[labournet:] Migrantinnen in der Pflege: “Niemand überwacht die Arbeitsbedingungen” in Privathaushalten

Dossier

Plakat der freiburger Protestaktion Pflege am Boden 2015Dort, wo kran­ke oder alte Men­schen gepflegt wer­den müs­sen, sind die Ver­wand­ten oft mit der Auf­ga­be über­for­dert. Neben der Lohn­ar­beit noch den Mann oder die Mut­ter waschen, für sie kochen und viel­leicht sogar Medi­ka­men­te ver­ab­rei­chen zu müs­sen, ist anstren­gend und braucht viel Zeit. Des­halb beschäf­ti­gen vie­le Fami­li­en pri­va­te Pfle­ge­rin­nen. In Deutsch­land kom­men die Frau­en zum größ­ten Teil aus Mit­tel- und Ost­eu­ro­pa. Hel­ma Lutz forscht in Frank­furt zur Situa­ti­on der Pfle­ge­rin­nen in Pri­vat­haus­hal­ten. Die Sozio­lo­gin for­dert vor allem eine bes­se­re Bezah­lung der Pfle­ge­rin­nen, ein Ende der 24-Stun­den-Arbeit und mehr Unab­hän­gig­keit vom Haus­halt der Pfle­ge­per­son.” Inter­view vom 6. Mai 2019 bei Radio Dreyeck­land externer LinkAudio Datei, sie­he dazu auch unser Dos­sier: Pfle­ge­not­stand: (Wie­der mal) Aus­län­der rein! Also in die Pfle­ge. Die ver­zwei­fel­te Hoff­nung stirbt offen­sicht­lich zuletzt und hier spe­zi­ell zu den Arbeits­be­din­gun­gen:

  • “24-Stun­den-Pfle­ge”: Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg mel­det grund­sätz­li­che Beden­ken an ver­brei­te­tem Modell der Alten­pfle­ge an New
    Sich zu weh­ren lohnt sich – auch für Beschäf­tig­te in der “24-Stun­den-Pfle­ge”. Das ist das Signal, das das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg Mit­te Juli aus­sand­te. (…) Das Gericht hal­te es “grund­sätz­lich min­des­tens für bedenk­lich”, dass eine Betreu­ungs­kraft auf Dau­er in der­sel­ben Woh­nung mit einer Per­son lebt, “die einen Betreu­ungs­be­darf von letzt­lich 24 Stun­den hat”, beton­te die Rich­te­rin. “Wie soll sich die Klä­ge­rin abgren­zen von der alten Dame und deren Bedürf­nis­se zurück­wei­sen? Wie soll sie ihre Arbeits­zeit auf sechs Stun­den täg­lich beschrän­ken?” So erge­be sich “schon aus den Indi­zi­en, dass ein Ver­trag über 30 Stun­den nicht ernst­ge­meint sein kann”. (…) Unbe­rührt vom Aus­gang die­ses Ver­fah­rens ist eine wei­te­re anhän­gi­ge Kla­ge der Beschäf­tig­ten, in der es um For­de­run­gen aus dem Jahr 2016 geht. Der im Janu­ar eröff­ne­te Pro­zess soll in der zwei­ten Jah­res­hälf­te 2020 fort­ge­setzt wer­den. “24-Stun­den-Pfle­ge” ist für die invol­vier­ten Betrei­ber ein lukra­ti­ves Geschäfts­mo­dell – und für den deut­schen Staat eine Mög­lich­keit, sich aus sei­ner Ver­ant­wor­tung für die Daseins­vor­sor­ge älte­rer Men­schen zu steh­len. Zwi­schen 100.000 und einer hal­ben Mil­li­on meist ost­eu­ro­päi­scher Migran­tin­nen leben und arbei­ten Exper­ten­schät­zun­gen zufol­ge in deut­schen Haus­hal­ten, um pfle­ge­be­dürf­ti­ge Senio­rin­nen und Senio­ren zu betreu­en. Die meis­ten von ihnen arbei­ten unter extrem pre­kä­ren Bedin­gun­gen, meist ohne den Schutz durch das deut­sche Arbeits­recht. Obwohl das Beschäf­ti­gungs­mo­dell offen­sicht­lich gra­vie­rend gegen ele­men­ta­re Grund­sät­ze des deut­schen Arbeits­rechts ver­stößt, drückt die Poli­tik seit Jah­ren die Augen zu.” Arti­kel vom Juli 2020 beim DGB-Pro­jekt “Fai­re Mobi­li­tät“ externer Link
  • Bun­des­ver­band der Betreu­ungs­diens­te kri­ti­siert Arbeits­be­din­gun­gen ost­eu­ro­päi­scher Pfle­ge­kräf­te /​Nach dem Gerichts­ver­fah­ren: 24-Stun­den-Pfle­ge gerät unter Druck 
    • 24-Stun­den-Pfle­ge: Ver­band kri­ti­siert Arbeits­be­din­gun­gen ost­eu­ro­päi­scher Pfle­ge­kräf­te
      Der Bun­des­ver­band der Betreu­ungs­diens­te beklagt die teils unhalt­ba­ren Arbeits­be­din­gun­gen Zehn­tau­sen­der ost­eu­ro­päi­scher Betreu­ungs- und Pfle­ge­kräf­te, die in deut­schen Pri­vat­haus­hal­ten meist ohne Arbeits­ver­trag beschäf­tigt sei­en. Geschäfts­füh­rer Tho­mas Eisen­reich sag­te der “Rhei­ni­schen Post”: “In der Bran­che der soge­nann­ten selbst­or­ga­ni­sier­ten 24-Stun­den-Pfle­ge­kräf­te haben wir oft­mals genau­so pre­kä­re Arbeits­be­din­gun­gen und Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­se wie in der Fleisch­in­dus­trie, in der Land­wirt­schaft oder auf dem Bau.” Ost­eu­ro­päi­sche Pfle­ge­kräf­te bekom­men laut Eisen­reich zwi­schen 1500 und 1700 Euro im Monat. Die 24-Stun­den-Betreu­ung sei dabei oft wört­lich zu neh­men, was einem Stun­den­lohn von 2,08 Euro ent­spre­che. Auch die Unter­brin­gung sei teil­wei­se skan­da­lös – etwa wenn Betreu­er im ehe­ma­li­gen Ehe­bett neben der Pfle­ge­per­son schla­fen müss­ten. “Wenn wir natio­na­le Maß­stä­be an eine 24-Stun­den-Betreu­ung anle­gen, sind das etwa 3,5 Stel­len, damit Urlaub, freie Tage und Urlaubs­zei­ten gewährt wer­den kön­nen. Das wären cir­ca 9100 Euro pro Monat.” Das kön­ne sich aber nie­mand leis­ten. (…) Eisen­reich for­der­te, die Schwel­le für Sach­leis­tun­gen für die Pfle­ge­be­dürf­ti­gen zu sen­ken, damit sie mehr Leis­tun­gen aus der Pfle­ge­kas­se bekä­men. “Dadurch könn­ten ost­eu­ro­päi­sche Pfle­ge­kräf­te ent­las­tet wer­den und hät­ten wie im deut­schen Arbeits­recht vor­ge­schrie­ben auch Pau­sen und Ruhe­zei­ten.”” Bei­trag vom 24.07.2020 beim Spie­gel online externer Link
    • Gerichts­ver­fah­ren zu Arbeits­zeit: 24-Stun­den-Pfle­ge gerät unter Druck
