[KgK:] Rassismus, Diversität und Klasse: Worüber debattiert die spanische Linke?

In die­sen Tagen der „neu­en Nor­ma­li­tät“ ver­schär­fen sich die Debat­ten zwi­schen „pos­mos“ (Post­mo­der­nen) und „roji­par­dos“ (Bezeich­nung für Tei­le der Lin­ken, die sich an kon­ser­va­ti­ve oder natio­na­lis­ti­sche Vor­stel­lun­gen anpas­sen), ver­stärkt durch die Vira­li­tät eini­ger Tweets. Hin­ter den Pro­vo­ka­tio­nen tau­chen in einer für die­ses sozia­le Milieu typi­schen Art und Wei­se Pole­mi­ken über das Ver­hält­nis von Klas­se und Diver­si­tät, über Ras­sis­mus, Femi­nis­mus und Kapi­ta­lis­mus, über die Rech­te von Trans-Per­so­nen und das revo­lu­tio­nä­re Sub­jekt auf. Hier fin­det der oder die Leser*in einen Über­blick über eini­ger die­ser Debat­ten, um sich seinen*ihren Weg durch das Dickicht zu bah­nen.

„Rojipardos“ und Nostalgiker*innen, Antifeminist*innen und Antirassist*innen?

Ich möch­te mich nicht auf den pro­vo­ka­ti­ven Stil eini­ger Per­sön­lich­kei­ten kon­zen­trie­ren, die in der Welt der Tweets ihre eige­ne „Markt­ni­sche“ fin­den, son­dern auf ihre Argu­men­te. Neh­men wir den Fall von Jon Ille­s­cas, Autor des Buches Edu­cación Tóxi­ca („Toxi­sche Erzie­hung“), der nach Dani­el Ber­nabés The­se in La tram­pa de la diver­sidad („Die Fal­le der Diver­si­tät“) eine Posi­ti­on ver­tritt, die er als „worke­ris­tisch“ und gegen den Femi­nis­mus, Öko­lo­gie und Anti­ras­sis­mus gerich­tet, dar­stellt.

Sei­ne Idee lau­tet sche­ma­tisch wie folgt:
1) Femi­nis­mus, Anti­ras­sis­mus oder LGTBQIA-Bewe­gun­gen wer­den leicht von der Kul­tur­in­dus­trie assi­mi­liert und vom Neo­li­be­ra­lis­mus geför­dert, um die Arbeiter*innenklasse zu spal­ten.
2) Die „post­mo­der­ne Lin­ke“ hat die Klas­se durch meh­re­re „Ismen“ (Femi­nis­mus, Öko­lo­gis­mus, Anti­ras­sis­mus) ersetzt, die für das Sys­tem funk­tio­nal sind.
3) Die Fra­gen im Zusam­men­hang mit der „Iden­ti­tät“ sind für die Arbeiter*innenklasse zweit­ran­gig und typisch für die „ver­bür­ger­lich­ten Sek­to­ren“, was
4) von der extre­men Rech­ten aus­ge­nutzt wird, die sich um „rea­le und mate­ri­el­le Belan­ge küm­mert, die jeder Arbei­ter per­fekt ver­steht.“1

Wir erken­nen an, dass die ers­ten bei­den Argu­men­te teil­wei­se auf der Ent­wick­lung der Iden­ti­täts­po­li­tik im Rah­men des pro­gres­si­ven Neo­li­be­ra­lis­mus sowie auf der Abkehr der Klas­sen­po­li­tik durch gro­ße Tei­le der refor­mis­ti­schen Lin­ken beru­hen. Aber Ille­s­cas‘ ein­sei­ti­ge Kri­tik an den Bewe­gun­gen gegen die Unter­drü­ckung, die die­sen Kämp­fen jedes pro­gres­si­ve Ele­ment abspricht, kann nur in kon­ser­va­ti­ver Poli­tik enden, wie sie in den letz­ten bei­den Erklä­run­gen zum Aus­druck kommt.

