[KgK:] #Coronarealität: Die prekäre Illusion des Neoliberalismus und die Ohnmacht des Postmodernismus

Bild: „Ber­li­ners on Bicy­cles“ (CC BY 2.0) by Akup­pa

Wir ste­hen mög­li­cher­wei­se am Beginn einer zwei­ten Coro­na­vi­rus-Infek­ti­ons­wel­le. Wenn es läuft wie bis­her, wer­den erneut beson­ders Arbeiter*innen und Jugend­li­che in pre­kä­ren Sek­to­ren, im Kran­ken­haus und in der Lebens­mit­tel­in­dus­trie die Fol­gen zu spü­ren bekom­men, vie­le von ihnen Frau­en und Migrant*innen. Wäh­rend die Regie­rung mit mil­li­ar­den­schwe­ren Ret­tungs­pa­ke­ten die Pro­fi­te der Unter­neh­men stützt, haben schon Hun­dert­tau­sen­de ihre Jobs ver­lo­ren. Wäh­rend­des­sen ist die Wirt­schaft im zwei­ten Quar­tal so stark wie nie seit der Wie­der­ver­ei­ni­gung ein­ge­bro­chen. Wenn auf­grund einer zwei­ten Coro­na-Wel­le ein erneu­ter Lock­down erfolgt, wird der Ein­bruch umso schär­fer sein – und die Fol­gen für Beschäf­tig­te umso här­ter, die mit ihrer Gesund­heit und ihrem Geld­beu­tel die Kri­se auf ihren Schul­tern tra­gen.

Beson­ders ver­hee­rend ist ist die Coro­na-Kri­se für die Jugend: Die Jugend­ar­beit­lo­sig­keit stieg bei­spiels­wei­se in Ber­lin um über 40 Pro­zent, wäh­rend eben­falls fast 40 Pro­zent aller Stu­die­ren­den bun­des­weit in den ers­ten Mona­ten der Pan­de­mie ihre Jobs ver­lo­ren. Es gibt eine völ­li­ge Unklar­heit, ob Stu­di­en­för­de­run­gen wie BAFöG u.ä. anstands­los wei­ter gezahlt wer­den, die vom Bil­dungs­mi­nis­te­ri­um bereit­ge­stell­te Stu­di-Sofort­hil­fe ist sowohl in der Höhe als in Bezug auf die büro­kra­ti­schen Hür­den zur Aus­zah­lung ein schlech­ter Witz. Die Hoff­nung war groß, dass die Unis im Win­ter­se­mes­ter wie­der in den Nor­mal­be­trieb zurück­keh­ren, doch für die aller­meis­ten Stu­dis wird das Win­ter­se­mes­ter ähn­lich aus­se­hen wie das Som­mer­se­mes­ter. Nicht weni­ge über­le­gen vor dem Hin­ter­grund über einen Stu­di­en­ab­bruch, auch wegen der sozia­len und psy­chi­schen Fol­gen der Pan­de­mie, die – so zei­gen Zah­len schon jetzt – Ein­sam­keit und Depres­si­on ver­schär­fen. Eine gan­ze Genera­ti­on wird in der Coro­na-Pan­de­mie ihrer Zukunft beraubt.