      “Es ist ein Modell, das Tau­sen­den von hoch­alt­ri­gen Men­schen in Deutsch­land ermög­licht, wei­ter­hin in den eige­nen vier Wän­den woh­nen zu blei­ben. Auch dann, wenn sie Hil­fe beim Auf­ste­hen, beim Waschen, Essen, bem Toi­let­ten­gang brau­chen: die soge­nann­te 24-Stun­den-Pfle­ge. Doch ein Gerichts­ver­fah­ren könn­te das Modell jetzt gefähr­den. Die Krux dabei sind die Arbeits­zei­ten. (…) Im Ver­fah­ren vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg in der ver­gan­ge­nen Woche schlug die Rich­te­rin jetzt einen Ver­gleich vor, da die Beweis­erhe­bung sich sehr schwie­rig gestal­te. Der Ver­gleichs­vor­schlag sol­le dem­nächst vom Gericht vor­ge­legt wer­den und wer­de wohl bei 10.000 Euro lie­gen, sagt Obla­ce­wicz. Die Par­tei­en haben dann drei Wochen Zeit, dem Ver­gleich zuzu­stim­men. Andern­falls geht das Ver­fah­ren in die nächs­te Run­de. D. hat bereits erklärt, dem Ver­gleich zuzu­stim­men, der Anwalt der beklag­ten bul­ga­ri­schen Zeit­ar­beits­fir­ma will sich dar­über mit der Fir­ma bera­ten. (…) Sie dringt dar­auf, dass die Arbeits- und Bereit­schafts­zei­ten der Pfle­ge­hilfs­kräf­te juris­tisch kor­rekt bezahlt wer­den. Laut Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts von 2016 externer Link muss der durch­schnitt­li­che Stun­den­lohn für die Arbeits­zei­ten ein­schließ­lich der Bereit­schafts­zei­ten wenigs­tens dem Min­dest­lohn ent­spre­chen. Müss­te eine Pfle­ge­hilfs­kraft also tat­säch­lich 24 Stun­den am Tag in dem Haus­halt arbei­ten oder sich wäh­rend der Schlaf­zei­ten der Pfle­ge­be­dürf­ti­gen für einen Ein­satz bereit­hal­ten, wür­den bei einem Min­dest­lohn von 9,35 Euro die Stun­de ins­ge­samt mehr als 6.700 Euro im Monat an Brut­to­lohn fäl­lig. Dies wäre wohl unbe­zahl­bar für die aller­meis­ten Haus­hal­te. Zudem wür­den die Bestim­mun­gen des Arbeits­zeit­ge­set­zes, die im Schnitt nur maxi­mal 48 Wochen­stun­den Arbeit erlau­ben, aus­ge­he­belt. (…) Der ent­schei­den­de Punkt ist die dau­er­haf­te Bereit­schaft der soge­nann­ten „Live-in“-Betreuungskräfte, die die Senio­rIn­nen bei Bedarf zur Toi­let­te füh­ren oder die Vor­la­gen wech­seln, die ihnen auf Wunsch etwas brin­gen, ihnen Anspra­che bie­ten sol­len. In der Recht­spre­chung der Arbeits­ge­rich­te wer­den „Bereit­schafts­zei­ten“, etwa auch in Kin­der­hei­men oder Kran­ken­häu­sern, als Arbeits­zeit gewer­tet. Ein Ver­gleich vor Gericht, der den Betreue­rin­nen hohe Nach­for­de­run­gen erlaubt, könn­te die Bran­che auf­rüt­teln. For­de­run­gen wür­den dann mög­li­cher­wei­se auch ande­re Betreue­rIn­nen stel­len, die über Zeit­ar­beits­fir­men in Ost­eu­ro­pa und hie­si­ge Agen­tu­ren in deut­sche Haus­hal­te ver­mit­telt wer­den. „Wird das stär­ker über­wacht, dann nimmt die Schwarz­ar­beit zu“, sagt Föry. (…) Obla­ce­wicz kennt die ange­spann­te Situa­ti­on der Pfle­ge­haus­hal­te. Eine Mög­lich­keit für lega­le Ver­hält­nis­se bestün­de dar­in, die Frau­en tat­säch­lich nur 40 Stun­den in Arbeit und Bereit­schaft arbei­ten zu las­sen und die Zei­ten drum­her­um bei­spiels­wei­se durch Tages- und Nacht­pfle­ge­stel­len sowie inno­va­ti­ve Betreu­ungs­kon­zep­te abzu­de­cken, sagt sie…“ Arti­kel von Bar­ba­ra Drib­busch vom 22.07.2020 in der taz online externer Link
  • Bul­ga­ri­sche Alten­pfle­ge­rin rech­net mit deut­scher Pfle­ge­bran­che ab 
    “Hun­dert­tau­sen­de Frau­en aus Ost­eu­ro­pa pfle­gen deut­sche Senio­ren in ihren Häu­sern. Sie ste­hen rund um die Uhr zur Sei­te, doch bezahlt wer­den sie nur für ein paar Stun­den am Tag. Dobri­na D. ist vor Gericht gezo­gen. Kochen, spü­len, die Küche put­zen. Medi­ka­men­te brin­gen, ein­kau­fen, bügeln. Die Kun­din beglei­ten: zum Arzt, zum Kaf­fee trin­ken, an Aben­den zu Hau­se. Als Alten­be­treue­rin in Deutsch­land hat­te Dobri­na D. alle Hän­de voll zu tun. Und mit “Gute Nacht” war ihr Arbeits­tag noch nicht zu Ende. Oft muss­te die Bul­ga­rin mehr­mals in der Nacht auf­ste­hen, um Win­deln zu wech­seln oder wei­te­re Medi­ka­men­te zu geben. Die 96-jäh­ri­ge deut­sche Senio­rin hat­te Dobri­na D. stets an ihrer Sei­te. Schließ­lich wohn­te die Bul­ga­rin in ihrer Woh­nung. “Ich muss­te 24 Stun­den zur Ver­fü­gung ste­hen externer Link. Es gab kei­ne frei­en Tage, Zeit für mich selbst hat­te ich auch nicht”, sagt Dobri­na D. Heu­te ist sie 69 Jah­re alt und zurück in Bul­ga­ri­en. Die Erin­ne­rung an das Jahr 2015, als sie in Ber­lin die Senio­rin pfleg­te, lässt sie nicht los: “Mei­ne Fir­ma hat mich betro­gen.” Gemäß dem Arbeits­ver­trag mit ihrer bul­ga­ri­schen Ver­mitt­lungs­agen­tur soll­te Dobri­na D. nur sechs Stun­den am Tag arbei­ten. Für die­se Zeit wur­de sie auch bezahlt: 950 Euro Net­to. Sie ist in Deutsch­land erfolg­reich vor Gericht gezo­gen: Der Arbeit­ge­ber muss ihr 42.000 Euro nach­zah­len. Die Sum­me ent­spre­che der Bereit­schafts­zeit rund um die Uhr, die auch mit Min­dest­lohn ver­gü­tet wer­den soll, ent­schied das Arbeits­ge­richt in Ber­lin in ers­ter Instanz. Die bul­ga­ri­sche Agen­tur ging in Beru­fung. Die Ver­hand­lung in zwei­ter Instanz beginnt am 16. Juli…“ Arti­kel von Grze­gorz Szy­ma­now­ski und Lui­sa von Richt­ho­fen vom 15.07.2020 bei der Deut­schen Wel­le externer Link, sie­he zur Kla­ge auch:
    • Bul­ga­ri­sche Pfle­ge­rin klagt erfolg­reich auf Lohn­nach­zah­lung
