[labournet:] Von totalen Demonstrationsverboten, Klagen und Widersprüchen in Zeiten des Coronavirus

Dossier

Coronavirus, die Hetze und der Ausnahmezustand: China im Shitstorm“… Wie schon ange­deu­tet unter­schei­den sich die Erlas­se und All­ge­mein­ver­fü­gun­gen von Bun­des­land zu Bun­des­land in vie­len Detail­punk­ten sehr. Bei­spiel Ver­samm­lungs­frei­heit: Ohne einen voll­stän­di­gen Über­blick und Ver­gleich des Fli­cken­tep­pichs aller 16 Erlas­se zie­hen zu kön­nen reicht die Spann­wei­te von libe­ral bis auto­ri­tär. So gibt es in Bre­men bei­spiels­wei­se über­haupt kei­ne pau­scha­le Ein­schrän­kung des Grund­rechts der Ver­samm­lungs­frei­heit nach Arti­kel 8 des Grund­ge­set­zes. Ganz anders in Nie­der­sach­sen. Dort ist jeg­li­che Ver­samm­lung mit mehr als zwei Per­so­nen unab­hän­gig von den Umstän­den und ihrer orga­ni­sa­to­ri­schen Aus­ge­stal­tung pau­schal ver­bo­ten, was fak­tisch nichts ande­res als ein tota­les Demons­tra­ti­ons­ver­bot bedeu­tet. Die nie­der­säch­si­sche All­ge­mein­ver­fü­gung sieht zudem eine Wirk­dau­er von fast vier Wochen vor. Also dop­pelt so viel wie die medi­al meist ver­brei­te­ten zwei Wochen als Emp­feh­lung der Kon­fe­renz vom Sonn­tag. Bezeich­nend ist in die­sem Zusam­men­hang dann auch die Tat­sa­che, dass unse­re Pres­se­an­fra­ge an die nie­der­säch­si­sche Lan­des­re­gie­rung zur tat­säch­li­chen Hand­ha­be von Demons­tra­ti­ons­ver­bo­ten oder ‑beschrän­kun­gen im Zuge der Coro­na-All­ge­mein­ver­fü­gun­gen von vor einer Woche trotz mehr­fa­cher Nach­fra­gen bis­lang unbe­ant­wor­tet geblie­ben ist. Weil das nie­der­säch­si­sche tota­le Coro­na-Ver­samm­lungs­ver­bot ver­fas­sungs­recht­lich nicht halt­bar sein dürf­te wird es mög­li­cher­wei­se min­des­tens eine Kla­ge aus dem Krei­se des frei­heits­foos dage­gen geben…” Hin­wei­se von und bei ‘frei­heits­foo’ vom 25. März 2020 externer Link und dazu:

  • Grund­recht unter Beschuss. Debat­te über Ver­samm­lungs­frei­heit und Umgang mit Groß­de­mons­tra­ti­on gegen Maß­nah­men zur Ein­däm­mung der Pan­de­mie New
    Die Groß­de­mons­tra­ti­on von Geg­nern der Maß­nah­men zur Ein­däm­mung der Coro­na­pan­de­mie am Sonn­abend in Ber­lin hat ein poli­ti­sches Nach­spiel. Debat­tiert wird aller­dings weni­ger über Sinn oder Unsinn von Mas­ken­tra­gen und Abstand­hal­ten, son­dern über die Zahl der Teil­neh­mer sowie die Gren­zen des Grund­rechts auf Ver­samm­lungs­frei­heit…” Arti­kel von Nick Brauns in der jun­gen Welt vom 04.08.2020 externer Link und wei­te­re (ers­te) Bei­trä­ge zur erneu­ten Debat­te:
    • Grund­rech­te gel­ten für alle
      Es gibt nur weni­ge Demons­tra­tio­nen, die mich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren so ange­wi­dert haben wie die Demos von Coro­nal­eug­nern externer Link. Die Mas­se von Hip­pies, Nazis, Ver­schwö­rungs­freaks und Eso­te­ri­kern externer Link, die alle in einer ganz eige­nen Welt leben, kann ziem­lich unfreund­lich wer­den, wenn man ein paar Qua­drat­zen­ti­me­ter Stoff vor Mund und Nase trägt. Sie ris­kie­ren in ihrem Glau­ben und Ego­is­mus die Gesund­heit von vie­len ande­ren Men­schen. Alte, Kran­ke und die­je­ni­gen mit Sor­gen vor einer Erkran­kung sind ihnen völ­lig egal. Des­we­gen kann ich ver­ste­hen, war­um am Wochen­en­de Tau­sen­de in den Sozia­len Medi­en for­der­ten, die Coro­nal­eug­ner soll­ten Was­ser­wer­fer und Knüp­pel der Poli­zei spü­ren und man sol­le sie erfas­sen, damit sie im Fal­le einer Coro­na-Infek­ti­on nicht im Kran­ken­haus behan­delt wer­den. Aber die­se Wün­sche sind eben­so falsch wie die For­de­rung, das Demons­tra­ti­ons­recht zu ver­schär­fen. 20 000 Men­schen, die in Ber­lin ohne Mas­ke und Abstand demons­trie­ren, sind gefähr­lich externer Link. Wahr­schein­lich sogar gefähr­li­cher als alle Stei­ne, die in den ver­gan­ge­nen zehn Jah­ren bei Demons­tra­tio­nen von Auto­no­men geflo­gen sind. Trotz­dem muss der Staat auch hier mit Augen­maß han­deln. Die Poli­zei kann Auf­la­gen erlas­sen und ver­hin­dern, dass sich eine Demons­tra­ti­on wie am Sams­tag auch nur einen Meter bewegt, wenn nicht alle Teil­neh­mer Mas­ken tra­gen. Das wäre ange­mes­sen gewe­sen und hät­te den Men­schen ermög­licht, ihre Mei­nung zu äußern. War­um die Poli­zei das nicht getan hat, ist unver­ständ­lich. Dass sie nicht mit aller Gewalt die Kund­ge­bung been­det hat, ist hin­ge­gen sehr ver­ständ­lich. Es hät­te die Situa­ti­on nur ver­schärft. Es braucht also kei­ne Debat­ten über das Ver­samm­lungs­recht, son­dern nur eine maß­vol­le Poli­zei und ein all­ge­mein­gül­ti­ges Ver­ständ­nis von Grund­rech­ten.” Kom­men­tar von Sebas­ti­an Wei­er­mann vom 03.08.2020 im ND online externer Link
    • Anti-Coro­na-Pro­tes­te lösen Debat­te über Ver­samm­lungs­frei­heit aus
