[gfp:] Brain Gain

Go West

Nach einer aktu­el­len Stu­die des Wie­ner Insti­tuts für inter­na­tio­na­le Wirt­schafts­ver­glei­che (WIIW) ver­zeich­net das deut­sche Gesund­heits­we­sen einen star­ken Zustrom von im Aus­land aus­ge­bil­de­ten Ärz­ten und Pflegekräften.[1] Bei den Medi­zi­nern wuchs ihr Anteil von 2010 bis 2017 von rund sie­ben Pro­zent auf 12,5 Pro­zent, bei den Kran­ken­pfle­gern und ‑pfle­ge­rin­nen von rund sechs auf acht Pro­zent. Anga­ben der Bun­des­ärz­te­kam­mer für 2019 bestä­ti­gen den Trend. Dem­nach stieg die Zahl der aus EU-Staa­ten nach Deutsch­land ein­ge­wan­der­ten Ärz­te um 2,7 Pro­zent; aus ande­ren euro­päi­schen Staa­ten wan­der­ten sogar 10,4 Pro­zent mehr zu als im Vorjahr.[2] Der WIIW-Unter­su­chung von Isil­da Mara zufol­ge ist der Sal­do trotz­dem leicht nega­tiv, weil gleich­zei­tig vie­le deut­sche Medi­zi­ner aus­wan­der­ten und in der Schweiz oder in ande­ren Län­dern mit bes­se­ren Ver­dienst­mög­lich­kei­ten Stel­len antra­ten. Von den Ärz­ten, die Deutsch­land als Arbeits­platz wähl­ten, stam­men 60 Pro­zent aus Rumä­ni­en, Ungarn, Bul­ga­ri­en, Polen oder Tsche­chi­en. Die Kran­ken­schwes­tern und ‑pfle­ger kamen eben­falls häu­fig aus Ost‑, zuletzt aber auch ver­mehrt aus Süd­ost­eu­ro­pa – aus Ser­bi­en, Alba­ni­en oder Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na.

„Triple Win“

Um Pfle­ge­kräf­te aus dem Aus­land zu gewin­nen, betreibt die Bun­des­re­gie­rung eine akti­ve Anwer­be­po­li­tik. 2012 initi­ier­te sie in Zusam­men­ar­beit mit der Deut­schen Gesell­schaft für inter­na­tio­na­le Zusam­men­ar­beit (GIZ) und der Aus­lands­ver­mitt­lung der Bun­des­agen­tur für Arbeit das all­sei­ti­gen Nut­zen in Aus­sicht stel­len­de „Pro­jekt Trip­le Win“. In des­sen Rah­men hat sie Koope­ra­ti­ons­ab­kom­men mit Ser­bi­en, Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na, Tune­si­en, Viet­nam und den Phil­ip­pi­nen geschlos­sen. Oft­mals bedient sich Ber­lin bei der Akqui­rie­rung der Pfle­ger und Pfle­ge­rin­nen zwei­fel­haf­ter Metho­den. „In Bihać ver­su­chen Agen­tu­ren, Per­so­nal für die Arbeit in Deutsch­land abzu­wer­ben. Sie sind dabei nicht zim­per­lich, gehen sehr aggres­siv vor und bom­ba­die­ren die Schwes­tern mit Mails und Anru­fen“, berich­tet etwa die bos­ni­sche Kran­ken­haus­di­rek­to­rin Evre­sa Okanović.[3] Auch der pri­va­te Sek­tor ist ein­ge­bun­den. Die Dekra Aka­de­mie etwa berei­tet geeig­net befun­de­ne Aus­wan­de­rungs­wil­li­ge schon vor Ort in der Ukrai­ne, Ser­bi­en, Alba­ni­en, Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na und Nord­ma­ze­do­ni­en fach­lich und bezüg­lich der Sprach­kennt­nis­se auf ihre neu­en Jobs fern der Hei­mat vor. „Auch auf den Phil­ip­pi­nen, in Mexi­ko und Bra­si­li­en befin­den sich bereits Teil­neh­men­de in der Qua­li­fi­zie­rung“, ver­mel­det das Unternehmen.[4]

Unterversorgung

Von 2010 bis 2018 haben rund 40.000 Medi­zi­ner die Staa­ten Ost- und Süd­ost­eu­ro­pas in Rich­tung Wes­ten ver­las­sen. In den Her­kunfts­län­dern führt die­se Abwan­de­rungs­be­we­gung zu gro­ßen Lücken bei der medi­zi­ni­schen Ver­sor­gung, was beson­ders in der aktu­el­len Pan­de­mie ver­hee­ren­de Aus­wir­kun­gen hat. Wäh­rend in Deutsch­land auf 100.000 Ein­woh­ner rund 420 Ärz­te und 1.200 Pfle­ge­kräf­te kom­men, sind es bei­spiels­wei­se in Polen nur 270 Ärz­te und 680 Pfle­ge­kräf­te, in Alba­ni­en sogar nur 150 Ärz­te und 515 Pflegekräfte.[5]

