[ak:] »Kontrolliert wurde nach dem Motto ›Mohammed sieht aus wie Ali‹«

Jun­ge Frankfurter*innen berich­ten über Racial Pro­filing und ihre Erfah­run­gen mit den Poli­zei­kon­trol­len am Wochen­en­de

Seit dem Kon­takt­ver­bot wegen der Covid-19 Pan­de­mie ist das Ange­bot an Frei­zeit­be­schäf­ti­gun­gen, beson­ders abends, rar. In vie­len Städ­ten haben sich daher in den letz­ten Wochen Grup­pen jun­ger Men­schen zum Fei­ern an öffent­li­chen Plät­zen zusam­men­ge­fun­den. Zuerst beklag­ten sich die Städ­te nur über zuge­müll­te Plät­ze nach den Wochen­en­den. Doch nach­dem es in Stutt­gart und am Frank­fur­ter Opern­platz zu Aus­schrei­tun­gen kam, haben bei­de Städ­te an den Wochen­en­den sowohl die Poli­zei­prä­senz in den Innen­städ­ten erhöht als auch neue Bestim­mun­gen und Rege­lun­gen beschlos­sen: So gilt seit Ende Juli, zunächst bis 6. Sep­tem­ber, in Frank­furt ab 0 Uhr ein soge­nann­tes Betre­tungs­ver­bot für den Opern­platz. Ab 23 Uhr ertönt die »All­ge­mein­ver­fü­gung« aus den Laut­spre­cher­wa­gen, Licht­mas­ten des Tech­ni­schen Hilfs­werks sind auf­ge­stellt, grel­les Schein­wer­fer­licht erleuch­tet den Platz.

Knapp 2.000 Per­so­nen hat die Poli­zei am ver­gan­ge­nen Wochen­en­de kon­trol­liert und 375 Platz­ver­wei­se aus­ge­spro­chen. 23 Per­so­nen sol­len vor­über­ge­hend fest­ge­nom­men wor­den sein. Dar­über hin­aus sol­len 21 ande­re Ver­stö­ße fest­ge­stellt wor­den sein.

Am Frei­tag­abend sind auf dem Platz schon Aktivist*innen zu beob­ach­ten, die sich bei Poli­zei­kon­trol­len dazu stel­len, die Betrof­fe­nen über ihre Rech­te auf­klä­ren oder sich als Zeug*innen anbie­ten. Spä­ter gehen der Ober­bür­ger­meis­ter der Stadt, Peter Feld­mann (SPD), der Sicher­heits­de­zer­nent Mar­kus Frank und der Poli­zei­prä­si­dent Ger­hard Beres­will über den Platz. Es sind vie­le Kame­ra­teams da. Kurz vor dem Betre­tungs­ver­bot kommt es zu Dis­kus­sio­nen zwi­schen den Politiker*innen und Aktivist*innen. Ob Feld­mann wüss­te, dass kei­ne 50 Meter wei­ter jun­ge Män­ner Racial Pro­f­ling erfah­ren wür­den. Das sei ver­bo­ten, ent­geg­net Feld­mann, wei­te­res wür­de er gern bei einem Kaf­fee klä­ren, nicht hier, nicht um die­se Uhr­zeit.

»Polizei (auf)räumen«

Ein Bünd­nis anti­ras­sis­ti­scher Grup­pen aus Frank­furt, wie die Initia­ti­ve Schwar­ze Men­schen in Deutsch­land (ISD) Frank­furt, Migran­ti­fa Hes­sen, BeHe­ard Ffm, Black Power Frank­furt und ande­ren, hat­te kurz zuvor noch eine Stel­lung­nah­me zu den soge­nann­ten Aus­schrei­tun­gen und der Pres­se­kon­fe­renz des Frank­fur­ter Poli­zei­prä­si­den­ten, mit der For­de­rung »Poli­zei (auf)räumen, nicht aber unse­re Plät­ze!« ver­öf­fent­licht. Dar­in heißt es: »Sobald ein Poli­zei­prä­si­dent ras­sis­ti­sche und ver­all­ge­mei­nern­de Feind­bil­der her­auf­be­schwört, ist es neben­säch­lich, ob man die gewähl­te Form des Wider­stands unter­stützt oder nicht. Wir posi­tio­nie­ren uns klar gegen die Rhe­to­rik der Poli­zei Frank­furt und die Umdeu­tung von legi­ti­mer Wut und Unzu­frie­den­heit.« Die Pres­se­kon­fe­renz und die Äuße­run­gen des Poli­zei­prä­si­den­ten Ger­hard Beres­will und des Sicher­heits­de­zer­nen­ten Mar­kus Frank sei­en nur ein Ver­such der Dis­kurs­ver­schie­bung, um von struk­tu­rel­len Pro­ble­men in der Poli­zei abzu­len­ken. Sie wür­den dazu bei­tra­gen, dass BIPoC, von Ras­sis­mus betrof­fe­ne Men­schen, wei­ter stig­ma­ti­siert und kri­mi­na­li­siert wer­den. Beres­will und Frank hat­ten immer wie­der betont, dass es sich bei den »Ran­da­lie­rern« vom Wochen­en­de um Men­schen mit »Migra­ti­ons­hin­ter­grund« han­deln wür­de.

