[KgK:] Die Emanzipation der Frauen im Werk von Leo Trotzki

Foto­mon­ta­ge: Mar Ned – Enfo­que Rojo

Leo Trotz­ki wid­me­te kei­ne spe­zi­fi­sche Arbeit der his­to­ri­schen Ana­ly­se der patri­ar­cha­len Unter­drü­ckung. War­um also sind über mehr als fünf Jahr­zehn­te hin­weg so vie­le Aus­ga­ben erschie­nen, die sei­ne Reden, sei­ne Arti­kel oder ein­zel­ne Kapi­tel sei­ner Wer­ke zusam­men­fas­sen, in denen er sich mit der Frau­en­fra­ge befasst?

Die ers­te der­ar­ti­ge Publi­ka­ti­on, Women and the Fami­ly, erschien 1973 und wur­de von Monad Press (einer Toch­ter­ge­sell­schaft von Path­fin­der Press) her­aus­ge­ge­ben. Mit einer Ein­füh­rung von Caro­li­ne Lund (1) ent­hält die Aus­ga­be fol­gen­de Tex­te: „Von der alten Fami­lie – zur neu­en“, ein Kapi­tel aus sei­nem Buch „Fra­gen des All­tags­le­bens“ von 1923; einen „Brief an eine Ver­samm­lung von Arbei­te­rin­nen in Mos­kau“ von 1923; „Der Schutz der Mut­ter­schaft und der Kampf für Kul­tur“ und „Den Sozia­lis­mus auf­bau­en, heißt die Frau­en eman­zi­pie­ren und die Müt­ter schüt­zen“ von 1925, bei­des Anspra­chen an die 3. All-Uni­ons-Kon­fe­renz für den Schutz von Müt­tern und Kin­dern, die in jenem Jahr in der Sowjet­uni­on statt­fand(2); „Fami­li­en­be­zie­hun­gen unter den Sowjets“ von 1932, die die Ant­wor­ten auf 14 Fra­gen der ame­ri­ka­ni­schen Wochen­zei­tung Liber­ty sind, und „Ther­mi­dor in der Fami­lie“, ein Abschnitt aus Kapi­tel 7 sei­nes Buches „Die ver­ra­te­ne Revo­lu­ti­on“ von 1936(3).

Wei­te­re Nach­dru­cke folg­ten. 1974 erschien Band 20 der „Wer­ke Leo Trotz­kis“ auf Spa­nisch in Mexi­ko, her­aus­ge­ge­ben von Juan Pablos Edi­tor. Die­ser Band ver­sam­melt die­sel­ben Tex­te unter dem Titel La mujer y la fami­lia (Die Frau und die Fami­lie), aber mit Über­set­zun­gen aus dem Rus­si­schen, die zu Trotz­kis Leb­zei­ten von And­reu Nin(4) ange­fer­tigt wor­den waren und von der sehr jun­gen Ver­ó­ni­ca Vol­kov gesam­melt wur­den(5). 1977 wur­de der Band in der Samm­lung Cua­der­nos de Ana­gra­ma (Ana­gra­ma-Hef­te) in Bar­ce­lo­na unter dem Titel Escri­tos sob­re la cues­tión feme­ni­na (Schrif­ten zur Frau­en­fra­ge) ver­öf­fent­licht. Die­se Aus­ga­be ent­hält auch das umfang­rei­che Werk Socia­list Revo­lu­ti­on and the Strugg­le for Women’s Libe­ra­ti­on von Mary-Ali­ce Waters aus dem Jahr 1979(6). Bei­den Aus­ga­ben folg­ten wei­te­re bei ver­schie­de­nen Ver­la­gen, dar­un­ter auch von trotz­kis­ti­schen Grup­pen in ver­schie­de­nen Spra­chen selbst her­aus­ge­brach­te Ver­sio­nen.

Es ist kein Zufall, dass die­se Tex­te, die in die­sen Bän­den zusam­men­ge­tra­gen wur­den, genau in dem Moment in Umlauf kamen, als sich die zwei­te Wel­le des Femi­nis­mus in den zen­tra­len Staa­ten der Welt ent­wi­ckel­te. Im Rah­men der Jugend-Mobi­li­sie­rung gegen den Viet­nam­krieg, der natio­na­len Befrei­ungs­be­we­gun­gen in Afri­ka, der Mas­sen­streiks in den am wei­tes­ten ent­wi­ckel­ten Län­dern und der Her­aus­for­de­run­gen an die büro­kra­ti­schen Regime in Ost­eu­ro­pa bil­de­te sich eine „Neue Lin­ke“ her­aus, die sich mit Fra­gen der gesell­schaft­li­chen Unter­drü­ckung und Kul­tur beschäf­tig­te und ein grö­ße­res Inter­es­se an die­sen Dis­kus­sio­nen und Tex­ten zeig­te. Nicht nur, weil Trotz­ki ein bedeu­ten­der Anfüh­rer der lin­ken Oppo­si­ti­on gegen den sta­li­nis­tisch geführ­ten Flü­gel der Bol­sche­wis­ti­schen Par­tei und die Dege­ne­ra­ti­on des Arbeiter*innenstaates gewe­sen war, son­dern auch, weil er die Frau­en­fra­ge meh­re­re Jahr­zehn­te lang auf eine Art und Wei­se inter­pre­tiert hat­te, die den offi­zi­el­len Argu­men­ta­ti­ons­li­ni­en der kom­mu­nis­ti­schen Par­tei­en grund­sätz­lich ent­ge­gen­stand, die selbst in den 1970er Jah­ren einen dog­ma­ti­schen Mar­xis­mus auf­rech­terhiel­ten, der zu einer geschön­ten Visi­on des soge­nann­ten „rea­len Sozia­lis­mus“ ver­zerrt wor­den war und mit dem auf­kom­men­den radi­ka­len Femi­nis­mus kol­li­dier­te.

Es ist wahr­schein­lich, dass die Nie­der­la­ge der Mas­sen und das Vor­an­schrei­ten der kapi­ta­lis­ti­schen Restau­ra­ti­on welt­weit in den fol­gen­den Jahr­zehn­ten der Grund dafür waren, dass die Frau­en­be­we­gung das Inter­es­se an Trotz­kis schar­fen, prä­gnan­ten Arti­keln und Reden ver­lor. Auf ver­schie­de­ne Arten und Wei­sen näher­te sich die­se Bewe­gung Posi­tio­nen an, die dem revo­lu­tio­nä­ren sozia­lis­ti­schen Femi­nis­mus dia­me­tral ent­ge­gen­ge­setzt sind. Ich wür­de sogar so weit gehen, zu behaup­ten – ohne gro­ße Angst, falsch zu lie­gen – dass es in den 1990er Jah­ren nur eine Hand­voll Marxist*innen gab, die an die­sen Tex­ten fest­hiel­ten und nach einer radi­ka­len Basis such­ten, auf deren Grund­la­ge wir uns von der vor­herr­schen­den Ver­si­on der mar­xis­ti­schen Posi­tio­nen zur Frau­en­fra­ge tren­nen konn­ten. Die­se wur­den vom Sta­li­nis­mus zur Recht­fer­ti­gung sei­ner kon­ser­va­ti­ven Poli­tik ver­zerrt, womit den Libe­ra­len Argu­men­te gelie­fert wur­den, mit denen sie die Lin­ke angrei­fen konn­ten.

Die „Vergessenen und Unterdrückten“ der Arbeiter*innenklasse

Trotz­kis ers­ter bekann­ter Text zur Frau­en­fra­ge taucht in der Regel nicht in Sam­mel­wer­ken auf. Es ist die Rede, die er auf der Zwei­ten Welt­kon­fe­renz Kom­mu­nis­ti­scher Frau­en (1921) hielt, die gleich­zei­tig mit dem Drit­ten Kon­gress der Kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tio­na­le statt­fand, der als „Schu­le der revo­lu­tio­nä­ren Stra­te­gie“ in die Geschich­te ein­ging(7).