Die­se Art von Posi­tio­nen, die von einem ver­meint­li­chen „anti­post­mo­der­nen Mar­xis­mus“ getra­gen wer­den, hat­ten damals die femi­nis­ti­sche Bewe­gung als eines ihrer Haupt­an­griffs­zie­le und zie­len nun auf die anti­ras­sis­ti­schen Demons­tra­tio­nen von #Black­Live­s­Mat­ter oder die Rech­te von Trans-Per­so­nen. Im letz­te­ren Fall stim­men die Argu­men­te auf merk­wür­di­ge Wei­se mit denen des essen­tia­lis­tischs­ten Radi­kal­fe­mi­nis­mus und der extre­men Rech­ten über­ein.

So erklär­te es Ille­s­cas in einem Arti­kel, der sei­ne Ideen zusam­men­fasst:

Ein wei­te­rer Punkt, auf den es hin­zu­wei­sen gilt, ist, dass die­se Pro­ble­me von Sek­to­ren, die defi­ni­ti­ons­ge­mäß in der Min­der­heit sind, für die gesam­te Arbeiter*innenklasse kei­ne Prio­ri­tät haben und nie haben wer­den. Doch sie [die Arbeiter*innenklasse], erin­nern wir uns, ist nach wie vor die größ­te und bes­te Akteu­rin der Lin­ken für den sozia­len Wan­del auf­grund ihrer Grö­ße und Stel­lung im Pro­duk­ti­ons­sys­tem. Dar­über hin­aus han­delt es sich bei die­sen Iden­ti­täts­be­sorg­nis­sen häu­fig um Pro­ble­me des ideo­lo­gisch eher bür­ger­lich gepräg­ten Sek­tors der Arbeiter*innen, die sich, sobald sie einen gewis­sen mate­ri­el­len Stan­dard erreicht haben, mit Fra­gen der sym­bo­li­schen Reprä­sen­ta­ti­on befas­sen kön­nen. Ein Sek­tor von libe­ra­len Selbst­stän­di­gen und/​oder Beamt*innen mit Uni­ver­si­täts­stu­di­um, die oft meh­re­re Spra­chen beherr­schen, der von einem gro­ßen Teil der Arbeiter*innenklasse als pri­vi­le­giert ange­se­hen wird (die wie­der­um von die­sen Anwärter*innen der nicht exis­tie­ren­den „Mit­tel­schicht“ stig­ma­ti­siert wer­den). (Ille­s­cas, ebd.)

Es ist jedoch para­dox, dass jemand, der an der Uni­ver­si­tät von Madrid stu­diert hat und sich als der neue You­tuber-Star des Mar­xis­mus prä­sen­tiert, die Tat­sa­che igno­riert oder über­sieht, dass die Arbeiter*innenklasse aus Mil­lio­nen von pre­kä­ren Arbeiter*innen, Migrant*innen, Latinxs und Schwar­zen besteht, die am unte­ren Ende der Arbeiter*innen ste­hen und mehr Pre­ka­ri­tät, Ras­sis­mus und Poli­zei­ge­walt aus­ge­setzt sind. Sind etwa die­se ver­bür­ger­lich­ten Sek­to­ren die Haus­an­ge­stell­ten, die als Praktikant*innen arbei­ten und sich nicht ein­mal eine Pau­se neh­men kön­nen, die sexu­el­len Beläs­ti­gun­gen durch ihre Bos­se aus­ge­setzt sind und die in vie­len Fäl­len aus Angst vor Abschie­bung kei­ne Anzei­ge erstat­ten? Sind die bür­ger­li­chen Sek­to­ren die Straßenverkäufer*innen, die mit­ten in Madrid ster­ben, nach­dem sie vor der Poli­zei geflo­hen sind? Sind die bür­ger­li­chen Sek­to­ren die pre­kä­ren jun­gen Frau­en der Fast-Food-Ket­ten, die mit Ver­trä­gen aus Mit­tel­ame­ri­ka nach Spa­ni­en gekom­men sind, die ihren Auf­ent­halts­sta­tus an den Job knüp­fen? Sind die bür­ger­li­chen Sek­to­ren die Saisonarbeiter*innen von Huel­va oder Llei­da, die der Gefahr aus­ge­setzt sind, sich am Coro­na­vi­rus zu infi­zie­ren, weil der Virus sich auf­grund des Ras­sis­mus, der Pre­ka­ri­sie­rung und anhand sozia­ler Klas­sen aus­brei­tet?

