[labournet:] »Wir haben protestiert, aber die Regierung hat mit Schüssen, mit Gewalt geantwortet«. Ein Gespräch über die Arbeiterproteste im irakischen Ölsektor

express, Zeitung für sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit“Die Ent­wick­lun­gen des Welt­mark­tes in der gegen­wär­ti­gen Kri­se wir­ken sich beson­ders auf die poli­ti­sche Öko­no­mie des Irak aus. Im Zusam­men­hang mit der COVID-19-Pan­de­mie brach der Erd­öl­preis ein. Wäh­rend in Deutsch­land die Sprit­prei­se sin­ken, ver­schlech­tern sich die Lebens­be­din­gun­gen der ira­ki­schen Arbei­ter­klas­se. (…) Die Ein­nah­men aus dem Erd­öl wer­den sich vor­aus­sicht­lich in die­sem Jahr hal­bie­ren. Des­we­gen kürz­te die Regie­rung Ren­ten und senk­te die Löh­ne der Staats­an­ge­stell­ten – außer­dem kam es zu Ent­las­sun­gen, u.a. auf den Ölfel­dern. Auf dem Ölfeld al-Ahdab bei Bas­ra kam es in der Fol­ge zu einem Sit-in von ent­las­se­nen Arbei­tern, die damit ihrer For­de­rung nach Wie­der­ein­stel­lung Nach­druck ver­lei­hen woll­ten. Der Pro­test wur­de bru­tal von Sicher­heits­kräf­ten nie­der­ge­schla­gen. Es gab drei Tote. (…) Ver­mit­telt über Sami Adnan von Workers Against Sec­te­ria­nism haben wir* mit dem Erd­öl­ar­bei­ter Saif über die Arbeits­be­din­gun­gen auf den Ölfel­dern von al-Ahdab, die Rol­le des Erd­öls für den Irak und die gewalt­sa­me Been­di­gung des Pro­tests gespro­chen…” Inter­view erschie­nen in express – Zei­tung für sozia­lis­ti­sche Betriebs- und Gewerk­schafts­ar­beit 7/​2020:

»Wir haben protestiert, aber die Regierung hat mit Schüssen, mit Gewalt geantwortet«