Es war ein schwie­ri­ger Kon­gress der Inter­na­tio­na­le. Anfäng­lich waren Lenin und Trotz­ki in der Min­der­heit gegen eine ultra­lin­ke Ten­denz, die von den Dele­gier­ten der deut­schen Sek­ti­on ange­führt wur­de. Die Ultra­lin­ken argu­men­tier­ten, dass die wirt­schaft­li­chen Kri­se in kapi­ta­lis­ti­schen Sys­te­men einen ste­ti­gen Anstieg der Mobi­li­sie­rung der Mas­sen bewirkt habe, der die Mög­lich­keit der Macht­er­grei­fung schuf. Auf der Grund­la­ge die­ser Ein­schät­zung argu­men­tier­ten sie, dass die Stra­te­gie der kom­mu­nis­ti­schen Par­tei­en eine „per­ma­nen­te Offen­si­ve“ sein soll­te – eine Stra­te­gie, die mit dem Auf und Ab des Klas­sen­kamp­fes unver­ein­bar war und die auf gefähr­li­cher­wei­se zur Iso­lie­rung der kom­mu­nis­ti­schen Par­tei­en von den Mas­sen und den fort­ge­schrit­tens­ten Sek­to­ren der Arbeiter*innenbewegung hät­te füh­ren kön­nen(8).

Die­se ultra­lin­ke Ten­denz nahm auch an der Zwei­ten Welt­kon­fe­renz Kom­mu­nis­ti­scher Frau­en teil und stell­te den Ent­wurf der „The­sen über die Metho­den und For­men der Arbeit der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei­en unter den Frau­en“ in Fra­ge, der spä­ter zunächst von den Dele­gier­ten und eini­ge Tage spä­ter auf dem Kon­gress der Inter­na­tio­na­le ange­nom­men wur­de. In der Debat­te redu­zier­ten die Dele­gier­ten der ultra­lin­ken Ten­denz die Bedeu­tung des Kamp­fes um das Wahl­recht auf ein Mini­mum und betrach­te­ten die Teil­nah­me von Kommunist*innen an den Par­la­men­ten als eine refor­mis­ti­sche Abwei­chung an sich.

Die damals ange­se­hens­te Anfüh­re­rin der kom­mu­nis­ti­schen Frau­en war Cla­ra Zet­kin aus Deutsch­land. Da sie den poli­ti­schen Posi­tio­nen Lenins nahe stand, war sie vor und wäh­rend des Kon­gres­ses Ziel von Angrif­fen der Dele­ga­ti­on der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Deutsch­lands (KPD). Dar­über hin­aus nutz­te die ultra­lin­ke Ten­denz das Pres­ti­ge der ihren poli­ti­schen Posi­tio­nen nahe­ste­hen­den, rus­si­schen Revo­lu­tio­nä­rin Alex­an­dra Kol­lon­tai aus, um zu ver­su­chen, Zet­kin aus der Füh­rung der kom­mu­nis­ti­schen Frau­en­be­we­gung her­aus­zu­drän­gen, wovor Lenin gewarnt hat­te. Es war Lenins Idee gewe­sen, dass Zet­kin den Ent­wurf der „The­sen“ ver­fas­sen soll­te, wie sie sich in ihrem Pam­phlet „Erin­ne­run­gen an Lenin“(9) von 1925 lie­be­voll erin­nert. In dem Doku­ment sprach sie in Über­ein­stim­mung mit der Posi­ti­on, die Lenin und Trotz­ki gegen die Ultra­lin­ken ver­tei­dig­ten, die Not­wen­dig­keit an, die poli­ti­sche Arbeit der kom­mu­nis­ti­schen Par­tei­en unter den arbei­ten­den Frau­en zu stär­ken, und folg­te damit der Linie, die Ines­sa Armand im Vor­jahr auf­ge­stellt hat­te und in der sie die Bedeu­tung der Mobi­li­sie­rung der „rück­stän­digs­ten, ver­ges­se­nen und unter­drück­ten, am meis­ten ernied­rig­ten Schich­ten der Arbei­ter­klas­se und der schuf­ten­den Armen aus der Armee der Arbei­te­rin­nen“(10) beton­te.

In sei­ner Rede vor den Dele­gier­ten der Zwei­ten Welt­kon­fe­renz Kom­mu­nis­ti­scher Frau­en erklär­te Trotz­ki in der glei­chen Art und Wei­se:

„Im Fort­schritt der Welt­ar­bei­ter­be­we­gung spie­len Arbei­te­rin­nen eine gro­ße Rol­le. Ich sage das nicht nur, weil ich auf einer Frau­en­kon­fe­renz rede, son­dern weil die blo­ßen Zah­len zei­gen, was für einen wich­ti­gen Teil die Arbei­te­rin im Mecha­nis­mus der kapi­ta­lis­ti­schen Welt spielt […] Und all­ge­mein gesagt steht in der Welt­ar­bei­ter­be­we­gung die Arbei­te­rin am nächs­ten gera­de dem Teil des Pro­le­ta­ri­ats, […] der am rück­stän­digs­ten, am meis­ten unter­drückt ist, die Unters­ten der Unte­ren. Und gera­de des­halb kann und muss in den Jah­ren der kolos­sa­len Welt­re­vo­lu­ti­on die­ser Teil des Pro­le­ta­ri­ats der aktivs­te, revo­lu­tio­närs­te und initia­tivs­te Teil der Arbei­ter­klas­se wer­den.

Natür­lich sind blo­ße Ener­gie, blo­ße Bereit­schaft zum Angriff nicht genug. Aber gleich­zei­tig ist die Geschich­te vol­ler Bei­spie­le wie die­se: dass sich wäh­rend einer mehr oder weni­ger lang­ge­zo­ge­nen Epo­che vor der Revo­lu­ti­on im männ­li­chen Teil der Arbei­ter­klas­se, beson­ders unter den pri­vi­le­gier­te­ren Schich­ten sich über­mä­ßi­ge Vor­sicht ansam­melt, über­mä­ßi­ger Kon­ser­va­tis­mus, zu viel Oppor­tu­nis­mus und über­gro­ße Anpas­sungs­be­reit­schaft. Und die Reak­ti­on auf ihre eige­ne Rück­stän­dig­keit und Ernied­ri­gung, die von Frau­en gezeigt wird, kann, wie gesagt, eine kolos­sa­le Rol­le in der revo­lu­tio­nä­ren Bewe­gung ins­ge­samt spie­len“(11).

Die­se ent­schei­den­de Debat­te in der Geschich­te der Kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tio­na­le spie­gelt sich in Trotz­kis Rede vor der Zwei­ten Welt­kon­fe­renz der Kom­mu­nis­ti­schen Frau­en wider. Sie schlug sich auch in der Syn­the­se nie­der, die mit der „The­sen über die Metho­den und For­men der Arbeit der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei­en unter den Frau­en“(12) erreicht wur­de, die von Zet­kin in Über­ein­stim­mung mit der Posi­ti­on von Lenin und Trotz­ki geschrie­ben, aber von ande­ren kom­mu­nis­ti­schen Anfüh­re­rin­nen, die den Ultra­lin­ken wie Kol­lon­tai näher stan­den, abge­wan­delt wur­den.