      “… 30-Stun­den-Woche und 24-Stun­den-rund-um-die-Uhr-Betreu­ung – wie passt das zusam­men? Gar nicht: Tat­säch­lich muss­te Frau Aleks­e­va wäh­rend der gesam­ten Zeit rund um die Uhr für Pflege‑, Betreu­ungs- und Haus­halts­tä­tig­kei­ten zur Ver­fü­gung ste­hen, es gab kei­ne fest­ge­leg­ten Frei­zei­ten und auch kei­nen bezahl­ten Urlaub. All das wäre wei­ter so gelau­fen, wenn Frau Aleks­e­va nicht etwas getan hät­te, was Beschäf­tig­te in ihrer Situa­ti­on nur sehr sel­ten tun: Sie infor­mier­te sich über ihre Rech­te und zog vor Gericht. Nach einer aus­führ­li­chen Bera­tung in einer DGB-Bera­tungs­stel­le für mobi­le Beschäf­tig­te ent­schloss sie sich, zunächst für den Zeit­raum ab April 2015 bis Ende 2015 einen Lohn­an­spruch über die gesam­te Arbeits- und Bereit­schafts­zeit – also 24 Stun­den täg­lich – gegen ihren letz­ten Arbeit­ge­ber ein­zu­kla­gen. Die For­de­rung lag bei rund 45.000 Euro brut­to abzüg­lich der gezahl­ten Ver­gü­tung in Höhe von knapp 6.700 Euro. Da die bul­ga­ri­sche Fir­ma nicht zu einem Ver­gleich bereit war, ent­schied das Gericht und gab der Kla­ge auf Lohn­nach­zah­lung statt. Die dar­ge­leg­te Argu­men­ta­ti­on von Frau Aleks­e­va in Bezug auf die 24 Stun­den umfas­sen­de Arbeits- bzw. Bereit­schafts­zeit sei nach­voll­zieh­bar und schlüs­sig. Für unglaub­haft hielt das Gericht dage­gen die Dar­stel­lung des Arbeit­ge­ber. Der Anwalt der bul­ga­ri­schen Fir­ma hat­te ent­geg­net, Frau Aleks­e­va habe sonn­tags frei gehabt — was nicht stimm­te. Auch habe sie freie Zeit “stun­den­wei­se” im Lau­fe der Woche neh­men kön­nen – etwa wäh­rend des Mit­tags­schlafs der zu pfle­gen­den Senio­rin. Wie kon­kret die Arbeits­zeit von Frau Aleks­e­va ver­teilt war und an wel­chen Tagen sie frei hat­te, konn­te der Anwalt dem Gericht nicht dar­le­gen. Auch Bereit­schafts­zeit, so beton­ten die Rich­ter, müs­se aber grund­sätz­lich ver­gü­tet wer­den – in die­sem Fall mit dem damals gül­ti­gen gesetz­li­chen Min­dest­lohn von 8,50 Euro. Auch wenn noch kei­ne schrift­li­che Urteils­be­grün­dung vor­liegt und der Arbeit­ge­ber gegen die Ent­schei­dung Rechts­mit­tel ein­le­gen kann, bringt sie juris­ti­sche Bewe­gung in eine Grau­zo­ne, in der bis­lang vie­le Fra­gen recht­lich nicht geklärt sind. Wer “24-Stun­den-Pfle­ge” ver­langt, muss auch 24 Stun­den bezah­len. Das Urteil, wenn es denn Bestand hat, wür­de das gän­gi­ge Geschäfts­mo­dell im wach­sen­den Markt der “Live-in”-Altenbetreuung radi­kal in Fra­ge stel­len. (…) Durch das aktu­el­le Urteil des Ber­lin-Bran­den­bur­gi­schen Arbeits­ge­richts rückt eine Klä­rung immer­hin näher. Ost­eu­ro­päi­sche Betreu­ungs- und Pfle­ge­kräf­te sind nicht so recht­los, wie man ihnen ein­re­den will. Frau Aleks­e­va hat gute Chan­cen, wenigs­tens einen Teil des Loh­nes zu erhal­ten, den ihr ihr Arbeit­ge­ber vor­ent­hal­ten woll­te. Und: Das Urteil wirft ein Schlag­licht auf eine Bran­che, die ihre Geschäfts­mo­del­le und die Arbeits­be­din­gun­gen ihrer Beschäf­tig­ten lie­ber vom Blick der Öffent­lich­keit fern­hal­ten will. Es wirft auch ein Schlag­licht auf eine ver­fehl­te Poli­tik, die Alten­pfle­ge weit­ge­hend zur Pri­vat­sa­che erklärt, men­schen­un­wür­di­ge Beschäf­ti­gungs­mo­del­le för­dert und als schein­bar prak­ti­ka­ble Lösung für die Nöte von Fami­li­en mit pfle­ge­be­dürf­ti­gen Ange­hö­ri­gen prä­sen­tiert. Und viel­leicht zwingt das Urteil aus Ber­lin die Öffent­lich­keit, end­lich ehr­lich dar­über zu dis­ku­tie­ren, wie wir uns im rei­chen Deutsch­land men­schen­wür­di­ge Ver­sor­gung alter Men­schen vor­stel­len.“ Bei­trag in Pro­jekt Fai­re Mobi­li­tät Aus­ga­be 09/​2019 externer Link
    • Rund um die Uhr im Dienst: 24-Stun­den-Pfle­ge­rin könn­te rück­wir­kend mehr Geld erhal­ten
      “… Frau D., inzwi­schen zurück in Bul­ga­ri­en und in Ren­te, ver­langt, dass ihr die gesam­ten 24-Stun­den-Tage in der Woche ver­gü­tet wer­den. Allein für 2015 macht das 45000 Euro aus, abzüg­lich des bereits gezahl­ten Lohns von 6700 Euro. Einen ers­ten Pro­zess gewann sie mit Hil­fe des DGB vor dem Arbeits­ge­richt Ber­lin. “Es wird sich zei­gen, dass die­se Frau­en aus­ge­beu­tet wer­den”, hofft Jus­ty­na Obla­ce­wicz vom DGB Pro­jekt Fai­re Mobi­li­tät von dem Ver­fah­ren. (…) Doch was mora­lisch stim­mig erscheint, kann juris­tisch sehr kom­pli­ziert sein. “Es ist ein Indi­zi­en­pro­zess”, stellt die Rich­te­rin klar. Für eine vali­des Urteil wäre es des­halb ver­mut­lich not­wen­dig, erst ein­mal Bewei­se zu erhe­ben – also die Pfle­ge­rin zu befra­gen, die inzwi­schen 96-jäh­ri­ge Dame, die Geschäfts­füh­rung der Fir­ma in Bul­ga­ri­en und so wei­ter. Und weil das alles nicht ein­fach ist, macht Rich­te­rin Hin­richs einen Vor­schlag für einen Ver­gleich: Statt der knapp 40000 bekommt Frau D. 10000 Euro. Das lie­ge zwar deut­lich unter den übli­chen Ver­gleichs­an­ge­bo­ten von der Hälf­te einer strit­ti­gen Sum­me. Dafür sei der Ver­gleich aber erst gül­tig, wenn die Fir­ma auch gezahlt habe. Denn eine For­de­rung aus einem Urteil aus Deutsch­land in Bul­ga­ri­en zu voll­stre­cken, das kön­ne schwie­rig wer­den. Knapp gesagt: lie­ber 10000 Euro in der Hand als 40000 in den Ster­nen. Der Anwalt von Frau D. ist nach kur­zer Über­le­gung erst mal ein­ver­stan­den, der Anwalt der bul­ga­ri­schen Fir­ma jedoch hat Zwei­fel, ob sei­ne Man­dan­ten zustim­men wer­den: “Die­ses Urteil wür­de in der Bran­che die Run­de machen, davon wären dann viel mehr Fir­men betrof­fen.” Die Kon­tra­hen­ten haben nun vier Wochen Zeit einen Ver­gleich zu fin­den. Sonst geht der Pro­zess in die nächs­te Run­de.“ Bei­trag Arti­kel von Jan Heidt­mann vom 16.07.2020 in der SZ online externer Link
  • Frau­en in der häus­li­chen Betreu­ung nicht sys­tem­re­le­vant?! Der pri­va­te Haus­halt als recht­li­che Grau­zo­ne und wie sich ein Pfle­ge­sys­tem zwei­ter Klas­se ent­wi­ckelt 