Ein Gespräch über die Arbeiterproteste im irakischen Ölsektor

Die Ent­wick­lun­gen des Welt­mark­tes in der gegen­wär­ti­gen Kri­se wir­ken sich beson­ders auf die poli­ti­sche Öko­no­mie des Irak aus. Im Zusam­men­hang mit der COVID-19-Pan­de­mie brach der Erd­öl­preis ein. Wäh­rend in Deutsch­land die Sprit­prei­se sin­ken, ver­schlech­tern sich die Lebens­be­din­gun­gen der ira­ki­schen Arbei­ter­klas­se.
Bereits vor der Pan­de­mie gab es enor­me Über­ka­pa­zi­tä­ten in der Erd­öl­för­de­rung, vor allem weil Sau­di-Ara­bi­en und Russ­land ihre För­de­rung Anfang 2020 erhöh­ten, nicht zuletzt um die Erd­öl­för­de­rung der kon­kur­rie­ren­den pri­va­ten US-ame­ri­ka­ni­schen Fir­men durch nied­ri­ge Welt­markt­prei­se unpro­fi­ta­bel zu machen. Die nied­ri­gen Prei­se tra­fen im Zuge der durch die Pan­de­mie beschleu­nig­ten Kri­se der Welt­wirt­schaft, die umfang­rei­che Pro­duk­ti­ons- und Lie­fer­stopps mit sich brach­te, auf eine sin­ken­de Roh­stoff­nach­fra­ge. Voll­be­la­de­ne Tan­ker fuh­ren über die Welt­mee­re und konn­ten nicht ent­la­den wer­den, weil die Spei­cher­ka­pa­zi­tä­ten in den Abneh­mer­län­dern schon voll waren.
Die glo­ba­le Ölpreis-Kri­se äußert sich im Irak in einer mas­si­ven Kri­se der Staats­ein­nah­men. Der Ver­kauf des schwar­zen Gol­des macht nahe­zu 100 Pro­zent der Expor­te und 90 Pro­zent der Staats­ein­nah­men aus. Hier­bei ist zu beach­ten, dass der Groß­teil der Erd­öl­pro­duk­ti­on im Irak sich nicht in pri­va­ter, son­dern in staat­li­cher Hand befin­det. Die Regie­rung schließt mit aus­län­di­schen Kon­zer­nen Ver­trä­ge über den Trans­fer von För­der­tech­no­lo­gien in den Irak ab, wofür die­se Anteil an den Erd­öl­ex­por­ten erhal­ten. Grund­sätz­lich basiert das kon­fes­sio­na­lis­ti­sche Sys­tem des Iraks auf einer kli­en­te­lis­ti­schen Ver­tei­lung der Ein­nah­men aus die­sem Wirt­schafts­zweig über die Staats­ap­pa­ra­te (vgl. unser Inter­view mit Sami Adnan in express 3/​2020, S. 12f.).
Die Ein­nah­men aus dem Erd­öl wer­den sich vor­aus­sicht­lich in die­sem Jahr hal­bie­ren. Des­we­gen kürz­te die Regie­rung Ren­ten und senk­te die Löh­ne der Staats­an­ge­stell­ten – außer­dem kam es zu Ent­las­sun­gen, u.a. auf den Ölfel­dern. Auf dem Ölfeld al-Ahdab bei Bas­ra kam es in der Fol­ge zu einem Sit-in von ent­las­se­nen Arbei­tern, die damit ihrer For­de­rung nach Wie­der­ein­stel­lung Nach­druck ver­lei­hen woll­ten. Der Pro­test wur­de bru­tal von Sicher­heits­kräf­ten nie­der­ge­schla­gen. Es gab drei Tote.
Mitt­ler­wei­le hat sich der welt­wei­te Ölpreis wie­der auf Vor-Kri­sen-Niveau sta­bi­li­siert, indem sich die OPEC-Staa­ten auf eine Dros­se­lung der För­der­men­ge ver­stän­dig­ten. Das wie­der­um könn­te wei­te­re Ent­las­sun­gen in den För­der­län­dern zur Fol­ge haben und somit vor allem die Arbei­ter­klas­sen der OPEC-Staa­ten tref­fen. Auch blei­ben die struk­tu­rel­len Pro­ble­me von Volks­wirt­schaf­ten, die vom Roh­stoff­ex­port abhän­gig sind, bestehen.
Ver­mit­telt über Sami Adnan von Workers Against Sec­te­ria­nism haben wir* mit dem Erd­öl­ar­bei­ter Saif über die Arbeits­be­din­gun­gen auf den Ölfel­dern von al-Ahdab, die Rol­le des Erd­öls für den Irak und die gewalt­sa­me Been­di­gung des Pro­tests gespro­chen.

Saif, bis vor Kur­zem hast du auf den Ölfel­dern von al-Ahdab im Irak gear­bei­tet. Was war Dei­ne Auf­ga­be? Und wel­che Erfah­run­gen hast Du dort gemacht, wie sind die Arbeits­be­din­gun­gen in die­sem Sek­tor?

