[gfp:] Deutschland im Hohen Norden

Rohstoffe und Seewege

Hin­ter­grund der zuneh­men­den Macht­kämp­fe in der Ark­tis ist, dass das Polar­ge­biet durch das Abschmel­zen der dor­ti­gen Eis­mas­sen für Akti­vi­tä­ten ver­schie­dens­ter Art zugäng­lich wird. Schon im ver­gan­ge­nen Jahr­hun­dert hat das Volu­men des ark­ti­schen Eises um annä­hernd 75 Pro­zent abge­nom­men. Weil die Erwär­mung durch den Kli­ma­wan­del in der Ark­tis deut­lich stär­ker aus­fällt als im glo­ba­len Durch­schnitt, hal­ten Exper­ten es mitt­ler­wei­le für denk­bar, dass die Regi­on bereits im Jahr 2030 im Spät­som­mer kom­plett eis­frei sein wird.[1] Dies erlaubt den Zugriff auf neue Roh­stoff­la­ger­stät­ten. Bereits heu­te wer­den welt­weit rund zehn Pro­zent des Erd­öls und 25 Pro­zent des Erd­ga­ses in der Ark­tis geför­dert, der größ­te Teil davon in Sibi­ri­en und in Alas­ka. Laut einer Schät­zung des U.S. Geo­lo­gi­cal Sur­vey könn­ten rund 13 Pro­zent der noch nicht erkun­de­ten Erd­öl- und rund 30 Pro­zent der noch nicht erkun­de­ten Erd­gas­vor­rä­te welt­weit nörd­lich des Polar­krei­ses lagern – der größ­te Teil davon unter dem Meer, aller­dings in weni­ger als 500 Meter Was­ser­tie­fe. Dabei kon­zen­trier­ten sich die Erd­gas­vor­kom­men vor allem unter rus­si­schen Gewäs­sern, ver­mu­tet der U.S. Geo­lo­gi­cal Survey.[2] Hin­zu kommt, dass durch das Abschmel­zen des Polar­ei­ses neue See­we­ge in der Ark­tis befahr­bar wer­den; dies eröff­net neue Hand­lungs­op­tio­nen – für den Welt­han­del, aber auch für das Mili­tär.

Die Nordostpassage

Prak­ti­sche Akti­vi­tä­ten hat es bis­lang weni­ger bei der Roh­stoff­för­de­rung gege­ben. So hat etwa der Shell-Kon­zern Erkun­dun­gen in Alas­ka wegen man­geln­der Erfol­ge ein­ge­stellt. Ein aus­sichts­rei­ches Pro­jekt in der rus­si­schen Kara­see, das Ros­neft gemein­sam mit dem US-Kon­zern Exxon­Mo­bil gestar­tet hat­te, muss­te im Jahr 2014 wegen der gemein­sa­men Russ­landsank­tio­nen der Ver­ei­nig­ten Staa­ten und der EU ein­ge­stellt werden.[3] Ers­te Ent­wick­lun­gen gibt es jedoch bei der Nut­zung der ark­ti­schen See­we­ge. So legen seit 2014 jähr­lich 20 bis 30 Fracht­schif­fe die „Nord­ost­pas­sa­ge“ zurück – die See­ver­bin­dung aus dem euro­päi­schen Nord­meer ent­lang der rus­si­schen Nord­küs­te bis in die Gewäs­ser Nord­ost­asi­ens. Noch ist die Rou­te wegen des bis­lang ver­blie­be­nen Eises und der schlecht aus­ge­bau­ten Infra­struk­tur für den Han­del nicht ren­ta­bel; aller­dings zeich­net sich für sie inzwi­schen trotz aller Schwie­rig­kei­ten eine gewis­se Per­spek­ti­ve ab – sie ist für den euro­päi­schen Ost­asi­en­han­del kür­zer als die Stre­cke durch den Indi­schen Oze­an und das Mittelmeer.[4] Hin­zu kommt – beson­ders aus chi­ne­si­scher Sicht -, dass sie hel­fen könn­te, Meer­engen wie die Stra­ße von Malak­ka und den Suez­ka­nal zu mei­den, die im Kon­flikt­fall von den Ver­ei­nig­ten Staa­ten gesperrt wer­den könn­ten.