      Über­blicks­ar­ti­kel der LTO-Redak­ti­on vom 03.08.2020 externer Link
  • Coro­na­kri­se: »Mal so eben ein Ver­fas­sungs­recht weg­ge­fegt« 
    Im Inter­view von Mar­kus Bern­hardt mit Gabrie­le Hein­ecke in der jun­gen Welt vom 16. Mai 2020 externer Link berich­tet die Ham­bur­ger Rechts­an­wäl­tin, die meh­re­re Ham­bur­ger Orga­ni­sa­tio­nen und Bünd­nis­se, zuletzt auch am 1. Mai, bera­ten und vor Gerich­ten ver­tre­ten hat um das Ver­samm­lungs­recht durch­zu­set­zen: “… Seit Mitte/​Ende März geht das so: Jemand mel­det eine Ver­samm­lung an, und die Poli­zei erklärt, sie wer­te das als Antrag auf Aus­nah­me­ge­neh­mi­gung nach der Ver­ord­nung. (…) Es ist kom­plett para­dox. Sowohl die Behör­den als auch die Gerich­te stel­len die Ver­samm­lungs­frei­heit auf den Kopf und fin­den das rich­tig und gut. Nicht das Grund­recht, son­dern eine Ver­ord­nung – die steht im Rang noch unter einem Gesetz – soll die Ver­samm­lungs­frei­heit mit einem gene­rel­len Ver­bot bele­gen, von dem eine Aus­nah­me erbe­ten wer­den muss. (…) Die Situa­ti­on mit der Pan­de­mie muss ernst genom­men wer­den, und sie ist in recht­li­cher Hin­sicht neu. Das darf jedoch nicht bedeu­ten, dass Grund­rech­te unter dem Ein­druck der Seu­che ihre Bedeu­tung ver­lie­ren. Ihr Gebrauchs­wert beweist sich, wenn es schwie­rig wird. Das Grund­ge­setz ist kei­ne Schön­wet­ter­ver­fas­sung, die man bei rup­pi­gem Wet­ter auf­wei­chen darf. Das Grund­recht muss effek­tiv und taug­lich sein, Abwehr und Schutz gegen unver­hält­nis­mä­ßi­ge Ein­grif­fe des Staa­tes zu orga­ni­sie­ren, wenn der ver­sucht, über Rech­te der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger nach Belie­ben zu ver­fü­gen und sie für die Öffent­lich­keit unsicht­bar und unhör­bar zu machen. Der Kampf um Mei­nun­gen, um sozia­le und poli­ti­sche Rech­te fin­det nach wie vor im Betrieb und auf der Stra­ße statt. (…) Das Virus ist da, man kann es nicht weg­de­fi­nie­ren, wie es Ver­schwö­rungs­er­fin­der der­zeit eini­ger­ma­ßen ver­ant­wor­tungs­los tun. Das Virus ist hoch­an­ste­ckend, und es ist gefähr­lich. Ich bin dafür, es gut und nach­hal­tig zu bekämp­fen, aber ich bin dage­gen, das mit der Ver­nich­tung von Grund­rech­ten zu tun. (…) Es wur­de vom süd­in­di­schen Uni­ons­staat Kera­la berich­tet, der seit 60 Jah­ren lin­ke Regie­run­gen hat und wo von Anbe­ginn der Pan­de­mie dank umfang­rei­cher Tests, der Früher­mitt­lung von Infek­ti­ons­ket­ten, einer effek­ti­ven Qua­ran­tä­ne und eines soli­den Gesund­heits­sys­tems für alle signi­fi­kant nied­ri­ge­re Infek­ti­ons­zah­len als im übri­gen Land erreicht wor­den sein sol­len, ohne dass Men­schen­rech­te in Fra­ge gestellt wer­den muss­ten. Wenn das so ist, ist es sehr inter­es­sant. Der Bericht hat mir klar­ge­macht, dass die Dis­kus­si­on bei uns viel zu ein­di­men­sio­nal ver­läuft, dass wir uns das Geze­ter über aus­blei­ben­des »Wirt­schafts­wachs­tum« anhö­ren, statt kon­kret zu benen­nen, welch grund­le­gend zer­stö­re­ri­sche Wir­kung das kapi­ta­lis­ti­sche Sys­tem »Pro­fit« nicht nur auf das weit­ge­hend pri­va­ti­sier­te Gesund­heits­sys­tem, son­dern auch auf die ande­ren Berei­che des gesell­schaft­li­chen Zusam­men­le­bens hat. Die Debat­te dar­um hat bis­her ein wenig von einem Phan­tom, und es wäre ein gutes Signal gewe­sen, wenn der 1. Mai in die­sem Jahr nicht auf dem Sofa, son­dern auf der Stra­ße statt­ge­fun­den hät­te. (…) Neben der Soli­da­ri­tät mit den rund 500 Strei­ken­den bei Voith Tur­bo in Sont­ho­fen liegt mir dar­an, die Plät­ze und Stra­ßen nicht einem rech­ten Mob zu über­las­sen, der unter dem Deck­man­tel eines angeb­li­chen Wider­stands gegen Grund­rechts­ver­let­zun­gen rech­tes Gedan­ken­gut ver­brei­tet und damit bei nicht weni­gen die Sehn­sucht nach einem deutsch-völ­ki­schen Gemein­schafts­er­leb­nis befrie­digt. (…) Man kann sich die­sen bräun­li­chen Ansamm­lun­gen ent­ge­gen­stel­len und gleich­wohl – oder gera­de – für die Ver­samm­lungs­frei­heit und demo­kra­ti­sche Rech­te strei­ten…”
  • NRW: Shop­pen erlaubt – demons­trie­ren ver­bo­ten – Gericht: RWE setzt sein Zer­stö­rungs­werk ohne­hin noch län­ger fort, daher ist Demons­tra­ti­ons­recht nicht so wich­tig