Mei­ne Arbeit besteht dar­in, Pipe­lines auf dem Ölfeld in al-Ahdab zu ver­bin­den. Ihr wisst ja viel­leicht: Wenn bei einem Ölfeld – in der Wüs­te, wie im Irak, oder ganz all­ge­mein unter der Erde – das Erd­öl hoch­be­för­dert wird, braucht es Pipe­lines dafür, und die baue ich. Ich bin aber kein Inge­nieur, son­dern tech­ni­scher Hilfs­ar­bei­ter. Und dazu gehört auch, dass ich Grä­ben aus­he­be, um die Pipe­lines zu ver­le­gen und ver­bin­den zu kön­nen. Wie bei den meis­ten Arbei­tern auf dem Ölfeld sind die Schich­ten von uns Hilfs­ar­bei­tern von früh mor­gens, ab 7 Uhr, bis in den spä­ten Nach­mit­tag. Das heißt, dass wir unter der Hit­ze der Mit­tags­son­ne arbei­ten. Im Irak, beson­ders im Süden, stei­gen die Tem­pe­ra­tu­ren bis auf 45°C oder 50°C an. Die­se tro­cke­ne Hit­ze ist wahn­sin­nig für die Arbei­ter auf den Ölfel­dern; zumal in den Wüs­ten, die mitt­ler­wei­le wei­te Tei­le der ira­ki­schen Land­schaft aus­ma­chen. Die Arbeit macht dich ziem­lich müde und du bist die gan­ze Zeit am Schwit­zen. Nun ist es so, dass die Regie­rung uns bei der Arbeit auch kei­ne ent­spre­chen­den Werk­zeu­ge, moder­ne Maschi­nen oder Fahr­zeu­ge zur Ver­fü­gung stellt. Das wür­de uns zum Bei­spiel das Aus­he­ben der Grä­ben weni­ger beschwer­lich machen, aber wir bekom­men sie nicht. Wir müs­sen mit ver­al­te­ten, ein­fa­chen Werk­zeu­gen die Löcher irgend­wie in den Boden gra­ben, und das ist har­te, stra­pa­ziö­se und auf­rei­ben­de Arbeit. Es pas­siert des­halb nicht sel­ten, dass Arbei­ter bei uns auf den Ölfel­dern wegen der Anstren­gung mit den alten Gerät­schaf­ten und unter der unsäg­li­chen Hit­ze in Ohn­macht fal­len oder einen Hit­ze­schlag bekom­men. Ein ande­res gro­ßes Pro­blem ist, dass nicht weni­ge Pipe­lines auch schon ziem­lich alt sind und lecken kön­nen. Wenn das Erd­öl aus­läuft, musst du da rein­tau­chen in die­se Erd­öl­se­en, die sich dann lang­sam sam­meln, oder du musst in die Pipe­line selbst rein, um das Leck zu repa­rie­ren. Das ist gefähr­lich. Öl ist ein sehr gif­ti­ges Mate­ri­al, und wenn dir das in dei­nem Arbeits­all­tag immer wie­der unter die Klei­dung auf die Haut kommt, kriegst du irgend­wann Haut­krebs. Bei den meis­ten Arbei­tern auf den Ölfel­dern, die schon alt sind, ist das so. Sie beka­men Haut­krebs im Alter. Gefähr­lich ist das natür­lich auch für die umlie­gen­den Orte, die nahe am Ölfeld lie­gen, weil sich die­ses gif­ti­ge Zeug, das mit der Erd­öl­för­de­rung aus dem Boden geholt wird, auch dort­hin wei­terträgt. In den Nach­bar­schaf­ten sind Krebs­er­kran­kun­gen ver­schie­dens­ter Art häu­fig.

Wich­tig zu wis­sen ist auch, dass wir nur kurz­zei­ti­ge Arbeits­ver­trä­ge erhal­ten. Die Regie­rung wei­gert sich aller­dings, uns fest anzu­stel­len. Denn dann müss­ten sie uns höhe­re Löh­ne zah­len sowie Ver­si­che­run­gen und Ren­ten­bei­trä­ge. Ich arbei­te schon seit 15 Jah­ren dort. Vie­len Arbei­tern geht es so wie mir. Wir kämp­fen schon lan­ge dafür, staat­lich fest ange­stellt zu wer­den, weil die­se Ver­trags­ar­beit auf Dau­er nicht legal ist und uns ent­spre­chen­de Löh­ne usw. vor­ent­hal­ten wer­den.

Kannst du etwas zur Geschich­te der Ölfel­der von al-Ahdab sagen? Und wel­che Rol­le spielt dei­ner Ein­schät­zung nach die Ölin­dus­trie für die ira­ki­sche Öko­no­mie?

Die Ölfel­der von al-Ahdab wur­den in den 1970er Jah­ren aus­ge­ho­ben, in der Ära der Baath-Par­tei, als die Regie­rung das Feld mit sei­nen Mil­li­ar­den Bar­rels an Erd­öl ent­deck­te. Im Zuge des letz­ten Golf­krie­ges 2003 gin­gen die Fel­der dann um 2006/​2007 an ein chi­ne­si­sches Unter­neh­men, das über vie­le Jah­re Erd­öl in al-Ahdab för­der­te. In die­ser Zeit wur­de ich, wie die meis­ten, als Ver­trags­ar­bei­ter ange­stellt.