Das glei­che Bild bie­tet sich am Sams­tag, als Hun­der­te Men­schen zu einer Spon­tan­de­mons­tra­ti­on am Haupt­bahn­hof zusam­men­tref­fen, um gegen Racial Pro­f­ling und rech­te Netz­wer­ke bei der Poli­zei zu demons­trie­ren. Es ist fast Mit­ter­nacht, und es kommt zum Wort­ge­fecht zwi­schen den Demonstriant*innen und dem Ober­bür­ger­meis­ter. Er beteu­ert, dass Frank­furt eine bun­te, inter­na­tio­na­le Stadt sei und setzt zum »Black-Lives-Matter«-Sprechchor an – doch die Demons­trie­ren­den machen nicht mit. Sie sind wütend. Sie wer­den in die­ser Nacht noch zwei Stun­den durch die Stadt zie­hen. Von der Haupt­wa­che zur Kon­sta­bler­wa­che, immer dort­hin, von wo Berich­te über Poli­zei­kon­trol­len und Racial Pro­f­ling ein­tref­fen. Sie for­dern: Racial Pro­f­ling abschaf­fen. Öffent­li­che Plät­ze für alle frei­ge­ben. Das Betre­tungs­ver­bot auf­he­ben.

Randale, Krawalle, Partyszene

Ob auf Twit­ter und Insta­gram oder im Feuil­le­ton: In den letz­ten Wochen präg­ten Schlag­wor­te wie »Ran­da­le«, »Kra­wal­le« und »Par­ty­sze­ne« die öffent­li­che Debat­te. Anstatt sich zu fra­gen, was die Pan­de­mie­si­tua­ti­on mit Jugend­li­chen macht, die zwar Som­mer­fe­ri­en haben, aber kei­ne Plät­ze und Orte, wo sie sich frei bewe­gen kön­nen, wer­den sie stig­ma­ti­siert und kri­mi­na­li­siert. In den wenigs­ten Berich­ten fin­det sich der Begriff »Racial Pro­filing«, obwohl immer mehr jun­ge Men­schen dar­auf auf­merk­sam machen, dass die Poli­zei sich an den besag­ten Wochen­en­den nicht dees­ka­lie­rend ver­hal­ten habe. Eine poli­ti­sche Ein­ord­nung und Ana­ly­se bleibt oft aus.

Wäh­rend die FAZ mit Arti­kel wie »Wal­la, bin ich hier bei ›Wet­ten dass‹ oder was?« ras­sis­ti­sche Nar­ra­ti­ve füt­tert und das Bild von bedroh­li­chen, nicht-inte­grier­ten Jugend­li­chen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund malt, schaf­fen es die Stim­men von Betrof­fe­nen eher sel­ten in die Zei­tun­gen. Hier spre­chen jun­ge Frankfurter*innen über ihre Erfah­run­gen am Opern­platz und in der Stadt. Wie haben sie die Situa­ti­on an den Wochen­en­den erlebt? Wie geht es ihnen heu­te damit?

Nasi, 19:

Die­se extre­me Poli­zei­prä­senz in der Stadt soll einen ja beschüt­zen, aber ich füh­le mich nicht beschützt. Mir macht das alles Angst. Man konn­te sehr gut erken­nen, dass an dem Abend rund um den Opern­platz Racial Pro­filing betrie­ben wur­den. Die Poli­zei hat­te Bil­der dabei, und sie hat wahl­los Men­schen kon­trol­liert, sie abge­tas­tet oder in ihre Hosen geschaut. Mehr Poli­zei sorgt nicht für Sicher­heit für uns, son­dern nur für wei­ße und pri­vi­le­gier­te Men­schen. Wir haben meh­re­re Kon­trol­len beob­ach­tet. Immer waren es migran­ti­sche jun­ge Män­ner. Kon­trol­liert wur­de nach dem Mot­to »Moham­med sieht aus wie Ali«.

Mahmud, 30:

Ich lebe seit 30 Jah­ren hier, aber anschei­nend pas­se ich nicht in das Bild eines »ech­ten Frank­fur­ters«, denn das, was hier in der Innen­stadt schon seit Län­ge­rem pas­siert, ist eine Art Ein­lass­kon­trol­le für Plät­ze und Orte, an denen nur bestimm­te Leu­te sein dür­fen. Mei­ne Cou­sins und ich, wir pas­sen hier nicht her. Immer müs­sen wir uns aus­wei­sen, uns kon­trol­lie­ren und schi­ka­nie­ren las­sen. In den Zei­tun­gen stand ja, dass sehr wenig los war, aber wenn schon an der Haupt­wa­che Jugend­li­che kon­trol­liert wer­den und Platz­ver­wei­se kas­sie­ren, ist das auch kein Wun­der. Umso bes­ser, dass am Sams­tag­abend auch eine Demo gegen Racial Pro­filing und NSU 2.0 auf dem Platz war. Stellt euch mal vor, da »beschüt­zen« Men­schen den Opern­platz, die viel­leicht als NSU 2.0 Mord­dro­hun­gen schrei­ben. Dar­über soll­te in der Stadt mehr gere­det wer­den.