Dar­über hin­aus muss man ziem­lich blind sein, um sicher­zu­stel­len, dass Ras­sis­mus oder Geschlech­ter­un­ter­drü­ckung ein Pro­blem der „sym­bo­li­schen Reprä­sen­ta­ti­on“ der aka­de­mi­schen Debat­ten und nicht der Arbeiter*innenklasse sind. Unser You­tuber könn­te einen Tag lang im Abschie­be­ge­fäng­nis in Alu­che oder den Fel­dern in Huel­va ver­brin­gen, um her­aus­zu­fin­den, wie wenig „sym­bo­lisch“ insti­tu­tio­nel­ler Ras­sis­mus ist.

Übri­gens stell­te Ille­s­cas in sei­nem Arti­kel klar, dass es nicht so ist, dass „es kei­ne Fra­gen mehr gibt, die geän­dert wer­den müs­sen, um die Gleich­stel­lung von Frau­en und Män­nern zu errei­chen“, son­dern nur nuan­ciert, dass sei­ner Mei­nung nach „das Pro­blem dar­in besteht, dass die Metho­den zur Errei­chung die­ses Ziels neue Unge­rech­tig­kei­ten her­vor­ru­fen kön­nen“, und dass „es ehr­lich ist, anzu­er­ken­nen, dass Frau­en in vie­len Aspek­ten bereits den Män­nern gleich­ge­stellt sind, wenn sie in den ent­wi­ckel­ten Län­dern in eini­gen Fra­gen nicht sogar bereits über ihnen ste­hen.“ Der Autor for­dert damit nicht nur die femi­nis­ti­sche Bewe­gung als Gan­zes mit Aus­sa­gen her­aus, die eher von einer frau­en­feind­li­chen Incel-Grup­pe stam­men könn­ten, son­dern greift auch den „mar­xis­ti­schen Femi­nis­mus“ an. Laut einem Zitat, das er im Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fest las, sag­te Marx für ihn vor­aus, dass „der Kapi­ta­lis­mus der größ­te Ver­nich­ter der patri­ar­cha­len Gesell­schaft“ sei, so dass der Kampf gegen die Unter­drü­ckung der Frau­en von da an „zweit­ran­gig“ sein wür­de, da sich der Kapi­ta­lis­mus bereits durch die Inte­gra­ti­on der Frau­en in den Arbeits­markt befas­sen wür­de.

Wir könn­ten Ille­s­cas emp­feh­len, auch ande­re Tex­te von Marx und Engels zu lesen, bevor er sol­che stump­fen Aus­sa­gen macht; von Engels‘ Der Ursprung der Fami­lie, des Pri­vat­ei­gen­tums und des Staa­tes, über meh­re­re Kapi­tel im Kapi­tal. Oder all die spä­te­ren Arbei­ten von Autor*innen wie Cla­ra Zet­kin, Rosa Luxem­burg, Alek­san­dra Kol­lon­tai, Lenin oder Trotz­ki, die der Ansicht waren, dass der Sexis­mus von „Genos­sen“ inner­halb revo­lu­tio­nä­rer Orga­ni­sa­tio­nen und inner­halb der Arbeiter*innenklasse ohne jede Rück­sicht bekämpft wer­den müs­se, wäh­rend sie gleich­zei­tig ein spe­zi­fi­sches Pro­gramm zur Bekämp­fung der Unter­drü­ckung der Frau­en als Teil des Kamp­fes für den Sozia­lis­mus ent­wi­ckel­ten.

