die expan­si­ve Geld­po­li­tik der EZB den bis­he­ri­gen Vor­rang euro­päi­schen Rechts vor natio­na­lem Recht infra­ge stell­te und de fac­to Ber­lin auf­for­der­te, ein Veto­recht bei Ent­schei­dun­gen der EZB in Anspruch zu neh­men. Den rech­ten, natio­nal ori­en­tier­ten Kräf­ten inner­halb der Funk­ti­ons­eli­ten der Bun­des­re­pu­blik, die ohne­hin die EU infra­ge stel­len, dien­te dies Urteil als Mobi­li­sie­rungs­ba­sis. Die “pro-euro­päi­schen” Kräf­te in Ber­lin, die den euro­päi­schen Wäh­rungs­raum und die EU auf­grund ihrer viel­fa­chen Vor­tei­le als zen­tra­le Vehi­kel deut­scher Macht­po­li­tik anse­hen, fan­den sich somit nicht nur mit einer rasch wach­sen­den Euro­pa­skep­sis in der kri­sen­ge­beu­tel­ten Peri­phe­rie der Euro­zo­ne kon­fron­tiert, son­dern auch mit einer wach­sen­den, natio­nal ori­en­tier­ten Frak­ti­on inner­halb des deut­schen Staats­ap­pa­ra­tes, der – etwa in Gestalt der berüch­tig­ten Wer­te­uni­on – ein Ende der EU und künf­ti­ge natio­na­le Allein­gän­ge durch­aus in ihr poli­ti­sches Kal­kül passt. Ber­lin muss­te sich somit ent­schei­den – und man ent­schied sich für die rasche For­cie­rung der euro­päi­schen Inte­gra­ti­on.

Von der Domi­nanz zur Hege­mo­nie

Die EU wird offen­sicht­lich in Kri­sen geformt. Das aus­teri­täts­ge­plag­te schäub­le­ri­sche Euro­pa wur­de in den poli­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen um die Kri­sen­po­li­tik geformt, die in Reak­ti­on das Plat­zen der gro­ßen Trans­at­lan­ti­schen Immo­bi­li­en- und Schul­den­bla­sen ab 2008/​09 ein­setz­ten. Ber­lin, das durch erfolg­rei­che Beg­gar-thy-Neigh­bor-Poli­tik als Kri­sen­ge­win­ner agie­ren konn­te, gelang es, die Kri­sen­fol­gen auf die ver­schul­de­te süd­li­che Peri­phe­rie abzu­wäl­zen, wobei vor allem an Grie­chen­land ein abschre­cken­des Exem­pel sta­tu­iert wur­de. Die Euro­zo­ne wur­de durch die Dro­hung vor den Kri­sen­fol­gen auf­recht­erhal­ten: ent­we­der wird das Spar­re­gime imple­men­tiert, oder Herr Schäub­le lässt die öko­no­mi­schen Dau­men­schrau­ben anzie­hen. Doch dies ist kei­ne Hege­mo­nie, die ja auch ein gewis­ses Maß an Akzep­tanz benö­tigt, son­dern eine Posi­ti­on rei­ner macht­po­li­ti­scher Domi­nanz, die nur durch Zwang auf­recht­erhal­ten wer­den kann.

Dem­entspre­chend sieht die Euro-Zone auch aus, die als Macht­ba­sis der geo­po­li­ti­schen Ambi­tio­nen Ber­lins und Paris die­nen soll. Deutsch­land domi­niert zwar das euro­päi­sche Macht­ge­fü­ge – im Fal­le eines Zusam­men­bruchs der Euro-Zone wür­de deren Peri­phe­rie am stärks­ten dar­un­ter lei­den -, doch herrscht in Euro­pa kei­ne deut­sche Hege­mo­nie, die auch nur annä­hernd akzep­tiert wür­de. Das deut­sche Spar­dik­tat ließ den Euro-Staa­ten kei­ne Per­spek­ti­ven außer Sta­gna­ti­on oder Rezes­si­on, sodass sie förm­lich genö­tigt sind, die deut­sche Domi­nanz beim gerings­ten Zei­chen der Schwä­che her­aus­zu­for­dern. Des­we­gen war die BRD aller öko­no­mi­schen Über­le­gen­heit zum Trotz in der EU weit­ge­hend iso­liert.

Doch der gegen­wär­ti­ge Kri­sen­schub mit Ein­brü­chen der Wirt­schafts­leis­tung im zwei­stel­li­gen Pro­zent­be­reich ist zu stark, um Ber­lin eine ähn­li­che Bewäl­ti­gungs­stra­te­gie zu erlau­ben wie wäh­rend der “Euro­kri­se”. Mit Ita­li­en als dem dritt­größ­ten Land der Euro­zo­ne, dass nun auf der Kip­pe steht, kann Ber­lin nicht so umsprin­gen wie mit dem klei­nen Grie­chen­land, ohne sel­ber schwer in Mit­lei­den­schaft gezo­gen zu wer­den. Im Süden Euro­pas sind die Erin­ne­run­gen an die ver­fehl­te Spar­po­li­tik noch zu frisch, als dass eine Wie­der­ho­lung die­ses Aus­teri­täts­kur­ses mach­bar wäre.