Zäsur Coronavirus

Die Coro­na­vi­rus-Pan­de­mie ist eine welt­wei­te Zäsur. Für hun­der­te Mil­lio­nen Men­schen gibt es ein „vor“ und ein „nach“ Coro­na. Dabei ist die­se popu­lä­re Dia­gno­se sowohl zutref­fend als auch irre­füh­rend. Denn der Coro­na­vi­rus ist nichts als ein Kata­ly­sa­tor vor­han­de­ner gesell­schaft­li­cher Wider­sprü­che, die sich öko­no­misch, sozi­al, gesund­heit­lich und geo­po­li­tisch ent­la­den und durch die Pan­de­mie ver­schärft haben. Es ist nicht ein­fach der Virus, son­dern die Ant­wort der kapi­ta­lis­ti­schen Regie­run­gen und Öko­no­mien auf den Virus, die einen ver­hee­ren­den Ein­fluss auf die Arbeits- und Lebens­be­din­gun­gen von Mil­lio­nen von Men­schen hat: Mil­lio­nen von zusätz­li­chen Arbeits­lo­sen welt­weit, ver­schärf­te Pre­ka­ri­sie­rung brei­ter Schich­ten vor allem weib­li­cher, migran­ti­scher und jugend­li­cher Arbeiter*innen, und zugleich die gefähr­li­che Zuspit­zung von Arbeits­be­din­gun­gen in vie­len Bran­chen – sowohl den­je­ni­gen, die für das Funk­tio­nie­ren der Gesell­schaft lebens­not­wen­dig sind, als auch den­je­ni­gen, in denen die Bos­se ihre Pro­fi­te für das Leben von Men­schen ein­ge­tauscht haben, anstatt die Betrie­be vor­über­ge­hend zu schlie­ßen (unter vol­ler Fort­zah­lung der Löh­ne der Arbeiter*innen) oder grund­le­gen­de Hygie­ne- und Schutz­maß­nah­men unter Kon­trol­le der Beschäf­tig­ten ein­zu­füh­ren.

Doch es gibt auch eine ande­re Zäsur: Die Coro­na­vi­rus-Pan­de­mie hat auf­ge­zeigt, dass ohne die Arbeiter*innen „an vor­ders­ter Front“ von Pan­de­mie und Kri­se die Gesell­schaft zum Still­stand kom­men würde;mehr noch beweist sie, dass ihre Arbeits­kraft für den kapi­ta­lis­ti­schen Pro­fit essen­zi­ell ist. Oder anders gesagt: Dass der gesell­schaft­li­che Reich­tum nicht von „flei­ßi­gen Unternehmer*innen“ aus­geht, son­dern von der Arbeits­kraft von Mil­lio­nen von Men­schen, die für die Pro­fi­te eini­ger weni­ger Kapitalist*innen schuf­ten.

Die­se heu­te immer offen­sicht­li­che­re Leh­re war lan­ge Zeit aus dem Bewusst­sein brei­ter Tei­le der Gesell­schaft und auch brei­ter Tei­le der Lin­ken ver­schwun­den. Der welt­wei­te Zusam­men­bruch der sta­li­nis­ti­schen Regime des Ost­blocks und die damit ver­bun­de­ne bür­ger­lich-kapi­ta­lis­ti­sche Restau­ra­ti­on ver­setz­te der Lin­ken, der Arbeiter*innenbewegung und den sozia­len Bewe­gun­gen einen ent­schei­den­den Schlag. Schon zuvor hat­te der Neo­li­be­ra­lis­mus mit sei­ner indi­vi­dua­lis­ti­schen Leis­tungs­ideo­lo­gie einen Sie­ges­zug ange­tre­ten, nach­dem die sozia­len Kämp­fe der 60er und 70er Jah­re in Nie­der­la­gen geen­det waren – vor allem durch die Ver­ant­wor­tung der refor­mis­ti­schen und sta­li­nis­ti­schen Büro­kra­tien –. Mit der bür­ger­li­chen Restau­ra­ti­on setz­te sich die Vor­stel­lung durch, dass der Kapi­ta­lis­mus alter­na­tiv­los sei, dass die Arbeiter*innenklasse zumin­dest als kol­lek­ti­ves Sub­jekt zu exis­tie­ren auf­ge­hört hät­te und dass der gra­du­el­le indi­vi­du­el­le Auf­stieg der längs­te Hori­zont unse­rer Hoff­nun­gen sein kön­ne – zusam­men­ge­fasst in Fran­cis Fuku­ya­mas berühmt gewor­de­nem Dik­tum des „Endes der Geschich­te“.