    “In Nord­rhein-West­fa­len sind zwar die Shop­ping Malls schon seit län­ge­rem wie­der offen und CDU-Minis­ter­prä­si­dent Armin Laschet gibt sich – wenig fach­kun­dig – als Vor­rei­ter im Kampf gegen die Coro­na-Beschrän­kun­gen, aber natür­lich nur im Inter­es­se der Wirt­schaft. Bür­ger­rech­te sind hin­ge­gen nicht so wich­tig. Ent­spre­chend gab es ein Njet für eine klei­ne Men­schen­ket­te mit 50 Leu­ten und gebüh­ren­dem Abstand. Erst hat­te die zustän­di­ge Ver­wal­tung den Tage­bau-Anwoh­nern west­lich von Köln ver­bo­ten zu demons­trie­ren, und nun hat auch ein Gericht befun­den, dass Demons­trie­ren nicht so wich­tig sei. Schließ­lich, so das Gericht nach Dar­stel­lung der Demo­an­mel­der, sei kei­ne Eile für den Pro­test gebo­ten, da RWE auch in Zukunft wei­ter bag­gern wür­de. Doch genau dar­um geht es. Das Anwoh­ner­bünd­nis “Alle Dör­fer blei­ben” berich­tet, dass sich die Bag­ger bedroh­lich auf eini­ge der Dör­fer zu beweg­ten und RWE unver­dros­sen wei­ter Abriss­ar­bei­ten vor­neh­me. (…) Mit der Braun­koh­le ist es bei Lich­te bese­hen aber nicht mehr beson­ders weit her. In die­sem Jahr hat­te die Erzeu­gung der erneu­er­ba­ren Ener­gie­trä­ger Wind, Son­ne, Bio­mas­se und Was­ser­kraft bis­her einen Anteil 55,9 von Pro­zent an der deut­schen Net­to­strom­pro­duk­ti­on. Auf die Braun­koh­le ent­fiel hin­ge­gen nur ein Anteil von 13,7 Pro­zent, wie die Daten des Fraun­ho­fer Insti­tuts für Sola­re Ener­gie­sys­te­me zei­gen. Der hät­te leicht auch von den noch immer chro­nisch unter­for­der­ten Gas­kraft­wer­ken über­nom­men wer­den kön­nen.” Bei­trag von Wolf­gang Pom­rehn vom 30. April 2020 bei Tele­po­lis externer Link
  • Zwei Schrit­te vor, einer zurück – Der lan­ge Weg zur Ver­samm­lungs­frei­heit in Coro­na-Zei­ten 
    “Am 16. April um 18 Uhr soll­te in Ham­burg eine Ver­samm­lung unter dem Titel „Abstand statt Not­stand – Verwaltungsrechtler*innen gegen eine fak­ti­sche Aus­set­zung der Ver­samm­lungs­frei­heit“ statt­fin­den. Zu ihrer Zuläs­sig­keit erlie­ßen Ver­wal­tungs­ge­richt (VG) und Ober­ver­wal­tungs­ge­richt (OVG) jeweils Beschlüs­se im einst­wei­li­gen Rechts­schutz. Unter­schied­li­cher hät­ten sie nicht aus­fal­len kön­nen, bei­de aber sind (auf ihre Art) bemer­kens­wert. (…) In Ham­burg gilt nach § 2 I HmbSARS-CoV-2-Ein­däm­mungs­VO (unver­än­dert geblie­ben durch Ände­rung zum 20. April; im Fol­gen­den VO) ein gene­rel­les Ver­samm­lungs­ver­bot. Für Ver­samm­lun­gen unter frei­em Him­mel kann die Ver­samm­lungs­be­hör­de in beson­ders gela­ger­ten Ein­zel­fäl­len auf Antrag Aus­nah­men zu die­sem Ver­bot zulas­sen, sofern dies im Ein­zel­fall aus infek­ti­ons­schutz­recht­li­cher Sicht ver­tret­bar ist (§ 3 II VO). An die­ser Ent­schei­dung ist die Behör­de für Gesund­heit und Ver­brau­cher­schutz fach­lich zu betei­li­gen. Die Ver­an­stal­ter baten am 7. April bei der Ver­samm­lungs­be­hör­de um nähe­re Infor­ma­ti­on zu den kon­kre­ten Vor­aus­set­zun­gen für eine Aus­nah­me. In ihrer Ant­wort erklär­te die Ver­samm­lungs­be­hör­de, sie wäre nicht ver­pflich­tet, über die Bedin­gun­gen einer aus­nahms­wei­sen Geneh­mi­gung Aus­kunft zu geben; ein „Koope­ra­ti­ons­ge­bot wie im Ver­samm­lungs­recht“ gebe es in die­ser Kon­stel­la­ti­on nicht. Das ver­samm­lungs­recht­li­che Koope­ra­ti­ons­ge­bot folgt unmit­tel­bar aus Art. 8 GG und ver­pflich­tet die Behör­den, im Rah­men einer grund­rechts­freund­li­chen Ver­fah­rens­ge­stal­tung nach ein­ver­nehm­li­chen Lösun­gen zu suchen. Dies gilt ins­be­son­de­re auch in der Vor­be­rei­tungs­pha­se. Und das Koope­ra­ti­ons­ge­bot gilt umso stär­ker in Kon­stel­la­tio­nen, in denen die Ver­an­stal­ter nicht ledig­lich ihre Ver­samm­lung anmel­den müs­sen und die Behör­de deren Zuläs­sig­keit in Fra­ge stel­len kann, son­dern es umge­kehrt von vorn­her­ein einer posi­ti­ven Behör­den­ent­schei­dung bedarf, die von unkla­ren Vor­aus­set­zun­gen abhängt. Wenn dabei neben der Ver­samm­lungs­be­hör­de wei­te­re Behör­den in das Ver­fah­ren ein­ge­bun­den sind, gilt das Koope­ra­ti­ons­ge­bot auch für die­se. Eine Ver­wei­ge­rung zur Koope­ra­ti­on wird der Bedeu­tung und Trag­wei­te der Ver­samm­lungs­frei­heit nicht gerecht. (…) Mit Beschluss vom Mit­tag des 16. April ver­pflich­te­te das VG die Stadt Ham­burg dazu, den Antrag­stel­lern die geplan­te Ver­samm­lung zu ermög­li­chen. (…) Die Ver­samm­lung wur­de trotz­dem vom OVG noch gestoppt. Kurz vor dem Ver­samm­lungs­be­ginn erhob die Stadt Beschwer­de. (…) Die kon­kre­te Ver­samm­lung ver­hin­der­te das OVG zwar, aber unge­ach­tet des­sen scheint sich das Momen­tum in die­sen Tagen mehr und mehr auf die Sei­te der Ver­samm­lungs­frei­heit zu schla­gen. Dem Beschluss des VG ist zu wün­schen, dass er in die­sem Pro­zess wei­te Ver­brei­tung erfährt und zu neu­en Dis­kus­sio­nen und Über­le­gun­gen führt.” Bei­trag von Chris­ti­an Ernst vom 21. April 2020 beim Ver­fas­sungs­blog externer Link (der Autor hat die Ver­an­stal­ter zu ein­zel­nen Fra­gen recht­lich bera­ten)
  • Geht doch! End­lich mehr Rechts­ga­ran­tien für Ver­samm­lun­gen – trotz Coro­na 