Die Ein­füh­rung von Frau­en in den Arbeits­markt been­det nicht etwa die patri­ar­cha­le Unter­drü­ckung, son­dern der Kapi­ta­lis­mus nutzt sie unter den neu­en Bedin­gun­gen, die durch Lohn­ar­beit geschaf­fen wer­den zu sei­nem Vor­teil. Einer­seits wird die häus­li­che Repro­duk­ti­ons­ar­beit von Frau­en aus der Arbeiter*innenklasse (die essen­ti­el­le Arbeit für die Repro­duk­ti­on der Arbeits­kraft) an einem „zwei­ten Arbeits­tag“ nicht bezahlt, da sie meist im Haus­halt ver­rich­tet wird. Aber auch, weil die arbei­ten­den Frau­en die­je­ni­gen sind, die zusam­men mit pre­kä­ren und migran­ti­schen Sek­to­ren vor allem die „indus­tri­el­le Reser­ve­ar­mee“ beset­zen, da sie in Kri­sen­zei­ten im All­ge­mei­nen als ers­te ent­las­sen wer­den. Und schließ­lich, weil auch inner­halb der Betrie­be oder in gan­zen Pro­duk­ti­ons­sek­to­ren die““sexuelle Arbeits­tei­lung“ ange­wen­det wird, mit der Exis­tenz von stär­ker femi­ni­sier­ten Sek­to­ren (Haus­an­ge­stell­te, Kran­ken­pfle­ge­rin­nen, Tele­fo­nis­tin­nen usw.) unter pre­kä­re­ren Bedin­gun­gen und mit nied­ri­ge­ren Gehäl­tern.

Doch die Arbeiter*innenklasse wird nicht durch den Kampf gegen Unter­drü­ckung gespal­ten, wie Ille­s­cas denkt, son­dern durch das Fort­be­stehen von Sexis­mus, Ras­sis­mus und Homo­pho­bie in ihren Rei­hen. Dies wird vom Sys­tem selbst geför­dert, um eine Hier­ar­chie zwi­schen Arbeiter*innen ers­ter und zwei­ter Klas­se zu eta­blie­ren. Die Frag­men­tie­rung der Arbeiter*innenklasse hat in den letz­ten Jahr­zehn­ten auch als Ergeb­nis einer Poli­tik der Fle­xi­bi­li­sie­rung des Arbeits­mark­tes, des Out­sour­cing und der Zeit­ar­beit zuge­nom­men, die die Gewerk­schafts­bü­ro­kra­tien kampf­los durch­ge­hen lie­ßen. Aber der Kampf gegen die­se viel­fa­chen Unter­drü­ckun­gen sowie zur Über­win­dung der inne­ren Zer­split­te­rung der Arbeiter*innenklasse ist etwas, das his­to­risch gese­hen von jenen Sek­to­ren außer Acht gelas­sen wur­de, die eine öko­no­mis­ti­sche oder syn­di­ka­lis­ti­sche Visi­on der Klas­se haben, die Lenin ja als Aus­druck „der bür­ger­li­chen Poli­tik der Arbei­ter­klas­se“ betrach­te­te.