Auch auf der Lin­ken fand mit dem ideo­lo­gi­schen Sie­ges­zug des Neo­li­be­ra­lis­mus eine Abkehr von der Per­spek­ti­ve der anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Revo­lu­ti­on und ein Auf­stieg indi­vi­dua­lis­ti­scher Per­spek­ti­ven statt: „Post­mo­der­ne“ Ideo­lo­gien ver­kün­de­ten ähn­lich wie Fuku­ya­ma das „Ende der gro­ßen Erzäh­lun­gen“ und damit die Unmög­lich­keit, eine tat­säch­li­che gesell­schaft­li­che Trans­for­ma­ti­on zu errei­chen. Als wei­tes­ter Hori­zont wur­de die „Radi­ka­li­sie­rung der bür­ger­li­chen Demo­kra­tie“ aus­ge­ge­ben, d.h. die wei­test­mög­li­che Aus­wei­tung indi­vi­du­el­ler und demo­kra­ti­scher Frei­hei­ten. Der bri­ti­sche Mar­xist Ter­ry Eagle­ton fass­te die Aus­wir­kun­gen davon 1996 in sei­nem Essay The Illu­si­ons of Post­mo­der­nism (dt. 1997 „Die Illu­sio­nen der Post­mo­der­ne“) wie folgt zusam­men: Die „ein­zi­ge blei­ben­de Errun­gen­schaft [der Post­mo­der­ne] – näm­lich daß mit ihrer Hil­fe Fra­gen der Sexua­li­tät, des Geschlechts oder der Eth­ni­zi­tät so ent­schie­den auf die poli­ti­sche Tages­ord­nung gesetzt wur­den, daß man sich nicht vor­stel­len kann, wie sie ohne einen enor­men Kampf wie­der auf­ge­ge­ben wür­den – […] war ledig­lich ein Ersatz für eher klas­si­sche For­men radi­ka­ler Poli­tik die sich mit Klas­se, Staat, Ideo­lo­gie, Revo­lu­ti­on oder den mate­ri­el­len Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­sen befaß­te.“ Das ermög­lich­te auch, dass sie immer wie­der neu koop­tiert und in den kapi­ta­lis­ti­schen Markt inte­griert wer­den konn­ten, als kom­mo­di­fi­zier­ter „Markt der Iden­ti­tä­ten“, wäh­rend die Per­spek­ti­ve der tat­säch­li­chen Umwäl­zung aller Ver­hält­nis­se von Aus­beu­tung und Unter­drü­ckung ver­lo­ren ging.

Mit der Coro­na­vi­rus-Pan­de­mie, und schon zuvor mit dem Zyklus von Rebel­lio­nen seit 2018/​19 in zahl­rei­chen Län­dern, ist die Fra­ge der Klas­sen­ver­hält­nis­se wie­der stär­ker ins Zen­trum der poli­ti­schen Are­na gerückt – wohl­ge­merkt nicht als Gegen­satz, son­dern als not­wen­di­ges Fun­da­ment des Kamp­fes um demo­kra­ti­sche Rech­te –. Nichts­des­to­trotz haben wir , obwohl heu­te welt­weit klar wird, dass es die Arbeiter*innenklasse ist, die die Gesell­schaft am Lau­fen hält – oder sie im Umkehr­schluss zum Still­stand brin­gen kann –, noch kei­nen ver­all­ge­mei­ner­ten Auf­stieg des Klas­sen­kamp­fes erlebt, der sich der Agen­da des Kapi­tals ent­ge­gen­stellt, dass die Aus­ge­beu­te­ten und Unter­drück­ten die Kri­se bezah­len sol­len, wäh­rend die Kapitalist*innen sich noch an der Kri­se eine gol­de­ne Nase ver­die­nen. Gewiss, es meh­ren sich die Abwehr­kämp­fe – gegen Ent­las­sun­gen und Betriebs­schlie­ßun­gen – und der Black Lives Mat­ter-Auf­stand in den USA ist der Beginn einer tie­fen Wen­de des Klas­sen­kamp­fes im wich­tigs­ten impe­ria­lis­ti­schen Land der Welt mit Aus­wir­kun­gen auf den gesam­ten Glo­bus. Doch auch wenn BLM die Ver­bin­dung zwi­schen Ras­sis­mus, Staats­ge­walt und den Aus­wir­kun­gen der Pan­de­mie auf­zeigt, ist die Arbeiter*innenklasse noch nicht zurück im Zen­trum des poli­ti­schen Gesche­hens.