Erd­öl nimmt eine Schlüs­sel­rol­le in der ira­ki­schen Öko­no­mie und Poli­tik ein. Alle Poli­ti­ker kämp­fen um den Pos­ten des Ölmi­nis­ters, um so viel wie mög­lich davon zu steh­len. Wenn du über das Öl ver­fügst, hast du die Kon­trol­le und poli­ti­sche Macht im Irak, denn der gan­ze Staats­haus­halt wird hier­von getra­gen. Alle Leh­re­rIn­nen, Inge­nieu­rIn­nen, Stu­die­ren­de, Kran­ken­häu­ser, Schu­len – all das wur­de durch das Öl finan­ziert. Der ira­ki­sche Staat ist ein Ren­tier­staat. Er kauft sich alles nur mit Öl – einen ande­ren wesent­li­chen Pro­duk­ti­ons­zweig gibt es nicht. Nach der Natio­na­li­sie­rung der Erd­öl­pro­duk­ti­on in den 1970er Jah­ren för­der­te der Irak sein Erd­öl zunächst noch selbst. Mitt­ler­wei­le sind über­all ver­schie­de­ne Unter­neh­men aus Chi­na, den USA, Russ­land, Frank­reich betei­ligt. Auch der Iran betei­ligt sich am Dieb­stahl unse­res Öls. Des­we­gen haben wir kei­ne Kon­trol­le mehr über unse­re Wirt­schaft und unser poli­ti­sches Sys­tem.

Die Regie­rung hat eini­ge von euch Arbei­tern im Ölfeld von al-Ahdab Mit­te Mai die­ses Jah­res vor die Tür gesetzt. Was waren die Grün­de für die­se Mas­sen­ent­las­sun­gen? Und wie ging das von­stat­ten, unter wel­chen Bedin­gun­gen wur­det ihr raus­ge­wor­fen?

Unse­re Ver­trä­ge wur­den nicht ver­län­gert, weil – so die Regie­rung – kein Geld da sei, um unse­re Löh­ne zu zah­len, und wegen COVID-19. Dies ist auch ande­ren Arbei­tern auf ira­ki­schen Ölfel­dern in den letz­ten Mona­ten pas­siert. Uns wur­de gesagt, dass die Regie­rung die staat­li­chen Ange­stell­ten im Gegen­satz zu uns Ver­trags­ar­bei­tern nicht so ein­fach ent­las­sen kann. Unse­re Ver­trä­ge hin­ge­gen kön­nen jeder­zeit ohne gro­ße Schwie­rig­kei­ten gekün­digt wer­den. Des­halb wur­de ich gefeu­ert.

Aber es ging auch dar­um, dass wir zuvor schon pro­tes­tiert hat­ten und ver­sucht hat­ten Druck auf­zu­bau­en, um aus unse­ren Ver­trä­gen in die staat­li­che Fest­an­stel­lung zu kom­men, wie es unser Recht ist. Vie­le Arbei­ter auf den Ölfel­dern, wie wir auch, kämp­fen schon lan­ge für mehr Sicher­heit bei der Arbeit, bes­se­re Gerät­schaf­ten und die Aus­stat­tung mit Fahr­zeu­gen. Aber Ent­las­sun­gen in dem Aus­maß gab es bis­her, soweit ich weiß, nur ein­mal, so um 2010 her­um, unter dem für die Ölpro­duk­ti­on zustän­di­gen Minis­ter Hus­s­ain al-Shahris­ta­ni. Damals waren Pro­tes­te der Arbei­ter auf den Ölfel­dern gegen ihn als Minis­ter der Anlass. In unse­rer Situa­ti­on ist es etwas anders: Es geht um finan­zi­el­le Pro­ble­me, für unse­re Löh­ne fehlt das Geld.

Ihr habt auf die Kün­di­gun­gen mit einem Pro­test und Sit-In bei den Ölfel­dern geant­wor­tet. Kannst du uns ein biss­chen mehr von eurem Pro­test erzäh­len? Was sind eure For­de­run­gen, wer hat sich betei­ligt an dem Sit-In? Wie habt ihr euch orga­ni­siert?

Als wir von der Ent­schei­dung erfuh­ren, dass wir raus­ge­schmis­sen wer­den, waren wir scho­ckiert und wütend. Das betrifft nicht nur uns tech­ni­sche Hilfs­ar­bei­ter, son­dern Arbei­ter aus ver­schie­de­nen Berei­chen des Ölfel­des. Wir sind sehr vie­le – 300, 400 Arbei­ter. Zuerst rie­fen wir beim Minis­te­ri­um an, um her­aus­zu­fin­den, ob das über­haupt stimmt, dass wir unse­re Jobs ein­fach so ver­lo­ren haben.