Militärische Arktisstrategien

Trotz der noch ver­gleichs­wei­se schwa­chen prak­ti­schen Nut­zung der ark­ti­schen Gewäs­ser ist in den ver­gan­ge­nen Jah­ren der Macht­kampf um die Regi­on deut­lich schär­fer gewor­den. Chi­na, sei­ner­seits kein Ark­tis-Anrai­ner, hat sich zum „ark­tis­na­hen Staat“ erklärt, koope­riert mit Russ­land bei der Roh­stoff­för­de­rung und strebt die Anbin­dung ark­ti­scher Regio­nen mit einer „Pola­ren Sei­den­stra­ße“ an; dazu gehört auch das Bemü­hen um Zusam­men­ar­beit mit Island und Grönland.[5] Russ­land hält regel­mä­ßig Manö­ver in ark­ti­schen Regio­nen ab; die­se zie­len nicht zuletzt dar­auf, die Schlie­ßung der „GIUK-Lücke“ (Green­land – Ice­land – UK) und damit des Zugangs der rus­si­schen Nord­flot­te zum Nord­at­lan­tik durch die NATO zu verhindern.[6] Auch die Ver­ei­nig­ten Staa­ten und ande­re NATO-Mit­glie­der (Kana­da, Nor­we­gen, Däne­mark) rüs­ten stär­ker für die Krieg­füh­rung in pola­ren Regio­nen auf. Das Pen­ta­gon hat im Juni 2019 eine eige­ne Ark­tis­stra­te­gie publi­ziert [7]; im Juli hat dies nun auch die U.S. Air For­ce getan [8]. Dar­über hin­aus stre­ben die Staa­ten Nord­eu­ro­pas – Finn­land, Schwe­den, Nor­we­gen, Däne­mark – eine eige­ne, expli­zit gegen Russ­land gerich­te­te enge Mili­tär­ko­ope­ra­ti­on mit Blick auf den Hohen Nor­den an.[9]

„Intensiver mit der Region befassen“

Dar­an knüpft nun die Bun­des­re­gie­rung an. Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin Anne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er hat­te, wie das Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um berich­tet, ursprüng­lich „im Vor­feld der deut­schen EU-Rats­prä­si­dent­schaft eine gro­ße Rei­se durch die nor­di­schen Staa­ten geplant“, um bei ihnen für eine enge­re mili­tär­po­li­ti­sche Koope­ra­ti­on zu werben.[10] Wegen der Covid-19-Pan­de­mie muss­te die Rei­se durch Video- und Tele­fon­kon­fe­ren­zen ersetzt wer­den. In die­sem Rah­men führ­te Kramp-Kar­ren­bau­er nicht nur Gesprä­che mit ihren nor­di­schen Amts­kol­le­gen; sie nahm dar­über hin­aus an Online­ver­an­stal­tun­gen außen- und mili­tär­po­li­ti­scher Think-Tanks in Hel­sin­ki, Stock­holm, Oslo sowie Kopen­ha­gen teil. „Meh­re­re gro­ße Tages­zei­tun­gen druck­ten Namens­ar­ti­kel der Minis­te­rin“, berich­tet das Bun­des­ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um, „um ihre Bot­schaf­ten einem brei­ten Publi­kum zu ver­mit­teln“. Die NATO müs­se sich künf­tig „inten­si­ver mit der Regi­on befas­sen“, erklär­te Kramp-Kar­ren­bau­er in einer Video­kon­fe­renz mit dem NATO Joint War­fa­re Cent­re im nor­we­gi­schen Sta­van­ger. In der Ein­rich­tung sind laut Anga­ben des Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­ums rund 40 Sol­da­ten der Bun­des­wehr aktiv. Geführt wird sie seit einem guten Jahr von Jan Chris­ti­an Kaack, einem Kon­ter­ad­mi­ral der deut­schen Mari­ne.