Schließ­lich ist für Ille­s­cas der „com­mon sen­se“, den die rechts­ex­tre­me Par­tei VOX anspricht und der auch von der Lin­ken adres­siert wer­den müss­te, nichts ande­res als der Anti­fe­mi­nis­mus, der Anti­ras­sis­mus und die Ein­heit Spa­ni­ens gegen­über der Unab­hän­gig­keits­be­we­gung, die er ins­ge­samt als „regres­siv und post­feu­dal“ betrach­tet, ohne die reak­tio­nä­re Poli­tik des spa­ni­schen Natio­na­lis­mus in Fra­ge zu stel­len. Das ist Roji­par­dis­mus, also eine Poli­tik, die hin­ter lin­ken Phra­sen davon aus­geht, dass es eine gemein­sa­me Hand­lungs­grund­la­ge zwi­schen der extre­men Rech­ten und dem Kom­mu­nis­mus gibt. Dabei müss­te nur „der Fokus ver­än­dert“ wer­den, damit die­se „com­mon sen­ses“ kei­nen „regres­si­ven“, son­dern einen „pro­gres­si­ven“ Kurs neh­men. Indem Ille­s­cas auf die „post­mo­der­ne Lin­ke“ als Haupt­ver­ant­wort­li­che für das Wachs­tum der extre­men Rech­ten ver­weist, repro­du­ziert er als Kari­ka­tur die Las­ter der sta­li­nis­ti­schen Lin­ken, die zu ver­schie­de­nen Zei­ten kor­po­ra­ti­ve [auf die eige­ne Grup­pe beschränk­te, Anm. d. Ü.] Posi­tio­nen der pri­vi­le­gier­tes­ten Sek­to­ren der Arbeiter*innenklasse ein­nahm.

Die Trans-Frage und das revolutionäre Subjekt

Als Teil der Debat­te stellt Anto­nio Maes­t­re in einem kürz­lich erschie­ne­nen Arti­kel fest, dass „das größ­te Pro­blem der heu­ti­gen Lin­ken in Spa­ni­en dar­in besteht, theo­re­ti­sche Debat­ten als Vor­wand zur Bei­le­gung von Macht­strei­tig­kei­ten zu benut­zen.“ Er bezieht sich auf den hart aus­ge­tra­ge­nen Kampf um die Rech­te von Trans-Per­so­nen und die ver­schie­dens­ten Angrif­fe von Sek­to­ren des Radi­kal­fe­mi­nis­mus, mit der PSOE ver­bun­de­nen Sek­to­ren und eini­gen „Alpha-Män­nern des Twit­ter-Mar­xis­mus.“

Es ist eine Tat­sa­che, dass die Pole­mik mit quee­ren Theo­rien zu einem Vor­wand gewor­den ist, durch den bestimm­te Femi­nis­men und die sta­li­nis­ti­sche Lin­ke ihre kon­ser­va­ti­ve Posi­tio­nen ver­tei­di­gen, die die Rech­te von Trans-Per­so­nen ableh­nen. In die­sem Sin­ne weist Maes­t­re zu Recht dar­auf hin, dass auch mit der PSOE ver­bun­de­ne Sek­to­ren Teil der Debat­te über die Rech­te von Trans-Per­so­nen sind, die ihre Macht inner­halb des Femi­nis­mus und als Teil des Staats­ap­pa­rats bekräf­ti­gen wol­len.

Sei­ne Argu­men­te gehen jedoch dar­über hin­aus. Für Maes­t­re ist die Arbeiter*innenklasse seit dem Mar­xis­mus his­to­risch als „idea­li­sier­te Ein­heit“ dar­ge­stellt wor­den, etwas, das geän­dert wer­den soll­te, weil die Arbeiter*innenklasse sei­ner Mei­nung nach nicht mehr die Fähig­keit zur Trans­for­ma­ti­on hat. Zu sei­nen Bedin­gun­gen:

Es gibt kei­ne Mög­lich­keit einer radi­ka­len Trans­for­ma­ti­on im heu­ti­gen Arbei­ter­tum, die­ses poli­ti­sche Sub­jekt wur­de mytho­lo­gi­siert und stellt heu­te kei­ne per­for­ma­ti­ve Kraft dar. Der Öko-Sozia­lis­mus und der Femi­nis­mus, und zwar nicht der trans­feind­li­che, son­dern der­je­ni­ge, der Trans-Per­so­nen als Teil sei­nes Kamp­fes begreift, ist die gemein­sa­me Bewe­gung, die die Fähig­keit hat, im Jahr 2020 Ver­än­de­run­gen zu erzie­len, um die Pro­ble­me der Arbeiter*innenklasse zu lösen. Nehmt es hin oder lasst es ganz blei­ben, das revo­lu­tio­nä­re poli­ti­sche Sub­jekt unse­rer Zeit ist Gre­ta Thun­berg, die ihre Arme mit einer jun­gen Femi­nis­tin und einer 10-jäh­ri­gen Trans-Frau ver­schränkt. Ein Mar­xist wür­de sich ein­rei­hen.2