Dann rie­fen wir uns gegen­sei­tig an und mein­ten, dass wir jetzt etwas tun müs­sen.
Als wir tags dar­auf zur Arbeit gehen woll­ten, wur­de uns der Zugang ver­sperrt, da wir eben kei­ne Beschäf­tig­ten mehr sind. Wir sind dar­über so wütend gewor­den, dass wir uns ent­schlos­sen haben, Zel­te zu holen und in den Ölfel­dern zu blei­ben, also ein Sit-in zu machen. Denn wir konn­ten nicht still­schwei­gend wie­der nach Hau­se gehen. Ver­schie­de­ne Arbei­ter kamen hin­zu und brach­ten Zel­te mit. Wir tele­fo­nier­ten her­um, rie­fen Akti­vis­ten und Gewerk­schaf­ter an, damit sie uns in unse­rem Pro­test unter­stüt­zen. Die kamen dann auch und soli­da­ri­sier­ten sich mit uns. Auch Fern­seh­sen­der kamen und inter­view­ten uns. Unser Sit-in dau­er­te ziem­lich genau eine Woche, immer unter der erschla­gen­den Son­ne.

Am letz­ten Tag die­ser Woche, das war der 18. Mai, haben dann Sicher­heits­kräf­te der Regie­rung auf uns und die Jour­na­lis­ten geschos­sen, und sie haben unse­re Han­dys und die Kame­ras und Han­dys der Jour­na­lis­ten zer­stört.

Das ist ein bru­ta­ler Angriff der Regie­rung…

Ja, sie haben uns noch ein paar Mal vor­her gewarnt, so in der Art: »Wir wer­den euch erschie­ßen, wir wer­den euch anzün­den.« Aber wir konn­ten nicht weg­ge­hen. Wir konn­ten den Pro­test nicht auf­ge­ben und ein­fach nach Hau­se gehen, weil wir nicht wis­sen, wie wir leben sol­len. Wie sol­len wir unse­re Kin­der ernäh­ren? Also ent­schie­den wir zu blei­ben, und das war das Ergeb­nis: Unse­re Zel­te wur­den abge­brannt, die Jour­na­lis­ten wur­den atta­ckiert, und auf uns wur­de geschos­sen. Drei von uns sind dabei umge­kom­men.

Erfahrt ihr Soli­da­ri­tät mit eurem Anlie­gen und gibt es Wider­stand von ande­ren Arbei­tern oder Akti­vis­tIn­nen im Irak?

Es gab Soli­da­ri­tät von Gewerk­schaf­ten, Akti­vis­tIn­nen und Pro­tes­tie­ren­den, zum Bei­spiel aus Bag­dad, al Nasi­ri­ya, al Bas­ra und eini­gen ande­ren Städ­ten, wo es seit Okto­ber 2019 Pro­tes­te gibt. Dort wur­den Schil­der auf­ge­rich­tet, um uns zu unter­stüt­zen. Nur, was kön­nen sie für uns tun? Die Pro­tes­tie­ren­den haben selbst nichts in der Hand, konn­ten bis­her nichts errei­chen, nicht ein­mal für sich selbst. Nie­mand hört den Pro­tes­tie­ren­den zu. In den öffent­li­chen und sozia­len Medi­en wur­de dar­über gespro­chen. In den TV-Sen­dun­gen wird unser Pro­test gera­de ein­mal als Fuß­no­te erwähnt.

Wie ist es um die Gewerk­schaf­ten bestellt: Sind sie bei euch in den Ölfel­dern von Al-Ahdab aktiv, unter­stüt­zen sie euch bei der Durch­set­zun­gen eurer For­de­run­gen?

Wir sind nicht gewerk­schaft­lich orga­ni­siert, wir sind auch nicht inof­fi­zi­ell orga­ni­siert, weil wir auch gar nicht kön­nen. Das ist ver­bo­ten in der ira­ki­schen Ölin­dus­trie. Es ist ille­gal für die Gewerk­schaf­ten, über­haupt in staat­li­chen Sek­to­ren aktiv zu sein, egal ob es um Öl geht oder ande­re Res­sorts. Das dies­be­züg­li­che Gesetz geht auf die Zeit der Baath-Par­tei zurück, als Sad­dam Hus­sein eine Ein­heits­ge­werk­schaft instal­lier­te und ihr gleich­zei­tig die Tätig­kei­ten in staat­li­chen Sek­to­ren ver­bot.