Manöver mit der Bundeswehr

Auch die Bun­des­wehr berei­tet sich schon längst auf poten­zi­el­le Ope­ra­tio­nen in der Ark­tis vor. Seit Jah­ren neh­men deut­sche Sol­da­ten an Kriegs­übun­gen nörd­lich des Polar­krei­ses teil (ger​man​-for​eign​-poli​cy​.com berich­te­te [11]). Bei der Bun­des­re­gie­rung ist vom „gegen­sei­ti­gen Erfah­rungs­aus­tausch“, von der „Inübung­hal­tung eige­ner Fähig­kei­ten unter beson­de­ren kli­ma­ti­schen und geo­gra­fi­schen Bedin­gun­gen“ die Rede.[12] Die­ses Jahr betei­lig­ten sich deut­sche Mili­tärs zunächst an dem Manö­ver „Cold Respon­se 2020“ im Nor­den Nor­we­gens, das Mit­te März frei­lich wegen der Covid-19-Pan­de­mie abge­bro­chen wer­den muss­te. Im Juli nahm die deut­sche Mari­ne vor der Küs­te Islands an der Kriegs­übung „Dyna­mic Mon­goo­se 2020“ teil, bei der unter ande­rem der „U‑Boot-Krieg hoher Inten­si­tät“ geprobt wur­de; er soll im Kriegs­fall dazu bei­tra­gen, rus­si­sche Kriegs­schif­fe an der Ein­fahrt in den Nord­at­lan­tik zu hin­dern (ger​man​-for​eign​-poli​cy​.com berich­te­te [13]). Damit nimmt die Bun­des­re­pu­blik am Macht­kampf um die Ark­tis auch auf mili­tär­po­li­ti­scher Ebe­ne teil.

[1] Simo­na R. Soare: Arc­tic Stress Test. Gre­at power com­pe­ti­ti­on and Euro-Atlan­tic defence in the High North. EUISS Brief No. 9. 30.04.2020.

[2] Assess­ment of undis­co­ve­r­ed oil and gas in the arc­tic. pubs​.er​.usgs​.gov.

[3] Micha­el Paul: Ark­ti­sche See­we­ge. Zwie­späl­ti­ge Aus­sich­ten im Nord­po­lar­meer. SWP-Stu­die 14. Ber­lin, Juli 2020.

[4] Simo­na R. Soare: Arc­tic Stress Test. Gre­at power com­pe­ti­ti­on and Euro-Atlan­tic defence in the High North. EUISS Brief No. 9. 30.04.2020.

[5] China’s Arc­tic Poli­cy. The Sta­te Coun­cil Infor­ma­ti­on Office of the People’s Repu­blic of Chi­na. Janu­a­ry 2018. eng​lish​.www​.gov​.cn.

[6] S. dazu Die NATO auf U‑Boot-Jagd.

[7] Depart­ment of Defen­se Arc­tic Stra­te­gy. June 2019.

[8] The Depart­ment of the Air For­ce Arc­tic Stra­te­gy. July 2020.

[9] Ger­ard O’D­wy­er: Nor­dic mili­ta­ries rekind­le old alli­an­ces, as Rus­sia warms to the regi­on. defense​n​ews​.com 22.06.2020.

[10] AKK: „Die Kri­se als Chan­ce für Euro­pa begrei­fen“. bmvg​.de 09.07.2020.

[11] S. dazu Eis­kal­te Geo­po­li­tik (I) und Eis­kal­te Geo­po­li­tik (III).

[12] Ant­wort der Bun­des­re­gie­rung auf die Klei­ne Anfra­ge der Abge­ord­ne­ten Andrej Hun­ko, Chris­ti­ne Buch­holz, Hei­ke Hän­sel, wei­te­rer Abge­ord­ne­ter und der Frak­ti­on Die Lin­ke. Deut­scher Bun­des­tag, Druck­sa­che 19/​19973. 15.06.2020.

[13] S. dazu Die NATO auf U‑Boot-Jagd.

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