Die Länder reagieren

Rumä­ni­en hat des­halb im April ein Aus­rei­se­ver­bot für medi­zin­sches Fach­per­so­nal und für Senio­ren­be­treu­er ver­hängt. Für Medi­zi­ner for­dert der rumä­ni­sche Ärz­te­kam­mer­prä­si­dent Gheorg­he Bor­ce­an ange­sichts der hohen Aus­bil­dungs­kos­ten Kom­pen­sa­ti­ons­zah­lun­gen der Ziel­län­der: „Es ist nicht kor­rekt, eine so hohe Zahl an Ärz­ten ohne einen Aus­gleich zu verlieren.“[6] Ser­bi­en rief sei­ne im Aus­land täti­gen Medi­zi­ner der­weil zur Rück­kehr auf und setz­te das „Triple-Win“-Abkommen vor­läu­fig aus. „Herr Spahn bekommt mei­ne Pfle­ger nicht“, erklär­te Staats­prä­si­dent Alek­san­dar Vučić.[7]

„Entwicklungspolitischer Beitrag“

Die Bun­des­re­gie­rung strei­tet nega­ti­ve Effek­te des Pro­gramms für die Her­kunfts­län­der in ihrer Ant­wort auf eine Klei­ne Anfra­ge der Bun­des­tags­frak­ti­on „Die Lin­ke“ ab und wähnt es im Ein­klang mit dem Ver­hal­tens­ko­dex der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on zur inter­na­tio­na­len Anwer­bung von Gesund­heits­fach­kräf­ten: „Vie­le Gesund­heits­fach­kräf­te fin­den in den Her­kunfts­län­dern kei­nen Arbeits­platz und suchen nach Arbeits­mög­lich­kei­ten im Aus­land, unter ande­rem in Deutsch­land. Die Her­kunfts­län­der pro­fi­tie­ren bei­spiels­wei­se von der Ent­las­tung ihres Arbeits­mark­tes, von den Rück­über­wei­sun­gen der rekru­tier­ten Fach­kräf­te an Fami­li­en-Ange­hö­ri­ge und vom Wis­sens­trans­fer bei zir­ku­lä­rer Migration.“[8] Die GIZ spricht in die­sem Zusam­men­hang sogar von einem „ent­wick­lungs­po­li­ti­schen Beitrag“.[9]

Massive Folgen

Nicht nur medi­zi­ni­sches Fach­per­so­nal zieht es aus Ost- und Süd­ost­eu­ro­pa fort, son­dern auch ande­re Hoch­qua­li­fi­zier­te. Nach dem Wett­be­werbs­in­dex, den das Davo­ser Welt­wirt­schafts­fo­rum erstellt, gehö­ren dabei die öst­li­chen und süd­li­chen EU-Mit­glie­der zu den­je­ni­gen Län­dern auf der Welt, denen es am wenigs­ten gelingt, gut aus­ge­bil­de­te Fach­kräf­te zu halten.[10] Das scha­det ihren Volks­wirt­schaf­ten enorm, wie eine Stu­die des Inter­na­tio­na­len Wirt­schafts­fonds (IWF) von 2016 darlegt.[11] So trägt die Abwan­de­rung der zumeist jun­gen Fach­kräf­te nicht wenig zur Über­al­te­rung der Gesell­schaf­ten bei, was wie­der­um höhe­re Sozi­al- und Gesund­heits­aus­ga­ben nach sich zieht. Zudem müs­sen die betrof­fe­nen Län­der einen Teil ihrer Bil­dungs­in­ves­ti­tio­nen abschrei­ben. Gleich­zei­tig gilt es, das Lohn­ni­veau anzu­he­ben, um grö­ße­re Anrei­ze zum Blei­ben zu bie­ten, obwohl durch die Emi­gra­ti­ons­be­we­gung die Pro­duk­ti­vi­tät und damit auch die Wett­be­werbs­fä­hig­keit sinkt. Laut IWF hat allein der Ader­lass der Jah­re von 1995 bis 2012 Ost- und Süd­ost­eu­ro­pa sie­ben Pro­zent an Wirt­schafts­wachs­tum gekos­tet. Damit ver­stärkt der Brain Drain, wie die Autoren kon­sta­tie­ren, nicht zuletzt auch die wirt­schaft­li­che Spal­tung der Euro­päi­schen Uni­on.