    Am 17. April urteilt über­ra­schend nun auch die 1. Kam­mer des Ers­ten Senats des BVerfG end­lich so, wie man sich das bereits zuvor gewünscht hät­te. Statt Ableh­nung aus for­ma­len Grün­den oder Abwä­gun­gen auf Basis pau­scha­ler Wer­tun­gen von den “Gefah­ren für Leib und Leben”, die schwe­rer wie­gen sol­len “als die Ein­schrän­kun­gen der per­sön­li­chen Frei­heit” (wie es z.B. noch am 8. April im Ableh­nungs­be­schluss 1 BvR 755/​20 hieß), wen­det sich die 1. Kam­mer nun ent­schie­den mit ihrem Beschluss 1 BvQ 37/​20 vom 17. April 2020 bezüg­lich einer, von einer Rechts­an­walts­kanz­lei ver­tre­te­nen Beschwer­de (…) Damit folgt dem frü­he­ren Abschie­ben nun sogar ein unmit­tel­ba­rer Ein­griff in die Instan­zen­ent­schei­dun­gen zuguns­ten von Art. 8 GG. War­um das nun end­lich geschah? Dar­über lässt sich nur spe­ku­lie­ren. Fest steht jedoch, dass der bis-heri­ge Kam­mer-Umgang nicht ver­fas­sungs­ge­mäß und somit auf Dau­er auch nicht ver­tret­bar war. (…) Mit die­ser Ent­schei­dung der 1. Kam­mer lässt sich nun end­lich auch gegen ande­re Ver­samm­lungs­ver­bo­te argu­men­tie­ren. Wich­tig ist für künf­ti­ge Ver­samm­lun­gen auch, dass zwar nach wie vor die pan-demie­be­ding­ten Abstands- und Schutz­maß­nah­men ein­ge­hal­ten wer­den müs­sen, aber der nöti­ge Schutz obliegt nicht mehr nur den Ver­samm­lungs­ver­ant­wort­li­chen (auch hier hat die Kam­mer ihr Her­an­ge­hen geän­dert). (…) Ob das reicht, muss natür­lich die wei­te­re Ent­wick­lung zei­gen. Immer­hin scheint nun die Pha­se des Abwar­tens vor­bei zu sein. Ver­fas­sungs­recht­lich war dies sowie so von Anfang an sehr umstrit­ten. Unge­klärt bleibt jedoch das Pro­blem von – eben auch außer­par­la­men­ta­ri­scher – Oppo­si­ti­on gegen­über einem sich als “Not­stands­re­gime” ver­ste­hen­den Gesetz- und Ver­ord­nungs­ge­ber. Wird der Pan­de­mie­schutz aus­ge­nutzt für nicht unbe­dingt pade­mie­be­ding­te gesetz­ge­be­ri­sche Ein­grif­fe, kann es auch auf die Stär­ke des Pro­tes­tes ankom­men, um sich genau dage­gen zu weh­ren. Nicht zuletzt sind auch die Gewerk­schaf­ten hier gefor­dert. Wenn es sein muss, kann z.B. auch ein (poli­ti­scher) Streik – trotz Pan­de­mie – ver­fas­sungs­ge­mäß sein.” Kom­men­tar von Armin Kamm­rad am 19. April 2020 (als Nach­trag Nr. 2) – wir dan­ken! Sie­he zum Hin­ter­grund die vor­he­ri­gen Bei­trä­ge von Armin Kamm­rad dazu:
  • Ver­samm­lungs­frei­heit in der Kri­se – Die gericht­li­che Ver­hand­lung der Ver­samm­lungs­frei­heit in Zei­ten des Coro­na­vi­rus
    “Im aktu­el­len Edi­to­ri­al ver­tei­digt Maxi­mi­li­an Stein­beis die der­zei­ti­gen Grund­rechts­ein­schrän­kun­gen zur Pan­de­mie-Bekämp­fung und kommt zu der Ein­schät­zung, dass der Rechts­staat zwar in der Kri­se ste­cke, es aber noch kei­nen Grund gäbe, “dar­an zu zwei­feln, dass gege­be­nen­falls die Ver­wal­tungs­ge­rich­te gebüh­ren­den Schutz gewäh­ren wer­den.” Hier­an darf jedoch gezwei­felt wer­den. Von weni­gen begrü­ßens­wer­ten Aus­nah­men abge­se­hen, steht fest: Nicht ein­mal kleins­te Ver­samm­lun­gen kön­nen statt­fin­den, auch nicht bei Ein­hal­tung weit­rei­chen­der Infek­ti­ons­schutz­maß­nah­men. So hielt das Ver­wal­tungs­ge­richt Neu­stadt an der Wein­stra­ße sogar das Ver­bot einer ange­kün­dig­ten Ver­samm­lung von zwei Per­so­nen für recht­mä­ßig . Auch die bun­des­wei­ten Abstands-Ver­samm­lun­gen der See­brü­cken-Bewe­gung wur­den von Behör­den und Gerich­ten nicht tole­riert. Der Repu­bli­ka­ni­sche Anwäl­tin­nen- und Anwäl­te­ver­ein (RAV) kommt vor die­sem Hin­ter­grund zu dem Schluss: Das “Ver­samm­lungs­recht ist der­zeit völ­lig auf­ge­ho­ben.” Die fun­da­men­ta­le Bedeu­tung der Ver­samm­lungs­frei­heit für den demo­kra­ti­schen Rechts­staat, auch unter den Bedin­gun­gen der Coro­na-Pan­de­mie, wird von den Ver­wal­tungs­ge­rich­ten bis­her nicht ver­tei­digt, wie die Beschlüs­se aus Dres­den (30.3.2020 – 6 L 212/​20), Han­no­ver (27.3.2020 – 15 B 1968/​20) und Ham­burg (2.4.2020 – 2 E 1550/​20) zei­gen. (…) Wegen des übli­cher­wei­se gro­ßen Zeit­drucks, ergeht die gericht­li­che Ent­schei­dung über ein Ver­samm­lungs­ver­bots regel­mä­ßig im einst­wei­li­gen Rechts­schutz. Damit wird die Haupt­sa­che vor­weg­ge­nom­men: bei Ver­weh­rung des Eil­rechts­schut­zes wird die Ver­samm­lung irrever­si­bel ver­hin­dert. Zugleich führt der grö­ße­re Ein­schät­zungs­spiel­raum zu dem beson­de­ren Risi­ko, dass weni­ger recht­li­che Grün­de, als viel­mehr all­tags­theo­re­ti­sche Ein­schät­zun­gen und poli­ti­sche Wünsch­bar­kei­ten ein erheb­li­ches Ent­schei­dungs­ge­wicht erhal­ten (…) Die der­zei­ti­ge Lage der Ver­samm­lungs­frei­heit berührt die Fra­ge, wie viel „Aus­nah­me­den­ken” in einem demo­kra­ti­schen Rechts­staat hin­nehm­bar ist und inwie­weit in die­ser Lage von sei­nen Garan­tien abge­wi­chen wer­den darf. Jeden­falls ist eine scho­nen­de Abwä­gung zwi­schen den Grund­rech­ten und eine erhöh­te Sen­si­bi­li­tät für schlei­chen­de