    “Die Pro­ble­me in der Alten­pfle­ge tre­ten in der Covi­d19-Pan­de­mie beson­ders stark her­vor. Sie betref­fen vor allem die Arbeits­be­din­gun­gen des Pfle­ge­per­so­nals, ihre Schutz­rech­te und ihre Ver­gü­tung. Letz­te­res soll sich jetzt für (qua­li­fi­zier­te) Pfle­ge­hilfs­kräf­te und Pfle­ge­fach­kräf­te ver­bes­sern. Die Erhö­hung des Pfle­ge­min­dest­lohns soll ein Zei­chen der Aner­ken­nung der Pfle­ge als wich­ti­ge Tätig­keit sein. 1,2 Mio Pfle­ge­kräf­te wer­den von der Neu­re­ge­lung pro­fi­tie­ren. Doch ein wich­ti­ger Bereich wird in der Rege­lung ein­fach aus­ge­schlos­sen, die pri­va­ten Haus­hal­te, in denen vor allem Frau­en aus Mit­tel- und Ost­eu­ro­pa arbei­ten. Ist ihre Pfle­ge­leis­tung weni­ger wert? (…) Man soll­te jedoch einen genaue­ren Blick dar­auf wer­fen, wie die Bun­des­re­gie­rung ver­sucht die Pro­ble­me in der Alten­pfle­ge zu lösen. Bei der Ver­kün­dung der Ver­ord­nung wur­de aus­drück­lich dar­auf hin­ge­wie­sen, dass 1,2 Mio. Beschäf­tig­te von der Neu­re­ge­lung pro­fi­tie­ren wer­den. Nie­mand sagt aber, wer expli­zit aus­ge­schlos­sen wird. Die­ser Pfle­ge-Min­dest­lohn soll näm­lich gera­de nicht bei Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­sen in Pri­vat­haus­hal­ten gel­ten. So soll z.B. für soge­nann­te Live-Ins – Pflegebetreuer*innen, die mit der pfle­ge­be­dürf­ti­gen Per­son in einem Haus­halt leben und sie betreu­en – wei­ter­hin der „nor­ma­le“ Min­dest­lohn von der­zeit 9,35 € gel­ten. Je nach Qua­li­fi­ka­ti­on kann es im Jahr 2022 einen Unter­schied der Ver­gü­tung von ca. 3–6 € pro Stun­de zwi­schen den Min­dest­lohn­grup­pen geben und das obwohl sich die Arbeit in ihrer Arbeits­leis­tung im Pri­vat­haus­halt von denen in der sta­tio­nä­ren oder ambu­lan­ten Pfle­ge wohl kaum unter­schei­det. Es scheint also eher ein Min­dest­lohn zu sein, der nicht an der Arbeits­leis­tung gemes­sen wird, son­dern vom Arbeits­ort abhän­gig ist. Es stellt sich die Fra­ge nach dem „War­um?“. Nahe­lie­gend ist, dass die Regie­rung hier unter­stellt, die Leis­tung in Pri­vat­haus­hal­ten sei nun doch kei­ne Pfle­ge im her­kömm­li­chen Sin­ne, son­dern irgend­et­was ande­res. Etwas was sich viel­leicht zwi­schen Arbeit und Ehren­amt qua­li­fi­zie­ren lie­ße. (…) In weni­gen Wor­ten erklärt sich die Ent­wick­lung auf dem Pfle­ge­markt so: Zunächst folgt Deutsch­land immer noch einem kon­ser­va­tiv aus­ge­rich­te­tem Pfle­ge­sys­tem. Anders als z.B. in den skan­di­na­vi­schen Län­dern externer Link, kenn­zeich­net sich die­ses dadurch, dass man pri­mär die Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen des Pfle­ge­be­dürf­ti­gen in der Ver­ant­wor­tung der Betreu­ung und Pfle­ge sieht. Auf­grund der ver­ge­schlecht­lich­ten Arbeits­tei­lung wer­den zum Groß­teil Frau­en in die Pflicht genom­men, die­se Auf­ga­ben zu erle­di­gen. Die fami­liä­re Aus­rich­tung des Pfle­ge­sys­tems geht daher an der heu­ti­gen Arbeits­welt vor­bei. (…) Letzt­lich wird ver­kannt, dass die Live-In eine Lücke schließt, die aus dem ver­al­te­ten Modell unse­res Pfle­ge­sys­tems resul­tiert. Wäh­rend sich die Lebens­rea­li­tä­ten wei­ter­ent­wi­ckelt haben, geht das Pfle­ge­mo­dell von einer fami­liä­ren Ver­ant­wor­tungs­über­nah­me aus, die für vie­le Fami­li­en nicht mehr umsetz­bar ist. Durch die Dul­dung des Live-In-Sys­tem tut der Staat so, als wür­de es sei­ner Ver­pflich­tung allen Bürger*innen eine men­schen­wür­di­ge Pfle­ge zu gewäh­ren, nach­kom­men. Doch das ist eine Illu­si­on, die auf Kos­ten von Arbeitsmigrant*innen auf­recht­erhal­ten wird…“ Bei­trag von Adri­an Deckert vom 28.05.2020 im GRUNDUNDMENSCHENRECHTSBLOG externer Link
  • [Peti­ti­on] Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­se in der häus­li­chen Betreu­ung jetzt lega­li­sie­ren! 
    “Wir for­dern Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­se in der häus­li­chen Betreu­ung nach deut­schem Recht! Ost­eu­ro­päi­sche Wan­der­ar­beit­neh­mer/-innen arbei­ten in Deutsch­land in vie­len Bran­chen zu men­schen­un­wür­di­gen Bedin­gun­gen, ohne (gül­ti­ge) Arbeits­ver­trä­ge, als Schein­selbst­stän­di­ge, in Leih­ar­beit oder mit Werks­ver­trä­gen. Neben der Fleisch­in­dus­trie und der Land­wirt­schaft ist hier beson­ders der häus­li­che Pfle­ge- und Betreu­ungs­sek­tor betrof­fen. Die Ein­rei­se aus den EU-Staa­ten ist aus­län­di­schen Pfle­ge- und Betreu­ungs­kräf­ten zwar auch momen­tan gestat­tet. Sie müs­sen dazu einen Arbeits­ver­trag oder Auf­trags­un­ter­la­gen vor­le­gen. Häu­fig leben und arbei­ten die so genann­ten „Live-ins“ jedoch unter pre­kä­ren Bedin­gun­gen, unsi­cher, unge­re­gelt, unter­be­zahlt – weil die Geset­ze es bis­her zulas­sen. Wer älte­re, behin­der­te oder ande­re hilfs­be­dürf­ti­ge Men­schen betreut, soll davon selbst wür­dig leben kön­nen. Wir for­dern daher die umfas­sen­de Lega­li­sie­rung der Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­se der Live-ins. Flan­kie­rend zu einer gesetz­li­chen und tarif­recht­li­chen Neu­re­ge­lung gilt es, die sozia­le Situa­ti­on der Frau­en zu ver­bes­sern. Allem vor­an die pre­kä­re Wohn­si­tua­ti­on: Es man­gelt oft an Pri­vat­sphä­re, Schutz vor Über­grif­fen, jetzt vor Anste­ckung mit dem Coro­na­vi­rus. Wir mei­nen: Die häus­li­che Ver­sor­gung pfle­ge­be­dürf­ti­ger Men­schen ist eine sozi­al­staat­li­che Auf­ga­be. Daher müs­sen Aus­ge­stal­tung, Finan­zie­rung und Bera­tung die­ser Arbeit mit­tel­fris­tig in staat­li­che Hän­de. Wir for­dern kon­kret: 1. Sozi­al­ver­si­che­rungs­pflich­ti­ge und tarif­lich ent­lohn­te Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­se für Live-ins nach deut­schem Recht. 2. Arbeits­ver­trä­ge, inklu­si­ve Arbeits­platz­be­schrei­bung, in deut­scher Spra­che und gleich­lau­tend in der Mut­ter­spra­che des Her­kunfts­lan­des der Arbeitnehmer*innen. 