[LCM:] Der Fall Sarrazin: Wie die SPD ihren Rassismus besiegte

In der SPD ist man stolz. Hoch­ran­gi­ge Funktionär*innen selbst des kon­ser­va­ti­ven Par­tei­flü­gels fei­er­ten sich auf Twit­ter, tau­sen­de grif­fen zum Like-But­ton, denn end­lich ist Thi­lo Sar­ra­zin nicht mehr in der SPD. 10 Jah­re nach sei­nem Buch „Deutsch­land schafft sich ab“, 30 Jah­re nach der Treu­hand, 46 Jah­re nach sei­ner Dis­ser­ta­ti­on, in der er schreibt, die Skla­ve­rei in den Süd­staa­ten habe den N****sklaven die nöti­ge Pro­duk­ti­vi­tät ver­schafft. Er stim­me mit den Grund­wer­ten der Par­tei nicht über­ein, hat man nun beschlos­sen.

Hut ab für die schnel­le Reak­ti­on!

Doch die Krux an der Sache ist: Sar­ra­zin ist nicht der berühmt-berüch­tig­te „Ein­zel­fall“ eines Aus­nah­me­ra­ssis­ten und Sozi­al­chau­vi­nis­ten, er ist ein stink­nor­ma­ler Libe­ra­ler, der sei­ne eige­ne Ideo­lo­gie kon­se­quent zu Ende gedacht hat. Zwi­schen sei­nem Ras­sis­mus und sei­ner Wirt­schafts­po­li­tik besteht ein Wesens­zu­sam­men­hang. Jede Kapi­ta­lis­mus braucht Ras­sis­mus, um Rech­te zu unter­gra­ben und Über­aus­beu­tung ideo­lo­gisch zu legi­ti­mie­ren, es ist ein Sta­bi­li­sa­tor für die gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se, die Klas­sen­ge­sell­schaft.

Sar­ra­zin war kein Fremd­kör­per in der SPD, schließ­lich ist sie die Par­tei, die Hartz IV ein­führ­te und den größ­ten Nied­rig­lohn­sek­tor Euro­pas schuf.

Ich muss sagen, beson­ders per­fi­de fin­de ich, dass unter Ande­rem sein anti­mus­li­mi­scher Ras­sis­mus als Begrün­dung für sei­nen Aus­schluss auf­ge­führt wird. Das vor dem Hin­ter­grund, dass sich Deutsch­land auf Antrag des dama­li­gen Bun­des­kanz­lers Schrö­der am impe­ria­lis­ti­sche Krieg in Afgha­ni­stan betei­lig­te und bis heu­te betei­ligt. Der anti­mus­li­mi­sche Ras­sis­mus und die Rhe­to­rik des Kul­tur­kamp­fes zwi­schen Okzi­dent und Ori­ent in west­li­chen Staa­ten flo­riert vor dem Hin­ter­grund eben die­ser impe­ria­lis­ti­schen Krie­ge.

Und nicht zuletzt der frü­he­re SPD-Bezirks­bür­ger­meis­ter von Ber­lin-Neu­kölln Heinz Busch­kow­sky tour­te durch die deut­schen Talk­shows mit sar­ra­zines­ken The­sen über die Pro­ble­me der Inte­gra­ti­on der Migrant*innen in Neu­kölln. Die Shis­ha­bar-Raz­zi­en und die Kri­mi­na­li­sie­rung migran­ti­scher Geschäf­te im Kon­text der ras­sis­ti­schen Clan­de­bat­te wird von sei­nem SPD-Nach­fol­ger Hikel unbe­irrt wei­ter­be­trie­ben. Sie haben damit unter ande­ren Tat­or­te vor­mar­kiert, die Men­schen wie der Atten­tä­ter von Hanau zum Anlass genom­men haben, um eben einen Schritt wei­ter zu gehen.

Sar­ra­zins Raus­wurf fin­det dazu zufäl­lig auch vor den Hin­ter­grund der #NOlaf Kam­pa­gne statt, bei der lin­ke Sozialdemokrat*innen ihre Kri­tik an Olaf „Poli­zei­ge­walt hat es nie gege­ben“ Scholz üben und ihn als mög­li­chen Bun­des­kanz­ler­kan­di­da­ten zurück­wei­sen. Auf die­sen Hash­tag wur­de von der (lin­ken) Par­tei­füh­rung mit hef­ti­ger Zurück­wei­sung an der Ableh­nung des rech­ten Kol­le­gen reagiert. Der viel beschwo­re­ne „Links­ruck“ in der SPD ist eben doch eine Far­ce, die kei­ne sub­stan­zi­el­le Ver­än­de­rung bringt, sonst gäbe es min­des­tens ver­ba­le Distan­zie­rung von dem Mann der 2001 als Ham­bur­ger Innen­se­na­tor die zwangs­wei­se Ver­ab­rei­chung von Brech­mit­teln gegen mut­maß­li­che Dro­gen­dea­ler ein­führ­te und sich auch nach dem Tod von Achi­di John wei­ter zu die­ser Pra­xis bekann­te.

Die SPD empört sich über Men­schen wie Sar­ra­zin, weil er die Pra­xis der SPD expli­zit in Wor­te fasst. Aber die fak­ti­sche Abschaf­fung des Asyl­rechts, das euro­päi­sche Grenz­re­gime, ras­sis­ti­sche Poli­zei­kon­trol­len, die nicht sel­ten in töd­li­cher Gewalt enden, Hartz IV-Sank­tio­nen, die Werk­ver­trä­ge die Aus­beu­tungs­be­din­gun­gen wie die in der Fleisch­in­dus­trie mög­lich machen sind – alles Pro­dukt der Poli­tik der SPD.

Herz­li­chen Glück­wunsch lie­be SPD, ihr könnt eure Men­schen­ver­ach­tung, euren Ras­sis­mus, euren Armen­hass jetzt auf die Pra­xis redu­zie­ren, ohne den läs­ti­gen image­schä­di­gen­den Dis­kurs um Sar­ra­zins offen­sicht­li­chen Ras­sis­mus.

#Bild­quel­le: wikimedia.commons

Der Bei­trag Der Fall Sar­ra­zin: Wie die SPD ihren Ras­sis­mus besieg­te erschien zuerst auf Lower Class Maga­zi­ne.

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