Grund­rechts­ero­si­on not­wen­dig. Die hier bespro­che­nen Beschlüs­se las­sen vom Grund­satz prak­ti­scher Kon­kor­danz nicht viel übrig. Anstatt auch der Ver­samm­lungs­frei­heit zu ihrer Ent­fal­tung zu ver­hel­fen, wird die Bedro­hung des Lebens von Gerich­ten als so über­ra­gend gewer­tet, dass für Ver­samm­lun­gen aktu­ell kein ver­wal­tungs­ge­richt­li­cher Schutz zu errei­chen ist. Dies ist fatal, denn die Ver­samm­lungs­frei­heit ist kein Schön­wet­ter-Grund­recht, nicht etwas, das „nice to have“ ist, son­dern sie ist gera­de bei weit­rei­chen­den Ent­schei­dun­gen in Kri­sen­zei­ten für die Demo­kra­tie unent­behr­lich.” Bei­trag von Aidan Har­ker, Jonas Dey­da, Katha­ri­na Söker und Lau­rens Brandt vom 15. April 2020 beim Ver­fas­sungs­blog externer Link – inter­es­sant auch im Hin­blick dar­auf, dass selbst unter Juris­ten die Sache strit­tig ist
  • Trick­rei­che Anwei­sun­gen des nord­rhein-west­fä­li­schen Innen­mi­nis­te­ri­ums an die Lan­des­po­li­zei zur mög­lichst voll­stän­di­gen Ver­hin­de­rung von Demons­tra­tio­nen
    “Dass die der­zei­ti­ge Pra­xis der Mehr­heit von Gerich­ten und der fast aus­schließ­li­chen Gesamt­heit der Bun­des­län­der-Coro­na-Ver­ord­nun­gen, Demons­tra­tio­nen so gut wie voll­stän­dig zu ver­hin­dern, ja sogar unter Stra­fe zu stel­len absurd, zumin­dest aber ver­fas­sungs­recht­lich in diesme Aus­maß unhalt­bar sein wird, das setzt sich als Erkennt­nis lang­sam durch. Einen wei­te­ren nega­ti­ven Höhe­punkt die­ses Trends stellt der am 9.4.2020 mit dem Titel „Ein­satz­maß­nah­men der Poli­zei aus Anlass von Ver­samm­lun­gen“ beti­tel­te Eiler­lass des nord­rhein-west­fä­li­schen Innen­mi­nis­te­ri­ums dar, den wir hier­mit ver­öf­fent­li­chen. (…) Der Erlass die­ser „Ein­satz­maß­nah­men“ ist im Zusam­men­hang mit den vom NRW-Innen­mi­nis­te­ri­um nicht gern gese­he­nen Demons­tra­tio­nen gegen die Uran­an­rei­chungs­an­la­ge in Gro­nau unter dem Mot­to „Uran­an­rei­che­rung been­den – Atom­waf­fen äch­ten“ zu sehen. Alles in allem kann man kon­sta­tie­ren, dass die­ser vom NRW-Innen­mi­nis­ter Reul zu ver­ant­wor­ten­de Erlass ein wei­te­res Bei­spiel dafür ist, wel­che Miss­ach­tung das für eine Demo­kra­tie maß­geb­li­che Ver­samm­lungs­grund­recht der­zeit erfährt. Man könn­te auch sagen: Mit den Füßen getre­ten wird.” Publi­ziert und kom­men­tiert von frei­heits­foo am 15. April 2020 externer Link
  • Ver­samm­lungs­frei­heit in der Kri­se /​Brav und ver­bo­ten: In der Coro­na­kri­se ver­än­dern sich auch Pro­test­for­men 
    • Ver­samm­lungs­frei­heit in der Kri­se. Die gericht­li­che Ver­hand­lung der Ver­samm­lungs­frei­heit in Zei­ten des Coro­na­vi­rus
      Im aktu­el­len Edi­to­ri­al ver­tei­digt Maxi­mi­li­an Stein­beis die der­zei­ti­gen Grund­rechts­ein­schrän­kun­gen zur Pan­de­mie-Bekämp­fung und kommt zu der Ein­schät­zung, dass der Rechts­staat zwar in der Kri­se ste­cke, es aber noch kei­nen Grund gäbe, “dar­an zu zwei­feln, dass gege­be­nen­falls die Ver­wal­tungs­ge­rich­te gebüh­ren­den Schutz gewäh­ren wer­den.” Hier­an darf jedoch gezwei­felt wer­den. Von weni­gen begrü­ßens­wer­ten Aus­nah­men abge­se­hen, steht fest: Nicht ein­mal kleins­te Ver­samm­lun­gen kön­nen statt­fin­den, auch nicht bei Ein­hal­tung weit­rei­chen­der Infek­ti­ons­schutz­maß­nah­men. So hielt das Ver­wal­tungs­ge­richt Neu­stadt an der Wein­stra­ße sogar das Ver­bot einer ange­kün­dig­ten Ver­samm­lung von zwei Per­so­nen für recht­mä­ßig . Auch die bun­des­wei­ten Abstands-Ver­samm­lun­gen der See­brü­cken-Bewe­gung wur­den von Behör­den und Gerich­ten nicht tole­riert. Der Repu­bli­ka­ni­sche Anwäl­tin­nen- und Anwäl­te­ver­ein (RAV) kommt vor die­sem Hin­ter­grund zu dem Schluss: Das “Ver­samm­lungs­recht ist der­zeit völ­lig auf­ge­ho­ben.” Die fun­da­men­ta­le Bedeu­tung der Ver­samm­lungs­frei­heit für den demo­kra­ti­schen Rechts­staat, auch unter den Bedin­gun­gen der Coro­na-Pan­de­mie, wird von den Ver­wal­tungs­ge­rich­ten bis­her nicht ver­tei­digt, wie die Beschlüs­se aus Dres­den (30.3.2020 – 6 L 212/​20), Han­no­ver (27.3.2020 – 15 B 1968/​20) und Ham­burg (2.4.2020 – 2 E 1550/​20) zei­gen. In den drei Ver­fah­ren wand­ten sich Antragsteller:innen im Wege des einst­wei­li­gen Rechts­schut­zes an die Ver­wal­tungs­ge­rich­te, um die Ver­bo­te ihrer Ver­samm­lun­gen nach Coro­na-All­ge­mein­ver­fü­gun­gen anzu­grei­fen. (…) Es lässt sich nicht leug­nen, dass es Unter­schie­de zwi­schen der abs­trak­ten Infek­ti­ons­ge­fahr einer Mas­sen­de­mons­tra­ti­on, einer Abstands­de­mons­tra­ti­on oder eines Fahr­rad- oder Auto­kor­sos gibt. Auch kann das Anste­ckungs­ri­si­ko durch eine Mas­ken­pflicht, die Orts­wahl oder eine Beschrän­kung der Teilnehmer:innenzahl ver­rin­gert wer­den. Die