3. Kla­re Rege­lun­gen zu Arbeits­zeit, Urlaub und Frei­zeit: 38,5 Wochen­ar­beits­stun­den, bei einer 6‑Ta­ge-Woche und bezahl­ten Urlaub von 3 Tagen je Monat. 4. Ermög­li­chung lega­ler Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­se durch Ver­mitt­lung über die Wohl­fahrts­ver­bän­de, z.B. über Carifair bei den Cari­tas­ver­bän­den oder Fair­Ca­re bei der Dia­ko­nie. 5. För­de­rung der Betreuungs‑, Bera­tungs- und Selbst­hil­fe­st­ruk­tu­ren für die Live-ins; Sprach­kur­se in deut­scher Spra­che; Ent­wick­lung eines Star­ter­sets zur Kul­tur, Spra­che und Gege­ben­hei­ten in Deutsch­land. 6. Bereit­stel­lung eines eige­nen, abschließ­ba­ren Zim­mers mit kos­ten­lo­sem Tele­fon und Inter­net­an­schluss. 7. Vor­hal­tung von Schutz­maß­nah­men wie Schutz­klei­dung, Hand­schu­he, Des­in­fek­ti­ons­mit­tel, Mund­schutz. 8. Schaf­fung von Rah­men­be­din­gun­gen zur Lega­li­sie­rung durch den Gesetz­ge­ber. 9. Über­prü­fung und Sank­tio­nie­rung von Schein­selbst­stän­dig­keit und Schwarz­ar­beit. Dazu soll­te die zustän­di­ge Behör­de Finanz­kon­trol­le Schwarz­ar­beit aus­ge­baut wer­den, um die Über­prü­fung gewähr­leis­ten zu kön­nen…“ Peti­ti­on „Lega­li­sie­rung jetzt“ bei Cam­pact externer Link
  • Häus­li­che Betreu­ung: Aus­beu­tung rund um die Uhr 
    “Vie­le alte Men­schen in Deutsch­land wün­schen sich, zuhau­se gepflegt zu wer­den. Doch das ist eigent­lich viel zu teu­er. Mög­lich machen es Betreu­ungs­kräf­te aus Ost­eu­ro­pa – meist unter kaum trag­ba­ren Bedin­gun­gen. (…) Davon, wie gut die Senio­ren schla­fen kön­nen, hän­gen gan­ze Tage von Rus­la­na und Iza­be­la ab. Als soge­nann­te „Live-In-Pfle­ge­rin­nen“ woh­nen sie bei den alten Men­schen und betreu­en sie Tag und Nacht. 24 Stun­den am Tag sind sie auf Abruf bereit. Rus­la­na kommt aus der Ukrai­ne und arbei­tet als Alten­be­treue­rin in Polen. Iza­be­la kommt aus Polen und arbei­tet in Deutsch­land. „Wir haben sepa­ra­te Zim­mer, aber es gibt kei­ne Tür. Sie schaut mich die gan­ze Zeit an, denn wenn ich nicht zu sehen bin, dann hat sie Angst, dass da nie­mand mehr sei. Und so muss ich mit ihr qua­si in einem Zim­mer sein. Das ist das Schlimms­te. Weil ich die gan­ze Zeit bei ihr sein muss.“ „Ich kann mei­ne Tür zu mei­nem Zim­mer nicht zu machen. Ja, die Tür muss offen­blei­ben. Und ich muss immer zu Ver­fü­gung sein. Ja, so, wie sie möch­te.“ (…) Um die 300.000 Haus­hal­te in Deutsch­land beschäf­ti­gen häus­li­che Betreu­ungs­kräf­te aus dem Aus­land. Wie sieht der All­tag der Betreue­rin­nen aus, ein­ge­schlos­sen in vier Wän­de mit alten, pfle­ge­be­dürf­ti­gen Men­schen? Basiert das deut­sche Pfle­ge­sys­tem auf Aus­beu­tung im Schat­ten­be­reich? Und wer küm­mert sich um die Alten in den Her­kunfts­län­dern der Frau­en? Gera­de die aktu­el­le Coro­na­epi­de­mie offen­bart, wie wich­tig die häus­li­chen Betreue­rin­nen für das deut­sche Pfle­ge­sys­tem sind. Ohne Hil­fe aus dem Aus­land müss­ten vie­le Fami­li­en ihren All­tag kom­plett umkrem­peln. (…) In der Coro­na­kri­se wer­den Betreu­ungs­per­so­nen für Men­schen wie Clau­di­as Vater plötz­lich knapp. Die gro­ße Mehr­heit der Betreu­ungs­kräf­te arbei­tet ohne einen Arbeits­ver­trag. Sie kön­nen jetzt nicht mehr nach Deutsch­land ein­rei­sen. Auch legal Beschäf­tig­te, wie die Betreu­ungs­kraft von Clau­dia, blei­ben Zuhau­se. Ein Grund ist, dass die Rei­se zu Zei­ten der Coro­na­kri­se unsi­cher und beschwer­lich ist, erklärt Dani­el Schlör von der Ver­mitt­lungs­agen­tur Suna­Ca­re. (…) Jus­ty­na Obla­ce­wicz arbei­tet für das Pro­jekt Fai­re Mobi­li­tät vom Deut­schen Gewerk­schafts­bund und setzt sich dort für die Rech­te der Betreue­rin­nen ein. „Es ist ein­fach eine für alle unglück­li­che Situa­ti­on. Und was es offen­bart, ist, dass das Sys­tem die­ser häus­li­chen Betreu­ung, so, wie es auf­ge­baut ist, ein­fach für den Moment gedacht ist, dass eine 24-Stun­den-Pfle­ge mit nur einer Per­son an sich über­haupt nicht mach­bar ist. Und genau die­se Schwä­chen wer­den jetzt sehr offen zu Tage geför­dert im Rah­men von der Coro­na­kri­se.“ (…) „Die Agen­tu­ren ver­spre­chen ihnen eine Frau, die 24 Stun­den am Tag, sie­ben Tage die Woche da ist, und eigent­lich für 1300 Euro Net­to tat­säch­lich rund um die Uhr zur Ver­fü­gung ste­hen soll.“ Vie­le der Ver­mitt­lungs­agen­tu­ren tra­gen die Idee der 24-Stun­den-Pfle­ge schon in ihrem Namen: EuroPfle­ge-24, Senior@Home24 oder Lebenshilfe24. „Die­ses Ver­spre­chen der 24-Stun­den-Pfle­ge ruft dann ja auch fal­sche Erwar­tun­gen her­vor, ganz oft. Was dann auch zu Miss­ver­ständ­nis­sen und Kon­flik­ten füh­ren kann.“ (…) Im 21. Jahr­hun­dert kom­men die „dienst­ba­ren Geis­ter“ aus ärme­ren Län­dern. In Euro­pa bedeu­tet das, immer wei­ter öst­lich nach Betreu­ungs­kräf­ten zu suchen. Pol­ni­sche Frau­en kom­men nach Deutsch­land, um hier alte Men­schen zu betreu­en. Aber was pas­siert mit den alten Men­schen in Polen? In Polen arbei­ten Ukrai­ne­rin­nen in der häus­li­chen Betreu­ung. Seit 2014 haben Aus­län­der leich­te­ren Zugang zum pol­ni­schen Arbeits­markt. Polen wird zum Ein­wan­de­rungs­land. Etwa zwei Mil­lio­nen Ukrai­ner sind seit­dem in das Land gekom­men…“ Bei­trag von Pia Rau­schen­ber­ger und Grze­gorz Szy­ma­now­ski vom 18.05.2020 bei Deutsch­land­funk Kul­tur externer Link
  • “24-Stun­den-Pfle­ge”: Das Geschäfts­mo­dell steht auf dem Prüf­stand 