Das Schweigen über die Probleme des Alltagslebens brechen

Die bekann­tes­ten Tex­te Trotz­kis aus dem Jahr 1923 sind vor allem Kapi­tel aus „Fra­gen des All­tags­le­bens“. Trotz­ki selbst sag­te in der Ein­lei­tung zu die­sem Buch, er hat­te den Ein­druck, dass „es in unse­rer Par­tei­bi­blio­thek an einer klei­nen Bro­schü­re feh­le, die in der popu­lärs­ten Form für den Durch­schnitts­ar­bei­ter die Erschei­nun­gen und Tat­sa­chen der gegen­wär­ti­gen Über­gangs­epo­che mit­ein­an­der ver­knüpft, die rich­ti­ge Per­spek­ti­ve her­stellt und damit zu einem Werk­zeug der kom­mu­nis­ti­schen Erzie­hung wür­de“(13). Er begann die­se Arbeit mit der Zusam­men­stel­lung einer Grup­pe von Parteipropagandist*innen in Mos­kau, der Ver­tei­lung eines Fra­ge­bo­gens und der Eröff­nung einer Dis­kus­si­on. „Die bei der Bespre­chung ange­schnit­te­nen Pro­ble­me der Fami­lie und des All­tags­le­bens erweck­ten ein leb­haf­tes Inter­es­se bei allen Teil­neh­mern“, schrieb Trotz­ki, und auf die­ser Grund­la­ge ent­stand ein Buch, das schließ­lich, wie er vor­schlug, „in ers­ter Linie für die Par­tei­mit­glie­der, für die füh­ren­den Ele­men­te in den Gewerk­schaf­ten, in den Koope­ra­ti­ven und in den kul­tu­rell-auf­klä­ren­den Orga­ni­sa­tio­nen“ bestimmt war, anstatt in einer grö­ße­ren Auf­la­ge publi­ziert zu wer­den.

Zwei Mona­te spä­ter schrieb Trotz­ki ein Vor­wort zur zwei­ten Aus­ga­be, in dem er über die Kri­tik berich­tet, die er von einer Sek­ti­on der Par­tei erhal­ten hat­te. „Eini­ge der bes­ten Köp­fe ver­such­ten, soweit ich das beur­tei­len kann, die revo­lu­tio­nä­ren Auf­ga­ben mit denen der Erzie­hung im All­tag zu kon­tras­tie­ren. Ein sol­cher Ansatz kann nur als gro­ber poli­ti­scher und theo­re­ti­scher Feh­ler defi­niert wer­den“(14).

Es ist nicht schwer zu erken­nen, woher die­se Kri­ti­ken mit ihrem aus­ge­prägt mecha­nis­ti­schen Inhalt kamen. Nach­dem Lenin 1923 wegen sei­ner schwe­ren gesund­heit­li­chen Pro­ble­me aus der Öffent­lich­keit ver­schwun­den war, beschleu­nig­te sich der Pro­zess der Büro­kra­ti­sie­rung der Par­tei und des Arbeiter*innenstaates(15). Sta­lin, Sino­wjew und Kamen­jew rie­fen ange­sichts der sich in der Par­tei aus­brei­ten­den Unzu­frie­den­heit zu einem „Neu­en Kurs“ auf und star­te­ten eine Dif­fa­mie­rungs­kam­pa­gne gegen Trotz­ki und ande­re oppo­si­tio­nel­le Anführer*innen(16). Trotz­kis Arti­kel in der Praw­da gegen die­sen neu­en Kurs, in denen er den Büro­kra­tis­mus ana­ly­sier­te und die poli­ti­schen Gefah­ren vor­aus­sah, die von der Bezie­hung der Par­tei zum Appa­rat des Arbeiter*innenstaates aus­ge­hen, soll­ten spä­ter in einem Buch mit dem Titel „Der Neue Kurs“ zusam­men­ge­fasst wer­den. Doch zuvor nahm Trotz­ki sei­nen Kampf gegen den Büro­kra­tis­mus in „Fra­gen des All­tags­le­bens“ vor­weg – die Arti­kel aus „Der neue Kurs“ wer­den oft zusam­men mit die­sem Band ver­öf­fent­licht.

Im Mit­tel­punkt der Arti­kel steht der Kampf gegen die sozia­le und kul­tu­rel­le Rück­stän­dig­keit, in der die Mas­sen der Arbeiter*innen und Bäuer*innen gefan­gen waren, weil ihre Fähig­keit, die Büro­kra­tie zu kon­fron­tie­ren, von deren Bewäl­ti­gung abhing. Die Über­win­dung der Unwis­sen­heit und der bru­ta­len alten Bräu­che wur­de zu einem ent­schei­den­den Fak­tor, um das kul­tu­rel­le Niveau der Mas­sen zu heben und ihren kul­tu­rel­len Rück­fall und ihre Unter­wer­fung unter die eta­blier­ten Mäch­te zu bre­chen, damit sie sich bewusst am Auf­bau des Sozia­lis­mus betei­li­gen konn­ten. Der rus­si­sche For­scher Alek­san­dr Rez­nik weist in „Leo Trotz­ki, Poli­tik und Kul­tur in den zwan­zi­ger Jah­ren“ dar­auf hin, dass „die Debat­te in ‚Fra­gen des All­tags­le­bens‘ eine Form der indi­rek­ten poli­ti­schen Debat­te über die Mög­lich­kei­ten des Auf­baus des Sozia­lis­mus in Frie­dens­zei­ten war, bei der offen­bart wur­de, dass die ‚öffent­li­che Mei­nung‘ und die Akti­vi­tät der ‚Basis‘, das ‚inne­re Regime‘, das sich zur Büro­kra­tie hin­ge­zo­gen fühl­te, refor­mie­ren konn­ten“.

Russ­land hat­te vom zaris­ti­schen Regime eine fast 90-pro­zen­ti­ge Analpha­be­ten­ra­te unter Frau­en geerbt. Der Ers­te Welt­krieg und der Bür­ger­krieg hat­ten sie in die Fabrik­ar­beit getrie­ben, aber die Revo­lu­ti­on muss­te hart dar­an arbei­ten, die dras­ti­schen Unter­schie­de zu den männ­li­chen Arbei­tern zu besei­ti­gen. Für Trotz­ki, wie für ande­re bol­sche­wis­ti­sche Anführer*innen, reich­ten Geset­ze dafür nicht aus; die Frau­en muss­ten von der „häus­li­chen Skla­ve­rei“ befreit wer­den. Wenn wir nur den recht­li­chen Sta­tus der Frau­en in der Revo­lu­ti­on berück­sich­ti­gen, kön­nen wir den­noch fest­stel­len, dass ihre staats­bür­ger­li­chen, sozia­len und poli­ti­schen Rech­te denen der weib­li­chen Mas­sen in den fort­ge­schrit­tens­ten kapi­ta­lis­ti­schen Demo­kra­tien Euro­pas weit über­le­gen waren: Sie hat­ten das Recht, an Wah­len teil­zu­neh­men und für sie zu kan­di­die­ren, sich schei­den zu las­sen, abzu­trei­ben, Papie­re zu besit­zen und ohne die Erlaub­nis ihres Ehe­man­nes oder Vaters einen Lohn zu ver­die­nen. Die Revo­lu­ti­on ent­kri­mi­na­li­sier­te die Homo­se­xua­li­tät und brach­te den Men­schen in gro­ßem Maß­stab das Lesen bei. Trotz­ki glaub­te jedoch, dass nur mit der zuneh­men­den Ein­glie­de­rung der Frau­en in das gesell­schaft­li­che Leben – nicht nur in die Pro­duk­ti­on – ein beschleu­nig­ter Kampf gegen die Jahr­hun­der­te der Rück­stän­dig­keit geführt wer­den kön­ne, die den Mas­sen von der patri­ar­cha­len Ord­nung unter dem Ein­fluss der ortho­do­xen Kir­che auf­ge­zwun­gen wor­den war.

