[labournet:] Linke in Gewerkschaften – gestern und heute

[Buch von Frank Deppe] 1968: Zeiten des Übergangs. Das Ende des »Golden Age«, Revolten & Reformbewegungen, Klassenkämpfe & Eurokommunismus“Die Lin­ke war immer gut bera­ten, wenn sie an Kno­ten­punk­ten der poli­ti­schen, öko­no­mi­schen und gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lung an die Öffent­lich­keit getre­ten ist mit der Auf­for­de­rung zu einer mög­lichst brei­ten Debat­te: über Zeit­dia­gno­sen, Auf­ga­ben­stel­lun­gen, Per­spek­ti­ven. Ein sol­cher Kno­ten­punkt ist gegen­wär­tig erreicht. Von „Trans­for­ma­ti­on“ ist die Rede. Ob es sich dabei um eine sozi­al-öko­lo­gi­sche Trans­for­ma­ti­on des Kapi­ta­lis­mus oder über die­sen hin­aus han­delt (und wo dabei die Gren­zen lie­gen), ist offen. Ich plä­die­re für eine erneu­er­te Sozia­lis­mus-Debat­te – gera­de auch in der gewerk­schaft­li­chen Lin­ken. (…) Die­se Sozia­lis­mus-Debat­te muss kon­kret geführt wer­den, wenn sie poli­tisch wirk­sam wer­den soll. Aus­gangs­punkt muss die Erkennt­nis sein, dass die mit der Kri­se sich akku­mu­lie­ren­den Wider­sprü­che und Kata­stro­phen nicht nach der Logik der Pro­fit­pro­duk­ti­on, des frei­en Wett­be­werbs und des Rück­zugs des Staa­tes auf die all­ge­mei­ne Siche­rung kapi­ta­lis­ti­schen Eigen­tums­ver­hält­nis­se gelöst wer­den kön­nen. Auf der ein­zel­wirt­schaft­li­chen Ebe­ne (Betriebe/​Unternehmen) muss dar­um gekämpft wer­den, wie die Inter­es­sen der Lohn­ab­hän­gi­gen bei der Bewäl­ti­gung der Kri­se sowie der Umstel­lung der Pro­duk­ti­on berück­sich­tigt wer­den. Dazu braucht es star­ke Gewerk­schaf­ten und gute Betriebs­rä­te…” Arti­kel von Frank Dep­pe am 28. Juli 2020 im Gewerk­schafts­fo­rum externer Link und wei­ter aus dem umfang­rei­chen Text:

  • “(…) Die­se Bestand­tei­le einer alter­na­ti­ven gesell­schafts­po­li­ti­schen Pro­gram­ma­tik müss­ten von einem poli­ti­schen Pro­jekt getra­gen wer­den, in dem sozia­le Bewe­gun­gen und eine Koali­ti­on poli­ti­scher Kräf­te eine zen­tra­le Rol­le spie­len. Die Gewerk­schaf­ten kön­nen nicht die Haupt­ak­teu­re in die­sem Pro­jekt­zu­sam­men­hang sein. Ihr „Kern­ge­schäft“ besteht in der Tat dar­in, mög­lichst vie­le lohn­an­hän­gig arbei­ten­de Men­schen zu orga­ni­sie­ren, um im Betrieb und über die­sen hin­aus auf dem Feld der Tarif­po­li­tik durch die Ent­wick­lung von Gegen­macht die Arbeits- und Ein­kom­mens­be­din­gun­gen zu ver­bes­sern, die Pre­ka­ri­sie­rung der Arbeit zurück­zu­drän­gen sowie Arbeits­zeit und Leis­tungs­po­li­tik im Sin­ne von mehr Zeit­sou­ve­rä­ni­tät der Beschäf­tig­ten zu regu­lie­ren. Gleich­zei­tig wer­den sie die­se kol­lek­ti­ve Macht nut­zen, um auf den Kern­ge­bie­ten der Sozi­al­po­li­tik (Gesund­heit, Alters­si­che­rung) struk­tu­rel­le Macht (vor allem auf die Par­tei­en) aus­zu­üben. Im Blick auf die neu­en Her­aus­for­de­run­gen durch den Epo­chen­bruch wer­den die Gewerk­schaf­ten aller­dings mit der bit­te­re Wahr­heit kon­fron­tiert, dass der Bruch mit der neo­li­be­ra­len Logik und der an die­se gekop­pel­ten Macht­ver­hält­nis­se poli­ti­sche Inter­ven­tio­nen und Umwäl­zun­gen erfor­dern wird, die kei­nes­wegs mit dem tra­di­tio­nel­len Poli­tik­ver­ständ­nis von Funk­tio­nä­ren zu bewäl­ti­gen sind, die sich dar­auf kon­zen­trie­ren, über den Arbeits­mi­nis­ter oder ande­re Minis­ter der Regie­rung der Gro­ßen Koali­ti­on ein­zel­ne For­de­run­gen der Gewerk­schaf­ten durch­zu­set­zen zu kön­nen. Das ist wich­tig, aber ange­sichts der tat­säch­li­chen Her­aus­for­de­run­gen völ­lig unzu­rei­chend. Auf­ga­be der Lin­ken in den Gewerk­schaf­ten ist es, die Gren­zen die­ses tra­di­tio­nel­len Poli­tik­ver­ständ­nis­ses deut­lich zu machen, dar­auf hin­zu­wir­ken, dass das Ver­hält­nis von Schutz- und Gestal­tungs­funk­tio­nen, im Kampf um die Inter­es­sen der lohn­ab­hän­gig Arbei­ten­den neu bestimmt wer­den muss. Dazu gehört die Öff­nung der Gewerk­schaf­ten für die Dis­kur­se der sozia­len Bewe­gun­gen, die für sozia­len Woh­nungs­bau und bezahl­ba­re Mie­ten (ein­schließ­lich der Ent­eig­nung pri­va­ter Immo­bi­li­en­kon­zer­ne), für den Kli­ma- und Umwelt­schutz ein­tre­ten, aber auch Soli­da­ri­tät mit den Flücht­lin­gen ein­for­dern und zugleich der AfD und den Neo­na­zis ent­schlos­sen ent­ge­gen­tre­ten. Die Frie­dens­be­we­gung braucht in Zei­ten der zuneh­men­den Kriegs­ge­fahr drin­gend der Unter­stüt­zung aus den Rei­hen der lin­ken Gewerk­schaf­te­rin­nen und Gewerk­schaf­ter. Die Ver­tei­di­gung der Tages­in­ter­es­sen muss in eine Per­spek­ti­ve gesamt­ge­sell­schaft­li­cher und poli­ti­scher Trans­for­ma­ti­on ein­ge­bet­tet sein.”
  • Frank Dep­pe ist Autor und Pro­fes­sor em. für Poli­tik­wis­sen­schaf­ten an der Phil­ips Uni­ver­si­tät Mar­burg – und Grün­dungs­mit­glied des Labour­Net Ger­ma­ny!
  • Sie­he zuletzt im Labour­Net: [Buch] Ent­grenz­te Arbeit, (un-)begrenzte Soli­da­ri­tät? Bedin­gun­gen und Stra­te­gien gewerk­schaft­li­chen Han­delns im fle­xi­blen Kapi­ta­lis­mus

Der Bei­trag Lin­ke in Gewerk­schaf­ten – ges­tern und heu­te erschien zuerst auf Labour­Net Ger­ma­ny.

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