Prekarisierung, Neoliberalismus und postmoderne Resignation

Die immer grö­ße­re Pre­ka­ri­sie­rung der Jugend, vor der auch höchs­te Bil­dungs­ab­schlüs­se nicht mehr schüt­zen, kor­re­spon­diert in Deutsch­land bis­her noch nicht mit einer gestie­ge­nen Kon­flikt­be­reit­schaft brei­ter jugend­li­cher Schich­ten, auch wenn Aus­brü­che wie in Stutt­gart oder Frank­furt durch­aus Sym­pto­me einer tief schwe­len­den Unzu­frie­den­heit der Jugend sind, wie ein­zel­ne Explo­sio­nen eines im Unter­grund bro­deln­den Mag­ma-Sees. Bewe­gun­gen wie Black Lives Mat­ter oder Fri­days for Future, aber auch die femi­nis­ti­sche Wel­le der letz­ten Jah­re wur­den zu gro­ßen Tei­len von der Jugend getra­gen, die sich die demo­kra­ti­schen Rech­te, die ihr immer wie­der ver­spro­chen wer­den, auch tat­säch­lich holen will. Doch in der Coro­na-Pan­de­mie sind resi­gnier­te Ant­wor­ten häu­fi­ger als offen­si­ve: Wenigs­tens habe man ja noch einen Job, und auch wenn man die Mie­te nicht mehr bezah­len kann, gehe es ande­ren ja noch schlech­ter, und ähn­li­ches.

Es ist wahr­schein­lich die größ­te ideo­lo­gi­sche Leis­tung des Neo­li­be­ra­lis­mus, dass er es geschafft hat, ele­men­ta­re Grund­be­dürf­nis­se wie eine siche­re Woh­nung und einen gesi­cher­ten Lebens­un­ter­halt nicht als grund­le­gen­des Recht, son­dern als Pri­vi­leg dar­zu­stel­len, das man sich durch har­te Arbeit zu ver­die­nen habe. Wodurch im Umkehr­schluss all die­je­ni­gen, die die­ses „Pri­vi­leg“ ver­lie­ren oder gar nicht erst zu ihm auf­stei­gen kön­nen, gewis­ser­ma­ßen „selbst Schuld“ sind.

Die­se Mär des indi­vi­du­el­len Auf­stiegs – oder Abstiegs – hat tie­fe Spu­ren im Bewusst­sein gan­zer Genera­tio­nen hin­ter­las­sen. Es kam gleich­sam die blo­ße Mög­lich­keit der kol­lek­ti­ven Ver­än­de­rung der sozia­len Rea­li­tät abhan­den. Anstatt die Rede der Pri­vi­le­gi­en als das zu ent­lar­ven, was sie wirk­lich ist – näm­lich die indi­vi­dua­lis­ti­sche Umdeu­tung kol­lek­ti­ver sozia­ler Rech­te –, fand sie in post­mo­der­nem Gewand Ein­gang in den com­mon sen­se der Lin­ken.