Um die­se Betei­li­gung der Frau­en am poli­ti­schen, sozia­len und kul­tu­rel­len Leben zu errei­chen, war es not­wen­dig, die Sozia­li­sie­rung der Haus- und Pfle­ge­ar­beit nach­hal­tig vor­an­zu­trei­ben. „Die poli­ti­sche Gleich­heit zwi­schen Mann und Frau im Sowjet­staat her­zu­stel­len – das war eine Auf­ga­be, die ein­fachs­te. […] Aber die wirk­li­che Gleich­heit zwi­schen Mann und Frau inner­halb der Fami­lie her­zu­stel­len – das ist eine uner­mess­lich schwie­ri­ge­re Auf­ga­be […] denn wenn die Frau an die Fami­lie, ans Kochen, Waschen und Nähen geschmie­det ist, so wird schon allein dadurch die Mög­lich­keit ihrer Ein­wir­kung auf das öffent­li­che und staat­li­che Leben bis aufs äußers­te beschränkt“(17).

Der Tra­di­ti­on der fran­zö­si­schen uto­pi­schen Sozialist*innen des 19. Jahr­hun­derts fol­gend – wie es Marx, Engels, Lenin und ande­re Veteran*innen des revo­lu­tio­nä­ren Sozia­lis­mus getan hat­ten – teil­te Trotz­ki auch die Maxi­me von Charles Fou­rier, hier nach Engels para­phra­siert: „in einer gegeb­nen Gesell­schaft [ist] der Grad der weib­li­chen Eman­zi­pa­ti­on das natür­li­che Maß der all­ge­mei­nen Eman­zi­pa­ti­on“(18). Daher war er der Ansicht, dass die sozia­lis­ti­sche Revo­lu­ti­on ihren Namen nicht ver­dien­te, solan­ge Frau­en wei­ter­hin der „häus­li­chen Skla­ve­rei“ der Haus­ar­beit unter­wor­fen waren. „Indes­sen ist es ganz klar, dass man ohne die Errei­chung einer wirk­li­chen, auf Sit­te und Brauch bezüg­li­chen und mora­li­schen Gleich­heit des Man­nes und der Frau in der Fami­lie gar nicht ernst­haft von ihrer Gleich­heit in der gesell­schaft­li­chen Pro­duk­ti­on oder auch nur von ihrer Gleich­heit in der Staats­po­li­tik spre­chen könn­te“(19).

Inmit­ten einer schwie­ri­gen wirt­schaft­li­chen und poli­ti­schen Situa­ti­on für den Arbeiter*innenstaat, inmit­ten des Büro­kra­ti­sie­rungs­pro­zes­ses, rief Trotz­ki die Frau­en auf, für die größt­mög­li­che Sozia­li­sie­rung der Haus­ar­beit zu kämp­fen. Er appel­lier­te in ers­ter Linie an die Frau­en, bewusst gegen Träg­heit und blin­de Gewohn­hei­ten zu kämp­fen, und wie er 1923 an die Arbei­te­rin­nen schrieb, war es „nötig, dass durch die öffent­li­che Mei­nung aller Arbei­te­rin­nen Druck aus­ge­übt wird, dass alles, was zur Zeit in unse­ren Kräf­ten steht, auch wirk­lich getan wird“(20). Er schrieb dies, weil er über­zeugt war, dass „die vor­ran­gi­ge Auf­ga­be, die aku­tes­te und dring­lichs­te, dar­in besteht, das Schwei­gen über die Pro­ble­me des täg­li­chen Lebens zu bre­chen“(21).

„Die, die am energischsten und beharrlichsten für das Neue kämpfen, sind die, die am meisten unter dem Alten leiden“

Weit ent­fernt von der kari­kier­ten Visi­on, die der soge­nann­te Real­so­zia­lis­mus der Welt bot, in der der Staat den Mas­sen, die zu blo­ßen „pas­si­ven“ Emp­fän­ge­rin­nen der freund­li­chen Zuge­ständ­nis­se der Füh­rung gewor­den waren, Diens­te und Rech­te gewähr­te, schlug Trotz­ki vor, einen Weg und einen dia­lek­ti­schen demo­kra­ti­schen Pro­zess vor­an­zu­trei­ben, bei dem der Kern­wert in der Initia­ti­ve der Mas­sen lie­gen wür­de und der Arbeiter*innenstaat bera­ten und hel­fen wür­de, um sei­nen Zweck zu erfül­len:

„Es gibt zwei Mög­lich­kei­ten zur Umge­stal­tung des all­täg­li­chen Fami­li­en­le­bens: von oben und von unten. „Von unten“, das heißt die Fähig­kei­ten und Anstren­gun­gen der ein­zel­nen Fami­li­en zusam­men­fas­sen, indem grö­ße­re Fami­li­en mit gemein­sa­men Küchen, Wäsche­rei­en etc. gegrün­det wer­den. „Von oben“ meint die Initia­ti­ven des Staa­tes oder der loka­len Sowjets, die dar­in bestehen, dass Arbei­te­rIn­nen­wohn­ge­mein­schaf­ten, gemein­schaft­li­che Loka­le, Wäsche­rei­en, Kin­der­gär­ten etc. gebaut wer­den. In einem Arbei­te­rIn­nen- und Bäue­rIn­nen­staat steht das eine dem ande­ren nicht ent­ge­gen; das eine muss das ande­re ergän­zen. Die Anstren­gung des Staa­tes wäre wert­los ohne die eigen­stän­di­ge Mit­hil­fe der Arbei­te­rIn­nen­fa­mi­li­en selbst beim Auf­bau eines neu­en Lebens; aber auch der Ein­satz größ­ter Ener­gien ein­zel­ner Arbei­te­rIn­nen­fa­mi­li­en wäre ohne die Füh­rung und Hil­fe der loka­len Sowjets und des Staa­tes eben­so erfolg­los. Die Arbeit muss gleich­zei­tig von oben und unten vor­an­ge­trie­ben wer­den“(22).

Im Gegen­satz zur Top-down-Hal­tung der Büro­kra­tie, die die akti­ve Betei­li­gung der Mas­sen an der Selbst­ver­wal­tung und Ver­wal­tung des Arbeiter*innenstaates ablehnt, schrieb Trotz­ki,
„Der Weg der neu­en Fami­lie ist also ein dop­pel­ter: a) kul­tu­rel­le Erzie­hung der Klas­se und der Per­sön­lich­keit in der Klas­se und b) mate­ri­el­le Berei­che­rung der zum Staat orga­ni­sier­ten Klas­se. Die­se bei­den Pro­zes­se sind eng mit­ein­an­der ver­knüpft“(23).

Und Trotz­ki füg­te hin­zu,

„Von irgend­ei­ner zwangs­mä­ßi­gen Ein­mi­schung von oben her, d. h. von einer Büro­kra­ti­sie­rung der neu­en Lebens­er­schei­nun­gen kann natür­lich gar kei­ne Rede sein. Nur die kol­lek­ti­ve, schöp­fe­ri­sche Tätig­keit der brei­tes­ten Bevöl­ke­rungs­krei­se unter Hin­zu­zie­hung der künst­le­ri­schen Phan­ta­sie, der schöp­fe­ri­schen Ein­bil­dung, der künst­le­ri­schen Initia­ti­ve zu die­ser Arbeit, kann uns all­mäh­lich im Lau­fe von Jah­ren und Jahr­zehn­ten auf die Bahn neu­er, ver­geis­tig­ter, ver­edel­ter, von kol­lek­ti­ver Thea­tra­lik durch­drun­ge­ner Lebens­for­men füh­ren“(24).