Die Dro­hung mit dem Aus­schluss aus der Euro­zo­ne, was für die hoch­ver­schul­de­ten süd­eu­ro­päi­schen Kri­sen­staa­ten dar­auf hin­aus­lie­fe, Teil der “Drit­ten Welt” zu wer­den, da sie der Opti­on ver­lus­tig gin­gen, sich in Euro zu ver­schul­den, greift nicht mehr: Die nun ein­set­zen­den bei­spiel­lo­sen Ein­brü­che der Wirt­schafts­leis­tung machen die­sen Unter­schied hin­fäl­lig, da die Welt­kri­se des Kapi­tals so weit vor­an­ge­schrit­ten ist, dass sie im gegen­wär­ti­gen Kri­sen­schub nicht nur die Peri­phe­rie oder Semi­pe­ri­phe­rie ver­wüs­tet, son­dern auch die Zen­tren des Welt­sys­tems voll erfasst. Die “Drit­te Welt” frisst sich sozu­sa­gen in die Zen­tren.

Die ein­zi­ge Opti­on, das deso­la­te “Euro­päi­sche Haus” noch vor dem Ein­sturz zu bewah­ren, besteht für Ber­lin in dem Ver­such, ein Hege­mo­ni­al­sys­tem auf­zu­bau­en, also auch der Peri­phe­rie der Euro­zo­ne eine gewis­se Per­spek­ti­ve im Rah­men akti­ver Kon­junk­tur­po­li­tik zu ver­schaf­fen. Eine hege­mo­nia­le Stel­lung in Euro­pa wäre für Ber­lin somit erst dann erreicht, wenn auch die unter­ge­ord­ne­ten Mäch­te, die die Peri­phe­rie eines Hege­mo­ni­al­sys­tems bil­den, die­se zumin­dest tole­rie­ren wür­den, da sie sel­ber unterm Strich gewis­se hand­fes­te Vor­tei­le dar­aus schöp­fen wür­den – und nicht durch die deut­schen Han­dels­über­schüs­se, die sich seit Euro­ein­füh­rung gegen­über den Län­dern der Euro­zo­ne inzwi­schen auf mehr als 1,5 Bil­lio­nen Euro sum­mie­ren, lang­sam öko­no­misch erdros­selt wür­den.

Die BRD wür­de fak­tisch zu den USA Euro­pas auf­stei­gen, die ja bekannt­lich ihr west­li­ches Hege­mo­ni­al­sys­tem nach dem Ende des Zwei­ten Welt­krie­ges errich­te­ten, auf­bau­end auf dem lan­gen for­dis­ti­schen Kon­junk­tur­zy­klus, der erst in den 70ern aus­lief. Nicht nur die Ver­ei­nig­ten Staa­ten mit dem US-Dol­lar als Welt­leit­wäh­rung, auch “unter­ge­ord­ne­te” Mäch­te wie Japan oder Deutsch­land pro­fi­tier­ten davon, Teil des “Wes­tens” zu sein. In der gegen­wär­ti­gen Sys­tem­kri­se mit ihren bestän­dig wach­sen­den glo­ba­len Schul­den­ber­gen, in der kein Akku­mu­la­ti­ons­re­gime als öko­no­mi­sches Fun­da­ment eines Hege­mo­ni­al­sys­tems die­nen kann, bestehen die Kos­ten der euro­päi­schen Hege­mo­nie Deutsch­lands aber in eben jenen euro­päi­schen Schul­den, auf die man sich auf dem jüngs­ten EU-Gip­fel ver­stän­dig­te.

Vor dem Hin­ter­grund des sich in Schü­ben ent­fal­ten­den Kri­sen­pro­zes­ses lohnt somit ein kur­zer Blick auf das öko­no­mi­sche Fun­da­ment der US-Hege­mo­nie in den ver­gan­ge­nen drei Jahr­zehn­ten – gera­de nach­dem der Nach­kriegs­boom abebb­te. Wes­halb wur­de die Hege­mo­nie Washing­tons in den Jahr­zehn­ten nach dem Zusam­men­bruch des real­exis­tie­ren­den Sozia­lis­mus akzep­tiert oder zumin­dest tole­riert?