„Check your pri­vi­le­ges“ als ers­te und wich­tigs­te Auf­ga­be ist selbst bei Black Lives Mat­ter – einer Bewe­gung gegen staat­li­che ras­sis­ti­sche Gewalt – hier­zu­lan­de zu einem zen­tra­len Slo­gan gewor­den. Am dras­tischs­ten drück­te sich das bei BLM-Demons­tra­tio­nen aus, bei denen Organisator*innen die anwe­sen­den wei­ßen Demonstrant*innen dazu auf­for­der­ten, nach Hau­se zu gehen und über ihren Ras­sis­mus zu reflek­tie­ren. Und sicher­lich: Erfah­run­gen von wei­ßen und nicht-wei­ßen Men­schen auf der Stra­ße, in Schu­le und Uni, im Arbeits­all­tag usw. unter­schei­den sich dras­tisch, fast immer sind die Bedin­gun­gen für Wei­ße weni­ger schlimm als für Nicht-Wei­ße. Die Refle­xi­on dar­über ist ein nicht zu unter­schät­zen­der Bestand­teil eman­zi­pa­to­ri­scher Poli­tik. Aber nur wer die Vor­stel­lung auf­ge­ge­ben hat, dass eine ande­re Gesell­schaft erkämpft wer­den kann – dass wir tat­säch­lich sie­gen kön­nen im Kampf gegen Kapi­tal und Staat –, kann auf die Idee kom­men, dass das Nicht-Betrof­fen-Sein von Ras­sis­mus ein Pri­vi­leg sei, und nicht anders­her­um das Betrof­fen-Sein von Ras­sis­mus eine Beschnei­dung fun­da­men­ta­ler Rech­te. Nicht auf der Stra­ße ermor­det zu wer­den, ist kein Pri­vi­leg, son­dern ein mensch­li­ches Grund­be­dürf­nis. Eine siche­re Woh­nung, einen gesi­cher­ten Lebens­un­ter­halt zu haben, eben­falls. Die­je­ni­gen, die tat­säch­lich Pri­vi­le­gi­en besit­zen, sind die Multimilliardär*innen, die mit unse­rer Arbeits­kraft und unse­rem Leben Pro­fi­te machen.

Das Pro­blem liegt nicht dar­in, dass Refle­xi­on über gesell­schaft­li­che Struk­tu­ren und über indi­vi­du­el­le Ver­hal­tens­wei­sen gefor­dert wird. Es liegt dar­in, dass das Pro­gramm des Pri­vi­le­gi­en-Che­ckens fun­da­men­tal indi­vi­dua­lis­tisch und poli­tisch resi­gna­tiv ist: Anstel­le davon, einen gemein­sa­men Kampf gegen die staat­li­chen und kapi­ta­lis­ti­schen Struk­tu­ren zu füh­ren – Wei­ße und Nicht-Wei­ße gemein­sam, Pre­kä­re und weni­ger Pre­kä­re, Fest­an­ge­stell­te und Leiharbeiter*innen, Män­ner, Frau­en und LGBTIQ-Per­so­nen –, reicht der Hori­zont nur so weit, die angeb­li­chen Pri­vi­le­gi­en schließ­lich zu tei­len mit den weni­ger Pri­vi­le­gier­ten. Anders aus­ge­drückt: Die weni­gen Rech­te, die uns noch geblie­ben sind – und die wir nicht geschenkt bekom­men haben, son­dern in der Geschich­te der Arbeiter*innenbewegung und der sozia­len Bewe­gun­gen hart erkämp­fen muss­ten –, sol­len wir unter­ein­an­der tei­len wie übrig geblie­be­ne Brot­kru­men, wäh­rend ein paar weni­ge super­rei­che Kapitalist*innen wei­ter­hin ihre Pro­fi­te schef­feln kön­nen.

Der Klassenkampf kehrt zurück

Wie oben schon erwähnt, ist die Coro­na-Pan­de­mie in einem Punkt weni­ger eine Zäsur, als es auf den ers­ten Blick scheint: Schon seit 2018 erle­ben wir einen Wie­der­auf­stieg des Klas­sen­kamp­fes auf welt­wei­ter Ebe­ne. Die Rebel­lio­nen Ende 2019 in ver­schie­de­nen Län­dern wur­den im Früh­jahr 2020 von der Pan­de­mie aus­ge­bremst, doch die sozio­öko­no­mi­schen Grund­la­gen der Rebel­lio­nen blei­ben wei­ter bestehen.

Wir erle­ben gera­de den Beginn der tiefs­ten Wirt­schafts­kri­se seit den 1930er Jah­ren. Wenn uns die Geschich­te etwas gelehrt hat, dann dass die Zeit der Kri­sen und Krie­ge nicht nur das ist, son­dern auch die Zeit des Klas­sen­kamp­fes und der Revo­lu­tio­nen. Natür­lich nicht als Auto­ma­tis­mus, denn ob die Kri­se zum Auf­stieg des Faschis­mus oder zur sozia­len Revo­lu­ti­on führt, oder ob sie von Sei­ten der Bour­geoi­sie in ande­re Bah­nen gelenkt wird, ent­schei­det sich erst im Zusam­men­stoß der Klas­sen.