Wenn wir uns gewerk­schaft­lich orga­ni­sie­ren, ver­lie­ren wir sofort unse­ren Job. Du wirst nicht nur raus­ge­schmis­sen, son­dern auch ver­haf­tet und ins Gefäng­nis gesteckt und manch­mal des Ter­ro­ris­mus beschul­digt, weil du der ira­ki­schen Wirt­schaft scha­den wür­dest. Und wenn du dich im Irak umschaust, mit der hohen Arbeits­lo­sig­keit und der weit ver­brei­te­ten Armut – als Arbei­ter in den Ölfel­dern hast du noch einen ganz guten Lohn und wenn du rich­tig staat­lich ange­stellt wirst, bekommst du eine gute Kran­ken­ver­si­che­rung usf. – die­se Ver­hält­nis­se machen es sehr schwer, sich zu orga­ni­sie­ren, weil man sei­nen Job unter die­sen Lebens­be­din­gun­gen nicht ris­kie­ren kann.

Was bedeu­ten die Aus­sper­rung respek­ti­ve die Ent­las­sun­gen für dich und dei­ne Kol­le­gen? Was sind eure Befürch­tun­gen und Ängs­te im Moment?

Für mich und die ande­ren ist es hart, pre­kär zu arbei­ten, auch weil wir Fami­li­en haben. Unse­re Frau­en arbei­ten nicht, und wir haben Kin­der, jeder von uns vier oder fünf. Die meis­ten von uns leben in Miet­woh­nun­gen oder bei der Fami­lie. Wie sol­len wir ohne Arbeit unter die­sen Bedin­gun­gen leben? Wenn die Lebens­mit­tel so teu­er sind? Sie haben uns raus­ge­schmis­sen, also haben wir pro­tes­tiert, und dann wur­de auf uns geschos­sen. Wie du siehst: Wir kön­nen nichts tun. Alle sind unglück­lich und depri­miert. Einer unse­rer Arbeits­kol­le­gen hat sich das Leben genom­men, wegen der aus­sichts­lo­sen Lage. Er hat­te vier Töch­ter, was ein Pro­blem für man­che Ira­ker ist, gera­de in kon­ser­va­ti­ven Krei­sen, weil Frau­en dort nicht arbei­ten dür­fen. Sei­ne Frau hat auch kei­ne Aus­bil­dung oder einen Abschluss. Unser Kol­le­ge ent­schied sich nach der Kün­di­gung für den Sui­zid. Wir waren alle sehr trau­rig dar­über. Unglück­lich sind wir alle. Jetzt müs­sen wir ande­re Arbeit fin­den; damit sind wir nun haupt­säch­lich beschäf­tigt. Wahr­schein­lich wird es auch har­te Arbeit sein, Rei­ni­gungs­ar­bei­ten oder Zeug hin- und her­schlep­pen. Wir haben pro­tes­tiert, aber die Regie­rung hat mit Schüs­sen, mit Gewalt geant­wor­tet. Wie sol­len wir da pro­tes­tie­ren?

* Sami Adnan ist Teil der Grup­pe ›Workers against Sec­ta­ria­nism‹ in Bag­dad, die sich seit 2019 auf ver­schie­de­ne Wei­se an den Kämp­fen der ira­ki­schen Arbei­ter­klas­se betei­ligt. Lil­li Helm­bold, Jakob Koeke­pann und Hans Ste­phan sind mit dem Com­mu­nis­ti­schen Labor Trans­lib in Leip­zig asso­zi­iert, das sich u.a. mit den Aus­wir­kun­gen der COVID-19-Pan­de­mie vor dem Hin­ter­grund einer Kri­se des Kapi­ta­lis­mus beschäf­tigt.

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express im Netz und Bezug unter: www​.express​-afp​.info externer Link

Der Bei­trag »Wir haben pro­tes­tiert, aber die Regie­rung hat mit Schüs­sen, mit Gewalt geant­wor­tet«. Ein Gespräch über die Arbei­ter­pro­tes­te im ira­ki­schen Ölsek­tor erschien zuerst auf Labour­Net Ger­ma­ny.

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