Es war vor allem das gigan­ti­sche Han­dels­de­fi­zit der Ver­ei­nig­ten Staa­ten, das Län­dern wie der Bun­des­re­pu­blik oder auch Chi­na einen hand­fes­ten öko­no­mi­schen Grund lie­fer­te, den Sta­tus quo hin­zu­neh­men: Die sich deindus­tria­li­sie­ren­den USA konn­ten sich in Dol­lar, als dem glo­ba­len Wert­maß aller Din­ge, ver­schul­den, ihre kon­sum­ge­trie­be­ne Defi­zit­kon­junk­tur auf­recht­erhal­ten und export­ori­en­tier­ten Län­dern und Regio­nen wie Chi­na oder der BRD einen Absatz­markt für ihre Über­schuss­pro­duk­ti­on ver­schaf­fen. Der objek­ti­ve Kri­sen­pro­zess mit sei­nem regel­rech­ten Ver­schul­dungs­zwang mani­fes­tiert sich gera­de in Gestalt die­ser glo­ba­len Han­dels­un­gleich­ge­wich­te. Die sozio­öko­no­mi­schen Fol­gen der Deindus­tria­li­sie­rung in den Rust Belt der USA spül­ten schließ­lich den popu­lis­ten Trump ins Wei­ße Haus, der mit sei­nem pro­tek­tio­nis­ti­schen Pro­gramm der “Reindus­tria­li­sie­rung” der USA die kri­seln­de Glo­ba­li­sie­rung in den Kol­laps zu trei­ben droht.

Jah­re, nicht Jahr­zehn­te

Trump, der die Ver­ei­nig­ten Staa­ten wie­der “groß” machen woll­te, hat somit iro­ni­scher­wei­se der brü­chi­gen Hege­mo­nie der USA ein Ende berei­tet, indem er deren öko­no­mi­sches Fun­da­ment durch pro­tek­tio­nis­ti­sche Poli­tik ent­sorg­te. Die USA domi­nie­ren nur noch auf­grund ihrer mili­tä­ri­schen Schlag­kraft, wäh­rend geo­po­li­ti­sche Kon­kur­ren­ten wie Chi­na, Deut­scheu­ro­pa, Russ­land oder auch Lokal­mäch­te wir die isla­mo­fa­schis­ti­sche Tür­kei dar­an gehen, mit­tels ver­stärk­ter Expan­si­on in die frei­wer­den­den geo­po­li­ti­schen Räu­me vor­zu­sto­ßen.

Wäh­rend die US-Hege­mo­nie zer­bro­chen ist, ver­sucht sich nun Ber­lin am Auf­bau eines euro­päi­schen Hege­mo­ni­al­sys­tems – gera­de durch kre­dit­fi­nan­zier­te Kon­junk­tur­po­li­tik und die Ein­füh­rung euro­päi­scher, von der Boni­tät des nörd­li­chen Zen­trums gedeck­ter Schul­den, um die viel­fäl­ti­gen wirt­schaft­li­chen und poli­ti­schen Vor­tei­le der Euro­zo­ne zu hal­ten. Wie lan­ge kann das gut­ge­hen? Die USA konn­ten ihre Hege­mo­ni­al­stel­lung noch immer­hin über gute drei Deka­den erhal­ten, indem sie sich ver­mit­tels der wuchern­den Finanz­märk­te immer wei­ter ver­schul­de­ten und als eine Art schwar­zes Loch der Welt­wirt­schaft fun­gier­ten, das durch sei­ne Han­dels­de­fi­zi­te die struk­tu­rel­le Über­pro­duk­ti­ons­kri­se des Kapi­tals min­der­te.

Offen­sicht­lich ver­fügt die BRD nicht über die Res­sour­cen­fül­le der USA, die es erlau­ben wür­de, ein sol­ches, qua­si “defi­zi­tä­res” Hege­mo­ni­al­sys­tem über Jahr­zehn­te auf­recht­zu­er­hal­ten. Selbst wenn es gelin­gen soll­te, den nun anste­hen­den, his­to­risch bei­spiel­lo­sen Kri­sen­schub ohne Zer­fall des Euro­rau­mes zu über­ste­hen – was ange­sichts der in Brüs­sel zusam­men­ge­stri­che­nen Kon­junk­tur­auf­wen­dun­gen frag­lich bleibt – dürf­ten sich die Aus­sich­ten einer deut­schen Hege­mo­nie in der EU nach Jah­ren, nicht nach Jahr­zehn­ten bemes­sen.

Es sei denn, der EU gelingt es, die Vor­herr­schaft des US-Dol­lars als Welt­leit­wäh­rung zu bre­chen. Der Green­back ver­schafft den USA die Mög­lich­keit, sich im glo­ba­len Wert­maß aller Din­ge zu ver­schul­den, ohne das die eige­ne Wäh­rung abwer­ten kann, wie es etwa im hun­ger geplag­ten Liba­non und ande­ren Schwel­len­län­dern der­zeit der Fall ist. Mit dem Euro als Welt­leit­wä­hung könn­ten Brüs­sel und Ber­lin tat­säch­lich dar­auf hof­fen, das “Euro­päi­sche Haus” auch län­ger­fris­tig noch zusam­men­zu­hal­ten. Die EU ist in die­ser Hin­sicht somit durch­aus auch als ein Kon­kur­renz­pro­jekt zu den USA zu ver­ste­hen.

#Titel­bild: CC-BY‑4.0: © Euro­pean Uni­on 2019 – Source: EP”. (crea​ti​vecom​mons​.org/​l​i​c​e​n​s​e​s​/​b​y​/​4​.0/)

Der Bei­trag Von der Domi­nanz zur Hege­mo­nie erschien zuerst auf Lower Class Maga­zi­ne.

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