Die Abwehr­kämp­fe, die heu­te gegen die Aus­wir­kun­gen der Wirt­schafts­kri­se, gegen Betriebs­schlie­ßun­gen wie bei Voith und bei Kar­stadt, gegen Mas­sen­ent­las­sun­gen, gegen Poli­zei­ge­walt und staat­li­chen Ras­sis­mus begin­nen, kön­nen der Auf­takt zu einer ver­all­ge­mei­ner­ten Bewe­gung gegen die Inter­es­sen von Kapi­tal und Staat sein, die die Kri­se auf unse­re Schul­tern abwäl­zen wol­len.

Vor­aus­set­zung dafür ist, dass wir die Büro­kra­tien der Gewerk­schaf­ten und der refor­mis­ti­schen Par­tei­en kon­fron­tie­ren, die ein ums ande­re Mal mit dem Kapi­tal und der Regie­rung pak­tie­ren, damit unser Pro­test in den unge­fähr­li­chen Fahr­was­sern der Sozi­al­part­ner­schaft und der „natio­na­len Ein­heit“ ver­bleibt.

Wie wir an ande­rer Stel­le schrie­ben: „Der Boden für ein Bünd­nis der Pre­kä­ren und der Industriearbeiter*innen ist vor­han­den. Es braucht einen Bruch mit dem Regime der Klassen-„Partnerschaft“, das die Arbeiter*innen und die Jugend­li­chen fes­selt. Die­ser Bruch beginnt auch mit dem Bruch gegen­über den ras­sis­ti­schen Sicher­heits­ap­pa­ra­ten, die das Regime reprä­sen­tie­ren, der Poli­zei – in der Jugend und in den Gewerk­schaf­ten.“

Um die Büro­kra­tien zu über­win­den, müs­sen wir eine mate­ri­el­le Kraft auf­bau­en, die auf­zeigt, dass nicht nur kämp­fen, son­dern auch gewin­nen mög­lich ist. Eine Kraft, die auf­zeigt, dass der Kapi­ta­lis­mus für uns nichts als Brot­kru­men übrig hat und wir eine voll­stän­dig ande­re Gesell­schaft auf­bau­en müs­sen – eine Gesell­schaft, in der die Pro­duk­ti­on und Repro­duk­ti­on nicht im Pro­fit­in­ter­es­se einer klei­nen Min­der­heit, son­dern anhand der Bedürf­nis­se der gro­ßen Mehr­hei­ten demo­kra­tisch gestal­tet wird; eine Gesell­schaft, in der Aus­beu­tung und Unter­drü­ckung der mate­ri­el­le Boden ent­zo­gen ist und per­spek­ti­visch der Ver­gan­gen­heit ange­hört; den Sozia­lis­mus.

Ent­ge­gen der post­mo­dern-neo­li­be­ra­len Resi­gna­ti­on, die die tat­säch­li­che Über­win­dung des bür­ger­lich-kapi­ta­lis­ti­schen Hori­zonts auf­ge­ge­ben hat, set­zen wir die bewuss­te Orga­ni­sie­rung die­ser mate­ri­el­len Kraft, im Bünd­nis aus der immer pre­kä­re­ren Jugend und der Arbeiter*innenklasse, die allein das stra­te­gi­sche Poten­zi­al des Stur­zes des Kapi­ta­lis­mus hat. Das ist die wich­tigs­te Auf­ga­be von Revolutionär*innen heu­te.

Die Bedin­gun­gen dafür sind vor­han­den: Die Coro­na­vi­rus-Pan­de­mie hat die zen­tra­le Rol­le der Arbeiter*innenklasse in der Auf­recht­erhal­tung des gesam­ten gesell­schaft­li­chen Lebens zur Genü­ge auf­ge­zeigt. Zeit, dass wir auch ihre Macht zurück­er­obern, die kapi­ta­lis­ti­sche Pro­fit­ma­schi­ne lahm­zu­le­gen – und eine sozia­lis­ti­sche Gesell­schaft auf­zu­bau­en.

Klas­se Gegen Klas­se