Hier­bei han­delt es sich um die direkt umge­dreh­te Posi­ti­on von Ille­s­cas. Ers­te­rer leug­net jeg­li­che poten­ti­ell trans­for­ma­ti­ve Fähig­keit von Bewe­gun­gen wie der Jugend­be­we­gung gegen den Kli­ma­wan­del, des Femi­nis­mus oder des Anti­ras­sis­mus. Maes­t­re hin­ge­gen leug­net das revo­lu­tio­nä­re Poten­ti­al der Arbeiter*innenklasse und schlägt vor, sie durch die Sum­me „neu­er“ sozia­ler Bewe­gun­gen zu erset­zen. Sei­ne „Revo­lu­ti­on“ ist anschei­nend nicht mehr als eine Art kul­tu­rel­ler Wider­stand im Rah­men des kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tems. Die­se Hal­tung steht nicht im Wider­spruch zu sei­ner Unter­stüt­zung für die „pro­gres­si­ve“ sozi­al-libe­ra­le Regie­rung von PSOE und Pode­mos.

Wenn Maes­t­re auf die­se Art und Wei­se den Mar­xis­mus hin­ter­fragt, bezieht er sich aus­schließ­lich auf jene öko­no­mis­ti­sche und vul­gä­re Ver­si­on, die durch Ille­s­cas ver­tre­ten wird. Damit lässt er jedoch die rei­che theo­re­ti­sche und stra­te­gi­sche Tra­di­ti­on des revo­lu­tio­nä­ren Mar­xis­mus bei­sei­te, um den Kampf gegen Unter­drü­ckung und Aus­beu­tung mit­ein­an­der zu ver­bin­den.

Die Geschich­te des Kapi­ta­lis­mus ist von ihren Ursprün­gen an mit Ras­sis­mus und Frau­en­un­ter­drü­ckung ver­bun­den und Hete­ro­nor­ma­ti­vi­tät bil­det die Basis der Insti­tu­ti­on Fami­lie, die die Repro­duk­ti­on der Arbeits­kraft und des Sys­tems selbst auf­recht erhält. Des­halb sind jene Posi­tio­nen reak­tio­när, die den Kampf gegen die­se Unter­drü­ckungs­for­men ableh­nen, denn sie soll­ten Teil der revo­lu­tio­nä­ren und hege­mo­nia­len Stra­te­gie der Arbeiter*innenklasse sein. Eine Stra­te­gie, die nicht nur auf die Über­win­dung der inter­nen Zer­split­te­rung abzielt – zwi­schen Erwerbs­tä­ti­gen und Arbeits­lo­sen, Ein­hei­mi­schen und Migrant*innen, Män­nern und Frau­en, Fest­an­ge­stell­ten und Out­ge­sourc­ten usw. –, son­dern auch auf den Auf­bau von Bünd­nis­sen mit ande­ren unter­drück­ten Sek­to­ren im anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Kampf.

Es stimmt, dass es inner­halb der sozia­len Bewe­gun­gen Sek­to­ren gibt, die ver­su­chen, eine libe­ra­le, sozi­al­de­mo­kra­ti­sche oder klas­sen­ver­söhn­li­che Poli­tik durch­zu­set­zen. In jüngs­ter Zeit haben wir dies sehr deut­lich im Femi­nis­mus am Bei­spiel des kon­ser­va­ti­ven Femi­nis­mus der PSOE oder Lidia Fal­cón gese­hen, der puni­ti­vis­tisch und trans­phob ist. Auch in ver­schie­de­nen Aus­drucks­for­men einer neo­li­be­ra­len Iden­ti­täts­po­li­tik, vom gay capi­ta­lism bis zum Green­wa­shing, lässt sich dies beob­ach­ten.