„Teufelskreis des Zerfalls“

Die­ser Ana­ly­se stimmt der Euro­päi­sche Aus­schuss der Regio­nen, ein Zusam­men­schluss von Ver­tre­tern der Regio­nen in der EU, in einer im Febru­ar ver­öf­fent­lich­ten Stel­lung­nah­me zur Abwan­de­rung von Hoch­qua­li­fi­zier­ten zu.[12] Dem Aus­schuss zufol­ge ist die Emi­gra­ti­on von Talen­ten zugleich Ursa­che und Wir­kung der „bestehen­den sozia­len und wirt­schaft­li­chen Ungleich­ge­wich­te zwi­schen den Regio­nen der EU“. Der Aus­schuss warnt vor einem „Teu­fels­kreis des Zer­falls“. Lang­fris­tig sieht das Gre­mi­um durch die Ent­wick­lung sogar die „Trag­fä­hig­keit des euro­päi­schen Pro­jekts“ gefähr­det – und for­dert die EU-Kom­mis­si­on zu Gegen­maß­nah­men auf.

„Der Kampf wird schärfer“

Zu den betrof­fe­nen Län­dern, die in Brüs­sel am vehe­men­tes­ten Hand­lungs­be­darf anmah­nen, gehört Kroa­ti­en. Zagreb hat nicht nur erfolg­reich auf ein EU-Kom­mis­sa­ri­at für „Demo­gra­phie und Demo­kra­tie“ gedrun­gen, son­dern es zugleich auch noch mit einer Kroa­tin beset­zen kön­nen. Zudem fand das The­ma auf Initia­ti­ve Kroa­ti­ens Ein­gang in die „Stra­te­gi­sche Agen­da 2019–2024“ der EU. Den­noch muss es auf abseh­ba­re Zeit als unwahr­schein­lich gel­ten, dass die Wan­de­rungs­be­we­gun­gen von Ost nach West und damit der Brain Drain zu Unguns­ten der Län­der Ost- und Süd­ost­eu­ro­pas gestoppt wer­den. Im Gesund­heits­be­reich rech­net WIIW-Autorin Isil­da Mara sogar noch mit einer Zuspit­zung, da in den west­eu­ro­päi­schen Län­dern die Nach­fra­ge nach medi­zi­ni­schen Leis­tun­gen unter ande­rem wegen der höhe­ren Lebens­er­war­tung stei­ge und gleich­zei­tig vie­le Ärz­te in Ren­te gin­gen. „Der Kampf um das Gesund­heits­per­so­nal wird schär­fer“, warnt Mara: „Er hat­te sich schon in den ver­gan­ge­nen bei­den Jahr­zehn­ten inten­si­viert, in denen eini­ge rei­che west­li­che Län­der auf Kos­ten der ärme­ren pro­fi­tiert haben.“[13]

[1] Isil­da Mara: Health Pro­fes­sio­nals Wan­ted: Chain Mobi­li­ty across Euro­pean Coun­tries. Rese­arch Report 445. wiiw​.ac​.at.

[2] bun​desa​erz​te​kam​mer​.de.

[3] Phil­ip Jokić, Robert Putz­bach: Abwer­bung und Aus­ver­kauf. Der Frei­tag 20/​2020.

[4] dekra​-aka​de​mie​.de.

[5] Isil­da Mara: Health Pro­fes­sio­nals Wan­ted: Chain Mobi­li­ty across Euro­pean Coun­tries. Rese­arch Report 445. wiiw​.ac​.at.

[6] Abö­se­sum­me für Ärz­te aus Ost­eu­ro­pa ver­langt. Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung 21.04.2020.

[7] Brit­ta Bee­ger, Andre­as Mihm: „Herr Spahn bekommt mei­ne Pfle­ger nicht“. faz​.de 19.02.2020.

[8] Ant­wort der Bun­des­re­gie­rung auf die Klei­ne Anfra­ge der Abge­ord­ne­ten Andrej Hun­ko, Harald Wein­berg, Pia Zim­mer­mann, wei­te­rer Abge­ord­ne­ter und der Frak­ti­on Die Lin­ke. Deut­scher Bun­des­tag, Druck­sa­che 19/​16732. 23.01.2020.

[9] Nach­hal­tig aus­ge­rich­te­te Gewin­nung von Pfle­ge­kräf­ten (Trip­le Win). giz​.de.

[10] Abwan­de­rung von Hoch­qua­li­fi­zier­ten in der EU: Bewäl­ti­gung der Her­aus­for­de­rung auf allen Ebe­nen. cor​.euro​pa​.eu.

[11] Emi­gra­ti­on and Ist Eco­no­mic Impact on Eas­tern Euro­pe. imf​.org.

[12] Abwan­de­rung von Hoch­qua­li­fi­zier­ten in der EU: Bewäl­ti­gung der Her­aus­for­de­rung auf allen Ebe­nen. cor​.euro​pa​.eu.

[13] Andre­as Mihm: Euro­pas bru­ta­ler Kampf um Ärz­te. Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung 21.07.2020.

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