Trotz­kis Visi­on hat­te nichts mit der Posi­ti­on zu tun, dass die Revo­lu­ti­on eine Peri­ode wirt­schaft­li­cher und tech­no­lo­gi­scher Ent­wick­lung durch­lau­fen müs­se, in der die Bedürf­nis­se der Frau­en nicht in den Mit­tel­punkt gerückt wür­den, damit ihre Eman­zi­pa­ti­on zu einem spä­te­ren Zeit­punkt auto­ma­tisch erfol­gen wür­de.

Der revo­lu­tio­nä­re Anfüh­rer stieß zur Psy­che der Mas­sen, die durch Auf­stand, Bür­ger­krieg, Hun­gers­not und Krank­heit erschöpft waren, durch. Er ana­ly­sier­te die tief­grei­fen­den Wider­sprü­che einer krea­ti­ven und trans­for­ma­ti­ven Peri­ode, die stän­dig mit den ent­ge­gen­ge­setz­ten Kräf­ten der Ver­gan­gen­heit, mit tief ver­wur­zel­ten Bräu­chen und mate­ri­el­len Gren­zen kol­li­dier­te. Er wies dabei dar­auf hin, dass die­se Ver­än­de­run­gen immer dann nicht authen­tisch sind, wenn sie nicht auf dem Wunsch der Mas­sen beru­hen, ihr kul­tu­rel­les Niveau zu heben und die sie läh­men­den Bräu­che der Ver­gan­gen­heit auf­zu­ge­ben, die der sich abzeich­nen­de Ver­lauf der Büro­kra­ti­sie­rung repro­du­zier­te, um die kühns­ten Initia­ti­ven der Mas­sen zum Schwei­gen zu brin­gen.

Trotz­ki ver­trat die Ansicht, dass „Die radi­ka­le Umge­stal­tung der Fami­lie und über­haupt des Gefü­ges des All­tags­le­bens wür­de in hohem Gra­de bewuss­te Bemü­hun­gen der Arbei­ter­klas­se in ihrem gan­zen Umfang erfor­dern und setzt in die­ser selbst eine wuch­ti­ge Klein­ar­beit des inne­ren kul­tu­rel­len Auf­stiegs vor­aus“(25). Ohne die­se bewuss­te Betei­li­gung der Mas­sen an der Gestal­tung ihres eige­nen Schick­sals, ohne die­se „Klein­ar­beit des inne­ren kul­tu­rel­len Auf­stiegs“ ist es unmög­lich, sich die radi­ka­le Ver­än­de­rung der alten Bräu­che, der Insti­tu­ti­on Fami­lie und der Situa­ti­on der Frau­en vor­zu­stel­len. Der Sozia­lis­mus ist ein bewusst kon­stru­ier­tes Pro­jekt; er ent­steht weder durch eine Art wirt­schaft­li­chen Auto­ma­tis­mus, noch endet er mit der Macht­über­nah­me durch die Arbeiter*innenklasse. Dann näm­lich beginnt die gigan­ti­sche Auf­ga­be der Trans­for­ma­ti­on, die im Kern dar­in besteht, die alten Bin­dun­gen und Insti­tu­tio­nen zu liqui­die­ren, die die Frau­en der Degra­die­rung durch und der Unter­ord­nung unter die Män­ner unter­wer­fen.

Kein*e bewusste*r Kämpfer*in ist davon aus­ge­nom­men, sich für die Umge­stal­tung des Fami­li­en­le­bens ein­zu­set­zen, aber von revo­lu­tio­nä­ren Frau­en wird erwar­tet, dass sie die­sen Kampf anfüh­ren. Trotz­ki schrieb: „Träg­heit und blin­de Gewohn­heit sind lei­der noch sehr mäch­tig. Und nir­gend­wo hat blin­de, dump­fe Gewohn­heit noch solch star­ken Ein­fluss wie in dem düs­te­ren, abge­schlos­se­nen Leben inner­halb der Fami­lie. Und wer hat als ers­te die Pflicht, gegen die unzi­vi­li­sier­ten Fami­li­en­bräu­che zu kämp­fen, wenn nicht die Revo­lu­tio­nä­rin?“(26). Im Kapi­tel „Wie man beginnt“ von „Fra­gen des All­tags­le­bens“ macht er den­sel­ben Punkt: „So wie wir unse­re Armee-Het­zer, unse­re Indus­trie-Het­zer, unse­re anti­re­li­giö­sen Pro­pa­gan­dis­ten haben, so müs­sen wir Pro­pa­gan­dis­ten und Het­zer in Fra­gen der Gewohn­heit erzie­hen. Da die Frau­en durch ihre gegen­wär­ti­gen Beschrän­kun­gen umso hilf­lo­ser sind und der Brauch stär­ker auf ihre Schul­tern und ihren Rücken drückt, kön­nen wir davon aus­ge­hen, dass die bes­ten Agi­ta­to­ren aus ihren Rei­hen kom­men wer­den“(27). Und in sei­nem „Brief an eine Ver­samm­lung von Arbei­te­rin­nen in Mos­kau“ erklär­te er: „die, die am ener­gischs­ten und beharr­lichs­ten für das Neue kämp­fen, sind die, die am meis­ten unter dem Alten lei­den“(28).

Das Leben mit den Augen der Frauen betrachten

Trotz­kis beson­de­re Her­an­ge­hens­wei­se an die Frau­en­fra­ge war tief mit sei­nem Den­ken über den per­ma­nen­ten Cha­rak­ter der Revo­lu­ti­on ver­bun­den – weit von jeg­li­chem Dog­ma­tis­mus und Öko­no­mis­mus ent­fernt. 1906 begann er, dar­über nach­zu­den­ken; voll ent­wi­ckelt drückt sie sich in der Ver­all­ge­mei­ne­rung aus, die er 1929 in sei­nem Buch „Theo­rie der Per­ma­nen­ten Revo­lu­ti­on“ macht.(29) So for­mu­liert Trotz­ki den zwei­ten, per­ma­nen­ten Aspekt der Revo­lu­ti­on:

„Wäh­rend einer unbe­stimmt lan­gen Zeit und im stän­di­gen inne­ren Kamp­fe wer­den alle sozia­len Bezie­hun­gen umge­stal­tet. Die Gesell­schaft mau­sert sich. Eine Wand­lungs­etap­pe ergibt sich aus der ande­ren. Der Pro­zeß bewahrt not­wen­di­ger­wei­se einen poli­ti­schen Cha­rak­ter, d.h. er ent­wi­ckelt sich durch Zusam­men­stö­ße ver­schie­de­ner Grup­pen der sich umge­stal­ten­den Gesell­schaft. Aus­brü­che von Bür­ger­krie­gen und äuße­ren Krie­gen wech­seln ab mit Peri­oden „fried­li­cher“ Refor­men. Revo­lu­tio­nen der Wirt­schaft, der Tech­nik, der Wis­sen­schaft, der Fami­lie, der Sit­ten und Gebräu­che ent­wi­ckeln sich in kom­pli­zier­ten Wech­sel­wir­kun­gen und las­sen die Gesell­schaft nicht ins Gleich­ge­wicht kom­men“(30).