    “Es könn­te juris­tisch eng wer­den für die Anbie­ter soge­nann­ter “24-Stun­den-Pfle­ge”. Ende Janu­ar ver­han­del­te das Arbeits­ge­richt Ber­lin über den Fall einer bul­ga­ri­schen Beschäf­tig­ten, die über meh­re­re Jah­re eine deut­sche Senio­rin in ihrer Woh­nung betreut hat­te. Ange­stellt war sie bei einer bul­ga­ri­schen Pfle­ge­agen­tur, mit einem Ver­trag über 30 Wochen­stun­den zum Brut­to­lohn von 1562 Euro. Tat­säch­lich aber muss­te sie rund um die Uhr für Pfle­ge und Haus­ar­beit zur Ver­fü­gung ste­hen. Fest­ge­leg­te Frei­zei­ten und bezahl­ten Urlaub gab es nicht. Die Klä­ge­rin for­dert für ihre Tätig­keit im Jahr 2016, dass ihr der in Deutsch­land gel­ten­de gesetz­li­che Min­dest­lohn gezahlt wird. Einer ent­spre­chen­den Kla­ge für 2015 hat­te das Arbeits­ge­richt Ber­lin im Som­mer statt­ge­ge­ben. Da die Gegen­sei­te in die Beru­fung ging, ist das Urteil noch nicht rechts­kräf­tig. Mit einer Ent­schei­dung des Lan­des­ar­beits­ge­richts wird in der zwei­ten Jah­res­hälf­te gerech­net. Erst wenn die­se vor­liegt, wird auch über die Lohn­nach­for­de­run­gen für 2016 ent­schie­den. Die Vor­sit­zen­de Rich­te­rin unter­strich: “Das Geschäfts­mo­dell als sol­ches steht hier auf dem Prüf­stand.” Euro­päi­scher Gerichts­hof und Bun­des­ar­beits­ge­richt haben in den letz­ten Jah­ren klar­ge­stellt: Auch Bereit­schafts­zeit ist Arbeits­zeit und muss mit dem gesetz­li­chen Min­dest­lohn ver­gü­tet wer­den. Ver­wun­dert zeig­te sich die Rich­te­rin dar­über, dass nicht schon viel frü­her ähn­li­che Kla­gen am Ber­li­ner Arbeits­ge­richt ein­ge­reicht wur­den. Immer­hin habe sich das Modell in den letz­ten Jah­ren stark ver­brei­tet. Auf 100.000 bis eine hal­be Mil­li­on schät­zen Fach­leu­te die Zahl ost­eu­ro­päi­scher Migran­tin­nen, die in deut­schen Haus­hal­ten leben und pfle­ge­be­dürf­ti­ge Senio­rin­nen und Senio­ren betreu­en. (…) Die Grün­de, war­um Beschäf­tig­te nur sel­ten vor Gericht zie­hen, sind viel­fäl­tig. Sprach­bar­rie­ren, Kos­ten­ri­si­ko, zeit­li­cher Auf­wand, Unkennt­nis des Rechts­sys­tems. (…) Im aktu­ell in Ber­lin ver­han­del­ten Fall ist die Klä­ge­rin ver.di-Mitglied und erhält gewerk­schaft­li­chen Rechts­schutz. Die Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft setzt sich für fai­re und gute Arbeit für Ange­stell­te auch in Pri­vat­haus­hal­ten ein. Neben trans­pa­ren­ten gesetz­li­chen Grund­la­gen und wirk­sa­men Kon­trol­len for­dert ver.di struk­tu­rel­le Refor­men im Pfle­ge­sys­tem. Denn “24-Stun­den-Pfle­ge” ist nicht nur juris­tisch und mora­lisch frag­wür­dig, son­dern dar­über hin­aus auch nur für Bes­ser­ver­die­ner erschwing­lich. Aktu­ell wer­den die­se Arran­ge­ments sogar durch die Pfle­ge­ver­si­che­rung mit dem Pfle­ge­geld mit­fi­nan­ziert. Kom­mu­na­le ambu­lan­te Ver­sor­gungs­mo­del­le dage­gen, wie es sie in skan­di­na­vi­schen Län­dern gibt, kön­nen bezahl­ba­re und men­schen­wür­di­ge Alten­pfle­ge für alle gewähr­leis­ten und machen den “grau­en Pfle­ge­markt” über­flüs­sig.“ Bei­trag in Aus­ga­be 01/​2020 von fair bei Fai­re Mobi­li­tät beim DGB externer Link
  • Pfle­ge­kräf­te aus Ost­eu­ro­pa: “Wenn man weg­schaut, schafft man den Schwarz­markt” 
    “Mehr als eine hal­be Mil­li­on Betreu­ungs­kräf­te aus Ost­eu­ro­pa küm­mern sich um deut­sche Senio­ren. Agen­tu­ren, die sie ver­mit­teln, arbei­ten in einer recht­li­chen Grau­zo­ne. Voll­kom­men lega­le Beschäf­ti­gung ist kaum mög­lich. (…) Seit Novem­ber letz­ten Jah­res arbei­tet Anja für Care­Work. Die deutsch-pol­ni­sche Agen­tur hat ein Büro unter ande­rem in Poz­nan und in Ber­lin. Geschäfts­füh­rer Micha­el Gomo­la ver­mit­telt rund 1.100 Betreu­ungs­kräf­te an deut­sche Haus­hal­te. (…) Den­noch unter­liegt auch Gomo­la dem deut­schen Arbeits­recht, wenn er sei­ne Betreu­ungs­kräf­te nach Deutsch­land schickt. Das erlaubt der­zeit kei­ne rechts­si­che­re Beschäf­ti­gung. Denn ent­we­der arbei­ten die Betreu­ungs­kräf­te als Selb­stän­di­ge, die nach Deutsch­land ent­sandt wer­den – dann droht in vie­len Fäl­len Schein­selb­stän­dig­keit. Oder sie arbei­ten als Ange­stell­te einer Agen­tur – und kön­nen dann oft das Arbeits­zeit­ge­setz nicht ein­hal­ten, das eigent­lich für 24 Stun­den Arbeits­zeit drei Schich­ten nötig macht. “Es ist ein sehr dunk­ler Bereich, in dem sie sich da bewe­gen. Wir hal­ten die­se Beschäf­ti­gungs­ar­ran­ge­ments für ille­gal”, sagt Jus­ty­na Obla­ce­wicz vom Pro­jekt “Fai­re Mobi­li­tät” des Deut­schen Gewerk­schafts­bun­des (DGB). Sie arbei­tet in einer Bera­tungs­stel­le für 24-Stun­den-Betreu­ungs­kräf­te – und berät doch nur einen klei­nen Teil der Betreu­ungs­kräf­te. Denn geschätzt 90 Pro­zent der (zumeist) Frau­en ver­rich­ten ihre Arbeit schwarz, nur etwa zehn Pro­zent der Betreu­ungs­kräf­te wer­den über Agen­tu­ren ver­mit­telt. Ins­ge­samt ver­sor­gen mehr als eine hal­be Mil­li­on Men­schen, meist aus ost­eu­ro­päi­schen EU-Län­dern, deut­sche Senio­ren. (…) Ent­schei­dend sei aber nicht, was auf dem Papier ste­he, son­dern das geleb­te Ver­hält­nis, sagt Jus­ty­na Obla­ce­wicz vom DGB: “Den Betreu­ungs­kräf­ten wird im Haus­halt gesagt, wie und wann sie etwas zu tun haben, da wird also Wei­sungs­recht aus­ge­übt. Mit Blick auf die Arbeits­zeit müs­sen wir häu­fig von einer abhän­gi­gen Beschäf­ti­gung spre­chen.” Fak­tisch müss­ten die­se Frau­en als Arbeit­neh­me­rin­nen betrach­tet wer­den und fie­len somit unter das Arbeits­schutz­ge­setz…“ Bei­trag von Katha­ri­na Zab­rzyn­ski vom 29.01.2020 bei RBB externer Link
  • Pfle­ge­kräf­te aus Ost­eu­ro­pa: “Eine 24-Stun­den-Betreu­ung ist recht­lich unmög­lich” 