Beach­tung genau die­ser Unter­schie­de ist ein Gebot der Gefah­ren­pro­gno­se, sowie die Vor­aus­set­zung der Wah­rung des Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­grund­sat­zes. Um eine voll­stän­di­ge Aus­höh­lung des Art. 8 Abs. 1 GG zu ver­mei­den, muss des­halb die Fra­ge lau­ten: Unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen kön­nen Ver­samm­lun­gen ermög­licht wer­den? Die Auf­ga­be der Ver­wal­tungs­ge­rich­te muss sein, den kon­kre­ten Ein­zel­fall zu betrach­ten. Statt mit all­ge­mei­nen Erwä­gun­gen, soll­te sich kon­kret mit der Mög­lich­keit, Auf­la­gen zu ertei­len beschäf­tigt wer­den und geprüft wer­den, wel­ches kal­ku­lier­te Rest­ri­si­ko als ange­mes­sen ange­se­hen wer­den muss. Unter­bleibt die­se Dis­kus­si­on durch die Gerich­te, wird eine wesent­li­che Grund­la­ge des demo­kra­ti­schen Zusam­men­le­bens, näm­lich die Mög­lich­keit an demo­kra­ti­scher Mei­nungs­bil­dung in Form von Ver­samm­lun­gen zu par­ti­zi­pie­ren, auf län­ge­re Sicht weg­bre­chen. Groß­raum­bü­ro, ja – Ver­samm­lung, nein? Offen­sicht­lich wird ein Rest­ri­si­ko in ande­ren Lebens­be­rei­chen von Ver­ord­nungs­ge­bern wie Gerich­ten als ver­tret­bar ange­se­hen. Die Ent­schei­dun­gen sind damit auch vor dem Hin­ter­grund des Gleich­heits­ge­bots des Art. 3 Abs. 1 GG pro­ble­ma­tisch, weil mit einem ähn­li­chen Infek­ti­ons­ri­si­ko behaf­te­te und jeweils grund­recht­lich geschütz­te Sach­ver­hal­te ohne recht­fer­ti­gen­den Grund unter­schied­lich behan­delt wer­den. (…) Gänz­lich ver­fehlt ist schließ­lich das Argu­ment des VG Dres­den, dass die Ver­samm­lung auf­grund der weni­gen Teil­neh­mer und des Ver­zichts auf Flug­blät­ter ohne­hin nur gerin­ge Außen­wir­kung ent­fal­tet hät­te (S. 12). Eine sol­che Beur­tei­lung der Wirk­kraft und Sinn­haf­tig­keit steht dem Staat nicht zu...” Arti­kel von Aidan Har­ker, Jonas Dey­da, Katha­ri­na Söker, Lau­rens Brandt vom 14. April 2020 beim Ver­fas­sungs­blog externer Link
    • Brav und ver­bo­ten: In der Coro­na­kri­se ver­än­dern sich auch Pro­test­for­men
      “Wäh­rend sich die EU wei­ter­hin gegen Geflüch­te­te abschot­tet, scheint die Krea­ti­vi­tät von Aktivist*innen kei­ne Gren­zen zu ken­nen: Unter dem Mot­to »Lea­ve no one behind« (Lasst nie­man­den zurück) ver­an­stal­ten Lin­ke, die sonst lie­ber Fahr­rad fah­ren, Auto­kor­sos, um die Eva­ku­ie­rung der Bewoh­ner aus grie­chi­schen Flücht­lings­la­gern zu for­dern. Die­se Bot­schaft brül­len Anti­fa-Ker­le nicht nur durchs Mega­fon, son­dern malen sie auch lie­be­voll mit Krei­de auf den Asphalt. Zu Haus­be­set­zun­gen wie in Ber­lin, mit denen man sich Schutz­räu­me für Obdach­lo­se aneig­nen will, kom­men nicht so vie­le Men­schen wie mög­lich, son­dern nur noch zwei, die das Gan­ze live ins Netz über­tra­gen. Und Aktivist*innen, die eigent­lich Wert dar­auf legen, dass nie­mand ihre Adres­se erfährt, kri­ti­sie­ren den Mie­ten­wahn­sinn per Ban­ner von ihren eige­nen Bal­ko­nen. Lin­ke quer durchs Land wir­ken der­zeit außer­ge­wöhn­lich fle­xi­bel und bereit, gewohn­te Hand­lungs­mus­ter gegen neue ein­zu­tau­schen. Als Grund für die­se Dyna­mik sieht Pro­test­for­sche­rin Maria del Car­men May­er von der Uni­ver­si­tät Bie­le­feld nicht allein die staat­li­chen Ver­ord­nun­gen, die die Ver­samm­lungs­frei­heit und ande­re Grund­rech­te ein­schrän­ken. »Es gibt ein­fach eine rea­le Bedro­hung durch die Pan­de­mie. Die lässt sich nicht weg­dis­ku­tie­ren, und dafür soll­ten gera­de pro­gres­si­ve sozia­le Bewe­gun­gen ein aus­ge­präg­tes Bewusst­sein haben«, betont sie. Die For­sche­rin unter­schei­det aktu­ell zwei Grup­pen von Pro­tes­ten: jene, die wegen der Coro­na­kri­se statt­fin­den, und sol­che, die trotz der Kri­se statt­fin­den. (…) Doch unab­hän­gig davon, wer wel­che Form wählt: Pro­test ist appel­la­tiv, er rich­tet sich oft mit Bit­ten an die Regie­rung. Die kata­stro­pha­le Situa­ti­on von Geflüch­te­ten in Moria hat sich trotz der nicht abrei­ßen­den und krea­ti­ven Pro­tes­te bis­lang nicht ver­bes­sert. Und weil der Staat in der Coro­na­kri­se vie­ler­orts ver­sagt, wäh­len Men­schen ver­mehrt Mit­tel, die über Pro­test hin­aus­ge­hen: In Ita­li­en und Spa­ni­en sind das Arbeits­nie­der­le­gun­gen, in Mai­land bei­spiels­wei­se direk­te Aktio­nen wie Soli­da­ri­täts­bri­ga­den, und in den USA wer­den Miet­streiks orga­ni­siert. Ob sol­che Akti­ons­for­men sich irgend­wann auch in Deutsch­land aus­brei­ten, bleibt abzu­war­ten. Die aktu­el­le Repres­si­on der Poli­zei, selbst gegen­über bra­ven For­men des Pro­tests, könn­te durch­aus dazu füh­ren.” Bei­trag von Lot­te Laloire bei neu­es Deutsch­land vom 11. April 2020 externer Link
  • Poli­ti­sche Bewe­gun­gen in Coro­na-Zei­ten: Stirbt auch der Pro­test? 