Das ist eine gute Syn­the­se des inten­si­ven Wan­dels, der sich in den ers­ten Jah­ren der Revo­lu­ti­on von 1917 in allen Berei­chen voll­zog – ein Pro­zess, der schnell blo­ckiert wur­de und dann wäh­rend der sta­li­nis­ti­schen Büro­kra­ti­sie­rung einen tie­fen Ein­schnitt erlitt. Aus die­ser Per­spek­ti­ve ist Trotz­kis Aus­sa­ge, dass die Schaf­fung der mate­ri­el­len Grund­la­gen für eine ech­te Eman­zi­pa­ti­on der Frau­en eine der Haupt­auf­ga­ben der Rus­si­schen Revo­lu­ti­on von 1917 war, ver­ständ­lich. Die­ser Blick­win­kel der Ana­ly­se wur­de Jah­re spä­ter grund­le­gend für Trotz­kis Kri­tik an den Rück­schrit­ten in Bezug auf Rech­te und Kul­tur, die Sta­lin den weib­li­chen Mas­sen auf­er­leg­te und die einer wei­te­ren aus­führ­li­chen Ana­ly­se wür­dig sind. Die Arti­kel, Reden, Text­frag­men­te und Kapi­tel, die über Trotz­kis rie­si­ges Werk ver­streut sind und in denen er sich mit der Frau­en­fra­ge aus­ein­an­der­setzt, las­sen sich ent­lang zwei­er Ach­sen orga­ni­sie­ren: der Eman­zi­pa­ti­on der Frau als grund­le­gen­de Auf­ga­be der pro­le­ta­ri­schen Revo­lu­ti­on (wirt­schaft­lich, poli­tisch und kul­tu­rell) und der kon­ser­va­ti­ven Reak­ti­on des Sta­li­nis­mus im All­tag und in der Fami­lie als voll­stän­di­ge Demons­tra­ti­on der Dege­ne­ra­ti­on des Arbeiter*innenstaates.

Die uto­pi­schen Sozialist*innen haben dem revo­lu­tio­nä­ren Mar­xis­mus die Maxi­me hin­ter­las­sen, dass der Grad der Eman­zi­pa­ti­on der Frau in einer Gesell­schaft der Indi­ka­tor für die Ent­wick­lung der all­ge­mei­nen Eman­zi­pa­ti­on ist. Trotz­ki offen­bar­te – an die­se Per­spek­ti­ve anschlie­ßend – wie viel die pro­le­ta­ri­sche Revo­lu­ti­on tun muss­te, um die archai­schen Fes­seln der rus­si­schen Frau­en auf­zu­lö­sen, die selbst im umwäl­zends­ten gesell­schaft­li­chen Pro­zess, den wir bis­her erlebt haben, gegen­über den Män­nern im Nach­teil waren.

Spä­ter unter­such­te Trotz­ki unter Anwen­dung des­sel­ben Kri­te­ri­ums die Unter­ord­nung der Frau­en in der Fami­lie und den Ver­lust ihrer Rech­te in der Sowjet­uni­on in den 1930er Jah­ren als Teil sei­ner doku­men­tier­ten Ana­ly­se der Büro­kra­ti­sie­rung des Arbeiter*innenstaates unter Sta­lins Füh­rung(31). Es sei von ent­schei­den­der Bedeu­tung, Arbei­te­rin­nen für die revo­lu­tio­nä­re Par­tei und ihr Pro­gramm zu gewin­nen: Die am meis­ten unter­drück­ten Sek­to­ren der Arbeiter*innenklasse, wie die Frau­en, und die­je­ni­gen, die die Nie­der­la­gen der Ver­gan­gen­heit nicht auf ihren Schul­tern tra­gen, wie die Jugend, waren für Trotz­ki die­je­ni­gen, die die Stär­ke des revo­lu­tio­nä­ren Pro­le­ta­ri­ats erneu­ern könn­ten, des­sen Orga­ni­sa­tio­nen aber Ende der 1930er Jah­re von „rou­ti­nier­ten Funk­tio­nä­re und Kar­rie­ris­ten“ unter­gra­ben wor­den waren(32). Trotz­kis Aus­füh­run­gen über die 1930er Jah­re bis zu sei­ner abscheu­li­chen Ermor­dung durch einen sta­li­nis­ti­schen Agen­ten im August 1940 ver­die­nen einen wei­te­ren aus­führ­li­chen Arti­kel.

Die­se theo­re­ti­schen, poli­ti­schen und pro­gram­ma­ti­schen Beden­ken Trotz­kis las­sen – selbst in Anbe­tracht der Tat­sa­che, dass es kein voll­stän­di­ges Werk von ihm über die Ursprün­ge und das Aus­maß patri­ar­cha­ler Unter­drü­ckung gibt – Grund zur Annah­me, dass sei­ne Über­le­gun­gen zur Frau­en­fra­ge einen Weg für einen anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen, sozia­lis­ti­schen und revo­lu­tio­nä­ren Femi­nis­mus vor­schla­gen, der auf fast einem Jahr­hun­dert poli­ti­scher Erfah­run­gen und theo­re­ti­scher Ent­wick­lun­gen beruht(33). Dies gilt umso mehr in einer Ära, in der der lin­ke Flü­gel ver­schie­de­ner Regime auf der gan­zen Welt ver­sucht, die Reich­wei­te der femi­nis­ti­schen Bewe­gung auf Refor­men zu beschrän­ken, wäh­rend gleich­zei­tig eine Viel­zahl post­mo­der­ner Theo­rien – ent­we­der aus Unwis­sen­heit oder aus Bos­heit – ver­su­chen, den Mar­xis­mus als reduk­tio­nis­ti­schen Öko­no­mis­mus zu klas­si­fi­zie­ren und sei­ne lan­ge Geschich­te theo­re­ti­scher, poli­ti­scher und pro­gram­ma­ti­scher Kämp­fe auf den Sta­li­nis­mus zu redu­zie­ren(34).

Trotz­kis Wor­te fin­den auch heu­te noch Wider­hall, wo welt­weit mehr als 40 Pro­zent der Lohnarbeiter*innen Frau­en sind, die aber nach wie vor die über­wie­gen­de Mehr­heit des pre­kärs­ten, am stärks­ten aus­ge­beu­te­ten und unter­drück­tes­ten Sek­tors die­ser Klas­se aus­ma­chen aus­ma­chen und unter aus­ufern­der patri­ar­cha­ler Gewalt, Dis­kri­mi­nie­rung und Ungleich­heit in allen Lebens­be­rei­chen lei­den. Unab­hän­gig vom Geschlecht kann jede*r, die*der Anspruch auf den Kampf gegen die Unter­drü­ckung durch einen anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen, sozia­lis­ti­schen und revo­lu­tio­nä­ren Femi­nis­mus erhebt, sich Trotz­kis Wor­ten von vor einem Jahr­hun­dert anschlie­ßen: „Der all­täg­li­che männ­li­che Ego­is­mus kennt tat­säch­lich weder Maß noch Gren­zen. Um das All­tags­le­ben voll­stän­dig umge­stal­ten zu kön­nen, muss man es mit den Augen der Frau­en betrach­ten kön­nen“(35). Es geht dar­um, die­sen „Blick“ so radi­kal zu machen, dass wir nicht bei der vor­läu­fi­gen Erobe­rung der ele­men­ta­ren Rech­te ste­hen blei­ben, die in einem gro­ßen Teil der Welt – auch ein Jahr­hun­dert nach dem Ver­fas­sen die­ser Tex­te – immer noch feh­len, son­dern dass wir bei der Befrei­ung von allen Unter­drück­ten ent­schlos­sen vor­an­schrei­ten, indem wir die Irra­tio­na­li­tät der kapi­ta­lis­ti­schen Aus­beu­tung besei­ti­gen, die für Mil­lio­nen von Men­schen den Pla­ne­ten in ein schmut­zi­ges Gefäng­nis ver­wan­delt hat.

Die­ser Arti­kel erschien zuerst am 19.07.2020 unter dem Titel „La eman­ci­pa­ción de las muje­res en la obra de León Trot­s­ky“ in der Sonn­tags­aus­ga­be der lin­ken Tages­zei­tung La Izquier­da Dia­rio.