Doch es ist auch wahr, dass es inner­halb der Arbeiter*innenbewegung gro­ße Tei­le gibt, die kor­po­ra­ti­ve oder „ver­bür­ger­lich­te“ Poli­tik durch­set­zen wol­len, wie die Klas­sen­ver­söh­nung mit der Regie­rung und den Bos­sen. Die­ses Phä­no­men nimmt in den Gewerk­schafts­bü­ro­kra­tien Gestalt an. Es ist offen­kun­dig, dass in den Debat­ten zwi­schen Post­mo­der­nen und Roji­par­dos nie­mand die Gewerk­schafts­bü­ro­kra­tien in Fra­ge stellt, die jene Ver­tre­te­rin­nen der bür­ger­li­chen Poli­tik inner­halb der Arbeiter*innenbewegung sind und einen Schlüs­sel­fak­tor für die Auf­recht­erhal­tung des Regimes dar­stel­len. Sie sind Teil des „erwei­ter­ten Staa­tes“, um mit den Wor­ten Anto­nio Gram­scis zu spre­chen, oder eine pri­vi­le­gier­te Schicht inner­halb der Arbeiter*innenklasse, die als Agen­tin der kapi­ta­lis­ti­schen Ord­nung agiert.

Das bedeu­tet aber nicht, dass der Kampf gegen die Unter­drü­ckung oder die Orga­ni­sie­rung inner­halb der Gewerk­schaf­ten auf­ge­ge­ben wer­den soll­te, son­dern eher das Gegen­teil. Es geht tat­säch­lich dar­um, revo­lu­tio­nä­re Strö­mun­gen inner­halb der fort­schritt­li­chen Bewe­gun­gen und inner­halb der Arbeiter*innenklasse auf­zu­bau­en. Dazu wird es not­wen­dig sein, kor­po­ra­ti­ve Pro­gram­me sowie die Illu­sio­nen zu über­win­den, den Kapi­ta­lis­mus refor­mie­ren zu kön­nen. Dies gelingt nur, wen man die Kämp­fe für ele­men­ta­re For­de­run­gen gegen Ras­sis­mus, Poli­zei­ge­walt, Pre­ka­ri­sie­rung, sexua­li­sier­te Gewalt, gegen Trans­pho­bie, für ein Ende von Ent­las­sun­gen, Obdach­lo­sig­keit usw., mit einem For­de­rungs­ka­ta­log ver­bin­det, der das Pri­vat­ei­gen­tum der Kapitalist*innen in Fra­ge stellt.

Die Arbeiter*innenklasse bleibt auch heu­te die­je­ni­ge, die auf­grund der stra­te­gi­schen Posi­tio­nen, die sie in der Pro­duk­ti­on, Waren­zir­ku­la­ti­on und Repro­duk­ti­on auf der gan­zen Welt ein­nimmt, die sozia­le Kraft auf­brin­gen kann, um die bestehen­de Ord­nung zu unter­gra­ben. Nur sie kann jene sozia­le Min­der­heit der Kapitalist*innen besie­gen, die Aus­beu­tung und Unter­drü­ckung auf­recht­erhält. Sie umfasst Mil­lio­nen von Landarbeiter*innen, Pfle­ge­kräf­ten, Haus­an­ge­stell­ten, LKW-Fahrer*innen, Beschäf­tig­ten im Logis­tik- und Trans­port­sek­tor, der Lebens­mit­tel- und der Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­in­dus­trie, Rei­ni­gungs­kräf­te, Kassierer*innen, Arbeiter*innen in Ban­ken und im Ein­zel­han­del, der Stahl­pro­duk­ti­on oder der Ener­gie­er­zeu­gung; Ein­hei­mi­sche, Migrant*innen aller Eth­ni­en und Geschlech­ter — ohne all die­se „Sys­tem­re­le­van­ten“ bewegt sich die Welt nicht, wie wäh­rend der Coro­na­vi­rus-Kri­se deut­lich wur­de.