    Wegen der Coro­na­pan­de­mie sind auch Demos ver­bo­ten. Auto­no­me wol­len sich dem nicht beu­gen – und machen für den 1. Mai mobil. (…) Es ist ein Spa­gat, der der­zeit vie­ler­orts aus­ge­tra­gen wird: Wie viel Pro­test ist in Coro­na-Zei­ten noch mög­lich? Bun­des­weit unter­sa­gen Infek­ti­ons­schutz­ver­ord­nun­gen der­zeit Ver­samm­lun­gen. Die Fra­ge ist: Wo hören die­se Schutz­maß­nah­men auf – und wo beginnt die Ver­samm­lungs­frei­heit? Bis­her wur­de sich vie­ler­orts gefügt. So sind die tra­di­tio­nel­len Oster­mär­sche am kom­men­den Wochen­en­de, die die­ses Jahr zum 60. Mal statt­ge­fun­den hät­ten, bereits abge­sagt. Statt auf der Stra­ße soll der Frie­dens­pro­test nun vir­tu­ell statt­fin­den. Die Teil­neh­men­den sol­len zu Hau­se Frie­dens­fah­nen aus den Fens­tern hän­gen, Pro­test­lie­der auf dem Bal­kon sin­gen und Fotos und Vide­os davon im Inter­net pos­ten. Auch der Pro­test von Fri­days for Future liegt der­zeit lahm. Ledig­lich Webi­na­re hält die Bewe­gung momen­tan ab, Exper­ten­ge­sprä­che per Video­kon­fe­renz. Am 24. April will Fri­days for Future indes einen gro­ßen „Netz­streik fürs Kli­ma“ abhal­ten. Auch hier sol­len Demo-Schil­der an Fens­tern oder auf Stra­ßen plat­ziert und Bil­der davon im Inter­net ver­öf­fent­licht wer­den. „Wir wer­den nicht lei­ser“, lau­tet die Durch­hal­te­pa­ro­le der Akti­vis­tIn­nen. Doch der Frust in der Bewe­gungs­sze­ne wächst – vor allem dar­über, wie strikt die Poli­zei­en die Coro­na-Ver­ord­nun­gen in Bezug auf Ver­samm­lun­gen aus­le­gen. (…) Nun aber gehen Auto­no­me für den 1. Mai auf Kon­tra. Am Wochen­en­de ließ in Ber­lin ein Bünd­nis aus meh­re­ren Grup­pen ver­laut­ba­ren: „Wir rufen hier­mit zum Revo­lu­tio­nä­ren 1. Mai 2020 in Ber­lin auf.“ Auch und gera­de in den Coro­na-Zei­ten gebe es „mehr als genug Grün­de, um auf die Stra­ße zu gehen“. Nur das Wie sei noch zu klä­ren: „Demos, Dezen­tra­les, Aktio­nen und Bal­ko­ni­en“ – es sei vie­les „vor­stell­bar“. Klar jeden­falls sei: „Wir las­sen uns die Erfor­der­nis­se für den dies­jäh­ri­gen 1. Mai weder per auto­ri­tä­rer Ver­ord­nung vom Staat dik­tie­ren, noch wer­den wir sämt­li­che Schutz­maß­nah­men fal­len las­sen.“ Tat­säch­lich könn­te der 1. Mai in die­sem Jahr eine his­to­ri­sche Zäsur wer­den. Seit Jahr­zehn­ten demons­trie­ren Gewerk­schaf­te­rIn­nen an die­sem Tag. Seit den acht­zi­ger Jah­ren tun dies auch Auto­no­me in Ber­lin, Ham­burg und ande­ren Städ­ten, hier tra­di­tio­nell mit grö­ße­ren oder klei­ne­ren Kra­wal­len. Nun aber könn­te die Coro­na­pan­de­mie dies erst­mals ver­hin­dern. Stand jetzt sind in Ber­lin bis zum 19. April Ver­samm­lun­gen wegen des Virus ver­bo­ten, in Ham­burg bis Ende April. Und: Ver­län­ge­run­gen der Ver­ord­nun­gen sind kei­nes­wegs aus­ge­schlos­sen. Der DGB sag­te bereits vor zwei Wochen bun­des­weit sei­ne Kund­ge­bun­gen am 1. Mai ab. (…) Die auto­no­me Sze­ne indes reagiert unschlüs­sig. Nun erfolgt der Auf­ruf, sich am 1. Mai trotz Pan­de­mie zu ver­sam­meln – irgend­wie. Man neh­me das Risi­ko einer Anste­ckungs­ge­fahr und die Schutz­maß­nah­men „sehr ernst“, ver­kün­det das Ber­li­ner Bünd­nis. (…) Die Ber­li­ner Poli­zei kün­digt bereits an, strikt vor­zu­ge­hen. Soll­te das Ver­samm­lungs­ver­bot wegen des Coro­na-Virus fort­be­stehen, wer­de man bei Ansamm­lun­gen am 1. Mai „Maß­nah­men gegen Ver­samm­lungs­teil­neh­men­de tref­fen“, sag­te eine Poli­zei­spre­che­rin der taz. Der­zeit sind laut Poli­zei auch noch ein links­ra­di­ka­ler Auf­zug mit 3.000 Teil­neh­mern im vor­neh­me­ren Stadt­teil Gru­ne­wald ange­mel­det und ein gro­ßes Bür­ger­fest der AfD. Schon zuletzt hat­te die Ber­li­ner Poli­zei meh­re­re Pro­test­ver­su­che in der Stadt mit Ver­weis auf das Infek­ti­ons­schutz­ge­setz auf­ge­löst. Wider­ständ­le­rIn­nen erhiel­ten Straf- oder Ord­nungs­wid­rig­kei­ten­an­zei­gen. Auch in Ham­burg wol­len Auto­no­me am 1. Mai auf die Stra­ße gehen. „Kapi­ta­lis­mus ist die Krank­heit“, lau­tet das vor­ge­se­he­ne Demo-Mot­to. „Wir wol­len auf jeden Fall demons­trie­ren“, erklärt Halil Sim­sek vom Roten Auf­bau. „Nur wie, ist noch nicht ganz klar.“ Mög­lich sei eine grö­ße­re Akti­on am Abend – kol­lek­tiv mit Schutz­mas­ken. Wei­ter auf­ge­ru­fen wird auch noch zu Gegen­pro­tes­ten zu einem geplan­ten Neo­na­zi-Auf­marsch in Ham­burg, den die Split­ter­par­tei „Die Rech­te“ um den Sze­ne­ka­der Chris­ti­an Worch mit etwa 400 Teil­neh­men­den ver­an­stal­ten will. Die Neo­na­zis wol­len dar­an fest­hal­ten…” Arti­kel von Kon­rad Litsch­ko und Katha­ri­na Schip­kow­ski vom 6.4.2020 in der taz online externer Link
  • Poli­ti­sche „Bewe­gung an der fri­schen Luft“; Ver­samm­lungs­er­mög­li­chung im gesperr­ten öffent­li­chen Raum 
    • Poli­ti­sche „Bewe­gung an der fri­schen Luft“ – Teil I: Ver­samm­lungs­er­mög­li­chung im gesperr­ten öffent­li­chen Raum