    “Eine 24-Stun­den-Pfle­ge­kraft aus Ost­eu­ro­pa legal im eige­nen Haus­halt beschäf­ti­gen – wie geht das? Gar nicht, sagt The­re­sa Tschen­ker, Arbeits­recht­le­rin an der Euro­pa-Uni­ver­si­tät Via­dri­na in Frank­furt (Oder). (…) “Eine 24-Stun­den-Betreu­ung ist recht­lich unmög­lich”, stell­te The­re­sa Tschen­ker klar. Ins­be­son­de­re das Arbeits­zeit­ge­setz, das über jedem Arbeits­ver­trag ste­he, las­se eine Rund-um-die-Uhr-Pfle­ge durch eine Per­son nicht zu. So sei­en per Gesetz pro Tag elf Stun­den Ruhe­zeit garan­tiert, die maxi­ma­le Wochen­ar­beits­zeit lie­ge bei 48 Stun­den, in vor­über­ge­hen­den Aus­nah­me­fäl­len bei 60 Stun­den. Auch “Bereit­schaft” gel­te als Arbeits­zeit und ver­lan­ge nach Ruhe­zei­ten für die Beschäf­tig­ten, und von “Ruf­be­reit­schaft” im recht­li­chen Sin­ne kön­ne in der Regel kei­ne Rede sein. Bei Ruf­be­reit­schaft, die nicht als Arbeits­zeit gilt, kön­nen Beschäf­tig­te ihren Auf­ent­halts­ort frei wäh­len. In der Pfle­ge wer­de aber erwar­tet, dass die Leu­te sofort vor Ort ver­füg­bar sind. (…) Und was nun? Die 300.000 Pfle­ge­kräf­te sofort nach Hau­se schi­cken? “Das ist gar nicht mög­lich. Sie wer­den ja gebraucht”, sagt Ange­la Leh­nert. Sie ver­mit­telt Pfle­ge­kräf­te aus Ost­eu­ro­pa nach Deutsch­land. Die Auf­la­gen des Arbeits­zeit­ge­set­zes sei­en nicht erfüll­bar, räumt sie ein. Hier sei der Gesetz­ge­ber gefragt, eine Lösung zu fin­den. Zudem möge ein Lizen­zie­rungs­ver­fah­ren dafür sor­gen, dass nur jene Ver­mitt­lungs­agen­tu­ren zum Zuge kom­men, die fai­re Gehäl­ter zah­len und Ruhe­zei­ten der Beschäf­tig­ten respek­tie­ren. In ihrem Unter­neh­men wür­den die ver­si­cher­ten Pfle­ge­kräf­te min­des­tens 1.400 Euro net­to im Monat ver­die­nen, sagt Ange­la Leh­nert. Damit lie­ge der Min­dest­preis für die Fami­li­en bei 2.700 Euro im Monat. “Bil­lig ist das nicht, aber fair”, betont Ange­la Leh­nert.“ Bei­trag von Mathi­as Haus­ding vom 06.12.2019 in der Mär­ki­schen Oder­zei­tung online externer Link
  • Pfle­gemi­gra­ti­on: Pfle­ge­not­stand wird durch Aus­beu­tung kom­pen­siert 
    Min­des­tens 500.000 Pfle­ge­be­dürf­ti­ge in Deutsch­land wer­den von Care-Migran­tin­nen betreut, unge­lern­ten Pfle­ge­kräf­ten aus dem Aus­land. Es sind fast immer Frau­en, die gemein­sam mit den Pfle­ge­be­dürf­ti­gen in einem Haus­halt leben, »Live-In« nennt sich das. Die Zahl beruht auf einer Schät­zung von Aran­ka Ben­azha von der Goe­the-Uni­ver­si­tät Frank­furt – ver­mut­lich sind es aber weit­aus mehr. (…) Dem­nach stam­men rund 46 Pro­zent aus Polen, elf Pro­zent aus der Slo­wa­kei, zehn Pro­zent aus Rumä­ni­en und jeweils sechs Pro­zent aus Bul­ga­ri­en, Ungarn und Litau­en. (…) dass zuneh­mend auch Frau­en aus Dritt­staa­ten kämen, vor allem aus süd­ame­ri­ka­ni­schen Län­dern. (…) Auf­grund der hohen Kos­ten für ambu­lan­te Pfle­ge­diens­te oder sta­tio­nä­re Pfle­ge und den gleich­zei­ti­gen Man­gel an Fach­per­so­nal bie­ten Agen­tu­ren die Ver­mitt­lung von Care-Migran­tin­nen an. Sie sol­len die Ver­sor­gungs­lü­cke schlie­ßen. In Deutsch­land wer­den sie zu 70 Pro­zent über das soge­nann­te Ent­sen­de­mo­dell enga­giert. Mitt­ler­wei­le gibt es über 300 deut­sche Vermittlungsagenturen,8 die eine 24-Stun­den-Betreu­ung ver­spre­chen. In den meis­ten Fäl­len wech­seln sich zwei oder mehr Pfle­ge­hil­fen ab. Jede von ihnen ver­bringt dann einen vor­her ver­ein­bar­ten Zeit­raum von eini­gen Wochen im Pfle­ge­haus­halt. (…) Das zwei­te Modell setzt auf Care-Migran­tin­nen als selbst­stän­di­ge Betreu­ungs­kräf­te. Sie wer­den jedoch wei­ter­hin über Agen­tu­ren an Fami­li­en ver­mit­telt. Für sie gel­ten weder Min­dest­lohn noch die deut­sche Arbeits­zeit­re­ge­lung. Häu­fig han­delt sich um Schein­selb­stän­di­ge, da die Frau­en tat­säch­lich stark an die Agen­tu­ren und die Anwei­sun­gen der Pfle­ge­be­dürf­ti­gen oder deren Ange­hö­ri­ger gebun­den sind. Die drit­te, bis­her wenig genutz­te Mög­lich­keit, eine Care-Migran­tin zu beschäf­ti­gen, ist die Ver­mitt­lung durch Wohlfahrtsverbände. Mit Hil­fe von »Carifair«, einem Ange­bot der Cari­tas, kön­nen deut­sche Pri­vat­haus­hal­te als Arbeit­ge­ber fun­gie­ren. Dabei stel­len sie Care-Migran­tin­nen über einen regu­lä­ren Arbeits­ver­trag nach deut­schem Recht an. Die Cari­tas beglei­tet und berät die Pfle­ge­haus­hal­te und alle betei­lig­ten Per­so­nen vor und nach der Ver­mitt­lung. Alle ande­ren Live-Ins wer­den nicht kon­trol­liert. Im Bereich der Schwarz­ar­beit kom­men sie immer noch durch infor­mel­le Netz­wer­ke zustan­de: Mund-zu-Mund-Pro­pa­gan­da zwi­schen Pfle­ge­haus­hal­ten und Hilfs­kräf­ten regeln die Ver­mitt­lung. Intrans­pa­ren­te Geschäfts­prak­ti­ken, hohe und ille­ga­le Abga­ben an Agen­tu­ren, Ver­bo­te, über Geld zu spre­chen, und der Ver­bleib der Care-Arbeit im pri­va­ten Raum sind Facet­ten des Geschäfts mit Care-Migran­tin­nen. Recht­lich liegt die Care-Migra­ti­on in einer Grau­zo­ne vol­ler juris­ti­scher Fall­stri­cke. (…) Die Wis­sen­schaft­li­chen Diens­te des Bun­des­ta­ges ver­öf­fent­lich­ten zuletzt im Sep­tem­ber 2016 ein Papier zum recht­li­chen Sta­tus quo der »24-Stun­den-Pfle­ge in Pri­vat­haus­hal­ten durch Pfle­ge­kräf­te aus Mit­tel- und Ost­eu­ro­pa« in Deutsch­land und aus­ge­wähl­ten EU-Län­dern. Dar­in wird fest­ge­stellt, dass es hin­sicht­lich der Care-Migra­ti­on kei­ne gesetz­li­chen Rege­lun­gen gebe. Ansät­ze zur Ver­bes­se­rung der Situa­ti­on in der Pfle­ge fehl­ten. Vor allem in Deutsch­land fin­det kei­ne poli­ti­sche Dis­kus­si­on statt. Und das, obwohl die Ver­sor­gungs­kri­se in der Pfle­ge all­ge­gen­wär­tig und die Zunah­me von Care-Migra­ti­on bekannt ist…“ Bei­trag von Eva Pasch in der 15. Aus­ga­be von KATAPULT Maga­zin vom 25.10.2019 externer Link