Fuß­no­ten

(1) Caro­li­ne Lund (1944–2006), Anfüh­re­rin der Young Socia­list Alli­an­ce und dann der Socia­list Workers Par­ty (SWP) der Ver­ei­nig­ten Staa­ten.
(2) Im sel­ben Jahr wird Trotz­ki von allen öffent­li­chen poli­ti­schen Funk­tio­nen abge­setzt, nach­dem er in der Par­tei­de­bat­te gegen die Büro­kra­ti­sie­rung eine Nie­der­la­ge erlit­ten hat­te. 1928 wur­de er nach Alma Ata depor­tiert und 1929 aus der Sowjet­uni­on aus­ge­wie­sen, wohin er nicht mehr zurück­keh­ren konn­te.
(3) Die Mos­kau­er Pro­zes­se began­nen, die durch fal­sche Anschul­di­gun­gen in der Ver­ur­tei­lung wich­ti­ger bol­sche­wis­ti­scher Füh­rer zum Tode oder ins Exil mün­de­ten.
(4) And­reu Nin (1892–1937), kata­la­ni­scher Leh­rer, Syn­di­ka­list und revo­lu­tio­nä­rer Poli­ti­ker, Grün­der der Mar­xis­ti­schen Arbei­ter­par­tei für die Ver­ei­ni­gung (POUM). Wäh­rend des spa­ni­schen Bür­ger­kriegs von den repu­bli­ka­ni­schen Behör­den ver­haf­tet und ver­schwun­den. Er über­setz­te vie­le Wer­ke der rus­si­schen Mar­xis­ten und Klas­si­ker der rus­si­schen Lite­ra­tur ins Spa­ni­sche.
(5) Vero­ni­ca Vol­kow (1955), mexi­ka­ni­sche pro­mo­vier­te Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin, Dich­te­rin, Essay­is­tin und Geschich­ten­er­zäh­le­rin, Toch­ter von Este­ban Vol­kov (Enkel von Leo Trotz­ki und Alek­san­dra Sokolovs­ka­ja, die mit ihm und Nata­lia Sedo­va wäh­rend der letz­ten Jah­re ihres Exils in Mexi­ko leb­ten).
(6) Mary-Ali­ce Waters (1942) war Natio­nal­se­kre­tä­rin der Young Socia­list Alli­an­ce und dann Vor­sit­zen­de der Socia­list Workers Par­ty (SWP) der Ver­ei­nig­ten Staa­ten. Sie war Direk­to­rin der Zei­tung The Mili­tant und der theo­re­ti­schen Zeit­schrift New Inter­na­tio­nal. In den frü­hen 1980er Jah­ren wand­te sie sich zusam­men mit Jack Bar­nes und ande­ren SWP-Füh­rern vom Trotz­kis­mus und der Theo­rie der per­ma­nen­ten Revo­lu­ti­on ab und knüpf­te Ver­bin­dun­gen zur Kuba­ni­schen Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei und der San­di­nis­ti­schen Natio­na­len Befrei­ungs­front. Gegen­wär­tig hat er den Vor­sitz der Path­fin­der Press inne.
(7) Die­ser Kon­gress, der vom 22. Juni bis 12. Juli 1921 in Mos­kau statt­fand, ver­ab­schie­de­te die „The­sen über die Metho­den und For­men der Arbeit der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei­en unter den Frau­en“.
(8) Sie­he Leo Trotz­ki: Fünf Jah­re Kom­in­tern.
(9) Sie­he Cla­ra Zet­kin (1925): Erin­ne­run­gen an Lenin
(10) Ines­sa Armand (1921), „Bericht über die Ers­te Inter­na­tio­na­le Kon­fe­renz kom­mu­nis­ti­scher Frau­en“. Die 1874 in Frank­reich gebo­re­ne bol­sche­wis­ti­sche Füh­re­rin stand dem Sche­no­t­del (dem frau­en­po­li­ti­schen Gre­mi­um der rus­si­schen Par­tei) vor, starb aber 1920 an der Cho­le­ra.
(11) Leo Trotz­ki (1921): Rede auf der Zwei­ten Welt­kon­fe­renz Kom­mu­nis­ti­scher Frau­en. Weni­ge Tage spä­ter eröff­ne­te er den Drit­ten Kon­gress der Kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tio­na­le mit einem Bericht über die Welt­wirt­schafts­kri­se und die neu­en Auf­ga­ben der Revo­lu­tio­nä­re. Dort wie­der­hol­te er die­sel­be Ana­ly­se der Welt­la­ge und argu­men­tier­te gegen die mecha­nis­ti­sche Auf­fas­sung der Ultra­lin­ken, die einen direk­ten Zusam­men­hang zwi­schen der wirt­schaft­li­chen Kata­stro­phe und der Radi­ka­li­sie­rung der poli­ti­schen Situa­ti­on sahen. In Deutsch­land war die Revo­lu­ti­on durch demo­kra­ti­sche Zuge­ständ­nis­se und Refor­men umge­lenkt wor­den, die die Spal­tung und Iso­lie­rung der Vor­hut der Mas­sen ermög­lich­ten. Trotz­ki stellt fest, dass sich der Kampf um die Macht nicht sofort stellt, aber er weist dar­auf hin, dass es not­wen­dig ist, die Mas­sen zu erobern. Der Kon­gress der Kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tio­na­le dis­ku­tiert also die Tak­tik der Ein­heits­front der Arbei­ter gegen die Ultra­lin­ken, die argu­men­tier­ten, dass das Wachs­tum der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei an sich sie zu einem objek­ti­ven Fak­tor für den direk­ten Kampf um die Macht machen wür­de.
(12) Sie­he: Drit­ter Kon­gress der Kom­in­tern (1921). Ori­gi­na­ler deut­scher Pro­to­koll­text – ver­öf­fent­licht in der Biblio­thek der Kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tio­na­le Band XXIII. Ver­lag der Kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tio­na­le.
(13) Leo Trotz­ki (1923), Fra­gen des All­tags­le­bens, Vor­wort zur Erst­aus­ga­be.
(14) Leo Trotz­ki (1923), Fra­gen des All­tags­le­bens, Vor­wort zur zwei­ten Aus­ga­be. Eige­ne Über­set­zung.
(15) 1922 hat­te Lenin bereits zwei Schlag­an­fäl­le erlit­ten, und in den ers­ten Wochen des Jah­res 1923 been­de­te er das Schrei­ben der Noti­zen sei­nes poli­ti­schen Wil­lens, die er als Syn­the­se sei­ner letz­ten poli­ti­schen Kämp­fe gegen den Par­tei­ap­pa­rat betrach­te­te. Dar­in grenzt er sich klar von Sta­lin ab und warnt vor dem Pro­zess der Büro­kra­ti­sie­rung der Par­tei unter sei­ner poli­ti­schen Füh­rung als neu­er Gene­ral­se­kre­tär; er kri­ti­siert den büro­kra­ti­schen Kurs, den Russ­land bei der Inte­gra­ti­on der unter­drück­ten Natio­na­li­tä­ten in die Sowjet­uni­on ein­ge­schla­gen hat, und ver­weist aus­drück­lich auf die Not­wen­dig­keit, dass Trotz­ki den Pos­ten des Par­tei­se­kre­tärs beset­zen muss, und schlägt einen poli­ti­schen Block zur Kon­fron­ta­ti­on mit Sta­lin und die Gefahr der Büro­kra­ti­sie­rung vor. 1923 erlei­det er einen wei­te­ren Schlag­an­fall und ver­liert die Fähig­keit zu spre­chen. Schließ­lich stirbt er am 21. Janu­ar 1924.