Mira, 22:

Für mich wirk­te die Poli­zei­prä­senz sehr bedroh­lich und nicht beschüt­zend. Wie­so muss ein öffent­li­cher Ort über­haupt vor Bürger*innen geschützt wer­den? Die Poli­zei setzt ganz klar nicht auf Dees­ka­la­ti­on, son­dern schürt vor allem emo­tio­na­le Reak­tio­nen und Angst mit ihrem Auf­tre­ten. Man muss­te nur weni­ge Meter lau­fen, um Racial Pro­filing zu beob­ach­ten. Es wur­den will­kür­lich Platz­ver­wei­se erteilt und jun­gen Men­schen wur­de pri­va­tes Eigen­tum kon­fis­ziert. Die Jugend­li­chen wuss­ten zum Teil nicht ein­mal wie­so. Wer kennt denn schon sei­ne Rech­te?

Aus dem Nichts kamen zehn Poli­zis­ten auf uns zu. Wir muss­ten uns an ein Schau­fens­ter stel­len, Arme und Bei­ne aus­ein­an­der. Ein Poli­zist mein­te, wir waren zu laut.

Burak

Ayla, 32:

Ich woh­ne seit eini­gen Jah­ren in Frank­furt und kom­me aus einer grö­ße­ren Stadt. Ich hat­te immer gehört, dass Frank­furt eine sehr »inter­na­tio­na­le« Stadt sei. Doch mir sind schon früh die ras­sis­ti­schen Kon­trol­len am Bahn­hof und im Bahn­hofs­vier­tel auf­ge­fal­len. Wie Mar­gi­na­li­sier­te aus dem öffent­li­chen Raum weg­ge­drängt wer­den. Alles soll ste­ril, sau­ber und vor allem sehr weiß und bür­ger­lich sein. Gera­de den Opern­platz neh­me ich als einen sehr bür­ger­li­chen Platz wahr – für die Rei­chen und Schö­nen von Frank­furt. Da ist kein Platz für Kids aus Arbei­ter­fa­mi­li­en. Und des­halb wird jetzt auch mehr oder weni­ger selek­tiert, wer drauf darf. Die­se Ent­wick­lun­gen sind mehr als besorg­nis­er­re­gend.

Dami, 25:

Ich habe nur nega­ti­ve Erfah­run­gen mit der Poli­zei und Poli­zei­ge­walt gemacht. Wenn die Poli­zei im öffent­li­chen Raum so prä­sent ist, emp­fin­de ich Unsi­cher­heit. Aber wir muss­ten ja trotz­dem raus wäh­rend Coro­na. Wir haben uns auch am Opern­platz getrof­fen. Ich kann nur sagen, dass es eine ras­sis­ti­sche Argu­men­ta­ti­on ist, dass nur nicht-wei­ße Men­schen für die Stim­mung auf dem Opern­platz ver­ant­wort­lich sei­en. Das stimmt ein­fach nicht. Wenn Alko­hol im Spiel ist, wer­den alle laut und aus­ge­las­se­ner. Und trotz­dem wur­den wir, mei­ne Freun­de und ich, als ein­zi­ge von der Poli­zei kon­trol­liert. Das macht wütend, vor allem wenn man sein gan­zes Leben hier ver­bracht hat und trotz­dem immer als Frem­der gilt.

Burak, 16:

Wir waren jetzt am Sams­tag mit Kol­le­gen an der Haupt­wa­che zum essen ver­ab­re­det. Aus dem Nichts kamen mehr als zehn Poli­zis­ten auf uns zu, und wir muss­ten uns an die Fens­ter­schei­be eines Ladens stel­len. Arme und Bei­ne aus­ein­an­der. Ein Poli­zist mein­te, wir waren zu laut. Aber das kann nicht sein, weil da waren hun­der­te Men­schen, und alle waren so laut. Aber wir sind die mit den Guc­ci-Sachen und so. Alles wird abge­tas­tet. Ich hab extra gesagt, dass ich nur 16 bin, muss­te aber voll lan­ge da ste­hen. Die ande­ren noch län­ger. Einem Freund, der vom Trai­ning kam, wur­den Sachen aus der Box­t­a­sche weg­ge­nom­men. Ich habe auch Vide­os auf Insta­gram gese­hen, wo vier Poli­zis­ten auf einem Jun­gen saßen. Hier in Frank­furt. Sie sagen, es ist nicht wie in Ame­ri­ka, aber es ist auch nicht bes­ser.

Ayesha Khan

Aye­sha Khan ist Social-Media-Redak­teu­rin, Netz­ak­ti­vis­tin und freie Autorin.

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