  • Bul­ga­ri­sche Pfle­ge­rin klagt erfolg­reich auf Lohn­nach­zah­lung 
    “24-Stun­den-Pfle­ge” und “Betreu­ung rund um die Uhr”, nicht in einem Alten­heim, son­dern in der ver­trau­ten häus­li­chen Umge­bung: Das Ver­spre­chen, mit dem eine inzwi­schen kaum noch über­schau­ba­re Bran­che wirbt, hört sich gut an. Doch was nach einer men­schen­wür­di­gen Alter­na­ti­ve zur Unter­brin­gung alter Men­schen in Pfle­ge­hei­men klingt, hat eine häss­li­che Kehr­sei­te. Wie die aus­sieht, zeigt exem­pla­risch der Fall einer bul­ga­ri­schen “24-Stun­den-Pfle­ge­rin”, in dem das Arbeits­ge­richt Ber­lin im August ein Urteil fäll­te. Die bul­ga­ri­sche Staats­bür­ge­rin Frau Aleks­e­va (Name geän­dert) war seit Juni 2013 über eine deut­sche Ver­mitt­lungs­agen­tur als 24-Stun­den-Pfle­ge­rin und Haus­halts­hil­fe nach Deutsch­land gekom­men. Hier betreu­te sie von Janu­ar 2014 bis Ende Sep­tem­ber 2016 eine 96-jäh­ri­ge Senio­rin in deren Woh­nung in einer Senio­ren­re­si­denz. Ange­stellt war Frau Aleks­e­va wäh­rend der Zeit nach­ein­an­der bei zwei ver­schie­de­nen bul­ga­ri­schen Fir­men, die bei­de unter dem Dach der­sel­ben deut­schen Ver­mitt­lungs­agen­tur agier­ten. Ihr ers­ter Arbeits­ver­trag sah eine Wochen­ar­beits­zeit von 40 Stun­den bei einem Ent­gelt von umge­rech­net 400 Euro vor. Im April 2015 bekam sie dann über eine ande­re bul­ga­ri­sche Fir­ma einen neu­en Arbeits­ver­trag im Umfang von nur noch 30 Stun­den und einem Ent­gelt in Höhe von 1.562 Euro brut­to. Nach Abzug aller Neben­kos­ten für Steu­ern, Kran­ken­ver­si­che­rung, Unfall­ver­si­che­rung sowie nicht näher defi­nier­te “Zusatz­aus­ga­ben für die Rea­li­sie­rung der Tätig­keit” erhielt sie monat­lich 950 Euro. Frau Aleks­e­va war im Besitz einer soge­nann­ten A1-Beschei­ni­gung, die bestä­tig­te, dass sie über das bul­ga­ri­sche Sys­tem sozi­al­ver­si­chert war. (…) Durch das aktu­el­le Urteil des Ber­lin-Bran­den­bur­gi­schen Arbeits­ge­richts rückt eine Klä­rung immer­hin näher. Ost­eu­ro­päi­sche Betreu­ungs- und Pfle­ge­kräf­te sind nicht so recht­los, wie man ihnen ein­re­den will. Frau Aleks­e­va hat gute Chan­cen, wenigs­tens einen Teil des Loh­nes zu erhal­ten, den ihr ihr Arbeit­ge­ber vor­ent­hal­ten woll­te. Und: Das Urteil wirft ein Schlag­licht auf eine Bran­che, die ihre Geschäfts­mo­del­le und die Arbeits­be­din­gun­gen ihrer Beschäf­tig­ten lie­ber vom Blick der Öffent­lich­keit fern­hal­ten will. Es wirft auch ein Schlag­licht auf eine ver­fehl­te Poli­tik, die Alten­pfle­ge weit­ge­hend zur Pri­vat­sa­che erklärt, men­schen­un­wür­di­ge Beschäf­ti­gungs­mo­del­le för­dert und als schein­bar prak­ti­ka­ble Lösung für die Nöte von Fami­li­en mit pfle­ge­be­dürf­ti­gen Ange­hö­ri­gen prä­sen­tiert. Und viel­leicht zwingt das Urteil aus Ber­lin die Öffent­lich­keit, end­lich ehr­lich dar­über zu dis­ku­tie­ren, wie wir uns im rei­chen Deutsch­land men­schen­wür­di­ge Ver­sor­gung alter Men­schen vor­stel­len.” DGB-Arti­kel aus Fai­re Mobi­li­tät Sep­tem­ber 2019 externer Link
  • Pfle­ge in Pri­vat­haus­hal­ten: Vie­le Über­stun­den, wenig Pri­vat­sphä­re 
    Laut Schät­zun­gen gibt es in Deutsch­land 500.000 Migran­tin­nen und Migran­ten, die pfle­ge­be­dürf­ti­ge Men­schen zuhau­se betreu­en. Vie­le sind rund um die Uhr im Ein­satz und arbei­ten unter pre­kä­ren Bedin­gun­gen. Ein Blick auf die Zah­len und Fak­ten. (…) Ein wei­te­res Modell, das in den letz­ten Jah­ren an Bedeu­tung gewon­nen hat, ist die soge­nann­te “24-Stun­den-Pfle­ge”. Dabei lebt eine Pfle­ge­kraft im Haus der betreu­ten Per­son und ist rund um die Uhr in Bereit­schaft. Die meis­ten der soge­nann­ten “Live-ins” kom­men aus Mit­tel- und Ost­eu­ro­pa. Laut einer Stu­die aus dem Jahr 2017 beschäf­tigt jeder zwölf­te Haus­halt mit pfle­ge­be­dürf­ti­ger Per­son eine “ost­eu­ro­päi­sche Hilfs­kraft”, die mit im Haus lebt. Pro Monat kos­te das durch­schnitt­lich 1.800 Euro. Das Modell wer­de daher eher von ein­kom­mens­stär­ke­ren Haus­hal­ten genutzt, so die Autoren. Ver­läss­li­che Zah­len dazu lie­gen nicht vor. Ein For­schungs­team der Goe­the-Uni­ver­si­tät Frank­furt geht aber davon aus, dass etwa 500.000 Migran­tin­nen und Migran­ten in Deutsch­land als soge­nann­te “Live-ins” arbei­ten. Die über­wie­gen­de Mehr­heit sind Frau­en, die meis­ten kom­men aus Polen. Häu­fig wech­seln sie sich mit der Arbeit ab: In einem Rota­ti­ons­sys­tem von zwei bis drei Mona­ten pen­deln die Pfle­ge­kräf­te zwi­schen Deutsch­land und ihrem Her­kunfts­land. Das erschwert es, die Zahl der “Live-ins” genau zu bestim­men. “Live-ins” sind durch­schnitt­lich zehn Stun­den am Tag im Ein­satz. Wenn sie sich bei Bera­tungs­stel­len mel­den, berich­ten sie von zu lan­gen Arbeits­zei­ten, Über­mü­dung, man­geln­der Pri­vat­sphä­re und unan­ge­mes­se­ner Unter­brin­gung – manch­mal auch von Gewalt­er­fah­run­gen. Zum Teil arbei­ten die “Live-ins” undo­ku­men­tiert in den Haus­hal­ten. Wer sie irre­gu­lär bei sich arbei­ten lässt, macht sich zwar straf­bar. Aber für die Behör­den ist es schwie­rig, das zu kon­trol­lie­ren…” Bei­trag von Joseph Bau­er vom 18.07.2019 bei medi​en​dienst​-inte​gra​ti​on​.de externer Link

Der Bei­trag Migran­tin­nen in der Pfle­ge: “Nie­mand über­wacht die Arbeits­be­din­gun­gen” in Pri­vat­haus­hal­ten erschien zuerst auf Labour­Net Ger­ma­ny.

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