(16) Unter­des­sen wird die Situa­ti­on in Deutsch­land für die Mas­sen immer kri­ti­scher. Frank­reich besetzt die Indus­trie­re­gi­on Ruhr­ge­biet, Fabri­ken wer­den geschlos­sen, fünf Mil­lio­nen Arbei­ter ver­lie­ren ihren Arbeits­platz und die Infla­ti­on steigt auf ein außer­ge­wöhn­lich hohes Niveau. Gegen Ende die­ses Jah­res wird ein neu­er Auf­stand in Deutsch­land nie­der­ge­schla­gen.
(17) Leo Trotz­ki (1923), Fra­gen des All­tags­le­ben, Kapi­tel V: Von der alten Fami­lie – zur neu­en.
(18) Zitiert in Fried­rich Engels: „Die Ent­wick­lung des Sozia­lis­mus von der Uto­pie zur Wis­sen­schaft“, in: Karl Marx/​Friedrich Engels – Wer­ke. (Karl) Dietz Ver­lag, Ber­lin.
(19) Leo Trotz­ki, a.a.O..
(20) Leo Trotz­ki (1923), Brief an eine Ver­samm­lung von Arbei­te­rin­nen in Mos­kau.
(21) Leo Trotz­ki (1923), Fra­gen des All­tags­le­bens, Kapi­tel XI: Wie man beginnt. Eige­ne Über­set­zung.
(22) Leo Trotz­ki (1923), Brief an eine Ver­samm­lung von Arbei­te­rin­nen in Mos­kau.
(23) Leo Trotz­ki (1923), Fra­gen des All­tags­le­bens. Kapi­tel V: Von der alten Fami­lie – zur neu­en.
(24)Leo Trotz­ki (1923),Fragen des All­tags­le­bens, Kapi­tel VI: Fami­lie und Zere­mo­ni­ell.
(25) Leo Trotz­ki (1923), Fra­gen des All­tags­le­bens. Kapi­tel V: Von der alten Fami­lie – zur neu­en.
(26) Leo Trotz­ki (1923), Brief an eine Ver­samm­lung von Arbei­te­rin­nen in Mos­kau.
(27) Leo Trotz­ki (1923), Fra­gen des All­tags­le­bens, Kapi­tel XI: Wie man beginnt. Eige­ne Über­set­zung.
(28) Leo Trotz­ki (1923), Brief an eine Ver­samm­lung von Arbei­te­rin­nen in Mos­kau.
(29) Dort befasst er sich mit drei Aspek­ten des revo­lu­tio­nä­ren Pro­zes­ses: 1) Die Bezie­hung zwi­schen der demo­kra­ti­schen Revo­lu­ti­on und der sozia­lis­ti­schen Umge­stal­tung der Gesell­schaft in den rück­stän­di­gen Län­dern; im Gegen­satz zu der vom Sta­li­nis­mus ver­tre­te­nen Kon­zep­ti­on der „Revo­lu­ti­on in Etap­pen“, nach der die weni­ger ent­wi­ckel­ten Län­der für die sozia­lis­ti­sche Revo­lu­ti­on „unreif“ wären und somit die Unter­ord­nung der Arbei­ter­klas­se in Bünd­nis­se mit Sek­to­ren der „demo­kra­ti­schen“ oder „anti­im­pe­ria­lis­ti­schen“ natio­na­len Bour­geoi­sie recht­fer­ti­gen wür­den; 2) die der Trans­for­ma­tio­nen der Gesamt­heit der sozia­len Bezie­hun­gen, in der sozia­lis­ti­schen Revo­lu­ti­on „als sol­cher“, d.h. wenn das Pro­le­ta­ri­at die Macht ergreift und sich ein Pro­zess des stän­di­gen inne­ren Kamp­fes in den Bräu­chen, der Kul­tur, der tech­ni­schen Ent­wick­lung usw. eröff­net. , im Gegen­satz zu der von Sta­lin geför­der­ten Idee, dass ein und die­sel­be Macht­er­grei­fung bereits „neun Zehn­tel“ der Auf­ga­be des Auf­baus einer sozia­lis­ti­schen Gesell­schaft aus­mach­te, und 3) dem inter­na­tio­na­len Cha­rak­ter der sozia­lis­ti­schen Revo­lu­ti­on, der auf der Glo­ba­li­sie­rung der dem Kapi­ta­lis­mus eige­nen Wirt­schaft beruht, was dazu führt, dass die sozia­lis­ti­sche Revo­lu­ti­on nicht inner­halb natio­na­ler Gren­zen ein­ge­dämmt wer­den kann, außer als Über­gangs­re­gime; auch im Gegen­satz zu der 1925 auf dem XIV. Kon­gress der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei der Sowjet­uni­on ver­ab­schie­de­ten sta­li­nis­ti­schen Kon­zep­ti­on, die die Mög­lich­keit des Auf­baus einer sozia­lis­ti­schen Gesell­schaft „in einem Land“ vor­sah.
(30) Leo Trotz­ki (1929): Ein­lei­tung. In: Ders. (1993): Die Per­ma­nen­te Revo­lu­ti­on. Essen: Arbei­ter­pres­se. S. 52–69: 59.
(31) Sie­he Leo Trotz­ki (1936), Ver­ra­te­ne Revo­lu­ti­on. Was ist die Sowjet­uni­on und wohin treibt sie?
(32) Sie­he Leo Trotz­ki (1938), Der Todes­kampf des Kapi­ta­lis­mus und die Auf­ga­ben der IV. Inter­na­tio­na­le. Das Über­gangs­pro­gramm.
(33) Zu den in die­sem Arti­kel erwähn­ten Tex­ten, die gewöhn­lich in Trotz­kis Zusam­men­stel­lun­gen zur Frau­en­fra­ge betrach­tet wer­den, könn­ten wir hin­zu­fü­gen: „Der Kampf um die Sprach­kul­tur“ (1923), das ist Kapi­tel VII der Pro­ble­me des täg­li­chen Lebens; „Fünf Tage“ (1932), das ist Kapi­tel VII sei­ner groß­ar­ti­gen Geschich­te der Rus­si­schen Revo­lu­ti­on; „Das Pro­le­ta­ri­at, die Bau­ern, die Armee, die Frau­en, die Jugend“ (1935), das ist Kapi­tel V des zwei­ten Teils von „Wohin geht Frank­reich?“ und „Macht den Weg frei für die Jugend! Macht den Weg frei für die werk­tä­ti­gen Frau­en!“ (1938), das den letz­ten Abschnitt des Über­gangs­pro­gramms dar­stellt.
(34) Unglaub­li­cher­wei­se ist der­zeit ange­sichts des Vor­marschs des Rechts­po­pu­lis­mus gegen­über „fort­schritt­li­chen“ neo­li­be­ra­len Regie­run­gen eine popu­lis­ti­sche „Lin­ke“ wie­der auf­ge­taucht, die ihre Wahl­ba­sis durch die Wie­der­be­le­bung die­ses sta­li­nis­ti­schen, frem­den­feind­li­chen, anti­fe­mi­nis­ti­schen und homo­pho­ben Dis­kur­ses in Fra­ge stel­len will. Zu die­sen neu­en und unge­wöhn­li­chen Debat­ten sie­he „Ras­sis­mus, Diver­si­tät und Klas­se: Wor­über debat­tiert die spa­ni­sche Lin­ke?“, Con­trap­un­to, von Jose­fi­na L. Mar­tí­nez (2020).
(35) Leo Trotz­ki (1923), Fra­gen des All­tags­le­bens, Gegen den auf­ge­klär­ten Büro­kra­tis­mus (aber auch gegen den nicht auf­ge­klär­ten).

Klas­se Gegen Klas­se