      Wenn die Demo­kra­tie von Kom­pro­mis­sen leben soll, muss zuvor um poli­ti­sche Alter­na­ti­ven gestrit­ten wer­den. Da in der Kri­sen­be­wäl­ti­gung vie­les zur Ein­heit strebt, ist beson­ders die Zivil­ge­sell­schaft in all ihrer Viel­fäl­tig­keit gefor­dert, sich auch mit kri­ti­schen Posi­tio­nen Gehör zu ver­schaf­fen. Die jüngs­ten Anti-Coro­na-Rege­lun­gen der Bun­des­län­der dro­hen aber, ein wich­ti­ges Ven­til poli­ti­scher Mei­nungs­kund­ga­be, die Ver­samm­lung unter frei­em Him­mel (Art. 8 Abs. 2 GG), zu ver­schlie­ßen. Sie sind mit dem Grund­ge­setz teil­wei­se nicht ver­ein­bar oder bedür­fen jeden­falls in ihrer Anwen­dung einer ver­fas­sungs­kon­for­men Aus­le­gung. Die Behör­den soll­ten beim Umgang mit Ver­samm­lun­gen ihr Ermes­sen prag­ma­tisch und ver­samm­lungs­er­mög­li­chend aus­üben. Demo­kra­ti­scher Mei­nungs­kampf muss auch wei­ter­hin auf die Stra­ße getra­gen (s. Fra­port-Urteil des BVerfG) wer­den kön­nen. In die­sem ers­ten Teil wid­men wir uns dem Stel­len­wert und den Gewähr­leis­tungs­be­din­gun­gen der Ver­samm­lungs­frei­heit und bewer­ten die ver­samm­lungs­be­zo­ge­nen Coro­na-Rege­lun­gen der Bun­des­län­der. Der zwei­te Teil ist pra­xis­ori­en­tier­ter und ver­sucht auf­zu­zei­gen, wie Ver­samm­lun­gen prag­ma­tisch ermög­licht wer­den kön­nen. (…) Allen Total­vor­be­hal­ten ist gemein­sam, dass sie für eine gewis­se Dau­er Demons­tra­tio­nen gänz­lich ver­hin­dern. Dies kann zu einer Zeit, in der – unter Ein­hal­tung von Abstand – Mobi­li­tät und auch Pres­se­ar­beit (s. § 4 Nds.VO) im öffent­li­chen Raum funk­tio­nie­ren, nicht ver­fas­sungs­ge­mäß sein und tas­tet womög­lich gar den Wesens­ge­halt der Ver­samm­lungs­frei­heit an. Denn ein Aus­wei­chen auf ande­re Kund­ga­ben des Pro­tests (z.B. im Netz oder vom Bal­kon) wird der Per­for­ma­ti­vi­tät der Ver­samm­lungs­frei­heit nicht gerecht. Neue­re Pro­test­for­men kom­bi­nie­ren bei­des. (…) Alle Bun­des­län­der geben – bis auf Bre­men – die unmiss­ver­ständ­li­che Direk­ti­ve vor: Im Zwei­fel kei­ne Ver­samm­lun­gen. Dies spie­gelt sich auch in der bis­he­ri­gen, sehr jun­gen Pra­xis wider (vgl. VG Han­no­ver, Beschluss vom 27. März 2020; VG Dres­den, Beschluss vom 30. März 2020, 6 L 212/​20). Art. 8 GG ver­langt jedoch von staat­li­chen Stel­len (Art. 1 Abs. 3 GG), bei der Beur­tei­lung des Ein­zel­falls, den phy­sisch-prä­sen­ten Aus­druck poli­ti­scher Mei­nun­gen wei­test­ge­hend zu ermög­li­chen, soweit dies für die hier kon­kur­rie­ren­den Belan­ge des Gesund­heits­schut­zes ver­tret­bar erscheint – was im Übri­gen für das Leit­bild prä­sum­ti­ver Erlaub­nis spricht.” Bei­trag Teil I von Ste­fan Mar­ti­ni und Micha­el Plö­se vom 31. März 2020 bei Jun­ge Wis­sen­schaft online externer Link
    • Poli­ti­sche „Bewe­gung an der fri­schen Luft“ – Teil II
      “Indi­vi­du­el­le Bewe­gung an der fri­schen Luft senkt das Infek­ti­ons­ri­si­ko. Das gilt als Schul­mei­nung seit Rudolf Virchows Stu­di­en zur Fleck­ty­phus-Epi­de­mie in Ober­schle­si­en von 1848. Kol­lek­ti­ve Bewe­gung im poli­ti­schen Raum „wirkt nicht nur dem Bewußt­sein poli­ti­scher Ohn­macht und gefähr­li­chen Ten­den­zen zur Staats­ver­dros­sen­heit ent­ge­gen“, es „liegt letzt­lich auch des­halb im wohl­ver­stan­de­nen Gemein­wohl­in­ter­es­se, weil sich im Kräf­te­par­al­le­lo­gramm der poli­ti­schen Wil­lens­bil­dung im all­ge­mei­nen erst dann eine rela­tiv rich­ti­ge Resul­tan­te her­aus­bil­den kann, wenn alle Vek­to­ren eini­ger­ma­ßen kräf­tig ent­wi­ckelt sind.“ Das gilt für die Ver­samm­lungs­frei­heit wie für die frei­heit­lich-demo­kra­ti­sche Grund­ord­nung seit dem Brok­dorf-Beschluss des BVerfG von 1985. (…) Ohne Zwei­fel die­nen Maß­nah­men zur Ver­hin­de­rung von Infek­tio­nen dem Schutz des Lebens und der Gesund­heit nicht nur der Teil­neh­men­den und Polizeibeamt*innen, son­dern – nach allem, was wir wis­sen – auch der Funk­ti­ons­fä­hig­keit des Gesund­heits­sys­tems und damit einem der Ver­samm­lungs­frei­heit gegen­über gleich oder sogar höher zu gewich­ten­dem Rechts­gut. Nichts­des­to­trotz müs­sen Behör­den nach dem Grund­satz der prak­ti­schen Kon­kor­danz ein aus­ge­wo­ge­nes Maß zwi­schen den kon­f­li­gie­ren­den Inter­es­sen fin­den. Hier­für ste­hen ihnen Auf­la­gen und Beschrän­kun­gen bis hin zu Ver­bo­ten im Ein­zel­fall zur Ver­fü­gung, wenn die­se geeig­net, erfor­der­lich und ange­mes­sen sind, eine unmit­tel­ba­re Gefahr für Leib und Leben Ein­zel­ner oder dem Über­le­ben einer Viel­zahl von Men­schen abzu­weh­ren. Dabei dürf­te zu berück­sich­ti­gen sein, dass bereits die Geeig­net­heit eines abso­lu­ten Ver­samm­lungs­ver­bo­tes frag­lich erscheint, jeden­falls aber durch Auf­la­gen mil­de­re Mit­tel zur Ver­mei­dung von Kon­tak­ten zur Ver­fü­gung ste­hen und Ver­bo­te dann nicht erfor­der­lich sind. Bei der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit wiegt schließ­lich gera­de die Radi­ka­li­tät der exe­ku­ti­ven und legis­la­ti­ven Maß­nah­men so enorm, dass eine kri­ti­sche und sicht­ba­re Aus­ein­an­der­set­zung umso wich­ti­ger erscheint, um bei einem „Auf-Sicht-Fah­ren“ der Regie­rung Maß und Kurs zu hal­ten. (…) Bei alle­dem – den neu­en, hek­tisch for­mu­lier­ten Rege­lun­gen und der impro­vi­sier­ten Pra­xis – stört vor allem das gene­rel­le Miss­trau­en in die von Art. 8 Abs. 1 GG geschütz­te staats­fer­ne Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on der Ver­samm­lung. War­um trau­en Behör­den den Men­schen nicht zu, (zunächst) selbst auf ihren Schutz zu ach­ten?” Bei­trag Teil II von Ste­fan Mar­ti­ni und Micha­el Plö­se vom 31. März 2020 bei Jun­ge Wis­sen­schaft online externer Link
  • Sie­he grund­sätz­lich unser Dos­sier: Die Gesund­heits­dik­ta­tur. Not­stand wegen dem Coro­na-Virus ver­langt nach Wach­sam­keit gegen­über dem Staat

Der Bei­trag Von tota­len Demons­tra­ti­ons­ver­bo­ten, Kla­gen und Wider­sprü­chen in Zei­ten des Coro­na­vi­rus erschien zuerst auf Labour­Net Ger­ma­ny.

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