In Momen­ten des auf­kom­men­den Klas­sen­kamp­fes sind die Ten­den­zen zur Ein­heit auf den Stra­ßen zwi­schen allen Unter­drück­ten eine Rea­li­tät, die die theo­re­ti­schen Abhand­lun­gen vie­ler Twitter-Aktivist*innen über­trifft. Wir sehen dies in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten, wo Schwar­ze Jugend­li­che mit pre­kä­ren Arbeiter*innen, mit LGBTQIA-Aktivist*innen und kämp­fe­ri­schen Gewerkschafter*innen in einem gemein­sa­men Kampf gegen den ras­sis­ti­schen Staat, die Poli­zei­ge­walt und die Fol­gen der Kri­se von Mil­lio­nen neu­er Arbeits­lo­sen zusam­men­kom­men.

Jen­seits der Debat­te zwi­schen Post­mo­der­nen und Roji­par­dos müs­sen wir uns die Fra­ge stel­len, wel­ches Sub­jekt für wel­che Stra­te­gie zen­tral ist. Wenn sich das Ziel dar­auf beschränkt, den Kapi­ta­lis­mus in irgend­ei­ner Wei­se mensch­li­cher zu gestal­ten und man sich dabei auf den par­la­men­ta­ri­schen Weg kon­zen­triert und Vari­an­ten des „klei­ne­ren Übels“ unter­stützt wie die PSOE-Pode­mos-Regie­rung, dann macht die Debat­te über das „revo­lu­tio­nä­re Sub­jekt“ kei­nen Sinn. Aber auch die Nost­al­gie Ille­s­cas nach der alten Izquier­da Uni­da und der PCE (Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei Spa­ni­ens, euro­kom­mu­nis­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on, Haupt­or­ga­ni­sa­ti­on von Izquier­da Uni­da) stellt kei­ne Alter­na­ti­ve dar. Wir ver­ges­sen nicht, dass die PCE von Beginn an eine ent­schei­den­de Rol­le bei der Auf­recht­erhal­tung des Regimes von 1978, und der Mon­ar­chie mit ein­be­grif­fen, spiel­te.

Es wird an der Zeit sein, für die Not­wen­dig­keit einer revo­lu­tio­nä­ren poli­ti­schen Stra­te­gie zum Kampf gegen jede Form der Unter­drü­ckung und Aus­beu­tung zu kämp­fen und nach Wegen zu suchen, eine mate­ri­el­le Kraft auf­zu­bau­en, um sie durch­zu­set­zen.

Die­ser Arti­kel erschien zuerst am 12.07.2020 unter dem Titel „Ent­re “pos­mos” y “roji­par­dos”, ¿qué está deba­ti­en­do la izquier­da espa­ño­la?“ in der Sonn­tags­aus­ga­be der lin­ken Tages­zei­tung Izquier­da Dia­rio.

Fuß­no­ten

1. Jon Ille­s­cas, „Im Ange­sicht von VOX: Arbei­ter­klas­se“, Vie­jo Topo, Janu­ar 2019, https://​www​.elvie​jo​to​po​.com/​a​r​t​i​c​u​l​o​/​f​r​e​n​t​e​-​a​-​v​o​x​-​h​a​b​r​a​-​i​z​q​u​i​e​r​d​a​-​p​a​r​a​-​l​a​-​c​l​a​s​e​-​o​b​r​e​ra/

2. Anto­nio Maes­t­re, „Das revo­lu­tio­nä­re poli­ti­sche Sub­jekt ist ein trans Kind“, eldia​rio​.es, 04.07.20, https://​www​.eldia​rio​.es/​o​p​i​n​i​o​n​/​z​o​n​a​-​c​r​i​t​i​c​a​/​s​u​j​e​t​o​-​p​o​l​i​t​i​c​o​-​r​e​v​o​l​u​c​i​o​n​a​r​i​o​-​n​i​n​a​-​t​r​a​n​s​_​1​2​9​_​6​0​8​1​6​0​1​.​h​tml

Klas­se Gegen Klas­se